Zwischen uns

Ihre Lippen hatten sich kaum berührt, da zog Remus auch schon den Kopf zurück. „Was machst du denn da, Tonks?" Schwer atmend schob er sie von sich, ohne den Druck seines Griffes zu vermindern. Tonks' Herzschlag, der gerade erst richtig Fahrt aufgenommen hatte, geriet ins Stolpern. Sie fühlte sich auf einmal entsetzlich nüchtern. Und dumm. „Ich … äh … tut mir leid." Langsam ließ Remus die Hände an ihren Armen herabsinken und in seinen Schoß fallen. Seine Miene war nicht zu deuten.

„Ich … ich weiß nicht, was … was über mich gekommen ist.", stotterte Tonks wahrheitsgemäß und nochmal: „Es tut mir leid."

Remus schüttelte mit wachsender Bestürzung den Kopf. „Dir muss gar nichts leidtun! Ich bin schließlich derjenige … es liegt nicht an dir, dass …" Er ließ den Satz unvollendet. In Erwartung einer höflichen, freundschaftswahrenden Abfuhr, blickte Tonks zu Remus auf wie ein Gnom zur Schlange.

Doch statt sie mit seiner kühlen, beherrschten Art abzuweisen, nahm er behutsam ihre Hand und stellte ihr eine Frage: „Kannst du dir nicht denken, warum es nicht geht?" Er hielt den Blick gesenkt, so als könnte er die in ihren Augen aufleuchtende Erkenntnis nicht ertragen. Doch nichts dergleichen schien sich bei Tonks einzustellen.

„Weil wir im Orden zusammenarbeiten?", riet sie unsicher. So unbedeutend und albern ihr dieses Argument erschien, zog sie es aufgrund Remus' strenger Regeltreue, in Betracht. Wie üblich verriet das Gesicht ihres Gegenübers keine Emotion. Dennoch nickte Remus nach kurzem Zögern. „Nicht nur das … Die Zeiten sind einfach zu gefährlich, um sich von persönlichen Interessen ablenken zu lassen." Tonks traf die Formulierung wie ein Schlag in den Magen. Sie runzelte die Stirn und fragte etwas spitz nach: „Ein persönliches Interesse … bin ich das für dich?"

Nun bemerkte auch Remus die ungeschickte Wortwahl. „Ich will dir nur sagen, dass niemand dieser Tage sicher ist und …"

„Ach so, meinst du? Und ‚persönliche Interessen' machen da einen Unterschied? Wer weiß: Wenn Mad-Eye und Sturgis zum Zeitpunkt ihres Angriffs in einer Beziehung gewesen wären, hätte vielleicht eher jemand bemerkt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt!"

Unbeeindruckt gereizt erwiderte Remus: „Nein, denn diese Partner wären gefoltert worden und getötet, sobald Voldemort keine Verwendung mehr für sie hat! Versteh doch, Tonks", er schloss ihre Hände mit seinen ein und fuhr mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit fort, „wenn ich mich zur Zielscheibe der Todesser mache, muss ich wissen, dass du dadurch nicht in Gefahr gerätst."

Das entblößende Bekenntnis zu seinen Gefühlen entging Tonks in diesem Moment völlig. Sie konzentrierte sich einzig auf den anderen Teil der Aussage. „Du bist nicht mein Beschützer und wirst es auch nie sein! Wenn ich in Gefahr gerate, dann nicht wegen deiner hirnrissigen Undercover-Aktionen, sondern meinetwegen! Glaub mir, ich hab Erfahrung mit gefährlichen Situationen … und mit Fehlern. Ich mache sie jeden Tag. Aber du … das zwischen uns … ist keiner."

Remus drehte das Gesicht weg. Tonks' Hände, die sich wie von selbst um ihn geschlungen hatten, fielen kraftlos von ihm ab. „Da. Ist. Nichts. Zwischen. Uns.", knirschte er überdeutlich, so als müsse er sich selbst überzeugen.

Und Tonks konnte nicht verhindern, dass auch sie, aufgrund seiner Vehemenz, Zweifel hegte. Genau betrachtet, hatte Remus tatsächlich nie Andeutungen gemacht, zwischen ihnen sei mehr als Freundschaft, gute Freundschaft. Auch wenn das ihre Beziehung vielleicht nicht einmal so treffend beschrieb. Für gute Freunde wusste Tonks erstaunlich wenig über Remus' Leben außerhalb des Ordens. Und doch fühlte sie sich ihm so nah wie niemandem sonst. Ihre Zeit in Harbwr Hudol hatte ihn ihr nähergebracht, als sie es jedem anderen Ordensmitglied war. Sie hatte Remus' dunkelste Abgründe gesehen, sie hatte ihm kurz vor seiner schmerzhaften Verwandlung beigestanden. Doch zeugte dies alles wirklich von seiner Zuneigung zu ihr oder vielmehr von Tonks' Begabung, stets zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein?

Wenn sie darüber nachdachte, war es eigentlich nicht erstrebenswert, einer Werwolfsverwandlung beizuwohnen oder gemeinsam Fenrir Greyback durch eine Muggelstadt hinterherzujagen. Wie viele positive Momente hatten sie und Remus schon zusammen verbracht? Vermutlich verband er ihre Anwesenheit tatsächlich nur mit Schwierigkeiten, Gefahr oder sogar Schmerzen. Immer wenn sie im Raum war, fielen Stühle um, spritzte Tinte, flog irgendetwas in die Luft …

„Tonks?" Remus' heisere Stimme riss sie aus ihren trüben, desillusionierenden Gedanken. „Tonks, hör auf zu grübeln, wir wissen beide, dass das nicht gut endet." Er versuchte sie anzusehen, doch sie wich seinem Blick aus. „Sag was … Tonks, ich mag dich … sehr. Ich will, dass wir Freunde sind. Straf mich jetzt nur nicht mit Schweigen. Bitte, sag nicht, dass wir jetzt nicht mehr reden …"

Tonks seufzte. Sie wollte nicht mehr reden. Nicht mehr auf verlorenem Posten kämpfen. Diese Nacht hatte nichts verändert, schon gar nicht Remus' Gefühle für sie. Tonks wollte nach Hause. So sehr, wie sie sich noch vor einer halben Stunde nach Remus' Gegenwart, seiner Berührung gesehnt hatte, so sehr konnte sie seinen Anblick gerade nicht ertragen. Betont langsam erhob sie sich aus dem feuchten Gras, um sich durch ein betrunkenes Taumeln nicht schon wieder ihrer Würde zu berauben.

Remus hockte vor ihr am Boden. Sorgenfalten durchzogen seine ergrauende Stirn. Sie wünschte nur, ihn wieder lächeln zu sehen. „Natürlich reden wir, Remus. Bald bestimmt. So wie wir es immer tun. Ich will doch auch, dass wir Freunde sind. Aber vor allem will ich dabei sein, wenn du herausfindest, dass es noch andere Dinge auf der Welt gibt als Sorgen und Anstrengung und Aufopferung für ein größeres Wohl … Das würde ich wirklich gerne miterleben." Wie um ihre schönen Worte all ihrer Schlagkraft zu berauben, wurde Tonks von einem Hickser unterbrochen, der ihr unaufhaltsam in der Kehle aufstieg.

Remus verzog keine Miene. Er tat nicht, als ihren Blick bestürzt zu erwidern. Tonks fragte sich, ob sie mit ihrer kleinen Rede überhaupt zu ihm durchgedrungen war. Vermutlich nicht …

Schulterzuckend wandte sie sich ab und trottete die kleine Böschung zum gekiesten Spazierweg hinunter. Die dünne Sichel des Mondes beschien den sonst nur spärlich erleuchteten Park und ließ die Wege wie weiße Schlangen gespenstisch leuchten. Tonks' Schritte raschelten durch das spröde Laub, das den Pfad säumte. Ein Klang, der ihr half, ihre brausenden Gedanken zu übertönen. Sie hörte nicht einmal, ob Remus ihr nachlief. Und noch weniger konnte sie sagen, ob sie das wollte.