tabula rasa
Als Tonks am späten Abend endlich vor ihrer Wohnungstür stand, war es zu ihrer Überraschung nicht Bill, der sie als Erster begrüßte.
Percy Weasley, sein jüngerer Bruder, hielt ihr mit einem distanzierten Lächeln die Tür auf. Er und Tonks kannten sich kaum persönlich, hatten allerdings durch Bill genug über den jeweils anderen erfahren, um einander unsympathisch zu finden.
„Hey, besuchst du Bill? Wie nett ...", war Tonks lahme Einstiegsbemerkung. Percy zu begegnen, der mit dem streng gescheitelten Haar, der altmodischen Hornbrille und dem tadellos sitzenden Ministeriumsumhang so gar nicht seinem älteren Bruder glich, überforderte sie komplett.
Die unangenehme Stille, die auf seine knappe Begrüßung folgte, wurde zum Glück schon bald von Bills Erscheinen im Flur beendet. Er wirkte anders als bei Tonks' Abreise vor etwas mehr als einer Woche. Seine Miene verriet Stress, unterdrückte Wut und Anspannung aber auch helle Freude über ihre Heimkehr.
„Tonks! Du bist wieder da, komm lass dich ansehen!" Ihr bester Freund zog sie mit der Herzlichkeit, die sie an ihm so liebte, in die Arme. Tonks fühlte sich sofort so geborgen und sicher, wie selten in den letzten Tagen. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr Bill ihr eigentlich gefehlt hatte.
„Bei mir ist alles gut. Bin nur extrem müde … Und bei dir so?", wimmelte sie rasch seine unzähligen besorgten Nachfragen ab.
Mit Percy im Schlepptau gingen sie in die Küche, wo noch die Reste eines offenbar liebevoll zubereiteten aber kaum berührten Abendessens auf dem Tisch standen.
„ ... Wusste nicht, dass du heute kommst. Hab noch gar nicht mit dir gerechnet. Wieso hast du dich denn nicht gemeldet?" Bill begann geschäftig den Tisch abzuräumen, während Percy mit ungeduldiger Miene im Türrahmen lehnte.
Tonks ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Sie hockte sich auf die Couch in der Ecke des Zimmers und zog die Beine heran. Mit dem Kinn auf den Knien sagte sie etwas undeutlich: „Meine Abreise war nicht direkt geplant und etwas überstürzt. Ich hatte keine Zeit, dir zu schreiben."
Sofort traf sie ein prüfender Blick ihres Freundes. „Alles in Ordnung? Darfst du mir sagen, was los war?"
Abwehrend hob Tonks die Hände. „Lass nur. Es … es ist nichts. Ich will euch auch gar nicht stören. Sicher wollt ihr heute Abend noch weg oder so." Sie warf Percy, obgleich sie ihn nicht leiden konnte, einen entschuldigenden Blick zu.
Der schnaubte beinahe verächtlich und sagte in überheblichem Tonfall: „Nicht wirklich, ich wollte sowieso gerade gehen. Ich muss einen Bericht für den Minister zu Ende schreiben. Nymphadora, Bill ..." Als er sich schon zum Gehen wandte, packte sein älterer Bruder ihn am Arm und sah ihm eindringlich in die Augen. „Versprich mir, dass du nochmal darüber nachdenkst! Niemand zwingt dich zu einer Entscheidung. Bitte, tu Mom das nicht an!"
Offenbar war Tonks mitten in eine ernste Diskussion der Brüder hineingeplatzt, was ihr äußerst unangenehm war. Doch Percy schien sich überhaupt nicht an ihrer Anwesenheit zu stören, sondern antwortete seinem Bruder offen heraus mit ungewöhnlicher Schärfe in der Stimme: „Das sehe ich anders. Bill, ich tue das doch auch, um euch zu schützen. Vaters radikale Haltung und seine zwielichtigen Machenschaften werden ihn früher oder später in Schwierigkeiten bringen. Dieser Mundungus Fletcher hat bereits mehrere Anzeigen von wegen Diebstahls und Schmuggel illegaler Artefakte am Hals."
Bei der Erwähnung von Alastors altem Freund horchte Tonks auf. Seit wann verkehrte er mit den Weasleys?
Bill fiel seinem Bruder wütend ins Wort: „Deine Entscheidung hat nichts mit Mundungus Fletcher zu tun. Das ist eine Sache zwischen Dad und dir … du kannst auch auf mich sauer sein, so lange du willst. Aber lass, um Himmels willen, den Rest der Familie aus dem Spiel und mach daraus nichts Politisches!" Er senkte die Stimme und Tonks glaubte den Tonfall zu erkennen, in dem Bill auch ihr immer ins Gewissen redete. „Du weißt, wie wir dastehen, wenn du dich öffentlich von uns lossagst. Bitte, das macht alles nur noch schwieriger. Für uns und Harry ..."
„Harry Potter!" Percy spuckte seinem Bruder den Namen regelrecht vor die Füße. „Hast du schon mal daran gedacht, wie viel leichter unser Leben ohne seinen schädlichen Einfluss sein könnte? Ron lässt sich permanent von ihm in irgendwelche gefährlichen Abenteuer hineinziehen und steht jeden Sommer kurz vor dem Schulverweis. Und Ginny wurde seinetwegen vor zwei Jahren entführt, falls du das vergessen haben solltest. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Potters Name aufgrund irgendeiner Dummheit wieder in den Schlagzeilen landet und auch unserer Familie schadet." Percys Ohren war vor Zorn rot angelaufen, als er mit ärgerlich erhobener Stimme weitersprach. „Tja, ich für meinen Teil möchte, wenn es wieder so weit ist, nicht mehr auf der Seite des Auserwählten stehen."
Bill schüttelte den Kopf über das Verhalten seines Bruders. „Das ist also deine Bedingung? Wir sollen Harry im Stich lassen, nur damit du vor deinen Kollegen im Ministerium gut dastehst? Als nächstes forderst du noch, dass wir den hirnverbrannten Mist glauben, den der Tagesprophet über Dumbledore schreibt!"
Nun war es an Percy, ungläubig zu lachen. „Oh, Bill … du verstehst anscheinend wirklich nicht, worum es mir hier geht. Ich bin nicht mehr der kleine Junge, dem die Meinung anderer wichtiger ist als seine eigene. Im Unterschied zu dir, sehe ich die Dinge jetzt, wie sie sind, anstatt mich hinter den Lügen eines schwer traumatisierten Kindes und dessen Lehrer zu verstecken. Wach endlich auf, William!"
Bill zitterte vor mühsam unterdrückter Aggression am ganzen Körper. Tonks hatte noch nie erlebt, dass er gegenüber einem seiner Brüder handgreiflich geworden wäre. Doch so wütend wie Bill nun war, konnte sie nicht mehr ohne Weiteres ausschließen, dass er Percy schlug. Und so wie der sich im Moment aufführte, konnte sie es ihrem Freund nicht verdenken.
Trotzdem stand sie auf und schob sich vorsorglich zwischen die Brüder, die einander mit beinahe hasserfüllten Blicken taxierten. Als Bill seine Freundin neben sich spürte, entspannte er sich merklich und begnügte sich mit einem ruckartigen Kopfnicken Richtung Wohnungstür. „Raus hier!", knurrte er zähneknirschend.
Percy verlor für einen Moment die Fassung und sein Gesicht zeigte einen kurzen Augenblick einen verletzten, resignierten Ausdruck. Doch bereits eine Sekunde später hatte er sich wieder im Griff und rauschte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, aus der Wohnung.
Teller, Besteck und Gläser flogen klirrend ins Spülbecken. Bill dirigierte die herumfliegenden Gegenstände lustlos mit seinem Zauberstab, während er mit wildem Blick durch die Küche stürzte, sämtliche Fenster aufriss, eine Vase voller vertrockneter Blumen ausleerte, den Tisch wischte und die Kissen auf der Fensterbank zurecht rückte.
Tonks kannte diesen blinden Aktionismus. Ihr bester Freund legte ihn immer an den Tag, wenn ihm etwas wirklich zu schaffen machte. Dahin war dann all seine obercoole Entspannung oder seine pragmatische Kühle. Wut war ein Gefühl, dass sich bei Bill stets in recht seltsamer Form zeigte, sodass Menschen, die ihn nicht gut kannten, oft nicht einmal merkten, dass er vor Zorn glühte. Tonks hatte überlegt, ob dies nicht vielleicht an Bills zahlreichen jüngeren Geschwistern lag, die ihn sicher oft fast zu Tode genervt hatten, ohne dass er es zeigen oder gebührend ausrasten durfte. Sie wusste, dass es in solchen Momenten am besten war, einfach zu warten, bis er sich wieder ein wenig beruhigt hatte und ihm dann zuzuhören.
Tatsächlich ließ Bill sich nach einer Weile mit einem tiefen Seufzer neben Tonks auf dem Sofa nieder und schloss die Augen. Er wirkte unendlich müde. Er drehte den Kopf und sah Tonks von der Seite an. „Tut mir Leid, wir haben dir deine Ankunft verdorben." Er legte einen Arm um sie. „Da bist du eine halbe Ewigkeit wie vom Erdboden verschluckt und wenn du dich wieder blicken lässt, habe ich nicht mal den Anstand mich vor meinem trotteligen Bruder zu beherrschen."
Tonks schüttelte energisch den Kopf. „Du konntest nicht wissen, dass ich komme. Und außerdem hat sich Percy wirklich wie ein – entschuldige den Ausdruck – Riesenarsch benommen. Wieso hast du mir nicht erzählt, dass ihr nicht mehr so gut miteinander auskommt?"
„Weil es niemanden was angeht!", schnappte Bill unerwartet scharf. Er seufzte erneut und zog seinen Arm von Tonks' Schultern, als wolle er sich einen Privatraum schaffen. „Entschuldigung ... Aber ich weiß einfach nicht, mit welchen Argumenten ich ihm noch kommen soll. Er schottet sich völlig von mir ab, so kenne ich ihn nicht. Percy war schon immer extrem ehrgeizig und insoweit ein bisschen anders als der Rest von uns … Aber ich hätte nie gedacht, dass er mich so verrät."
Nun musste Tonks eine Verständnisfrage stellen: „Was genau hat er denn eigentlich vor?"
„Ich weiß es nicht sicher. Jedenfalls wird es früher oder später darauf hinauslaufen, dass er nicht mehr Teil unserer Familie sein will. Ich weiß, dass meine Eltern Harry Potter niemals aufgeben würden. Aber wie soll Mom ihm und Dumbledore treu bleiben, wenn das heißt, dass sie dafür einen Sohn verlieren muss?"
Bill vergrub ratlos das Gesicht in den Händen. „Wenn ich nur wüsste, dass das eine Phase ist … Er bringt sich selbst mit dieser Skepsis gegenüber Dumbledore doch nur in Gefahr. Wie kann der Minister nur so hartnäckig die Augen vor den Tatsachen verschließen? Er zieht nicht nur sich selbst ins Verderben, sondern auch die gesamte Führungsetage des Ministeriums. Du-weißt-schon-wer wird sie sich alle holen, so wie er Bertha Jorkins geholt hat … oder Barty Crouch oder Mad-Eye ..."
„Mad-Eye lebt noch!", fiel Tonks ihm entrüstet ins Wort.
Bill hob traurig die Schultern. „Fakt ist, dass wir uns, solange das Ministerium nichts unternimmt, kaum vor den Todessern schützen können." Er stand mit resignierter Miene auf und trat ans offenen Fenster. „Ich hab einfach Angst, dass dieses Mal niemand kommen wird, um uns zu retten. Dass wir gegen die dunkle Seite machtlos sind."
Tonks brach es das Herz, ihren Freund so erschüttert und hoffnungslos zu sehen. Sie musste ihm helfen.
Während sie hinter ihn trat und nach seiner Hand griff, fasste sie einen Entschluss.
„Du hast was getan?" Alastor sah Tonks über seinen Flachmann hinweg fassungslos an.
„Ich habe es Bill erzählt. Alles.", erwiderte sie trocken, während sie mit den Händen über die unzähligen staubigen Buchrücken fuhr, die sich - größtenteils unbenutzt - in den Regalen ihres Mentors türmten. Er hielt nicht viel von theoretischer Unterweisung in Verteidigung gegen die dunklen Künste und war auch sonst nicht der Typ, der sich im Ruhestand in seinen Lehnstuhl setzte, um ein Buch zu lesen. Doch Tonks fand die Erklärungen, Warnungen und Tipps zu vielen Flüchen in den Werken immer recht hilfreich und hatte deshalb beschlossen, eine Auswahl von Alastors Büchern in den Grimmauldplatz Nr. 12 zu überführen.
Die Bibliothek des Hauses war zwar bereits reich bestückt, enthielt aber überwiegend Werke von oder über Salazar Slytherin und Handbücher zum Gebrauch dunkler Magie, von denen viele schon lange auf Anordnung des Gesetzgebers nicht mehr verkauft werden durften. Die würden allerdings, sobald Sirius sich dazu aufraffen konnte und ihm genug Helfer zur Verfügung standen, bald in einer großen Säuberungsaktion, bei der das Haus von allen schwarzmagischen Artefakten und Zaubern gereinigt werden sollte, verschwinden.
Tonks wählte eine umfangreiche Enzyklopädie zur Bekämpfung von bösartigen Hausgeistern aus und legte sie auf den Stapel der Bücher, die sie mitnehmen wollte.
Ohne sich zu Alastor umzudrehen, sprach sie unbeirrt weiter: „Wir wollten es ihm doch sowieso früher oder später sagen und vor zwei Wochen warst du auch noch völlig damit einverstanden."
Sie wankte unter der Last eines besonders dicken Wälzers und setzte ihn schließlich stöhnend ab. Selbst wenn sich ein Fluch darin fände, mit dem man Du-weißt-schon-wen für immer besiegen könnte, sie würde dieses Monstrum mit Sicherheit nicht durch ganz London schleppen.
Erschöpft klopfte sie sich den Staub von den Händen und richtete sich wieder auf. „Außerdem hast du doch selbst einen Kundschafter zu den Weasleys geschickt. Oder willst du mir erzählen, dass Dung bei denen rumhängt, weil Molly so gerne Tee mit ihm trinkt?"
Alastor schien ein wenig überrascht und auch ungehalten über Tonks' überheblichen Tonfall. „Ja, ich habe Mundungus geschickt, um die Vertrauenswürdigkeit der Familie zu prüfen. Aber was er herausgefunden hat, gefällt mir nicht. Hast du gewusst, dass der drittälteste Sohn inzwischen bis in die Führungsebene des Zaubereiministeriums vorgedrungen ist? Juniorassistent des Ministers. Und er denkt nicht daran, sich dem engstirnigen Einfluss von Fudge zu entziehen. Er ist ein Sicherheitsrisiko."
Tonks lachte ungläubig. „Percy ist kaum mehr als ein Praktikant! Er schreibt Berichte und holt Kaffee! Niemand würde seine Familie je näher in Augenschein nehmen, dafür ist er nicht wichtig genug."
Alastor schien nicht vollständig überzeugt. „Möglicherweise ist er das nicht … aber ich weiß auch nicht, ob Arthur vorsichtig genug vorgehen könnte. Er scheint mir doch häufig etwas … naiv. Ich weiß nicht, ob er sich, wenn es hart auf hart kommt, mit all seinen Fähigkeiten dem Orden verschreiben würde."
Kopfschüttelnd drehte Tonks sich zu Alastor um. „Mad-Eye, du suchst nach Leuten, die nichts zu verlieren haben und sich deshalb, ohne Rücksicht auf Verluste, voll und ganz dem Kampf gegen Du-weißt-schon-wen widmen können. Aber bei denen solltest du dich fragen, woher ihre Motivation stammt … und das möchte ich zum Beispiel bei Mundungus gar nicht so genau wissen. Auf diese Mitglieder wirst du dich nie hundertprozentig verlassen können." Sie hielt kurz inne und ignorierte den skeptischen Blick, mit dem ihr Mentor sie musterte. „Stattdessen solltest du Leute auswählen, die etwas haben, für das es sich zu kämpfen lohnt. Sie werden dir auch in die aussichtsloseste Schlacht folgen, um ihre Familien und Freunde zu schützen. Sie sind nicht schwach, wie du denkst. Diese Menschen sind stark, weil sie lieben."
In Alastors einem Auge konnte Tonks erkennen, dass sie ihn tatsächlich zum Nachdenken gebracht hatte. Schließlich schloss der alte Ex-Auror sorgfältig seinen Flachmann und stand auf. „Gut, vielleicht hast du recht. Wir weihen die Weasleys ebenfalls ein, sollte dein Freund das nicht bereits getan haben."
„Bill würde nie etwas sagen!", fiel Tonks ihrem Mentor ins Wort, worauf sie einen strengen Blick erntete.
„Und … wenn du willst, kannst du ab jetzt ebenfalls bei der Rekrutierung neuer Mitglieder mitwirken. Vorausgesetzt du sprichst dich immer genau mit dem Rest von uns ab, handelst nicht aus irrationalen Gefühlen heraus, vernachlässigst nicht deine Arbeit im Ministerium und … das ganze endet nicht in einer ähnlichen Katastrophe wie dein letzter Auftrag. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
Tonks nickte respektvoll. Alastor war wegen der Sache in Cardiff offenbar doch wütender, als er es gestern Abend vor Kingsley gezeigt hatte.
„Was ist mit Harry Potter? Hat er nicht das Recht, zu erfahren, was vor sich geht?"
Alastor verdrehte sein normales Auge, während das magische starr auf sie gerichtet blieb. „Himmel, du klingst schon wie Sirius. Dumbledore und ich haben uns das bereits eingehend überlegt und sind zu dem Schluss gekommen, dass es für den Jungen sicherer ist, bei seinen Verwandten im Unklaren gelassen zu werden. Zumindest den Sommer über. Voldemorts Leute beobachten ihn sicher, weshalb jeder seiner Kontakte zum Orden uns auffliegen lassen könnte. In Hogwarts unter Dumbledores persönlichem Schutz ist es etwas anderes ..."
„Heißt das etwa, ihr wollt ihn bis dahin einfach seinem Schicksal überlassen, auf die Gefahr hin, dass Du-weißt-schon-wer ihn einfach umlegt?", fragte Tonks ungläubig.
Alastor schüttelte genervt den Kopf. „Natürlich nicht. Wir werden Ordensleute in der Umgebung postieren, die ein Auge auf Harry haben sollen. Außerdem lebt eine alte Freundin von Dumbledore in der Nähe seines Hauses, eine Squib namens Arabella Figg."
Misstrauisch nickend löste Tonks ihren Blick von Alastor und setzte sich an den wackeligen Klapptisch, der ihrem Mentor als Schreibpult diente. Sie zerrte ein unbeschriebenes Blatt Pergament aus einem der turmhohen Stapel, die dort lagerten, und begann eine Liste. Im Rücken spürte sie den stechenden Blick des magischen Auges. „Wen willst du als erstes aufsuchen?", fragte er interessiert.
Ratlos ließ Tonks ihre Augen über die Namen der wenigen ehemaligen Ordensmitglieder, die den letzten Kampf gegen Du-weißt-schon-wen überlebt hatten, wandern.
Ihre Mutter stand ganz unten. „Ich weiß nicht … Es wäre naheliegend, bei meinen Eltern anzufangen ..."
„Du hast Angst, dass Andromeda dir nicht glauben will.", stellte Alastor sachlich fest.
Tonks nickte. „Sie hat sich nach Sirius' Verhaftung so verraten gefühlt. Seitdem will sie nichts mehr von ihm hören … Ich weiß nicht, ob ich sie dazu bringen kann, umzudenken."
„Verstehe … vielleicht findet Dumbledore ja Zeit, einmal bei ihr vorbeizuschauen. Auf ihn wird sie hören. Und so lange", Alastor deutete auf den oberen Teil der Liste auf dem alle Namen der Weasleys – mit Ausnahme von Percy – aufgereiht waren, „kümmerst du dich um die Rotschöpfe."
Tonks musste bei der liebevollen Stichelei aus dem Mund des alten Mannes grinsen. Sie packte ihre Auswahl an Büchern in ihre magisch vergrößerte Handtasche und winkte Alastor noch fröhlich zu, bevor sie sich auf der Stelle drehte und ins Ministerium disapparierte.
In der Aurorenzentrale staunten viele nicht schlecht, dass Tonks schon wieder zurück war. Der genaue Zweck einer Mission wurde zwar nie an die große Glocke gehängt, aber die Abwesenheit eines Agenten auch nicht verheimlicht. Tonks wimmelte alle neugierigen Nachfragen möglichst schnell ab und verkroch sich dann ins Archiv.
„Na, schon zurück?"
Vor Schreck stieß sie einen spitzen Schrei aus und den ihr nächsten Aktenstapel um.
„Figgins!", rief sie ärgerlich, obwohl sie den Elfen nirgends sehen konnte. Sonst sprach er sie nie direkt an, sobald sie das RAPS betreten hatte. „Noch so eine Aktion und ich skalpiere sich!", machte sie ihrer Wut Luft und begann dann die Ordner wieder aufzulesen. „Wieso hast du Kingsley erzählt, dass ich nach Blacks Akte gefragt habe?", fragte sie in vorwurfsvollem Ton.
„Weil er gefragt hat.", erwiderte Figgins trocken und ohne eine Spur von Mitleid in der Stimme.
Grummelnd fuhr Tonks mit ihrer Aufräumaktion fort. Figgins näherte sich ihr langsam, bis sie ihn zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs richtig sehen konnte. „Was hat Miss Tonks mit Sirius Black zu tun … bis auf ihre entfernte verwandtschaftliche Beziehung?", fragte er mit einer Mischung aus Neugier und Missfallen.
„Ich wüsste nicht, was dich das anginge.", schnappte Tonks beleidigt.
Figgins spitzte aufmerksam seine großen Ohren. „Oh, sicher tut es das nicht. Figgins möchte sich nicht in Miss Tonks' zwielichtige Geschäfte einmischen.", sagte er ungewöhnlich direkt.
Nun bekam Tonks es doch mit der Angst zu tun. Dass Figgins sie bei ihrem Vorgesetzten verpfiffen hatte, hatte sich langfristig zu ihrem Vorteil ausgewirkt. Doch was, wenn er sich das nächste Mal bei der nächsthöheren Etage orientieren würde? Tonks war sich sicher, dass die Situation in diesem Fall nicht so günstig für sie ausginge.
Eindringlich sah sie dem Hauself in die Augen. „Figgins … sag, vertraust du mir?"
„Nicht weiter, als Figgins Miss Tonks werfen könnte.", erwiderte der kaltschnäuzig und Tonks biss sich beunruhigt auf die Lippe.
Doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Archiv und ein breiter Lichtstrahl fiel auf die Szenerie. Figgins zog sich sofort in eine dunkle Ecke zurück und Tonks sprang hastig auf.
Es war zum Glück nur Kingsley, der mit seiner massigen Gestalt fast den schmalen Türrahmen sprengte und mit ernster Miene auf seine Schülerin hinab sah.
„Hier verkriecht man sich also ...", war alles, was er zu ihr sagte, bevor er Figgins höflich zunickte. Mit einem Seitenblick auf Tonks, sagte er überheblich: „Versucht sie, dich zur Rede zu stellen? Nur auf keine Kompromisse einlassen. Sie wird dich schamlos hintergehen."
Augenzwinkernd griff er scheinbar wahllos in das Regal neben sich, zog eine Akte heraus und verschwand ebenso schnell wieder, wie er gekommen war.
Tonks sah ihm sprachlos hinterher. Das würde sie nicht einfach so auf sich sitzen lassen! Nicht ohne Figgins noch einen überaus drohenden Blick zuzuwerfen, den der mit einer skeptisch hochgezogenen Augenbraue quittierte, folgte sie Kingsley.
Ihr Mentor erwartete sie offenbar bereits, denn seine Bürotür öffnete sich schon bevor Tonks um Einlass bitten konnte. Als sie in den Raum stapfte, saß er gelassen hinter seinem Schreibtisch und hielt ein reich verziertes Glas Feuerwhiskey in der Hand.
„Vielleicht nicht der passendste Ort, um sich einen Drink zu genehmigen. Wir arbeiten hier.", fuhr Tonks ihn böse an.
Kingsley verzog keine Miene. „Ich bin die Arbeit. Ich setze die Maßstäbe und bin zu dem Schluss gekommen, dass es deine Arbeitsmoral ist, die in den letzten Wochen besorgniserregend nachgelassen hat." Er nahm einen weiteren Schluck Whiskey und fuhr fort, Tonks mit vorwurfsvoll gerunzelter Stirn zu mustern.
Die schnappte entrüstet nach Luft, bevor sie ihre Stimme erhob. „Was sollte das gerade? Reicht es nicht, dass sich die halbe Abteilung sowieso schon über mich lustig macht? Darf ich nicht einmal mehr den Hauselfen in seine Schranken weisen?"
„Vorsicht!", unterbrach Kingsley sie unwirsch. „Er ist ein freier Elf, nicht dein Prügelknabe."
„Was tut das zur Sache, wenn er sich in die Angelegenheiten anderer Leute einmischt?" Tonks wurde allmählich richtig sauer über die Art, wie Kingsley sie in die Ecke trieb und ihr die Worte im Mund verdrehte.
„Du kannst dich glücklich schätzen, dass er mich rechtzeitig über deinen Ungehorsam informiert hat.", sagte Kingsley streng.
„Ungehorsam?", wiederholte Tonks ungläubig.
Kingsley erhob sich nun hoheitsvoll und beugte sich mit drohender Miene über den Schreibtisch. „Jawohl, Ungehorsam! Oder wie würdest du es nennen, wenn jemand wissentlich und mit voller Absicht die Anweisungen seines Vorgesetzten missachtet und damit sich und andere in eine denkbar gefährlich Situation manövriert?" Er begann wütend auf und ab zu gehen. „Du hast Potential, Tonks, das weiß ich wohl. Eine glänzende Zukunft liegt vor dir. Aber durch dein verantwortungsloses Verhalten, hast du mich jetzt in eine schwierige Lage gebracht. Ich habe dir versprochen, auch weiterhin mit dir zusammenzuarbeiten und dieses Versprechen werde ich halten, aber ...", er hielt inne und neben Wut zeigte sich in seinem dunklen Gesicht nun auch Sorge. „Weißt, du das Schlimme ist nicht, dass du deiner Intuition getraut und Black geholfen hast. Das Schlimme ist, du hast es hinter meinem Rücken getan. Und so wie es aussieht, hast du nicht eine einzige Sekunde über die Konsequenzen nachgedacht." Er seufzte tief und stellte mit einer langsamen, bedachten Bewegung sein Glas ab. „Ich kann verstehen, wenn du mir nicht vertrauen kannst oder willst. Aber wieso dann einem mutmaßlichen Massenmörder, einem paranoiden Ex-Auror und einem Rumtreiber zweifelhafter Herkunft? Ich meine … das bereitet mir Sorgen, Tonks."
Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Hast du Remus gerade einen Rumtreiber genannt?" Das war nicht fair, Kingsley kannte ihn doch überhaupt nicht. Mit welchem Recht erlaubte er sich, ein Urteil über den anderen Mann zu fällen?
Kingsley hob beschwichtigend die Hände. „Das ist nicht der Punkt … worauf ich hinaus will … Ich weiß nicht, ob diese Leute der richtige Umgang für dich sind. Mad-Eye hat schon bessere Tage gesehen und ich bin mir nicht sicher, ob er noch in der Lage ist, Risiken angemessen einzuschätzen."
Entrüstet verschränkte Tonks die Arme vor der Brust. „Er ist ein Auror der Spitzenklasse."
„War.", korrigierte Kingsley sie leise.
Entnervt warf sie die Hände in die Luft. „Als würde das eine Rolle spielen. Fakt ist, dass er mich nicht ständig wie ein Kind behandelt, mich klein hält und mir langweilige Büroarbeit auflastet."
Kingsleys Gesicht wurde hart. Mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, stellte er nüchtern fest: „Er überfordert dich."
„Er behandelt mich, als würde ich tatsächlich zählen. Verstehst du? So als würde ich einen Unterschied machen!", schoss Tonks ihm entgegen.
Kingsley biss bei diesem Vorwurf deutlich sichtbar die Kiefer zusammen und verschloss seinen Blick. Mit knirschenden Zähnen sagte er: „Das tue ich. Aber ich bin auch verantwortlich für deine Ausbildung und deinen Schutz."
„Ich brauche keinen Schutz!", rief Tonks wütend.
„Doch, hin und wieder brauchst den sehr wohl. Genauso wie jemanden, der dir deine Grenzen aufzeigt. Deine Abenteuerlust wird dich nochmal den Hals kosten."
Ohne auf Kingsleys Seitenhieb einzugehen, wiederholte Tonks ihren Standpunkt mit Nachdruck: „Ich bin nicht diejenige, die Schutz benötigt! Die Menschen sind es! Es geht mir doch nicht darum, irgendeinen Traum zu leben oder mich selbst zu verwirklichen. Ich tue das, was Auroren nun mal tun: Die Menschen beschützen vor schwarzer Magie. Auch wenn ihr es vielleicht noch nicht seht: Voldemort ist da draußen und er wird mit seiner Attacke nicht warten, bis endlich auch der Minister begriffen hat, was vor sich geht."
Tonks zuckte innerlich zusammen. Soeben hatte sie das erste Mal den Namen des dunklen Lords in den Mund genommen. Sie konnte nicht sagen, ob es daran lag, dass sie so viel Zeit mit Remus verbracht hatte, der Du-weißt-schon-wen immer beim Namen nannte, oder dass, ihn 'Voldemort' zu nennen, ihr ein Stück ihrer Furcht vor ihm nehmen konnte.
Kingsley schüttelte verständnislos den Kopf. „Dieses Ziel verfolgen wir doch alle. Wenn dir das wichtig ist, wieso widersetzt du dich dann meinen Anordnungen?"
„Nicht deinen Anordnungen, denen von Fudge. Und so wie es aussieht, seid ihr zwei ja untrennbar verbunden."
„Weißt du eigentlich, wie viele Gesetze ich seit Tagen für dich breche?", knurrte Kingsley. „Ich tue das, weil ich an dich glaube und daran, dass du recht hast. Es stimmt, mir liegt nichts daran, mich speziell gegen den Minister aufzulehnen. Was ich will, ist Den-dessen-Namen nicht-genannt-werden-darf zu bekämpfen. Alles, was ich von dir will, ist dass du ehrlich zu mir bist und zu mir kommst, wenn du etwas planst, was sich außerhalb der Grenzen der Gesetze bewegen könnte."
Tonks starrte ihn verblüfft an. „Heißt das, du … lässt mich machen?"
Kingsley zuckte unschlüssig die Schultern. „Habe ich denn eine Wahl?"
Aufgeregt und fordernd fragte sie weiter: „Was ist mit den anderen? Ich darf ihnen helfen!"
Ihr Mentor wiegte den Kopf hin und her, bevor er widerwillig antwortete. „Ja … vorausgesetzt, ihr weiht mich in das ein, was hier wirklich vor sich geht. Es muss einen Grund geben, wieso Black sich ausgerechnet hier in London, unter der Nase des Zaubereiministeriums versteckt hält."
Tonks verdrehte bockig die Augen. „Hier läuft so Einiges, was du nicht verstehst. Das Ministerium sollte sich lieber um die Tatsache kümmern, dass Voldemort zurück ist, anstatt seinen mutmaßlichen Anhängern hinterherzujagen."
„Ich wüsste nicht, was das mit Blacks offensichtlicher Todessehnsucht zu tun hat.", war Kingsleys kühle Erwiderung darauf.
„Kingsley, benutzt deinen Kopf. Natürlich hat es einen bestimmten Grund, dass er nach London zurückgekehrt ist. Du hast seine Biografie studiert. Sieh dir seine Begleiter an, fällt dir da nicht irgendwas auf?" An diesem Punkt schien es unmöglich, ihrem Mentor das Geheimnis noch länger vorenthalten zu wollen, weshalb Tonks geradeheraus sagte: „Der Orden des Phönix tritt wieder zusammen, um gegen Voldemort zu kämpfen."
Kingsley schwieg einen Moment. Sein Gesicht war ungewöhnlich blass, so als hätte Tonks ihn mit ihrer Enthüllung völlig überfahren. In seinen Augen konnte sie sehen, dass er sehr genau wusste, wovon sie sprach und sich der Bedeutung ihrer Worte bewusst war.
„Und … du … bist Teil davon?", war die erste Frage, die er mit fassungsloser aber völlig ruhiger Stimme über die Lippen brachte.
Tonks atmete tief durch und nickte dann. Nun gab es kein Zurück mehr.
