Fluchlähmung
Klirrend erhob sich das blumenverzierte Teeservice vom Tisch und begann sich diskret im Hintergrund selbst abzuspülen. Emmeline schaute kaum hin, während sie ihren langen Zauberstab grazil im Takt des klingenden Geschirrs bewegte. Nicht nur ihre Verteidigungszauber, auch ihre Kenntnisse magischer Haushaltskniffe waren tadellos, wie Tonks deprimiert feststellte. Mit dem geliehenen Weißdornstab wagte sie nicht einmal, die Betten zu machen, aus Angst, eins der Laken könnte sie erwürgen.
Drum lag Alastor nun auf handgeschüttelten Decken, die knochigen Arme um sich geschlungen, das Gesicht zur Wand gedreht. Dass er den Tee abgelehnt hatte, wunderte niemanden, doch sein eisernes stundenlanges Schweigen war ihnen doch Anlass zur Sorge. Tonks konnte sich nicht einmal ansatzweise den Schrecken und die furchtbaren Erinnerungen ausmalen, die Barty Crouch Juniors Grab bei Alastor ausgelöst haben musste. Ihr selbst lief es beim Gedanken an den kaltblütigen Mörder und Betrüger kalt den Rücken hinunter und dass obwohl sie nicht von ihm gekidnappt, verhört, gefoltert und monatelang als lebende Vielsafttrankreserve in einen Koffer gesperrt worden war.
„Meinst du, er wird wieder der Alte?", flüsterte Bill, der neben ihr auf der gegenüberliegenden Bettkante hockte. Über das laute Rauschen der Brandung und das Heulen des Winds, der an ihrem Zelt rüttelte, konnte Tonks ihn zwar kaum verstehen, doch natürlich hatte sie sich schon längst dieselbe Frage gestellt.
Wie viel kann ein Mensch ertragen, bevor er zerbricht? Hatte Alastor eigentlich nach dem Trimagischen Turnier eine angemessene Entschuldigung oder Entschädigung von Seiten des Minsiteriums erhalten? Hatte sich der Tagesprophet bemüht, die zwielichtigen Machenschaften seines Doppelgängers hinreichend von den seinen abzugrenzen? Seine Reputation im Ministerium war ohnedies kaum mehr als zweifelhaft …
„Tonks?", fragte Bill erneut. Sie seufzte und antwortete so zuversichtlich sie konnte: „Mad-Eye ist ein zäher Kerl, der wird mit allem fertig." Wie um sich selbst zu trösten, sprach sie lauter weiter. „Du wirst uns alle noch überleben, stimmts, Mad-Eye?" Aus der gegenüberliegenden Koje drang keine Antwort. Tatsächlich war die Stille erdrückend und auf einmal kam Tonks das Zelt entsetzlich eng vor.
Sie räusperte sich vernehmlich, sodass sogar Emmeline für einen Moment den Blick von ihren Karten hob. „Ich mach mal noch einen Spaziergang, bevor es dunkel wird. Wer will mit?" Allgemeines Kopfschütteln, also rappelte sie sich schulterzuckend auf und stapfte allein hinaus an den Strand. Die kalte Salzluft half ihr, wieder etwas klarer zu denken. Zumindest diese erste Phase der Mission hatten sie ganz geheuerlich in den Sand gesetzt. Wieder einmal … Es war pures Glück, dass sie alle mit dem Leben - und vor allem ihrer Seele - davongekommen waren. Sie hatte die Fähigkeit der Dementoren, ihre Opfer in den Bann zu ziehen, eindeutig unterschätzt. Und sie hatte sie sich von Sturgis ablenken lassen, für den sie ohnehin nichts tun konnte. Um ihrer Unfähigkeit die Krone aufzusetzen, hatte sie ihren Zauberstab fallen lassen!
Der seltsame Patronus, der ihr erschienen war, wollte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen ... Mutlos hob sie den Zauberstab und flüsterte „Expecto Patronum.", worauf ihr gewohnter silbrig leuchtender Hase zum Vorschein kam, ein paar zaghafte Sprünge tat, um dann wieder flackernd zu verblassen. Unzufrieden kickte sie eine leere Krebsschale aus dem Weg, während sie auf die steile Böschung zumarschierte. Mit einer kurzen Drehung und einem Knall, den die röhrenden Wellen gleich verschluckten, apparierte sie vom Fuß des Abhangs zum grasbewachsenen Plateau darüber. Von hier aus hatte sie einen guten Überblick über die steinige Bucht und den grauen Himmel, der sich am Horizont mit dem kaum weniger stählernen Wasser zu vermischen schien.
Das Grau war undurchdringlich und gleichzeitg zart und schimmernd, ganz so wie … Ohne dass Tonks etwas dagegen tun konnte, schob sich Remus' sanfter aber unergründlicher Blick vor ihr inneres Auge. Seit dem verunglückten Kuss hatte sie sich noch nicht gestattet, ihre Gefühle für ihn näher zu analysieren. Es war keineswegs Tonks' erster Korb gewesen und dieser verletzte sie auch nicht so wie frühere Abweisungen es getan hatten. Was sie empfand war eher eine Art stumpfer Überraschung, vielleicht sogar Ungläubigkeit mit einem Anflug von Ärger. Etwas in ihr hatte sie scheinbar glauben gemacht, dass sie so etwas wie ein Anrecht auf Remus' Zuneigung hatte. Dass jeglicher Widerstand seinerseits nichts als lästige Bestrebung war, das Unausweichliche dreist hinaus zu zögern.
Als Tonks merkte, wie besitzergreifend und überheblich sie sich anhören musste, biss sie vor Scham die Zähne fest zusammen und trat nach einem großen Grasbüschel zu ihren Füßen. Wie nicht anders zu erwarten, rutschte sie prompt in der feuchten Wiese aus und landete schmerzhaft auf ihrem Steißbein. „Dummheit tut weh!", ächzte sie verbissen während sie sich die Erdflecken vom Hosenboden rieb. Ihr mürrisches Raunen verstummte jedoch jäh, als sie einen Luftzug im Nacken spürte, der um ein Vielfaches kälter war als der Wind, der an ihren Haaren riss. Kampfbereit packte Tonks ihren Zauberstab und wirbelte schlammspritzend auf ihren Knien herum.
Vor ihr am Rande der Klippe schwebte ein einzelner tiefschwarzer Dementor dessen Gewänder nicht von den peitschenden Böen zerzaust wurden, sondern in einer ruhigen Brise zu wehen schienen. Ohne lange zu überlegen, konzentrierte Tonks sich mit aller Macht auf ihre letzte wahrhaft glückliche Erinnerung und stellte fest, dass sie erneut in Remus' narbiges Gesicht blickte, das von einem kaum merkbaren amüsierten Lächeln erhellt wurde. Wärme durchströmte sie als sie die Zauberformel sprach und wiederum dem unbekannten struppigen Vierbeiner gegenüberstand. Zu ihrer Erleichterung nahm der Dementor sofort Reißaus, wandte sich aber Richtung Festland, anstatt nach Askaban zurückzukehren.
Bestürzt drehte Tonks sich um, sodass sie seine schattenhafte Gestalt gerade noch im Nebel verschwinden sah. Der Patronus, der ihr bis zur Hüfte reichte, trat neben sie und für einen Moment betrachtete sie ihn mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Misstrauen. Tonks blickte in die großen wachsamen Augen eines silbernen Wolfes, der mit einer Spur Melancholie zurückzublicken schien, bevor er sich in wabernden Dunst auflöste. Sie wünschte, er wäre geblieben. Schwer atmend und etwas zittrig machte sie sich hastig auf den Weg zurück zum Zelt.
„Und ihr seid euch sicher, dass die Hälfte der Dementoren fehlt?" Obwohl es im roten Schein der züngelnden Flammen nur schwer zu erkennen war, meinte Tonks zu sehen, wie Sirius' Züge sich leicht grün verfärbten.
Emmeline nickte nachdrücklich. „Mindestens. Und in den letzten Tagen haben wir mehrmals beobachtet wie ganze Gruppen von Dementoren Askaban verlißen und wiede zurückkamen, wie es ihnen beliebt." Die Empörung in ihrer Stimme berührte Tonks beinahe. Die Weise in der sich die Hexe von diesen Regelverstößen persönlich angegriffen fühlte, erinnerte entfernt an Hermine Granger, Harrys Schulfreundin, die Sirius beharrlich 'die klügste junge Hexe ihrer Zeit' nannte.
„Wen muss man denn da benachrichtigen? Die Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe?", sinnierte Bill, dessen Finger unruhig an seinem Drachenzahnohrring zupften.
„Am besten wir kontaktieren den Minister persönlich!", warf Emmeline ein.
„Fudge, die Oberpflaume?" Sirius lachte bellend. „Wie stellst du dir das vor? 'Guten Tag, Minister, wir wissen zwar, dass Sie auf die Meinung der besser Informierten nichts geben, aber wir dachten, dass Sie ausgerechnet uns vielleicht zuhören würden.'"
Tonks verzog das Gesicht. „Sirius hat recht. Falls Fudge von diesen Regelverstößen Wind bekommt, wird er nur wieder die Augen davor verschließen und die, die es ihm mitteilen vom Tagespropheten lächerlich machen lassen. Das haben wir doch an Harry gesehen."
Bedrückte Stille trat ein. Das Feuer hinter der Eisentür des kleinen Ofens ins Perkins Zelt drohte auszugehen, doch Bill legte rasch Holz nach und Sirius Züge, die zwischen den Flammen schwebten, wurden wieder deutlicher. Nachdenklich ließ Tonks das restliche Flohpulver durch ihre Finger rieseln. Sie hatten das Zelt nur risikofrei ans Netzwerk anschließen können, weil sie es fast täglich um eine paar Meilen versetzten und eine Ortung ihres Standpunkts deshalb so gut wie unmöglich war. Auch vor ungebetenen Dementorenbesuchen blieben sie auf diese Weise verschont.
„Amelia Bones.", drang Alastors raue Stimme aus der hintersten Ecke des Zeltes zu ihnen. Alle sahen überrascht auf. Er hatte sich seit dem Dementorenangriff nicht mehr zu Wort gemeldet und auch jede andere Art der Kommunikation vermieden. Tonks hatte schon überlegt, ihn in die sichere Vertrautheit seiner Londoner Wohnung zurückzuschicken, wäre da nicht der bedrohliche Gedanke, er könnte sich jenseits ihrer und vor allem Emmelines eiserner Kontrolle etwas antun.
Hoffnungsvoll ob seines unerwarteten Einwurfs ging die ältere Hexe neben ihm in die Hocke. „Was meinst du damit, Alastor?"
Bevor er antworten konnte, rief Tonks aufgeregt: „Amelia Bones, natürlich!" Auf Bills fragenden Blick hin erklärte sie: „Die Leiterin der Abteilung für magische Strafverfolgung, sie ist so ziemlich der letzte klare Kopf im Ministerium abgesehen von Kingsley. Sie hat Harry nach seiner Anhörung freigesprochen, weil sie im Unterschied zum Rest ihrer Abteilung noch nicht völlig nach Fudges Pfeife tanzt. Wenn wir sie dazu bringen können, uns zuzuhören …"
„Muss sie uns erst einmal wegen illegaler Übertretung der Grenzen Askabans verhaften. Soweit sie weiß, könnten wir Helfer Voldemorts sein, die inhaftierte Todesser befreien wollen.", wandte Emmeline skeptisch ein.
„Ihr müsst ihr ja nicht sagen, dass ihr tatsächlich drin wart. Besorgt euch doch einfach nochmal so einen gefälschten Auftrag von Kingsley, irgendwas vonwegen Erhebung der Dementorenpopulation.", schlug Sirius vor.
Tonks schüttelte den Kopf. „Du vergisst, dass ich jetzt unter Dawlishs Kommando stehe und der würde da nie mitspielen. Außerdem bin ich immer noch suspendiert.", fügte sie deprimiert hinzu.
„Das stimmt, aber ich bin es nicht.", sagte Emmeline.
Mit zweifelnder Miene ließ Bill seinen Blick über ihr graues Haar und die zahlreichen Fältchen um ihre Augen wandern. „Verzeihung, ich hatte angenommen, du bist im Ruhestand.", gab er etwas taktlos zu Bedenken, worauf er einen strengen Blick von Tonks erntete.
„Nein", widersprach Emmeline „ich habe den Dienst im Ministerium aus freien Stücken hinter mir gelassen. Ich hatte Unstimmigkeiten mit meinen Vorgesetzten, das war vor Ms Bones' Zeit. Es ging hauptsächlich um die ethische Vertretbarkeit von Dementoren, der ich mich entgegengestellt habe. Meine Ansicht dazu, die übrigens auch Dumbledore vertritt, stieß damals auf wenig Verständnis und die Arbeit in der Abteilung wurde mir zunehmend schwer gemacht." Tonks nickte mitfühlend und beklommen da sie sich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass etwas ganz Ähnliches auch Alastor passiert war und nun auch drohte, sie zu ereilen. „Aber mittlerweile glaube ich, dass ich der Zusammenarbeit wieder gewachsen wäre, nun da der Stab sich etwas verjüngt und modernisiert hat.", schloss Emmeline etwas hoffnungsvoller.
Funken stoben auf, als Sirius sich wieder zu Wort meldete: „Und wie willst du deinen Fuß wieder in die Tür bekommen? Nichts für Ungut, aber diese Amelia kennt dich nicht. Warum sollte sie dir einen Job geben?"
Der Anflug eines überlegenen Lächelns zeigte sich in Emmelines Mundwinkel. „Oh, ich ziehe nicht in Erwägung, wieder für das Ministerium zu arbeiten. Ich dachte vielmehr an eine Initiative zur Aufklärung der Dementorenangriffe. Wenn wir genug Informationen über die Aufenthaltsorte, Auftraggeber und Opfer der Dementoren zusammentragen können, ließe sich damit sicher etwas wie eine faktebasierte und äußerst alarmierende Studie verfassen."
Staunend hörte Tonks sich diese Ausführungen an. Scheinbar hatte Emmeline sich die Sache wirklich gut überlegt. Enthusiastisch mischte sie sich in die Planung ein: „Ich habe einen Bekannten in einer Zeitungsredaktion, der sicher begeistert wäre, etwas Derartiges zu veröffentlichen!"
Emmeline nickte beifällig. „Damit ließe sich Amelia Bones' Aufmerksamkeit sicher erregen und, gesetz den Fall, dass sie tatsächlich eine gute Abteilungsleiterin ist, wird sie unsere Bestrebungen wahrscheinlich sogar unterstützen, um ein klareres Bild ihres Kompetenzbereichs zu erhalten."
Sirius schien noch nicht restlos überzeugt. „Wenn dein Freund beim Tagespropheten arbeitet, wird er garantiert nichts in unserem Sinne veröffentlichen können, ganz egal wie gern er das vielleicht möchte."
Tonks schüttelte den Kopf. „Er ist nicht beim Tagespropheten.", erklärte sie vage.
„Dann müssen wir ja nur noch herausfinden, wo die Dementoren sich wann aufhalten.", stellte Bill optimisitsch fest. Im nächsten Augenblick schien ihm klar zu werden, dass dieses Unterfangen weit schwieriger werden würde als es sich bei ihm angehört hatte.
„Wir müssen auch sicherstellen, dass mindestens einer von uns hier vor Ort bleibt und kontrolliert, ob überhaupt noch genug Dementoren da sind, um Askaban ausbruchsicher zu halten und nötigenfalls Verstärkung ruft.", gab Tonks zu bedenken.
„Noch ein Wachdienst?", fragte Bill nicht gerade begeistert. „Den könntest sogar du machen, Sirius, so einsam wie das hier ist.", überlegte er laut.
Sirius öffnete den Mund und schloss ihn wieder, noch blasser als zuvor. Er tat Tonks leid. Sie verstand, wie gern auch er endlich Teil einer Ordensmission gewesen wäre. Und ausgerechnet die Aufgabe, für die er in Frage kam, erfüllte ihn mit so viel Furcht, dass er sie nicht annehmen konnte.
Sie warf Bill einen vorwurfsvollen Blick zu und wandte sich dann ihrerseits an Sirius: „Du könntest alle Ordensmitglieder, denen du in nächster Zeit begegnest, fragen, ob sie sich einen solchen Einsatz vorstellen könnten. Das würde uns sehr helfen!"
Ihr Großcousin nickte mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Frustration im Gesicht. „Ich denke, ich habe bereits einen Kandidaten hier, der ganz wild auf die Aufgabe ist. Und zufällig ist er Dementorenexperte." Grinsend drehte er den Kopf und zwinkerte offenbar jemandem hinter ihm in der Küche des Grimmauldplatzes zu. „Soll ich Remus gleich zu euch schicken?", fuhr er eifrig fort.
Instinktiv schüttelte Tonks heftig den Kopf, was ihr überraschte Blicke von allen Seiten einbrachte. „Äh nein, er soll nicht kommen … weil äh ich glaube, dass wir fürs Erste noch ganz gut in dieser Konstellation klarkommen und … Remus hat sicher andere Dinge zu tun, nicht wahr? … Bill und ich können erst mal hier die Stellung halten, während Emmeline und Mad-Eye den Dementoren folgen. Wie findet ihr das?" Allgemeines Schulterzucken vermischt mit zustimmenden Worten ließen Tonks erleichtert aufatmen. Sie musste lernen, sich besser zu beherrschen. Wenn allein die Nennung von Remus' Namen sie auch weiterhin derart aus der Fassung bringen würde, konnten sie den gemeinsamen Kampf auch gleich aufgeben. Allerdings schien bis auf Bill niemand ihre Stotterei besonders aufgefallen zu sein.
Alastor war aufgestanden und begann nun in seiner wortlosen, stoischen Art, seine Sachen zu packen. Unter Emmelines besorgtem Blick stopfte er seine Habseligkeiten in eine altmodische Ledertasche. „Was? Ich denke, wir brechen auf.", sagte er kurz angebunden, worauf sie schwach nickte und sich ebenfalls vom Ofen entfernte.
Sirius hörte der Konversation nur mit halbem Ohr zu, denn sein Blick war abwesend und der Kopf so gedreht, dass er hören konnte, was in der Küche hinter ihm gesagt wurde.
Schließlich schnalzte Bill in gespielter Ungeduld mit der Zunge. „Gibt es sonst noch was? Was treiben Ron und sein Nachhilfeclub?"
Sirius lachte. „Sie nennen sich eigentlich Dumbledores Armee. Und um ehrlich zu sein, wissen wir – das heißt Mundungus – nicht sicher, ob und wo sie sich überhaupt noch treffen. Im Eberkopf waren sie jedenfalls nicht mehr."
Tonks runzelte die Stirn. „Ich hoffe, sie wurden nicht erwischt."
„Ach was, Harry kennt das Schloss wie seine Westentasche, nicht zuletzt wegen meinem, James' und Remus' Genius zu unseren Schulzeiten. Durch die Karte des Rumtreibers dürften sie zu jeder Zeit relativ sicher vor unerwünschten Besuchern sein." Verwirrt wollte Tonks fragen, was die Karte des Rumtreibers war und was Remus damit zu tun hatte, doch Sirius sprach schon weiter: „Und wenn sie wider Erwarten doch erwischt worden wären, hätte das Schlagzeilen, wenn nicht sogar Rauswürfe gesetzt."
Bill nickte grinsend. „Was waren das noch für Zeiten, in denen das Schlimmste, was passieren konnte, ein Rausschmiss aus Hogwarts war."
Tonks boxte ihn lachend in die Seite. „Für einen ehemaligen Schulsprecher hast du eine sehr ungesunde Beziehung zu Regeln. Welcher Idiot dachte, es wäre eine gute Idee, dir so viel Verantwortung zu übertragen?"
Bevor Bill sie zurücknecken konnte, räusperte Alastor sich vernehmlich. „Sind wir hier fertig? Gut. Nymphadora, kann ich einen Moment mit dir reden?" Zur Abwechslung wies Tonks Alstor nicht dafür zurecht, ihren Vornamen benutzt zu haben, sondern folgte ihm rasch nach draußen.
In der einen Hand die schwere Ledertasche, die andere auf seinen knorrigen Gehstock gestützt, stand Alastor mit untypisch gekrümmten Schultern am Strand, den Blick auf das langsam in Dunkelheit versinkende Meer gerichtet. Als Tonks neben ihn trat, ließ er sich noch einige Augenblicke Zeit, bevor er zum Sprechen anhob. „Es gibt keinen einfachen Weg, das zu sagen, also sag ich wie es ist: Ich werde nicht lebend aus dieser Sache herauskommen, Nymphadora. Unterbrich mich nicht!", fügte er mit warnendem Blick auf Tonks' bestürzte Miene hinzu. „Ich hab nicht mehr lange und ich möchte, dass du weißt, wo du meine … Aufzeichnungen findest."
„Dein Testament, Mad-Eye?", platzte Tonks schockiert heraus. Er verdrehte sowohl sein normales als auch das magische Auge. „Nur eine Notiz, wer was bekommen soll, wenn ich nicht mehr bin … ein paar Instruktionen … ja ein Testament, meinetwegen.", murrte er schließlich. „Aber, Mad-Eye, das ist doch völlig wahnsinnig! Du bist einer der besten Kämpfer, die wir haben. Du hast schon so viele Duelle mit Todessern überstanden. Wieso glaubst du, dass …"
„Ich glaube nicht, dass ich im Kampf fallen werde. Nein, das ist mir nicht vergönnt. Ich würde so gern die neue Welt sehen, in der du und deine Kinder leben werdet. Aber es gibt wohl Dinge, die … wir nicht ... Ich bin krank, Nymphadora." Er sagte das mit so ruhiger und ernster Stimme, dass Tonks beinahe schwarz vor Augen wurde. „Ist eine Folge der langen Betäubung die dieser vermalledeite Crouch-Junge mir verpasst hat, sagen die im St. Mungo. Meine Organe machen nicht mehr richtig mit. Dachten wohl, ich wäre schon tot." Er lachte heiser und verbittert. „Nennt sich Fluchlähmung und ist wohl gar nicht so selten. Macht aber auch keinen Unterschied mehr, so wie ich mittlerweile aussehe.", erklärte er und deutete auf seine verstümmelte Nase und das Holzbein.
„Oh, Mad-Eye …" Tonks spürte, dass ihr Tränen in die Augen traten.
Alastor winkte unwirsch ab. „Ich erzähle dir das, damit du, falls wir noch einmal in eine Situation wie neulich auf Askaban geraten … dass du nicht auf die Idee kommst, dich selbst in Gefahr zu bringen, um mir zu helfen. Das ist es nicht wert, Nymphadora, ist es einfach nicht."
„Natürlich ist es das! Du bist doch mein Freund. Wir müssen eine Heilung finden, du darfst nicht so einfach aufgeben!", krächzte Tonks, mühsam ein Schluchzen unterdrückend.
Unbeholfen stellte Alstor seine Tasche ab und tätschelte ihr den Rücken. „Ich bin müde, Nymphadora, und ich erwarte nicht, dass du das verstehst. Ich bin bereit, zu gehen. Sogar das eine Jahr, das die Heiler mir noch geben, kommt mir eigentlich zu lang vor. Alles, was ich will, ist, mich auf meine alten Tage noch nützlich machen. Sch sch … ist schon gut." Er schnäuzte sich geräuschvoll in ein ausgefranstes Taschentuch. „Hör schon auf!", mahnte er sie mit bebender Stimme. „Und hör lieber genau zu, ich sage dir, was du tun musst, wenn ich … nicht mehr da bin." Und Tonks tat ihr Bestes, ihrem Freund aufmerksam zu lauschen und jeden Augenblick der gemeinsamen Zeit, die ihnen blieb, zu genießen.
