Der ganz normale Wahnsinn
„Guten Morgen.", sagte die hübsche Frau an der Spüle, als Tonks die Küche betrat.
Bill, der soeben noch mit übereinander geschlagenen Füßen auf dem Sofa gelegen hatte, richtete sich auf und streckte genüsslich die Glieder.
„Na, auch mal zurück! Schon wieder Nachtschicht? Was hat denn so lange gedauert?" Er wirkte nicht direkt verärgert, dass Tonks sich verspätet hatte und somit zu einem unerwarteten Zeitpunkt in der Küche erschienen war. Doch sie kannte ihn gut genug, um zu erkennen, dass die Situation ihm unangenehmer war, als es den Anschein hatte.
„Morgen.", erwiderte Tonks kurz angebunden.
Sie hatte sich noch eine halbe Stunde mit der neuen Personalaufsicht, einer kleinen dicken Hexe im rosa Kostüm, die extrem stark nach Parfüm roch, herum gestritten und war deshalb zu spät zu einem Treffen mit Kingsley gekommen. Ihr ganzer Terminplan hatte sich so bestimmt um eine Stunde verlängert.
Entsprechend müde und nervlich am Ende, hatte sie nun keine Lust, höflichen Smalltalk mit Bills neuer Flamme zu führen.
Diese schien von dem Gedanken, Bills Mitbewohnerin kennenzulernen, ebenso wenig angetan, streckte aber trotzdem tapfer die Hand aus und begrüßte Tonks mit glockenheller, angenehmer Stimme: „'Allo, mein Name ist Fleur. Fleur Delacour."
Tonks nickte nur – sollte ihr der Name etwas sagen? - und schüttelte Fleurs schmale Hand. Ihr Händedruck war überraschend kräftig und Tonks konnte die Aura der charismatischen, zweifellos magisch sehr begabten, Hexe spüren. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, welche Wirkung diese veelaähnliche Erscheinung auf Männer haben mochte.
Bill sprang eilfertig herbei und legte einen Arm um Fleurs Taille. „Schatz, das ist Tonks. Meine Mitbewohnerin und beste Freundin. Ich hab dir ja schon von ihr erzählt." Nun zog es Fleur vor, kühl zu nicken. Sie musterte Tonks von Kopf bis Fuß, wobei ihr Blick lange an dem zerwühlten bonbonfarbenen Haarschopf und der eigenwilligen Kleiderkombination aus Bluse, Minirock und Turnschuhen verweilte.
Tonks rümpfte trotzig die Nase und heftete ihren Blick ebenfalls auf Fleurs gertenschlanke, wohlproportionierte Gestalt. Ihr strahlend schönes Gesicht wurde von wogendem silberblondem Haar eingerahmt, das ihr bis auf den Rücken fiel. Tonks mochte ein Metamorphmagus sein, doch ihre Fähigkeiten reichten nicht aus, um solch makellose Perfektion nachzuahmen.
So begnügte sie sich damit, Fleur Delacour mit einem kurzen Aufleuchten ihrer pinken Haare zum Staunen zu bringen und zog sich dann in ihr Schlafzimmer zurück.
Als Tonks gegen Mittag wieder aufstand und schlaftrunken in die Küche taumelte, war Bill auch dort. Allein diesmal.
„Gut geschlafen?", fragte er, offenbar bester Laune, und schenkte Tonks einen Becher Kaffee ein, den sie dankbar annahm.
„Na, deine Nacht war ja offenbar glänzend.", neckte sie ihren Freund, der es vorzog, nichts dazu zu sagen.
Tonks schwang träge ihren Zauberstab, worauf ein Leib Brot aus dem Schrank fuhr und anfing, sich in der Luft selber zu schneiden. Krümel überall.
„Lass doch, Tonks. Setz' dich, ich mach das schon!", kommandierte Bill. „Toast? Vielleicht etwas Rührei?"
Tonks gab auf und ließ sich auf die sonnenbeschienene Eckbank fallen. In Haushaltszaubern war sie einfach eine Niete. Sie beobachtete Bill beim Arbeiten und dachte dabei über seine bisherigen Freundinnen nach.
Bill war schon auf Hogwarts ein Weiberheld gewesen, was sich seither nicht geändert hatte. Seine Freundinnen waren ihm stets ähnlich gewesen: hübsch, gelassen, humorvoll und rettungslos verknallt. Tonks hatte sie alle nicht sonderlich gemocht, meist aus dem Grund, dass sie ihr viel von ihrem besten Freund wegnahmen. Allerdings hatte sie nie einen Kommentar zu ihnen abgegeben, hauptsächlich deshalb, weil auch Bill sich jede Bemerkung über Tonks' bisherigen Freunde, die – wie sie rückblickend feststellen musste – teilweise auch ziemlich seltsam gewesen waren, verkniff.
Doch das hier war offenbar etwas anderes, als eine schnell vorüberziehende Romanze. Diese Fleur wirkte anders. Erwachsener, ernster und zweifellos schöner als alle ihre Vorgängerinnen. Tonks konnte sich an keine von Bills Freundinnen erinnern, die so viel Klasse gehabt hätte. War das etwa ein Zeichen, dass Bill langsam an Reife gewann? Jedenfalls hatte noch keine seiner bisherigen Liebschaften seine Augen so zum Leuchten gebracht.
Blieb noch die Frage, was die schöne Blondine in ihm sah. Den Mann ihrer Träume? Wohl kaum. Bill sah zwar gut aus, außergewöhnlich gut sogar, mit seinen kupferfarbenen Haaren, den stets flirtenden dunklen Augen und dem charakteristischen Drachenzahn im Ohr. Doch standen Püppchen wie sie auf diese Art von Männern? Oder war sie nur auf Geld aus? Bill verdiente nicht schlecht mit seinem Job bei Gringotts. Aber so gut dann auch wieder nicht …
Genug! Tonks spürte, wie ihr altbekanntes 'Bill-Beschützer-Syndrom' zum Leben erwachte. Wann immer eine neue Frau sich in sein Herz einnistete, befürchtete Tonks gleich das Schlimmste. Und verhielt sich dann auch dementsprechend feindselig.
Doch diese Beziehung würde sie Bill nicht durch schwarzmalerische Vorhersagen vermiesen, wo es doch hier um eine Frau ging, um die er tatsächlich mal ein wenig zu kämpfen hatte. Er sollte ruhig einmal versuchen, eine Frau aktiv zu beeindrucken.
Tonks trank einen Schluck Kaffee und fragte, um sich abzulenken: „Wie spät ist es, wieso bist du noch da?"
Bill sah sie belustigt an. „Es ist Sonntag. Ihr Auroren kennt aber auch keinen Urlaub, oder? Dass die dich sogar an Feiertagen auf Aufträge schicken, finde ich schon ungeheuerlich."
Geschickt schlug er zwei Eier in eine Pfanne und begann diese, mit kreisenden Bewegungen seines Zauberstabs, zu verrühren.
Tonks hatte wirklich vergessen, welcher Tag war, so sehr hatten sie ihre Grübeleien über den Orden des Phönix, Sirius' Schicksal und ihre Arbeit im Ministerium in Anspruch genommen.
„Ja, ich sollte mir wirklich mal frei nehmen ...", sagte sie unbestimmt. „Aber in nächster Zeit geht das nicht, da ist diese neue Personalaufseherin aus der Zaubereiministeriumsabteilung. Sie arbeitet eng mit Fudge zusammen und kontrolliert ganz genau unsere Abwesenheitslisten … Die hat spitz gekriegt, dass ich während meiner Praktikumszeit ein paar Mal unentschuldigt gefehlt habe und macht jetzt deshalb einen Riesenstress, die alte Sabberhexe ..."
„Weißt du, sie ist wirklich eine tolle Frau.", fiel Bill Tonks ins Wort, der ihr gar nicht zugehört zu haben schien. Versonnen blickte er auf die, sich golden verfärbenden, Rühreier, ohne zu bemerken, dass die Spitze seines Zauberstabs darin versunken war.
Tonks runzelte skeptisch die Stirn. „Ja, ganz bestimmt ... aber ich wusste nicht, dass du so nah mit dem Zaubereiminister und seinen Assistenzkräften in Verbindung stehst ..."
Bill sah auf, merkte bestürzt, dass sein Zauberstab dampfte und wischte ihn schnell an einem Geschirrtuch sauber, das durch den entstehenden Funkenflug sofort Feuer fing. Hastig sprang Tonks auf und rannte zur Spüle, während Bill „Aguamenti!" rief. Eine Fontäne eiskalten Wassers ergoss sich über das Tuch und auch Tonks, die gerade das Spülwasser dazu gebracht hatte, sich magisch zu erheben und auf Bill zuzufliegen.
Schwer atmend und triefend vor Nässe, standen sie sich schließlich gegenüber. Das durchweichte Geschirrtuch, das nun definitiv gelöscht war, lag zwischen den beiden am Boden.
Bill und Tonks hoben gleichzeitig langsam den Blick und brachen dann in schallendes Gelächter aus. Tränen liefen über Tonks' Wangen und Bill hielt sich verzweifelt den Bauch. „Bei Merlin, an unserer Koordination müssen wir noch arbeiten." keuchte Bill, während er, immer noch lachend, mit warmer Luft aus seinem Zauberstab die Küche trocknete.
Tonks schüttelte ihr nasses Haar, sodass sie überall Wassertropfen verspritzte. „Ja, ich glaub' auch. Aber du wolltest was sagen, bevor du – taktisch klug – die Küche in Brand gesteckt hast."
Bill warf das Tuch ins, nun leere, Spülbecken, nahm die Pfanne vom Herd und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte. Er hatte aufgehört zu lachen, aber das Lächeln auf seinem Gesicht blieb.
„Tonks, ich … ich glaub ich hab mich verliebt.", gestand er ihr und seine Ohren verfärbten sich sofort scharlachrot.
Tonks hatte es befürchtet. „Okay … und was heißt das jetzt ganz konkret … für mich?", fragte sie vorsichtig.
Doch Bill hörte ihr schon wieder nicht zu. Er grinste nur übers ganze Gesicht und begann Tonks wild gestikulierend von Fleur Delacours zahlreichen Vorzügen zu berichten.
„Sie ist so klug und so mutig! Sie ist unheimlich begabt und so herzlich … jedenfalls, wenn man sie besser kennt." Er hielt inne und betrachtete grüblerisch einen Topf voll blühender Margeriten, den Tonks ganz gewiss nicht auf die Fensterbank gestellt hatte. Ein Geschenk Fleurs, um die Wohnung 'gemütlicher' zu machen? „Sie ist so zart wie eine Blume, wie ihr Name! Und gleichzeitig so stark, ja fast sturköpfig. Und ich liebe ihren Akzent und ihre kleine Nase und ihre Haut und … eigentlich alles an ihr."
Mit einem seltsamen Ausdruck der Verzweiflung schaute er Tonks in die Augen. „Ich liebe sie."
Tonks nickte steif. „Na, wunderbar!", sagte sie mit gespieltem Enthusiasmus. Überschwängliche Gefühlsausbrüche war sie nicht gewöhnt. Schon gar nicht von Bill, der sich eigentlich immer extrem cool und gelassen gab. Diese Frau musste wirklich etwas in ihm berührt haben.
Jetzt musste Tonks doch grinsen. Wie schlecht konnte eine Person schon sein, die ihren besten Freund auf diese Weise zum Lächeln brachte?
Sie knuffte Bill neckisch in die Seite, setzte sich dann an den bereits gedeckten Tisch und klopfte aufmunternd auf den leeren Stuhl neben ihr. „Na dann, erzähl mal! Wie habt ihr euch kennengelernt? Ich will die schmutzigen Details!"
Der folgende Montag versprach großartig zu werden. Das sonst so verregnete England schien sich von seiner besten Seite zeigen zu wollen. Es war fast schon zu heiß, um arbeiten zu gehen. Tonks hätte den Tag lieber mit Bill am Meer verbracht – sie beide liebten die See -, auch wenn das bedeutet hätte, sich die ganze Zeit mit Fleur zu unterhalten, die den Ausflug vorgeschlagen hatte.
Neidisch beobachtete Tonks die Reisevorbereitungen der beiden: Bill hatte sich extra frei genommen und probierte nun eifrig etliche Sonnenschutztauber für seine empfindliche Haut aus. Fleur hatte einen gigantischen Picknickkorb gepackt und sah mit ihrem himmelblauen Strandkleid, das gut mit ihrer Augenfarbe harmonierte, und den locker hochgesteckten Haaren einfach hinreißend aus.
„Komm doch einfach mit. Tonks, es kann doch nicht so schlimm sein, wenn du mal einen Tag fehlst ...", versuchte Bill sie zu ermutigen. Er meinte es ernst und das rührte Tonks, weil sie sich vorstellen konnte, wie sehr er sich auf einen ganzen Tag allein mit seiner Angebeteten freuen musste. Doch sie schüttelte den Kopf.
„Das ist kein Büro, Bill. Da kann notfalls nicht irgendein anderer meine Arbeit erledigen. Und außerdem -", Tonks brach abrupt ab. Fast hätte sie, gedankenlos wie sie war, ihr und Alastors Treffen bei Sirius heute Abend erwähnt. „Äh, und außerdem ... macht mir diese Sabberhexe aus der Zaubereiministeriumsabteilung die Hölle heiß!", schloss sie wenig überzeugend.
Bill zog eine Augenbraue hoch, so als wollte er fragen 'Was ist hier wirklich los?' Tonks setzte nur ihre Unschuldsmiene auf und seufzte innerlich. Sie konnte gar nicht sagen, wie sehr sie sich wünschte, Bill in alles einweihen zu können!
Fleur unterbrach den Augenkontakt der Freunde mit gespielter Betroffenheit. „Es tut mir Leid, Tonks, dass du nischt mitkommen kannst. Vielleischt ein anderes Mal." Und sie lächelte beinahe freundlich.
Tonks erwiderte ihre Worte mit einem dankbaren Kopfnicken und sah zu, wie das Pärchen disapparierte.
Doch sie hatte keine Zeit zum Schmollen! Eilig zog Tonks sich ihre Jeansjacke über und schlüpfte in die neuen Ledersandalen. Kingsley würde sie bereits erwarten. Sie trank noch ihren letzten Schluck Kaffee – es würde wohl wieder eine lange Nacht werden – und griff nach ihrer alten Umhängetasche, die heute bis an den Rand mit Einkäufen für Sirius und seinen seltsamen Freund gefüllt war. Ganz unten lag noch – gut verborgen - eine Karte Englands, auf der Tonks alles, was sie von Sirius' Akte in Kingsleys Schreibtisch noch wusste, eingetragen hatte.
Mit einem prüfenden Blick auf die Küche, um sich zu vergewissern, dass sie nichts vergessen hatte, drehte Tonks sich auf der Stelle und disapparierte ebenfalls.
