Wiedersehen
So oder so ähnlich verliefen auch Tonks weitere Zwischenstops. Sie wählte stets kleinere, unscheinbare Dörfchen, möglichst in Waldnähe und möglichst nur bewohnt von Muggeln.
Wenn es ein Hotel gab, nahm Tonks sich ein Zimmer und sonst nächtigte sie in Perkins' altem Zelt, das seit der Quidditschweltmeisterschaft nicht mehr nach Katze sondern Rauch stank. Sie verbrachte meist nur eine, maximal zwei Nächte an einem Ort, bevor sie weiterflog. Tonks hätte nicht gedacht, wie sehr sie das auf die Dauer schlauchen würde.
Als sie sich Ende der Woche im Badezimmerspiegel des billigen Motels, in dem sie untergekommen war, betrachtete, erkannte sie sich selbst kaum wieder. Sie war blass und hatte Ringe unter den Augen, die sich nur durch ihre nächtlichen Ausflüge in die umliegenden Wälder und ihre zahlreichen Transformationen erklären ließen. Ihr moosgrünes Haar hing lustlos und schlaff herunter und ihre Fingernägel starrten vor Dreck.
Sie musste sich dringend erholen. Fürs erste würde sie ihre Mission sowieso ruhen lassen, um zu Remus nach Cardiff zurückzukehren.
Tonks freute sich auf das kleine, gemütliche Zimmer im Y Ddraig Goch, auf ein paar Tage in ihrem eigenen Körper und vor allem auf ein unbeschwertes Gespräch mit jemandem, den sie nicht anzulügen brauchte.
Diese Aussicht war so ermutigend, dass es ihr gelang, ein Lächeln aufzusetzen und ihren Haaren einen etwas unauffälligeren Ton zu verleihen.
Mit den Gedanken bei Remus schlang sie das labbrige Rührei im Café nebenan hinunter und machte sich dann pfeifend auf den Weg in den Wald.
Ihren Comet 260 hatte sie dieses Mal in Ermangelung eines guten Verstecks, vergraben müssen. Sie schwor sich, das nie wieder zu tun, nachdem sie ihn endlich wiedergefunden hatte und nun Erde und Wurzelstückchen aus seinem Schweif zupfte.
Endlich bereit, stieg Tonks auf ihren Besen und stieß sich vom Boden ab. Etwa auf zwanzig Metern Höhe aktivierte sie ihren Kompasszauber und begann ihren Flug Richtung Süden.
Am späten Abend sah Tonks in der Ferne die funkelnden Lichter der lebendigen Hafenstadt. Da es von oben unmöglich war, das Viertel Harbwr Hudol auszumachen, wagte Tonks sich ein Stück hinunter. Doch sie konnte immer noch nichts von dem bunten Treiben der Zauberergemeinde erkennen. Vermutlich lag eine Art Zaubernebel über den Straßen, der die Gegend auch von oben vor neugierigen Blicken schützte. Seufzend beschloss Tonks unauffällig irgendwo anders zu landen, um das Viertel zu Fuß zu erreichen.
Sie erspähte eine dunkle Seitenstraße, ging ein paar Meter tiefer und stürzte sich dann in einen halsbrecherischen Sturzflug. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie den Boden erreicht. Langsam und weniger risikoreich zu landen, hätte sie vermutlich verraten. Allein die Tatsache, dass sie einen Besen mit sich führte, war auffällig genug. Keiner der Muggel musste wissen, dass der Besen auch noch fliegen konnte.
Wie gewöhnlich schaffte sie es jedoch nicht, einigermaßen elegant und geräuschlos am Boden aufzukommen. Ungestüm krachte sie in eine Ansammlung übel riechender Mülltonnen, deren Deckel scheppernd davon rollten. Eine magere Katze fauchte sie an und stolzierte mit stolz erhobenem Schwanz von dannen. Tonks fluchte leise und rappelte sich auf.
Da hörte sie auf einmal ein Geräusch ganz in ihrer Nähe. Die Ziegelwand vor ihr schien kurz vor ihren Augen zu verschwimmen. Ein Windhauch fuhr über ihre Haut. Erschrocken schnappte Tonks nach Luft und nahm einen seltsamen Geruch wahr, der so gar nicht in ihre schmutzige Umgebung passen wollte, ihr aber vertraut vorkam.
Einen Moment später war es auch schon wieder vorbei. Tonks war allein in der dunklen Gasse. Sie schüttelte den Kopf. Vermutlich war gar nichts gewesen. Sie war müde und hungrig, mehr nicht. Schaudernd langte sie nach ihrem Besen, den sie vor Schreck hatte fallen lassen, und machte sich auf den Weg.
„Schau mal, Remus! Deine kleine Freundin ist wieder da!"
Tonks fuhr heftig zusammen, als Rodricks laute tiefe Stimme sie empfing, kaum dass sie den Gasthof betreten hatte. Er saß zusammen mit anderen an einem Tisch am leeren Kamin. Remus, der Tonks den Rücken zugewandt hatte, drehte sich nun um und sah sie an.
Er wirkte gestresst, doch bei ihrem Anblick entspannten sich seine Züge. Sofort stand er auf und schlenderte auf sie zu.
Tonks war etwas verlegen. Sie wusste nicht, ob sie ihm einfach nur die Hand geben sollte oder ihn doch mit einer Umarmung begrüßen. Unschlüssig lächelte sie und machte eine vage Bewegung in Lupins Richtung, stolperte dabei über einen großen Wolfshund, der am Boden lag und schlief, und stürzte direkt in Remus' Arme. Der fing sie lachend auf, stellte sie wieder auf die Füße und sagte schlicht: „Hallo."
Tonks wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. „Tut mir Leid, äh … ich meine … Hallo und … wie geht's so? … Oder nicht?"
Offensichtlich amüsiert über ihre Stotterei, nahm Remus ihr fürsorglich den Rucksack ab.
Seinen Freunden am Kamin rief er noch zu: „Bin gleich wieder da!", bevor er gemeinsam mit Tonks auf die Gartentür zusteuerte. Anerkennendes Lachen und Pfiffe waren die Antwort. Tonks machte sich ganz klein.
Gemeinsam verdrückten die beiden sich in eine ruhige Ecke des Innenhofs.
Nun hatte Tonks zum ersten mal die Chance, Remus richtig anzusehen. Er sah gut aus, irgendwie lebendiger als noch Anfang der Woche. Ob das am Zusammensein mit seinen Artgenossen lag oder daran, dass er sich immer noch von seiner Verwandlung erholte, konnte Tonks nicht sagen.
Auch er musterte sie aufmerksam mit sorgenvoll gerunzelter Stirn. „Du siehst blass aus.", stellte er schließlich fest.
Tonks zuckte nur die Schultern. Sie wollte ihm nicht erzählen, wie hart und anstrengend ihre Woche gewesen war, sonst hielt er sie womöglich für ein Weichei. Nicht, dass es wichtig war, was er von ihr dachte, aber trotzdem …
Ohne auf seine Wort einzugehen, fragte sie: „Wie geht's dir? Wie bist du hier voran gekommen?"
Remus grinste vielversprechend. „Sehr gut. Vielleicht ist hier doch noch etwas zu retten. Ich werde dir alles erzählen … Aber du solltest dich erst mal hinlegen. Und essen, die machen hier einen ganz hervorragenden Schokoladenkuchen!", berichtete er mit leuchtenden Augen.
Tonks schmollte ein wenig bei der Vorstellung, dass Remus die ganze Woche hier im gemütlichen Ddraig Goch verbracht, sich gut unterhalten und Schokoladenkuchen gegessen hatte.
Sie hingegen hatte eindeutig den anstrengenderen Auftrag erhalten und war zu allem Überfluss auch noch allein unterwegs gewesen.
Dennoch konnte sie Remus nicht böse sein. Er wirkte gelöster, als sie ihn je zuvor erlebt hatte und ein Teil von ihr versuchte sich einzureden, dass das an ihrer Rückkehr lag.
So als hätte er ihre Gedanken gelesen, lächelte Remus sie schüchtern an und sagte: „Es war eine lange Woche ohne dich ..."
Sofort versöhnt strahlte Tonks zurück. „Du hast mir auch gefehlt."
Remus wurde rot. Kurz angebunden schnappte er sich Tonks' Gepäck und lief ihr Richtung Haus voraus. „Am besten, du ruhst dich erst mal aus. Dann reden wir weiter."
Etwas enttäuscht über seine kühle Reaktion folgte Tonks.
