Die Anhörung

Seit ihrem Gespräch mit Scrimgeour hatte eine seltsame Unruhe von Tonks Besitzt ergriffen. Ständig fühlte sie sich beobachtet, ja beinahe verfolgt. Das Gefühl, dass Scrimgeour mehr von ihren geheimen Machenschaften ahnte, als er zugab, ließ sie einfach nicht los.

Im Hauptquartier verflog allmählich die Freude über Harrys geglückte Rettung und stattdessen machte sich unter den Ordensmitgliedern eine nervenaufreibende Beklommenheit im Angesicht Harrys kurz bevorstehenden Anhörung breit. Doch auch zuhause fand Tonks kaum Ruhe: Bill und Fleur hatten sich auch nach einer Woche nicht wieder versöhnt und dieser Umstand setzte ihrem Freund merklich zu. Um nicht mit Tonks über seine Gefühle reden zu müssen, stürzte er sich eifrig in die ungeliebte Büroarbeit bei Gringotts und übernahm viele Aufgaben für den Orden.

In letzter Zeit bekam Tonks ihn selten zu Gesicht, was aber auch daran lag, dass sie selbst viele Wachdienste vor der Mysteriumsabteilung übernahm. Da sie alleinstehend war und momentan auch keine besonders anstrengende Arbeiten in der Aurorenzentrale verrichtete, hatte Tonks sich bereit erklärt, ungewöhnlich viele Nachtschichten zu übernehmen, um besonders die Ordensfamilien zu entlasten. Jedoch setzten ihr diese durchwachten Nächte mehr zu, als sie anfangs angenommen hatte. Schon nach einer Woche, sah sie sich sämtlicher Energie beraubt und fühlte sich kaum noch in der Lage, auch nur einem weiteren – halb prüfenden, halb misstrauischen – Blick des Abteilungsleiters Stand zu halten.

„Beschwer' dich bloß nicht.", maulte Sirius und schob sich einen Löffel Haferschleim in den Mund. „Ich würde alles dafür geben, mit euch da draußen zu sein und endlich mal was zu tun."

„Ach ja? Alles? Würdest du auch deine hart erkämpfte Freiheit aufs Spiel setzen?", entgegnete Remus mit hochgezogenen Augenbrauen.

Sirius schnaubte verärgert. „Das nennst du Freiheit? Ich darf ja nicht mal meinen Flohpelz lüften, wann mir gerade danach ist. Obwohl der das dringend nötig hätte ..." „Schon mal was von Waschen gehört?", entgegnete Remus liebenswürdig. „ … oder meinem Patensohn beistehen, wenn Dumbledore ihn heute ganz allein in diese Schlangengrube wirft.", fügte Sirius bitter hinzu.

„Das ist nicht Dumbledores Schuld!" Wütend knallte Remus seinen Löffel auf die Tischplatte. „Ja, aber unternimmt er etwas dagegen?" Die beiden Freunde funkelten sich über den mit Essen beladenen Frühstückstisch in der Küche des Hauptquartiers böse an.

Tonks schüttelte müde den Kopf. Sie wohnte dieser Diskussion nun bestimmt schon zum drittem Mal bei. Behutsam versuchte sie dem Gespräch eine neue Richtung zu geben: „Weißt du, Sirius, draußen ist es auch nicht immer einfach. Im Moment lüge ich quasi jeden an, dem ich auf der Arbeit begegne. Ich muss immer wachsam bleiben, damit ich uns mit meiner großen Klappe nicht verrate." Bevor ihr Großcousin Tonks mit irgendeinem Einwand ins Wort fallen konnte, sprach sie schnell weiter. „Genauso geht es Arthur und vor allem Kingsley. Stellt euch vor, die Abteilungsleitung hat schon Zweifel an seinen Führungsqualitäten und überlegt, mich in ein anderes Team zu verlegen. Scrimgeour hat gesagt -", doch in diesem Augenblick ging die Küchentür auf und gab den Blick auf einen sehr blass und verschlafen aussehenden Harry frei.

Er schien ein wenig überrascht, sie alle hier zu sehen, sagte aber nichts, weil gerade Mrs. Weasley aus der Speisekammer kam und auf ihn zu hastete. Fürsorglich drückte sie den Jungen auf einen Stuhl am Kopfende des Tisches und begann, ihm Frühstück zu machen. Mr. Weasley, der sich bisher völlig unbeteiligt hinter dem aufgeschlagenen Tagespropheten verborgen hatte, legte diesen beiseite und lehnte sich vor, um Harry besser sehen zu können. Er trug eine sehr eigenwillige Kombination aus Anzughose und Bomberjacke, offenbar seine Interpretation eines unauffälligen Muggeloutfits. Doch kaum jemand beachtete seine Kleiderwahl, da die geballte Aufmerksamkeit im Raum, seit dessen Erscheinen, auf Harry gerichtet war. Der wirkte so nervös und verunsichert, dass Tonks nicht ausschloss, ihn gleich fluchtartig das Weite suchen zu sehen.

Bemüht, eine normale Konversation wieder in Gang zu bringen, griff Remus ihre Ausführungen wieder auf. „Was wolltest du über Srimgeour sagen?", fragte er interessiert. „Oh, ja … also", Tonks zögerte, da sie nicht sicher war, wie viel sie in Harrys Anwesenheit sagen sollte. „ … Ich denke nur, wir müssen vorsichtiger sein. Er stellt Kingsley und mir dauernd so komische Fragen.", vollendete sie ihren Satz etwas vage.

Remus nickte besorgt, verfolgte das Thema jedoch nicht weiter. Alle lauschten nun gebannt Mr. Weasleys Erklärungen, wie die heutige Anhörung verlaufen würde. Jedes Wort, das er sagte, ließ Harry noch eine Spur blasser werden.

Mitfühlend tätschelt Tonks ihm den Arm und ergänzte mit ernster Stimme Arthurs Worte: „Amelia Bones ist in Ordnung. Sie ist fair und wird dich anhören." Sirius' Mundwinkel zuckten. Es war nur zu verständlich, dass er der Gerichtsbarkeit des Zaubereiministeriums schon lang nicht mehr über den Weg traute. Ihn beruhigte Tonks' Kommentar scheinbar nicht im geringsten.


Den Vormittag in der Küche zu verbringen war illusorisch. Sirius tiegerte ununterbrochen hin und her und fauchte alle an, die es wagten, sich ihm beruhigend zu nähern. Nachdem Remus zwei solcher Abfuhren erhalten hatte, zog er sich kopfschüttelnd in sein Zimmer zurück. Auch Tonks suchte so schnell wie möglich das Weite.

Ironischerweise war es der ihr so verhasste Salon im ersten Stock des Hauptquartiers, in dem Tonks so etwas wie Entspannung und Loslösung von ihrem anstrengendem Alltag fand. Unter den Blicken ihrer verabscheuungswürdigen Vorfahren – deren Portraits den ausufernden Stammbaum an der Tapete zierten –, rollte sie sich manchmal auf dem muffigen Sofa zusammen und holte eine paar Minuten versäumten Schlafes nach. In letzter Zeit war sie immer so müde gewesen, dass ihr diese Momente der Stille tiefe traumlose Ruhe bescherten, doch an diesem Tag war es anders.

Tonks sah eine Reihe völlig zusammenhangloser Bilder und Gestalten, die auf sie einredeten. Sie hatte das Gefühl, antworten, sich rechtfertigen zu müssen. Doch stets stand Alastor neben ihr, der nur mahnend den Kopf schüttelte. Schließlich entdeckte Tonks Scrimgeour, der vor seinem Bücherregal stand und las. Als er den Kopf hob, sah sie, dass sein Gesicht von einer Todesser-Maske verdeckt war. Scrimgeour lachte, aber seltsamerweise hatte er die selbe hohe, näselnde Stimme wie Lucius Malfoy. Auf einmal stürzte Sturgis Podmore durch eine Tür, die Tonks zuvor nicht aufgefallen war, und rief ihr zu, sie solle weglaufen. Was? Wohin?"

Mit einem Schlag war Tonks wach. Sie blinzelte verwirrt und sah sich einen Augenblick orientierungslos um, bis sie erkannte, wo sie war. Ihr Puls hatte sich gerade ein wenig beruhigt, als jemand an der Salontür klopfte. Tonks fuhr so heftig zusammen, dass sie beinahe vom Sofa gefallen wäre.

Zu ihrer Erleichterung war es nur Remus, der sie mit seinem typischen, halb amüsierten halb besorgten Blick musterte. „Ist alles in Ordnung? Hast du ein Gespenst gesehen?", fragte er. Sie schüttelte nur den Kopf und wickelte sich fröstelnd in ihre Lederjacke, obwohl draußen die Sonne strahlend schien.

Remus trat in den Raum und setzte sich zu ihr auf die Couch. Es war offensichtlich, dass ihm keineswegs entgangen war, wie mitgenommen, Tonks sich fühlte. „Was ist mit dir?", fragte er vollkommen ruhig.

Mit einem Mal war es Tonks entsetzlich peinlich, wie verletzlich und scheu sie sich aufführte. Sie versuchte alle Weichheit aus ihrem Gesicht zu verbannen und legte die Jacke betont sorglos weg. „Nein, es ist nichts. Nur ein Traum." Denn mehr war es ja tatsächlich nicht. Nur ein Traum. Remus wirkte nicht überzeugt, sagte aber nichts mehr dazu. Stattdessen legte er Tonks wieder ihre Jacke um die Schultern. Er hielt einen Moment in dieser Position, beide Arme um sie gelegt, innen, so als wollte er ihr Wärme spenden, ließ die Hände dann jedoch schnell sinken.

„Ich wollte dir nur sagen, dass Harry und Arthur zurück sind." Er klang fast entschuldigend.

Tonks riss die Augen auf. „Und?", wollte sie aufgeregt wissen.

Ein Lächeln schlich sich auf das Gesicht ihres Gegenübers. „Er wurde freigesprochen.", grinste er.

Erleichtert warf Tonks Remus die Arme um den Hals. „Freigesprochen? Das ist wunderbar!" Wenigstens eine Sache, die heute gut lief. Bis auf das Gefühl, in Remus' Armen zu liegen. Das war auch nicht schlecht. Es war sogar ziemlich gut … Nervös kichernd löste Tonks sich von ihm und bemühte sich, die Röte in ihrem Gesicht durch einen kleinen metamorphmagischen Kniff zu kompensieren. Schüchtern linste sie zu Remus, der überrascht auf sie hinab lächelte. Er schien die Situation im Gegensatz zu Tonks völlig gelassen zu nehmen. Erleichtert – oder enttäuscht? – seufzte sie auf.