Heimkehr und Neuanfang

Die Tür öffnete sich einen winzigen Spalt und ein kurzer knorriger Zauberstab wurde hindurch geschoben. „Wer ist da?", ließ sich Alastors Stimme dumpf von drinnen vernehmen.

Tonks schob genervt einen Fuß in die Tür. „Mad-Eye, wir sind's. Lass uns rein!"

Ein feuriger Blitz schoss ihr entgegen. Instinktiv duckte sie sich darunter hinweg, was zur Folge hatte, dass Remus von dem Geschoss getroffen wurde. Fluchend hielt er sich die Stirn, auf der sich ziemlich schnell eine stattliche Beule bildete.

„Verdammt, Mad-Eye, was soll das? Komm mal runter, deine Paranoia wird langsam anstrengend!" Entschlossen zwängte Tonks sich durch den viel zu schmalen Spalt und preschte an dem grummelnden Ex-Auror vorbei in die Eingangshalle.

„Von wegen Paranoia! Du warst nicht dabei, als die Ministeriumsleute das Haus umstellt hatten.", rief er ärgerlich, während er ihr in die Küche des Grimmauldplatzes Nr. 12 folgte.

Tonks schüttelte den Kopf. „Nein, das war ich nicht. Aber du warst auch nicht dabei, als ich dafür gesorgt habe, dass sie den Befehl zum Rückzug erhalten haben."

Alastor musterte sie misstrauisch. „Was sagst du da?"

Sie kam nicht dazu, zu antworten, weil von der Treppe Gerangel und ärgerliche Stimmen an ihr Ohr drangen. Sirius stürzte herein, dicht gefolgt von Remus, der alles andere als glücklich über das Wiedersehen mit seinem ältesten Freund wirkte. „Tonks, was soll das? Hast du beschlossen, mich vollends ans Messer zu liefern?", rief Sirius aufgebracht.

Verwirrt schüttelte Tonks den Kopf. „Ich freue mich auch, dich zu sehen."

Remus packte Sirius an der Schulter und drehte ihn zu sich um. „Sie hat dich nicht verraten, sie konnte nichts dafür … eigentlich."

„Ach ja? Und wieso steht dann zufällig der Mann, der mich ein Jahr lang durch ganz England gejagt hat, zufällig draußen auf dem Platz? Dein Vorgesetzter?", fügte Sirius anklagend in Tonks' Richtung hinzu.

Die sah Remus wütend an. „Was heißt 'eigentlich'? Ich habe Kingsley doch nicht gesagt, wo Sirius ist. Das hat er allein raus gefunden. Du musst irgendeine Dummheit begangen haben, lieber Großcousin."

Sirius' Züge verdüsterten sich gefährlich. „Du meinst, ich hätte mich in ein waghalsiges Abenteuer gestürzt, weil ich so scharf darauf bin, den Dementoren mal wieder einen Besuch abzustatten?"

Tonks fuhr heftig zusammen. Sie hatte angenommen, Kingsleys Bemerkung, er würde bei der Jagd auf Sirius Dementoren einsetzen, sei ein Scherz gewesen. Doch das konnte sie Sirius natürlich nicht einfach so erzählen. Sie musste ihm behutsam klar machen, dass der Mann, der ihn bis vor wenigen Tagen noch hatte zur Strecke bringen wollen, nun ein friedvolles Gespräch mit ihm suchte.

Doch Sirius hatte recht: Im Moment gab es für ihn einfach keinen guten Grund, Tonks zu vertrauen oder ihrer Bitte in irgendeiner Weise statt zu geben.

Ihre Vermutung bestätigte sich, als sie die dunklen Ringe unter Sirius gehetzt umher huschenden Augen bemerkte. Er saß zusammengesunken am langen Küchentisch, so als hätte er tagelang nicht geschlafen. „Verdammt, ich hatte Angst. Todesangst, Tonks. Wenn du erlebt hättest, was ich erlebt habe ..."

Schlagartig verschlimmerten sich Tonks' Gewissensbisse um ein Vielfaches. Natürlich hatte sie nicht gewollt, dass er diese Furcht durchstehen musste, was ja einer der Gründe war, weshalb sie überhaupt erst begonnen hatte, ihren Mentor zu belügen. Und doch war es ihr, aufgrund ihrer schlechten Planung und ihrer Schusseligkeit nicht gelungen, Kingsley zu täuschen und ihn vom Grimmauldplatz fern zu halten. Sie setzte sich Sirius gegenüber an den Tisch und sagte beschwichtigend: „Kingsley ist nicht hier, um dich zu verhaften. Glaub mir, wenn er mit dieser Absicht hergekommen wäre, würden wir nicht mehr hier sitzen."

„Wie kannst du dir da sicher sein? Wer sagte, dass das keine Falle ist?", knurrte Alastor.

Tonks atmete tief durch. „Weil, ich ihm genauso ausgeliefert bin wie ihr. Wenn er Sirius hinter Gitter bringen will, wird er das mit dem Rest von uns auch tun müssen und das macht er nicht." Mit einem ängstlichen Blick zu Sirius fügte sie hinzu: „Ich hab ihm deine Geschichte erzählt. Die Wahrheit." Beschwörend sah sie ihm in die Augen. „Er will nur mit dir reden. Ich verspreche dir, dass nichts passiert."

Alles in ihm schien sich dagegen zu sträuben - und Tonks konnte das gut verstehen – aber schließlich nickte Sirius. Alastors Reaktion war ein abfälliges Schnauben, das Remus mit einem vorwurfsvollen Blick quittierte.

„Also gut ...", sagte Tonks, inständig hoffend, dieses eine Mal keinen schrecklichen Fehler zu begehen. „Dann werd' ich ihn mal rein holen."


„Was meinst du, ob er ihm glaubt?", fragte Tonks nervös.

„Kann ich nicht sagen, Tatze hat seine überzeugenden Momente und die, in denen er irgendwelche unzusammenhängenden Morddrohungen von sich gibt, um auch den allerletzten Glauben an das Gute in ihm zu ersticken.", erwiderte Remus, während er schmerzvoll das Gesicht verzog.

Er und Tonks standen etwas abseits von Sirius und Kingsley, die sich am Tisch sitzend unterhielten. Remus lehnte an der Küchenzeile, wo Tonks notdürftig seine Beule verarztete.

Alastor stand wie ein Leibwächter hinter Sirius' Stuhl und ließ sein magisches Auge unheilvoll rollen, so als wolle er damit direkt in Kingsleys Kopf hinein sehen oder ihn zumindest einschüchtern.

Doch sein Verhalten schien keinen Eindruck bei Kingsley zu machen. Er hatte die Finger verschränkt und hörte Sirius mit aufmerksamer Miene zu. Tonks betete, dass ihr Großcousin in seiner Wut auf sie und seinem Misstrauen gegenüber Kingsley nichts sagte, was er später vielleicht bereuen würde.

Das Gespräch zog sich in die Länge und Tonks bekam langsam Hunger. Weder sie noch Remus waren seit ihrer Rückkehr aus Wales dazu gekommen, sich umzuziehen und sie würde alles für eine erfrischende Dusche geben, um ihren geschundenen Körper zu verwöhnen.

Remus schien ihre Gedanken erraten zu haben. „Geh ruhig nach Hause. Falls Mad-Eye noch Fragen zu unserer Mission hat, bin ich ja da."

Tonks zögerte. „Ich weiß nicht. Ich hab uns das schließlich alles eingebrockt. Was wenn Sirius Kingsley nicht für sich gewinnen kann?"

„Dann kannst du das auch nicht ändern, egal wo du dich dann aufhälst. Geh heim, dein Freund wartet sicher schon auf dich."

Überrascht sah Tonks auf. „Mein Freund?"

Remus runzelte die Stirn. „Ich dachte, du und dieser Bill Weasley … ihr steht euch nahe."

Sie schüttelte den Kopf. „Nein! Ich meine ja, wir stehen uns nah, aber nicht so … und das will ich auch gar nicht. Was nicht heißen soll, dass er nicht toll ist. Er ist toll … nur ...", sie brach ab.

Es fiel ihr schwer, ihre Beziehung zu Bill zu beschreiben und ihr war nicht klar, wieso ihr so viel daran lag, dass Remus es verstand.

Als Reaktion auf ihr Gestammel zog er belustigt die Augenbrauen hoch und Tonks war einmal mehr überzeugt, dass er keinerlei Interesse an den Details ihres Privatlebens hatte. Kurz entschlossen ließ sie ihn stehen und ging hinüber zu Kingsley. Sie wartete, bis sich in Sirius' Redefluss eine kurze Pause auftat und fragte ihren Mentor dann leise, ob sie gehen könne. Der hörte ihr kaum zu, sondern schien tief in Gedanken versunken zu sein. Mit einer ungeduldigen Handbewegung bedeutete er ihr, nicht zu stören, was sie als Erlaubnis auffasste, sich zu entfernen. Sie winkte Alastor und warf Sirius einen ermutigenden Blick zu.

An der Küchentür wartete Remus mit ihrem Komet 260 und dem Rucksack. „Ich begleite dich noch rauf."

Während sie durch die Eingangshalle schlichen, fiel Tonks auf, dass ihr Partner viel federnder ging als sonst und ein breites Grinsen auf den Lippen trug.

„Ist irgendetwas Erfreuliches passiert?", fragte sie in misstrauischem Tonfall, ohne den Anflug eines Lächelns aus ihrem eigenen Gesicht verbannen zu können.

Remus lachte verhalten. „Nein, nichts. Eigentlich gar nichts. Ich hab nur … ich hab gute Laune."

„Na, immerhin einer von uns.", erwiderte Tonks ein bisschen genervt. Selbstverständlich war sie froh, wieder in London zu sein und auch darüber, dass die Verständigung zwischen Sirius und Kingesley scheinbar ganz gut klappte. Aber gleichzeitig empfand sie so etwas wie Wehmut, ihre Mission vorzeitig abgebrochen zu haben, was ihre gemeinsame Zeit mit Remus verkürzt hatte … Also, ihre Zeit, sich besser kennenzulernen und effektiv zusammenzuarbeiten, nichts weiter. Weil er ihr sympathisch war, mehr nicht. Bis auf ihre gelegentlichen Streitereien waren sie in Tonks' Augen ein ziemlich gutes Team. So etwas gab man natürlich nur ungern auf.

Remus hingegen schien alles andere als traurig. Mit dem schiefen Lächeln auf seinen Lippen wirkte er schon fast beschwingt.

Etwas bissig sagte Tonks: „Na, du bist sicher froh, dass das alles jetzt vorbei ist. Das Ende einer Mission verschafft vielen Erleichterung."

Er sah auf Tonks hinunter. In seinem Blick lagen Tatendrang und Optimismus, als er sagte: „Das ist doch nicht das Ende. Tonks, es ist erst der Anfang!"