Eine Hand wäscht die andere

Ein riesiger Aktenstapel landete inmitten einer gewaltigen Staubwolke auf dem Dielenboden des Archivs. „Und dann hat sie wieder so bescheuert gehüstelt, so als wäre ich ihr irgendwie Rechenschaft schuldig oder verpflichtet oder ...", mit einem unwilligen Seufzer brach Nelly ab und ließ sich vorsichtig auf dem wackligen Turm nieder.

Tonks stimmte ihr mitfühlend zu.

Ihre Kollegin ließ sich gerade ausgiebig über die grauenvolle Chefin der Personalabteilung aus, die zufällig gleichzeitig die erste Untersekretärin des Ministers war. Die Hexe war ihnen nicht nur wegen ihrer furchtbaren pinken Klamotten und der unangenehm mädchenhaften Stimme verhasst. Sie neigte zur Überheblichkeit und außerdem zu rassistischen Bemerkungen sowohl über Zauberwesen als auch Muggelstämmige, weshalb sie besonders Nelly Johnson, deren Eltern beide Muggel waren, auf dem Kieker hatte.

Doch ihre kleine Lästerpause, die sie mit zwei Bechern Kaffee zurückgezogen im Archiv verbracht hatten, wurde jäh beendet, als Mr. Rich plötzlich die Tür aufstieß und aufgeregt rief: „Alle raus, Scrimgeour kommt!"

Die Ruhe war dahin. Tonks hätte in dem Versuch, so schnell wie möglich das Archiv zu verlassen, beinahe ihren Kaffee verschüttet. Denn wenn Mr. Rich sich aus seinem Sessel bequemte und aktiv wurde, war tatsächlich Eile geboten.

Scrimgeours sporadische Besuche in der Aurorenzentrale waren ein solcher Anlass.

Der Abteilungsleiter war für seine außergewöhnlichen magischen Fähigkeiten und seine ungnädige Gesetzestreue bekannt und geachtet. Er sah zwar eher selten vorbei doch seine Inspektionen hinterließen stets Eindruck bei den Auroren, die ihre Abteilung in der Regel eher locker organisierten. Wenn er kam, mussten alle an ihren Plätzen sein und private Gespräche waren genauso unerwünscht wie unordentliche Schreibtische.

In dieser Hinsicht hatte vor allem Tonks noch etwas nachzuholen. An ihrem Arbeitsplatz stapelten sich Anzeigen, Berichte, Beobachtungsprotokolle und ungelesene Memos. Doch das war nicht der einzige Grund, weshalb sie Scrimgeour fürchtete oder zumindest respektierte. Im Gegensatz zu Tonks' direktem Vorgesetzten Kingsley hatte der Abteilungsleiter keinen Funken Humor im Leib und war schon deshalb ein wandelndes Rätsel für sie. Als er Tonks ihre praktische Aurorenprüfung abgenommen hatte und sie mit einem Witz die Stimmung auflockern wollte, hatte er sie nur mit einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck angesehen und einfach durchfallen lassen. Zur ihrem Glück war bei der Wiederholung Kingsley ihr Prüfungsleiter gewesen.

Mit ihren Gefühlen für Scrimgeour war Tonks nicht allein. Die ganze Aurorenzentrale summte vor Aufregung. Alle rannten herum, versuchten unbeendete Aufgaben unauffällig verschwinden zu lassen und steckten sich mit gewichtigen Mienen ihre auf Hochglanz polierten Aurorenabzeichen an die Umhänge.

Als Tonks ihre Schreibtischnische erreichte, stellte sie überrascht fest, dass diese schon tadellos aufgeräumt war. Sie sah sich suchend um und entdeckte in der benachbarten Nische Proudfoot, der ihr grinsend zuzwinkerte. Dankbar reckte sie beide Daumen in die Höhe, bevor sie sich setzte und ihr Bestes tat, schwer beschäftigt zu wirken. Aus dem Augenwinkel schielte sie zu Nelly hinüber, die nun ebenfalls an ihrem Platz saß und ihr zunickte.

Sie hatten es gerade noch rechtzeitig geschafft, denn einen Moment später kehrte bleierne Ruhe ein, die nur bedeuten konnte, dass Scrimgeour den Aufzug verlassen hatte und nun mit seinem typisch abgehackten Gang die Reihen der arbeitenden Auroren abschritt.

Hier und da blieb er stehen und bemängelte oder lobte einzelne Mitarbeiter. Die Getadelten schrumpften mit hochroten Köpfen auf ihren Stühlen zusammen. Die, die er gelobt hatte, schienen vor Stolz zu erstrahlen.

Auch vor Tonks' Schreibtisch blieb er stehen und musterte sie von oben bis unten. Er sah nicht so grimmig drein wie sonst, wenn er Tonks kritisierte, doch er lächelte auch nicht. Stattdessen legte er nur eine kurze Notiz auf ihre Tischkante und ging dann weiter, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Hastig griff sie nach dem Zettel und spürte wie ihr beim Lesen der Nachricht kalter Schweiß ausbrach. Nelly lugte besorgt zu ihr hinüber und wirkte nicht überzeugt, als Tonks ein beruhigendes Lächeln aufsetzte und mit den Schultern zuckte.

Sehr geehrte Ms Tonks,

um ihre berufliche Zukunft in der Aurorenzentrale zu besprechen,

möchte ich Sie zu einem persönlichen Gespräch in mein Büro einladen.

Bitte finden Sie sich am kommenden Dienstag um 11:00 Uhr dort ein. Pünktlich!

Hochachtungsvoll, R. Scrimgeour (Abteilungsleiter)

Sie mochte sich nicht ausmalen, was das zu bedeuten hatte.

Den Vormittag über fühlte Tonks sich wie in einem Glaskasten ausgestellt.

Obwohl sie niemandem davon erzählt hatte, schien jeder von ihrem Termin bei Scrimgeour zu wissen. Dieser Umstand wurde allerdings von keinem laut ausgesprochen, weshalb alle sich darauf verlegten, Tonks einfach nur mit großen – teils besorgten, teils schadenfrohen – Augen zu mustern, während sie ihrer Arbeit nachging. Nicht einmal ihre Freundin Nelly wagte es, einen Kommentar zu der geheimnisvollen Notiz, die der Abteilungsleiter vor versammelter Mannschaft an Tonks überreicht hatte, abzugeben. Doch ihr Blick verriet, dass ihr Böses schwante, was Tonks noch mehr verunsicherte als wenn sie darüber gesprochen hätten.

Zur Mittagszeit war sie mit den Nerven völlig am Ende. Um endlich der Aufmerksamkeit der gesamten Abteilung zu entkommen, verdrückte sie sich in den wenig frequentierten Korridor vor Kingsleys Büro, wo sie sich mit ihrem Mittagessen in eine Fensternische hockte. Die Zaubereizentralverwaltung hatte sich heute entschieden, goldenes Sonnenlicht durch die falschen Fenster auf die Flure fluten zu lassen, so echt und warm, dass Tonks fast vergaß, dass sie eigentlich viele Stockwerke unter der Erdoberfläche saß.

Sie hatte kaum begonnen, ihr Mittagessen, das hauptsächlich aus Mrs. Weasleys Kürbispasteten bestand, hinunter zu schlingen, als ungewöhnlich laute, erregte Stimmen aus Kingsleys Büro an ihre Ohren drangen. Eine davon gehörte ganz klar ihrem Mentor. Beklommen schluckte Tonks ihren letzten Bissen hinunter und versuchte angestrengt mit der Holzvertäfelung in ihrem Rücken zu verschmelzen.

Einen Moment später flog die Bürotür auf und Rufus Scrimgeour trat auf den Flur. Er wirkte ganz ruhig und so steif wie immer. Nur seine Augen verrieten wilde, schier unkontrollierbare kontrollierbare Wut.

„Kingsley, ich warne sie. Ich mag nicht, wenn man versucht, mich zu hintergehen.", sagte er langsam und drohend, ohne sich zu Kingsley umzudrehen.

Tonks drückte sich – wenn das überhaupt möglich war – noch tiefer in ihre Ecke, als Scrimgeour ihre Nische passierte, ohne sie wahrzunehmen.

Anders Kingsley, der gerade die Tür zuziehen wollte, als er Tonks bemerkte. Er wirkte angespannt und gestresst, was ihn nicht davon abhielt, seine Schülerin hastig in sein Büro zu winken.

„Also," er ging um den Tisch herum und ließ sich erschöpft auf den Ledersessel dahinter fallen. „Und wann ist dein Termin bei Scrimgeour?"

„Morgen.", erwiderte Tonks mit finsterer Miene. Sie setzte sich ebenfalls. „Vor der gesamten Abteilung hat er mich in sein Büro bestellt." Sie hielt kurz inne, nicht sicher, ob es angemessen war, Kingsley nach dem Gespräch mit seinem Vorgesetzten zu fragen.

Doch glücklicherweise fing der Auror von selbst an, ihr davon zu berichten: „Er vermutet etwas. Natürlich ist ihm nicht entgangen, dass ich im Fall Black bemerkenswert wenig Fortschritte mache. Er war schon immer misstrauisch."

„Das zeichnet nun mal die Besten aus ...", murmelte Tonks, die an Alastor denken musste.

„Jedenfalls traut er mir nicht mehr über den Weg. Er wollte er mich überreden, dich einer anderen Supervision zu unterstellen. Dawlish, um genau zu sein."

Erschrocken sah sie auf. „Dawlish?" Der Auror galt als einer der widerlichsten Chefs der ganzen Abteilung. Gerüchten zufolge war er einer der Ersten gewesen, die der Aufforderung von Bartemius Crouch, unverzeihliche Flüche im Kampf gegen Todesser einzusetzen, freudig nachgekommen war.

„Aber ich kann unmöglich unter Dawlish arbeiten, ich kann … nicht ..." Tonks war erbost aufgesprungen und kurz davor, wie ein Kind mit dem Fuß aufzustampfen.

Kingsley hob beschwichtigend die Hände. „Ganz ruhig, fürs Erste konnte ich Rufus überzeugen, dass du bei mir gut aufgehoben bist. Was jetzt zählt ist, dass er nach eurem Gespräch morgen nicht seine Meinung ändert. Wir beide sollten uns für längere Zeit bedeckt halten. Das bedeutet viel uninteressanter Schreibtischkram und viele Nachtschichten für den Orden. Mit Tarnumhang, versteht sich." Als Tonks enttäuscht aufstöhnte, fügte er streng hinzu: „Wir können nicht riskieren, dabei gesehen zu werden, wie wir neue Mitglieder für den Orden rekrutieren, Unsägliche beschatten oder vor der Mysteriumsabteilung herumschnüffeln. Genau so wenig sollten wir uns in der Öffentlichkeit mit Harry zeigen …", mit einem unsicheren Blick auf Tonks fuhr er fort: „ … oder mit Remus. Er ist einfach zu eng mit Sirius verbunden … Ich habe mir überlegt, dass vielleicht Arthur Weasley unser neuer Mann in Ordensangelegenheiten sein könnte. Seine Abteilung ist nicht so eng mit dem Büro des Ministers verbunden wie unsere und dass sein Sohn Ron mit dem Unerwünschten Nr.1 befreundet ist, ist schließlich kein Geheimnis."

Tonks haderte noch ein wenig. Kingsley hatte Recht … natürlich hatte er das. Aber sich 'bedeckt zu halten' würde ihr definitiv schwerfallen. Besonders, wenn das hieß, unter dem Kommando von Dawlish zu stehen.

Doch es wäre töricht, sich selbst und den Orden nur aus Abenteuerlust in Gefahr zu bringen. Zögernd ließ sie sich wieder auf ihren Platz nieder und nickte. „Gut … wie sieht der Plan aus? Was sage ich morgen also?"


Völlig abgekämpft verließ Tonks den Fahrstuhl auf der Höhe des Atriums. Es war bereits so spät, dass nur noch vereinzelte Ministeriumsangstellte durch die große Halle zügig auf die, mit grünen Flammen gefüllten, Kamine zu schritten.

Eine müde Ruhe begleitete sie,weshalb man ausnahmsweise das leise Plätschern des vergoldeten Brunnens im Zentrum der Eingangshalle vernehmen konnte.

Tonks war – untypisch für sie – freiwillig noch viele Stunden in der Aurorenzentrale verblieben, um ein wenig von dem Papierkram zu erledigen, der in den letzten Tagen bei ihr liegen geblieben war. Scrimgeour sollte ihr morgen nicht vorwerfen können, sie würde ihren Job nicht ordentlich erledigen, auch wenn sie sich in der vergangenen Woche für den Orden ziemlich viele Fehlzeiten erlaubt hatte. Tonks konnte sich nicht erinnern, jemals so viel für eine Sache aufs Spiel gesetzt zu haben. Sollte Scrimgeour morgen auch nur einen Hauch von ihren ministeriumswidrigen Ansichten mitbekommen, drohte ihr über den Verlust ihres Arbeitsplatzes hinaus womöglich sogar eine Zelle in Askaban.

Jemand rempelte sie im Vorübergehen an und Tonks wäre fast hingefallen. Sie sah auf und blickte in vertraute haselnussbraune Augen. Doch es war nicht Bill, der sich nun mit einer knappen Entschuldigung wieder auf den Weg zu den Kaminen begab.

Es war Percy. Er schien angespannt und gestresst. Die Schatten unter seinen Augen waren noch dunkler als ihre eigenen und sein Gesicht wirkte eingefallen und fahl. Tonks überlegte, wie lange er wohl schon nicht mehr mit seiner Familie gesprochen hatte. Natürlich litten auch sie unter seinem Verlust – allen voran Mrs. Weasley, die jedes Mal, wenn jemand Percys Namen erwähnte, in Tränen ausbrach -. Aber schließlich hatte sie noch Arthur und sechs andere Kinder, von denen fünf beinahe ständig in ihrer Nähe waren. Percy hingegen schien Tonks schrecklich allein und überarbeitet zu sein.

Vielleicht drohte ihm nicht der baldige Rausschmiss, aber um nichts in der Welt wollte Tonks mit ihm tauschen.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als aus dem gegenüberliegenden Kamin die korpulente Gestalt von Ludo Bagman auftauchte. Tonks hatte den Abteilungsleiter zum letzten Mal bei der Quidditchweltmeisterschaft im vergangenen Sommer gesehen.

Seit diesem Ereignis schien das Schicksal Ludo übel mitgespielt zu haben: Sein Umhang war zerschlissen und abgetragen und an der Weste fehlten einige Goldknöpfe. Dennoch hatte der kleine Mann sich sein spitzbübisches Lächeln bewahrt und trotz seines fortgeschrittenen Alters scheinbar noch kein einziges seiner safrangelben Haare verloren.

Als er Tonks sah, setzte er sein gewinnendes Lächeln auf und kam eilig zu ihr hinüber gewatschelt. „Tonks, meine Liebe! Wie gut, dass ich Sie noch erwische. Ich wollte Sie schon lange mal unter vier Augen sprechen."

Überrascht aber nicht misstrauisch schüttelte Tonks die dargebotene Hand.

Obwohl Bagman sich hin und wieder grobe Schlitzer als Abteilungsleiter erlaubte, liebend gerne illegale Wetten abschloss und manchmal erschreckend verantwortungslos mit sich selbst und anderen verfuhr, mochte sie den Zauberer.

Sie hatten sich bei einem der zahlreichen Quidditchturniere, die Bill und Tonks zusammen besucht hatten, getroffen und Ludo als einen zuvorkommenden, humorvollen und großzügigen Mann kennengelernt. Dass ihm der Schalk im Nacken saß, hatte die leidenschaftliche Verehrerin der Wimbourner Wespen kaum gestört.

„Wie geht es Ihnen, Mr. Bagman?", fragte Tonks ehrlich interessiert.

Der Zauberer verzog das Gesicht. „Blendend, blendend … Nur ein paar Unannehmlichkeiten in letzter Zeit. Denke, Sie haben davon gehört. Meine Führungsqualitäten … in Frage gestellt." Er brach ab und zwang sich erneut zu einem breiten Grinsen. „Hab Sie ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Hatte bei der Weltmeisterschaft keine Gelegenheit, mich von Ihnen zu verabschieden ...", er schwieg erneut, peinlich berührt.

„Weil Sie sich im Gebüsch versteckt haben, ja?" Das war einer der Züge an Bagman, den Tonks weniger gut leiden konnte: Er war ein riesengroßer Feigling. Letztes Jahr, als der Angriff der Todesser das magische Spektakel so rabiat beendet hatte, war Bagman unter den Ersten gewesen, die sich in den Wald verdrückten, ohne daran zu denken, der armen Muggelfamilie zu helfen. Bill, sein Bruder, Arthur und auch Tonks waren gemeinsam mit anderen Auroren gegen Voldemorts Anhänger angetreten und hatten sie bekämpft, bis das Erscheinen des dunklen Mals die Maskierten in die Flucht schlug.

Bagman wurde rot über Tonks' Anschuldigung, von der er natürlich wusste, dass sie absolut berechtigt war. „Nun ja … ich hab nie … Wie geht's denn Ihrem Kollegen? Hat ja sagenhaft gekämpft, der Weasley-Junge … hört man. Billius, Barney, Benston … ach, das sind so viele Weasley-Jungs und ich bin doch so schlecht mit Namen." Bagman brach in nervöses Gelächter aus.

„Bill.", half Tonks ihm trocken weiter.

„Ja richtig! Wusst' ich's doch!" Er grinste selbstzufrieden. „Wirklich sagenhafter Junge!", wiederholte er begeistert. „Sagen Sie mal ...", er legte Tonks vertraulich einen Arm um die Schultern. „Der hat doch gute Kontakte … zu den Kobolden. Arbeitet doch bei Gringotts, oder? Nicht dass ich nicht auch Koboldfreunde hätte -", erneut kicherte er aufgeregt. „Aber die sind, naja, sagen wir mal nicht so gut auf mich zu sprechen zur Zeit. Nichts Ernstes, nein, nein! Nur … es würde helfen, wenn Ihr Freund vielleicht mal ein gutes Wort für mich einlegen könnte. Hm? Nur das eine Mal."

Tonks rümpfte die Nase. Sie wusste, dass die Kobolde nur zu Recht einen Groll gegen Bagman hegten. Scheinbar hatte er hohe Wettschulden bei ihnen zu begleichen.

„Ich weiß nicht, ob ich Bill darum bitten kann. Er möchte eigentlich keine privaten Angelegenheiten in der Bank regeln."

Bagmans Lächeln erlosch. Er sah aus wie ein kleiner Junge, der zum Geburtstag nicht den heiß ersehnten Spielzeugbesen bekommen hat. Unendlich enttäuscht, verraten, verletzt.

Tonks konnte den Anblick nur schwer ertragen. „Naja vielleicht … Es ist vielleicht besser, wenn Sie ihm einfach eine Eule schicken. Ich versichere Ihnen, sollte Bill mich darauf ansprechen, werde ich ihn überzeugen, Ihnen den Gefallen zu tun."

Sofort kehrte das breite Grinsen auf Bagmans Gesicht zurück. „Ich danke Ihnen vielmals, meine Teuerste!" Und er beugte sich vor, um galant Tonks' Hand zu küssen.

Sie lächelte nachsichtig. „Haben Sie einen schönen Abend, Ludo."

Bagman tippte sich, offenbar sehr zufrieden mit der Welt, an die Spitze seiner gebrochenen Nase – ein Andenken an seine Zeit als, von Klatschern verfolgter, Quidditchspieler – und schlenderte zu den Fahrstühlen.

Kopfschüttelnd sah Tonks ihm hinterher. Sie hatte darauf verzichtet, ihm ihr Beileid für den Tod seiner Sekretärin oder den katastrophalen Ausgang des Trimagischen Turniers auszusprechen. Bagman gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die gern von Fehlern und Verfehlungen aus ihrer Vergangenheit berichtete.

Zudem wollte Tonks Bagman nicht beschämen, indem sie ihn nach Bertha Jorkins fragte und er dann erst einmal nachdenken musste, wer das überhaupt war. Er hatte es wirklich nicht mit Namen.

Sie wollte sich gerade abwenden, als ratternd der nächste Fahrstuhl ankam. Die goldenen Gitter glitten beiseite und gaben den Blick auf ein höchst ungewöhnliches Paar frei: Lucius Malfoys große Gestalt ragte drohend über einem deutlich kleineren Mann im marineblauen Umhang auf.

Sturgis Podmore bemühte sich offensichtlich, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, wirkte aber dennoch völlig aufgelöst. Seine Stirn glänzte schweißnass und er hatte die Hände in seinen speckigen Hut gekrallt, welchen er nervös zwischen den Fingern knetete.

„Ich bitte Sie lediglich um einen kleinen Gefallen. Denken Sie darüber nach. Sie wollen mich gewiss nicht zum Feind haben, Podmore.", zischelte Malfoy mit seiner hohen, näselnden Stimme. Er verstummte allerdings, sobald er die Zuschauer bemerkte. Sofort verschwand die drohende Miene von seinem Gesicht, auf das stattdessen ein verbindliches Lächeln trat. „Ah, Mr. Bagman! Wie angenehm. Man hört, meine kleine Spende ist bei Ihrer Abteilung in den allerbesten Händen. Wann soll das neue Quidditchstadion denn eröffnet werden?"

Bagman lachte und klopfte Malfoy kameradschaftlich auf die Schulter, welcher dies mit einer spitzlippigen Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte, quittierte.

„Kleine Spende? Tonks, dieser vortreffliche Mann hat der Abteilung für magische Spiele und Sportwesen eine sagenhafte Summe von 5 000 Galleonen zukommen lassen. Das hat den Bau weit voran getrieben. Kommen Sie doch zum Eröffnungsspiel! Ich lasse Ihnen eine Freikarte reservieren, wenn Sie wollen."

Er lachte vergnügt und wandte sich dann, begleitet von Malfoy, der Tonks nicht eines Blickes gewürdigt hatte, zum Gehen. Über die Schulter hinweg zwinkerte Bagman ihr noch einmal vielsagend zu, dann waren die beiden Zauberer um die nächste Ecke verschwunden.

„Was war das denn?", fragte Tonks mit gedämpfter Stimme.

Podmore zitterte immer noch am ganzen Leib, hatte sich seinen Hut aber wieder aufgesetzt. „Ich weiß es nicht. Malfoy wollte mich überreden, für ihn einen Unsäglichen in der Mysteriumsabteilung aufzusuchen."

„Was?" Tonks drehte sich wie vom Donner gerührt zu ihm um. „Und wie bitte schön, solltest du das anstellen?"

Sturgis vergrub das Gesicht in den Händen. „Es gibt ein strenges Protokoll in solchen Fällen. Im äußersten Notfall darf die Abteilung natürlich von Mitgliedern der Zentralverwaltung betreten werden, aber … Tonks, er hat mich bedroht!"

Nicht sicher, wie sie die Situation einschätzen musste, legte Tonnks ihm besorgt eine Hand auf den Arm. „Sturgis, sag mir bitte nicht, dass er etwas gegen dich in der Hand hat!"

Der Zauberer wurde, wenn möglich noch blasser, und hauchte verzweifelt: „Möglicherweise schon." Mit diesen Worten stürzte er auf den nächstgelegenen Kamin zu.

„Wir sollten das besprechen! Beim nächsten Treffen -", Tonks verstummte abrupt, da ihr klar wurde, dass sie mitten einem Atrium voller neugieriger Ohren vermutlich nicht so laut über den Orden des Phönix sprechen sollte.

Es hatte sowieso keinen Sinn mehr, Sturgis hinterher zu schreien, da dieser bereits im letzten Auflodern der grünlichen Flammen wirbelnd verschwunden war.

Tonks wusste nicht, wohin.