Zweifel

Als Tonks sich am nächsten Tag die Treppe hinunter schleppte, saß Remus bereits im Schankraum des Ddraig Goch und trank Tee.

„Morgen!", sagte er freundlich, offenbar sorgsam darauf bedacht, sein amüsiertes Lächeln zu verbergen. Er wirkte kein bisschen müde.

Tonks brummte nur zur Antwort, denn gerade war die überwältigende Wahrheit über sie hereingebrochen, dass sie in diesem traditionellen Gasthaus vermutlich keinen Kaffee bekommen würde, da dieser zumindest für die britischen Zauberer noch immer ein recht exotisches Getränk war und nicht überall in der Zaubererwelt erhältlich.

Tapfer bestellte sie stattdessen ebenfalls Tee und außerdem Eier mit Speck zum Frühstück.

„Du wirkst … ausgeschlafen.", stellte sie dann mit einem neidischen Blick auf Remus fest, der lächelnd entgegnete: „Keineswegs. Ich bin es nur gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen."

Das ergab sogar Sinn. Tonks nickte, während Remus schon weitersprach.

„Gut, ich würde sagen, wir können den letzten Abend schon mal als Fortschritt verbuchen und uns gebührend auf das Treffen am", er überlegte kurz. „ ...Samstag vorbereiten. Jedenfalls werde ich das tun. Du kannst, wenn du willst, sofort abreisen und mit dem Auftrag beginnen, der dich eigentlich herführt."

Remus leerte seine Tasse und stellte sie auf dem Tagespropheten, der vor ihm lag, ab.

Auf der Titelseite prangte mal wieder das riesige Bild eines schmächtigen Jungen im Teenageralter mit schwarzen ungekämmten Haaren, runder Brille und einer Narbe auf der Stirn.

Welche Lügen die Presse sich wohl diese Mal ausgedacht hatte, um Harry Potter und die, die ihm glaubten, möglichst lächerlich dastehen zu lassen? Und wie die Todesser diese Lügen wohl für ihre Zwecke nutzen würden?

„Ich glaube, ich bleibe doch noch ein paar Tage.", sagte Tonks überraschend.

Remus verschluckte sich an seinem Tee. „Wie bitte?"

„Phillenew wird vielleicht misstrauisch, wenn er mitkriegt, dass ich so überstürzt abgereist bin.", gab sie zu Bedenken.

Tonks begann ihr Frühstück, das gerade gebracht worden war, in sich hinein zu schaufeln.

Remus sah ihr besorgt zu und erwiderte: „Aber Tatze ist schon eine geraume Zeit in London, direkt unter der Nase des Ministeriums. Und jetzt bin ich nicht mehr da, um ihn davon abzuhalten, das Haus zu verlassen. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er sich durch irgendeine Dummheit verrät. Das Ministerium weiß nicht, dass er ein Animagus ist. Das muss unser Vorteil bleiben."

Tonks wischte sich den Mund ab und hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß, ich weiß und ich würde ihn auch nicht länger als nötig gefährden, indem ich meinen Auftrag hinausschiebe, aber … Ich glaube, dass unsere Aufgabe hier wichtiger für den Orden sein könnte, als wir anfangs dachten." Sie senkte die Stimme. „Du-weißt-schon-wer hat bereits mit dem Rekrutieren seiner Gefolgsleuten begonnen und zwar bei denen, die am Rande der Gesellschaft stehen und deshalb wenig Widerstand leisten. Wer glaubst du, sind die Nächsten? Die Riesen, die Zentauren? Wir müssen etwas tun, bevor es zu spät ist!"

„Es ist bereits zu spät, Tonks!", entgegnete Remus. „Alles, was wir hier noch tun können, ist Schadensbegrenzung. Die Werwölfe werden weder mit Fudge noch mit Dumbledore kooperieren -"

„Das kannst du doch gar nicht wissen!", fiel Tonks ihm ins Wort.

„Doch, das kann ich. Zwischen Werwölfen und Zauberern sind viele unschöne Dinge passiert. Einige wurden vom Ministerium einfach totgeschwiegen, damit das Problem nicht in das Bewusstsein der breiten Masse vordringt. Alle tun so, als wäre es in Ordnung, dass Werwölfe und viele andere Zauberwesen ein beinahe rechtloses Dasein fristen."

„Das stimmt nicht! Den Zauberern ist nicht egal, wie es dem Rest der magischen Gemeinschaft geht!" Tonks wurde langsam lauter. „Du kannst nicht einfach alle in denselben Kessel stecken und behaupten, nur weil Fudge rassistische Gesetze erlässt, handeln die Leute auch danach!"

„Doch genau das tun sie!" Nun erhob auch Remus die Stimme. Sein ganzer Körper war angespannt, so als wolle er jeden Moment aufspringen, und seine Hand lag zur Faust geballt auf dem Tisch.

„So lange die alten reinblütigen Familien noch etwas zu sagen haben und mit ihrem Geld und ihren Beziehungen das Ministerium kontrollieren, kann und wird sich daran nichts ändern."

„Mich kontrolliert keiner!", stieß Tonks beleidigt hervor.

„Du kannst es nicht sehen." Remus machte eine kurze Pause, bevor er weiter sprach. „Jedenfalls hat Phillenew nicht Unrecht, wenn er einen grundlegenden Wandel herbeisehnt. Und das Ministerium wird als erstes dran glauben müssen."

„Und du sagst, ich soll keine 'Gradwanderungen' wagen? Nun, wenn du so denkst, dann wirst du dich bei diesem Treffen ja bestens mit Phillenews neuen 'Freunden' verstehen!", fauchte Tonks. „Wer weiß, vielleicht haben sie ja noch eine Stelle frei, wo Werwölfe ihnen doch so willkommen sind."

Remus' Gesicht versteinerte augenblicklich und Tonks wusste, dass sie eine Grenze überschritten hatte.

Sofort lenkte sie ein und sagte leiser: „Nein, so meine ich das nicht. Ich will doch nur … Gib die Hoffnung nicht so schnell auf! Werwölfe und Zauberer haben noch eine Chance."

Doch Remus hörte ihr nicht zu. Sein Gesicht zeigte immer noch keine Regung und seine Faust war auf der Tischplatte erschlafft, so als hätten Tonks' Worte ihm alle Kraft entzogen.

Sie schämte sich so furchtbar, für das, was sie gesagt hatte. Vorsichtig streckte sie die Hand nach Remus' Arm aus. „Es tut mir Leid."

Remus zog seine Hand weg und stand auf. „Ich muss an die Luft.", sagte er knapp und verließ mit langen Schritten das Gasthaus.


Tonks hasste es, sich zu entschuldigen. Sie hatte Remus ja auch schon gesagt, dass es ihr Leid tat! Was sollte sie denn sonst noch tun?

Ihn indirekt als Todesser zu beleidigen, war nicht richtig gewesen, das wusste sie.

Doch er hatte sie wütend gemacht. Hatte sie provoziert, indem er die Toleranz von Zauberern und die Unabhängigkeit des Ministeriums in Frage gestellt hatte.

Niemand kontrollierte die Aurorenabteilung! Jedenfalls nicht, soviel Tonks wusste. Den Jägern schwarzer Magier war immer relativ freie Hand gelassen worden. Unter Bartemius Crouch vielleicht sogar zu frei.

Und kein Gesetz konnte ihr vorschreiben, wen sie tolerierte und wen nicht.

Solche Anschuldigungen musste Tonks sich doch nicht anhören!

Trotzdem setzte sie ihren Weg über den sonnenbeschienen Platz im Zentrum von Harbwr Hudol fort. Leere Festzelte, Tische und Bänke von der gestrigen Feier standen noch herum, hier und da lagen Überreste magischen Feuerwerks und ein paar Kinder stocherten begeistert in der bunten Asche.

Auf einmal sah sie Remus. Er saß im Schatten einer knorrigen Eiche auf einer Bank. Auch seine Augen waren auf die spielenden Kinder gerichtet, doch sein Blick wirkte abwesend.

Unsicher lieb bTonks stehen. Wollte er lieber alleine sein?

Und wenn schon! Sie hatten keine Zeit, sich zu streiten. Zielstrebig schritt sie auf ihn zu und ließ sich mit einem tiefen Seufzer neben Remus auf der Bank nieder.

„Es tut mir Leid.", sagte sie noch einmal mit Nachdruck.

Remus nickte nur. „Mir tut es auch Leid. Ich hätte dich nicht so provozieren sollen."

Tonks schwieg, denn es schien so, als wäre da noch mehr, was Remus sagen wollte.

Nach einer kurzen Weile sprach er auch. „Weißt du … Ich bin es gewöhnt, dass die Leute mich automatisch der bösen, dunklen Seite zuordnen. Das scheint ihnen bei meinem Wesen nur natürlich. Aber … ich hätte nie damit gerechnet, dass meine eigenen Freunde … dass sie insgeheim auch so denken könnten -"

Bestürzt fiel Tonks ihm ins Wort: „Das denke ich doch nicht wirklich! Das habe ich nur so gesagt. Ich war wütend und -"

„Dich meine ich gar nicht."

Verblüfft hielt Tonks inne.

„Damals, als Voldemort das erste Mal an der Macht war und wir den Orden gründeten, habe ich mich zum ersten Mal heimisch und nützlich gefühlt. Ich hatte eine Aufgabe, die dazu beitrug, meine Freunde und mich vor Bösem zu schützen. Ich wollte ihnen etwas zurückgeben, für all ihr Vertrauen, ihren Beistand und ihre Gesellschaft. Man lernt das wirklich zu schätzen, wenn … nun wenn man so ist wie ich."

Er machte eine kurze Pause und blickte hinauf in die Baumkrone, durch deren Blätterdach sich feine Sonnenstrahlen brachen und auf sein Gesicht fielen. In diesem Moment kam er Tonks jünger vor als sonst. Ganz wie der unsichere, verschlossene Junge, der er einst gewesen war, der nur unter seinen Freunden aufgeblüht und sein Potential entfaltet hatte.

Ohne sie anzusehen, fuhr Remus fort. „Ich habe meine ganze Energie in den Orden gesteckt. Aber es hat nicht gereicht. Meine engsten Freunde haben mich nicht ins Vertrauen gezogen."

Nun sah er doch zu Tonks hinüber. Tiefe Trauer lag in seinem Blick.

„Sie haben mir nichts von dem Fiedelius-Zauber gesagt, den sie über Lilys und James' Haus gelegt haben, um sie zu beschützen. Natürlich wussten nur sehr wenige davon und es ist ja auch Sinn der Sache, so wenig Leute wie möglich einzuweihen. Aber Dumbledore wusste davon, er hat schließlich den Zauber gesprochen. Und Tatze, wie könnte es anders sein. Er und James hatten keine Geheimnisse voreinander. Und dann noch … Wurmschwanz." Remus sprach den Namen aus wie eine abstoßende Krankheit.

„Weißt du ... Ich hatte immer geglaubt, wenn die beiden sich je zwischen ihm und mir entscheiden müssten, würde die Wahl auf mich fallen. Aber offenbar lag ich falsch. Lily und James glaubten, ihr Geheimnis sei bei ihm sicherer als bei mir. Dabei wussten sie, dass Peter Herausforderungen und Stress stets schlechter vertrug als ich. Was hat ihn in ihren Augen zum besseren Geheimniswahrer gemacht?"

Er sah Tonks flehentlich an, als wäre dies eine ernstgemeinte Frage.

„Was hat dazu geführt, dass ich das Haus meiner Freunde Monate lang nicht finden konnte? Dass ich als einer der letzten von ihrem Tod erfuhr? Dass Dumbledore mir erklären musste, was vorgefallen war oder zumindest das, von dem er dachte, dass es passiert war? Ganz einfach: weil sie mir nicht trauten. Sie dachten, ich sei – wie viele andere Werwölfe – dem Ruf Voldmorts gefolgt, um mich ihm anzuschließen. Sie hielten mich für einen seiner Spione im Orden, da bin ich mir sicher."

Erneut hielt er inne und sah auf den Platz zu den Kindern, die immer noch in der Sonne spielten. Bemüht, gleichgültig zu klingen, fügte er hinzu: „Aber das ist ja längst vorbei. Alles, was bleibt … Ich reagiere einfach empfindlich, wenn jemand mich und die dunklen Künste in Verbindung bringt oder glaubt, mich wegen meiner Krankheit den Todessern zurechnen zu können. Aber ich weiß, dass du es nicht so gemeint hast, also … vergessen wir das."

Er sah weg, sein Gesicht war schmerzvoll verzogen und er atmete sehr unregelmäßig und stoßweise.

Tonks war bestürzt. Unwillkürlich rutschte sie ein Stück näher zu Remus und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Sag so was nicht! Das kann nicht stimmen. Weißt du, was ich denke?"

Sie wartete, bis Remus sie ansah und ihr wirklich zuhörte. „Sie wollten dich einfach beschützen. Sie haben es vermieden, dich einzuweihen, nicht weil du ein Werwolf bist, sondern obwohl du ein Werwolf bist. Einer, der ihnen sehr wichtig war."

Remus kniff die Augen zusammen. „Ergibt das Sinn?"

„Sehr viel. Deine Krankheit machte dich nicht weniger vertrauenswürdig, sicher nicht. Aber sie machte dich angreifbar. Du warst in dieser Situation verwundbarer als andere."

„Voldemort hätte von mir aus der ganzen Welt erzählen können, was ich bin! Ich hätte ihn nicht gehindert. Nie hätte ich deshalb meine Freunde verraten!"

Tonks schüttelte traurig den Kopf. „Das denke ich auch nicht. Aber was, wenn er dich gefangen hätte? Dir den Wolfsbanntrank verwehrt hätte? Gedroht hätte, dich bei Vollmond mitten in einer Großstadt freizulassen?"

Remus erbleichte. „Das … nein. Ich könnte mich nicht wehren." Er schluckte schwer.

„Hälst du das für möglich? Meinst du Lily und James wollten mich vor diesem Schicksal bewahren?"

„Ich kann es mir nicht anders vorstellen."

Remus' Gesichtsausdruck ließ eine große innerliche Zerrissenheit ahnen. Tonks sah, wie gern er ihr glauben wollte, es aber nicht konnte.

Sie musste ihn überzeugen. Remus Lupin war kein schlechter Mann, das wusste Tonks.

Sie fasste sich ein Herz und sagte: „Und weil nicht nur sie, sondern auch ich dir vertrauen, werde ich deinen Rat befolgen. Ich … werde schon heute abreisen, um meinen Auftrag zu erledigen. Wenn du das für besser und richtiger hälst, möchte ich es nicht länger aufschieben."

Überrascht und erleichtert fragte Remus: „Woher der Sinneswandel?"

Tonks sagte schlicht: „Ich glaube an dich. Und das solltest du auch."