verraten

Direkt nach ihrem Geburtstag war immer der 1. September Tonks' Lieblingstag gewesen. Nicht dass ihr der Unterricht oder die Lehrer so sehr gefehlt hätten. Es waren ihre Freunde, ihr Haus, der Gemeinschaftsraum und das Schloss mit seinen Ländereien – vor allem das Quidditchfeld – die Tonks während der viel zu langen Ferien vermisste.

Und auch nachdem sie Hogwarts mit siebzehn Jahren verlassen hatte, war der erste Tag des Schuljahres, an dem sich unzählige Zaubererfamilien auf den Weg zum Bahngleis 93/4 begaben, immer noch etwas besonderes für sie geblieben.

Nie hätte sie ihn mit einer schlaflosen Nacht oder einem heftigen Kater entweiht … Bis zu dem Augenblick, als sie am 1. September dieses Jahres zu einer unmenschlichen Zeit ins Badezimmer wankte, um feststellen zu müssen, dass ihr Gesicht im Schlaf um mindestens zehn Jahre gealtert war. Ihre Haut war völlig zerknittert – ein gut sichtbarer Nebeneffekt von Dehydration, der sich bei Tonks immer zeigte, wenn sie zu viel getrunken hatte – und ihre Augen blickten trübe. Der Versuch, sich vor ihrer Mission noch in einen Menschen zu verwandeln, der ihr auch nur halbwegs ähnlich sah, war sinnlos. Stattdessen beschloss Tonks, ihre körperliche Verfassung noch auszubauen und als wirksame Tarnung zu nutzen.


Eine halbe Stunde später wartete sie an einer Straßenecke auf Alastor, der Harry und seine Freunde vom Grimmauldplatz abholen sollte. Tonks trug ein ziemlich grausames lilafarbenes Kostüm und einen Hut, der stark an eine Pastete erinnerte. Ihr Gesicht war noch runzliger als zuvor und ein paar sehr authentische Altersflecken zierten Hals und Hände. Während sie sich noch selbst zu ihrer genialen Tarnung beglückwünschte, stieß ein bunte Grüppchen, bestehend aus den Weasleys, Alastor, einem schwarzen Hund und … Remus, zu ihr.

Tonks kam völlig aus dem Konzept, als sie ihn sah. Es stellte sich heraus, dass er sie nur begleitete, weil Sturgis Podmore nicht rechtzeitig zum Aufbruch erschienen war. Tonks hatte nicht damit gerechnet, Remus so bald schon wiederzusehen und noch gar nicht darüber nachgedacht, wie sie ihm begegnen oder was sie sagen sollte. Weshalb sie ihn gekonnt ignorierte und erst einmal Harry, der ihr am nächsten stand, augenzwinkernd begrüßte: „So 'ne Überraschung, Harry." Sie genoss die allgemeine Bewunderung, die ihr für ihr gelungenes Outfit entgegen gebracht wurde, und streckte den Zauberstab aus, um den Fahrenden Ritter zu rufen.

Der Bus schien ihnen das sicherste Transportmittel, da sie – umgeben von möglichst vielen anderen Hexen und Zauberern – vermutlich nicht mit einem Angriff zu rechnen hatten. Autos vom Ministerium wären zwar noch sicherer, da die Wagen teilweise mit sehr aufwändiger Fluchabwehr ausgestattet waren, aber Arthur hatte keine bekommen können. Seine Position und sein Name standen in größerem Verruf als je zuvor. Tonks konnte ihn und Molly für ihre Treue zu Harry nur bewundern.

Spätestens an Bord des Busses war klar, dass alle Sorgen – und in Tonks' Augen sogar der ganze Sinn dieser Eskorte – hinfällig waren. Tatsächlich schien ihre Gruppe, die immerhin von einem großen Hund, zwei ausgebildete Auroren und einem kampferprobter Werwolf begleitet wurde, die furchterregendste im Bus zu sein. Trotzdem wurde Alastor nicht müde, sich über Sturgis' Abwesenheit und Sirius' Anwesenheit zu beschweren.

Da es im unteren Teil des Fahrenden Ritters ziemlich voll war, begaben sich Harry, Ron und Hermine, begleitet von Molly und Alastor, auf die zweite Etage. Tonks fand sich in einer recht unbequemen Position, eingekeilt zwischen dem pockennarbigen Schaffner, den Zwillingen und Remus wieder. Er sah so müde aus, wie Tonks sich fühlte und gab sich scheinbar größte Mühe, sie zu ignorieren. Ein Unterfangen, dass sich als schwierig gestaltete, da Tonks bei jeder halsbrecherischen Kurve des Fahrenden Ritters nichts anderes übrig blieb, als sich an seiner Jacke fest zu klammern. Dennoch schwiegen sie sich die Fahrt über beharrlich an. Keiner von ihnen wusste, was er sagen sollte, besonders in Gesellschaft von Fred und George, die es liebten, in unangenehmen Situationen ihre Späße zu treiben.

Am Bahnhof angelangt, scheuchte Mrs. Weasley ihre Kinder auf das Gleis und verabschiedete sich mit zahlreichen Umarmungen und Küssen. Tonks umarmte Ginny und auch Hermine, die ihr zum Abschied versöhnlich einen Belfer-Anstecker in die Hand drückte. Tonks sah aus dem Augenwinkel, wie Remus grinste. Das war das erste Mal, dass sie ihn an diesem Tag lächeln sah.

Sie ließ ihren Blick über den Bahnsteig wandern, der sich allmählich leerte und beobachtete Harry, der vor seinem Patenonkel in die Hocke gegangen war, um sich zu verabschieden.

Zu Tonks' Überraschung stand keine drei Meter weiter ein großer blonder Mann, der sich ebenfalls von seinem Sohn verabschiedete. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie Lucius Malfoy erkannte. Er sah müde aus, so als hätte er in der vergangenen Nacht nicht viel geschlafen. Entsprechend desinteressiert lauschte er den Worten des blonden Jungen, der ungefähr in Harrys Alter sein musste. Seine Aufmerksamkeit war offensichtlich auf jemand anderen gerichtet. Die kalten Augen ruhten schon seit einer Weile interessiert auf dem schwarzen Hund, der immer wieder an Harry hochsprang und ihm spielerisch übers Gesicht leckte. Erst als eine auffallend schöne Frau zu ihm trat, in der Tonks schockiert ihre Tante Narzissa erkannte, hörte er auf, Sirius zu taxieren.

Besorgt rief Tonks den Hund zu sich, doch der dachte nicht daran, zu gehorchen. Stattdessen lief er neben dem langsam anfahrenden Zug her, sprang hoch und kläffte aufgeregt.

Viele der umstehenden Zauberer lachten, nur Malfoy und seine Frau verzogen die Gesichter. Tonks begegnete Alastors Blick. Auch ihm war die Aufmerksamkeit des Paares nicht entgangen. Tonks schwante Böses. Entschlossen packte sie Sirius im Nacken, beugte sich zu seinem Ohr hinunter und flüsterte eindringlich: „Benimm' dich, Tatze. Sonst kannst du beim nächsten Ausflug zuhause bleiben." Unwillig knurrend, folgte er ihr nach draußen.


Zurück im Hauptquartier gab Remus Tonks einen Wink. Sie blieb hinter den anderen zurück und folgte ihm in eine Ecke der Eingangshalle. Durch das schmutzige Oberlicht fiel gerade genug Sonnenschein, um ihre beiden Gesichter zu erhellen.

Tonks plapperte sofort aufgeregt los: „Hast du Lucius Malfoy am Bahnhof gesehen? Er hat Sirius die ganze Zeit beobachtet. So als würde er ihn verdächtigen. Aber er sah doch aus wie wie waschechter Hund! Meinst du, Malfoy würde ihn erkennen?"

Remus schüttelte den Kopf und grinste. „Du klingst schon wie Mad-Eye.", stellte er amüsiert fest. „Hör mal, ich wollte eigentlich, wegen etwas ganz anderem mit dir reden –" Er hielt inne, als er Tonks empörte Miene sah. Sie konnte nicht glauben, wie gleichgültig er ihrem Verdacht begegnete.

Mit beruhigender Stimme, fügte Remus hinzu: „Niemand außerhalb des Ordens weiß, dass Sirius ein Animagus ist. Malfoy ist einfach so. Er beobachtet immer alles, aber in Wahrheit ahnt er nichts."

Tonks' skeptischen Blick übergehend, fuhr Remus hastig fort, so als wollte er das Thema schnell beenden: „Sirius hätte einfach auf Dumbledore hören sollen und hier bleiben, dann müssten wir uns um Lucius Malfoy keine Sorgen –"

Tonks ließ ihn den Satz nicht vollenden. „Keine Sorgen, ja? Du meinst also, wenn wir uns alle einfach an Dumbledores Pläne halten, sind wir sicher? Du hast auch Sturgis gesagt, wenn er sich nur an seine Anweisungen hält, wird schon nichts passieren. Und wo ist er jetzt?"

Endlich ging Remus auf ihre Worte ein. Mit gesenktem Kopf stellte er fest: „Du hast gehört, wie ich mit ihm geredet habe." Er zuckte hilflos die Achseln. „Ich weiß wirklich nicht, wo er ist. Aber ich glaube nicht, dass wir uns deshalb Gedanken machen müssen. Er war in letzter Zeit nicht besonders … zuverlässig.", schloss er etwas unsicher.

Tonks trat angriffslustig einen Schritt auf ihn zu. „Ja, weil er Angst hatte. Malfoy hat ihn offen bedroht und das wusstest du, Remus!"

Zorn flammte im Gesicht ihres Gegenübers auf. „Du ja offenbar auch. Leute zu belauschen scheint eine Spezialität von dir zu sein. Aber Sturgis ist nun mal zu mir gekommen, um sich Rat zu holen." Remus starrte konzentriert über Tonks' lächerlichen Hut hinweg und mied ihren Blick auch als er weitersprach. „Er kennt meine Einstellung. Und er wusste was er tat, als er sich dem Orden zum zweiten Mal anschloss. Weder ich noch Dumbledore haben ihn zu irgendwas gezwungen!"

„Dumbledore sitzt in seinem Schloss und verteilt Aufträge, während andere den Kopf dafür hinhalten!", schleuderte Tonks Remus wütend entgegen.

Eine kurze Pause trat ein. Remus sah aus, als könnte er nicht recht fassen, was Tonks gerade gesagt hatte. Und auch sie musste zugeben, dass ihre Anschuldigung härter als beabsichtigt geklungen hatte. Doch sie würde nicht von ihrem Standpunkt abweichen, bevor Remus nicht wenigstens versucht hatte, ihre Sicht der Dinge zu verstehen.

Zitternd vor Anspannung wartete Tonks auf seine Erwiderung.

Remus atmete schwer und kämpfte ganz offensichtlich mit sich, um seinen Zorn unter Kontrolle zu halten. „Wenn du wirklich so denkst –", er brach ab. Auf seinem Gesicht lagen Wut, Unverständnis und Enttäuschung. Doch als er fortfuhr, war seine Stimme vollkommen ruhig: „Der Orden ist kein Ort für Feiglinge."

Tonks entfuhr ein spitzes, ungläubiges Lachen. Zu Remus erster Anschuldigung, sie würde fremde Gespräche belauschen, hatte sie nichts gesagt, aber das hier ging entschieden zu weit! Sie wirbelte auf dem Absatz herum und marschierte zur Tür. Ein Tränenschleier nahm ihr die Sicht und sie blieb mit dem Fuß an ihrem Erzfeind, dem Trollfußschirmständer, hängen.

„Tonks!" Remus fasste sie am Handgelenk. In seinen Augen stand ehrliches Bedauern und sein Griff war so fest, als wollte er sie nie wieder loslassen.

Doch Sie hatte keine Lust mehr auf seine Spielchen. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass er diesen Konflikt auf eine persönliche Ebene herunter brach. In diesem Punkt waren sie anderer Meinung und wenn Remus das als Grund betrachtete, sie aus dem Orden zu schmeißen, würde keine Sympathie – oder jedes andere insgeheim gehegte Gefühl – Tonks dazu bringen, nachzugeben.

Als sie sich von ihm losmachte und mit einem kurz angebundenen „Remus." verabschiedete, spürte sie, wie in ihr etwas zerbrach. Schnell wandte sie das Gesicht ab, damit er es nicht sah.


Stempeln, Lochen, Abheften … Stempeln, Lochen, Abheften … Stempeln, Lochen, Tonks warf ihr Tintenfass um. Gleichmütig sog sie die Flüssigkeit mit ihrem Zauberstab auf und setzte ihre Arbeit fort: … Abheften. Seufzend sah sie auf die Uhr. Noch zwei Stunden, bis sie heimgehen durfte. An diesem Nachmittag waren nur wenige Auroren im Büro. Wer es sich erlauben konnte, nahm sich frei, um einen der letzten spätsommerlich warmen Abende zu genießen. Andere waren auf Einsätzen unterwegs. Tonks wünschte sich nichts sehnlicher, als unter ihnen zu sein. Irgendein schwarzmagisches Wesen oder sogar einen Todesser zu bekämpfen, würde sie viel besser von ihrer tristen Stimmung ablenken als das monotone Aktensortieren, mit dem sie momentan ihren Alltag verbrachte.

„Hey, Tonks." Jonathan Proudfoot ließ sich auf seinen Sessel am benachbarten Schreibtisch fallen und streckte die Beine aus. Sein Umhang war schmutzig und die kastanienbraunen Locken bildeten ein verwegenes Chaos.

Neidisch fragte Tonks: „Und, was hast du diesmal in Stücke zerlegt?"

Proudfoot winkte lässig ab. „Ein harmloser Ghulbefall. Der Ärmste wurde aggressiv als die Haushälterin mit einem Schürhaken auf ihn losging. Es hat mehr Mühe gekostet, sie ihn Schach zu halten." Er lachte. „Man kommt sich in letzter Zeit vor wie der Kammerjäger! Wo verbirgt sich die dunkle Seite, die es zu bekämpfen gilt?", rief er theatralisch und ließ seinen Blick mit gespieltem Argwohn im Büro umher wandern.

Tonks biss sich auf die Zunge, um dieser Klage nichts entgegenzusetzen. Stattdessen lächelte sie über Proudfoots showreifen Kampf mit einem imaginären Todesser, der ihn schließlich eindrucksvoll röchelnd auf seinem Stuhl zusammensacken ließ.

„Du bist ein Idiot!", sagte sie, ohne das Grinsen von ihrem Gesicht verbannen zu können.

Prodfoot tippte sich an seine vorgestellte Hutkrempe und versank in einer artigen Verbeugung. „Verbindlichsten Dank, Madame."

Wieder musste Tonks lachen. Sehr zu Proudfoots Zufriedenheit, wie ihr schien. Er beendete sein albernes Getue und lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. „Sag mal, Tonks. Ich habe mich gefragt, ob du Lust hättest, nach Feierabend noch was trinken zu gehen.", sagte er völlig unverstellt.

Tonks wusste von Nelly, dass der Kollege schon seit Längerem etwas für sie übrig hatte und war drauf und dran, sein Angebot höflich abzulehnen, als sich am anderen Ende des Raumes die goldenen Türen des Fahrstuhls öffneten und eine Schar lavendelfarbener Memos heraus geflattert kam. Einer davon flog quer durch den Raum und landete elegant in Tonks' ausgestreckter Hand. Dankbar für den Vorwand, nicht sofort auf Proudfoots Worte reagieren zu müssen, entfaltete sie die Nachricht. Beklommen überflog sie die wenigen Zeilen in der vertrauten Handschrift Kingsleys. Sie erhob sich und schenkte Proudfoot ein – wie sie hoffte – unbekümmertes Lächeln. „Ich muss das kurz erledigen … dauert sicher nicht lange." Ihr Kollege nickte ein wenig enttäuscht, machte ihr dann aber versöhnlich grinsend Platz. „Man sieht sich, Tonks."


Bevor sie an Kingsleys Bürotür klopfen konnte, wurde diese auch schon von innen aufgerissen und ihr Mentor zog Tonks hastig hinein. Schweißperlen glänzten auf seiner dunklen Glatze und auch sonst wirkte er erregter als sie ihn je zuvor gesehen hatte.

„Wir haben ein Problem. Gestern morgen wurde Sturgis Podmore vor dem Eingang der Myteriumsabteilung festgenommen." Tonks keuchte entsetzt. „Wie bitte? Was passiert jetzt mit ihm, wo ist er?" „In einer der Verhörzellen im neunten Stock."

Sie erbleichte. „Wir müssen ihn da raus holen, bevor sie ihm Veritaserum verabreichen und er alles ausplaudert über –" Ein einziger warnender Blick Kingsleys brachte sie zum Schweigen.

Mit gesenkter Stimme erklärte er: „Wir dürfen jetzt nichts Unüberlegtes tun, sonst fliegen wir auf."

„Das werden wir so oder so, wenn er verhört wird.", entgegnete Tonks, ungläubig, dass Kingsley nicht schon selbst zu diesem Schluss gelangt war.

„Ich denke nicht, dass sie ihn eingehend befragen werden ...", gab er grimmig zu Bedenken.

Tonks runzelte die Stirn. „Wieso nicht? Wollen sie ihn einfach wieder laufen lassen? Aber warum haben sie dann ...", sie verstummte als sie Kingsleys verbitterten Gesichtsausdruck sah. Langsam dämmerte es ihr. „Sie werden ihn nicht befragen. Sie schicken ihn ohne Prozess nach Askaban, hab ich Recht?" Sie packte ihren Mentor am Arm. „Wir müssen ihn da raus holen, Kingsley!"

„Nein, ich verbiete dir, irgendwas zu tun, was den Orden gefährdet." Kingsleys Gesicht glich einer unnachgiebigen, steinernen Maske, als er Tonks' Hand abschüttelte und hinter seinen Schreibtisch zurückkehrte. „Ich habe dich nur informiert, damit du nicht auf Mad-Eyes Tarnumhang wartest. Er wurde beschlagnahmt. Du musst dich bei deiner nächsten Schicht desillusionieren."

Tonks starrte ihn ungläubig an. „Was? Das heißt, wir machen einfach weiter wie bisher? Was glaubst du, wann der nächste von uns geschnappt wird?" Sie war keinesfalls verängstigt, sondern vielmehr überrascht von Kingsleys stoischem Beharren auf den herkömmlichen Plan.

„Niemand wird 'geschnappt'. Podmore war nicht gut vorbereitet. Der Job hat ihn überfordert. Er lief ja schon seit ein paar Wochen wie Falschgeld durch die Gegend."

„Lucius Malfoy!", platzte Tonks heraus. „Er hat Sturgis bedroht, deshalb wollte er keine Schichten mehr übernehmen."

„Davon weiß ich nichts. Sturgis hat nie etwas in der Richtung gesagt.", sagte Kingsley während er angestrengt seine Fingernägel taxierte.

„Doch, zu Remus!" Tonks konnte sich nicht mehr zurückhalten. Wütend begann sie auf und ab zu gehen. „Es muss so gewesen sein. Malfoy hat Sturgis beschattet und ihm dann irgendwas angehängt. Frag Remus, ob es so war!"

„Tonks, du verstehst nicht. Lucius Malfoy war zum Zeitpunkt der Festnahme nicht mal in der Nähe der Mysteriumsabteilung. Und Podmore wurde auch nicht festgenommen, nur weil er dort stand. Er hat versucht, sich Zutritt zu verschaffen!"

Tonks klappte die Kinnlade herunter. Dem Fundament ihrer Argumentation beraubt, lies sie sich erblassend auf dem Stuhl vor Kingsleys Schreibtisch nieder. „Was?", fragte sie tonlos.

„Eric Munch hat ihn ertappt, wie er um ein Uhr nachts versucht hat, das Hochsicherheitsschloss der Mysteriumsabteilung zu knacken. Darauf stehen im Regelfall drei Monate Askaban, aber so wie die Dinge im Moment stehen … das Ministerium ist seit dem Vorfall mit Barty Crouch sehr misstrauisch geworden."

Tonks schluckte schwer. Sie dachte an Sturgis' sorgenvolles Gesicht und konnte sich nicht vorstellen, dass er von sich aus den Entschluss gefasst hatte, das Gesetz zu brechen. Noch mehr, den Orden in Gefahr zu bringen.

„Hast du nach seiner Festnahme nochmal mit ihm gesprochen? Gibt es irgendeinen Weg für uns, ihn zu sehen, bevor er nach Askaban kommt?", fragte sie mit dünner Stimme.

Resigniert schüttelte Kingsley den Kopf. „Das ist Angelegenheit der magischen Strafverfolgung. Nicht unsere Abteilung."

Sein fehlender Aktionismus kam Tonks verdächtig vor. Es schien fast so, als versuchte Kingsley gar nicht ernsthaft, Sturgis' Lage zu verbessern. „Sag mal … du denkst doch nicht … Sturgis ist kein Todesser, Kingsley!", insistierte sie.

„Weiß ich das?", widersprach Kingsley skeptisch.

Tonks schüttelte ungläubig den Kopf. „Er war schon im ersten Orden! Er bekämpft Voldemort!"

„Das haben wir von Peter Pettigrew auch gedacht." Kingsley wich Tonks' anklagenden Blicken aus, als er nicht ganz überzeugt noch hinzu setzte: „Wir müssen aufpassen … Immer wachsam."

Nicht fähig, ein einziges weiteres von Kingsleys Worten zu ertragen, sprang Tonks auf und stürmte hinaus.


„Remus, Remus mach auf!" Tonks hämmerte ein weiteres Mal gegen die schwere Eichentür. Von drinnen war nur ein schwaches Stöhnen zu hören, ein paar schlürfende Schritte, bevor Remus ihr endlich öffnete. Er sah furchtbar aus: aus seinem aschfahlen Gesicht stachen die Wangenknochen scharf hervor während die Augen tiefer in den, von dunklen Ringen umschatteten, Höhlen zu liegen schienen; ein paar frische Narben zierten Remus' blasse Brust, die unter dem Kragen seines Morgenmantels hervorlugte; sein Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab. Sein Blick erinnerte Tonks an ihre erste Begegnung, als sie ihn noch als kalt, distanziert und bedrohlich empfunden hatte. Doch sie ließ sich davon nicht irritieren. In ihren Augen hatte Remus kein Recht, auf sie wütend zu sein, sondern umgekehrt. „Sturgis Podmore wurde verhaftet!" Anklagend versetzte sie Remus einen Stoß vor die Brust und marschierte an ihm vorbei ins Zimmer.

Träge drehte er sich zu ihr um und lehnte sich, offenbar völlig kraftlos, an den Türrahmen. Trotz seiner schlaffen Körperhaltung, verriet sein Gesicht Sorge und Schock. „Wann ist das passiert?", fragte er heiser.

„Gestern morgen. Es ist noch nicht offiziell, Kingsley hat es mir erzählt." Sie näherte sie Remus, der immer noch bewegungslos an der offenen Tür stand. „Remus, sie schicken ihn nach Askaban." Sie warf einen prüfenden Blick auf den leeren Flur und senkte die Stimme. „Wir müssen ihn da raus holen. Das bist du ihm schuldig." Aus Remus' ohnehin schon blassen, übernächtigten Gesicht wich nun auch der letzte Rest Farbe. Alarmiert legte Tonks ihm eine Hand auf die Schulter und betrachtete ihn genauer. „Geht's dir nicht gut?"

Remus machte sich von ihr los und humpelte zum Lehnstuhl vor dem überladenen Sekretär. Mit schmerzvoll verzogenen Gesicht ließ er sich nieder und atmete einige Male tief durch, bevor er Tonks wieder ansah. Offenbar mit größter Mühe sagte er: „Nein, Tonks. Das würde alles nur noch schlimmer machen." Er machte eine kurze Pause und ließ seine Augen durch das karge Zimmer wandern. „Außerdem … riskier' nicht deinen Job für etwas, woran du nicht glaubst.", fügte er kühl hinzu.

Tonks konnte nicht glauben, dass er ihr immer noch Untreue unterstellte. „Das habe ich nie gesagt!", erwiderte sie mit erstickter Stimme. „Und weißt du was? Vielleicht bin ich nicht so ein Mustermitglied wie du, aber immerhin schere ich mich um die anderen. Es geht hier nicht um irgendeine verkopfte Idee, Remus. Es geht um Menschen! Willst du mir helfen, Sturgis zu retten, oder nicht?" Je länger sie sprach, desto lauter wurde ihr Stimme.

Remus' Miene schien sich mit jedem ihrer Worte zu verdüstern. „Und dann? Wo soll er denn hin? Sich auch hier drin verstecken wie Sirius? Nein, Tonks, das kann nicht gut gehen –"

„Wie kannst du das sagen? Sollen wir denn nichts tun?" Mühsam schluckte Tonks ihren Stolz und ihre Wut hinunter und senkte ihre Stimme. „Bitte, Remus, hilf mir. Ich kann das nicht ohne dich."

Ihrem flehentlichen Tonfall zu widerstehen, fiel Remus sichtbar schwerer. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, kniff die Augen zusammen und bemühte sich, Tonks' verständnislosem Blick auszuweichen. „Nein. Ich unterstütze diesen Plan nicht." Bevor Tonks sich über seine Antwort aufregen konnte, sprach er schnell weiter. „Tonks, mach jetzt nicht Unüberlegtes. Du bist zu wichtig für … zu wertvoll für uns."

Sie schüttelte nur fassungslos den Kopf. „Was ist nur los mit euch allen?" Sie startete einen letzten Versuch, Remus von der Notwendigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen. „Ich dachte wir wären Partner." Ohne, dass sie es wollte, brach ihre Stimme, als sie das letzte Wort aussprach. Remus antwortete nicht, er sah weg. Seine Kiefer malmten wütend aufeinander, doch er blieb still. Tonks verstand einfach nicht, was hier passierte. Wo war ihre Vertrautheit, ihre Freundschaft, wo das tiefere, wärmere Gefühl, das sie sich selbst noch nicht recht eingestehen wollte? Wieso konnte sie nichts mehr davon in Remus' kantigen Zügen, seinen grauen Augen sehen? Resigniert hob sie die Schultern und wandte sich zum Gehen.

„Tonks, versprich mir, dass du dich ruhig verhälst. Versprich es mir!" Remus Stimme verwandelte sich in ein drohendes Knurren, doch sie ließ sich nicht beeindrucken.

Ehe er enden konnte, drehte Tonks sich auf der Stelle und disapparierte.