Harbwr Hudol

„Da wären wir!" Stan Shumpike, der pockennarbige Schaffner des Fahrenden Ritters riss die klapprigen Schiebetüren des Busses auf und schubste Remus und Tonks mit sanfter Gewalt auf die Straße. Mit den Worten „Immer los, ihr Hübschen! Wir haben einen Zeitplan einzuhalten.", warf er ihnen das Gepäck hinterher, schloss die Tür und war eine Sekunde später mitsamt dem riesigen Bus verschwunden.

Es war bereits Nacht, doch im Hafen der walisischen Stadt herrschte immer noch reges Treiben. Die beiden Zauberer fanden sich umgeben von taghellen Flutlichtern, rufenden Hafenarbeitern, Containerschiffen und Öllachen. Die salzige Seeluft strich ihnen durch die Haare und Möwen schrien über ihren Köpfen.

Erschlagen von den vielen Eindrücken und der übergroßen Anzahl von Muggeln, die sie umgaben, rückte Tonks unwillkürlich etwas näher zu Remus und umklammerte ihren Komet 260 wie einen Rettungsring auf hoher See.

Remus sah sie fragend an. Auch ihn schien die Situation zu verunsichern, doch er lächelte ermutigend.

Tonks erwiderte seinen Blick und straffte die Schultern. Sie war schließlich eine Aurorin der Spitzenklasse! Was konnte sie schon schrecken?

„Komm, wir suchen uns eine Unterkunft und planen dann unser weiteres Vorgehen.", gab sie den Ton an und schritt entschlossen Richtung Süden, vom Hafen weg in die Außenbezirke, wo sie die Zaubererviertel vermutete. Remus folgte ihr mit gesenktem Kopf, um mit seinen vielen Narben und frischen Schrammen kein Aufsehen zu erregen.

In beinahe jeder größeren Stadt gab es kleine Areale, in denen ausschließlich Hexen, Zauberer und auch viele Squibs unter sich lebten. Dort gab es meist auch wenigstens eine Herberge für Druiden oder Magier auf der Durchreise. Nur wenige Einzelgänger, wie zum Beispiel Alastor, zogen es aus den unterschiedlichsten Gründen vor, außerhalb dieser Gebiete zu wohnen. Die ältesten reinblütigen Familien lebten meist abgeschirmt vom Rest der Welt in ihren Herrenhäusern draußen auf dem Land.

Tonks wählte verlassene und spärlich beleuchtete Straßen, die durch ruhige Wohngebiete führten, anstatt den kürzeren Weg, an der Küstenstraße entlang zu wählen. Zügig und ohne zu sprechen bestritten sie ihren Marsch durch die Muggelstadt.


Sie waren schon gut eine dreiviertel Stunde unterwegs und Tonks befürchtete bereits, die falsche Richtung eingeschlagen zu haben, als urplötzlich aus der Straßenlaterne vor ihr ein halb von üppigem Efeu verdecktes Schild hervor wuchs. In altmodischen Lettern prangten darauf die Worte Harbwr Hudol, was - laut einer fachkundigen Bemerkung von Remus - auf Walisisch so viel wie 'magischer Hafen' bedeutete.

Anerkennend und ehrfürchtig nickte Tonks. „Ich denke, wir sind am Ziel."

Sie passierten das Schild, das für Muggel mit Sicherheit nicht sichtbar war, und fanden sich auf einer belebten Straße wieder. Sie war gesäumt von gewöhnlichen Gärten und Reihenhäusern, die aber auf ungewöhnlichste Weise ausgestattet und dekoriert waren: Lebende Wetterhähne, die auf den Dachgiebeln auf und ab stolzierten; sich selbst zusammenklappende Sonnenschirme; Büsche, die vor Feen nur so summten; Blumenbeete mit farbenfrohen, phosphoreszierenden Gewächsen und verzauberte Laternen, die über Gartentischen schwebten. Doch noch außergewöhnlicher waren die Lebewesen, die sich auf der Straße und in den Gärten herumtrieben. Tonks sah lachende Kinder, die einander auf Spielzeugbesen verfolgten; Zauberer und Hexen, die plaudernd um magische Feuer saßen; exotische Haustiere, magische Geschöpfe und Zauberwesen, die zu dieser späten Stunde noch die Bürgersteige bevölkerten. Sie alle wirkten ausgelassen und fröhlich, als würden sie eine Art Fest feiern.

Tonks sah Remus fragend an. Der beobachtete lächelnd das Treiben um sie her und erklärte: „Heute ist walisischer Nationalfeiertag … Nun, zumindest der der Zauberer. Die Muggel feiern im Frühling ihren Patron St. David. Wir hingegen erinnern uns heute an die Vertreibung der römischen Besatzer vor etwa 600 Jahren. Die keltischen Zauberer haben einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, was in den Geschichtsbüchern der Muggel natürlich nicht erwähnt wird."

Tonks nickte fasziniert. „Du kennst dich ja gut aus. Ist walisische Geschichte so was wie ein Hobby von dir?"

Remus lachte. „Nein, meine Großeltern waren aus Wales. Sie haben mir alles Mögliche über die Zaubereigeschichte des Landes erzählt und mir sogar ein bisschen Walisisch beigebracht.", er versank einen Moment in offenbar sehr glücklichen Kindheitserinnerungen, bevor sich ein Schatten über seine Züge legte und sein Blick wieder zu Tonks wanderte. „Aber ich habe das meiste vergessen.", fügte er noch, scheinbar gleichgültig, hinzu.

Sie setzten sich in Bewegung und steuerten auf einen krummen Wegweiser zu, dessen unzähligen Arme in alle Himmelsrichtungen wiesen.

Tonks war neugierig. Dafür, dass Remus durch Sirius und den Familienstammbaum der Blacks so ziemlich alles über ihre Herkunft erfahren hatte, wusste sie noch recht wenig über ihn. „Leben sie noch hier? Deine Großeltern meine ich.", fragte sie und wich dabei einem kleinen Mädchen aus, das kichernd einer Wolke aus Seifenblasen hinterherjagte, die aus der Zauberstabspitze ihres Vaters quollen.

Remus ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Schließlich sagte er vage: „Früher haben wir sie oft besucht. Der Kontakt ist dann irgendwie … abgebrochen. Meine Eltern und ich haben ja auch nie hier gewohnt ..."

Er studierte die Schilder eingehend, als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt und wies dann die Straße hinauf. „Es gibt hier nur ein Gästehaus: Y Ddraig Goch. Hoffen wir das Beste."


Über der einladend geöffneten Tür des Lokals Y Ddraig Goch hing ein Holzschild, auf dem sich eine verzauberte Schnitzerei, die einen roten Drachen zeigte, wild schlängelte und von Zeit zu Zeit kleine Rauchwolken ausstieß. Tonks deutete lachend darauf, doch Remus schien in Gedanken.

Seite an Seite betraten sie das kleine Wirtshaus und gingen zum Tresen. Ein junges Mädchen mit widerspänstigen roten Locken und breitem walisischem Akzent wies ihnen zwei Zimmer im Obergeschoss zu, die sie über einer schmale Holzstiege erreichten.

Tonks' Zimmer war klein und stickig, aber das störte sie kaum, da sie ohnehin nur wenige Nächte hier verbringen würde. Sir trat ans Fenster, das auf den belebten Innenhof des Wirtshauses hinaus ging, wo viele Hexen und Zauberer saßen, Butterbier oder Met tranken und der Darbietung einer walisischen Sylphe lauschten, die eine Ballade zum Besten gab.

Beinahe sehnsüchtig sah Tonks hinunter. Diese einträchtige Versammlung von magischen Wesen und Kreaturen, die Gemeinschaft der Hexen und Zauberer berührte etwas in ihr. In ihrem bisherigen Leben hatte sie etwas derartiges nur selten erlebt. Als Kind war sie in zwei Welten aufgewachsen: Dem geordneten und ruhigen Leben ihres Muggelvaters und der komplizierten und schmerzvollen Vergangenheit ihrer Hexenmutter. Sie hatten relativ abgelegen, fern von Muggeln und Zauberern gleichermaßen, gelebt. Ihrer Eltern waren einander immer genug gewesen, nur Tonks drängte stets nach draußen, wollte mehr.

Die Gesellschaft Gleichgesinnter war es, die ihr stets gefehlt hatte und die sie zum ersten Mal in Hogwarts erfuhr. Später ging sie zu Quidditchturnieren und fing an, im Zaubereiministerium zu arbeiten, um so viel vom gesellschaftlichen Leben der Zauberer wie möglich mitzuerleben.

Aus diesem tiefen Bedürfnis rührte teilweise auch ihr Hass auf die dunklen Künste, der sie bewogen hatte, Auror zu werden. Rassismus, dunkle Magie und die beschränkte Denkweise derer, die sie gebrauchten, drohten Solidarität und Zusammenhalt in der Zaubererwelt zu zerstören, wenn niemand sie bekämpfte.

Und anders als Alastor manchmal verlauten ließ, war Tonks entschlossen, alle magischen Geschöpfe vor diesem Schicksal zu bewahren.


Es ging auf Mitternacht zu, doch die sommerliche Hitze des Tages lag noch immer über den Dächern von Harbwr Hudol.

Remus und Tonks hatten sich umgezogen und nahmen nun am Ende eines vollbesetzten Tisches im Hof des Gasthauses Platz.

Remus hatte seinen Umhang abgelegt und die Hemdsärmel hochgeschoben. Er wirkte entspannt und gelöster, als Tonks ihn bisher je erlebt hatte. Sie selbst trug das Feinste, was sie mitgenommen hatte, - eine ärmellose grüne Bluse mit Jeans – und hatte sich zur Feier des Tages eine kastanienbraune Lockenmähne wachsen lassen.

Sie beide ließen sich von der ausgelassenen Stimmung der anderen Gäste anstecken und stießen schon bald mit einem backenbärtigen, wohlgenährten Zauberer, namens Rodrick, und dessen Begleiter Phillenew auf die erfolgreiche Vertreibung der Römer an. Phillenew war ein großer muskulöser Mann, um die dreißig. Er wirkte schon leicht angetrunken und starrte die meiste Zeit leise summend in sein Glas. Doch, wenn er aufblickte, sah Tonks den Ausdruck höchster Wachsamkeit und Misstrauen in seinen Augen. Er gab sich zwar gelassen, sogar unvorsichtig, doch Tonks glaubte zu wissen, dass er etwas zu verbergen hatte.

Als sie Remus zum Tresen begleitete, um Getränke zu holen, teilte sie ihm ihre Beobachtung mit.

Er nickte bestätigend und bestellte vier Butterbier. Zu Tonks geneigt sagte er leise: „Er ist ein Werwolf."

„Was? Wie kommst du denn darauf?", wollte sie überrascht wissen.

Remus zuckte die Schultern. „Man fühlt es. Er weiß vermutlich schon, dass ich sein Geheimnis kenne. Und er kennt meines."

Tonks dachte nach. „Weiß sein Freund davon?"

Mit einem prüfenden Blick auf das ungleiche Paar, erwiderte Remus: „Ich denke nicht. Er wirkt auf mich recht unbedarft. Vermutlich kennen sie sich auch noch nicht lange."

„In Ordnung, dann müssen wir sehr diskret vorgehen, um Phillenew nicht bloßzustellen. Versuch doch mal unauffällig, mehr über die hier ansässigen Werwölfe herauszufinden.", flüsterte Tonks und schob ein paar Sickel über den Tresen.

Remus protestierte: „Nein, lass doch! Ich kann mein Bier selber zahlen."

Tonks grinste. „Das ist nicht mein Geld. Das hier ist eine streng geheime Mission und du bist mein Partner. Wir trinken auf Kosten des Miniteriums.", sie erhob ihre volle Flasche. „Auf dich!"

Nun lächelte auch Remus verschlagen und prostete ihr zu. „Auf dich!"


Die Nacht schritt voran und Phillenew trank weiter. Seine Laune besserte sich dadurch nicht, aber er redete immer mehr.

„Wisst ihr, eigentlich waren es doch die Werwölfe von Cardiff, die damals die Römer in die Flucht geschlagen haben. Und das aus gutem Grund. Der Römer fürchtet und respektiert den Wolf von jeher, von Haus aus quasi. Denken wir nur an die Entstehung Roms: Nur die beiden Knaben Romulus und Remus, die von einer Wölfin großgezogen wurden, waren zu dieser Leistung im Stande. Deshalb verehren die Römer die Wölfe. Sie bleiben aber doch etwas grundlegend Fremdes für die antiken Republikaner. So weit im Süden kommen die Tiere nur selten vor und bleiben so sagenumwobene Fabelwesen, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden."

„Worauf willst du eigentlich hinaus, Phil? Bin nicht in Stimmung für eine Geschichtsstunde.", brummte Rodrick, dessen Nase vom Alkohol rot angelaufen war.

„Der Punkt ist doch,", fuhr Phillenew unbeeindruckt fort, „dass den Werwölfen ihr Beitrag zur Geschichte hier mal wieder völlig abgesprochen wird. Als ob ein paar Barden und keltische Druiden es allein geschafft hätten, eine römische Legion aus ihrem Land zu vertreiben. Ich sage euch, es gab mal eine Zeit, da haben Werwölfe und Zauberer einträchtig zusammengearbeitet … und so soll es wieder sein."

Offenbar am Ende seines Vortrags angelangt, lehnte Phillenew sich zurück und stürzte den Rest seines Butterbiers hinunter.

Rodrick fixierte seinen Begleiter abschätzig. „Du meinst, wir sollen uns mit diesem Werwolfspack abgeben, nur weil das vor über 600 Jahren einmal gut gegangen ist? Du spinnst doch!"

Ruckartig schob er seinen Stuhl zurück und verschwand im Inneren des Ddraig Goch, vermutlich, um noch etwas zu Trinken zu holen.

Remus, der dem Gespräch mit angespanntem Gesichtsausdruck zugehört hatte, beugte sich nun zu Phillenew vor.

„Ich finde, du hast Recht. Aber was kann denn getan werden, um das Verständnis zwischen Zauberern und Werwölfen zu verbessern?"

Phillenew winkte ab. „Unter Fudge wird das sowieso nichts! Das ganze Zaubereiministerium ist durchtränkt von seinen rückständigen und werwolffeindlichen Ansichten. Da ändert sich in hundert Jahren nichts. Nee, da muss ein grundlegender Wandel her!"

Tonks horchte auf. „Und was für einer?" fragte sie nervös.

Der fremde Zauberer lehnte sich über den Tisch zu ihnen und schlug einen verschwörerischen Tonfall an.

„Ich will ganz offen zu euch sein." Als er sich Remus' und Tonks' ungeteilter Aufmerksamkeit sicher war, sprach er weiter: „Für die Werwölfe muss sich was ändern. Und zwar gewaltig! Und es gibt Leute, die uns diese Veränderungen versprechen. Leute, die die Werwölfe respektieren."

Noch leiser fuhr er fort. „Es heißt, Ihr-wisst-schon-wer sei zurück. Und das behauptet nicht nur dieser durchgeknallte Bengel mit der Narbe auf der Stirn, nein. Ich habe Leute getroffen, einflussreiche, vernünftige Leute, die dasselbe sagen. Und sie sagen auch, dass der dunkle Lord sich über jeden Werwolf freut, der ihm beim Aufbau einer neuen Ordnung helfen will."

Bedeutungsvoll sah er Remus an. Der räusperte sich vernehmlich und richtete sich ein Stück auf. „Nun, ich weiß nicht ...", Tonks trat ihm unter dem Tisch auf den Fuß. Er sollte Phillenew zustimmen und ihn so am Reden halten. Diese Informationen waren sehr wichtig für den Orden.

Remus verstand und fügte schnell hinzu: „Und wie hast du von diesen Leuten erfahren? Wo hast du sie getroffen?"

Phillenews Augen huschten zu Tonks hinüber und er sah Remus fragend an.

„Es ist gut. Sie weiß es.", sagte Remus beruhigend.

Der andere Werwolf nickte und musterte Remus anerkennend. „Ist gut, was? Wenn man eine Partnerin hat, zu der man ehrlich sein kann."

Tonks errötete bei dieser Bemerkung, doch Remus korrigierte Phillenews Irrtum nicht, sondern ließ ihn weiter reden.

„Also, es gibt ein ganzes Rudel in Cardiff.", sagte Phillenew, so als würde er ihnen ein großes Geheimnis offenbaren. „Wir versammeln uns meist eine Woche nach Vollmond in einer der alten Römersiedlungen. Natürlich treffen wir uns auch direkt bei Vollmond zur gemeinsamen Jagd, aber zu diesem Anlass ist bisher seltsamerweise noch kein Gast erschienen." sagte er ironisch und brach in heiseres Gelächter aus.

Remus verzog kurz die Lippen zu einem unechten Lächeln und bedeutete Phillenew dann, weiter zu sprechen.

„Vor etwa einem Monat war also dieser Kerl plötzlich dabei. Keine Ahnung, wer ihn mitgebracht hat, ist aber auch egal. Jedenfalls hat der von Ihr-wisst-schon-wem erzählt, von seinen Vorstellungen und seinen Zielen und so weiter. Kam gut an bei uns. Endlich mal jemand, der es wagt, die Wahrheit auszusprechen. Hat gesagt, er würde zum nächsten Treffen wiederkommen und wenn ihr wollt -", er machte eine dramatische Pause, „könnte ich euch da auch rein bringen."

Mit gönnerhafter Miene lehnte er sich zurück und wartete auf ihre Reaktion.

Remus und Tonks tauschten einen kurzen Blick. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. Sie mussten unbedingt an diesem Treffen teilnehmen, um sich ein klareres Bild von der Situation zu verschaffen. Doch sollten sie lieber nicht zu schnell zustimmen, um Phillenews Misstrauen nicht zu wecken.

Vorsichtig ergriff Tonks nun das Wort. „Was ist mit Dumbledore?"

Phillenew schnaubte verächtlich. „Was soll mit ihm sein?"

„Albus Dumbledore, der Prophet hat sich über ihn lustig gemacht, weil er behauptete, Du-weißt-schon-wer sei zurück. Scheint, als hätte er Recht gehabt." Ohne auf Phillenews zweifelnden Blick zu achten, fuhr sie mit eindringlicher Stimme fort: „Unter den Zauberern gibt es noch andere Meinungen als die des Ministeriums."

„Ach ja? Und was genau hat sich durch Dumbledore für die Werwölfe Großbritanniens verändert?", fragte Phillenew herausfordernd.

„Er hat mich als Lehrer eingestellt.", sprang Remus nun Tonks bei. „Er hat dafür gesorgt, dass ich zur Schule gehen konnte und er hat sich immer für mich eingesetzt."

„So? Hat er das? Und wie läuft's so auf der Arbeit?"

Phillenew ließ seinen hämischen Blick über Remus' altes zerschlissenes Hemd wandern.

„Deine Freundin hat das Bier bezahlt. Was ist mit deinem Job in Hogwarts? Wirft wohl nicht so viel ab?"

Tonks wollte widersprechen, doch Remus hielt sie zurück.

„Ich hab die Stelle nicht mehr.", gab er bedrückt zu.

Phillenew nickte triumphierend. „Dachte ich mir. Sobald jemand Wind davon kriegt, wer du wirklich bist, bist du ganz schnell weg vom Fenster. Der Gesetzgeber legitimiert diese Diskriminierung und die Zauberer handeln danach. Albus Dumbledore mag eine Ausnahme sein, eine einflussreiche Ausnahme meinetwegen, aber wenn man mal ehrlich ist … ist er eben auch nur ein gewöhnlicher Mann wie du und ich."

Tonks zuckte innerlich zusammen. Hatte auch sie nicht vor wenigen Tagen etwas Ähnliches gedacht?

Doch Phillenew sprach schon weiter. „Er könnte nie sein perfektes Gutmensch-Image aufgeben, nur um uns zu helfen. Er würde nie über Leichen gehen, damit sich endlich was ändert. Aber nur so kann eine langfristige Lösung herbeigeführt werden. Die Geschichte lehrt uns: Eine Revolution fordert Opfer. Und die werden wir von Albus Dumbledore sicher nie bekommen."

Er wirkte wieder vollkommen nüchtern, als er nun aufstand und Remus die Hand schüttelte. „Überlegt es euch, ihr beide.", fügte er mit einem Blick auf Tonks hinzu. „Kommt vorbei, hört euch an, was diese Leute zu sagen haben. Vielleicht werdet ihr danach so denken wie sie, vielleicht nicht. Aber auf jeden Fall werdet ihr nicht mehr so denken wie vorher."

Mit diesen Worten entfernte er sich mit schnellen Schritten von ihrem Tisch und verschwand im Ddraig Goch.


Als die beiden in den frühen Morgenstunden schließlich die Holzstiege erklommen und Tonks schon in ihr Zimmer gehen wollte, hielt Remus sie am Arm zurück.

Verwirrt sah sie ihn an. „Ja?"

Remus dachte kurz nach, bevor er sie fragte: „Sag mal, vertraust du Dumbledore eigentlich?"

„Natürlich, er hat den Orden gegründet.", antwortete Tonks sofort. Zu schnell, dachte sie bei sich.

Sie konnte Remus ansehen, dass ihre Worte ihn nicht überzeugt hatten.

„Ich … ich weiß es nicht … Wem kann man denn dieser Tage überhaupt noch trauen? Dumbledore ist ein großer Mann, das möchte ich gar nicht bestreiten. Ich weiß nur nicht immer, was ich von seinen Absichten und seinen Methoden halten soll. Die Art, wie manche ihr Leben in seine Hände legen und ihm blind vertrauen … Ich bin kein Fan von Fanatismus.", sagte sie vorsichtig.

Remus nickte und stellte dann nüchtern fest: „Aber du argumentierst mit ihm."

Tonks hob gleichgültig die Schultern. „Wenn ich die Wahl zwischen ihm, Fudge und Du-weißt-schon-wem hätte, würde ich mich natürlich für Dumbledore entscheiden. Er mag seine Fehler haben, ist aber trotz allem noch das kleinere Übel nehme ich an."

Da musste Remus lachen. „Das klingt gut. Das kleinere Übel kämpft für das größere Wohl! Wenn Tatze das hören könnte!"

Tonks sah zu Boden. „Tut mir Leid, aber anders kann ich Dumbledore im Moment einfach nicht sehen. Phillenew hat schon Recht … in mancher Hinsicht."

Remus runzelte skeptisch die Stirn. „Pass gut auf, in Zeiten des Umbruchs sollte man keine Gradwanderungen zwischen zwei völlig gegensätzlichen Meinungen wagen."

„Ich weiß.", sagte Tonks verzagt. „Aber ich fürchte, das muss ich noch so lange tun, bis ich wieder weiß, wem ich vertrauen kann. Versprich du mir nur, mich festzuhalten, falls ich abrutsche."

Mit ernster Miene nickte Remus. „Das mach ich.", versicherte er ihr und entließ sie dann in ihr Zimmer.

Bevor sie die Tür zuzog, sah er ihr in die Augen und fügte mit sanfter Stimme hinzu: „Und, Tonks ... du kannst mir vertrauen."