Die Mission

„Wo wirst du unterwegs unterkommen?", wollte Remus besorgt wissen, während er Tonks in den Innenhof des Ddraig Goch begleitete.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich darf keine Spuren hinterlassen, weshalb ich magische öffentliche Orte so viel wie möglich meiden werde. Ich denke, ich verlege mich eher auf Muggelhotels und im Notfall", sie klopfte auf ihren prall gefüllten Rucksack, „habe ich noch das Zelt von Mr. Perkins dabei. Es hat während der letzten Quidditchweltmeisterschaft etwas gelitten, aber es wird schon gehen."

Remus nickte. Er schien einerseits erleichtert über ihre baldige Abreise, andererseits auch um ihr Wohlergehen besorgt.

„Warum apparierst du nicht? Oder benutzt das Flohnetzwerk? Fliegen kommt mir sehr unsicher vor, so ganz allein."

Tonks stieg auf ihren Komet 260 und entgegnete: „Ich weiß ja noch nicht mal genau, wo ich hin will. Und Alastor sagt, das Flohnetzwerk wird höchstwahrscheinlich vom Ministerium überwacht. Kingsley darf auf keinen Fall Wind davon kriegen, dass ich verschwinde."

Unglücklich stimmte Remus ihr zu. Er streckte ihr die Hand zum Abschied entgegen, zog sie dann aber in eine feste Umarmung, die Tonks beinahe den Atem raubte. „Pass auf dich auf.", flüsterte er eindringlich.

Sie lachte. „Wer verbringt die Woche mit Werwölfen, du oder ich?" Als sie Remus' angespannten Gesichtsausdruck sah, wurde sie wieder ernst. „Ich komme Ende der Woche wieder und sehe wie alles läuft, ja? Unter keinen Umständen möchte ich dieses Treffen versäumen. Halt mir einen Platz frei!"

„Immer.", antwortete Remus trocken.

Tonks lächelte ihm ein letztes Mal aufmunternd zu und stieß sich vom Boden ab.

Ihr Rucksack, den sie am unteren Ende ihres Besens befestigt hatte, schlingerte bedenklich, blieb jedoch wo er war.

Schnell gewann sie an Höhe und konnte Harbwr Hudol bald nur noch als kleinen, bunt schillernden Fleck unter sich ausmachen.

Das Herz schlug Tonks bis zum Hals, während sie – tief über ihren Besenstiel gebeugt – beschleunigte und gen Norden raste.


Es war bereits später Nachmittag, als Tonks ihr vorläufiges Ziel – eine kleine Stadt nahe der schottischen Grenze – erreichte. Sie hatte beinahe die gesamte Strecke über den Wolken zurückgelegt, um nicht gesehen zu werden. Sie hätte auch einen Desillusionierungszauber auf sich anwenden können, aber den so lange aufrecht zu erhalten, hätte sie noch mehr geschwächt, als die Kälte, die sie so weit oben umfing.

Beim Landen spürte sie einen unangenehmen Druck auf den Ohren und am Boden angekommen, musste Tonks sich erst mal auf den dicht bemoosten Waldboden setzen, um sich von der Anstrengung zu erholen.

Fliegen und Quidditch waren für sie das Größte, doch für längere Reisen taugte das Fortbewegungsmittel eigentlich nicht, wie sie nun mal wieder feststellen musste.

Nachdem sie einige große Schlucke Kürbissaft getrunken hatte und der unangenehme Druck in ihrem Kopf abnahm, setzte sie sich auf und sah sich um. Der Wald, den sie ausgewählt hatte, um verborgen vor Muggelaugen zu landen, entpuppte sich eher als lichter Kiefernhain. Tonks konnte durch die rar gesäten Baumstämme ein paar Felder und Wiesen und in nicht allzu großer Entfernung auch einen Kirchturm ausmachen.

Sie stand auf, schulterte ihren Rucksack, versteckte ihren Besen in einem holen Baum und belegte diesen vorsichtshalber mit simpler Muggelabwehr.

Sie überprüfte Gesicht und Haare noch einmal in ihrem Handspiegel – sie sah ähnlich langweilig aus wie damals auf ihrer U-Bahnfahrt mit Alastor – und machte sich dann auf den Weg zu dem Städtchen.

Ein Feldweg mit breiten Spuren, die – wenn sie nicht alles täuschte – von einer Art sehr großem Auto stammen mussten -, führte Tonks in etwas mehr als einer halben Stunde ins Zentrum des Dorfes, das laut einem Schild am Ortseingang 'Loarville' hieß.

Zu Tonks' großer Erleichterung gab es einen Pub, der auch Fremdenbetten anbot.

„Ohne Frühstück und Bad und Heizung kost' extra.", nuschelte ein gelangweilter Junge mit Akne, der hinter dem verschrammten Tresen hockte und einen Kaugummi im Mund herum schob. Tonks nickte nur, wieso sollte sie im Sommer eine Heizung brauchen? Nachdem sie ihm die lächerlichen Scheine, die Muggel als Geld bezeichneten, ausgehändigt hatte, erhob er sich und schlurfte ihr voran in ein muffig riechendes Hinterzimmer, in dem er ein klappriges Schlafsofa aufbaute und mit einem fadenscheinigen Laken bezog.

„Bitt'schön, gnädige Frau.", murmelte er und schlich wieder hinaus.

Tonks hielt sich nicht lange mit Auspacken auf, sondern durchsuchte ihren Rucksack zunächst nach der Tüte mit den gefälschten Hinweisen auf Sirius' Anwesenheit.

Etwas eklig fand sie den Beutel voller Haare, Bartstoppeln, Federn von Seidenschnabel und anderen wenig appetitlichen Spuren ihres Großcousin schon, aber er war unverzichtbar, wenn Tonks den überzeugenden Unterschlupf eines gesuchten Massenmörders gestalten wollte.

Mit Umhängetasche und Zauberstab verließ Tonks den Pub wieder und folgte einigen Schildern, die auf die nahe gelegene Loar-Schlucht hinwiesen. Dieser Ort schien Tonks geeignet, um nach einer einsamen Höhle oder einer verlassenen Hütte Ausschau zu halten.

Auf ihrem Weg durch die kleine Stadt und auch später auf den schmalen Wanderpfaden, die sich auf einer öden Hochebene schlingelten, traf Tonks nur vereinzelte Muggel, die alle mit dem gleichen offensichtlichem Ehrgeiz Aktentaschen trugen, in kleine Apparate sprachen, Kinderwägen schoben, Hunde an Leinen herum schleiften und in grellster Sportbekleidung seltsame Gehstöcke schwangen, die sie zum Laufen gar nicht zu benötigen schienen.

Als die Gegend langsam unwirtlicher wurde und immer weniger Menschen unterwegs waren, begann Tonks vom Weg abzuweichen und sich über rasch höher werdende Felsen und Geröllhaufen hinwegzusetzen. Schließlich gelangte sie auf einen kleinen Berg, von dem aus sie sowohl das Dorf als auch die wenig beeindruckende Loar-Schlucht sehen konnte. Sie begann sich nach einem Versteck umzusehen. In einer kleinen Senke fand sie tatsächlich einen breiten Riss in der vertrockneten Erdkruste. Wurzeln der umstehenden Kiefern verdeckten ihn fast und er schien beinahe vollständig mit den Nadeln der Bäume und Tierkot gefüllt zu sein.

Mit einigen kleineren Spreng- und Aushölzaubern räumte Tonks den Spalt leer und vergrößerte ihn so, dass sie hinein kriechen konnte. Drinnen begann sie mit ihrer Arbeit: Sie entrümpelte den Hohlraum, richtete eine provisorische Schlafstätte ein, auf der sie großzügig die Spuren aus ihrer Beweistüte verteilte und hinterließ rund um das nun gut sichtbare Loch sowohl Huf- als auch riesige Vogelspuren, die Seidenschnabel verraten sollten.

Als es schon anfing zu dämmern, kroch Tonks ein letztes Mal in die Höhle und begutachtete ihr Werk. Es sah so aus, als hätte Sirius zumindest wenige Nächte hier verbracht. Die Hinweise waren zwar etwas auffällig - sie war sich sicher, dass ein gesuchter Massenmörder mehr Vorsicht bei der Verwischung seiner Spuren hätte walten lassen – doch alles in allem war sie zufrieden.

Jemanden, der nicht wusste, dass Sirius Hilfe von jemandem innerhalb des Ministeriums hatte, würde es täuschen.

Tonks klopfte sich Erde und Moos von den Kleidern, rieb sich die Hände an der Hose ab und verwischte zuletzt noch ihre eigenen Spuren mit einem Verbergungszauber.

Dann machte sie sich an den Abstieg.


Gut eine Stunde später kehrte Tonks verschwitzt und mit Kiefernnadeln im Haar ins Dorf zurück. Dunkelheit hatte sich über die menschenleeren Straßen gelegt und auch in dem Pub, in dem Tonks das Zimmer bezogen hatte, war nicht mehr viel los.

Dem Jungen hinter dem Tresen, den sie schon kannte, fiel bei ihrem Anblick die Kinnlade herunter.

„Sind sie überfallen worden, M'am?", fragte er schockiert.

Tonks schüttelte den Kopf und bestellte ein großes Glas Wasser und etwas zu essen.

„Wir ham' nur Fritten.", sagte der Junge entschuldigend.

Tonks dachte kurz nach. Handelte es sich hierbei um ein schottisches Nationalgericht oder waren diese 'Fritten' etwas ganz normales in der Muggelwelt? Der Junge schien Letzteres vorauszusetzen, weshalb sie schulterzuckend nickte.

Während sie auf den labbrigen, fetttriefenden Stäbchen, die entfernt an Kartoffeln erinnerten, herum kaute, musterte der Junge sie mit einer Mischung aus Mitleid und Misstrauen.

Nachdem Tonks aufgegessen hatte, lehnte er sich zu ihr und sagte leise: „Wenn 'se wollen, könn' 'se schon das Bad im oberen Stock benutzen. Ich hol ihn' solange ordentliches Bettzeug."

Offenbar war er doch besser für seinen Job geeignet, als Tonks angenommen hatte. Dankbar lächelnd folgte sie dem Jungen eine Treppe hinauf in ein kleines sauberes Badezimmer, wo sie sogar ein ausgefranstes Handtuch und ein Stück Kernseife erhielt.

Unter dem dünnen Rinnsal, das der Junge als Dusche bezeichnet hatte, entspannte Tonks sich ein wenig. Ihre Glieder schmerzten von dem langen Flug und ihrer beschwerlichen Klettertour. Bei der Vorstellung, noch mehrere Wochen, vielleicht Monate, so weiter zu machen, verließ sie der Mut. Sie musste kürzere Strecken zurücklegen, um sich nicht zu übernehmen, aber gleichzeitig darauf achten, dass Kingsley auf seiner Jagd auf Sirius schnellstmöglich weit weg von London kam.

Als der Wasserstrahl sich spürbar abkühlte und der Wasserdruck aus der Leitung begann dem von Nieselregen zu ähneln, stieg Tonks aus der kleinen Wanne und trocknete sich ab.

Sie überlegte, was Remus wohl gerade tat. Baute er schon jetzt Beziehungen zu den Werwölfen von Cardiff auf, um sie zu unterwandern? Hatte Phillenew bereits gemerkt, dass sie weg war? Welche Erklärung war Remus dafür eingefallen?

Ohne eine Eule oder einen Kamin mit Anschluss ans Flohnetzwerk, war es Tonks unmöglich Kontakt mit ihm aufzunehmen, ganz abgesehen davon, dass sie beschlossen hatten, einander nur im äußersten Notfall zu benachrichtigen.

Ganz allein in dem dunklen Zimmer auf dem unbequemen Sofa, das nun dankenswerterweise frisch bezogen und mit Decke und Kissen versehen war, fühlte Tonks sich sehr einsam. Ohne Bill oder wenigstens Remus im Nachbarzimmer war ihr, als hätte sie keinen Freund auf der Welt.

Sie sehnte beinahe das Werwolftreffen herbei, zu dem sie nach Cardiff zurückkehren würde.

Sie hoffte sehr, dass Remus es sich bis dahin nicht mit seinen Artgenossen verscherzte.

Würde es ihn verändern, wenn er so viel Zeit mit ihnen verbrachte? Tonks hoffte es nicht.

Remus mochte seine Empfindlichkeiten und griesgrämigen Stunden haben, aber er war auch witzig und klug und einer der anständigsten Menschen, die Tonks kannte. Ebenso wie Sirius war er ihr in den letzten Tagen eng ans Herz gewachsen.

Gähnend drehte sie sich um und schloss die Augen. Langsam übermannte sie der Schlaf und erlöste sie aus ihrer Einsamkeit.


Das Frühstück am nächsten Morgen war ähnlich enttäuschend wie die 'Fritten' vom Vortag.

Daniel – Tonks kannte nun den Namen des Jungen, der hier arbeitete – hatte zwar großzügig die bunten Kringel, die er zusammen mit Milch verspeiste, mit Tonks geteilt, doch das machte sie noch lange nicht lecker. Sie hatte das Gefühl ewig auf der künstlichen süßen Matsche herum zu kauen.

Nachdem Tonks schließlich doch ihre Portion aufgegessen hatte, legte sie Daniel Trotzdem noch ein – wie sie hoffte – großzügiges Trinkgeld hin. Seine Augen weiteten sich erfreut, so als bekäme er nicht oft Lob für seine Arbeit. Gierig steckte er die Münzen ein und begleitete Tonks zum Ausgang.

„Viel Glück noch! Machst du so was wie 'Work&Travel'?", wollte er zum Abschied noch wissen.

„Hab ich mir nämlich auch mal überlegt … bin schon ein Jahr fertig mit der Schule. Ist aber nicht leicht, aus diesem Kaff raus zu kommen." Er klang deprimiert.

Tonks hatte keine Ahnung, wovon er sprach, legte ihm aber ermutigend die Hand auf die Schulter und riet ihm: „Geh doch ins Ausland! Man lernt wirklich viel und auch wenn es sich in meinem Fall hauptsächlich um 'Work' handelt, glaube ich, dass diese Reise mich weiterbringen wird. Versuch es! Viel Glück!"

Sie gaben sich die Hände. Tonks schirmte ihre Augen mit der Hand gegen die helle Sonne ab, die bereits so früh am Tag eine außergewöhnliche Strahlkraft entwickelt hatte.

Daniel, der mit einem Besen in der Hand in der Tür des kleinen Pubs lehnte, sah ihr zu. „Schönes Wetter, nicht wahr?"

Tonks nickte und verschwand winkend hinter dem nächsten Häuserblock.

Ihre Arbeit in Loarville war noch nicht beendet. Erst musste sie noch ein wenig Aufsehen erregen. Sie versteckte sich hinter ein paar Mülltonnen und begann ihre Gestalt zu verändern. Sie vergrößerte sich um ein paar Zentimeter, verbreiterte ihre Schultern und ließ sich sowohl eine lange dunkle Haarmähne als auch einen Dreitagebart wachsen.

In ihrem Taschenspiegel überprüfte sie das Ergebnis. Sie sah nicht hundertprozentig aus wie ihr Großcousin, dazu fehlten ihr die vielen feinen Narben und seine Augenringe. Aber jemand, der sie nur flüchtig sah, würde den Unterschied nicht bemerken.

Sie wusste, dass Kingsley den Premierminister der Muggel über die etwaige Gefahr, die von Sirius Black ausging, informiert und gewarnt hatte. Das Bild und der Name des vermeintlichen Massenmörders waren deshalb auch Muggeln ein Begriff. Jedenfalls, wenn sie in dieser verlassenen

Gegend überhaupt so etwas wie Informationen aus der Außenwelt empfingen.

Vorsichtig spähte Tonks um die Ecke, um zu sehen, ob schon genug Muggel unterwegs waren, damit sich die Aktion lohnte. Auf dem Marktplatz, an dem auch Daniels Pub lag, waren gerade Gemüsehändler dabei, ihre Stände aufzubauen. Ein paar Passanten mit gewichtigen Mienen eilten, offenbar auf dem Weg zur Arbeit, vorbei und an den Fenstern erschienen hier und da ältere Frauen, die Bettzeug oder Teppiche ausschüttelten.

Das musste reichen. Tonks bereitete sich innerlich darauf vor, gleich das Geheimhaltungsabkommen aufs Schärfste zu verletzen. Sie zielte mit ihrem Zauberstab auf die Straße, sorgfältig darauf bedacht, bloß niemanden zu treffen.

Sie sandte einen schwachen Sprengzauber auf den halbleeren Platz los und sprang aus ihrer Deckung. Die Menschen schrien, als ein Loch in ihrer Mitte aufbrach, Staub und Steine in alle Richtungen flogen und Tonks im Zentrum des Chaoses auftauchte. Aus ihrem Zauberstab stoben grüne Funken, die den Menschen nichts anhaben konnten, aber dennoch beeindruckend und angsteinflößend aussahen.

Tonks fühlte sich elend, als sie sah, wie die Menschen panisch vor ihr zurückwichen und mit den Fingern auf sie deuteten. Doch sie musste es zu Ende bringen. Um die Show perfekt zu machen, apparierte sie zu einem der halb aufgebauten Stände und griff sich ein paar Äpfel und Eier aus den Körben. Nun kam sie sich verrucht genug vor und drehte sich mit wehenden Haaren auf der Stelle, um zu verschwinden.

Sie apparierte Sekunden später in dem kleinen Kiefernhain, wo sie ihren Besen zurückgelassen hatte. Hastig öffnete sie das Versteck und zerrte ihren Komet 260 heraus. Sie schüttelte sich und sah an sich herunter. Ihr schmaler Körper war wieder der ihre.

Erleichtert, wieder sie selbst zu sein, schwang sie sich auf den Besen, um an diesem Morgen so viel Strecke wie möglich zwischen sich und Loarville zu bringen.

Wenn das Zaubereiministerium in wenigen Stunden Wind von den Vorfällen bekam und mit einer Schar von Vergiss-michs und anderen Beamten des Magische Unfallumkehr-Kommandos anrückte, wollte Tonks schon weit weg sein.