Keine Angst vor Werwölfen
Mit einem dumpfen Knall legte Kingsley einen riesigen Aktenstapel vor Tonks ab. Sie sah traurig zu ihm auf. „Muss ich die alle lesen?", fragte sie im Jammerton.
Kingsley lachte. „Ich fürchte, da Figgins es Ihnen wohl kaum abnehmen wird, müssen Sie das, Tonks. Der Aurorenberuf besteht, wie Sie wissen, nicht nur aus magischen Duellen und Verfolgungsjagden, sondern nun mal auch aus Nachforschungen und Recherchen. Ich habe mir erlaubt, Ihnen die wichtigsten Dokumente zu der Werwolfsgemeinschaft, die Sie in Bälde besuchen werden, zusammenzustellen. Sie brauchen sie nur noch zu lesen."
Auffordernd sah er Tonks an. Die errötete und sagte unsicher: „Das wäre doch nicht nötig gewesen … danke?"
Kingsley grinste und schlenderte zu seinem Büro zurück, wo er sich vermutlich erst mal ein erfrischendes Glas Whiskey genehmigen würde. Vernünftig, bei der Hitze.
Im stickigen Archiv, in dem Tonks sich eine kleine Niesche freigeräumt und zu ihrem Arbeitsplatz erkoren hatte, war es bestimmt noch ein paar Grad wärmer als im Rest des Gebäudes. Staubkörner tanzten im Licht der einfallenden Sonnenstrahlen und erinnerten Tonks an langsam herumtrudelnde Schnatze. Was hätte sie dafür gegeben, jetzt hoch oben in der Luft, auf ihrem Besen zu sitzen und die Nase in den Gegenwind zu strecken …
Nach einer Weile fiel Tonks auf, dass mehrere der Werwolfsakten unvollständig waren. Geringfügige Details, wie alljährliche Registrierungen beim St. Mungo oder aktuelle Zauberstabdaten, fehlten. Wo konnten die abgeblieben sein?
Tonks hatte nur wenig Lust, das vollgestopfte Archiv danach zu durchsuchen, aber sie brauchte die Aufzeichnungen dennoch, um sich ein Bild von der sozialen Situation und den magischen Fähigkeiten der Werwölfe zu machen. So beschloss sie, sich die Beine zu vertreten und einen Abstecher in die Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe im vierten Stock zu machen, wo man ihr Kopien der betreffenden Dokumente anfertigen sollte.
Sie stand auf, klopfte sich den Staub von der Jacke und verließ das Archiv, wobei sie an Figgins vorbei kam, der schlaff in einer Ecke lag und sich mit einem Aktendeckel Luft zu fächelte.
Im vierten Stock angelangt, öffneten sich die vergoldeten Türen des Fahrstuhls. Tonks steuerte auf die Zauberwesenbehörde zu. In dieser Abteilung herrschte ein genauso buntes Treiben, wie in der Aurorenzentrale.
Überall saßen, standen, flatterten und schlürften alle möglichen – oder unmöglichen – Kreaturen und magischen Geschöpfe herum, von denen man einigen nur selten in der Öffentlichkeit begegnete: Misstrauisch blickende Kobolde, durchscheinende Geister, eilfertige Hauselfen, ein griesgrämig wirkender Vampir und sogar eine kleine Schar schnatternder Feen, die wild den Kopf des Ministeriumsbeamten am Empfangstresen umkreisten.
Tonks zwängte sich durch die Menge, um sich an dem Schalter anzustellen, wobei sie, dank ihres exzentrischen Aussehens, in der bunten Ansammlung magischer Wesen kaum auffiel.
Als sie endlich an der Reihe war - eine Gruppe Zwerge hatte eine Ewigkeit gebraucht, um einen Antrag auf Unterstützung ihrer Metallverarbeitungsgewerkschaft zu stellen – wurde Tonks, kaum dass sie ihre Bitte formuliert hatte, an das Werwolf-Unterstützungsamt verwiesen. Schulterzuckend folgte sie einem Hinweisschild und fand sich in einem tristen Wartezimmer mit schäbiger Wandvertäfelung und abgewetztem Mobiliar wieder.
An der Stirnseite des Raumes befand sich ein einzelner Schalter, hinter dem eine kleine dicke Ministeriumsbeamtin saß und gelangweilt den Worten ihres Gegenübers lauschte, einem großen Zauberer mit arg abgetragenem Umhang, der mit dem Rücken zu Tonks stand.
In der Mitte der Behörde war demonstrativ ein Schild aufgestellt worden, auf dem es in großen schwarzen Lettern hieß 'Diskretion!'.
Etwas eingeschüchtert von der düsteren Atmosphäre des Amts ließ Tonks sich unsicher auf einer Bank nieder, an deren anderem Ende bereits ein übelriechender Zauberer mit verfilzten Haaren und schmutzigen Fingernägeln kauerte, der Tonks fortan lüsterne Blicke zuwarf. Sie wollte eigentlich all die zwielichtigen Gestalten um sie her ignorieren, doch die erregte Stimme des Zauberers am Schalter, ließ sich nur schwer ausblenden.
„Ich verstehe nicht, warum es hier nicht möglich ist, mehrere Bezugsscheine für den Wolfsbann zu erhalten! Erwarten Sie, dass jeder Werwolf Londons sich monatlich so einen Wisch besorgt, um sich dann beim St. Mungo stundenlang an der Ausgabe anzustellen?" Die Ministeriumshexe grinste hämisch. „Sie können natürlich ein Abonnement abschließen, das kostet allerdings zehn Gelleonen im Jahr und ich bin mir nicht sicher ...", sie ließ ihren Blick abschätzig über den mehrfach geflickten Mantel des Zauberers wandern. „ … ob Sie diese Summe in Ihrer gegenwärtigen Lage ohne Weiteres entbehren können. Wie lange sind Sie schon arbeitslos gemeldet? Ein Jahr, zwei Jahre?"
Tonks richtete sich auf. Was sollte diese unangemessene Bemerkung? Sie sah sich hilfesuchend um, doch die wartenden Werwölfe schienen diese Art von Erniedrigung schon gewöhnt zu sein und schenkten dem Seitenhieb gegen einen der ihren keine Beachtung. Fassungslos verfolgte Tonks den Fortlauf des Gesprächs. Der Werwolf, der trotz seines ärmlichen Auftretens viel gepflegter und umgänglicher wirkte als seine Artgenossen, versuchte weiterhin, die Hexe dazu zu bewegen, ihm mehrere Bezugsscheine gleichzeitig auszustellen.
Tonks sah nicht ein, wo dabei das Problem liegen sollte, zumal der Wolfsbanntrank es Werwölfen ermöglichte, sich bei Vollmond relativ normal zu verhalten. Sie verwandelten sich zwar immer noch, wurden aber nicht zu den aggressiven, allerorts gefürchteten Monstern, die danach trachteten, andere Menschen zu beißen und so ebenfalls in einen von ihnen zu verwandeln. Ein Umstand, der doch eigentlich im Interesse der gesamten Zauberergemeinschaft liegen sollte, allein aus Gründen des Selbstschutzes.
Das schien die Ministeriumsbeamtin anders zu sehen. Sie verwies ständig auf irgendwelche ungerechten und sinnlosen Reglementierungen der Werwolf-Gesetzgebung und erweckte auch sonst nicht den Anschein, als sei sie hier, um ihren Mitbürgern auf irgendeine Art weiterzuhelfen.
Als Tonks sah, wie die dicke Frau angewidert vor der fordernd ausgestreckten Hand des Werwolfs zurückwich, hielt sie es nicht mehr aus. Breitbeinig trat sie vor den Schalter und sagte mit fester Stimme: „Was ist eigentlich Ihr Problem? Hat dieser Mann Ihnen irgendetwas getan? Oder behandeln Sie alle Ihre Mitmenschen wie Ungeziefer?"
Die Ministeriumshexe sah Tonks milde überrascht an und der Zauberer drehte sich zu ihr um. Tonks erstarrte vor Schreck, als sie in die hellen Augen von Professor R. J. Lupin blickte. Ihre Lippen formten ein stummes 'Oh', als ihr klar wurde, dass dieser Mann ein Werwolf war.
Ein Werwolf, den sie kannte. Und der sich auch an sie erinnerte. Tonks war sich sicher, dass er sie an den pinken Haaren erkannte, die sie auch bei ihrem ersten Treffen im Grimauldplatz Nr. 12 getragen hatte.
Lupins Gesicht war wie versteinert, als er auf sie hinab blickte und offenbar nicht wusste, was er sagen sollte.
Tonks schämte sich. Sie hatte das Gefühl, sich unbefugt Eintritt in die dunkelsten Winkel von Lupins Seele verschafft zu haben, um seine privatesten Ängste und Geheimnisse zu begaffen.
Die dicke Hexe an dem Schalter schien die unangenehme Situation zwischen den beiden nicht zu bemerken und setzte zu einer wütenden Schimpftirade an: Wie Tonks es wagen könne, eine hart arbeitende Ministeriumsbeamtin derart zu beleidigen, was sie sich erlaube, solche unbegründeten Unterstellungen zu äußern und wie ihr Vorgesetzter heiße, den sie sofort über Tonks Ungehorsam informieren werde.
Tonks hörte sie kaum. Sie starrte immer noch Lupin an und trat einen unsicheren Schritt von ihm zurück. Ein merkwürdiges Zittern lief über Lupins Gesicht. Er drehte sich auf dem Absatz um und eilte hinaus.
„Warte!", rief Tonks lahm. Bestürzt rannte sie Lupin hinterher und ließ die düstere Behörde mitsamt der keifenden Beamtin und den zwielichtigen Werwölfen hinter sich.
Im Gewimmel der Empfangshalle der Abteilung zur Pflege und Aufsicht magischer Geschöpfe verlor sie Lupin kurz aus den Augen. Dann sah sie, wie er in einen der goldenen Aufzüge stieg, dessen Türen sich augenblicklich hinter ihm schlossen.
Tonks fluchte. Doch so einfach würde sie ihn nicht davon kommen lassen. Im hinteren Teil des Gebäudes gab es ein Treppenhaus, das nur von größeren magischen Wesen, wie Zentauren und Halbriesen, die nicht in die Fahrstühle passten, genutzt wurde. Wenn sie nur schnell genug rannte, würde sie so sogar noch vor Lupin das Atrium erreichen. Ohne zu zögern, stürzte Tonks sich in den dunklen Schacht, der sich hinter einer unscheinbaren Tür verbarg, und begann hastig ihren Aufstieg.
Wie sie schnell feststellte, nutzten das Treppenhaus nicht nur Kreaturen, die zu groß für den Aufzug waren, sondern auch solche, die sich ganz offensichtlich in der Gesellschaft von Zauberern nicht sonderlich wohlfühlten.
Tonks trafen misstrauische, teilweise auch feindselige Blicke, als sie schubsend und drängelnd die Treppe hinaufkeuchte. Sie rief einem kleinen buckligen Mann, den sie beinahe umgerämpelt hätte, eine hastige Entschuldigung zu und verließ den Schacht auf dem Treppenabsatz, wo ein in den Stein gemeißeltes Schild mit dem Hinweis 'Atrium' die ansonsten schmucklose Wand zierte. Sie warf sich gegen die vergoldete Schwingtür und kam schlitternd neben einem der zahlreichen Kamine der Eingangshalle zum Stehen.
Schweißgebadet sah sie sich um und fürchtete schon, Lupin verpasst zu haben, als klingelnd ein Fahrstuhl ankam und neben einer Reihe blaugewandeter Hexen aus der Zaubereizentralverwaltung auch ihn ins Atrium entließ.
Er wirkte immer noch geschockt von ihrem Zusammentreffen und seine Augen glänzten gefährlich. Ohne zu zögern heftete Tonks sich an seine Fersen. Sie musste fast rennen, um mit seinen langen Schritten mitzuhalten. Im Gehen ließ sie sich ein paar Zentimeter wachsen, bis sie so groß war wie er und sein Gesicht besser sehen konnte.
„Lupin, bitte warten Sie. Hören Sie mir zu! Ich wollte Sie mit meinem Verhalten nicht verletzen!" Lupin, der ihre Anwesenheit bis jetzt ignoriert und stur geradeaus gestarrt hatte, blieb stehen. Tonks lief prompt in ihn hinein und wäre gestolpert, hätte Lupin nicht reflexartig ihre Hand ergriffen, um sie aufrecht zu halten.
Verwirrt sah er ihr in die Augen. „Ihr Verhalten hat mich nicht verletzt. Sie waren nur freundlich.", stellte er dann klar.
Tonks schüttelte den Kopf. „Ich möchte nicht, dass Sie sich von mir in irgendeiner Weise bloßgestellt fühlen. Ich werde niemandem erzählen, dass Sie -", sie brach ab, als sie Lupins warnenden Gesichtsausdruck sah und ihr bewusst wurde, dass um sie herum noch immer das übliche Gedränge aus Ministeriumsangestellten herrschte, von denen viele sicher nicht gerade wohlwollend auf einen Werwolf in ihrer Mitte reagieren würden.
Lupin sah hinab auf Tonks' Hand, die er immer noch umklammert hielt. „Das glaube ich Ihnen."
Tonks seufzte erleichtert, als sie sah, wie der verschlossene Ausdruck aus Lupins Zügen verschwand und einem angestrengtem aber aufrichtigem Lächeln wich.
Da fiel ihr etwas ein und das schlechte Gewissen übermannte sie erneut. „Ich habe Sie um Ihre Bezugsscheine gebracht."
Lupin winkte ab. „Ich hätte ohnehin nicht mehrere bekommen. Ich werde es morgen einfach nochmal versuchen, dann sitzt da eine andere, mit der sich vielleicht eher diskutieren lässt." Unruhig auf den Fußballen wippend, ließ er seinen Blick über die prachtvoll ausgestaltete Innenarchitektur des Atriums schweifen, bevor er sagte: „Also dann … Bis heute Abend?"
Tonks nickte, dankbar, bei Lupin vorerst nicht in Ungnade gefallen zu sein, weil sie sein Geheimnis entdeckt hatte. „Ja, bis dann. Ich … hab hier noch zu tun. Ich … bringe Eis mit.", fiel ihr noch ein. Kaum hatte sie es ausgesprochen, kam sie sich auch schon furchtbar dumm und ungeschickt vor. Was war das denn für eine Aussage?
Doch Lupin schien es nicht zu stören. Er sah so aus, als wäre er in Gedanken bereits weit fort. Mit einem leichten Kopfnicken verabschiedete er sich, schritt zu einem der Kamine und verschwand in einer grünen Stichflamme.
Tonks blieb zurück. Immer noch etwas atemlos und dem Anflug einer Idee, die aber erst noch Gestalt annehmen musste, im Kopf.
