Am Strand

„Ist doch nett, so ein Ausflug ans Meer." Tonks streckte die Nase in die Seeluft, die über das Grüppchen am Hang der Steilküste hinwegstrich.

„Klar, wenn man suspendiert ist, sicher.", scherzte Bill. „Ich musste mir extra Urlaub für diese Aktion nehmen."

„Du wolltest mitgehen!", antwortete Tonks empört. „Und außerdem glaube ich, dass es viel schwerer für dich war, Urlaub von Fleur zu bekommen. Ich wette, sie war nicht begeistert, dass du gleich in deine erste Mission für den Orden startest."

„Man muss Opfer bringen.", murmelte Emmeline während sie düster das aufgewühlte Meer betrachtete.

„Schluss mit dem Herumgequatsche." Alastor drängte sich ungestüm an ihnen vorbei und begann den Abstieg mithilfe eines Schwebezaubers, der ihn in einer senkrechten Bahn sanft zu Boden beförderte. Emmeline tat es ihm nach, während Bill und Tonks sich auf ihre Besen schwangen und wenige Sekunden später auf dem steinigen Strand aufsetzten.

Über das Rauschen der Wellen verstand sie nur wenig von dem, was Alastor im Kommandoton von sich gab, doch seinen Gesten folgend, zog sie das eng verschnürte Zelt aus ihrem Rucksack. Perkins, ein Mitarbeiter Arthurs, hatte es ihnen ausgeliehen, natürlich nicht ahnend, zu welchem Zweck es tatsächlich Verwendung finden würde. Mit ausgestreckten Zauberstäben richteten sie die Planen auf und manövrierten die Konstruktion in eine windgeschützte Nische im Fels, vor neugierigen Blicken weitgehend verborgen. Schließlich stand das Zelt auch wenn Tonks' Seite etwas krumm und schief geraten war, was ausnahmsweise niemand ihrer mangelnden magischen Präzision zuschreiben konnte. Der geliehene Weißdornstab in ihrer Hand zitterte noch immer etwas unwillig, wenn sie ihn nutzte. Der Umgang mit dem Werkzeug, das Mundungus auf krummen Wegen für sie besorgt hatte, war ihr noch relativ neu und unvertraut. Wie sie hoffte, dieses Gefühl würde sich bald legen!

Während Alastor sorgfältig Muggelabwehr und eine magische Alarmanlage einrichtete, folgten Bill und Tonks Emmeline den Strand entlang. Die gut sechzigjährige Hexe lief etwas gebeugt mit langen forschen Schritten voran, den Blick stets auf den Horizont gerichtet. „Da ist es.", sagte sie schließlich und deutet auf eine weit entfernte graue Wolkenwand, die Tonks kaum wahrgenommen hatte. Ein jäher kalter Windstoß kam auf und fegte sie fast von den Füßen. Muggelabwehr oder schon die ersten Anzeichen nahender Dementoren?

Obwohl Tonks als Aurorin natürlich wusste, dass Askaban irgendwo südlich von Dover mitten im Englischen Kanal thronte, war sie selbst noch nie dort gewesen und hatte sich sonst auch nicht eingehender mit dem magischen Gefängnis befasst. Ahnte sie doch, dass einige der Insassen nicht allzu ferne Verwandte von ihr waren, allen voran natürlich die Schwester ihrer Mutter, Bellatrix Lestrange. Andromeda sprach nicht oft über ihre Familie oder ihre Kindheit in unmittelbarer Nachbarschaft der Blacks, doch wenn es um ihre älteste Schwester ging, schwieg sie sich vollständig aus. Nie hatte Tonks sie mehr Worte über diese Frau verlieren hören als: „Wir standen uns nie nahe." Das Gesicht ihrer Tante kannte sie nur von alten Fahndungsplakaten und den Fotografien in Sirius' Akte: Eine ehemals schöne, nun aber fast zur Unkenntlichkeit abgemagerte Frau mit dunklen zerzausten Haaren und schweren Lidern. Tonks Eingeweide verkrampften sich, wenn sie an den wahnsinnigen Blick aus den stumpfen Augen dachte. Der weiche Sand schien ihr auf einmal zu dicht, um darin zu gehen und es gelang ihr nur noch mit größter Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

„Ich habe hier als Wärterin gearbeitet, bevor das Ministerium dazu überging, Dementoren einzusetzen.", erklärte Emmeline mit bitterer Stimme. „Die einzigen Kreaturen, vor denen die Todesser sich zuverlässig fürchteten. Nach dem Krieg wurde das Personal ohnehin knapp und welcher Zauberer kann schon von sich behaupten, als Bezahlung lediglich Alpträume zu verlangen?"

Bill pfiff mitfühlend durch die Zähne. „Wow, die Monster haben dir echt den Job geklaut."

„Das Ministerium hat es so entschieden. Ich wurde dann in die magische Polizeibrigade versetzt aber ich bekam schnell Probleme mit der strengen Hierarchie dort. Der Posten auf Askaban war oft einsam und hart aber wenigstens konnten die Wärter selbst entscheiden, wie die Häftlinge zu behandeln waren. Die Abteilung für magische Strafverfolgung wurde damals noch von Bartemius Crouch geleitet. Er war effizient aber einen so verbitterten und machthungrigen Kontrollfanatiker habe ich nie wieder getroffen. Niemand, der unter ihm gearbeitet hat, war überrascht oder traurig von seinem Tod letzten Sommer zu hören.", fügte sie eisern hinzu.

Trotz dieser verächtlichen Äußerung konnte Tonks nicht anders, als Emmeline zu bewundern. Sie empfand tiefen Respekt für die Hexe, die sich im Dienste der magischen Gemeinschaft gegen ein geregeltes Familienleben und für die Einsamkeit dieses Seeverlieses entschieden hatte.

„Ich weiß also Einiges über diesen Ort.", schloss Emmeline ihren Vortrag ab und wandte sich zu Tonks um. „Die Nebelwand lichtet sich praktisch nie. Zum Teil Muggelabwehr, zum Teil dieses grässliche Nieselwetter. Ich weiß nicht, was genau du beobachten willst, aber wir werden sehr nahe heranmüssen, um etwas erkennen zu können." Sie trat vor an den feuchten, algenbedeckten Streifen Sand, an dem die schaumige Gischt leckte, und hob ihre Zauberstabhand empor. Zunächst geschah nichts. Dann meinte Tonks ein unheilvolles Rasseln und Schaben zu hören, wie von hunderten aneinander reibenden Krebsschalen. Unsicher warf sie Bill einen Blick zu, der allerdings wie gebannt auf die krachenden Wogen starrte, aus denen sich in diesem Moment eine kleine Flotte stahlgrauer Barken erhob. Ächzend stieß der spitze Bug des vordersten Boots durch die Wasseroberfläche und steuerte zielstrebig auf Emmelines fordernden Arm zu. Sekunden später setzten die drei Barken knirschend am Strand auf, bereit um mit gefährlichen Verbrechern beladen zu werden. Tonks sah in die Bootswände eingelassene Ketten und Schnallen, die sie an unheilvolle Krebsscheren erinnerten, nur darauf wartend, sich fest um Hand- und Fußgelenke zu schließen. Sie schluckte.

„Alles klar, das sieht doch schon mal gut aus!", sagte sie mit gespielter Zuversicht, bemüht jedes Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. Bills zweifelndem Blick entnahm sie, dass sie nicht gerade überzeugend wirkte. „Wir sollten zu Mad-Eye zurückgehen und nocheinmal den Plan besprechen. Meinst du, die Boote können solange hier liegen bleiben?"

Emmeline lachte zum ersten Mal, seit sie ihre Reise begonnen hatten. „Da das Ministerium sich schlichtweg weigert, ausgewiesene Todesser zu inhaftieren und stattdessen Disziplinarverfahren gegen kleine Jungen anstrengt, wird die Boote wohl in naher Zukunft niemand vermissen."