Die Schwestern des Schicksals
Die Fabrikhalle in Sutton, einem der Londoner Außenbezirke, bot mit ihren meterhohen efeubewachsenen Ziegelwänden, den spitzen Sprossenfenstern und den frei liegenden Holzbalken eine atemberaubende Kulisse für den Auftritt der Schicksalsschwestern. Muggelabwehr schützte den magisch dekorierten und hell beleuchteten Veranstaltungsort vor neugierigen Blicken. Ganz im Stil ihres neuen Albums „Straight out of Arden" war die große Halle für den Auftritt der Band in eine Art künstlichen Zauberwald verwandelt worden: schmale Fichtenstämme rahmten die felsige Bühne an der Stirnseite des Gebäudes, während die Zuschauer sich in einem lichten, von gackernden Feen bevölkerten, Birkenhain wiederfanden, der sich zu einer transparenten sternenübersähten Decke hin öffnete.
Tonks fühlte sich sofort an die Große Halle in Hogwarts erinnert. Gleichzeitig glich die Atmosphäre eher der bei der Quidditchweltmeisterschaft, was an den vielen jungen Hexen und Zauberern lag, die in Grüppchen im weichen Gras hockten oder die, zwischen den Bäumen aufgespannten, Fanartikel bewunderten. Tonks war, in der Hoffnung ein Autogramm zu ergattern etwas früher zum Konzert erschienen, und liebäugelte gerade mit einem violetten T-Shirt, auf dem in schillernden Lettern der Name der Band prangte. „Drei Galleonen das Stück, gratis dazu einen Shot Giggelwasser.", trällerte eine gruftige junge Hexe, die mit ihrem blassen Gesicht und den dunklen Augen schon fast einem Vampir glich. Tonks blieb unschlüssig. Zwei Monate Suspendierung würden sich spürbar auf ihre Ersparnisse auswirken. Ein wenig Taschengeld stand ihr zwar noch zu, aber das würde sie tatsächlich brauchen, um über die Runden zu kommen. Zu den Schicksalsschwetsern hatte Bill sie, trotz Protest, großzügig eingeladen. Ein T-Shirt sollte sie nicht derart in Versuchung führen, zumal ihr Schrank ohnehin schon aus allen Nähten platzte.
Während sie noch mit sich rang, hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Bill wedelte aufgeregt mit beiden Armen. „Tonks, hier sind wir!" Er überragte wie üblich alle Umstehenden und war auch sonst mit seinem flammend rotem Haar gut zu sehen. Doch natürlich hatte dennoch Fleur die geballte – sowohl männliche als auch weibliche – Aufmerksamkeit des Umkreises auf sich gebannt. Obwohl sie ihre silbrige Mähne offen trug und unspektakulär in Jeans und Top gekleidet war, verströmte sie die subtile übernatürliche Anmut einer Veela. Angesichts dieser puren, natürlichen Schönheit, die keiner Betonung bedurfte, fühlte Tonks sich mit ihrer knalligen Frisur, dem sorgsam ausgewählten Outfit und dem Bisschen Make-Up, das sie trug, furchtbar aufgetakelt vor.
„'allo.", grüßte Fleur sie höflich aber unterkühlt. Offensichtlich stammte die Idee, Tonks einzuladen, nicht von ihr.
Bill übergrinste die kurze Pause und sah sich über die Köpfe der Menge hinweg um. „Fehlt nur noch John.", stellte er zufrieden fest.
„Und Remus." Tonks reckte trotzig und herausfordernd das Kinn, als sie Bill überrascht die Augenbrauen heben sah.
„Er hat zugesagt? Wusste nicht, dass … das hier sein Ding ist ..." Unsicher verschränkte er die Hände hinter dem Kopf. „Ah, da ist John schon." Erneut verfiel er in sein albernes Winken.
Tonks blieb still. Bill war offenkundig nicht von Remus' drohender Anwesenheit begeistert. Dabei verstanden sie sich doch im Orden so gut. Wo war sein Problem? Tonks blieb keine Zeit mehr länger darüber nachzudenken. Proudfoot schob sich bereits durch die Menge auf sie zu. Er war nicht nur leger gekleidet, sondern trug sogar mit halbernstem Grinsen eine violette Fanplakette der Schicksalsschwestern zur Schau. „Hab ich bei meiner Cousine gefunden.", erklärte er vergnügt, bevor er Bil kumpelhaft auf die Schulter klopfte und Tonks in eine halbe Umarmung zog. Beim Anblick Fleurs fiel ihm wie erwartet für einen Monet die Kinnlade herunter. Um Fassung ringend stammelte er etwas undeutlich: „Angenehm … sehr angenehm. John – äh – Johnathan … Prodfoot."
Fleur ignorierte ihn großspurig. „Auf wen warten wir denn noch?", fragte sie mit unverhohlener Ungeduld in der Stimme.
Proudfoot, der sich wieder einigermaßen gefangen hatte, riss überrascht die Augen auf. „Kommt noch jemand?"
Tonks nickte bestimmt, um zu signalisieren, dass Remus ihr Gast war. „Er ist nicht von der pünktlichen Sorte. Geht schon mal vor und sichert uns ein paar gute Plätze.", sagte sie und betonte Remus' Verspätung als gehörte sie natürlicherweise zu einer Art Bad-Boy-Image. Dass Remus weder dieses, noch irgendein anderes Klischee mit Überzeugung verkörperte, brauchten die anderen ja nicht zu wissen.
„Kein Problem, ich warte mit dir.", erwiderte Proudfoot so arglos und gut gelaunt, dass Tonks ihn nicht abweisen konnte, ohne extrem unfreundlich zu erscheinen.
„Na fein. Komm Bill, es geht gleisch los!" Hand in Hand verschwanden Bill und Fleur in der Menge.
Proudfoots Blick verweilte noch eine Weile anerkennend auf Fleurs wohlgeformtem Hintern. „Wie konnte Bill denn bei der landen?", fragte er ehrlich verwirrt.
Tonks schnaubte. „Er hat eben auch seine Qualitäten."
Proudfoot sah amüsiert auf sie herab. „Soso, hat er die …" Er grinste wissend.
„Nein, wir hatten nie was miteinander, falls du das denkst.", fügte Tonks augenverdrehend hinzu.
„Gut zu wissen." Selbstbewusst legte Proudfoot ihr einen Arm um die Schultern. Die Geste hatte etwas besitzergreifendes, war aber wieder zu freundschaftlich und harmlos, als dass Tonk sie ohne weiteres hätte ablehnen können.
In diesem Moment erklangen die ersten Akkorde aus Wintringhams magisch verstärkter Laute, untermalt von der eingängigen Titelmelodie, die Gideon Crumb auf seinem Dudelsack produzierte. Sofort fand sich eine Menge kreischender junger Hexen dicht vor der Bühne ein, die alle dem ikonischen Duo zujubelten, das aus Gideon und seinem Zwillingsbruder Myron, dem Sänger der Schicksalsschwestern, bestand. Tonks wurde unruhig. „Proudfoot …"
– „Nenn' mich John.", flüsterte er ihr zu. Er hatte den Mund ziemlich nah an ihrem Ohr, was, wie sie fürchtete, nicht nur dem einsetzenden Lärm aus Bühnenrichtung geschuldet war.
„Ist okay, John, nur …" Sie wand sich in seinem stählernen Griff und sah sich mit wachsender Ungeduld nach Remus um. Wenn er nicht bald kam, würden sie garantiert keine passablen Plätze mehr bekommen. Was sie mindestens eben sosehr aufregte wie ‚Johns' Arm um ihre Taille. Hatte er nicht gerade noch auf ihrer Schulter gelegen? „Hör mal, ich will ehrlich zu dir sein … wir … also zwischen uns, da wird nichts laufen."
Proudfoots Grinsen tat diese Eröffnung keinen Abbruch. Tonks war erleichtert bis er ihr ins Ohr schrie: „Ich versteh dich nicht, zu laut! Ich habe nur ‚wir' gehört … gefällt mir!" Und er schenkte ihr ein treuherziges Lächeln.
Tonks schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Sie konnte nicht glauben, dass ausgerechnet sie sich auf einem Konzert der Schicksalsschwestern in ein Beziehungsdrama verwickelt hatte. So was taten vielleicht andere Frauen in ihrem Alter, aber doch nicht Tonks! Mit den Lippen formte sie die Worte ‚Frische Luft', machte sich von Proudfoot los und drängte durch die tanzende Menge zum Ausgang. Von Remus immer noch keine Spur. Langsam machte sie sich Sorgen.
Als sie in die kühle, vergleichsweise stille Spätsommernacht trat, überkam sie ein starkes Gefühl der Einsamkeit. Und Beklemmung. Wenn sie daran dachte, wie Proudfoot sich suchend nach ihr umsah, wünschte sie sich sehnlichst ihren Zauberstab herbei, um sich wenigstens desillusionieren zu können. Oder ganz von hier zu verschwinden. Proudfoots Gesülze hatte ihr den Abend verdorben. Wenn Remus pünktlich gewesen wäre, wäre das sicher nicht passiert. Zu Tonks' Melancholie gesellte sich mehr und mehr auch Ärger. Wen kümmerte ein blödes Bad-Boy-Image oder gespieltes Interesse oder Desinteresse für diese oder jene Band, natürliche Schönheit oder zu viel Make-Up? Sie wollte bei Remus sein und zwar jetzt! Tonks war schon kurz davor, zum Grimmauldplatz zu laufen, der bestimmt fünf Kilometer entfernt sein musste, als Proudfoot wiederauftauchte und ihr einen Shot Giggelwasser unter die Nase hielt.
„Siehst aus, als könntest du eine Aufmunterung vertragen." Sein schiefes Grinsen und sein süßlicher Atem verrieten, dass er sich innerhalb der letzten Viertelstunde vermutlich selbst schon drei oder vier der kleinen Teufel gegönnt hatte, um sich Mut anzutrinken. Seine Motorik schien jedenfalls nachhaltig gestört, denn er taumelte gegen die Ziegelwand der Halle, sobald Tonks ihm das Glas abgenommen hatte. „Sieh dir die Sterne an!"
Tonks verdrehte die Augen. „Die siehst du drinnen genauso gut.", erwiderte sie schroff.
Proudfoot kicherte. „Du bist ganz schön schlagfertig, nicht wahr? Ne kleine Kratzbürste."
Entrüstet verschränkte sie die Arme. Sollte sie sich jetzt etwa dafür entschuldigen, Konversation zu betreiben? Was wollte er denn von ihr hören außer ‚Nimm mich' oder ‚Ja, ich will'? In einem Anflug törichten Trotzes stürzte sie den Shot hinunter und genoss den kurzen Lachkrampf, der ihr Zwerchfell vibrieren ließ.
Proudfoot nickte bekräftigend. „Noch einen?", fragte er eifrig, stieß sich von der Wand ab und geriet dabei ins Taumeln. Ohne Tonks' Antwort abzuwarten, schlürfte er wieder hinein.
Sie blieb zurück, das magische Giggeln immer noch auf den Lippen und Tränen in den Augen. Was war nur los mit ihr? Sie war doch jung und gesund, sie war in London auf dem Konzert ihrer Lieblingsband mit einem netten Typen, der ihr Shots ausgab. Und trotzdem war alles, alles falsch. Etwas fehlte, jemand fehlte. Und das war sicher nicht der Kerl, der sich gerade an der Bar das fünfte Giggelwasser kommen ließ und nebenher den Hintern einer anderen bewunderte. Tonks beschloss, nach Hause zu gehen. Nicht zehn Trolle und noch nicht einmal die Aussicht auf ein Autogramm von Gideon Crumb würden sie noch länger vor dieser Konzerthalle halten.
Erleichtert über den endgültigen Entschluss, wollte sie schon losziehen, als ihr Proudfoot erneut den Weg abschnitt. Diesmal ohne Shotgläser, dafür mit einer ganzen Flasche Feuerwhiskey. „Wo willst du denn hin?", lallte er verstimmt. „Ich dachte, wir machen uns nen netten Abend." Traurig und anklagend ruhten seine großen Rehaugen auf Tonks.
Sie hob entschuldigend die Schultern. „Sorry, mir geht's nicht so gut. Kannst du Bill Bescheid sagen, dass ich heim gegangen bin?"
Proudfoot riss entsetzt die Augen auf. „Du darfst noch nicht gehen." Er drückte ihr die Whiskeyflasche in die Hand und warf einen Blick auf seinen Arm, an dem er allerdings keine Uhr trug. „Es ist noch nich mal zwölf.", riet er zuversichtlich. Tonks zog eine Augenbraue hoch, worauf Proudfoot einlenkte. „Okay, verstehe, du willst wirklich nicht mehr hierbleiben. Weißt du was? Ich bring dich nach Hause."
„Das ist nicht nötig, du willst schließlich das Konzert genießen." Sie lachte nervös. Proudfoot kam näher und schlang erneut einen Arm um ihre Taille. „Das blöde Konzert ist mir egal. Ich bin doch nur deinetwegen hier." Er brach ab, sein Kopf kippte nach vorne, er hickste. „Ich mag dich wirklich, Tonks.", nuschelte er an ihrem Hals.
Tonks drückte ihn so gut sie konnte von sich weg. „Das ist lieb, Proudfoot, aber ich muss jetzt wirklich gehen.", sagte sie, jetzt ohne ihren Ärger zu verbergen. Proudfoot schien jedoch nicht einmal zu bemerken, wie gefährlich sich ihr Tonfall verändert hatte. Ungestüm wie ein Teenager drängte er sich wieder an sie und murmelte. „Du magst mich doch auch. Ein Gutenachtkuss, Tonks, nur ein Kuss."
„Proudfoot, du Spinner!" Tonks entfuhr ein unsicheres, viel zu hohes Lachen. Sie wollte sich wieder losmachen, eine kurze Rangelei folgte, die damit endete, dass Proudfoot sie zwischen sich und der Ziegelwand festkeilte, sein Gesicht ganz nah an ihrem. „Ein Kuss …", lallte er unerbittlich.
„Lass mich.", keifte Tonks. Sie hatte keinen Nerv mehr auf Proudfoots große Hände auf ihrer Hüfte oder seine süße Fahne in ihrem Gesicht.
„Nur ein Kuss …", stöhnte Proudfoot und hielt ihren Kopf fest, als sie versuchte, das Gesicht wegzudrehen. Tonks zappelte hilflos unter seinem Gewicht. Sie hatte keine Angst vor Proudfoot, sie war einfach nur wütend. Auf Bill, der ‚John' überhaupt erst angeschleppt hatte; auf sich selbst, weil sie nicht gegangen war, solange sie noch Gelegenheit dazu gehabt hatte; aber vor allem auf Proudfoot, dessen Gesicht sich ihrem immer mehr näherte und ihr langsam den Blick auf den Rest ihrer Umgebung nahm.
Tonks spielte schon mit dem Gedanken, ihn zu beißen, sollte er es wirklich wagen, sie zu küssen, als sie Schritte hörte und Proudfoot völlig unvermittelt von ihr weggezogen wurde. Tonks schnappte überrascht nach Luft, sobald der Druck seines Körpers von ihrer Brust verschwand. Proudfoot war rücklings zu Boden gefallen, über ihm ragte drohend Remus' Gestalt auf. Bei seinem Anblick war Tonks so erleichtert, dass sie beinahe in Tränen ausgebrochen wäre.
Proudfoot rieb sich verwirrt und ärgerlich den Kopf. „Verdammt, was willst du denn? Tonks, wer ist das?"
Sie ignorierte seine Fragen, stieg über seine schlaffen Beine hinweg. „Sag Bill, er muss sich keine Sorgen machen.", sagte sie, ohne Proudfoot noch eines Blickes zu würdigen. Stattdessen nahm sie Remus' ausgestreckte Hand. „Lass uns abhauen." Der harte Ausdruck verschwand von seinen Zügen und er lächelte auf sie hinab. Ihre Hand noch fester packend, drehte er sich auf der Stelle und zog sie mit sich in einen Wirbel von Zeit und Raum.
Im Hydepark, wo sie sich hinter dem Stamm einer dicken Eiche materialisiert hatten, bemerkte Tonks, dass ihre Hände zitterten. „Na toll!" Wütend trat sie gegen den Baum, verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Etwas Hartes stieß gegen ihre Beine. Sie tastete das dunkle Gras ab und fand die Flasche Feuerwhiskey, die sie, ohne es zu merken, die ganze Zeit umklammert haben musste. Kurz entschlossen, löste sie den Deckel und nahm ein paar große Schlucke. So wie Proudfoot sich aufgeführt hatte, fand sie es nur gerecht, dass sie nun seinen Whiskey trank. Remus ließ sich neben ihr nieder, den Rücken an die Eiche gelehnt. Wortlos bot sie ihm die Flasche an und zu ihrer Überraschung trank auch er davon.
„Ist alles in Ordnung bei dir?"
Sie nickte. „Das war nur Proudfoot, er arbeitet in meiner Abteilung." Als sie Remus' zweifelnden Blick sah, fügte sie beruhigend hinzu: „Er ist ein Idiot. Außerdem war er betrunken. Hätte ich meinen Zauberstab gehabt …"
„Ich will mir lieber nicht vorstellen, wie das für ihn geendet hätte." Remus lächelte erleichtert, auch wenn die Sorge noch nicht vollständig aus seinen Augen verschwand.
Eine kurze Stille trat ein. „Danke … also ich wäre auch allein mit ihm fertig geworden, aber so ging es doch schneller.", sagte Tonks leise.
„Es tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin. Ich wusste ja nicht … Wo war eigentlich Bill die ganze Zeit?" Tonks zuckte die Schultern. „Bei seiner Freundin, auf dem Konzert nehme ich an."
Remus überlegte kurz. „Du hast dich so darauf gefreut, willst du zurück?", fragte er vorsichtig.
Tonks schüttelte heftig den Kopf. „Nein, ich finde es hier gerade viel schöner. Außerdem habe ich keine Lust, Proudfoot nochmal über den Weg zu laufen. Ein Glück, dass ich suspendiert bin." Sie lachte bitter. Ungeduldig stellte sie fest, dass ihre Finger das Zittern immer noch nicht eingestellt hatten.
Remus sah es und das schlechte Gewissen schien ihn erneut zu übermannen. Tonks schüttelte beschwichtigend den Kopf. „Du kannst doch nichts dafür. Proudfoot war betrunken und ich hätte bei Bill bleiben sollen."
Remus verzog den Mund. „Das ist noch lange keine Entschuldigung … Das gibt ihm nicht das Recht …", wütend brach er ab.
Seufzend krabbelte Tonks zu ihm hinüber, lehnte sich an die Eiche und nahm noch einen Schluck Whiskey. Allmählich machten sich die Auswirkungen des Alkohols auch bei ihr bemerkbar. Genau wie ihr die körperliche Nähe zu Remus immer deutlicher bewusstwurde.
„Warum warst du eigentlich so spät dran?", nuschelte sie leise.
Remus sah sie ernst an, so als wäre er nicht sicher, wieviel er sagen sollte. Seine Hand tastete im Gras nach ihrer, Beistand suchend und er begann langsam zu sprechen: „Ich hatte eine Unterredung mit Dumbledore. Er überlegt, mir einen neuen Auftrag zu geben." Tonks schwante Böses. „Es hat länger gedauert als ich dachte, was hauptsächlich meine Schuld ist. Ich war … nicht gerade begeistert."
Tonks drückte seine Hand und fragte beklommen: „Was für ein Auftrag denn?" Remus schwieg. Doch das traurige Lächeln, das Tonks mittlerweile nur zu gut von ihm kannte, sprach Bände. Sie zog ihre Hand zurück. „Er schickt dich zu den Werwölfen!" Sie hatte ihre Stimme wiedergefunden. Empörung und Angst lagen darin. „Allein? Das kommt nicht in Frage, es ist zu gefährlich!" Sie spürte, Tränen in sich aufsteigen. „Wann?"
Remus packte sie an den Schultern, wie um sie zu beruhigen. Er schien angesichts ihrer heftigen Reaktion völlig außer sich. Tonks hatte den Verdacht, dass er sich insgeheim an ihr festhielt, um nicht selber unterzugehen. „Tonks, Tonks, das darf dir nicht so viel ausmachen, verstehst du mich? Hör doch zu. Es ist schon richtig so. Ich muss es tun. Ich habe keine Angst." Vorsichtig hob er ihr Kinn, um ihr in die Augen zu sehen. „Wer soll es denn sonst machen? Dumbledore hat mich doch nicht ohne Grund ausgewählt: Da ich bin wie ich nun mal bin, ist das meine Pflicht. Ich habe keine Arbeit, wo mein Fehlen auffallen könnte. Keine Familie, die ich versorgen müsste …"
– „Und was ist mit mir?", fiel Tonks ihm heiser ins Wort. „Ich merke, wenn du nicht da bist. Bitte, Remus, bleib hier … bei mir." Tonks wusste nicht, ob sie ohne den Feuerwhiskey in ihren Adern den Mut zu dieser Bitte gehabt hätte, schließlich war sie keine furchtlose Gryffindor. Aber die Hitze des Alkohols und Remus' unnachgiebige Miene brachten sie dazu, noch einen Schritt weiter zu gehen. Eine Hand an Remus' stoppeliger Wange, die andere auf seiner Brust, sagte sie erneut mit Nachdruck: „Bitte, geh nicht." Und als Remus' Miene auch darauf nur noch mehr Schmerz zeigte, tat sie, was sie – wenn sie ehrlich zu sich war – schon seit langer Zeit hatte tun wollen.
Mit den Augen Remus' stummes Einverständnis einholend, näherte sie sich ihm vorsichtig bis ihre Nasenspitzen sich beinahe berührten. Remus' beschleunigter Atem strich erwartungsvoll über ihr Gesicht. Sein Griff um ihre Schultern verstärkte sich kaum merklich. „Bleib.", hauchte Tonks ein letztes Mal. Remus sagte nichts. Alles was Tonks von ihm hörte, war sein beständiger schwerer Atem, der seinen Brustkorb dehnte. Sie sah seine ernsten Augen, seine vor Überraschung leicht geöffneten Lippen und vergaß all ihre Pläne. Kurz entschlossen überbrückte sie die letzten Zentimeter, die ihre Gesichter noch trennten, und küsste Remus.
