Rumtreiber

„Eis!" Sirius' Augen begannen zu leuchten, als Tonks ihre Einkäufe, die sie mithilfe eines Frischhaltezaubers unbeschadet durch den Tag gebracht hatte, auf der langen Holztafel in der Küche des Grimmauldplatz Nr. 12 ausbreitete.

„Ich dachte mir, dass du in den letzten Jahren nicht allzu oft in den Genuss gekommen bist.", grinste sie, als sie sah, wie Sirius mit seligem Blick den Deckel von der Packung riss. Lupin, der an der Spüle stand und eine Reihe verbeulter Kupferkessel abwusch, lächelte ebenfalls. „Schokolade … eine gute Wahl.", sagte er anerkennend. „Sirius kann ein paar überschüssige Endorphine gebrauchen, nicht war, Tatze?" Der nickte nur, er hatte bereits einen Stapel silberner Dessertschüsselchen aus der Anrichte geholt und begann nun riesige Portionen der Süßspeise darauf anzuhäufen.

Alastor, der das fröhliche Treiben bisher nur stumm beobachtet hatte, stand nun auf. „Schön und gut.", knurrte er mit seiner vertraut rauen Stimme. „Aber wir haben Wichtigeres zu besprechen." Er rührte noch einmal in dem Wasserglas, in dem sein magisches Auge herum schwamm, holte es dann heraus und setzte es mit einem ekelhaft schmatzenden Geräusch wieder ein. Tonks verzog, wie immer, wenn er das tat, angewidert das Gesicht. Alastor räusperte sich und sprach weiter: „Die Sache mit Kingsleys Auftrag lief nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt habe. Er wird echte Ergebnisse von dieser Mission erwarten, einen täglichen Bericht und eine Einschätzung der Gefahr, die von dieser Gruppe ausgeht."

Tonks fragte sich, ob er es absichtlich vermied, das Wort 'Werwolf' auszusprechen. Wie viele Menschen wohl von Lupins Gebrechen wussten?

„Neben all diesen Aufgaben wird Nymphadora es kaum schaffen, gleichzeitig noch den Auftrag zu erfüllen, für den sie eigentlich unterwegs ist. Kurz und gut: Sie braucht einen Partner, der sie auf die Mission begleiten und bei ihren Aufträgen unterstützen wird." Offenbar kosteten ihn diese Worte große Überwindung. Tonks wusste, dass ein Partner, der nicht die gleiche Aurorenausbildung durchlaufen hatte wie sie, der sich nicht so gut zu verteidigen und zu tarnen wusste, ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen würde.

Sie sah das zwar genauso, hatte aber eine Idee, wie sie das Problem lösen könnten.

Alastor grunzte unwillig. „Ich denke, unter diesen Umständen, wird es wohl Zeit, Bill Weasley tatsächlich einzuweihen. Es ist nicht optimal, aber ich denke, eine bessere Option haben wir nicht. Du wirst deinen Willen bekommen, Nymphadora."

Tonks war hin und hergerissen. Alastor hatte eingewilligt, Bill alles zu erzählen. Mit ihrem besten Freund im Team zusammen zu arbeiten, war eigentlich Tonks' Wunsch gewesen. Und doch … Sie glaubte, eine Möglichkeit zu sehen, wie sie dem Orden effektiver dienen könnten. Sie holte tief Luft, bevor sie sagte: „Nein."

Die drei Zauberer sahen sie überrascht an.

„Nein, sag Bill nichts … noch nicht. Ich hätte einen anderen Vorschlag, der dem Orden – wie ich meine – mehr nützt."

Sirius bedeutete ihr mit seinem Löffel, weiterzusprechen und Lupin wandte sich von seinen Kesseln ab, die - auch ohne sein Zutun - fortfuhren, sich selbstständig abzuspülen.

Tonks wählte ihre weiteren Worte mit Bedacht. „Ich habe mich gefragt, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn ... wenn Lupin mich begleiten würde."

Sie ließ diesen Vorschlag erst mal sacken, stand auf und begann in der Küche auf und ab zu gehen. „Es ist doch so: Wenn wir den Kampf gegen Ihr-wisst-schon-wen gewinnen wollen, brauchen wir Unterstützer, viele Verbündete … auch unter den Zauberwesen. Vielleicht gerade dort, da ich glaube, dass Ihr-wisst-schon-wer sich deren gesonderte Position, ihr Misstrauen im Bezug auf Zauberer und vor allem dem Ministerium gegenüber, zunutze machen wird. Wir müssen ihm zuvorkommen, wenn wir verhindern wollen, dass die Todesser schon bald Werwölfe, Riesen, Kobolde und vielleicht sogar Zentauren zu ihren Gefolgsleuten zählen können." Sie warf einen bedeutsamen Blick in die Runde. „Die Mission ließe sich viel effektiver nutzen, wenn wir das Werwolfslager nicht nur beobachten würden. Wenn wir einen von uns da hinein bekämen, hätten wir Informationen aus erster Hand und könnten gleichzeitig eine Unterwanderung der Gruppe von Todessern verhindern." Tonks blieb aufgeregt stehen und ließ ihren Blick vorsichtig zu Lupin wandern, der – offenbar angestrengt nachdenkend – an der Spüle lehnte.

Behutsam fuhr sie fort: „Und am besten dafür geeignet, wäre -"

„Ich.", fiel Lupin ihr ins Wort. Er sah sie alle nacheinander an, bevor er weitersprach. „Es stimmt, Tonks hat recht. Ich wäre am besten hierfür geeignet. Ich könnte die Werwölfe unterwandern, ihr Vertrauen gewinnen, wo ich doch ...", er warf Sirius einen kurzen Blick zu, bevor er zitternd Luft holte, um seinen Satz zu vollenden. „... einer von ihnen bin."

Sirius ging zu ihm und legte seinem Freund bestärkend eine Hand auf die Schulter. An Tonks gerichtet fragte er beinahe feindselig, so als müsse er Lupin vor ihr in Schutz nehmen: „Woher wusstest du davon? Wer hat es dir gesagt?"

„Wir haben uns zufällig im Werwolf-Unterstützungsamt getroffen, die Lage war … relativ eindeutig.", erklärte Lupin beschwichtigend.

Alastor, der die ganze Zeit über still geblieben war, nickte nun langsam und ergriff das Wort. „Das wäre natürlich eine Möglichkeit, die weder ich noch Dumbledore in Betracht gezogen haben. Remus könnte sich Nymphadoras Aufgaben in Cardiff widmen, während sie Kingsley auf eine falsche Fährte lockt. Das heißt … nur, wenn du einverstanden bist.", fügte er, an Lupin gewandt, hinzu.

In seinem Gesicht zeichneten sich etliche Gefühle gleichzeitig ab: Unwille, Furcht, Entschlossenheit und schließlich Ergebenheit in sein Schicksal. „Ja, ich mache es.", sagte er schließlich leise, aber bestimmt. „Es ist mein Wunsch, den Orden im Kampf gegen Voldemort zu unterstützen und wenn diese Aufgabe das ist, was ich beitragen kann, möchte ich sie gerne übernehmen."

Tonks seufzte erleichtert und Alastor nickte ernst aber dankbar. Einzig Sirius' Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen.


„Ihr steht euch sehr nahe, du und Lupin, oder?", fragte Tonks, als sie mit Sirius die Treppe zum ersten Stock hinauf stieg.

Seidenschnabel, der Hippogreif auf dessen Rücken Sirius – wie Tonks nun wusste – vor einem Jahr die Flucht aus Hogwarts gelungen war, musste gefüttert werden und Tonks kam mit, um das stolze Tier mit eigenen Augen zu sehen.

Sirius war sehr schweigsam gewesen, seit Lupin die Entscheidung, Tonks zu begleiten, gefällt hatte. Nun sagte er leise: „Moony ist mein ältester Freund. Jedenfalls der älteste, der noch lebt ... In Hogwarts war er immer da, um James und mir aus der Patsche zu helfen. Wenn ich's mir recht überlege, ist er derjenige von uns, der damals überhaupt einmal nachgedacht hat. Das wir die Einzigen waren, die von seinem Leiden wussten, hat uns zusammengeschweißt. Aber ich glaube, dass ich ihm manchmal näher stand als James es tat ... einfach, weil ich wusste, wie es ist, von anderen verstoßen und abgelehnt zu werden." Tonks dachte an das schwarze Brandloch im Familienstammbaum der Blacks, wo Sirius' Name stehen sollte.

Sirius sah ihren bekümmerten Blick und erzählte schnell weiter: „Wusstest du, dass wir uns seinetwegen entschieden haben, Animagi zu werden?"

„Du bist ein Animagus?", fragte Tonks fasziniert.

Sirius nickte. „Wir hatten ein Händchen für so was, haben uns keinen Deut um Regeln geschert. Uns war wichtiger, unserem Freund beizustehen, wenn wieder Vollmond war. Na ja, James und mir ging es so … wären wir nicht so arrogant und von uns selbst überzeugt gewesen, hätten wir vielleicht gemerkt, dass Wurmschwanz sein feiges kleines Leben immer über das anderer stellen würde. Aber wir haben ihm stattdessen geholfen, die Gestalt zu erlangen, in der er zwölf Jahre lang überdauerte, während ich für seinen Verrat in Askaban einsaß." Ein Schatten legte sich über Sirius' Gesicht. „Er kann sich in eine Ratte verwandeln. James und ich haben uns damals einen Spaß gemacht, als wir diese Gestalt für ihn auswählten. Wir ahnten nicht, wie gut sie zu ihm passt ..."

„Und in welche Tiere konntet ihr beide euch verwandeln?", wollte Tonks behutsam wissen.

Sirius' Miene hellte sich auf. „James war ein Hirsch. Stolz und majestätisch, weißt du. Passte gut zu seinem übergroßen Ego. War aber auch total unpraktisch, wenn du mich fragst. Immer dieses Theater, wenn er sich mit seinem Geweih irgendwo verfangen hatte."

Tonks lachte. „Und du?"

Sirius grinste schelmisch, machte einen Satz nach vorne und landete als riesiger, fast bärenartiger Hund auf dem nächsten Treppenabsatz. Sein langes tiefschwarzes Fell glänzte und seine Lefzen waren zu einer Art stolzem Lächeln verzogen, sodass man zwei Reihen messerscharfer Zähne sehen konnte. Ehrfürchtig näherte Tonks sich dem großen Tier und streckte ihm die Hand entgegen. Sirius streckte den Kopf vor und ließ sich genießerisch hinter den spitzen Ohren kraulen.

Schwanzwedelnd rannte er zu einer Tür am Ende des Korridors und stieß sie mit der Schnauze auf. Tonks folgte ihm und, als sie den – streng nach Tierkot riechenden - Raum betrat, stand Sirius wieder in seiner Menschengestalt vor ihr.

„Wow!", rief Tonks beeindruckt.

Doch dann sah sie das magische Geschöpf, das hinter Sirius in einer schattigen Ecke ruhte und nun seinen majestätischen Adlerkopf hob.

Wow …", sagte sie erneut, diesmal im Flüsterton.

Mit fragendem Blick zu Sirius, der ihr aufmunternd zunickte, näherte sie sich dem Hippogreif langsam. Etwa zwei Meter von ihm entfernt, hielt sie inne und verbeugte sich tief, wie sie es in Pflege magischer Geschöpfe auf theoretische Ebene gelernt hatte. Zunächst geschah nichts. Tonks fühlte den stechenden Blick Seidenschnabels so intensiv, wie den eines Menschen. Kalter Schweiß brach ihr aus, als sie hörte, wie der Hippogreif gereizt mit dem Schnabel klapperte. Doch Sirius schien nicht beunruhigt, weshalb Tonks in ihrer untergebenen Position verharrte. Endlich sah sie, wie Seidenschnabel langsam den Kopf senkte, ohne Tonks dabei aus den Augen zu lassen. Erfreut richtete sie sich auf und strich ganz vorsichtig über das dichte Federkleid am Hals des Hippogreifs.

Sirius lächelte und begann ihn mit toten Ratten und Fledermäusen zu füttern, die dieser gierig verschlang. Nach einer Weile stand Seidenschnabel auf und lief durchs Zimmer zu einem Wassertrog. Er schlug unternehmungslustig mit seinen riesigen Flügeln und machte mehrere kleine Sprünge.

Sirius sah ihm bedauernd zu. „Tut mir Leid, mein Freund. Ich weiß, du willst raus. Aber so wie es aussieht bist du hier genauso gefangen wie ich."

Tonks sah ihn an. „Du bist hier gefangen?"

„Anordnung von Dumbledore. Seidenschnabel ist, wie ich, ein Unschuldiger auf der Flucht vor dem Gesetz. Niemand darf ihn oder mich zu Gesicht bekommen.", gab Sirius bitter zurück. Ärgerlich stand er auf und trat nach ein paar herumliegenden Tierknochen. „Ich verstehe es ja. Schließlich bin ich kein Idiot. Aber Dumbledore hätte, als Wurmschwanz vor einem Jahr entkam, mehr tun müssen, um meine Unschuld zu beweisen. Er hat Harry und Hermine zu meiner Rettung geschickt, wofür ich unendlich dankbar bin … aber seitdem hat er keinen einzigen Versuch mehr unternommen, meinen Namen reinzuwaschen!"

Mit einem Schwung seines Zauberstabs erneuerte Sirius das Wasser in Seidenschnabels Trog und ließ die wenigen Kotspuren in einer Ecke des Zimmers verschwinden.

„Mir sind hier, in diesem Haus, die Hände gebunden.", sprach er weiter. „Ich kann weder dem Orden einen nennenswerten Dienst erweisen, noch mein Patenkind beschützen - was dringend nötig wäre, jetzt wo Voldemort zurück ist - und Dumbledore weiß das!"

Sirius schob das Heu, das Seidenschnabel offenbar als Schlafstätte diente, unwirsch mit den Füßen zusammen, wobei eine Wolke aus Pflanzenpollen und Staub aufwirbelte und Tonks zum Niesen brachte. Er strich sich das lange Haar aus dem Gesicht, bevor er fortfuhr: „Ich kann verstehen, dass Moony ihn wie einen Helden verehrt, dass er ihm sehr viel verdankt. Dumbledore hat ihm den Schulbesuch in Hogwarts und später auch das Studium ermöglicht. Er hat ihn als Lehrer eingestellt und stets vor Anfeindungen seiner Kollegen geschützt. Genauso wie für Hagrid oder sogar Mad-Eye war Dumbledore für Remus der erste, der ihn einfach so akzeptiert hat, wie er war und ihm eine Chance gab. Moony würde alles für ihn tun, alles! Er vertraut ihm blind und eben das macht mir Sorgen. Remus gehört sonst eigentlich eher zu den Misstrauischen, Vorsichtigen … das hat ihn sein Dasein als Werwolf gelehrt."

Tonks nickte verständnisvoll. Auch sie war sich manchmal nicht sicher, was sie von Dumbledore und denen, die ihm bedingungslos folgten, halten sollte. In ihrer Zeit im Ausland hatte sie zum ersten Mal mitbekommen, dass Dumbledore keineswegs überall in der Zaubererwelt so fanatisch verehrt wurde wie in Großbritannien. Auch in anderen Ländern gab es ungewöhnlich mächtige und weise Zauberer, die sicher ebenfalls eine Bedrohung für Du-weißt-schon-wen darstellen könnten. Nur hatten diese Länder nie unter seiner Herrschaft gelitten, weshalb auch der Dunkle Lord von ausländischen Zauberern oft unterschätzt wurde.

„Weißt du,", Sirius Stimme riss Tonks aus ihren Gedanken. „das Problem mit Dumbledore ist, dass er in Wahrheit weit weniger Einfluss und Bewunderer hat, als er es seine Anhänger immer glauben machen will. Aber im Endeffekt ist auch er nur ein gewöhnlicher Zauberer und hat gegen die, die wirklich das Zepter in der Hand halten – das Ministerium und die reichen reinblütigen Familien – keine Chance." Er trat ans Fenster und blickte hinaus in die einbrechende Dunkelheit. „Manchmal frage ich mich, ob er das wirklich nicht weiß ..." Einen Moment verharrte Sirius, die Augen auf den dunklen Grimmauldlatz gerichtet. Dann zog er schwungvoll die schweren, mottenzerfressenen Samtvorhänge zu und drehte sich zu Tonks um. „Aber wen kümmert schon, was ein wahnsinniger Ex-Häftling denkt, der alles verloren hat?", sagte er und die tiefe Verwundbarkeit, die in seinen Augen lag, strafte seinen lächelnden Mund Lügen.

Ohne nachzudenken, ging Tonks zu ihm und schloss Sirius in die Arme. Er erwiderte die Geste und drückte sie fest an sich.

„Mich kümmert es.", flüsterte sie über seine Schulter hinweg. „Mir ist es wichtig."

Tonks spürte einen sanften Stoß gegen ihren Ellenbogen. Es war Seidenschnabel, der offenbar nicht gern ignoriert wurde. Lachend löste sie sich von Sirius und streichelte den seidigen Kopf des Hippogreifs.


Tonks kam an diesem Abend erst sehr spät nach Hause. Sie hatten noch lange an der Umsetzung ihrer Mission gefeilt, Pläne ausgetüftelt und sich bereits erste falsche Hinweise auf Sirius' Aufenthaltsort ausgedacht. Ihr Kopf summte vor lauter Anstrengung, Müdigkeit und zu viel eiskaltem Schokoladeneis.

Wie so oft verfluchte sie sich, weil Bill und sie sich auf das Verwenden von Schlüsseln an ihrer Wohnungstür geeinigt hatten, da Ver- und Entschlüsselungszauber Muggelschlösser sehr schnell abnutzten. Entweder sie vergaß den Schlüssel oder sie musste ewig im Schloss herumstochern, bis sie den alten Mechanismus aufschnappen hörte. Letzteres war heute der Fall und Tonks war schon kurz davor, die Tür einfach einzutreten, als Bill ihr von innen öffnete.

Tonks zuckte zusammen und schirmte ihr Augen vor dem grellen Licht ab, dass aus der Wohnung auf den dunklen Hausflur fiel.

„Tonks! Da bist du ja …" Bill ließ sie herein und sie entledigte sich ihrer Schuhe und stellte die schwere Umhängetasche ab, die nun nicht mehr Essen sondern Berge von Pergament, die mit Lupins kleiner ordentlicher Handschrift und einigen krakeligen Anmerkungen von Sirius bedeckt waren.

Erleichtert stellte sie fest, dass keine fremden Schuhe oder anderen Kleidungsstücke im Flur zu sehen waren. Fleur schien nicht hier zu sein.

Tonks ging in die Küche und nahm sich ein Butterbier. Auf dem Esstisch standen die Überreste eines romantischen Abendessens: ein Strauß Wildblumen, zwei leere Teller und Weingläser, über dem Tisch schwebten immer noch einige dünne Kerzen, die beinahe ganz herunter gebrannt waren.

Erschöpft setzte sie sich auf die Arbeitsfläche, schlug die Beine übereinander und beobachtete Bill beim Aufräumen. Er warf ihr hin und wieder besorgte Blicke zu, sie musste mitgenommener aussehen, als gedacht.

Schließlich ergriff er das Wort. „Es war wirklich schön heute, das Meer war traumhaft. Du hättest dabei sein sollen. "

Tonks lachte nur. „Besser nicht."

Bill sah sie nachdenklich an. „Sie ist wirklich nett, weißt du? Ich wünschte, ihr würdet euch ein bisschen besser kennenlernen."

Schulterzuckend nahm Tonks einen weiteren Schluck Butterbier. „Das klingt ja fast so, als wäre das was Ernstes." Sie kicherte leise, dann sah sie Bills Blick. „Oh bei Merlin, es ist was Ernstes!"

Diese Information in Kombination mit Bills überaus aufrichtigem Gesichtsausdruck führte dazu, das Tonks in schallendes Gelächter ausbrach. Sie konnte nicht anders. Sie war müde und gestresst und Bills Frauengeschichten kamen ihr im Vergleich zum Kampf gegen Du-weißt-schon-wen so unbedeutend vor.

Ihr Freund zog eine Augenbraue hoch. „Du hattest einen langen Tag, oder?"

Tonks tat gerade ihr Bestes, um nicht am letzten Schluck ihres Butterbiers zu ersticken. Sie rieb sich ein paar Lachtränen aus den Augen und nickte dann heftig.

Bill seufzte, setzte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Dann erzähl mal."

Nun blieb Tonks das Lachen im Halse stecken. Was sollte sie sagen? Im Prinzip durfte sie Bill nichts von alldem verraten, was sie eigentlich umtrieb.

Vorsichtig begann sie: „Also … Kingsley schickt mich auf eine Mission."

Bill drückte sie freudig an sich. „Das ist ja großartig, alles Gute!"

„Ja … es geht darum, eine Werwolfsgemeinde zu beobachten. Sie sollen bedenkliche Sympathien für Todesser hegen."

„Oh, das klingt ja ganz schön … interessant?" Tonks wusste, dass Bill eigentlich 'gefährlich' oder 'bedrohlich' sagen wollte. Er ließ es aber, wohl wissend, dass sie es hasste, wenn er sich Sorgen um sie machte.

Sie legte den Kopf an seine Schulter. „Ja, es wird wohl nicht einfach werden. Ich werde mehrere Wochen weg sein. Vielleicht sogar Monate."

„Du musst mir immer schreiben, wie es dir geht. Gehst du denn allein auf diese Mission?"

Tonks zögerte. „Ja. Ja, ich werde allein unterwegs sein … Aber du musst ja nicht allein sein. Solange mein Zimmer frei ist, könntest du ja jemanden zu dir einladen. Einen deiner Brüder vielleicht. Wie lange war Charlie nicht mehr in England?"

Bill lächelte. „Mach dir um mich mal keine Gedanken. Ich bin es schließlich nicht, der sich in die Höhle der Löwen, Pardon, der Werwölfe wagt."

Tonks lächelte über den französischen Ausdruck, der Bill so leicht über die Lippen kam. Er musste bereits viel Zeit mit Fleur verbracht haben, wenn er schon Wörter aus ihrem Sprachgebrauch übernahm.

Sie sprang von der Theke, ließ ihre leere Flasche mit einem Zauber verschwinden und streckte sich. „Wir werden das schon schaffen.", versicherte sie ihrem Freund, der sie sorgenvoll musterte, so als ob er wüsste, dass sie ihm nicht die ganze Wahrheit sagte. Doch dann setzte er ein breites Grinsen auf und erhob sich ebenfalls. „Klar, das schaffst du mit links! Wann geht's denn los?"

Darüber hatte sich Tonks noch gar keine Gedanken gemacht. Wobei sie sicher nicht vor dem nächsten Vollmond aufbrechen würden, der – wie sie sich von einem Mondkalender in der Küche des Grimmauldplatzes zu erinnern glaubte – in wenigen Tagen am Himmel stehen sollte.

„In einer Woche vielleicht.", drückte sie sich möglichst vage aus. Sie wusste schließlich nicht, wie lange Lupin brauchen würde, um sich von seiner Verwandlung zu erholen.

„Gut." Bill pflückte die letzten Kerzenstummel aus der Luft. „Dann werden wir bis dahin so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen, ja?"

Tonks lächelte und nickte, wandte aber noch schnell ein: „Soweit es meine Reisevorbereitungen zulassen."

„Natürlich.", stimmte Bill ihr mit todernster Miene zu.

Bevor Tonks in ihr Zimmer ging, hielt sie noch einmal inne. „Bill?"

Er sah auf. „Ja?"

„Danke."

Er lächelte überrascht. „Wofür?"

„Dafür, dass du mein Freund bist."