Schlangen und Füchse

„Der Schuppen ist ziemlich unheimlich, wenn ihr mich fragt.", ertönte eine verunsicherte Stimme aus der Eingangshalle.

„Wieso nur? Also ich empfinde die Kombination aus Schlangenmotiven, abgetrennten Extremitäten und Spinnenweben ja als sehr gemütlich.", war die trockene Erwiderung auf diesen Kommentar. Sie stammte zweifelsohne von einem der Zwillinge.

„Richtig anheimelnd.", pflichtete das brüderliche Gegenstück bei.

„Lasst gut sein. Geht lieber und holt das Gepäck.", meldete sich eine weitere Tonks nur zu gut vertraute Stimme zu Wort.

„Wozu laufen ..." - „Wenn man auch apparieren kann?", kam es von Fred und George zurück.

Ein Lächeln breitete sich auf Tonks' Gesicht aus. Sie hatte die Brüder bereits erwartet. Beschwingt lief sie die Küchentreppe hinauf, um die Weasleys zu begrüßen.

Die bunte Truppe mit den auffällig roten Haaren drängte sich schüchtern am anderen Ende der Halle zusammen und beäugte mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu ihre Umgebung.

Bis auf Charlie und Percy waren alle von Bills Geschwistern versammelt: die vorlauten Zwillinge, welche sich gerade, als Tonks den Treppenabsatz erreichte, vor ihren Augen aus dem Nichts materialisierten, der nächstjüngere Bruder Ron, der ebenso groß und schlaksig war wie Bill, und die Jüngste, Ginny, das einzige Mädchen.

Bedeutungsvoll legte Tonks einen Finger an die Lippen, um die Geschwister zum Schweigen zu bringen. Sie eilte auf Bill zu und schloss ihn in die Arme. Dann winkte sie den anderen und führte sie hinauf in den ersten Stock.

Sie konnte sich die unsicheren und skeptischen Blicke in ihrem Rücken nur zu gut ausmalen und verstand vollkommen, was ihre Freunde im Moment umtrieb. Ihr erging es beim Anblick der Innenausstattung dieses Hauses nicht anders.

Erst in dem geräumigen Gästezimmer, das sie und Sirius für die Jungen vorbereitet hatten, wandte sie sich zu den anderen um. Während Tonks mit Nachdruck die schwere Tür schloss, prasselten bereits die ersten Fragen und Vorwürfe auf sie ein.

„Was ist das für ein Haus?"

„Lebst du etwa hier?"

„Wieso sollten wir herkommen?"

Tonks kämpfte sich durch die aufgebrachte Geschwisterschar ans andere Ende des Zimmers und ließ sich mit einem ungewöhnlich strengen Blick in die Runde auf einem der Betten nieder. Stille kehrte ein und alle Augen richteten sich auf sie.

„Also ...", Tonks war sich unsicher, wie sie beginnen sollte. Wie offenbarte man einer Gruppe verhältnismäßig unbedarfter Teenager gleich mehrere Geheimnisse von enormer Brisanz, die unbedingt mit der nötigen Diskretion und Verschwiegenheit behandelt werden mussten?

„Es ist so … ich werde euch gleich ein paar … nun sagen wir 'ungewöhnliche' Tatsachen enthüllen. Aber zuerst – unabhängig davon, ob ihr mit glaubt oder nicht, - müsst ihr schwören, mit niemand Außenstehendem über das zu sprechen, was ich euch jetzt erzähle."

Obgleich sie sich melodramatisch vorkam, hatte sie das Gefühl, dass die Geschwister, von denen manche nur wenige Jahre jünger waren als sie selbst, diese Strenge vielleicht brauchten, um den Ernst der Lage zu begreifen. Zur Unterstützung ihrer Worte blickte sie auffordernd in die Runde.

Die Zwillinge schienen für ihren Teil völlig unbeeindruckt. Sie zuckten bloß die Schultern und sagten wie aus einem Munde: „Uns schockt nichts mehr."

Ron warf seinem ältesten Bruder einen unsicheren Blick zu und die Jüngste hob misstrauisch die Augenbrauen.

„Was heißt 'außenstehend'?", wollte sie mit trotzig vorgeschobenem Kinn wissen. „Was ist mit Charlie? … Und Percy?"

Tonks schüttelte den Kopf. „Deine Brüder werden bei Zeiten informiert … zumindest", hier warf sie Bill einen entschuldigenden aber bestimmten Blick zu, „wenn sie sich als vertrauenswürdig erweisen."

Bei diesen Worten zeigten sich auf den Gesichtern der Geschwister gleichermaßen Entrüstung und Unsicherheit. Einzig Fred und George lachten herzhaft, so als sei ihnen der Seitenhieb gegen Percy völlig entgangen.

„Vertrauenswürdig!", prustete Fred. „Und verschwiegen!", fiel George mit ein. Gemeinsam fügten sie hinzu: „Da bist du bei uns genau bei der richtigen Adresse!"

Bill seufzte genervt und bedeutete Tonks, endlich zum Punkt zu kommen.

Doch sie ließ sich weder von ihm noch von den Zwillingen, die die Situation offensichtlich nicht besonders ernst nahmen, aus der Ruhe bringen. In dieser Angelegenheit würde Alastor ihr sicher keine Pfuscher verzeihen. Ganz zu Schweigen von Sirius, dessen Leben im wahrsten Sinne des Wortes von der Verschwiegenheit dieser Kinder abhing.

Sie ließ ihren Blick über die erwartungsvoll geweiteten Augen der Geschwister wandern, die – mit Ausnahme von Ron – alle in einem angenehmen haselnussbraun leuchteten, so als könnten sie kein Wässerchen trüben.

Kurz entschlossen fasste Tonks sich ein Herz und rückte mit der Sprache heraus.

Während sie berichtete – die Enthüllung von Sirius' Unschuld, die jahrelange Vertuschung der Wahrheit, seine frühere Mitgliedschaft im Orden des Phönix sowie Dumbledores Plan, denselben wieder auferstehen zu lassen – registrierte sie, wie die Kinnladen der Weasleys der Reihe nach herunter klappten.

Dem Jüngsten, Ron, konnte sie ansehen, dass manche Teile der Geschichte, die die Vergangenheit von Sirius betrafen, keineswegs neu für ihn waren. Und auch Bill war nicht überrascht, als sie erzählte, ihr Großcousin sei ein Animagus.

„Ich habe gesehen, wie er sich verwandelt hat. Letzten Sommer nach dem Turnier, als Mum und ich Harry im Krankenflügel besucht haben.", erklärte er den anderen.

„Und du hast uns nichts davon erzählt?", fragte Ginny vorwurfsvoll.

Bill zuckte entschuldigend die Schultern. „Verglichen damit, dass meine beste Freundin mich monatelang belogen und mir die Existenz des Ordens vorenthalten hat, ist das ein verzeihlicher Fehltritt, meinst du nicht?" Kopfschüttelnd sah er Tonks an. „Ich tat es, um euch zu beschützen. Aber warum zur Hölle hast du mir erst so spät von alldem hier erzählt?"

Tonks blickte betreten zu Boden. „Mad-Eye und die anderen waren zuerst dagegen, zu viele Leute einzuweihen. Aber als sie dann doch eingewilligt haben … war ich es, die widersprach." Als sie Bills grimmige Miene sah, beeilte sie sich, ihm alles zu erklären: „Ich wollte dich so lange wie möglich aus der Sache raus halten. Es ging darum, wer mich auf meine Mission für den Orden begleiten sollte."

„Ein erfahrener Fluchbrecher an deiner Seite wäre sicher kein Schaden gewesen.", warf Bill beleidigt ein.

„Ja, aber es ging … um Werwölfe. Und deshalb dachte ich, es wäre schlauer … Remus mitzunehmen.", fügte sie kleinlaut hinzu. Bill hob fragend die Augenbrauen.

„Remus Lupin? Der Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste?" Dieser Einwurf stammte von Ron, der Tonks mit einer Mischung aus Überraschung und Anerkennung musterte.

Tonks nickte. Sie hatte ganz vergessen, dass mehr als die Hälfte der Anwesenden Remus nur als Lehrer in Hogwarts kannten.

„Genau, ich schätze, er ist mit von der Partie."

Ihr bester Freund runzelte die Stirn. In seinem Gesicht lag nun mehr Sorge als Missbilligung.

„Und dieser Lupin konnte dir besser helfen, weil …?", wollte er zweifelnd wissen.

Tonks atmete tief durch, im Begriff, das gut gehütete und sehr persönliche Geheimnis eines Freundes zu lüften. Doch dazu kam es nicht, denn Ron fiel ihr ins Wort: „Natürlich, weil er selbst ein Werwolf ist.", sagte er, so als läge diese Tatsache für alle auf der Hand.

Alle Blicke im Raum richteten sich auf ihn. Prompt zog er den Kopf ein und seine Ohren liefen scharlachrot an. „Oh, ist das ein Geheimnis?"

„Nun, jetzt nicht mehr.", drang eine vertraute Stimme von der Zimmertür her zu ihnen.

Alle Köpfe fuhren zu Remus Lupin herum, der mit Reiseumhang und zerzaustem Haar im Rahmen lehnte und ihre kleine Versammlung interessiert mitverfolgte.