Ruhe vor dem Sturm

Eine halbe Stunde später standen Remus und Tonks am Rande eines provisorisch abgesperrten Bereichs, in dem mehrere Mitglieder der Polizeibrigade unter dem Schutz von Muggelabwehr damit beschäftigt waren, die ramponierte Fußgängerzone wiederherzustellen. Einige Vergiss-Michs redeten auf ein hysterisches Ehepaar ein, dass den Kampf von ihrem Fenster aus beobachtet hatte. Zum Glück schienen dies die einzigen Zeugen zu sein.

Remus half Tonks gerade ihre Hand zu verarzten. Vorsichtig entfernte er die Splitter und ließ die kleinen Wunden dann mit einer einfachen Bewegung seines Zauberstabs verschwinden. „Tut's noch weh?", fragte er besorgt.

Tonks zuckte nur die Schultern. Sie war mit wichtigeren Dingen als den Schmerzen in ihrer Hand beschäftigt. Zum Beispiel damit, wie sie Kingsley die ganze Situation erklären sollte. Oder wie sie einer Anklage wegen Verstoßes gegen das Geheimhaltungsabkommen entgehen könnte. An die Blamage und die Schande, die sie mit dieser Aktion über ihren Namen gebracht hatte, wollte sie gar nicht erst denken.

Sie fühlte sich schwach und ausgelaugt. Und auch Remus' tröstende Worte konnten an ihrer derzeitigen Lage nicht das geringste ändern.

Der kleine, dicke Zauberer, der die morgendliche Ansprache gehalten hatte, trat nun zu ihnen, stellte sich als Mr. Pine vom Aufsichtsrat Harbwr Hudols vor und plusterte sich gewaltig auf. Mit offenkundiger Empörung schrie er Remus und Tonks geschlagene fünf Minuten an, was sie sich erlauben würden, seine Anordnungen zu missachten, um auf eigene Faust loszuziehen und auf was für eine Anzeige die beiden sich gefasst machen könnten.

Als er offenbar keine Spucke mehr hatte und verstummte, gesellte Kingsley sich zu ihnen. Er lächelte Mr. Pine, der etwa halb so groß war wie er, zu und versicherte ihm, Tonks' Handeln würde ernsthafte Konsequenzen haben.

„Diese Verrückten arbeiten für Sie?", erboste sich Mr. Pine. „Sie haben die hergeschickt, ohne mich vorher darüber zu informieren?"

„Dann wäre es ja keine Geheimmission gewesen. Aber offenbar", Kingsley warf Tonks einen bitterbösen Blick zu, „nehmen gewisse Leute vertrauliche Informationen nicht allzu ernst."

„Diese Kriminellen haben meine Befehle verweigert, sie haben randaliert und das Geheimhaltungsabkommen aufs Schwerste verletzt! Und Sie sagen, sie arbeiten fürs Ministerium? In der Aurorenzentrale?" Mr. Pine lief in seiner Rage knallrot an und weigerte sich, Ruhe zu geben.

Tonks blickte beschämt zu Boden. Dieser Mann und Kingsley hatten wirklich allen Grund, wütend auf sie zu sein. Sie hatte wirklich alles vermasselt und so wie die Dinge standen, war es nicht unwahrscheinlich, dass Kingsley auch ihren Plan, ihn auf eine falsche Fährte zu locken, durchschaut hatte. Vermutlich hatte er Sirius' Versteck im Grimmauldplatz bereits entdeckt und ihn nach Askaban zurückbringen lassen. Bei diesem Gedanken kamen Tonks beinahe die Tränen. Alastor hatte sie hoffnungslos überschätzt. Sie taugte kaum zur Aurorin, wie sollte sie eine gute Geheimagentin abgeben?

Remus schien zu spüren, wie ihr zumute war und legte schützend einen Arm um sie.

Mr. Pine schnaubte verächtlich. „Ein hübsches Verbrecherpärchen geben sie ab, nicht wahr? Dass sie sich nicht schämen, so was in ihre Abteilung aufzunehmen!"

„Diesen Mann habe ich noch nie gesehen.", widersprach Kingsley ruhig.

In einem kläglichen Versuch, wenigstens Remus aus der scheinbar ausweglosen Situation zu retten, setzte Tonks an: „Den habe ich hier erst getroffen, er hat nichts damit zu tun! Sein Name ist … -"

Remus fiel ihr ins Wort. Er sprach laut und deutlich und ohne jede Furcht. „Ich bin Remus Lupin und ich habe Tonks hierher begleitet. Was immer man ihr anlastet, ich habe auch dazu beigetragen."

Kingsley merkte auf, als er Remus' Namen hörte. Er musterte ihn von Kopf bis Fuß und schien angestrengt nachzudenken, bevor er einen Entschluss fasste. An Mr. Pine gewandt sagte er: „Würden Sie uns jetzt entschuldigen? Sie haben die Situation hier wunderbar unter Kontrolle. Ich werde die beiden zurück nach Harbwr Hudol eskortieren, um sie eingehend zu verhören."

Der kleine Zauberer grummelte ein wenig. „Springen sie nur nicht zu nachsichtig mit denen um. Solche Ausschreitungen können wir uns hier nicht erlauben."

Kingsley lächelte verbindlich und bedeutete Remus und Tonks dann mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen.


„Wie haben Sie uns so schnell gefunden? Die Polizei traf erst nach Ihnen ein."

Tonks warf Remus einen warnenden Blick zu, doch er achtete nicht darauf.

Kingsley antwortete ihm nicht sofort. Er öffnete ihnen die Tür und führte sie in ein stickiges Nebenzimmer, in dem neben einem kleinen Schreibtisch ein Aktenschrank und mehrere Stühle standen.

Sie befanden sich in der Verwaltungszentrale von Harbwr Hudol, wo im Moment reger Betrieb herrschte. Alle möglichen hochrangigen Ministeriumsbeamten, Auroren, Polizisten und Schreibkräfte liefen schwer beschäftigt durcheinander. Kingsley hatte einen pickligen Praktikanten gefragt, wo er und seine Mitarbeiter wohl ungestört reden könnten, worauf sie in dieses ungenutzte Arbeitszimmer verbannt worden waren.

Tonks' Ausbilder nahm hinter dem Tisch Platz und wischte sich den Schweiß von der Glatze, bevor er auf Remus' Worte reagierte. „Ich bin schon seit ein paar Tagen in Cardiff."

Tonks machte sich auf ihrem Stuhl ganz klein. Das verhieß sicher nichts Gutes.

Kingsleys Blick war sehr ernst, als er fortfuhr. „Tonks, bitte seien Sie ehrlich zu mir. Was haben Sie mit Sirius Black zu tun?"

Mit gespielter Unschuldsmiene begann Tonks irgendwelche Ausflüchte zu erfinden: „Wie kommen Sie denn jetzt auf den? Nichts hab ich mit ihm zu tun! Gar nichts ..."

„Lügen Sie mich nicht an!", sagte Kingsley mit erhobener Stimme. „Sie missachten meine Anordnungen, vernachlässigen Ihre Mission, holen geheime Informationen über einen entflohenen Häftling ein und werden eine Woche später mit seinem mutmaßlichen Fluchthelfer gesehen! Die Beweise sprechen gegen Sie und nun packen Sie aus!"

Kingsley kochte vor Zorn und Tonks wusste, sie hatte es verdient.

Sie schluckte schwer. „Seit wann wissen Sie es?"

Sich mühsam beruhigend, lehnte ihr Mentor sich zurück. Aus seinem Blick sprachen Enttäuschung und Resignation. „Schon seit einer Woche. Figgins hat mir den entscheidenden Hinweis gegeben."

Figgins?" An den alten Hauself hatte Tonks gar nicht mehr gedacht.

Kingsley nickte. „Ich hatte schon kurz nach ihrem Besuch bei mir bemerkt, dass mein Schreibtisch nicht verschlossen war, hatte aber keinen konkreten Verdacht. Erst, als Figgins mich später darauf hinwies, Sie hätten ihn nach Sirius Blacks Akte gefragt, ging mir ein Licht auf. Natürlich war mir aufgefallen, dass Sie sich ohnedies in den letzten Tagen sehr seltsam aufgeführt haben, doch ich hätte nicht erwartet ..."

„Ich bin nicht verrückt! Bitte, hören Sie mir zu: Sirius Black ist unschuldig und wenn das Ministerium nicht seinen Zauberstab zerstört hätte, könnte ich das auch beweisen!"

„Sie sagt die Wahrheit. Black wurde zu Unrecht verhaftet!", fiel Remus ein.

Kingsley hob die Stimme wieder. „Sie sind noch nicht dran! Dass Sie und das Ministerium in dieser Frage nicht übereinstimmen, ist seit letztem Sommer schließlich kein Geheimnis mehr. Ich möchte Tonks' Sicht der Dinge hören."

Tonks legte Remus beruhigend eine Hand auf den Arm und begann dann, Kingsley genau das zu erzählen, was sie noch vor wenigen Wochen slebst kaum hatte glauben wollen. Sie bemühte sich, alles klar und unmissverständlich darzulegen und ließ nur wenige Details aus, wie zum Beispiel, dass Sirius ein Animagus war oder dass er, Dumbledore und Alastor den Orden des Phönix wieder aufleben lassen wollten.

Kingsley hörte die ganze Zeit zu, ohne sie zu unterbrechen oder Fragen zu stellen. Doch sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr, bis es im Ausdruck einer dunklen Gewitterwolke glich.

Als Tonks geendet hatte, stand er auf und zog seinen Zauberstab. Remus verkrampfte sich neben ihr und auch Tonks bekam einen gewaltigen Schreck, zwang sich aber, ruhig zu bleiben.

Ohne auf die beiden zu achten, beschwor Kingsley einen großen, silbern leuchtenden Patronus in der Gestalt eines Luchses herauf, der sogleich durch das geschlossene Fenster sprang und im grellen Licht der Mittagssonne verschwand.

Tonks warf Remus einen verwirrten Blick zu. „Wohin haben Sie ihn geschickt?", fragte sie vorsichtig.

„Er soll die Dementoren, die in London in diesem Moment Jagd auf Black machen, zurückrufen. Letzte Woche habe ich einen wertvollen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort gefunden, der mich zum Grimmauldplatz führte. Als meine Mitarbeiter mir aber vorgestern mitteilten, man hätte Spuren Blacks in Schottland entdeckt, ahnte ich, dass jemand mich zum Narren halten will und verstärkte die Überwachung in London, anstatt sie abzuziehen."

„Das haben Sie genehmigt bekommen?", fragte Tonks ungläubig.

„Es hat mich einiges an Überzeugungskraft gekostet … aber, wie ich nun weiß, war mein Verdacht richtig."

Tonks sah ihn flehentlich an. „Glauben Sie uns?"

Kingsley ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Tonks saß wie auf glühenden Kohlen. Widerstrebend sagte der Auror schließlich: „Ich werde Black fürs erste nicht festnehmen, aber ich will persönlich mit ihm sprechen, bevor ich weitere Entscheidungen treffe."

Tonks nickte erleichtert und beteuerte: „Ich wollte Sie nicht zum Narren halten. Wir sahen einfach keine andere Möglichkeit, Sirius zu schützen."

„Wer ist 'wir'? Meinen Sie, sich und Mr. Lupin?", fragte Kingsley scharfsinnig.

Als Tonks nicht sofort antwortete, beugte er sich ungehalten vor. „Versuchen Sie gar nicht erst, mich anzulügen. Ich finde die Wahrheit doch heraus."

Resigniert verriet Tonks ihm, was er wissen wollte. „Alastor Moody war auch dabei und ... Dumbledore."

Kingsley schien nicht schockiert, eher milde überrascht. „Der alte Mann lässt nicht locker, was? Ich meine, selbst jetzt im Ruhestand nimmt Alastor seine Berufung doch noch sehr ernst."

„So ernst wie noch nie.", stimmte Tonks ihm schmunzelnd zu. „Allerdings ist sein Einfluss im Ministerium nur begrenzt seit sein Ruf so gelitten hat und was Dumbledore angeht … ich denke, Sie lesen den Tagespropheten."

Kingsley nickte stirnrunzelnd. „Ja, man liest so Einiges in letzter Zeit. Dann gehören Sie also auch zu Dumbledore?" Er sah Remus an. „Ich dachte, nach den Zwischenfällen in Hogwarts hätte er Ihnen die Zusammenarbeit aufgekündigt."

„Im Gegenteil, ich bin freiwillig gegangen. Es schien mir in diesem Moment vernünftiger, die Schule zu verlassen."

„Werden Sie denn nach Hogwarts zurückkehren?", wollte Kingsley interessiert wissen.

Remus schüttelte bedrückt den Kopf. „Nein, ich fürchte, das ist nicht möglich angesichts der Vorurteile einiger Schulräte … außerdem habe ich bereits eine neue Beschäftigung gefunden." Tonks sah ihn überrascht an.

„Sie meinen doch wohl nicht, meine Mitarbeiter abzulenken und Missionen zu sabotieren?", fragte Kingsley ungehalten.

„Nein, das stimmt doch nicht!", protestierte Tonks energisch, doch Kingsley ließ sie nicht ausreden.

„ ... Was mich zu einem weiteren Punkt bringt: Wie konnte ein derart simpler Auftrag so außer Kontrolle geraten? Tonks! Ihre Arbeit hier war bestenfalls mangelhaft, was dem Umstand geschuldet ist, dass Sie versucht haben, zwei Missionen auf einmal zu koordinieren. Aber das rechtfertigt nicht, dass Fenrir Greyback aus heiterem Himmel ein unschuldiges Kind anfällt und dabei riskiert, das ansässige Rudel gegen sich aufzubringen. Wie erklären Sie mir das?"

Bei dem Gedanken an das tote Kind spürte Tonks einen dicken Kloß im Hals. Hätte Ruster Skoll Greyback nicht gegen die Werwölfe Cardiffs aufgebracht, indem er Tonks vor ihm in Schutz nahm, hätte der es vielleicht nicht gewagt, auf fremdem Territorium zu jagen. Tonks hatte nicht gewusste, dass Greyback zu dem Treffen kommen würde und sie hatte auch nicht um Rusters Hilfe gebeten, doch der Gedanke, womöglich Schuld am Tod eines Kindes zu tragen, schnürte ihr dennoch die Kehle zu. In dem Moment überkam sie ein übergroßes Bedürfnis, Kingsley einfach die Wahrheit zu sagen und ihre Schuld einzugestehen.

„Wir waren auf einer Versammlung des Rudels letzte Nacht außerhalb der Stadt. Greyback und andere Todesser waren da. Es stimmt, Sie-wissen-schon-wers Anhänger haben wirklich großen Einfluss auf die Werwölfe. Greyback hat mich gesehen und als klar wurde, dass er nicht ohne Weiteres Jagd auf mich machen darf, wurde er wütend. Wir haben das Treffen schon früh verlassen, deshalb kann ich nicht sagen, wie die Stimmung am Ende war und ob unser Zusammenstoß eventuell dazu beigetragen hat, dass Greyback sich an dem Rudel rächen wollte."

Sowohl Kingsley als auch Remus fiel die Kinnlade herunter. Kingsley fragte: „Wie konnten Sie beide an dem Treffen teilnehmen?", während Remus Tonks ansah und bestürzt feststellte: „Du gibst dir die Schuld daran!" Tonks zuckte nur bestätigend mit den Schultern.

In Kingsleys Augen, der ihren kleinen Wortwechsel nicht mitbekommen hatte, leuchtete Erkenntnis auf. Er nickte verstehend und deutete auf Remus. „Sie waren der Türöffner. Mit Ihnen als Partner war es möglich, an den privaten Versammlungen des Rudels teilzunehmen. Was aber gleichzeitig heißen würde ..." Erneut wirkte Kingsley, als sei ihm soeben etwas klar geworden. Er sah Remus an. „Sie haben die Ermittlungen im Werwolfslager die ganze Zeit über allein geführt. Das Rudel war mit Tonks nicht vertraut, aber mit Ihnen schon. Bleibt noch die Frage … was sie derweil die ganze Woche gemacht hat, wenn sie schon nicht ihrer Mission nachgekommen ist." Kingsley sinnierte weiter, so als wären Remus und Tonks gar nicht da. Schließlich fragte er: „Sie haben die falschen Hinweise auf Black persönlich verteilt? Sie sind in einer Woche lang quer durch Großbritannien gereist, ohne dass es jemand gemerkt hätte?" Er wirkte auf widerwillige Weise beeindruckt.

Tonks zuckte die Schultern. „Ich bin geflogen und habe mich nur an Muggelorten aufgehalten."

„Aber man hat Black an einigen der Orte gesehen … waren das etwa auch Sie?" Kingsley musterte Tonks anerkennend. „Wie es aussieht, habe ich ihre Fähigkeiten zur Gestaltwandlung bisher viel zu wenig in Anspruch genommen. Aber das wird sich ändern."

Tonks riss die Augen auf. „Das heißt, ich bin nicht gefeuert? Sie zeigen uns nicht an?"

Lachend schüttelte Kingsley den Kopf.

„Ich wäre ein Idiot, mir die Zusammenarbeit mit zwei so vielversprechenden Partnern entgehen zu lassen."


Es klopfte an der Tür, als Tonks gerade das letzte Paar Socken in ihren Rucksack steckte.

Remus trat unaufgefordert ein. Als er ihr tränenverschmiertes Gesicht erblickte, sah es erst so aus, als wollte er am liebsten gleich wieder aus dem Zimmer fliehen. Doch dann stellte er seine Tasche ab, kam zu ihr und nahm sie in den Arm.

Tonks' schmale Schultern zitterten von den tiefen Schluchzern, die nicht aufhören wollten, aus ihr hervorzubrechen. Sie legte die Stirn an Remus' warme Brust und durchnässte dabei seine Jacke und sein Hemd. Er achtete nicht drauf, sondern strich ihr beruhigend über den Rücken, ohne ein Wort zu sagen.

Erst als Tonks sich auch nach einigen Minuten noch nicht gefasst hatte, flüsterte er: „Bitte, gib dir doch nicht die Schuld daran. Tonks, wirklich … das macht dich kaputt. Ich hab dich noch nie so gesehen."

Sie verkrampfte sich in Remus' Armen. Auf einmal war ihr die Situation furchtbar peinlich. Sie benahm sich wie ein Kind. Mühsam um Fassung ringend trat sie einen Schritt zurück und wischte notdürftig die verbliebenen Tränen weg. Mit zitternder Stimme versuchte sie zu erklären, wie ihr zumute war. „Es ist … es kommt mir vor, als hätten wir alles falsch gemacht … und jetzt musste dieses Kind für unsere Fehler bezahlen." Sie vergrub das Gesicht in den Händen, verzweifelt und wütend zugleich. „Und ich hab Angst. Kingsley hat herausgefunden, dass ich ihn wochenlang belogen habe. Unser Schicksal liegt allein in seinen Händen. Und das von Sirius! Was, wenn Kingsley ihn trotz allem verrät? Dann landet er in Askaban und ich dazu ... falls ich davor nicht von einem rachsüchtigen Werwolf zerfleischt werde oder Du-weißt-schon-wer beschließt, das Ministerium an sich zu reißen. Alles scheint mir zu entgleiten und es ist sinnlos, mir vorzumachen, es wäre nicht meine Schuld!"

Remus legte ihr die Hände auf die Schultern. In seinem Blick lagen gleichermaßen Mitgefühl und Strenge.

„Lass solche Gedanken nicht zu. Jeder, der dich kennt, weiß dass deine Absichten ehrenhaft sind und du nach bestem Wissen gehandelt hast. Ich möchte nicht, dass diese Sorgen dein Denken bestimmen und dich daran hindern, nach vorn zu sehen."

Ohne, dass Tonks etwas dagegen tun konnte, kullerte ihr eine letzte Träne über die Wange.

Remus wischte sie entschieden weg. Sein Blick war entschlossen und duldete keinen Widerspruch. „Wir können uns keine Schwäche erlauben. Große Aufgaben liegen vor uns und ich brauche die Tonks an meiner Seite, die sich für andere einsetzt. Oder mich aus heiterem Himmel zum Duell auffordert, mir Mut macht ..."

Sie lächelte ihm durch ihren Tränenschleier zu. In Remus' Gesicht lag die kompromisslose Aufrichtigkeit, die sie an ihm so schätzte und gleichzeitig noch etwas anderes, was sie weniger gut einzuordnen vermochte. Ähnlich wie Sorge, doch auf eine Art anders, intensiver …

Remus ließ die Arme sinken und sah ihr in die Augen. „Also, bist du soweit?"

Tonks schniefte ein letztes Mal und nickte dann.

Gemeinsam stiegen sie hinunter in den Schankraum des Y Ddraig Goch, wo Kingsley bereits auf sie wartete. Wehmütig sah Tonks sich ein letztes Mal um. Sie hatte den Gasthof, das ganze magische Viertel und die Menschen, die dort lebten, sehr lieb gewonnen. Die kurze Zeit, die sie hier verbracht hatte, obwohl sie von einer anstrengenden Mission und einigen unliebsamen Begegnungen überschattet worden war, hatte sich trotz allem ein wenig wie Urlaub angefühlt.

Eine Schonfrist, bevor sie in den Krieg gegen Du-weißt-schon-wen eintraten.

Wie eine Ruhe vor dem Sturm.