Phönixe und Dementoren
Tonks fuhr erschrocken hoch. Auch die Weasleys hatten Remus' Anwesenheit scheinbar bis zu diesem Zeitpunkt nicht bemerkt.
„Oh ...", sagte Tonks lahm. Sie hatte keine Ahnung, wie sie Remus' halb misstrauisch halb amüsierten Gesichtsausdruck zu deuten hatte.
War er sauer auf sie, weil sie so unsensibel mit seinen privaten Angelegenheiten verfahren war? Aber es war ja gar nicht direkt sie selbst gewesen, die seine Identität enthüllt hatte.
Hilfesuchend schaute sie zu Ron, der aber nicht in der Lage schien, die Situation zu retten. Er und seine Geschwister saßen wie Mäuse vor einer Schlange da und wagten nicht, sich zu rühren. Kein Wunder, hatte man ihnen doch ihr Leben lang die Angst vor Werwölfen wie Fenrir Greyback eingeimpft. Aus gutem Grund: Wie Tonks noch aus ihrem Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste wusste, würde ein Werwolf zu Vollmond sogar seinen besten Freund töten, ohne ihn zu erkennen.
Remus trat unschlüssig einen Schritt zurück. „Es tut mir Leid, ich hätte anklopfen sollen. Ich habe mich nur gefragt, wo ihr steckt ... ich war auf der Suche nach dir, Tonks."
Bestürzt verfolgte Tonks seine Worte. Jetzt hatte er das Gefühl, sich für sein plötzliches Auftauchen entschuldigen zu müssen, obwohl sie selbst etwas viel unrühmlicheres getan hatte.
Sie erhob sich schnell und lief zu ihm. „Du hast uns nur überrascht. Ich habe noch gar nicht mit dir gerechnet.", versuchte sie den peinlichen Moment zu überspielen.
Remus zuckte unsicher die Achseln und winkte sie vor die Tür. Mit einem entschuldigenden Lächeln zu den Geschwistern, folgte Tonks ihm hinaus.
Draußen verschränkte Remus die Arme und sah sie streng an.
„Oh, es tut mir so furchtbar Leid. Ich wusste, ich hätte nichts sagen sollen. Das ist deine Sache und es ist deine Angelegenheit, wie und ob du den Leuten davon erzählst. Ich selber hab es ja auch nur durch einen blöden Zufall erfahren. Vermutlich wolltest du es mir nie sagen. Aber das wäre wirklich schade gewesen, denn dann wäre ich nie darauf gekommen, dich und nicht Bill auf die Mission mitzunehmen. Was auch wieder sein Gutes hätte, denn dann wäre Bill jetzt nicht sauer, dass ich ihn so lange habe im Dunkeln tappen lassen. Aber das heißt nicht, dass es mir nicht unheimlich Leid tut, das tut es nämlich ..." Tonks verschluckte sich irgendwie an ihrer eigenen Spucke und brach in heiseres Husten aus. Als sie sich schließlich etwas beruhigt hatte und sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischte, sah sie, dass Remus lachte.
„Äh, was?", fragte sie leicht pikiert.
„Oh, Tonks, ich bin doch nicht wirklich wütend auf dich. Ich hab nur so getan. Es war lustig!", prustete Remus, der vor lauter Lachen kaum Luft bekam.
Tonks hatte ihn selten so ausgelassen erlebt. Der Gedanke, dass sie der Grund für die zahlreichen Lachfältchen rund um seine schalkhaft blitzenden Augen war, verursachte ein angenehm warmes Gefühl in ihrer Magengegend. Ihre Haare verfärbten sich pink und kringelten sich verspielt.
Um sich nichts von ihrem Gefühlschaos anmerken zu lassen, verschränkte sie die Arme und fragte betont ungeduldig: „Also, wieso wolltest du mich sprechen?"
Remus wurde beinahe sofort wieder ernst und zog sie ein Stück den Gang hinunter. „Einer unserer Informanten, Sturgis Podmore, hat interessante Neuigkeiten aus dem Ministerium. Er glaubt eine Spur gefunden zu haben, die uns zu Voldemort führen könnte."
Tonks folgte ihm die Treppe hinunter. „Aus dem Ministerium? Wer dort würde denn mit … Voldemort zusammenarbeiten?"
Remus zuckte nur die Schultern, während er ihr voran durch die Eingangshalle auf die Kellertreppe zusteuerte. „Es sind schon fast alle da. Ich hole noch den Rest von der Tür ab, damit sie nicht klingeln. Besetzt du mir einen Platz?"
„Na klar.", erwiderte Tonks, als sie an Remus vorbei durch die Küchentür trat, die er ihr aufhielt.
Alastor hatte offenbar ganze Arbeit geleistet. Der gewölbeartige Raum war brechend voll mit Zauberern und Hexen und es kamen immer noch Leute an: Sie apparierten direkt in die Küche oder tauchten in einem Schauer grüner Funken aus dem Kamin auf, der offenbar zu diesem Zweck ans Flohnetzwerk angeschlossen worden war.
Tonks entdeckte in der Menge viele bekannte Gesichter, darunter einige ihrer ehemaligen Lehrer aus Hogwarts, den bekannten Sonderberater des Zaubergamots Elphias Doge, ihre Eltern, Alastors alten Freund Mundungus und mittendrin Sirius, der zwar viele misstrauische aber auch wohlwollende und mitfühlende Blicke erntete.
Sie schob sich durch die Menge und setzte sich zu ihm an den Küchentisch, wobei sie darauf achtete, auf der Bank neben sich genug Platz für Remus frei zu halten.
„Wow, mir war nicht klar, dass wir heute so eine Art erste Generalversammlung abhalten. Ich hab die alle gar nicht kommen hören."
Sirius, der sich aufgeregt umsah und hin und wieder zaghaft jemandem zuwinkte, achtete nicht auf sie. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er sich wieder in Gesellschaft so vieler Menschen befand, ohne fürchten zu müssen, enttarnt zu werden.
Besagten Zauberern fiel es offenbar auch nicht leicht, Sirius' Anwesenheit kommentarlos hinzunehmen, obgleich sie mittlerweile die Wahrheit über den Tod der Potters kannten.
Keine Minute später erschienen Remus und einige Nachzügler – unter ihnen auch ein mürrisch drein blickender Bill – in der Tür. Sowohl er als auch Remus sahen sich suchend im Raum um und steuerten dann gleichermaßen zielstrebig auf Tonks zu. Als sie einander bemerkten, blieben sie kurz stehen, taxierten sich kurz und quetschten sich schließlich beide neben ihr auf die Bank.
Albus Dumbledore, der am Kopfende des Tisches Platz genommen hatte, erhob sich nun und breitete lächelnd die Arme aus, um sie willkommen zu heißen.
„Es freut mich, dass heute so viele von euch den Weg hierher gefunden haben, um sich unserer Sache anzuschließen. Ich bin glücklich und stolz, verkünden zu dürfen, dass der Orden des Phönix wieder auferstanden ist, um den Schrecken zu bekämpfen, der uns von der dunklen Seite der Magie und vor allem von Lord Voldemort droht. Jeder einzelne von euch, ganz egal ob er oder sie schon mit dem Kampf gegen die dunklen Künste vertraut ist oder nicht, ist eine Bereicherung für unser Unterfangen und herzlich willkommen an unserer ersten Sitzung hier im neuen Hauptquartier teilzunehmen. An dieser Stelle, möchte ich unserem Freund Sirius Black danken, der sein Zuhause selbstlos für unsere Zwecke zur Verfügung stellt." Zustimmendes Gemurmel ging durch die Reihen und Dumbledore bedachte Sirius mit einem herzlichen Lächeln, das dieser allerdings nicht erwiderte. Vermutlich ärgerte er sich immer noch, dass dies das Einzige war, was er zur Zeit tun konnte, um den Orden zu unterstützen.
„Ich weiß, vielen von euch mag das Haus und seine Geschichte befremdlich erscheinen, aber wir möchten die Gelegenheit nutzen, ihm neues Leben einzuhauchen und seine düsteren Kapitel vielleicht zu überschreiben. Da das Ministerium unsere Sache in keiner Weise unterstützt, sie sogar zu behindern versucht und die Rückkehr von Voldemort nach wie vor leugnet, sind wir gezwungen, im Untergrund zu operieren und alles dafür tun, unentdeckt zu bleiben. Auch deshalb haben wir diesen Ort ausgewählt."
„Na klar, in dieser Bruchbude würde man schließlich nicht mal den Koboldsteinclub vermuten.", flüsterte einer der Zwillinge, der sich sofort einen bitterbösen Blick seiner Mutter einfing.
„Nun", sprach Dumbledore weiter, „Wir sind nicht nur zusammengekommen, um die Auferstehung des Ordens feierlich zu begehen, oh nein. Es gibt einen ganz konkreten Anlass für dieses spontane Treffen. Sturgis, wenn du freundlich wärst, uns die Einzelheiten deiner Beobachtungen der letzten Tage zu schildern?"
Ein stämmiger Zauberer mit dichtem strohblondem Haar erhob sich zögernd und blickte verschüchtert in die Runde, während er mit den Händen unablässig an den Ärmelaufschlägen seines Reiseumhangs zupfte. „Hallo … mein Name ist Sturgis Podmore, ich arbeite seit sieben Jahren in der Zaubererzentralverwaltung des Ministeriums. Man kommt viel rum, man hört so einiges. Kürzlich habe ich zufällig ein Gespräch zwischen dem Leiter der Mysteriumsabteilung und Lucius Malfoy mitbekommen.", „Wie ihr wisst, gilt Malfoy als Todesser, seit der junge Potter ihn beim Trimagischen Turnier in Ihr-wisst-schon-wems Gefolge erkannt hat.", warf Alastor mit schroffer Stimme ein.
Eine dunkelhaarige Hexe mit rosigen Wangen schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund. „Wie kann der Minister zulassen, dass dieser Mann weiterhin für ihn arbeitet?"
„Es würde mich wundern, wenn es anders wäre.", knurrte Alastor verbittert.
Dumbledore nickte traurig und fügte hinzu: „Bedauernswerterweise haben mein und Harrys Wort beim Minister im Augenblick kein großes Gewicht."
Bedrückt dachte Tonks an Dumbledores Rauswurf aus dem Zaubergamot und die Aberkennung seines Merlinordens erster Klasse. Der Tagesprophet zerriss sich seit Wochen das Maul darüber.
„Was hast du denn gehört, Sturgis?", drängte Remus.
„Allem Anschein nach, hat Mr. Malfoy darum gebeten … nun gefordert, Einlass in die Mysteriumsabteilung zu erhalten.", berichtete Podmore, während er unentwegt nervös die Krempe seines speckigen Huts knetete, den er in den Händen hielt. „Natürlich hat er nicht bekommen, was er wollte. Der Zutritt zu dieser speziellen Abteilung ist ausdrücklich nur den Mitarbeitern gestattet. Aus gutem Grund! Es heißt die Arbeit da drin sei gefährlich und nichts für schwache Nerven." Podmore schien allein beim Gedanken an die Abteilung völlig überfordert.
„Nun, als Bitten nichts half, begann Mr. Malfoy, den Abteilungsleiter zu bestechen und ihm zu drohen. Doch er hatte keine Chance. Schließlich musste er unverrichteter Dinge abziehen."
„Und er hat nicht erwähnt, weshalb er unbedingt dort hinein wollte?", fragte Elphias Doge mit pfeifender Stimme.
Podmore schüttelte den Kopf.
„Eine Schande ist das!", meldete sich, zu Tonks' Überraschung, Andromeda zu Wort. „Dieser Mann bildet sich tatsächlich ein, Reichtum und Blutstatus wären eine Legitimation, herumzuspazieren und willkürlich irgendwelche Dienste einzufordern. Ein solches Verhalten muss aufhören." Sie warf einen bedeutungsvollen Blick in die Runde. „Bei allen reinblütigen Familien!"
Zustimmendes Nicken und vereinzeltes Gemurmel von allen Seiten.
„Schön und gut.", meldete Alastor sich zu Wort „aber die eigentlich Frage ist doch, was Malfoy in der Mysteriumsabteilung zu suchen hat."
„Ich kann es mir nicht erklären.", sagte Podmore ratlos. „Mr. Malfoy arbeitet manchmal in der Abteilung für magische Strafverfolgung mit und wirft sonst mit großzügigen Spenden an das Ministerium und das St. Mungo um sich. Aber sonst ist sein Interesse an Ministeriumsangelegenheiten eher gering."
„Wenn er nicht grade mit dem Minister oder den anderen Schulräten Tee trinkt, um seinen Einfluss auszuweiten.", fügte Arthur Weasley düster hinzu. „Er schaut regelmäßig in meinem Büro vorbei, um mir ausführlich davon zu berichten … und um sich über meine Arbeit lustig zu machen."
Tonks kam nicht ganz mit. „Ihr glaubt also, in der Mysteriumsabteilung befindet sich etwas, was Lucius Malfoy unbedingt haben will."
„Oder, was Voldemort unbedingt braucht.", sinnierte Remus. „Er kann schließlich schlecht selbst ins Ministerium spazieren und darum bitten, nicht wahr?"
„Also schickt er seinen Handlanger.", flüsterte die Frau mit den rosigen Wangen.
Bill runzelte zweifelnd die Stirn. „Was da drin könnte von Interesse für ihn sein?"
Sturgis hob die Schultern. „Niemand, der nicht dort arbeitet, weiß wirklich, was in der Abteilung vor sich geht. Nur die besten werden dorthin versetzt, soviel steht fest. Es muss sich um hochkomplizierte magische Forschungen oder seltene, vielleicht gefährliche, Objekte handeln, die dort aufbewahrt werden."
Tonks seufzte. Das konnte gleichzeitig alles und nichts bedeuten.
Unerwartet meldete Sirius sich zu Wort. Langsam und bestimmt legte er ihnen seine Überlegungen dar: „Nun, ganz gleich, was es ist, das Malfoy versucht, in die Finger zu bekommen … wir sorgen besser dafür, dass er es nicht kriegt."
„Wir könnten eine Wache einrichten, die den Eingang zur Abteilung rund um die Uhr im Auge behält.", schlug Alastor vor, wobei sein magischer Augapfel unternehmungslustig in seiner Höhle umher rollte.
Dumbledore hob beschwichtigend die Hände. „Ist das nicht etwas überstürzt, Alastor? Wir sollten erst nähere Informationen über den Gegenstand oder das Geheimnis, das Lucius in seine Hände bringen will, einholen, bevor wir unsere Ordensmitglieder einer unnötigen Gefahr aussetzen."
„Haben Sie denn irgendeine Ahnung, was es sein könnte, Albus?", fragte Professor McGonagall besorgt.
Dumbledore schüttelte langsam den Kopf und wollte gerade etwas antworten, als eine - Tonks nur zu gut vertraute - Stimme aus der hintersten Ecke der Küche ihm das Wort abschnitt. „Ich denke, ich habe eine Vermutung, Professor."
Severus Snape, der Meister für Zaubertränke und einer von Tonks' Lehrern aus Hogwarts, trat aus dem Schatten einer Säule und blickte herablassend in die Runde.
Ihn hätte Tonks am allerwenigsten hier erwartet. Nicht, dass sie ihn je für einen Gegner Dumbledores oder gar einen Todesser gehalten hätte, aber er schien dennoch – als langjähriger Hauslehrer Slytherins – nicht gerade das Vorzeigemitglied des Phönixordens.
Sie persönlich hatte aufgrund ihrer guten Noten in Zaubertränke nie ernsthafte Probleme mit ihm gehabt, doch ihre Mutter verabscheute den Mann ganz offensichtlich schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Auch jetzt sah Tonks wie Andromeda missbilligend den Mund verzog, als Snape erneut zum Sprechen ansetzte. „Möglicherweise ist es kein Gegenstand, den der Dunkle Lord begehrt, sondern vielmehr eine Information."
Sirius schnaubte verächtlich. „Voldemort würde nicht seinen Hals riskieren, nur um an Informationen aus dem Ministerium zu gelangen. Worüber sollten die sein?", fragte er herausfordernd.
Snape grinste süffisant. „Nun, wie wäre es mit Harry Potter?", sagte er und beobachtete genüsslich, wie Sirius' Gesichtszüge langsam entgleisten und blankem Entsetzen Platz machten.
Dumbledore nickte, wobei er Snape einen seltsamen Blick zuwarf. „Etwas Derartiges ist vorstellbar."
„Ich halte es für viel wahrscheinlicher, dass Ihr-wisst-schon-wer hinter einer besonderen Waffe her ist, um uns ein für alle mal zu besiegen.", knurrte Alastor.
„Eine Waffe?", fragte Tonks skeptisch. Welche Art von Waffen wurden denn im Ministerium aufbewahrt? Wäre da Gringotts, mit seinen unzähligen Verliesen, in denen uralte reinblütige Zaubererfamilien schon seit Jahrhunderten ihre magischen Waffenarsenale aufbewahrten, nicht die bessere Adresse?
Remus jedoch schien von Alastors Vorschlag überzeugt. „Ja irgendeine Art von Waffe muss es sein. Etwas, was er das letzte Mal nicht hatte.", pflichtete er dem alten Auror bei.
„Speziell gegen Harry?", spekulierte Bill.
„Gegen uns alle."
„In jedem Fall sollten wir einen zusätzlichen Wachdienst nur für ihn einrichten. Jetzt, wo Voldemort zurück ist und vielleicht schon seinen Rachefeldzug gegen Harry plant, darf er nicht ohne Schutz bleiben.", forderte Sirius, begleitet von heftigem Nicken aus Molly Weasleys Richtung.
Alastor fügte hinzu: „Er hat recht. Ich weiß, dass du glaubst, der Junge sei bei seinen Verwandten in Sicherheit, Albus. Aber lass den mal in einem Anflug von Trotz von zu Hause abhauen, dann haben wir keine Ahnung mehr, wo er ist."
Dumbledore hob gleichmütig die Schultern. „Wenn ihr darauf besteht. Ich verlasse mich da vollkommen auf Arabella ..."
„Arabella Figg? Die Squib?", fragte Mundungus amüsiert. „Ist die nicht alt und senil und redet nur noch mit ihren Katzen?"
Tonks schmunzelte, verbarg dann aber schnell ihr Grinsen, als sie Dumbledores tadelnden Blick auf sich spürte.
„Ich glaube, wir haben einen Freiwilligen gefunden, der die erste Schicht zusammen mit Arabella übernehmen wird.", verkündete Dumbledore, wobei er Tonks nachsichtig zuzwinkerte.
In den folgenden Tagen ging es im Grimmaulsplatz Nr. 12 drunter und drüber.
Die Weasleys bezogen lärmend ihre Zimmer, wobei Kreacher sie ununterbrochen lauthals als Blutsverräter und Schande für alle reinblütigen Zaubererfamilien beschimpfte. Wenige Tage später kam auch Rons Freundin Hermine Granger im Hauptquartier an, zuerst unter lautem Protest Alastors, der nicht mehr Menschen als nötig mit ihrer Sache behelligen wollte.
Tonks mochte das Mädchen mit den widerspenstigen Locken und dem scharfsinnigen Blick. Ebenso ans Herz gewachsen war ihr Ginny Weasley, die für eine Vierzehnjährige erstaunlich reif und unerschrocken schien. Tonks vermutete, dass ihre zahlreichen Brüder sie wohl abgehärtet hatten. Schon bald wurde sie von den Neuankömmlingen als eine der ihren aufgenommen und in alle Gespräche und Unternehmungen involviert. Sie fühlte sich fast wieder ein bisschen wie damals in Hogwarts, als sie mit Bill zusammen Streiche ausgeheckt und Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft geschmiedet hatte.
Auch Sirius hatte eine Menge Spaß mit seinen neuen Mitbewohnern, die bald alle Scheu vor ihm und Seidenschnabel abgelegt hatten. Gemeinsam begannen sie das alte Haus von Grund auf zu reinigen und von allen Überresten dunkler Magie zu befreien, was eine umfangreichere Aufgabe war, als sie erwartet hatten.
Tonks dachte mehr als einmal daran, wie nützlich manche dieser Gegenstände für die schwarzmagische Forschung der Aurorenzentrale sein könnten. Doch ihren Kollegen von diesem Haus und dem was sich darin befand zu erzählen, kam natürlich nicht in Frage. Dumbledore hatte sie alle – auch die Kinder - nach ihrem ersten Treffen schwören lassen, keine Informationen nach außen dringen zu lassen. Er legte höchstpersönlich einen Fideliuszauber über das Hauptquartier, welches ab da nur noch für Ordensmitglieder sichtbar war oder für diejenigen, die wussten, wonach sie suchen mussten.
Dumbledore verbot sogar Ron und Hermine, Harry Briefe zu schreiben, in denen sie ihm erklärten, was vor sich ging. Er weilte zur Zeit immer noch bei seinen Verwandten in Little Whinging, einer Muggelstadt in der Nähe von London. Nach allem, was Tonks von den Weasleys und Hermine hörte, waren seine Tante und sein Onkel richtige Scheusale, die Harry das Leben zur Hölle machten nur weil er ein Zauberer war. Tonks hatte die beiden und ihren unangenehmen Sohn bisher nur einmal bei ihrem Nachtdienst in Harrys Straße gesehen. Gebückt hatte sie vor dem Fenster gehockt und beobachtet, wie Vater und Sohn – beide recht korpulent – auf einem äußerst spießigen Sofa saßen, flimmernde Bilder auf einer Mattscheibe verfolgten und sich von der dürren Mutter Snacks reichen ließen. Harry Potter hatte Tonks nirgends entdecken können. Wäre sie nicht sicher gewesen, dass dies die richtige Adresse war, hätte sie das Haus einfach übersehen und die Bewohner als hoffnungslose Durchschnittsmuggel abgetan.
Nicht sympathisch aber auch nicht allzu bösartig. Jedenfalls nicht die Unmenschen, als die Sirius sie gern darstellte.
Inzwischen hatte sich unter Tonks, ihrem Großcousin, Bill und Remus ein freundschaftliches Verhältnis eingestellt: Oft saßen sie stundenlang zusammen und überlegten, wie sie Voldemort am besten das Handwerk legen könnten. Sie redeten über alte und neue Mitglieder des Ordens, Verteidigung gegen die dunklen Künste und die Vor- und Nachteile verschiedener Butterbiermarken. Tonks freute sich, dass Bill und Remus sich so gut verstanden. Sie hätte es nur schwer ertragen, wenn zwei ihrer engsten Freunde einander nicht mögen würden. Wobei sie gar nicht genau definieren konnte, was Remus nun eigentlich für sie war. Er war als Freund nicht mit Bill zu vergleichen, den sie schon ewig kannte und dem sie ihre intimsten Geheimnisse anvertraute. Auch ihre Beziehung zu Sirius war anders, da sie ihren Großcousin schon aus Kindertagen kannte und ihm in ihrem Kopf die Rolle des großen Bruders zugedacht hatte. Und doch war zwischen ihr und Remus eine Vertrautheit entstanden, die so tief und selbstverständlich war, als würden sie sich schon jahrelang kennen.
Überschattet wurde diese Zeit nur von den allwöchentlichen Wachdiensten, die Alastor nun tatsächlich zur Beschattung Malfoys eingerichtet hatte. Jedes Ordensmitglied war angehalten, sich zu einer bestimmten Zeit vor dem Eingang zur Mysterimusabteilung einzufinden und, versteckt unter Alastors Tarnumhang, mehrere Stunden dort Wache zu halten.
Tonks verstand den Sinn hinter diesen Aktionen und war auch froh, dass sie endlich etwas zur Arbeit des Ordens beitragen konnte, aber während ihrer Dienste hatte sich bisher noch nichts Ungewöhnliches ereignet.
Erst als die Schulferien sich langsam dem Ende zuneigten und Hermine, Ron und auch Sirius immer vehementer verlangten, Harry endlich nach London zu holen, geschah etwas Unerwartetes. Und es trug sich nicht im Ministerium, ja noch nicht einmal in den Grenzen der magischen Welt, zu.
„Ich bring Mundungus um! Und es ist mir egal, was Dumbledore sagt, ich hol Harry zu mir! Auf der Stelle! Er sitzt schon viel zu lange dort fest. Dass Dumbledore immer warten muss, bis wirklich etwas schlimmes passiert, bevor er handelt!" Sirius fegte wie ein bedrohlicher Gewittersturm durch die Küche und brachte alle nur mit Blicken dazu, ihm auszuweichen. In seinem Gesicht lagen sowohl Zorn als auch wilde Angst. Einerseits war es sicher die Sorge um seinen Patensohn, andererseits ein tiefsitzendes Grauen, das er seit seiner Zeit in Askaban nur beim Gedanken an Dementoren verspürte.
„Sirius, nein! Du könntest entdeckt werden. Das würde unsere ganze Sache nur unnötig gefährden.", widersprach Arthur Weasley, der die schlechten Nachrichten aus dem Ministerium mitgebracht hatte.
„Irgendwas müssen wir doch tun, er ist dort nicht sicher!", rief Hermine aufgebracht.
„Genau, was haben wir im Kampf gegen Ihr-wisst-schon-wen gewonnen, wenn Harry ihm schutzlos ausgeliefert ist?", pflichtete Ron ihr bei.
„Das war ein Dementorenangriff, keine Todesser!", fiel Bill seinem Bruder ins Wort. „Das Ministerium muss dahinter stecken. Sie wollen Harry zum Schweigen bringen."
„Dafür gibt es keinerlei Beweise, Bill. Ich schlage vor, du behälst deine Anschuldigungen fürs Erste für dich.", entgegnete Mr. Weasley streng.
„Wir sollten auf weitere Informationen von Dumbledore warten, bevor wir -"
„Ich hole ihn.", fiel Tonks Remus überraschend ins Wort.
Alle Augen richteten sich auf sie. Einige besorgt, andere abschätzig.
„Es ist doch keine große Sache. Ich nehme meinen Besen und hole ihn bei seinen Verwandten ab."
Sirius, der am Tisch zusammengesackt war, sah dankbar zu ihr auf. „Das würdest du tun?"
Tonks nickte nur, aus Angst, ihre Stimme könnte vor Aufregung zittern.
„Ich komme mit.", meldete sich Remus zu Wort. „Zu zweit ist es sicherer und es sollte jemand dabei sein, den Harry schon kennt."
Nun ließen sich die Weasleys nicht mehr bremsen. Alle riefen durcheinander, weshalb sie unbedingt auch mitkommen sollten. „Wir sind volljährig!", war das Argument von Fred und George. „Ich hab ihn schon mal da raus geholt!", kam es von Ron. „Ich rede mit seinen Verwandten.", warf Mr. Weasley ein.
Ihre Diskussion kam zum Erliegen, als grüne Flammen im Kamin aufloderten und in einem Funkenschauer Albus Dumbledore aus der Feuerstelle trat. Sein Gesicht verriet große Sorge und Stress – eine Seltenheit bei ihm – während er ohne Einleitung zu sprechen begann: „Fürs Erste konnte ich Schlimmeres verhindern. Das Ministerium rührt Harrys Zauberstab nicht an. Allerdings hat er, so wie die Dinge im Moment stehen, eine Anhörung wegen unerlaubter Zauberei Minderjähriger am Hals."
Erbost stand Sirius auf. „Das ist doch lächerlich! Diese Monster haben ihn angegriffen, was hätte er denn tun sollen?"
Dumbledore schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Das Wichtigste ist im Augenblick, dass Harry so schnell wir möglich in Sicherheit gebracht wird. Aber dazu muss er erst mal genau da bleiben, wo er jetzt ist. Im Haus seiner Tante kann ihm nichts passieren."
„Das ist doch Schwachsinn! Als ob Voldemort sich von einfachen Muggelmauern aufhalten lassen würde.", empörte sich Sirius.
„Wir holen ihn her, aber noch nicht gleich.", sagte Dumbledore in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „Um Harrys Sicherheit zu gewährleisten, müssen wir vorher noch ein paar Vorbereitungen treffen."
Wenig später verließen vier Eulen das Haus: Eine von Mr. Weasley, eine von Sirius und zwei von Dumbledore, von denen die zweite einen geheimnisvollen Heuler überbrachte, der nicht an Harry adressiert war und dessen Inhalt niemand außer dem Schulleiter kannte.
Alastors Aufgabe war es, zwei Teams zusammenzustellen: Das eine, die 'Vorhut' wie er es nannte, sollte direkt zu Harry nach Hause fliegen und ihn dort abholen. Das andere, die 'Nachhut', hielt solange über die Strecke nach London verteilt Ausschau nach Todessern, koordinierte die Flugbahn der anderen über Lichtsignale und sprang ein, falls etwas schief gehen sollte.
Innerhalb kürzester Zeit hatte sich der halbe Orden in der Küche eingefunden, die sich als Freiwillige meldeten, den Sachverhalt diskutierten oder Tonks halfen, eine plausible Ablenkung für die Muggel zu gestalten, bei denen Harry lebte.
Sie zog sich schließlich in den Salon zurück, um einen Brief an sie zu verfassen, mit dem sie Tante und Onkel aus dem Haus locken wollte.
„Ein Kleinstadtrasenwettbewerb?", fragte Remus zweifelnd. Er hatte sich über den Tisch gebeugt und musterte kritisch den Entwurf, an dem sie gerade arbeitete.
Sie zuckte die Schultern. „Warum nicht? Meine Großeltern würden da sofort mitmachen und nach allem, was ich von Harrys Verwandten und vor allem ihrem Garten gesehen habe, passen die da bestens rein."
„Guten Abend."
Tonks fuhr herum, als sie die dunkle Stimme von Kingsley Shacklebolt erkannte. Das Tintenfass, das sie mit dem Arm gestreift hatte, fiel um und ergoss seinen Inhalt über das Pergament mit ihren Kleinstadtrasenentwürfen.
„Oh nein, ich bring das wieder in Ordnung!", ungeschickt wedelte Tonks mit ihrem Zauberstab, worauf die Tinte nur in alle Himmelsrichtungen sprühte und sowohl ihres als auch Remus' Gesicht bespritzte.
Nun schritt Kingsley ein und reinigte die Tischplatte mit einem einfachen Schlenker seines Zauberstabs. „Es tut mir Leid. Ich nehme an, ihr habt mich nicht erwartet."
Tonks starrte ihren Mentor immer noch völlig perplex an, nicht in der Lage, sich selbst oder sein Auftauchen hier zu erklären. Remus kam ihr zu Hilfe. So seriös, wie man es mit dem Gesicht voller Tinte sein kann, sagte er: „Guten Abend, Kingsley. Entschuldige das Durcheinander, ich habe Tonks tatsächlich noch nicht gesagt, dass du kommst."
Ihr klappte die Kinnlade hinunter. „Du wusstest davon?", fragte sie anklagend.
Remus nickte schuldbewusst und wandte sich dann an Kingsley. „Ich habe nicht so früh mit dir gerechnet. Wir stecken noch mitten in der Planung. Die anderen sind gerade unten in der Küche oder durchsuchen das Haus nach flugtauglichen Besen."
„Danke, Remus. Ich werde mich gleich zu ihnen gesellen. Mad-Eye soll mir alles erklären." Mit einem aufmunternden Zwinkern in Tonks' Richtung, machte er sich wieder auf den Weg nach unten.
Im Türrahmen blieb er noch einmal kurz stehen, drehte sich zu ihnen um und sagte grinsend: „Ihr habt da … eine Kleinigkeit." Er deutete wage auf ihre mit Tinte bespritzten Gesichter und zog hüstelnd von dannen.
„Wieso ist Kingsley dabei? Er ist nicht mal im Orden." Tonks rieb sich ärgerlich mit einem Papiertaschentuch über die Stirn, in der Hoffnung, wenigstens ein paar der auffälligsten Tintenkleckse zu entfernen.
Remus, der gerade versuchte, sein Gesicht in einem fast vollkommen blinden Spiegel zu erkennen, antwortete seelenruhig: „Ich dachte, er könnte nützlich sein. Schließlich ist er ein ranghoher Auror und kann unsere Interessen so auf Umwegen im Ministerium durchbringen."
Als er Tonks' verständnislosen Blick sah, richtete er sich auf und erklärte: „Da Harry minderjährig ist und immer noch die Spur auf sich trägt, ist sein Aufenthaltsort auch und vor allem die Angelegenheit des Ministeriums. Wenn wir Kingsley – einen hochgradigen Ministeriumsbeamten - dabei haben, können wir so tun, als würden wir unsere Arbeit mit den Behörden abstimmen. So gehen wir sicher, dass Harry nicht nochmal wegen unerlaubter Zauberei Minderjähriger verklagt wird, wenn er auf einen Besen steigt oder wir in seiner Nähe zaubern." Ohne zu fragen, nahm Remus ihr das Taschentuch aus der Hand und entfernte vorsichtig einen Fleck von ihrer Nasenspitze. Ein wohliger Schauer durchströmte sie bei seiner Berührung.
„Was die Vertrauenswürdigkeit Kingsleys angeht, würde ich mir keine Sorgen machen. Er hat schon mehr als einmal das Gesetz für dich gebrochen. Sollte er uns verpfeifen, ist er selbst auch dran. Außerdem schien er mir bei seinem letzten Besuch recht angetan von unserer Sache und unseren Zielen. Wer weiß, vielleicht tritt er bald dem Orden bei?"
Tonks nickte beruhigt. Remus hatte sich die Aktion scheinbar gut durch den Kopf gehen lassen. Dieser Harry Potter musste ihm viel bedeuten. Nicht weil er sein ehemaliger Schüler war oder der Junge, der überlebt hatte. Tonks fragte sich, ob Remus den Potters und ihrem kleinen Sohn wohl viele Besuche abgestattet hatte, bevor sie im Schutz des Fidelius-Zaubers verschwunden waren. Sah er sich seit dem Tod seines Freundes als eine Art Ziehvater für den Jungen? Tonks konnte nur ahnen, was für Sorgen Remus sich in diesem Augenblick um ihn machen musste.
Sanft legte sie eine Hand auf Remus' Arm, der darauf das Tuch sinken ließ und ihr in die Augen sah. Ihr wurde bewusst, dass sie zum ersten Mal, seit sie Harbwr Hudol verlassen hatten, wirklich allein miteinander waren. Diese Erkenntnis half ihr nicht unbedingt, sich darauf zu konzentrieren, vollständige Sätze zu bilden. Dennoch stellte sie schließlich leicht stockend fest: „Du machst dir Sorgen um ihn .. Harry, meine ich." Nach einer kurzen Pause fügte sie etwas sicherer hinzu: „Erzähl mir von ihm."
Remus wirkte kurz überrascht, setzte sich dann aber bereitwillig auf das mottenzerfressene Sofa und begann langsam zu sprechen.
„Harry … er ist noch so jung und trotzdem ist er einer der besten Menschen, die ich kenne. Ihm ist schon so viel Leid widerfahren und soviel Schmerz zugefügt worden und doch … ist eine Stärke und ein Wille in ihm, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Ich erkenne so viele Eigenschaften seiner Eltern in ihm wieder. Er ist außergewöhnlich begabt." Remus machte eine Pause und starrte ins Leere. Beim Gedanke an seine verstorbenen Freund huschte ein wehmütiges Lächeln über sein Gesicht. „Aber die Dementoren ...ihnen gegenüber fällt es ihm schwer, stark zu bleiben. Sie allein sehen den Schmerz und die Trauer, die er vor dem Rest der Welt verbirgt. Dadurch ist er angreifbar für sie, mehr als irgendjemand sonst." Auf Remus Gesicht zeigten sich nun tiefe Sorgenfalten, er schluckte schwer. Vermutlich dachte er gerade an den Dementorenangriff, den Harry wenige Stunden zuvor erlitten hatte. „Ich war es, der ihm beibrachte, sich vor ihnen zu schützen. Er kann einen gestaltlichen Patronus heraufbeschwören, weißt du?", sagte er mit unverkennbar väterlichem Stolz.
Tonks nickte bewundernd. Nur wirklich begabten oder sehr erfahrenen Zauberern gelang es, einen gestaltlichen Patronus zu erschaffen. Sie selbst hatte lang ihre Schwierigkeiten damit gehabt.
„Hört sich wirklich nach einem tollen Kerl an." Tonks befreite ihren Brief von den getrockneten Tintenresten und faltete ihn zusammen. Mit einem aufmunternden Lächeln zu Remus fügte sie bestimmt hinzu: „Höchste Zeit, ihn nach Hause zu holen."
