Bereit für den nächsten Schritt

Am nächsten Tag verließen Emmeline und Alastor das Lager und hängten sich an die Fersen einer größeren Schar von Dementoren, die sich gen Norden davonmachte.

Bill und Tonks atmeten unisono auf, als sie die Zeltplane hinter sich schlossen. So sehr sie die beiden auch mochten, zu viert war es, wenn sie ehrlich waren, wirklich zu eng gewesen. Zudem waren Emmelines ernste Strenge und Alstors neue Schweigsamkeit oft nur schwer zu ertragen gewesen. Tonks rang seit der vergangenen Nacht mit sich, ob sie Bill nicht von Alastors Krankheit erzählen sollte. Einerseits könnten sie dann gemeinsam an einer Lösung arbeiten, andererseits hatte Alastor speziell sie und nur sie ins Vertrauen gezogen, wofür er gewiss seine Gründe hatte. Also blieb sie bei ihrem Schweigen und konzentrierte sich wärend der nächsten Tage lieber darauf, mit Bill ein funktionierendes Überwachungssystem auszuarbeiten. Tagsüber patroullierten sie gemeinsam, die Nächte teilten sie sich, um ihren Schlaf nicht vollständig aufgeben zu müssen. Tonks fiel es hier ohnehin schon schwer genug, ein Auge zuzutun, was nicht nur am Lärm der krachenden Wellen, sondern vor allem an den furchtbaren Albträumen lag, die der tägliche Umgang mit den Dementoren ihr bescherte. Dennoch machte sie jeden Tag weiter tapfer ihre Kreuzchen.

Sie hatten die Dementoren mit magischen Markierungen versehen und durchnummeriert, um einen Überblick über deren Patroullien zu erhalten. Auch wenn Nummern plötzlich fehlten oder wiederauftauchten, fiel ihnen das sofort auf. Die Fluktuation der Kreaturen war beängstigend. Kein Tag verging, an dem Tonks nicht mindestens einen verschwundenen Wächter vermerken musste.

„Denkst du, es ist Du-weißt-schon-wers direkter Einfluss? Gibt er ihnen konkrete Aufträge so wie bei Harry?"

Bill, schon im Halbschlaf, drehte sich auf seine andere Seite und murmelte: „Wir wissen nicht, ob die Todesser den Angriff auf Harry veranlasst haben."

Tonks, die sich gerade für ihre Nachtschicht fertig machte, hielt inne. „Wer soll es denn sonst gewesen sein?", fragte sie skeptisch. Zur Antwort bekam sie nur ein lautes Schnarchen. „Bill!"

Ihr Freund fuhr heftig zusammen und tastete willd nach seinem Zauberstab. Als er merkte, dass nur Tonks ihn geweckt hatte, entspannte er sich und setzte ihr Gespräch in etwas gereiztem Tonfall fort. „Keine Ahnung. Cornelius Fudge vielleicht. Der will Harry sowieso loswerden."

Nachdenklich band Tonks sich die Schuhe zu. „Ob er noch die nötige Kontrolle hat, um die Dementoren zu sowas zu veranlassen? Was meinst du?" Doch Bill war schon wieder in tiefen Schlaf gesunken. Seufzend erhob Tonks sich und warf einen letzten neidischen Blick auf ihren Freund, der warm eingepackt mit leicht geöffnetem Mund, den Zauberstab noch immer fest in der Hand, doch sonst scheinbar friedlich, schlief.

Geleitet von dem silberenen Dunstschleier, der ihr Patronus war, überflog Tonks den provisorischen Friedhof, der mahnend und still unter ihr lag. Auf der Suche nach Sturgis' Zellenfenster umrundete sie Askabans Mauern nun schon zum zweiten Mal, konnte es jedoch nicht wiederefinden. Überhaupt hatte sie das Gefühl, die Anordnung von Fenstern, Türen und sogar die der vereisten Klippen hatte sich seit ihrem letzten Besuch verändert. So war sie nicht in der Lage gewesen, die Zelle von Sturgis noch einmal aufzuspüren. Beim Gedanken an den verängstigten, von Wahnvorstellungen geplagten Mann, der irgendwo in diesem Turm einsam an einer Wand kauerte, klumpten sich Tonks' Eingeweide zu einem harten, schmerzenden Kern zusammen. Ihr einziger Trost war, dass Sturgis schon über die Hälfte seiner Haft abgesessen hatte.

Der September an der Küste war wie zu erwarten eisig und nass. Jeden Morgen irrten sie und Bill durch dichte Nebelschwaden, immer auf die Gefahr hin, von sporadisch auftauchenden Zaubererwächtern entdeckt oder von den wirbelnden Bannkreisen zerschnitten oder verbrannt zu werden. Innerhalb der windstillen Blase, die Askaban umgab, war es der triste unverändert daliegende Friedhof, der Tonks als Orientierungspunkt diente.

Wie so oft während ihrer Schichten lehnte Tonks sich auch in dieser Nacht in einen Sinkflug und setzte sanft zwischen den Grabsteinen auf. Sie hatte die Anzahl der Dementoren bereits erfasst, beunruhigend niedrig, und begann in Ermangelung anderer Aufgaben die Innschriften auf dem verwitterten Gestein genauer zu studieren. Sie waren größtenteils schon verblasst oder mit Raureif überzogen. Doch nirgends konnte sie Spuren von Moos, Algen oder Schimmelpilzen entdecken. Jegliches Leben wurde hier im Keim erstickt. Tonks fuhr mit der Hand über die ein oder andere Gravur, entdeckte verstorbene Todesser, aber auch Hexen und Zauberer, die vor Jahrhunderten hier eingesperrt worden waren und deren Namen ihr nichts sagten. Tonks meinte eine grobe Chronologie zu erkennen. Die frischen Gräber waren in der ersten Reihe und schauten aufs Meer hinaus. Die älteren Ruhstätten lagen direkt zu den Füßen der Festung so als wären sie Teil des Fundaments. Als Tonks die Reihe mit den Gräbern aus dem vergangenen Jahrhundert abschritt, erkannte sie immer mehr Namen auch heute noch bekannter Zaubererfamilien. Was für eine Schande, ein Familienmitglied oder einen Vorfahren hier begraben zu wissen, allein im Dunkeln, vergessen von der Welt. Im Fall von Bartemius Crouchs Mutter sogar unter falschem Namen … Tonks hatte diesen Gedanken noch nicht zuende gedacht, als ihr ein nur allzu vertrauter Name ins Auge sprang. Verwirrt und davon überzeugt, dass sie sich irrte, rief sie ihren Patronus zu sich, um mehr Licht zu haben, beugte sich zu dem Felsblock hinunter und wischte über Eiskristalle, die sich unter ihren warmen Fingern sofort in kleine Rinnsale verwandelten. Kein Zweifel.

Parcival Dumbledore

1852-1893

„Die Verhandlungen mit den Zentauren laufen gut, sagt Sirius." Bill hielt Tonks den Brief entgegen, doch sie ignorierte seinen ausgestreckten Arm und fuhr fort, missmutig im Feuer zu stochern.

Seufzend wandte Bill sich ab und begann den Tisch abzuräumen. Am Abend ihres fünften einsamen Abends im Zuge ihrer Beschattungsaktion war die Moral im Zelt merklich gesunken. Doch das war nicht das einzige, was Tonks zu schaffen machte. Ihre Sorgen waren von dunklerer Natur. Weder in diesem noch in einem seiner letzten Briefe hatte Sirius auch nur mit einem Sterbenswörtchen Remus erwähnt, weshalb Tonks nur annehmen konnte, dass ihr Großcousin genausowenig über seinen Aufenthaltsort oder sein Wohlbefinden wusste wie sie. „So ist das nunmal undercover.", hatte Bill ihre vorsichtig geäußerte Sorge schulterzuckend abgetan.

Abgesehen von ihrer allgegenwärtigen Angst um Remus, wurde Tonks auch von ganz eigenen Zukunftsängsten geplagt. Bereits nächste Woche würde ihre Suspendierung vom Ministeriumsdienst enden, was erfreulicherweise bedeutete, dass sie ihren Zauberstab zurückbekommen würde. Allerdings hieß das auch, dass sie ab dem Moment, wenn sie erneut einen Fuß in die Aurorenzentrale setzte, unter Dawlishs Kommando stehen und darüber hinaus aufgrund ihrer langen Abwesenheit das Ziel von Spott und Gerüchten sein würde. Und sie konnte niemandem von ihrer gefährlichen Mission erzählen. Bevor Emmeline und Professor McGonagall die erschreckend niedrigen Dementorenzahlen in Askaban nicht aufbereitet und im Ministerium veröffentlicht hatten, würde auch niemand die katastrophalen Ausmaße ihrer Entdeckungen verstehen. Sie konnten sich nicht einmal auf Dumbledores Einfluss verlassen, da dieser durch Rita Kimkorn und anderen verantwortungslose Journalisten von Tag zu Tag gründlicher in den Boden gestampft wurde.

Dumbledore … Es gab immer noch zu viel, was sie an seiner ruhigen, gelassenen Fassade, die nicht gerade tief blicken ließ, störte. Was wussten sie schon über seine Vergangenheit abgesehen von der Lobeshymne, die auf der Rückseite von Schokofroschkarten abgedruckt war? Und wer war Parcival Dumbledore? Sein Vater? Aber das würde bedeuten, dass Dumbledore selber irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren worden war, was sich logisch nicht erklären ließ. Oder waren seine und Nicholas Flamels Experimente mit Unsterblichkeit erfolgreicher gewesen, als er öffentlich zugab? Tonks wünschte, sie hätte damals in Geschichte der Zauberei besser aufgepasst …

Frustriert starrte sie in die träge zuckenden Flammen im kleinen Ofen des Zeltes als Bill sich räusperte, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. „Hör mal, ich wollte dich etwas fragen … Besser gesagt, etwas vorschlagen … dich um etwas bitten."

Überrascht hob sie den Kopf. „Ja, was denn?"

Bill beendete mit einem Schwung seines Zauberstabs den Abwasch und setzte sich neben sie. In den Händen hielt er einen weiteren Brief, der eng mit geschwungenen gleichförmigen Buchstaben bedeckt war und einen kaum merklichen Veilchenduft verströmte. Tonks schwante Böses. „Liebesbriefe von Mundungus?", zog sie Bill nervös lachend auf.

Er zog die Augenbrauen hoch, lächelte aber gnädig. „Ich habe schon länger überlegt … Fleur und ich überlegen schon länger, ob wir nicht bald zusammenziehen wollen."

Tonks verzog keine Miene. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass Bills Freundin sowieso fast jede Nacht bei ihnen schlief und der Gedanke, zusammenzuziehen, deshalb nicht fern lag. Zwar fand sie die beiden etwas überstürzt mit allem, aber sie wollte Bill das bisschen Glück, das man dieser Tage finden konnte, nicht schlechtreden. Auch wenn sie ihn als immer erreichbaren Freund und Mitbewohner schrecklich vermissen würde. Betont gleichmütig hob sie die Schultern. „Klingt gut, wo zieht ihr hin?" Im Geiste ging sie schon eine Reihe neuer potenzieller Mitbewohner durch, die sie zu sich einladen könnte. Vielleicht hatte Nelly Lust, bei ihr einzuziehen? Doch Bills überraschter Gesichtsausdruck ließ sie innehalten.

„Nun ja, Fleur hat ja nur ein Zimmer zur Untermiete, furchtbar klein und nicht wirklich zentral. Da dachten wir, falls es dir nichts ausmacht und du etwas anderes findest, was dir gefällt …"

Es dauerte noch eine weitere Sekunde, bis bei Tonks der Groschen fiel. „Oh.", sagte sie tonlos. Sie sollte die gemütliche Vertrautheit ihrer Wohnung verlassen und nicht nur ihren besten Freund, sondern auch ihr Zuhause dieser dahergelaufenen Französin überschreiben? Wusste Bill, was er da von ihr verlangte? Andererseits würde sie unter Dawlishs strengem Regiment ohnehin kaum mehr eine ruhige Minute zum Entspannen haben. Der Rest ihrer Freizeit würde mit Sicherheit für den Orden draufgehen. Wahrscheinlich spielte es da keine große Rolle, wo sie duschte und ab und zu eine Nacht durchschlief. Doch das Gefühl, von Bill sanft aber bestimmt vor die Tür gesetzt zu werden, die ernüchternde Einsicht, dass diese unbeschwerte, zwanglose Phase ihrer Freundschaft endgültig vorbei sein sollte, schnitt ihr kalt ins Herz.

Bill schien zu ahnen, was in ihr vorging. Auf seinem Gesicht lagen ebenfalls Trennungsschmerz und Reue. Er legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Tut mir leid, Tonks! Das hab ich blöd ausgedrückt. Vergiss es, Fleur und ich suchen uns was Eigenes und du bleibst, wo du bist. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe …"

Mulmig machte Tonks sich behutsam los und sah Bill in die haselnussbraunen Augen. Eine Welle der Zuneiugng und Fürsorge überkam sie und der Gedanke, Bills Glück im Wege zu stehn, selbst wenn sie seiner Partnerinnenwahl nicht vollständig zustimmen konnte, füllte sie mit Scham. Außerdem spürte sie ein fast masochistischen Gefühl der Großzügigkeit, das vielleicht mit dem ausweglosen Fatalismus ihrer letzten Monate zusammenhing. Sie hatte in kürzester Zeit ihren Glauben ans Zaubereiministerium, ihre Arbeit und das Ansehen ihres Vorgesetzten verloren. Warum nicht noch den letzten Schritt in die Obdachlosigkeit wagen? War ein radikaler Neuanfang vielleicht genau das, was sie brauchte? Sie rang sich ein Lächeln ab und legte ihrem Freund bestimmt die Hände auf die Schultern. „Ich suche mir was Neues. Ihr könnt die Wohnung haben. Das ist die beste Lösung, glaub mir. Ich … ich freue mich so für dich!"

Das Leuchten in Bills Augen bestärkte sie in dem Gefühl, das Richtige getan zu haben. Was vor ihr lag, mochte noch in tintenschwarzer Dunkelheit liegen, ihre Zukunft nur undeutliche Schemen, die sich wie Geister bedrohlich auf sie zu schoben, doch Tonks konnte sagen, dass sie wenigstens mit den Entscheidungen ihrer Vergangenheit, den guten wie den schlechten, endlich im Reinen war. Zwar nagten noch Zweifel an Dumbledores Plänen an ihr, die sich nicht ohne Weiteres ignorieren konnte. Doch sie wusste, dass sie zu jeder Zeit das getan hatte und auch weiterhin das tun würde, was nötig war, um ihre Freunde und ihre Familie zu schützen. Mehr konnte niemand von ihr verlangen. Unverrückbar wie ein Baum musste sie zu ihren Überzeugungen stehen, die sie leider nicht auf den leichten, sondern auf den gefährlichen und beschwerlichen Weg schickten. Sie atmete tief durch, bereit für den nächsten Schritt.