Die Schatten werden länger

Ein gellender Schrei weckte Tonks am nächsten Tag. Er hallte durch die noch leeren Gassen von Harbwr Hudol und riss seine Bewohner aus dem Schlaf.

Es war fünf Uhr in der Frühe und Tonks hatte gerade Mal vier Stunden geschlafen. Schlaftrunken tastete sie nach ihrem Zauberstab und erhellte den kleinen Raum. Kaum hatte sie sich aufgesetzt, flog ihre Zimmertür auf und Remus fegte mit zerzausten Haaren und wildem Blick herein.

„Tonks! Alles in Ordnung?"

Als er sah, dass sie unversehrt war, beruhigte er sich sichtlich, blieb aber angespannt und ging zum Fenster, um auf den Innenhof hinaus zu spähen.

Tonks stand derweil auf, sie trug noch die Kleider vom Vortag, und griff nach ihren Stiefeln.

„Was ist passiert? Wer hat da geschrien?", fragte sie Remus, der ihr den Rücken zu wandte.

Er zuckte hilflos die Schultern. „Ich weiß es nicht. Komm beeil' dich, vielleicht können wir helfen."

Keine Minute später drängten sie sich durch den überfüllten Schankraum, in dem sich verwirrte Gäste in Morgenmänteln und Pyjamas tummelten.

Der Platz im Zentrum des Dorfes lag noch verlassen da, füllte sich aber zusehends mit Zauberern und Hexen, die sich um die Quelle der allgemeinen Verwirrung sammelten: Eine Frau kniete schluchzend am Boden, im Schoß hielt sie ein blutverschmiertes Bündel. Entsetzt erkannte Tonks, dass es sich um ein Mädchen im Kleinkindalter handelte, das reglos und blass in den Armen seiner Mutter lag.

Ein paar der umstehende Frauen brachen ebenfalls in Tränen aus und zogen panisch ihre Kinder an sich. Viele andere zückten ihre Zauberstäbe und hielten nach der Quelle der Gefahr Ausschau.

„Es waren die Wölfe … Sie wurde von den verdammten Wölfen geholt!", schluchzte die verzweifelte Mutter, während sie sich über ihrem Kind zusammen krümmte.

Einige nickten grimmig und schockiert zugleich, während andere widersprachen. Der Tumult schwoll an, bis mein sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte.

„Es ist doch nicht Vollmond!"

„Sie hat keine Beweise ..."

„Das verstößt gegen das Abkommen!"

„Das sieht denen ähnlich!"

„Wer hat etwas gesehen?"

„RUHE! Ich sagte Ruhe, verdammt!" Ein kleiner pummeliger Zauberer, auf dessen Brust unübersehbar das Abzeichen des Zaubereiministeriums prangte, trat aus der Menge und wedelte wild mit den Arme. Der Lärm verstummte allmählich und die Gesichter wandten sich ihm zu. Nur noch das heisere Schluchzen der Mutter war zu vernehmen.

Der kleine Zauberer warf sich gewichtig in die Brust und begann eine kleine Ansprache: „Bürger von Harbwr Hudol, uns ist ein schreckliches Unrecht angetan worden. Ich, als der rechtmäßig eingesetzte Vorsitzende des leitenden Aufsichtsrats dieser Gemeinde, werde das Ministerium unverzüglich darüber in Kenntnis setzen und um eine Einheit der magischen Polizeibrigade bitten, die sich des Falls annimmt. Bis dahin ist die Gefahr noch nicht gebannt! Ich möchte euch bitten, euch in eure Häuser zurückzuziehen und die Türen zu verschließen bis Näheres bekannt gegeben wird. Weder unüberlegtes Handeln noch falsche Anschuldigungen sind im Moment angebracht. Folgt diesen Anweisungen in eurem eigenen Interesse, um noch mehr Schaden zu vermeiden. Ich verhänge des Ausnahmezustand über Harbwr Hudol!"

Waren seine Worte dazu gedacht gewesen, die Situation unter Kontrolle zu bringen, so hatte er dieses Ziel verfehlt. Kaum hatte der kleine Mann geendet, stürzten die Menschen wieder panisch durcheinander, halfen der Mutter, ihr totes Kind wegzutragen und beratschlagten lautstark, welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssten.

Mitten in dem Chaos zog Remus Tonks zu Seite und flüsterte eindringlich: „Es war Greyback, ich weiß es!"

Bestürzt sah Tonks ihn an, während der klein Zauberer, in dem Versuch, die Kontrolle wieder an sich zu reißen, eine Reihe roter Funken aus seinem Zauberstab schießen ließ. Allmählich löste sich die Menge tatsächlich auf und folgte seinen Anordnungen, die er mit pfeifender Stimme, puterrot im Gesicht, stetig wiederholte.

Klammheimlich versteckten Remus und Tonks sich zwischen zwei Hauswänden, anstatt in den Y Ddraig Goch zurückzukehren. Sie warteten bis der Platz sich geleert hatte und kamen dann mit gezückten Zauberstäben wieder hervor. Ein paar Straßen weiter verklang die Stimme des kleinen Mannes, der begleitet von anderen Zauberern in den Umhängen des Ministeriums, davon eilte, um Verstärkung zu ordern.

„Woher weißt du so sicher, dass es Greyback war?", wisperte Tonks.

„Ich kenne ihn."

Tonks schnappte nach Luft. „Du hast wirklich mit ihm in Askaban eingesessen!"

„Quatsch, natürlich nicht!", widersprach Remus ungehalten. „Ich hatte schon früher das Pech, seine Bekanntschaft zu machen ... Er ist vermutlich noch irgendwo in der Nähe, er genießt es, von ihm verursachtes Leid zu beobachten."

Remus lief zielstrebig über den Marktplatz. Er ging in die Hocke, an der Stelle, wo die Mutter ihr Kind gefunden hatte. Mit zusammengekniffenen Augen begutachtete er die Spuren, die von dem grauenvollen Mord zurückgeblieben waren.

Tonks war unheimlich zumute. Die Sonne spendete durch die dichte dunstige Wolkendecke nicht viel Licht und der nächtliche Nebel hatte sich noch nicht ganz aus den Straßen verzogen. „Wollen wir nicht lieber auf die Brigade warten?"

„Bis die da sind, ist er weg.", murmelte Remus, der offenbar eine Spur entdeckt hatte, die ihn zu einem schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern führte.

Vermutlich hatte er recht. Tonks straffte die Schultern und folgte ihm furchtlos in die dunkle Häuserschlucht.


Über mehrere Hinterhöfe folgten sie einigen kaum sichtbaren blutigen Pfotenabdrücken, die von Zeit zu Zeit fast menschlich aussahen. Scheinbar hatte Greyback sich auf seiner Flucht öfter hin und her verwandelt, ein Gedanke, der Tonks kalte Schauer über den Rücken schickte.

Nach einer Weile wurde ihr Weg von einem hohen rostigen Gitterzaun versperrt, der die Gassen Harbwr Hudols von einer verlassenen Einkaufsmeile der Muggel trennte.

Remus wurde blass als er sah, dass die Spuren sich jenseits des Zauns fortsetzten.

Tonks blieb wie angewurzelt stehen. „Wir können ihn da draußen nicht stellen. Zu gefährlich! Das Geheimhaltungsabkommen ..."

„Wir können ihn nicht in einer Muggelstadt frei herumlaufen lassen. Stell dir vor, jemand sieht ihn. Das würde Schlagzeilen machen! Ganz zu schweigen davon, dass er eine unkontrollierbare Tötungsmaschine ist, die einen ganzen Häuserblock innerhalb einer halben Stunde abschlachten könnte. Tonks, wir müssen ihm folgen!"

Was er sagte, leuchtete ihr ein, weshalb sie zögernd nickte. „Gut, geh du vor. Ich komm nach."

Sie beobachtete beklommen, wie Remus sich erstaunlich behände über den immerhin zwei Meter hohen Zaun schwang und auf der anderen Seite landete.

Er drehte sich zu ihr um, ein verwegenes Grinsen im Gesicht, als auf einmal etwas Großes, Haariges aus einem dunklen Winkel hervor geschnellt kam und sich auf ihn stürzte.

Er ging sofort zu Boden, während Greyback, der halb Mensch halb Wolf auf ihm lag, nach seiner Kehle schnappte.

Tonks schrie Remus' Namen und versuchte, Greyback durch das Gitter zu schocken. Doch die magische Blockade, die auf den Stäben lag, um Muggel vor verirrten Zaubern zu schützen, war so mächtig, dass Tonks' Flüche wirkungslos in der Luft verpufften.

Remus hatte inzwischen seine Überraschung überwunden. Ihm gelang es, unter dem zentnerschweren Werwolf hervor zu kriechen und sich aufzurappeln. Auch er beschoss das Biest mit Schockzaubern, doch die Macht der Flüche reichte nicht aus, um Greyback zu stoppen. Der in die Enge getriebene Werwolf, dessen Gesicht immer noch etwas Menschliches hatte, setzte mit einem gigantischen Sprung über Remus hinweg und raste Richtung Muggelstadt davon. Remus verfolgte ihn mit erhobenem Zauberstab.

Tonks blieb mit vor Anspannung wild pochendem Herz zurück. Nachdem sie es auch mit Anlauf und künstlich verlängerten Beinen nicht schaffte, über das Tor zu klettern, sprengte sie es mit einem Wink ihres Zauberstabs und einem ungeduldigen Schrei kurzerhand in die Luft.

Wen kümmerte das Geheimhaltungsabkommen!

Als sie die Straße hinunter blickte, sah sie Remus und Greyback, die in einen erbitterten Kampf verwickelt waren. Greyback hatte sich soweit zurückverwandelt, dass er einen Zauberstab halten und Remus Flüche entgegen senden konnte, die dieser meisterhaft parierte.

Zu Tonks Entsetzen gingen während des Duells ganze Reihen von dunklen Schaufenstern laut klirrend zu Bruch, der Asphalt wurde stellenweise weg gesprengt und es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Muggel auftauchen würden, um zu sehen, was los war.

Doch bevor Tonks, etwas unternehmen konnte, sah sie, wie ein leuchtend grüner Lichtstrahl nur weniger Zentimeter von Remus' entfernt in eine Glasfront einschlug und sie zum Bersten brachte.

Greyback wandte unverzeiliche Flüche an! Die Wut darüber und eine unbezwingbare Angst um Remus ließen Tonnks zur Furie werden. Mithilfe eines Zaubers riss sie eine schwere Parkbank aus ihrer Verankerung und schleuderte sie gegen Greyback. Er wurde nach hinten gerissen und landete auf dem Rücken. Tonks näherte sich ihm langsam, den Zauberstab im Anschlag.

Mit ungeheurer Kraft kämpfte Greyback sich unter der Bank hervor. Tonks begann, ihn mit Flüchen zu bombadieren, um ihn am Boden zu halten. Zuerst schienen sie Wirkung zu zeigen, aber Greybacks Schwäche hielt nicht lange an. Er kam schwankend auf die Füße und errichtete einen starken magischen Schild, den Tonks nicht zu durchdringen vermochte.

Als Greybacks Gesicht sich vor ihren Augen zu einer grauenvollen Wolfsfratze verzog, bekam sie Angst. Alle ihre Bemühungen schienen wirkungslos zu sein. Sie brauchte eine Waffe, eine die stark genug war, um einen Werwolf wie Greyback zu besiegen …

Plötzlich hatte Tonks einen Geistesblitz.

Betend, dass sie es nicht verloren hatte, griff sie in ihre Jackentasche und fand tatsächlich das kleine blau leuchtende Zaubertrankfläschchen, das Alastor ihr einst gegeben hatte.

Sie musste einen Weg finden, Greyback den Sud des lebenden Todes zu verabreichen.

Breitbeinig trat sie dem Werwolf entgegen. Sie versuchte mehrere Fesselflüche, doch Greyback sprengte Seile und Ketten, als wären es poröse Gummibänder. Tonks machte sich so groß sie konnte, um mit ihm auf einer Höhe zu sein und ihn vielleicht mit ihrer Verwandlung zu verwirren. Doch Greyback war bereits so viel Wolf, dass der tierische Teil seines Gehirns überwog, weshalb er sich wohl über gar nichts mehr wunderte.

Als Tonks ihm einmal so nah kam, dass sie kurz davor war, Greyback das Fläschchen in den Rachen zu werfen, erwischte er sie hart mit seiner klauenbewährten Pfote. Ihr Kopf wurde zur Seite geschleudert und warmes Blut lief Tonks übers Gesicht, doch sie blieb aufrecht stehen.

Remus schrie ihren Namen, doch sie achtete nicht auf ihn, sondern stürzte sich wieder auf den Werwolf. Da Zauber nichts ausrichten konnten, versuchte sie nun in ihrer Verzweiflung, Greyback festzuhalten. Doch auch körperlich war sie ihm hoffnungslos unterlegen. Sofort rang er sie nieder und setzte die Knie auf ihre zusammengeballten Hände, sodass sie sich nicht wehren konnte. Das Fläschchen mit dem Sud des lebenden Todes zerbarst zwischen Tonks Fingern und spitze Glassplitter bohrten sich in ihre Haut.

Greyback war ihr ganz nah, seine giftigen Reißzähne nur Zentimeter von ihrer Kehle entfernt. Tonks spürte seinen warmen, übelrichenden Atme über ihr Gesicht streifen.

Da tauchte wie aus dem Nichts ein weißer Blitzstrahl auf und traf Greyback im Rücken. Er schien nicht ernsthaft verletzt, aber hatte zumindest Schmerzen.

Aufjaulend ließ er von Tonks ab und wandte sich dem neuen Angreifer zu. Dieser war, zu Tonks Überraschung, nicht Remus. Ein großer, breitschuldriger Zauberer mit wehendem Umhang stand mitten auf der Straße und schleuderte dem Werwolf eine Salve machtvoller Flüche nach der anderen entgegen.

Tonks glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie sah wie Greyback tatsächlich die Ohren anlegte und zurückwich. Augenblicke später sprang er ärgerlich kläffend davon.

Stille senkte sich über die zerstörte Ladenzeile. Tonks setzte sich ächzend auf und rieb sich den dröhnenden Schädel. Sofort war Remus bei ihr und half ihr beim Aufstehen.

„Hat er dich erwischt? Sag schon, wo?" Hektisch untersuchte er ihren Hals und entspannte sich erst, als er feststellte, dass Tonks nicht gebissen worden war.

Auch Remus sah reichlich ramponiert aus. Über seinem Wangenknochen prangte eine heftig blutende Platzwunde und sein linkes Auge war fast vollständig zugeschwollen.

Gemeinsam humpelten sie auf den fremden Zauberer zu.

Ein vertrauter Geruch nach Moschus wehte Tonks entgegen und verriet ihr, wer ihr Retter war, noch bevor sie ihn richtig anschauen konnte.

„Kingsley!" Tonks vermochte ihre Verblüffung und ihre Dankbarkeit nicht mit Worten Ausdruck zu verleihen.

Der riesenhafte Auror trat mit strenger Miene auf sie zu und sah ihr ins Gesicht. Tonks konnte sehen, wie enttäuscht er von ihr war.

Wie hatte er sie gefunden? Weshalb war er in Cardiff? Kontrollierte er sie und wenn ja wieso?

Ganz egal, wie sie es auch drehte, die Antwort beinhaltete immer, dass ihr Mentor ihr auf die eine oder andere Weise auf die Schliche gekommen war.

Sein grimmiger Blick ließ ebenfalls genau das vermuten.

Wortlos packte er Tonks am Arm und zog sie mit sich.