Zwiespalt

Eine viertel Stunde später zerrte Remus Tonks immer noch durchs Unterholz. Obwohl sie den Schein des Lagerfeuers schon lange hinter sich gelassen hatten, dachte er nicht daran, sein Tempo zu drosseln.

Phillinew und Mona folgten ihnen. Er immer wieder betonend, dass dies der falsche Weg war, sie schweigend.

Irgendwann blieb Remus schwer atmend stehen und ließ Tonks los. Die rieb sich nur das Handgelenk und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, den er allerdings nicht zu bemerken schien. Abwesend starrte er in den wolkenverhangenen Himmel hinauf und versuchte offenbar angestrengt, sich zu beruhigen.

Als Phillinew erneut die Stimme erhob, um ihnen den richtigen Weg zu weisen, fiel Remus ihm sofort ärgerlich ins Wort: „Hättest du nicht sagen können, dass er heute kommt?"

Phillinew ließ sich nicht beeindrucken. Er hob nur gleichgültig die Schultern, als ginge ihn das alles nichts an. „Hätte ich ja, wenn ich's gewusst hätte. Letztes Mal waren es nur Zauberer, das schwöre ich euch. Wer rechnet denn gleich beim zweiten Treffen mit solcher Werwolfsprominenz? Du hast Glück gehabt, Mona!"

Während die den Kopf einzog und unsicher nickte, lief Remus' Gesicht vor Zorn rot an. „Werwolfsprominenz!" Er spuckte das Wort geradezu angewidert aus. „Es hätte nicht viel gefehlt und diese Prominenz hätte Tonks zum Frühstück verspeist. Wer mit solchen Kreaturen kooperiert, muss doch wahnsinnig sein!"

„Tonks?", fragte Mona leise. Mit einer Mischung aus Misstrauen und Verunsicherung schaute sie Remus an und wandte sich dann an Tonks. „Ist dein Name nicht Doreen?"

Tonks nickte heftig. „Ja, natürlich ist er das. Tonks ist nur sein Spitzname für mich, nicht wahr?" Sie warf Remus einen drohenden Blick zu.

Er sollte sich gefälligst zusammenreißen. Seinetwegen, kam sie heute Nacht schon zum zweiten Mal in Schwierigkeiten. Er reagierte völlig über und dachte deshalb nicht nach, was er sagte.

„Und außerdem, möchte ich gerne sehen, wie Greyback mich dazu bringen will, mich widerstandslos auffressen zu lassen! Mit dem wäre ich schon fertig geworden.", setzte sie noch entschieden hinzu, allerdings nicht ohne Phillinew noch einen betont dankbaren Blick zu schenken. „Aber weil du uns geholfen hast, musste ich ja zum Glück nicht zu so drastischen Mitteln greifen."

Im Dunkeln trat sie Remus auf den Fuß, der daraufhin ebenfalls ein leises Dankeschön murmelte.

Phillinew winkte ab. „Dafür nicht. Erzählt mir lieber, wie euch, bis auf diesen kleinen Zwischenfall, die Ideen gefallen haben." Er schien ganz wild darauf, ihre Meinungen zu hören.

Remus atmete tief durch, um sich zu beruhigen.

Er warf Tonks einen fragenden Blick zu, offenbar unschlüssig, ob sie weiterhin Interesse an den Vorstellungen der Todesser heucheln sollten oder nicht. Tonks drehte nur den Kopf weg. Remus tat ja doch, was er wollte, wozu einen Streit anfangen?

„Wir … waren beeindruckt.", sagte er schließlich sehr vage. „Aber ich glaube, To- ich meine Doreen hat es leider nicht so gut gefallen, oder?"

Phillinew nickte verständnisvoll. „Ja, ich kann mir denken, dass diese Rede für Zauberer nicht sonderlich erfreulich klang. Aber ich versichere euch, Greyback gehört zu den Radikalen. So, wie er das alles gern hätte, wird es nie sein. Letztes Mal war ein anderer Kerl da, der uns erzählt hat, der Dunkle Lord wäre vor allem daran interessiert, das Verhältnis zwischen Zauberern und Werwölfen zu verbessern. Keine Art soll der anderen über- oder untergeordnet sein. Mit Ausnahme von Halb- und Schlammblütern natürlich.", fügte er wie selbstverständlich hinzu.

Tonks zuckte zusammen, als sie hörte wie leichtfertig er die schwere Beleidigung über die Lippen brachte. Auch Mona schien zwar nicht überrascht aber ungehalten über seine Worte.

Remus starrte ihn nur entgeistert an, bevor er endgültig die Beherrschung verlor.

Er packte Phillinew am Kragen und schüttelte ihn heftig, während er ihm ins Gesicht schrie: „Hör auf, das macht mich krank! Wie kannst du so etwas nur unterstützen? Wie kann irgendjemand solche Ideen gut finden? Wacht doch endlich auf und-"

„REMUS! Hör auf!"

Mit aller Kraft zog Tonks ihren Freund von Phillinew weg, der mit einer Mischung aus Ärger und Überraschung im Gesicht nach Luft schnappte und nach seinem Zauberstab griff. Tonks entwaffnete ihn sofort, ohne nachzudenken.

Sie richtete ihren Zauberstab nun ihrerseits gegen Phillinew und Mona, die sich ängstlich hinter seinem Rücken versteckte.

„Wir wollen keinen Ärger.", sagte sie so ruhig wie möglich.

Phillinew zog sich mit mühsam kontrollierter Anspannung die Jacke zurecht.

„Sieht aber ganz danach aus.", flüsterte er drohend. „Wer seid ihr wirklich, Doreen? Freunde unserer Sache, Befürworter des Dunklen Lords? Ihr glaubt doch nicht, dass ich euch das länger abnehme!"

Tonks wich ein paar Schritte zurück und zog Remus mit sich, während sie panisch überlegte, was sie tun könnte, um die Situation zu retten.

Sie bückte sich nach Phillinews Zauberstab, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, und hielt ihn seinem Besitzer versöhnlich entgegen. „Das ist Unsinn. Wir haben euch nicht belogen. Es tut mir Leid, Phil. Remus hat überreagiert ..."

Phillinew schnappte sich nur ohne ein Wort seinen Zauberstab. Sein grimmiger Blick verhieß nichts Gutes.

Doch bevor noch Schlimmeres geschehen konnte, schaltete sich überraschenderweise ausgerechnet Mona ein. Sie flüsterte Phillinew etwas zu, was weder Tonks noch Remus verstehen konnten.

Ihre Worte schienen Phillinew zwar nicht gerade zu besänftigen, aber er ließ dennoch seinen Zauberstab sinken.

„Macht, dass ihr wegkommt!", stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Und lasst euch nie wieder bei einem unserer Treffen sehen. Schlimm genug, wenn die Zauberer uns immer wider in den Rücken fallen, aber von einem von uns", er warf Remus einen angewiderten Blick zu, „hätte ich das nicht erwartet."

Tonks atmete erleichtert aus. Ohne einen weiteren Wutanfall von Remus abzuwarten, nahm sie ihn kurzentschlossen bei der Hand und disapparierte.


Sie hatte kein bestimmtes Ziel im Kopf gehabt, als sie Remus in den schwarzen Strudel, in dem Raum und Zeit bedeutungslos waren, hinein riss.

Ein tiefer Wunsch nach Geborgenheit hatte ihr Denken bestimmt, weshalb sie sich nicht wunderte, als sie in ihrem kleinen Zimmer im Ddraig Goch landeten. Remus stieß sich den Kopf an der Schräge, sobald er sich aufrichtete.

Geschah ihm ganz recht! Tonks war so unheimlich wütend auf ihn.

Als er haltsuchend nach ihr griff, stieß sie ihn weg.

„Was ist bloß in dich gefahren? Du hast alles ruiniert, alles! Wir können im Prinzip unsere Koffer packen. Unsere Arbeit hier ist getan. Wie sollen diese Leute sich Dumbledore anschließen, wenn seine Botschafter haltlose Drohungen von sich geben?"

Sie begann schimpfend auf und ab zu gehen, während Remus, der aufs Bett gesunken war, sie beobachtete.

„Ich hätte den Auftrag besser allein durchführen sollen. Jedenfalls hätte ich dann keine Angst haben müssen, dass mich ein gewisser Herr mit seinem Temperament verrät. Was hab' ich mir nur dabei gedacht? Das war absolut dämlich von mir! Wir können nicht Partner sein, wenn du dich nicht um unsere Abmachungen scherst und ständig die Beherrschung verlierst!"

Remus schüttelte den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich weiß, ich weiß. Und es tut mir furchtbar Leid. Ich habe … Keine Ahnung, was ich damit erreichen wollte. Vielleicht so etwas wie Einsicht ..."

Ohne auf ihn einzugehen, redete Tonks unbeirrt weiter: „Wie soll ich dir vertrauen, wenn du in Stresssituationen den Kopf verlierst? Ich kann mich so doch nicht auf dich verlassen. Wenn du zu stolz oder zu idealistisch bist, um dich für diese Mission zu verstellen, hättest du es ruhig schon vor unserer Abreise sagen können."

Nun erhob Remus sich, in seinem Gesicht zeichnete sich wiederum Wut und Verbitterung ab.

„Ich konnte das nicht mehr ertragen! Was bringt es, sie nur zu beobachten, wem hilft das? Wir müssen diesen Leuten eine Chance geben, umzudenken!"

„Leuten wie Greyback? Die verdienen keine Chance! Du hast Phillinew und die anderen gehört, die sind Du-weißt-schon-wem alle völlig verfallen. Kein Wunder, wenn sie schon so früh vom Rest der Zauberergemeinschaft isoliert werden, diese Mona war doch keine zwanzig!"

Remus Augen blitzten gefährlich. „Niemand entscheidet sich für dieses Schicksal!"

„Das sage ich doch gar nicht! Aber heutzutage, wo es doch Möglichkeiten gibt, sich selbst und andere vor der Krankheit zu schützen, verstehe ich nicht, wie irgendjemand so verantwortungslos sein kann. Monas Leben ist zu Ende! In diesem Rudel ist ihr doch jede Chance zum Umdenken verbaut!"

„Das stimmt nicht, man kann sich immer noch ändern. Die Verwandlung stoppt doch nicht den geistigen Entwicklungsprozess!"

„So meine ich das nicht ...", murmelte Tonks.

Remus überging sie und wurde lauter: „Doch genau so meinst du es! Aber unter den richtigen Einflüssen kann jeder sich verändern."

„Woher willst du das wissen?", schleuderte Tonks ihm entgegen. Sie verstand Remus' Wille, an das Gute im Menschen zu glauben. Aber deshalb große Hoffnungen in die Umerziehung einer Horde sozial isolierter Werwölfe zu setzen war utopisch.

Remus hielt kurz inne, bevor er langsam sagte: „Weil ich das beste Beispiel dafür bin ... Ich wurde mit sieben verwandelt."

Er stand auf, ein seltsames bitteres Lächeln auf den Lippen. „Schon komisch ... Ein Junge, ein Werwolf, der sogar von seinen Eltern gefürchtet wird, zu einer Zeit als es den Wolfsbann noch nicht gab, entwickelt sich, wächst, findet trotz allem Freunde und schließt sich dem Orden des Phönix an. Weißt du, wer ihm das ermöglichst hat, wer die Hoffnung nie verlor, wer an ihn glaubte obwohl es kein anderer tat?"

Tonks sah zu Boden. Die Antwort lag auf der Hand. „Dumbledore."

Sie fühlte sich schrecklich. Sie hatte geglaubt, Mona sei jung für einen Werwolf, nicht wissend, dass Remus dieses Schicksal schon als Kind ereilt hatte.

„Also, was schlägst du vor? Was sollen wir jetzt tun?", fragte sie nach einer Pause.

Remus schaute sie an. Der deprimierte Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht und Tonks wurde ganz warm, als sie seine strahlenden Augen sah. „Wirklich? Du willst noch mit mir zusammen arbeiten?"

Widerwillig zuckte Tonks die Schultern. „Hab' ich denn eine Wahl? Jeder macht mal Fehler, schätze ich, und wie es aussieht … hast du deine Gründe, zu tun was immer du tust."

Remus trat zu ihr. Eindringlich begann er, seine Pläne zu erklären. „Wir müssen ein Kontrastprogramm starten. Nichts großes ... nur um dem Rudel zu zeigen, dass es noch eine Alternative zu Voldemort gibt, dass da mehr ist. Dazu müssten wir unsere Beziehungen zu einzelnen Werwölfen ausbauen und verbessern."

„Aber wir dürfen auch nicht vergessen, wieso Mad-Eye mich hierher geschickt hat.", fiel Tonks ihm ins Wort.

Remus runzelte besorgt die Stirn. „Du hast recht, das hatte ich ganz vergessen. Um unsere Pläne zu verwirklichen, bräuchten wir fast noch ein zusätzliches Ordensmitglied. Vielleicht kontaktiere ich Mad-Eye und bitte ihn um Verstärkung."

Tonks gefiel die Vorstellung, um Hilfe zu bitten, zwar nicht besonders, aber sie stimmte ihm zu.

Jetzt da sie ihren Streit vorläufig beigelegt hatten, fühlte Tonks, wie müde sie war. Ihr saß eine anstrengende Woche bleischwer in den Gliedern und ihre Gedanken drehten sich allmählich nur noch im Kreis.

„Hör mal, können wir morgen weiter darüber nachdenken? Ich bin so ...", Tonks musste gähnen, was ihr Anliegen eindrucksvoll unterstrich.

Remus, der abwesend am Fenster gestanden hatte, sah sie an.

Er brauchte scheinbar ein paar Sekunden, um zu verarbeiten, was Tonks gesagt hatte und einen weiteren Augenblick, bis er begriff, dass ihr Zubettgehen seine Abwesenheit verlangte.

„Ich … tut mir Leid, du bist sicher sehr müde. Gute Nacht, ich werde … bis morgen." Mit langen Schritten verließ er das Zimmer und schloss die Tür sorgfältig hinter sich.

„Bis morgen.", murmelte Tonks noch, nachdem er bereits verschwunden war.

Sie rollte sich auf ihrer Bettdecke zusammen und schlief sofort ein.