Keine Angst vor Werwölfen?
Dunkelheit senkte sich über die verlassene Römersiedlung.
Feuchter Nebel kroch zwischen den umstehenden Bäumen hervor und löste die erdrückende Hitze des Tages ab. Nur noch ein schwaches Glitzern der blutroten Sonne war zwischen den dicht stehenden Stämmen zu erkennen. In einem nahe gelegenen Tümpel hörte man vereinzeltes Quaken und eine Schar Grillen hob zu einem nächtlichen Konzert an.
Tonks schüttelte sich und wischte genervt eine aufdringliche Mücke von ihrem Handgelenk. Die Viecher waren überall und sie konnte sich nicht an den praktischen Zauberspruch erinnern, der sie ihr vom Leib halten würde.
Remus hingegen schien keinen Ärger mit Ungeziefer zu haben. Die Tiere mieden ihn offenbar wie die Pest. Tonks fragte sich, ob das mit irgendeinem Zauber oder seiner Krankheit zusammenhing.
Doch obwohl Remus weder die Insekten noch die Hitze, allem Anschein nach, zu schaffen machten, lagen Sorgenfalten auf seiner Stirn und er wirkte alles andere als glücklich.
„Hör mal, vielleicht war das hier doch nicht so eine gute Idee. Ich kann mir vorstellen, dass viele der anderen nicht besonders erfreut darüber sein werden, dich hier zu sehen."
Tonks zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Bin ich so offensichtlich kein Werwolf?", fragte sie herausfordernd, während sie gleichzeitig ihre Augen in einer hellen Bernsteinfarbe aufleuchten ließ.
Remus musste lächeln. „Man merkt es.", war seine knappe Antwort.
Blitzschnell streckte er die Hand aus, um mit vielsagendem Blick ein weiteres Insekt von Tonks nackter Schulter zu verscheuchen. Überrascht keuchte sie auf, doch bevor sie sich an die plötzliche Nähe und Remus' ungewöhnlichen Geruch gewöhnen konnte, hatte er seinen Arm auch schon wieder zurückgezogen.
„Ach was, Phillinew weiß über mich Bescheid und so wie du das erzählt hast, gehören die hier ansässigen Werwölfe nicht zu der aggressiven Sorte.", entgegnete Tonks schnell, um ihren Moment der Unsicherheit zu überspielen.
„Um die war ich ehrlich gesagt auch nicht besorgt. Es ist mehr der Besuch, den sie heute Abend erwarten." Tonks fiel auf, wie sorgsam Remus darauf bedacht war, nicht das Wort 'Todesser' zu verwenden.
Beruhigend legte sie eine Hand auf seinen Arm. „Es ist mein Job, mich mit solchen Leuten herum zu schlagen. Dafür bin ich ausgebildet und zufällig ...", sie warf stolz den Kopf in den Nacken, „ist mein Lehrer ein Auror der Spitzenklasse."
„Der sich nun schon seit zwei Wochen von seiner Schülerin an der Nase herum führen lässt? Ich verstehe nicht, wo da der Spitzenaspekt liegen soll.", gab Remus grinsend zu Bedenken.
Tonks verdrehte die Augen. „Das mal außer Acht gelassen. Abgesehen davon könnte meine Vorbereitung auf dieses Treffen gar nicht besser sein. Ich finde eher, dass du hier Gefahr läufst, mit schwarzer Magie in Kontakt zu kommen, der du vielleicht nicht gewachsen bist!", neckte sie ihn.
Mit gespielter Entrüstung verschränkte Remus die Arme.
„Ich bin topfit. Ich habe ebenfalls Verteidigung gegen die dunklen Künste studiert, falls du das vergessen haben solltest."
„Auf Lehramt!" Lachend zückte Tonks ihren Zauberstab. „Wenn du glaubst, es mit einem Auror aufnehmen zu können, dann zeig mal, was du kannst!", rief sie angriffslustig.
Remus Augen weiteten sich überrascht, bevor er abwehrend die Hände hob und sich lachend verteidigte: „Ich habe nie gesagt, ich könnte es mit dir aufnehmen. Vielleicht mit ein paar dahergelaufenen Hinkepanks oder Rotkappen, aber doch nicht ..."
„Und wenn schon, ich will es wissen!" Tonks war nicht mehr zu stoppen. Zu lange hatten ihre Duellierfähigkeiten auf Kosten langweiliger Büroarbeit brach gelegen.
Sie sandte zu Beginn einen einfachen Lichtstrahl ohne magische Wirkung in Remus' Richtung, um seine Reflexe zu testen. Er wich dem Zauber mühelos aus und Tonks konnte sehen, wie nun auch in seinen Augen so etwa wie Kampfgeist erwachte.
Mit gezückten Zauberstäben umkreisten sie sich langsam, ohne einander auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Wiederum war es Tonks, die das Duell mit einem wohlplatzierten aber harmlosen Kitzelfluch eröffnete.
Remus schützte sich mit einem Protego-Schild und antwortete fast im selben Augenblick mit einer Salve kleinerer dicht aufeinander folgender Zauber, die Tonks hastig abwehrte.
Sie vollführten noch weitere solcher Schlagabtäusche, sandten einander ungefährliche kleine Flüche zu, um den Kampfstil des anderen zu ergründen.
Doch schließlich spürte Tonks einen weitaus machtvolleren Fluch an ihren Schutzschild prallen. Sofort verstärkte sie ihre magische Abwehr und erwiderte den Angriff mit einem Schock-Zauber, von dem sie allerdings schon wusste, dass Remus ihn abblocken würde. Er hatte eine hervorragende Abwehr.
Tonks wünschte, sie hätte in den Legilimentikstunden während ihrer Ausbildung besser aufgepasst, dann wüsste sie nun, wie sie Remus überlisten musste.
Doch sie hatte kaum Zeit, diesen Gedanken zu fassen, denn ein weiterer Angriff von Remus – ein starker Schock-Zauber – trieb sie ein Stück zurück. Prombt stolperte Tonks über eine Wurzel und fiel hin.
Für einen kurzen Moment sah sie Bestürzung in Remus' eben noch so entschlossenem Gesicht aufblitzen und wusste auf einmal ganz genau, wie sie ihn besiegen konnte.
Während sie einen halbherzigen Vergeltungsschlag losschickte und wieder auf die Füße kam, achtete sie darauf, sich immer weiter von Remus zu entfernen.
„Wo willst du denn hin?", rief er lachend.
Da er sich im Vorteil glaubte, wurden seine Zauber immer kraftvoller und seine Abwehr begann nachzulassen.
Doch Tonks wusste, dass er sie jederzeit in Sekundenschnelle wieder hochziehen konnte, weshalb sie nicht versuchte, ihn mit einem ihrer Zauber tatsächlich zu erreichen. Sie tat so, als würde sie langsam ermüden, wischte sich unnötig oft den Schweiß von der Stirn und wich immer weiter vor ihrem Kontrahenten zurück.
„Du weißt schon, dass Weglaufen eher schlechter Stil ist, oder?", spottete Remus irgendwann, als Tonks ihn schon ein gutes Stück in den dichteren Wald gelockt hatte.
Sie gab ihm nur ein unzufriedenes Schnauben zur Antwort und wusste, dass sie gleich zuschlagen konnte.
Unvorsichtig durch seine bisherigen Erfolge hatte Remus zwar nicht seinen magischen Schild aber seinen physischen Schild sinken lassen. Die Distanz zwischen ihm und Tonks war zu groß als dass er mit einem körperlichen Angriff rechnen musste. Darauf war er nicht vorbereitet, da er nicht glaubte, dass Tonks ihre Taktik ändern würde.
Ein großer Fehler.
Auf einmal brach Tonks ihre Flucht ab, wirbelte herum und stand mit zwei langen Sätzen direkt vor Remus' ausgestrecktem Zauberstab.
Er zuckte überrumpelt zurück und dieser kurze Moment genügte Tonks, um seinen schwachen, weil hastig aufgebauten, Körperschild zu durchbrechen und ihm mit triumphierender Miene den Zauberstab aus der Hand zu pflücken.
Sie stand nun so nah vor ihm, dass sie seine vor Anstrengung stark pulsierende Halsschlagader deutlich sehen konnte. Er atmete schnell und flach, während er immer noch völlig perplex auf sie hinunter sah.
„Weißt du, ich glaube, das mit dem Stil ist Ansichtssache.", grinste Tonks und zog sich dann zurück, um Remus etwas Raum zu lassen.
Doch der rückte fast instinktiv nach, bis Tonks mit dem Rücken gegen einen Baum stieß. Verwirrt hielt sie ihm seinen Zauberstab entgegen, den er nach kurzem Zögern annahm.
Endlich entfernten sie sich langsam voneinander, beide atemlos und peinlich berührt.
Remus lehnte sich gegen einen Felsen.
Nach einer Weile sagte er völlig ruhig: „Das kannst du aber nicht bei jedem Gegner so machen."
Tonks lächelte. „Ich weiß, das ging nur bei dir. Ich ziehe es vor, meine Strategie, soweit möglich, flexibel an meine Partner anzupassen."
Sie warf Remus einen schüchternen Blick zu. „Ich wusste, dass du mich, sobald ich in deine physischen Abwehr eingedrungen war, nicht mehr angreifen würdest."
Remus zuckte die Schultern. „Was sollte ich auch tun? Dich festhalten? Auf so kurze Distanz sind Zauber nutzlos."
„Nicht nur das. Du hast langsamer reagiert, sobald ich in deiner Nähe war.", stellte Tonks nüchtern fest.
„Wir sind Partner. Natürlich sorge ich mich um deine Sicherheit.", entgegnete Remus fast ein wenig schroff.
„Oh, doch nur Partner?", tönte eine vertraute Stimme aus dem Wald hinter ihnen. „Da sagt mir meine Intuition aber was ganz anderes."
Remus und Tonks wirbelten mit gezückten Zauberstäben herum und spähten in die Dunkelheit.
Sie entdeckten, lässig an einem Baumstamm lehnend, Phillinew, den Werwolf, der sie hierher eingeladen hatte.
Als er ihre misstrauischen Gesichter bemerkte, hob er beschwichtigend beide Hände. „Kein böses Blut, ist nur 'ne Beobachtung meiner Wenigkeit." Er grinste verschlagen, bevor er lässig auf sie zu schlenderte. „Ihr seid früh dran. Lobenswert. Die anderen müssten auch gleich kommen."
Wie auf sein Stichwort materialisierte sich eine kleine bucklige Hexe neben Phillinew.
Ihr Haar war grau und strähnig, ihre Fingernägel lang und ungepflegt und aus ihrem runzligen Gesicht blitzten scharfe gelblich verfärbte Zähne. Mit gehetztem Blick sah sie sich um, schien aber weder Phillinew noch Remus oder Tonks wirklich wahrzunehmen.
„Angela! Das ist ja nett, dass du auch mal wieder vorbei schaust.", begrüßte Phillinew die Alte überschwänglich. Wie selbstverständlich hakte er sich bei ihr unter und führte sie auf Remus zu. „Sieh, das hier ist Remus. Er ist neu im Rudel. Und das hier ist seine… Partnerin ..."
„Doreen.", warf Tonks schnell ein. Es war schlimm genug, dass das Rudel Remus' echten Namen kannte.
Leise flüsternd führte er die alte Werwölfin zu den Ruinen der Römersiedlung, deren Ziegelsteinwände im Licht der untergehenden Sonne rot leuchteten.
Remus und Tonks folgten ihm mit einigem Abstand und beobachteten die anderen Werwölfe, die nach und nach ebenfalls auf der Lichtung apparierten oder aus dem dunklen Wald auftauchten. Sie wirkten eher zwielichtig, was durch ihre skeptischen und teilweise feindlichen Blicke auf Tonks noch verstärkt wurde.
Die meisten waren ähnlich heruntergekommen wie Angela und trugen den gleichen abweisenden, resignierten Gesichtsausdruck, den auch Remus an schlechten Tagen zeigte.
Allerdings pflegten sie untereinander ein recht kameradschaftliches Verhältnis. Einige grüßten Remus distanziert aber freundlich und niemand erhob das Wort gegen Tonks' Anwesenheit. Ob aus Gleichgültigkeit oder Respekt für sie als Remus' Begleiterin ließ sich nicht feststellen.
Nachdem knappe Begrüßungen und skeptische Blicke ausgetauscht worden waren, bewegte sich die Gruppe zu den Ruinen und bezog in einer der größten Lager.
Die Sonne war nun untergegangen und eine stille Kühle löste endlich die flirrende Hitze des Tages ab. Die Zauberer versammelten sich um ein großes magisches Feuer, dessen purpurrote Flammen bestimmt zwei Meter hoch in den Himmel fauchten, und begannen leise Gespräche in kleineren Grüppchen. Diese Aktivität schien aber noch nicht den Höhepunkt des Abends zu bilden. Die Werwölfe warteten augenscheinlich noch auf das Eintreffen einer weiteren Partei.
Remus und Tonks hielten sich am Rande der Versammlung. Vor Aufregung und Neugier, was wohl als nächstes geschehen würde, brachte keiner von ihnen ein Wort heraus.
Nach einer Weile kam Phillinew zu ihnen herüber. Eine kleine Hexe mit silberblonden Kringellocken klammerte sich an seinen Arm. Sie blickte sich verunsichert um und wirkte auch sonst mit ihrem puppenhaften Aussehen ziemlich deplatziert in der Menge mehr oder weniger verwahrloster Werwölfe.
„Darf ich vorstellen: Mona MacIntosh."
Phillinew schob die Frau ein paar Schritte nach vorne. Remus ergriff höflich ihre Hand und erwiderte den Blick aus ihren großen grauen Augen. Tonks begrüßte sie mit einem Kopfnicken.
Die Hexe konnte nicht älter sein als sie selbst, vielleicht sogar jünger. Was tat sie hier?
Remus schien die Situation dank seiner Werwolfsinstinkte besser einschätzen zu können. Er fragte in verbindlichem Tonfall: „Wie lange schon?"
Anstatt zu antworten sah Mona nur fragend zu Phillinew auf. Der zuckte die Achseln. „Zwei, drei Monate vielleicht? Letzte Woche war erst ihre zweite Verwandlung."
Remus nickte verständnisvoll. „Respekt, du siehst gut aus.", sagte er galant, was Tonks seltsamerweise einen kleinen Stich der Eifersucht versetzte.
Die junge Werwölfin errötete und senkte den Blick. Mit hoher klarer Stimme sagte sie: „Phillinew hat mir einen Zaubertrank besorgt, der geholfen hat. Letztes Mal war es schlimmer … es war schrecklich." Die Erinnerung ließ Mona schaudern.
Bestürzt lauschte Tonks ihren Worten. Das Leben dieser Frau hatte gerade erst begonnen, als sie es an eine schreckliche Krankheit verlor. Vermutlich würde es auch bei ihr nicht mehr lange dauern, bis der Prozess der Verelendung einsetzte. Wie viele ihrer Freunde und Verwandten hatte sie ins Vertrauen gezogen? Wer würde ihr immer noch unvoreingenommen und respektvoll begegnen? Wie sah ihre Zukunft aus?
Remus schien weniger besorgt um das Mädchen, sondern wandte sich an Phillinew. „Ich dachte, wir erwarten heute noch ein paar ganz besondere Gäste."
Phillinew nickte aufgeregt. „Ich denke, sie kommen mit Ruster. Er müsste gleich da sein."
Tonks zog Remus ein Stück zur Seite. „Wer ist Ruster?", wollte sie mit gesenkter Stimme wissen.
„Der Anführer des Rudels, sozusagen der Alphawolf." Remus grinste über die Bezeichnung.
Tonks hingegen konnte darüber nicht lachen, sie begann sich zunehmend unwohl zu fühlen. Sie hatte keine Angst vor den Todessern, ihren magischen Fähigkeiten oder dem, was sie vielleicht sagen könnten.
Vielmehr machten ihr die vielen misstrauisch auf sie gerichteten Blicke der Werwölfe zu schaffen. Ihre Art, miteinander auf eine Weise zu kommunizieren, die Tonks nicht begriff, ihre Armut, ihre Andersartigkeit und ihre seltsamen Regeln in einer Welt, in der es noch so etwas wie Alphawölfe gab, verunsicherten Tonks zutiefst.
Für den Umgang mit Zauberwesen, die nicht explizit den dunklen Kräften zugeordnet werden konnten, war sie nicht ausgebildet.
Remus schien ihre Unsicherheit zu spüren. Mit gerunzelter Stirn sah er ihr ins Gesicht. „Was ist? Sollen wir gehen?"
Tonks schüttelte nur stumm den Kopf und ließ ihren Blick über die Versammlung schweifen.
Entschlossen nahm Remus ihre Hand. „Komm, ich bring dich hier weg."
„Nein!" Tonks Stimme klang schärfer als beabsichtigt, als sie sich Lupins Griff entwand. „Ich schaff das schon, es ist nur …" Tonks konnte selbst nicht genau beschreiben, was sie so störte.
Remus überging ihren Widerspruch und fuhr mit beruhigender Stimme fort: „Ich hab das hier im Griff. Geh, wirklich. Ich dachte schon, dass es vielleicht keine gute Idee ist ..."
Als er Tonks' wütend zusammengekniffenen Augen sah, verstummte er.
„Das ist mein Auftrag. Und ich bin qualifiziert, ihn durchzuführen.", zischte sie sauer.
„Deine Lehrbücher helfen dir im Moment nicht weiter! Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um irgendwem etwas zu beweisen. Jeder Fehltritt könnte uns auffliegen lassen." Remus ließ nicht locker.
Tonks konnte es nicht fassen, dass er ihr so in den Rücken fiel. „Schön, dann sieh doch zu, wie du alleine klar kommst. Ich schaue morgen nochmal vorbei, um deine Einzelteile einzusammeln."
Sie drehte sich auf dem Absatz um, im Inbegriff, den Versammlungsort zu verlassen – aber mit dem festen Vorsatz, dem Treffen auch weiterhin aus dem Verborgenen beizuwohnen - als sie frontal mit einem großen, breitschultrigem Mann zusammenstieß.
Ruster Skoll war eine beeindruckende Erscheinung.
War sein Äußeres – seine kräftige Statur, der fast kahle tätowierte Schädel und die zahlreichen Ohrringe – noch nicht auffällig genug, so zog einen seine tiefe, dröhnende Stimme und sein ausgeprägter walisischer Akzent in den Bann.
Mit einer einzigen, fast beiläufigen Handbewegung hatte er Tonks, die verglichen mit ihm winzig erschien, beiseite gewischt und baute sich nun wie ein Berg vor seinem Rudel auf, um es mit wenigen Begrüßungsworten Willkommen zu heißen.
Ihm auf den Fuß folgten einige, kapuzentragende Gestalten, die auf ihre Weise einen noch zwielichtigeren Eindruck machten als die Wölfe.
Sie sahen sich um und ihren teils befremdeten teils herablassenden Blicken war zu entnehmen, dass dieses Treffen für sie nur ein Mittel zum Zweck war.
Während Ruster sie vorstellte und den Grund, für ihr Erscheinen erläuterte, nahmen sie ihre Kapuzen ab und zeigten ihre Gesichter. Unter den Umhängen, die ihnen offenbar als eine Art Uniform dienten, trugen sie gewöhnliche Kleider.
Die Guppe war alles andere als homogen: Tonks sah auf den Unterarmen zweier grobschlächtiger Kerle, die Ruster als Crabbe und Goyle vorstellte, Abbilder des dunklen Mals aufblitzen, die noch aus dem Krieg stammen mussten.
Bei dem Gedanken, wie viele Todesser wohl die letzten Jahre unerkannt und ungestraft in der Zauberergemeinschaft gelebt haben musste, wurde Tonks von kalter Wut ergriffen. Sie dachte nicht mehr daran, wegzulaufen und lehnte sich stattdessen mit verschränkten Armen und grimmigem Blick gegen eine niedrige Backsteinmauer, um die Gruppe genau in Augenschein zu nehmen.
Es waren offensichtlich auch Zauberer dabei, die noch nicht allzu lange in den Kreisen rund um Du-weißt-schon-wen verkehrten.
Ein großer schlacksiger Mann, Scabior, schien ganz besonders verunsichert und wurde von den anderen Todessern etwas belächelt. Anders als sie wirkte er, als hätte er vergessen, weshalb er eigentlich hier war und wünsche sich, irgendwo anders zu sein. Seine Kollegen ängstigten ihn offenbar mehr als die Werwölfe.
Doch der Anführer der Gruppe erfüllte alle Klischees, die man einem Todesser, einem ergebenen Diener des Dunklen Lords, zuschreiben würde.
Der Mann war mindestens so groß wie Ruster und verbarg sein Gesicht zu Anfang hinter einer totenkopfartigen Halbmaske. Darunter kam ein Gesicht, mehr eine Fratze, zum Vorschein so scharf und kalt, dass Tonks schauderte. Seine kleinen stechenden Augen zeigten keinen Hauch von Mitgefühl oder auch nur Menschlichkeit. Er hatte einen struppig, unappetitlich wuchernden, Backenbart und seine Zähne waren merkwürdig spitz, sodass sein Kiefer an ein Raubtiergebiss erinnerte.
Als er die Hand hob, um die Menge zu grüßen, verrutschte sein Ärmel ein wenig und Tonks konnte sehen, dass er seltsamerweise kein dunkles Mal auf seinem Unterarm trug.
Sie suchte die Versammlung nach Remus ab, um herauszufinden, ob er es ebenfalls bemerkt hatte, doch der hatte nur Augen für den Todesser. Sein Gesicht wirkte wie versteinert und als der Anführer seine heisere, unangenehme Stimme erhob, taumelte Remus ein paar Schritte zurück.
Besorgt wollte Tonks zu ihm gehen, kam aber nicht sofort an den Werwölfen vorbei, die sich dicht um die Ankömmlinge versammelt hatten.
Ihr fiel auf, dass viele Mitglieder des Rudels den auffälligen Todesser mit ähnlichem Entsetzen und Abscheu musterten wie Remus. Andere schenkten ihm vertrauensvolle Blicke voller Bewunderung. Wer war dieser Mann?
Tonks hielt inne, um seinen Worten zu lauschen.
„ … Wer glaubt, sich hinter vermeintlichen Größen wie Albus Dumbledore verstecken zu können, macht sich selbst etwas vor! Den wahren Weg aus der Unterdrückung zeigt uns nur der Dunkle Lord. Ja, er ist tatsächlich zu uns zurück gekehrt! Selbst sein größter Feind Harry Potter streitet das nicht ab. Er hat Angst, er fürchtet sich vor der Stärke des Lords."
Der Todesser und seine Kumpane brachen in verächtliches Gelächter aus.
„Was sind die Ziele von Du-weißt-schon-wem? Was genau wird er tun, um unsere Situation zu verbessern?", rief einer der Zuhörer herausfordernd.
Der hünenhafte Todesser grinste verschlagen, packte den Zauberer, der gesprochen hatte, und legte ihm kameradschaftlich einen Arm um die Schultern.
„Hör gut zu! Was ist es, was dir am meisten zu schaffen macht? Was dich verfolgt, jeden Tag, was dir keine Ruhe lässt, worauf du deine gesamte Energie verwendest?", ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter: „Es ist das Unerkannt-Bleiben, das Verbergen von dem, was du wirklich bist."
Mehrere der umstehenden Werwölfe nickten zustimmend.
„Das wird sich ändern. Wer sich dem Dunklen Lord anschließt, wird frei sein!"
Der Todesser entließ den schlotternden Mann aus seinem Griff und riss beide Arme in die Luft. Wieder konnte Tonks sehen, dass ihm das dunkle Mal eindeutig fehlte.
„Seht mich an! Sieht so jemand aus, der sein wahres Wesen verbergen muss? Ich lebe, was ich bin, wo und wie ich will."
Die Augen des Mannes blitzten mit einem Mal gefährlich und er bleckte seine scharfen Zähne. Auf einmal wurde Tonks klar, dass auch er ein Werwolf sein musste. Was allen Teilnehmern der Versammlung von Anfang an bewusst gewesen war, fiel ihr erst jetzt auf.
Und, wie sie jetzt feststellte, war das auch nicht irgendein Werwolf. Es war der einzige bekannte Werwolf, der seine Metamorphose beinahe unabhängig vom Vollmond kontrollieren und steuern konnte. Ihr war nicht klar, wieso sie ihn nicht schon längst erkannt hatte.
Auf einmal spürte sie eine Berührung am Arm. Remus war aus seiner Erstarrung erwacht und zog sie nun mit sich.
„Komm, wir müssen gehen.", zischte er ihr eindringlich zu.
Sie nickte nur wie benommen.
Vor ihnen stand niemand anderes als Fenrir Greyback und ausgerechnet Tonks war der einzige Mensch in seiner Reichweite.
Sie machten sich hastig davon, drängten sich durch die Werwölfe, die neugierig die Köpfe nach ihnen umdrehten, während Greyback weitersprach.
„Ich jage, wo und vor allem wann ich will. So ist meine Natur, wer kann darüber hinaus?1 Seit ich mich dem Dunklen Lord angeschlossen habe, bin ich unter Leuten, die das verstehen und mir die Beute versprechen, die ich verdiene. Kein Gesetz des Ministeriums hält mich davon ab, zu nehmen, was die Natur mir zugesteht ...", er hielt inne und ließ seinen Kopf zu Remus und Tonks herumfahren. „Zum Beispiel, ein dummes Mädchen, dass die Dreistigkeit besitzt, eine private Versammlung zu stören, weil sie glaubt, das Recht zu haben uns zu überwachen!"
Mit einem einzigen Satz war er bei Tonks und packte sie wie ein Kaninchen im Nacken. Sie nahm seinen ekelerregenden Körpergeruch und seine vor Aufregung geblähten Nasenflügel deutlich wahr und musste fast würgen.
„Oder-", setzte er leise hinzu. „Ist sie einfach nur unvorsichtig?" Ein lüsternes Grinsen legte sich auf seine narbigen Züge.
Da weder von den anderen Werwölfen, noch den Todessern, irgendeine Art der Hilfe zu erwarten war, zückte Tonks ihren Zauberstab und war drauf und dran, sich diesen Wahnsinnigen mit einem Fluch vom Hals zu schaffen.
Doch bevor es so weit kommen konnte, erhob zu Tonks' Überraschung Phillinew die Stimme.
„Keinesfalls, Greyback, keinesfalls. Ich habe Doreen und ihren Begleiter eingeladen. Sie sind Sympathisanten des Dunklen Lords und sehr an dem interessiert, was ihr zu sagen habt."
Sein Tonfall verriet Furcht, ließ aber nichts von der Lüge ahnen, die er Greyback hier in beschönigter Form auftischte.
Dessen Griff lockerte sich langsam. „Ist das so?", sagte er, offenbar etwas verunsichert. Wahrscheinlich überdachte er gerade, wie seine kleine Ansprache wohl auf Zuhörer gewirkt haben musste, die keine Werwölfe waren. Er wog das Risiko ab, Tonks als potentielle Anhängerin zu verlieren und überlegte, ob es in dem Fall nicht einfacher wäre, sie einfach an Ort und Stelle in Stücke zu reißen.
Schließlich entließ er sie widerstrebend, nicht ohne ihr noch einen hungrigen Blick zuzuwerfen. „Vielen Dank.", sagte Phillinew, offenkundig erleichtert. „Ich hätte euch vorwarnen sollen, dass sie hier ist."
Greyback ignorierte seine Worte und wandte sich Remus zu, der die ganze Zeit über wie zu Stein erstarrt dagestanden hatte. „Und was ist mit dir?"
Wieder antwortete Phillinew übereifrig. Er kam nun zu ihnen herüber, zusammen mit Mona, die immer noch an seinem Arm hing. „Er ist neu hier, aber wie du sicher siehst, gehört er zu uns."
„Natürlich sehe ich das!", fuhr Greyback ihn ungehalten an.
Er musterte Remus eindringlich. „Den kenne ich sogar irgendwoher. Hast du mit mir in Askaban eingesessen?"
Remus rührte sich endlich und rang sich ein falsches Lachen ab. „Nein, sicher nicht. Aber ich glaube, es wäre besser, wenn wir jetzt gehen." Er griff wieder nach Tonks' Hand.
Phillinew, der ebenfalls ganz wild darauf schien, die Situation zu entschärfen, stimmte zu. „Ja, ich denke, das wird das Beste sein. Wisst ihr was, ich begleite euch, damit ihr auch sicher den Heimweg findet." Mona nickte so heftig, dass ihre Kringellöckchen wild auf und ab hüpften. Ihre Augen waren angstvoll geweitet.
Nun mischte Ruster sich ein. „Es ist gut. Entschuldige, Fenrir, ich wusste ebenfalls nichts von unserem … Besuch. Aber da ihr Begleiter unser Gast ist, steht das Mädchen unter dem Schutz des Rudels. Tut mir Leid." Seine Worte klangen diplomatisch aber durchaus bestimmt und ließen daher keinen Widerspruch zu.
Greyback gab auf. Mit einem Mal rückte er von Tonks ab, die sofort tief Luft holte, um seinen Gestank aus der Nase zu bekommen.
Sie musste alle Kraft aufbringen, um ihm nicht noch einen saftigen Fluch hinterherzujagen oder zumindest nach ihm zu treten.
Doch ein solches Verhalten wäre im Moment keinesfalls ratsam. Das würde die Werwölfe nur noch mehr gegen sie aufbringen und vielleicht unangenehme Fragen nach ihren magischen Fähigkeiten heraufbeschwören, die zu ihrer wahren Identität führen könnten.
Darum senkte sie nur den Blick, um Greyback nicht zu provozieren und trat respektvoll vor ihm zurück.
Jede Faser ihres Körpers wehrte sich dagegen, vor einem Todesser, der sie offen angegriffen hatte, klein beizugeben, doch in ihrer gegenwärtigen Lage, blieb ihr keine Wahl.
„Also gut ..." Phillinew schob sie und Remus mit sanfter Gewalt Richtung Ausgang. „Dann werden wir mal … Es tut mir wirklich Leid, euch so lange aufgehalten zu haben. Rechnet beim nächsten Treffen wieder mit mir! Man sieht sich."
Dann standen Phillinew, Mona, Remus und Tonks vor der Siedlung. Sie spürten immer noch die misstrauischen Blicke der Versammlung im Rücken und machten sich deshalb schleunigst davon in den Wald.
1 frei aus „Dantons Tod" von Georg Büchner
