Ehrlichkeit und Vertrauen
„Das hast du gut gemacht."
„Tatsächlich?" Tonk kickte fahrig eine leere Getränkedose vor sich her, während sie und Bill nach Hause schlenderten.
Bill nickte bestimmt. „Ja, du hast gute Vorschläge gemacht. Wenn wir den Plan noch ein bisschen optimieren –„
„Sprich doch leiser!" Von nicht ganz unbegründetem Verfolgungswahn gepackt, spähte Tonks über ihre Schulter.
Bill lachte zur Antwort und hatte immer noch ein Lächeln auf dem Gesicht, als sie den Treppenabsatz vor ihrer Wohnung erreichten und Tonks die Tür aufschloss. Übermütig warf sie die Schuhe von den Füßen und ging ins Wohnzimmer. Ihrem alten Ritual folgend setzte Tonks zu einem Spurt auf den besten Platz auf der Couch an, musste aber feststellen, dass dort bereits jemand saß.
Überrascht stieß sie einen spitzen Schrei aus, der ihr aber gleich wieder im Hals stecken blieb, als sie Fleur erkannte. „Verdammt! Du hast mich erschreckt!"
Die Blondine hob entschuldigend die Schultern.
„Mon cher …" Bill zog Fleur vom Sofa in seine Arme.
Sie erwiderte nichts zur Begrüßung, sondern ließ ihren Blick zwischen Tonks und ihrem Freund hin und her wandern. „Isch dachte du wärst vielleischt zu'ause … Magst du Chardonnay? Isch 'abe eine Flasche von da'eim mitgebracht." Sie deutete unsicher auf eine bereits angebrochene Weinflasche auf dem Küchentisch. Tonks fühlte sich etwas unbehaglich. Sie konnte sich Fleurs unvermitteltes Auftauchen nicht erklären. Als die sich mit ruppigen Bewegungen das flatternde Haar hinter die Ohren strich, sah Tonks zum ersten Mal das kaum zwanzigjährige Mädchen hinter der Hülle einer schönen jungen Frau hervorblitzen.
„Tut mir leid, da war dieses … Meeting … kurzfristig … musste hin …"
Besorgt verfolgte Tonks Bills unehrliches Gestammel. Sie wusste noch, wie schwer es für sie gewesen war, ihm nichts vom Orden zu erzählen. Fleur schien auch nicht übermäßig an Bills Ausflüchten interessiert zu sein. Mit einer müden Bewegung winkte sie ab. „Isch will es gar nischt wissen. Bill, das ist deine Sache …"
Tonks hatte das Gefühl, ihr und Bills Zusammensein rechtfertigen zu müssen. „Ich hab ihn abgeholt … von dem wichtigen Meeting." Fleur hob eine Augenbraue. „Ja genau und jetzt … äh also ich für meinen Teil würde sehr gern ein Glas Chardo- äh ja Wein probieren."
Gleichmütig zuckte Fleur die Schultern und nahm wie selbstverständlich den besten Couchplatz für sich in Anspruch. „Isch bin erst vor einer Stunde zurückgekommen. Isch 'ätte dir eine Eule schicken sollen." Sie sah keinen von ihnen an während sie sprach, sondern griff nach ihrem Glas, das sie sehr grazil zwischen ihren schlanken Fingern balancierte. Normalerweise glichen ihre Züge in ihrer Unergründlichkeit einer stillen Wasseroberfläche. Nur hin und wieder verrieten ein spöttischer Zug oder – was noch seltener vorkam – ein kurz aufleuchtendes Lächeln, was in ihrem Inneren vorging. Doch in diesem Augenblick, lag es an dem Wein oder an der späten Stunde, schien ihre Fassade zu bröckeln. Tonks hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst, als sie Tränen Fleurs Augen glitzern sah. Wie jung sie noch war. Sie gab sich immer so erwachsen …
Bill war komplett überfordert mit der Situation. „Was hast du? Ist etwas passiert? Was kann ich …"
„Meine Eltern wollten misch gar nischt wieder ge'en lassen.", fiel Fleur ihm mit dünner Stimme ins Wort. „Sie 'aben gesagt: Das ist ein gefährlisches Land, dort wird es bald Krieg geben und du scherst dich nischt darum, was für Sorgen wir uns machen." Bei den letzten Worten brach ihre Stimme und sie vergrub zitternd das Gesicht in den Händen. „Sie 'aben Rescht, Bill! Isch 'abe 'arry nach der Vierten Aufgabe gese'en und ge'ört, es muss wahr sein. Isch lese im Tagespropheten jeden Tag von neuen Leuten, die verschwinden oder sterben und eure Regierung tut nischts!"
Bill wollte die Arme schützend um sie legen, doch sie wich zurück. „Und sie fragen misch: Wieso bleibst du in diesem Land, dass so dumm die Augen vor der Wahr'eit verschließt? Komm zurück zu uns, wo es sischer ist. Was 'ält disch dort?" Sie hob ihr schönes feuchtes Gesicht und flüsterte: „Du weißt es Bill, isch bin nur noch hier, weil …", sie wurde von einem heißeren Schluchzen unterbrochen. "Bill, isch weiß dass du misch anlügst! Isch weiß, dass es Dinge gibt, die du mir nischt erzählst! Das ist nicht fair, isch bleibe hier für disch, nur für disch auch wenn ich Angst 'abe. Auch wenn es niemand sonst versteht. Aber du lügst misch an und du vertraust mir nischt!" Vor Verzweiflung bebend brach Fleur zusammen.
Tonks, die der Szene nur fassungslos und stumm wie ein Fisch beigewohnt hatte, empfand tiefes Mitgefühl für sie. Über Fleurs doch ziemlich einzigartige Lage hatte sie sich noch kaum Gedanken gemacht. Dabei war sie theoretisch ebenso Gefahr gelaufen in jener Nacht getötet zu werden wie Cedric Diggory. Auch sie hätte den Trimagischen Pokal als erste oder gleichzeitig mit Harry erreichen können, um Du-weißt-schon-wems Rückkehr beizuwohnen. Dem namenlosen Grauen, das ein fremdes Land heimsuchte, ganz nah … Natürlich machten ihre Eltern sich Sorgen um den Verbleib ihrer ältesten Tochter. Von allen Orten der Zaubererwelt hatte sie sich für den aktuell unsichersten und von seltsamen Ereignissen heimgesuchtesten entschieden, um ihre Ausbildung abzuschließen. Ihre Motivation dazu hatte Tonks, wenn sie ehrlich war, noch nie infrage gestellt. Sie hatte Fleurs Interesse an Bill nicht so ernst genommen. Auch wenn ihr keine anderen Gründe für ihr Bleiben einfallen wollten. Nun hatte sie das Gefühl, Fleur mit ihrer abschätzigen Art Unrecht getan zu haben. Auch wenn Bill nur nach bestem Wissen handelte, hatte Fleur es sicher nicht verdient, angelogen zu werden.
„Fleur, ich erzähle dir nicht alles, weil ich dich beschützen will."
„Das sollst du nischt!", schleuderte Fleur ihm entgegen. Tonks stutzte, weil die Situation ihr so bekannt vorkam. Vor wenigen Tagen hatte sie genau die gleiche Diskussion mit Remus geführt. Nur dass sie und er kein Paar waren. Sie wusste genau wie Fleur sich fühlen musste, weshalb sie Bill mit einem kurzen Nicken zu verstehen gab, die Wahrheit zu sagen. Auf seinem Gesicht kämpften Beschützerinstikt und Müdigkeit um Raum. Bills ganze Familie war im Orden involviert und nun sollte er den letzten relativ unbeschwerten Bereich seines Lebens ebenfalls mit gefährlichen Geheimnissen belasten. Doch welche Wahl hatte er schon, wenn Fleur so resolut nach der Wahrheit verlangte?
„Also gut … Ich … Gut, ich sage dir die Wahrheit. Ich liebe dich, Fleur, und ich vertraue dir. Du verdienst die Wahrheit." Bills Stimme zitterte als er sich einen Stuhl heranzog und langsam begann, zu erzählen. Mit jedem seiner Worte wurden Fleurs schöne Augen ein Stück größer, stellte sich die Erkenntnis darin ein.
Tonks sah ihre Arbeit hier getan und verzog sich mit einem Glas Wein auf ihr Zimmer. Sie fuhr heftig zusammen beim Anblick einer flügelschlagenden Schleiereule, die auf ihrem Schreibtisch hockte. Sie klackerte ungehalten mit dem Schnabel, offenbar hatte sich die Mitteilung an ihrem Bein verhakt, sodass sie sich aus eigener Kraft nicht von ihrer Last befreien konnte. Hastig pflückte Tonks ihr den Brief vom Bein, worauf das Tier sich sofort davon machte und durch das geöffnete Fenster verschwand. Kopfschüttelnd schloss sie die Läden. Für jemanden mit regelmäßigen Paranoia-Schüben war sie erstaunlich nachlässig. Sie hatte noch viel von Alastor zu lernen.
Die Mitteilung bestand, wie sich nun herausstellte, aus einem länglichen Päckchen, das Tonks anhand des Geruchs rasch als Schokoladentafel identifizierte. Verwirrt suchte sie nach einer Nachricht oder sonst einer Erklärung, fand aber nichts. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich durch die Aufmerksamkeit beruhigt oder bedroht fühlen sollte. Beide Reaktionen schienen ihr angemessen. Morgen würde sie Alastor bitten, die Schokolade auf mögliche Giftspuren zu testen. Auf der bevorstehenden Mission, würden sie alle eine kleine Aufmunterung gebrauchen können.
