Vollmond und andere Sorgen

Doch tatsächlich hatte Bill in der folgenden Woche nur wenige Chancen, seine Qualitäten als bester Freund zu beweisen, wenn von den köstlichen Mitternachtssnacks, mit denen er Tonks stets erwartete, wenn sie erschöpft von der Arbeit heimkam, mal absah. Offenbar unterforderte ihn sein neuer Bürojob bei Gringotts so sehr, dass er nach Details zu Tonks' geplanter Mission dürstete. Gleichermaßen neidisch und besorgt hörte Bill sich dann das Wenige an, was sie ihm verraten durfte, und hatte auch sonst ein offenes Ohr für Tonks' Sorgen und Probleme.

Was ihre Vorbereitung auf die Zusammenarbeit mit ihrem Missionspartner Lupin anging, so war sie dazu übergegangen, ihn Remus zu nennen, hatte sich aber heftig verbeten, von ihm Nymphadora gerufen zu werden. Es gäbe schließlich Grenzen, hatte sie als Begründung angeführt, auch wenn Remus behauptete, er fände den Namen keinesfalls peinlich, sondern sehr elegant.

„Wie passend." war Alastors sarkastischer Kommentar dazu gewesen.

Doch an diesem Abend, als Tonks, Sirius, Alastor und Remus sich wieder in der Küche des Grimmauldplatzes Nr. 12 versammelt hatten, war die Stimmung alles andere als heiter.

Laut dem Mondkalender an der Wand war heute Nacht Vollmond, was sich extrem negativ auf Lupins Laune auswirkte.

Gehetzt und unruhig lief der Werwolf auf und ab, immer unter den hämischen Blicken von Kreacher, der auf Sirius' Geheiß hin den Ofen sauber machte - oder zumindest so tat - während er wie beiläufig gehässige Bemerkungen über Werwölfe fallen ließ.

Remus ignorierte ihn, warf ständig besorgte Blicke auf die Uhr und trieb die anderen zur Eile an.

Den Wolfsbanntrank, ein scheußlich stinkendes und blubberndes Gebräu, hatte er bereits am späten Nachmittag tapfer zu sich genommen. Mit den Worten: „Eines muss ich Severus lassen: Sein Wolfsbann war deutlich schmackhafter und, wie ich finde, auch effektiver. Wieso bekommt das St. Mungo das nicht auch so hin?", hatte er drei Becher von dem Zeug hinunter gewürgt.

Nun wartete er auf die einsetzende Schläfrigkeit und den Schwindel, die – wie er sagte – die Verwandlung unter dem Einfluss des Wolfsbanns ankündigten. Sobald er etwas spürte, würde er sich in sein Zimmer zurückziehen und einschließen, nur zur Vorsicht.

„Außerdem ist das wirklich kein schöner Anblick, hab ich mir sagen lassen." fügte er mit einem Blick auf Sirius hinzu, der bestätigend nickte und Tonks zuzwinkerte.

Alastor würde sich am kommenden Tag mit Dumbledore treffen, um weitere Schritte des Ordens zu planen, weshalb Tonks und Remus sich schon heute von ihm verabschieden würden.

Tonks erbot sich, etwas für sie alle zu kochen, ungeachtet dessen, dass es bis auf Omelett wenig gab, was sie zubereiten konnte. Doch ihr Versuch, die Stimmung etwas aufzulockern und die Atmosphäre ihres letzten gemeinsamen Abends gemütlicher zu gestalten, scheiterte.

„Nicht für mich, Essen verträgt sich nicht so gut mit dem Wolfsbann …", war Remus' leicht gereizter Kommentar dazu.

„Es schlägt ihm auf den Magen." entschuldigte Sirius seinen Freund.

Insgeheim erleichtert, reichte Tonks stattdessen eine Schachtel Schokofrösche herum, die Sirius sofort in nostalgische Stimmung versetzten.

„Die Karten gibt's ja immer noch! Die sehen genauso aus wie früher. Ich hatte gut zweihundert Stück von denen, nicht wahr, Moony?" Remus, der allein am Feuer stand, nickte nur stumm.

„Wie machen wir das mit dem Wolfsbanntrank eigentlich unterwegs?" wollte Tonks zaghaft wissen. Remus ausgerechnet jetzt darauf anzusprechen, fiel ihr schwer, doch die Frage musste geklärt werden. „Ich meine, wir können unterwegs vermutlich nicht mal schnell nach London apparieren, es ist zu weit."

Lupin zuckte die Schultern. „Ich nehme an, dass es in diesem Lager Möglichkeiten gibt, an welchen heranzukommen. Schließlich nutzen viele meiner Art diese Option. Und falls nicht … ich bin sicher, dass das dort ansässige Rudel sich einen menschenfreien Wald oder ähnliches zur Verwandlung erschlossen hat."

Bei der Vorstellung, sich ohne die beruhigenden Einwirkung des Wolfsbanns in einen Werwolf zu verwandeln, schauderte er sichtbar.

Tonks, die darauf nichts zu erwidern wagte, nickte zustimmend, schob ihren Stuhl zurück und ging an Remus vorbei zur Speisekammer, um frisches Butterbier zu holen.

Plötzlich schwankte Lupin. Seine Augenlider flatterten und er hielt sich haltsuchend an Tonks' Schulter fest.

„Tatze!" keuchte er, scheinbar völlig desorientiert. Sofort war Sirius bei ihm und legte ihm einen Arm um die Hüfte, um ihn zu stützen.

„Es geht los, ich bringe ihn hoch." sagte er angespannt.

„Lass mich helfen!" Tonks legte sich einen von Remus' Armen über die Schulter. Sirius warf ihr einen prüfenden Blick zu, widersprach aber nicht, als deutlich wurde, dass Lupin sich sehr viel schlechter auf den Beinen halten konnte, als erwartet.

Kreacher, der seine Position am Ofen aufgegeben hatte und sich nun, halb triumphierend halb verängstigt, in den Schrank unter dem Boiler zurückzog, plärrte: „Haltet ihn, haltet ihn! Die Bestie erwacht zum Leben … wenn das Kreachers Herrin wüsste ..."

Alastor beobachtete mit gezücktem Zauberstab das Geschehen, hielt sich sonst aber zurück.

Gemeinsam bugsierten Sirius und Tonks den mittlerweile am ganzen Körper schlotternden Werwolf aus der Küche ins Treppenhaus. Es war ein ganzes Stück Arbeit, den großen zitternden Mann bis zu seinem Zimmer im dritten Stock zu schleifen. Unterwegs mussten sie Remus einmal absetzen und gegen eine Wand lehnen.

„Bei Merlin! Moony, das nächste Mal sagst du bitte früher, dass es dir nicht mehr gut geht." schimpfte Sirius verhalten.

Lupin antwortete nicht. Unter seinen geschlossenen Lidern, zuckten seine Augen unruhig hin und her, er hatte die Kiefer fest aufeinander gepresst und an seinen Schläfen traten pulsierende Adern hervor. Tonks war es nicht geheuer.

„Los, weiter!" trieb sie Sirius an und sie setzten ihren Aufstieg fort.

Remus' Zimmer war das ehemalige Schlafzimmer von Sirius Vater, das ein wenig abseits der anderen herrschaftlichen Räume im Dachgeschoss lag. Ein düsterer, spartanisch eingerichteter Raum, an dessen Stirnseite ein massives, wenig einladendes Bettgestell aus dunklem Ebenholz stand.

Sirius und Tonks legten Remus auf der staubigen Matratze ab und entfernten alles an Decken oder Vorhängen, in die er sich während seiner Verwandlung verheddern und so verletzen könnte.

Zuletzt schloss Sirius die beiden Erkerfenster und sperrte den lauen Sommerabend aus, an dessen Firmament ein perfekter, strahlend heller Vollmond leuchtete.

Lupins Hände waren in das dünne Bettlaken gekrallt und auf seiner Stirn standen kleine Schweißperlen. Tonks hätte ihn gerne von seinen Schmerzen befreit, wagte jedoch nicht, ihn in dieser Situation zu berühren.

Remus mochte zwar unter dem Wolfsbann stehen und während der ganzen Verwandlung sein menschliches Bewusstsein behalten, blieb aber trotzdem ein gefährliches Tier, dessen Krallen und Zähne sie immer noch schwer verletzen konnten.

Die heftigen Schmerzen machten Lupin im Moment unberechenbar, weshalb Sirius und Tonks sich nicht länger als nötig im Zimmer aufhielten, sondern schnell auf den Flur zurückkehrten und die Tür hinter sich magisch verriegelten.

Leicht außer Atem lehnte Sirius sich gegen die Holzvertäfelung. „Danke.", sagte er zu Tonks. „Allein wäre das echt schwierig geworden. Ich verstehe nicht, wieso er nicht einfach schon früher hoch gegangen ist."

Tonks winkte ab. „Keine Ursache. Er wollte eben so lange wie möglich bei der Besprechung dabei sein ..."

„Trotzdem ...", Sirius strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Das war ein wenig unverantwortlich von ihm. Auch sich selbst gegenüber. Er hätte sich ernsthaft verletzen können. So kenne ich ihn eigentlich nicht ..."

Aus Remus' Schlafzimmer drangen nun mühsam unterdrückte Schreie und lautes Stöhnen, gefolgt von einem tiefen Knurren. Sirius verzog mitleidig das Gesicht.

„Lass uns runter gehen. Heute Nacht können wir nichts mehr für ihn tun."


Tonks half Alastor in seinen Reiseumhang und begleitete ihn hinauf in die Eingangshalle, wo sie sich so leise wie möglich vor der Tür verabschiedeten.

Tonks war nicht ganz klar, wieso Sirius sie so dringend darum angehalten hatte, vermutete aber, dass es dabei um die Nachbarn ging, die nicht wissen sollten, dass im Grimmauldplatz Nr. 12 wieder jemand lebte.

Sobald Dunbledore Zeit fand, würden sie einen Fideliuszauber über das Hauptquartier legen, um es sowohl vor Muggeln als auch vor Zaubereraugen zu schützen.

Alastor zog seinen Gehstock aus dem Trollfuß. Er sah sich noch einmal in der trostlosen Eingangshalle um. Auf seinem Gesicht lag ein besorgter Ausdruck. Offenbar war er sich nicht mehr sicher, ob er seinen Schützling bei Vollmond mit einem Werwolf und einem, wegen Mordes gesuchten, Zauberer allein lassen sollte.

„Keine Sorge, Mad-Eye!", sagte Tonks beruhigend. „Alles wird gut. Remus und ich schaffen das schon-",

„Hör mal.", fiel Alastor ihr ins Wort. Er wühlte in seinen Manteltaschen und förderte schließlich ein kleines Fläschchen mit einer bläulich leuchtenden Flüssigkeit zutage.

Tonks blieb der Mund offen stehen. „Woher hast du das?", flüsterte sie eindringlich.

Alastor bedeutete ihr, zu schweigen. „Wenn dir der Werwolf aus dem Ruder läuft … wenn du das Gefühl hast, das Zusammensein mit seinen Artgenossen tut ihm nicht gut – das soll häufiger vorkommen -, dann ...", er drückte ihr das Fläschchen in die Hand.

Tonks schüttelte abwehrend den Kopf. „Ist es das, was ich denke?"

„Sud des lebenden Todes … aber sehr stark verdünnt.", fügte Alastor, als er Tonks' bestürzten Gesichtsausdruck sah, schnell hinzu. „Er wird ihn nicht gleich ins Koma versetzen … mehrere Stunden Bewusstlosigkeit, aus der ihn niemand vorzeitig wecken kann, das ist alles."

„Mad-Eye, ich ..." Tonks' hilfloses Gestammel war wenig überzeugend.

„Ich will dich nur in Sicherheit wissen."

Ein empörtes Schnauben entfuhr ihr. „Du schickst mich auf eine Mission wie diese und das Einzige, wovor du mich warnst ist mein Reisebegleiter? Remus hat es ganz offensichtlich nicht leicht." Alastor wirkte wenig überzeugt, doch bevor er irgendetwas erwidern konnte, brachte Tonks das Totschlagargument vor: „Dumbledore vertraut ihm. Also sollten wir es auch tun."

Der nächste Satz kostete Alastor scheinbar große Überwindung. Unzufrieden knirschte er mit den Zähnen, bis er schließlich zwischen den Kiefern hervor presste: „Dumbledore kann sich irren."

Tonks legte den Kopf schief. „Er hat sich nicht in dir geirrt, Mad-Eye. Gib Remus doch eine Chance."

Aalstor machte eine seltsame Bewegung zwischen Kopfschütteln und Schulterzucken, bevor er Tonks' Finger um den Trank in ihrer Hand schloss. „Nimm ihn einfach. Nur für den Fall … Und immer wachsam." Den letzten Satz sprach Tonks wie ein Mantra mit.

„Viel Glück, Nymphadora."

Nachdem Alastor das Haus verlassen hatte, ließ Tonks das Fläschchen schnell in ihrer Jackentasche verschwinden. Sie würde es nicht verwenden.


In den folgenden zwei Tagen hörte Tonks von keinem der Ordensmitglieder etwas. Alastor war immer noch bei Dumbledore – Tonks fragte sich, wo der Schuldirektor wohl die Ferien verbrachte, denn sie konnte ihn sich an keinem anderen Ort als Hogwarts vorstellen – und Remus schien sich noch nicht von seiner Verwandlung erholt zu haben.

Allein tüftelte Tonks noch an wenigen Details der Mission herum, fand aber bald nichts mehr, was sie von ihrer gegenwärtigen Position aus verbessern könnte.

Kingsley hatte ihr vor ihrer Abreise ein paar Tage freigegeben, damit sie sich gebührend vorbereiten konnte und in ihren kurzfristigen Entscheidungen unabhängig war. So genoss Tonks das heiße Sommerwetter und richtete sich auf dem winzigen Balkon ihrer Wohnung ein. Zu Bills Unverständnis stellte sie direkt neben einem Krug mit eiskaltem Kürbissaft ein Marmeladenglas auf, welches ein kleines magisches Licht enthielt. Sie nutzte die blaue Flamme, um mit Sirius zu kommunizieren. In der hellen Mittagssonne, war sie kaum auszumachen, doch als das Flämmchen sich endlich sichtbar rot verfärbte und so erhitzte, dass der nahestehende Kürbissaft fast anfing zu kochen, wusste Tonks, dass es Zeit war.

Aufgeregt lief sie in ihr Schlafzimmer, nur um festzustellen, dass sie über all ihren Vorbereitungen, das Packen an sich völlig vergessen hatte. Gehetzt zerrte sie einen alten Rucksack unter dem Bett hervor und schwang ihren Zauberstab. Sofort flogen Kleider, Schuhe, Bücher, Schreibfedern, die heutige Ausgabe des Tagespropheten und das Spikoskop, das Alastor ihr einst geschenkt hatte, in den offenen Beutel, wo sie als wildes Chaos landeten. In dem Versuch, Tonks' gesamte Besitztümer aufzunehmen, platzte er fast aus allen Nähten. Früher war Tonks mit einem alten Schrankkoffer aus ihrer Zeit im Internat gereist, doch auf dieser Mission durfte sie nur das Allernötigste mitnehmen, um möglichst flexibel zu bleiben.

Eine halbleere Flasche Butterbier ging laut klirrend zu Bruch, als Tonks' heißgeliebte Ausgabe von 'Quidditch im Wandel der Zeiten' dagegen flog. Unschuldig fiel ihr das Buch vor die Füße. Ärgerlich griff sie danach. Das würde jedenfalls hierbleiben.

Von dem entstandenen Lärm auf den Plan gerufen, steckte Bill den Kopf zur Tür herein. „Alles in Ordnung?", wollte er mit amüsierter Miene wissen. Tonks sah sich stirnrunzelnd um. Sie konnte keine größeren Schäden verzeichnen als den hässlichen, nun mit Butterbier vollgesogenen, Teppichboden. Bill trat ein und entfernte den Fleck lässig mit einem Schlenker seines Zauberstabs.

„Hast du versucht zu packen?", fragte er. „Da musst du aber noch üben."

Tonks nickte stöhnend. „Meine Mom ist echt gut in so was. Sie hätte mich eindeutig mehr im Haushalt einspannen sollen ... aber sie wollte ja immer selber zeigen, wie gut sie es kann!", antwortete sie entschuldigend.

Lachend hob Bill einige Postkarten, die größtenteils von ihm stammten, vom Boden auf. „Du wolltest eben lieber Gnome und Feen jagen, statt im Haushalt zu helfen.", neckte er sie.

Es klopfte zaghaft und die Tür öffnete sich erneut. Es war Fleur, die gerade gekommen sein musste. Tonks hatte irgendwann zugestimmt, ihr einen Wohnungsschlüssel anzuvertrauen, mochte es aber gar nicht, wenn Bills Freundin einfach so unangemeldet auftauchte.

Den freute es umso mehr. Strahlend ging er zu ihr, um sie mit einem Kuss zu begrüßen. Fleur wimmelte ihn schnell ab, öffentliche Liebesbezeugungen waren ihr meist unangenehm. In dieser Hinsicht war sie sehr britisch. Sie öffnete gerade den Mund, um Tonks zu begrüßen, als sie die Unordnung im Zimmer bemerkte. „Mon dieu, Tonks! Was ist 'ier passiert?"

Beleidigt verschränkte Tonks die Arme, schließlich sah es nicht so viel schlimmer aus als sonst. „Nichts. Ich verreise nur."

Fragend sah Fleur ihren Freund an. „Davon 'ast du mir nischts erzählt!", sagte sie vorwurfsvoll.

„Es steht noch nicht sehr lange fest.", verteidigte sich Bill. Stolz fügte er hinzu: „Tonks verreist für ihre Arbeit als Auror. Und heute geht es allem Anschein nach los."

Fleur nickte und zu Tonks' Überraschung glaubte sie widerwillige Anerkennung in ihrem schönen Gesicht zu sehen. Doch das konnte auch täuschen. Mit entschlossener Miene krempelte Fleur die Ärmel ihrer Bluse hoch. „Isch werde dir 'elfen."

Das Letzte, was Tonks wollte, war dass Bills Freundin ihr 'alf. Sie würde zwangsläufig in ihren persönlichen Sachen kramen und womöglich sogar die geheimen Reisevorbereitungen oder Hinweise auf Sirius finden.

„Das ist nett von dir, aber wirklich nicht nötig ...", versuchte Tonks mit einem gekünsteltem Lachen, Schlimmeres zu verhindern.

Doch Fleurs Gesichtsausdruck duldete keinen Widerspruch und Bill hatte sich in der Zwischenzeit diskret zurückgezogen. „Oh doch. Es wird nischt lange dauern!"

Und tatsächlich brachte Fleur mit einem energische Schwung ihres Zauberstabs Tonks' Kleider dazu, sich ordentlich zu falten und nach Farbe zu sortieren. Schreibfedern, Pergament und Tinte flutschten in die dafür vorgesehene Mappe, von der Tonks gar nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß, und ihre wenigen Kosmetikartikel reihten sich ordentlich an ihrer Schreibtischkante auf. Fleur wirkte hoch konzentriert und Tonks war sprachlos über die Klarheit und Präzision ihrer Zauber. Zu guter Letzt schaffte es Fleur, den Rucksack bis zum Rand mit den nötigsten Kleidern und Alltagsgegenständen zu füllen, ohne dass dieser explodierte. Sie brachte sogar seine Riemen dazu, sich eigenmächtig zu verschließen.

Zufrieden senkte sie den Zauberstab und betrachtete ihr Werk.

„Wow, das war ziemlich gut.", gab Tonks zu. Sie erntete ein würdevolles Nicken und ein überhebliches Lächeln zum Abschied, bevor Fleur das Zimmer verließ.

Wieder allein, klaubte Tonks noch ein paar Fotos und die geheimen Dokumente zusammen und stopfte sie in ihre Umhängetasche.

Ihre Reisekleidung fiel praktisch und schlicht aus: Totz des warmen Wetters trug Tonks Stiefel und lange Hosen, darüber ein weites T-Shirt und kurze, unauffällige Haare.

So ausgestattet ging sie in die Küche, um sich von Bill zu verabschieden und noch etwas Kürbissaft einzupacken.

Ihr bester Freund stand allein am Fenster.

Fleur war auf den Balkon gegangen. Tonks sah sie mit dem Rücken zu ihnen an der Brüstung stehen, ihr silberblondes Haar umwehte ihre schmalen Schultern, obwohl eigentlich kein Wind ging. Vermutlich hatte sie sich zurückgezogen, um Bill und Tonks nicht beim Abschiednehmen zu stören. Erstaunlich taktvoll, wie Tonks fand.

„Auf Wiedersehen, Bill."

Ihr Freund drehte sich zu ihr um. Seine Miene war ungewöhnlich ernst. „Ich weiß, dass du mir nicht alles über diese Mission erzählt hast. Ich habe nichts gesagt, aber ich weiß es. Du verhälst dich schon seit Tagen so seltsam, was ist es?"

Tonks schluckte, sie hätte wissen müssen, dass Bill bisher jeden ihrer Ausflüchte sofort durchschaut hatte. Sie konnte nichts vor ihm verbergen, dafür kannte er sie zu gut. Dennoch startete sie einen schwachen Verteidigungsversuch. „Bill, ich gehe auf eine streng geheime Mission, natürlich darf ich dir nicht alles erzählen."

Enttäuscht ließ Bill die Schultern hängen. Es tat Tonks so Leid, ihm nicht einfach die Wahrheit sagen zu können. Doch jetzt mit allem herauszurücken und dann zu verschwinden, wäre sinnlos.

Sie umarmte ihren Freund fest und sagte: „Wenn ich wieder da bin, kann ich dir mehr sagen."

Bill erwiderte ihre Umarmung. „Sei bloß vorsichtig! Und lass dich nicht mit den falschen Leuten ein … und iss genug und -"

Lachend trat Tonks zurück. „Du klingst wie meine Mom!"

Zu ihrer Erleichterung zeigte sich auch in Bills Mundwinkel wieder der Anflug eines Lächelns. Das Thema war für ihn sicher noch nicht abgeschlossen, aber zumindest willigte er ein, es ruhen zu lassen, bis sie wieder da war.

„Hast du deinen Eltern überhaupt erzählt, dass du verreist?", fragte er streng.

Tonks druckste herum. „Ich sah keinen Grund dazu."

Bill strafte sie mit einem missbilligenden Blick.

„Sie machen sich sowieso nur Sorgen und ... du erzählst deinen Eltern doch auch nicht alles." Bedeutungsvoll nickte Tonks mit dem Kopf Richtung Fleur. Bill wurde rot.

Auf einmal zischte es draußen laut und Fleur sprang kreischend zur Seite. Das kleine magische Licht leuchtete scharlachrot, war zu der Größe einer Kokosnuss angeschwollen und drohte das Glas zu sprengen, in dem es nach wie vor auf dem Balkon stand.

Das war Tonks' Stichwort. Mit einem letzten aufmunternden Blick in Bills Richtung, griff sie nach ihrem Besen, der an der Küchenwand lehnte, und disapparierte.


Es war das erste Mal, dass Tonks allein, ohne Alastor an ihrer Seite, auf den Grimmauldplatz Nr. 12 zuschritt. Er hatte immer einen Schlüssel besessen, doch nun da er nicht hier war, wusste Tonks nicht, wie sie ins Haus gelangen sollte. Misstrauisch beäugte sie das blinde Namensschild über der angelaufenen Klingel. Sie hielt es für unwahrscheinlich, dass die alte Vorrichtung noch funktionstüchtig war, und entschied sich deshalb für den schweren Türklopfer in Form eines Schlangenkopfes. Nichts Böses ahnend, ließ Tonks den Messingknauf dreimal laut gegen die dunkle Pforte knallen.

Augenblicke später fuhr sie vor Schreck zusammen. Im Inneren des Hauses war offenbar die Hölle losgebrochen. Jemand schrie und tobte zum Steine erweichen. Es war die sich überschlagende Stimme einer Frau, die so laut schimpfte, dass Tonks sich am liebsten noch vor der Tür die Ohren zugehalten hätte und ängstlich nach neugierigen Muggeln Ausschau hielt. Sie drückte ihren Kopf seitlich gegen das Holz in dem Versuch, die Ursache für den Krawall zu identifizieren. Schwach vernahm sie Schritte und neben dem Geschrei kaum auszumachende Männerstimmen.

Dann wurde die Tür geöffnet und Tonks, die noch immer nach vorne gebeugt daran lauschte, stolperte über die Schwelle, direkt in Remus' Arme.

Verzweifelt bemüht, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, klammerte sie sich an seinen Schultern fest und sah mit weit aufgerissenen Augen, woher der Lärm rührte: Der Vorhang an der Stirnseite der Eingangshalle, hinter dem Tonks immer den Kellerabgang vermutet hatte, war nun offen und gab den Blick auf das lebensgroße Abbild einer Frau frei. Das Porträt zeigte eine alte dunkelhaarige Hexe in Silber und Grün, die sich mit hochrotem Kopf die Seele aus dem Leib schrie. „BLUTSVERRÄTERBANDE, SCHANDE FÜR DIE GANZE FAMILIE! WERWÖLFISCHER ABSCHAUM UNTER MEINEM DACH ...", als sie Tonks sah, hielt sie kurz inne, bevor sie noch röter anlief und kreischte: „DA IST SIE! DAS BALG DER UNWÜRDIGEN ABTRÜNNIGEN, DIE ES VORZOG, EINEN MUGGEL ZU HEIRATEN UND SICH MEINE NICHTE SCHIMPFT-", sie wurde unterbrochen, als es Sirius, der schon geraume Zeit an den Vorhängen zu den Seiten des Bildes zerrte, gelang, diese zu schließen.

Die einkehrende Stille tat fast in den Ohren weh. Tonks starrte immer noch völlig perplex auf die geschlossenen Vorhänge, während Remus und Sirius, beide außer Atem, besorgte Blicke tauschten.

Schließlich ergriff Tonks' Großcousin das Wort: „Darf ich vorstellen, Walburga Black, deine Großtante … oder auch bekannt als meine Mutter."

Sprachlos versuchte Tonks in ihrem Kopf zwischen dem Bild der gehässig schreienden Frau und dem Mann vor ihr, den sie in den letzten Tagen so lieb gewonnen hatte, eine Verbindung herzustellen.

„Ich glaub, sie hat einen Schock.", sagte Remus, als Tonks nach langem Schweigen noch keine Anstalten machte, auf Sirius' Worte zu reagieren.

Tonks sah die beiden an und stotterte: „Nein, es ist … ich bin nur ... überrascht, denke ich."

Sirius nickte. „Das verstehe ich. Sie ist der Grund, warum wir uns hier immer so leise verhalten. Bei Lärm fängt sie an zu schreien. Wir wollten das Bild abnehmen, aber ich glaube sie hat einen Dauerklebefluch benutzt, um mir so das Leben für immer zur Hölle zu machen." Mit einem bitteren Lächeln wandte er sich von dem Porträt seiner Mutter ab und winkte sie in die Küche. Tonks hob ihren Besen auf, den sie vor Schreck hatte fallen lassen, und Remus verriegelte die Tür.

„Das ist sie also … die Tochter der Blutsverräterin. Wenn Kreacher das gewusst hätte ...", der alte Hauself kam durch die Eingangshalle auf sie zu geschlürft. Offenbar hatte er die ganze Zeit in einer der dunklen Ecken gelauert und die Szene beobachtet. Sein Gesicht zeigte Verwirrung aber vor allem Abscheu. „Wie kann das gemeine Halbblut es wagen, hierher zu kommen, obwohl seine unwürdige Mutter aus diesem alten und fürnehmen Haus verbannt wurde? Wie wagt es, sich mit den schönen Zügen der Madame Bellatrix zu zeigen, wo es doch ein passenderes Gesicht annehmen könnte? Das eines Schweines vielleicht ..." Der Hauself brach in gehässiges Giggeln aus.

Tonks brachte kein Wort hervor. Doch Remus stellte sich schützend vor sie. „Deine Ansichten sind hier nicht von Interesse, Kreacher!", sagte er mit fester Stimme.

„'Nicht von Interesse'", äffte der Elf ihn nach. „Wen kümmert es, was ein Werwolf zu Kreacher sagt? Niemanden! Nicht wahr, Herrin? Niemanden."

Leise brabbelnd verschwand er wieder in der Dunkelheit, nicht ohne Tonks zuvor noch einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.

Remus legte ihr eine Hand auf die Schulter und löste sie so aus ihrer Erstarrung. „Alles in Ordnung? Nimm das nicht persönlich. Er weiß es nicht besser."

Tonks runzelte die Stirn. Mit einem Anflug von Ärger in der Stimmer fragte sie: „Was soll das? Nimmst du ihn in Schutz für die grausamen Dinge, die er sagt? Er respektiert keinen von uns!"

Ein trauriges Lächeln erschien auf Remus' Lippen. „Sagen wir es so, ich bin Leute gewöhnt, die so oder so ähnlich reden wie er. Aber der Gedanke, dass sie alle nur fehlgeleitet sind ... unter den falschen Einflüssen stehen, hilft mir. Hilft mir, nicht bei jeder feindseligen Bemerkung, jeder Zurückweisung, auszurasten."

Kopfschüttelnd entgegnete Tonks: „Aber es verletzt dich trotzdem."

Remus nickte ernst. „Ja, aber auch niemanden sonst."


Sirius schmollte. Es war offensichtlich, dass er sie liebend gern auf ihre Mission begleitet hätte. Während Remus und Tonks ihr Gepäck aus dem Haus und in eine verlassene Seitenstraße zerrten, lief er als großer schwarzer Hund neben ihnen her. Mit beleidigt eingeklemmtem Schwanz knurrte er vorbeistreifende Katzen an und verjagte bellend eine Schar Krähen.

„Still, Tatze! Wir wollen nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns lenken.", zischte Tonks. Sie hatten sich abgesprochen, Sirius außerhalb des Hauses nur noch bei seinem Spitznamen zu nennen, der zum Glück gut als Hundename durchgehen konnte.

Doch Sirius beachtete ihren Rüffel nicht, sondern sprang herausfordernd auf eine niedrige Gartenmauer und balancierte mit stolz erhobener Nase darauf entlang. Tonks stöhnte, hundeuntypischer ging's ja gar nicht. Remus und sie zogen auf den dämmrigen Straßen Londons auch so schon genug misstrauische Blicke auf sich. Sie mit Rucksack und Besen. Er mit geflicktem Reiseumhang, Narben im Gesicht und Ringen unter den Augen. Seine Verwandlung vor zwei Tagen hatte deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Auch deshalb hatten sie sich entschieden, die Strecke nach Cardiff mit dem Fahrenden Ritter zurückzulegen. Unter Zauberern würden sie weniger auffallen.

Schließlich hatten sie eine geeignete, entsprechend einsame Stelle gefunden und verabschiedeten sich von Sirius.

Remus ging vor ihm in die Hocke und sah ihm in die Augen. Langsam und eindringlich, als würde er ein Kind ermahnen, sagte er: „Bitte mach keine Dummheiten, so lange ich weg bin. Mad-Eye kommt sicher bald wieder und vielleicht schauen Albus und Minerva auch mal vorbei." Nach einer kurzen Pause, in der er offenbar den vorwurfsvollen Blick des Hundes deutete, fügte er hinzu: „Du weißt, dass wir dich gerne mitnehmen würden. Aber du weißt auch, dass es nicht geht." Remus richtete sich wieder auf und strich Sirius ermutigend übers Fell. „Halt die Ohren steif!"

Als er zurücktrat, stürzte der große Hund sich auf Tonks und leckte ihr quer übers Gesicht. Sie lachte und erwiderte sie Geste mit einer herzlichen Umarmung.

„Hey, wieso bist du nicht auch auf sie wütend?", fragte Remus, der die Szene amüsiert verfolgte.

Sirius sah ihn abschätzig an, als läge auf der Hand, dass Tonks selbstverständlich keine Schuld traf. Dabei war sie es doch gewesen, die Remus' Beteiligung an der Aktion vorgeschlagen hatte.

Grinsend sahen die beiden Sirius nach, der nun zügig zurück Richtung Grimmaulplatz lief.

„Wie kommt er hinein?", fragte Tonks nachdenklich. „Er kann den Schlüssel ja nicht halten."

Remus streckte seinen Zauberstab aus, um den Fahrenden Ritter zu rufen, bevor er leise antwortete. „Für Familienangehörige öffnet sich das Haus immer." Als er Tonks' skeptischen Blick sah, fügte er hinzu: „Nur für diejenigen, die tatsächlich noch den Namen 'Black' tragen, wie wir festgestellt haben. Was natürlich heißt, dass weder du noch deine Mutter ohne Schlüssel hinein können. Aber glücklicherweise gilt das zum Beispiel auch für Bellatrix Lestrange oder Narcissa Malfoy."

Tonks kam nicht mehr, dazu zu antworten, da in diesem Moment der dreistöckige violette Bus mit einem lauten Knall vor ihnen erschien und ihre Gesichter in orangenes Scheinwerferlicht tauchte.

Tonks lächelte und sah zu Remus auf. Aufgeregt flüsterte sie: „Es geht los!"