Standardprozedere
„Willkommen zurück, Freak." Nelly war die erste, die Tonks bereits in der Eingangshalle des Ministeriums auf ihre gewohnt trockene Weise begrüßte. Auch ihr Händedruck war fest wie immer, vielleicht sogar etwas zu kräftig. Tonks kniff nachdenklich die Augen zusammen. Nelly wirkte müde und angespannt. Dennoch war ihre Freude über Tonks' Wiederkehr deutlich. „Wie ist es dir ergangen? Fällt dir schon die Decke auf den Kopf?", scherzte Nelly.
„Das nun nicht gerade." Tonks dachte an all das zurück, was während ihrer Suspendierung geschehen war: Die Mission nach Askaban, Alastors Geständnis, die Begegnung mit Sturgis, Remus' Verschwinden zu den Werwölfen, ihr Kuss … Natürlich konnte sie Nelly kein Wort von alldem erzählen.
„Und, freust du dich schon auf deinen neuen Chef?"
Tonks verzog das Gesicht. „Dawlish? Ich kanns kaum erwarten." Obgleich sie so tat, als wäre das Arbeiten in Dawlishs Team nichts als eine Unannehmlichkeit, fiel es ihr schwer zu leugnen, wie sehr sie sich vor dem Auror fürchtete. Er hatte einen Ruf von Skrupellosigkeit, dienstlicher Strenge und autoritärem Führungsstil. Wie Kingsley hatte auch er bereits als Auror gearbeitet als Barty Crouch noch die Abteilung geleitet hatte und war, Gerüchten zufolge, während des Krieges nicht allzu zimperlich mit Verdächtigen umgegangen.
Allerdings hatte sie im Moment wirklich größere Probleme als einen unausstehlichen Boss. Sie hakte sich bei Nelly unter, während sie gemeinsam auf die Aufzüge zuschritten, und bemühte sich um einen möglichst lässigen Tonfall, als sie fragte: „Und bei dir so? Alles gut zwischen dir und … Martin?"
Nelly nahm ihr die Plauderei keine Sekunde ab. Mit hochgezogen Augenbrauen antwortete sie: „Er heißt Malcom. Und es läuft sehr gut, wir sind endlich zusammengezogen. Warum fragst du?"
Es kostete Tonks einiges an Kraft, eine betont fröliche Miene aufzusetzen. „Weil ich mich für dein Leben interessiere, du Scherzkeks!" Spielerisch boxte sie Nelly gegen den Arm, ließ aber sofort von ihr ab, als die Aufzugtüren ratternd aufglitten und den Blick auf Cornelius Fudge freigab.
Die beiden Aurorinnen beeilten sich, dem Zaubereiminister Platz zu machen und senkten automatisch respektvoll die Köpfe. „Minister!", murmelte Nelly während Fudge, ohne sie eines Blickes zu würdigen, an ihnen vorbei rasuschte, dicht gefolgt von seinem üblichen Stab bestehend aus Pius Thickness und Percy Weasley und einer hochgewachsenen Hexe, die eindringlich auf ihn einredete. Überrascht erkannte Tonks, dass es sich bei ihr um Emmeline Vance handelte.
Immer wieder unterbrochen von Percys Versuchen, sie abzuwimmeln, hielt sie mit dem Minister Schritt und schien ihm eine wichtige Angelegenheit unterbreiten zu wollen. Doch angesichts von Fudges steinerner Miene und seinem stechschrittartigen Gang schien es nicht allzu gut zu laufen.
Tonks sah ihnen besorgt hinterher und drehte sich erst wieder zu Nelly um als diese ihr auf die Schulter klopfte. „Kommst du mit runter? Oder soll ich Dawlish dagen, dass du heute zur Abwechslung mal blau machst?" Sich ein schwaches Grinsen abringend, stieg Tonks zu ihr in den Fahrstuhl. „Kanntest du die?" Nelly nickte in Richtung des Atriums, in dessen morgendlichem Gewimmel der Minister und sein Gefolge nicht mehr auszumachen waren.
Tonks zuckte nur die Schultern und wechselte schnell das Thema. „Du weißt nicht zufällig von einer Wohnung oder einem freien Zimmer in London, oder?"
Im zweiten Stock angekommen, wandte Tonks sich als erstes nach links, anstatt Nelly in die Aurorenzentrale zu folgen. Ihr ganzer Körper kribbelte vor Aufregung. Vielleicht war das Gefühl zum Teil auch auf ihren andauernden Muskelkater zurückzuführen, den sie sich in den – wie sie fand – unendlich langen Straßen Londons angelaufen hatte, seit sie sich nicht mehr auf den Luxus ständigen Apparierens oder die Benutzung des Flohnetzwerks verlassen konnte. Doch ihre klägliche körperliche Fitness – sie musste wirklich wieder ihr Quidditchtraining aufnehmen – würde sie keine Sekunde lang davon abhalten, ihren Zauberstab aus dem staubigen Lager des Büros für den Missbrauch der Magie zu befreien.
Wieder war es der blonde jugenhafte Ministeriumsbeamte, der Tonks vor einem Monat ihren Kirschholzzauberstab abgenommen hatte, der hinter dem riesenhaften Schalter nur noch jünger aussah und sie scheinbar erwartete. Zumindest polierte er gerade einen vertrauten magentafarbenen Zauberstab, den er bei Tonks' Anblick behutsam in eine passende Schachtel legte.
„Guten Morgen, Miss."
Mit langen Schritten kam Tonks auf ihn zu und klatschte schwungvoll das Formular mit ihrer Stabsignatur auf die polierte Holzplatte. Vor Aufregung ganz durcheinander brabbelte sie los: „Guten Tag, wir kennen uns schon – ich meine, hier kommen sicher viele Hexen vorbei, aber – erinnern Sie sich an mich? Ich weiß gar nicht, welche Haarfarbe ich an dem Tag hatte – was ich sagen will, ich möchte gern – ich will meinen Zauberstab abholen!" Atemlos verstummte sie und bemühte sich, nicht allzu gieirg auf den kleinen Stapel länglicher Schachteln zu schielen, der auf einem, ihr wohlbekannten, Wagen mit großen Rollen ruhte.
Der Beamte verkniff sich ein Lächeln ob ihres Gestammels und schob sich die kleine runde Brille auf der Nase zurecht, während er aufmerksam Tonks' Formular studierte. Gereizt und ungeduldig klopfte Tonks auf der Kante des Schalters herum, erreichte damit aber nur, dass sie sich selbst und offenbar auch den vormals so ruhigen Beamten sehr nervös machte. Warum dauerte das so lange? Konnte er etwa seine eigene Schrift nicht mehr lesen? Stimmte etwas nicht mit ihrem Formular? Hatte er ihren Zauberstab verloren? Der Beamte zog eine Schublade auf und nahm eine Mappe mit weiteren Dokumenten heraus, die er aufmerksam durchblätterte.
„Gibt es ein Problem, Mr. …" Mit zusammengekniffenen Augen versuchte Tonks sein Namensschild zu entziffern.
„Creevey."
Tonks nickte und fuhr fort: „Also, stimmt etwas nicht, Mr. Creevey?"
Er nahm die Brille ab und putzte sie umständlich mit dem schimmernden Tuch, das er zuvor für den Zauberstab benutzt hatte. „Nein, Miss Tonks, ich … ich bin gleich zurück." Und bevor sie ihn aufhalten konnte, nahm er ihr Formular und die Mappe und verschwand im Büro hinter dem Schalter. Besorgt überlegte Tonks, wieviel Ärger sie wohl bekommen würde, wenn sie sich die oberste Schachtel, von der sie glaubte, dass sie ihren Zauberstab enthielt, einfach nehmen würde. Doch da war Mr. Creevey schon wieder zurück, dicht gefolgt von einem weiteren älteren Beamten, der sich an seiner Stelle hinter dem Schalter niederließ.
„Guten Tag, Miss Tonks. Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Es ist alles in Ordnung." Er unterschrieb und faltete ihr Formular mit ruppigen, ausladenden Gesten und ließ es mit einem Schwung seines Zauberstabs in einer der Schubladen verschwinden. Dann nahm er vorsichtig die oberste Schachtel von dem Wagen hinter sich und öffnete den Deckel.
Tonks spürte Erleichterung und helle Freude als er ihr den Zauberstab durch das kleine Fenster des Schalters hindurch reichte. Als sie den vertrauten Griff berührte, versprühte der Stab ein paar pinke und goldene Funken, so als freue auch er sich über die Wiedervereinigung.
Der alte Zauberer hob missbilligend die Augenbrauen und wollte schon wieder aufstehen als Tonks fragte: „Gibt es wirklich kein Problem? Muss ich noch irgendwas unterschreiben?"
Der Vorgesetzte von Creevey schüttelte den Kopf und sagte kurz angebunden: „Der Kollege ist neu und ist noch nicht mit unserem Standardprozedere vertraut. Nicht wahr, das ist doch Ihre erste Woche hier?" Creevey antwortete nichts, sondern senkte peinlich berührt den Blick.
Auch Tonks wusste auf diese Fehleinschätzung nichts zu erwidern. Sie war sich sicher, dass der junge Beamte bereits vor einem Monat hier gearbeitet und damals scheinbar noch keine Probleme mit den Arbeitsabläufen der Abteilung gehabt hatte. Doch bevor sie nachhaken konnte, schlug die Uhr über dem Schalter acht mal und erinnerte Tonks daran, dass sie längst an ihrem Arbeitsplatz sein sollte. Sich hastig bedankend raffte sie ihre Tasche zusammen und verließ das Büro, den Zauberstab fest in ihrer rechten Hand.
Proudfoot war offensichtlich überfordert mit der Situation. Zum einen schien er mehr als euphorisch über Tonks' Rückkehr ins Ministerium, noch dazu als neuer Zuwachs seiner Divison. Andererseits wusste er ebensogut wie jeder andere unter Dawlishs Kommando, dass die Zusammenarbeit mit ihm verglichen mit Kingsleys sanfter Strenge wirklich kein Zuckerschlecken war. Und dann war da noch der unangenehme Ausgang seiner letzten Begegnung mit Tonks, als er sich mit Giggelwasser Mut angetrunken hatte, um ihr seine Gefühle zu gestehen. Worauf Tonks alles andere als erfreut reagiert und das Konzert der Schicksalsschwestern mit Remus verlassen hatte. Als sie daran zurückdachte, wie sie selbst sich nur Minuten später mit wehender Feuerwhiskeyfahne wiederum Remus an den Hals geschmissen hatte, verzog sie beschämt das Gesicht.
Unsicher, wie sie einander begrüßen sollten, standen sie sich eingequetscht zwischen überladenen Schreibtischen einen Moment gegenüber, bis Proudfoot sich mit einem kurz angebundenen Grunzen an Tonks vorbeischob und sich zu seinen Kollegen vor dem Schwarzen Brett gesellte. Ungläubig sah Tonks ihm nach. War es nicht eher an ihr, kurzangebunden zu sein, nachdem er sie ungefragt in die Enge getrieben und geküsst hatte?
Kopfschüttelnd ließ sie sich hinter ihrem Schreibtisch nieder, der unter schwankenden Aktentürmen, ungelesenen Memos und anderem Papierkram geradezu überquoll. Scheinbar hatte niemand die Zeit gehabt oder die Lust verspürt, sich ihrer versäumten Arbeit eines ganzen Monats anzunehmen. Mutlos begann sie, die ersten Briefe und Memos zu entfalten, als Dawlish sich wie aus dem Nichts vor ihrem Schreibtisch aufbaute. „Miss Tonks, wo waren Sie heute beim Morgenappell?", knurrte er ungehalten.
„Beim … entschuldigung, was?", fragte sie vorsichtig.
Dawlish stützte die Hände auf die Tischkante und beugte sich bedrohlich zu ihr hinunter. „Der Morgenappell ist fester Bestandteil eines Einsatzstages in meiner Division. Erscheinen ist Pflicht, das gilt auch für Kingsleys verhätschelte Schützlinge." Die ersten Köpfe drehten sich zu ihnen herum und auf den Mienen von Tonks' Kollegen zeigte sich teils Schadenfreude, teils Sorge ob ihrer öffentlichen Bloßstellung.
Tonks schluckte und bemühte sich mit aller Kraft, höflich und unterwürfig zu klingen: „Es tut mir leid, Sir. Das wusste ich nicht. Es ist mein erster Tag im Büro."
„Dann hätten Sie mal lieber ihre Post gelesen." Dawlish griff in den Stapel ungeöffneter Briefe und zog scheinbar willkürlich einen hervor, auf dem das Siegel des Ministeriums prangte. „Ich habe Ihnen gestern abend noch extra eine Eule geschickt, damit Sie sich mit dem Protokoll meiner Division vertraut machen können."
Tonks wusste nicht, was sie sagen sollte. Wagte sie es, Dawlishs seltsamen Führungsstil – Morgenappell?! – oder sein süffisantes Grinsen – er schien die Situation sehr zu genießen – zu hinterfragen, blühte ihr vermutlich gleich die nächste Suspendierung.
Glücklicherweise für sie ließ Dawlish ihr keine Zeit für eine sarkastische oder freche Antwort, sondern fuhr fort: „Nachdem Sie Ihren Saustall hier wieder in den Griff bekommen haben, kommen Sie in mein Büro. Und bringen Sie Proudfoot mit. Ich habe eine Mission für Sie." Mit einem letzten abfälligen Lächeln in ihre Richtung, schlenderte er langsam davon, sichtlich die Angst und den Abscheu genießend, die er unter den Auroren verbreitete, an denen er vorbeischritt.
Nelly lächelte ihr über den Gang hinweg aufmunternd zu und Tonks tat ihr Bestes, sich ihren Unmut nicht anmerken zu lassen. Während sie Briefe sortierte dachte sie an Emmeline, die in diesem Moment vermutlich immer noch an Fudges Fersen hing, um ihn mit den Ergebnissen ihrer Beobachtungen zu konfrontieren.
Und wie ging es Alastor? Es war eine Woche her, seit Tonks die letzte Eule von ihm erhalten hatte, in deren Brief er nur mitteilte, dass er und Emmeline heil in London angekommen waren. Sie musste ihm bald einen Besuch abstatten, auch wenn es ihm gar nicht gefallen würde, wenn sie das Bedürfnis zeigte, nach ihm sehen zu wollen. Nach ihm, Alastor Mad-Eye Moody, der nie Hilfe brauchte und sie auch von fast niemandem annahm. Tonks wünschte, sie wüsste mehr über magische Krankheiten, um ihren Freund besser beraten zu können. Doch wenn selbst die Heiler des St. Mungo ihm nicht helfen konnten, musste es wirklich schlecht um ihn bestellt sein. Ein bedrohlicher Kloß begann sich in Tonks' Hals zu formen, sodass sie sich rasch bemühte an etwas anderes zu denken.
Sie wollte so früh wie möglich mit der Wohnungssuche beginnen, um Fleur nicht einen weiteren Grund zu geben, sie nicht zu mögen. Was sie und Bill wohl aus ihrem alten Zimmer machen würden? Ein Arbeitszimmer oder ein Labor, wo Fleur neue Zaubersprüche zur Berzirzung von Männern entwicklen konnte? Hoffentlich kein Kinderzimmer! Tonks fühlte sich eindeutig zu jung, um Patentante zu werden, ganz abgesehen davon, dass sie sich noch nicht eingehend mit der Frage beschäftgit hatte, ob sie Kinder – egal ob die eigenen oder die anderer – überhaupt mochte. Wenn sie sichs recht überlegte, wäre es gegenwärtig, unabhängig von der wollen oder nicht-wollen Frage, einfach unverantwortlich, ein Kind in die Welt zu setzen, jetzt da Voldemort und seine Anhänger auf dem Vormarsch waren.
Ein Räuspern riss sie aus ihren Gedanken. Proudfoot stand vor ihr mit einem Ausdruck gelangweilter Schüchternheit auf dem Gesicht. Er strich sich nervös und vergeblich die Locken glatt und sah auf seine Armbanduhr. „Bist du soweit?" Tonks zwang sich zu einem verbindlichen Lächeln. „Sicher."
„Das kann nicht sein Ernst sein!"
„Das ist entwürdigend.", pflichtete Proudfoot ihr düster bei.
Sie standen in einer öffentlichen Toilette der Muggel, nahe Clapham Junction, in der ein Wahnsinniger sein Unwesen getrieben haben musste. In einer Ecke hockte eine verstörte Frau, die völlig aufgelöst auf einen Vergiss-Mich einredete. Offenbar war sie hereingekommen, um sich die Hände zu waschen, doch sobald sie den Wasserhahn berührte, waren sämtliche Waschbecken sowie die Reihe verrosteter Klos hinter ihr in die Luft geflogen. Sie hatte glücklicherweise keinen Schaden genommen, doch die Toilette samt Vorraum war triefend nass und mit Porzellanscherben und verbogenen Hähnen übersäht. Der Gestank war unbeschreiblich. Tonks musste sich beherrschen, um die Schweinerei nicht kurzerhand mit ihrem neu zurückgewonnenen Zauberstab zu beseitigen. Sie mussten sich den … Tatort erst einmal gründlich ansehen, um Hinweise auf den verantwortlichen Zauberer zu finden. Denn dass es sich hier um magische Manipulation handelte war nur zu offensichtlich. Zwar kannten weder Proudfoot noch sie selbst sich mit den Rohrleitungen der Muggel aus, doch sobald sie den Raum mithilfe von priori incantatem untersucht hatten, waren ihnen verschiedene kleinere Flüche an den Wasserhähnen und Klokabinen aufgefallen, die sich in einer Kettenreaktion gegenseitig auslösten, sobald ein nichtsahnender Muggel den Raum betrat. Außerdem war diese nicht der erste Fall dieser Art, zu dessen Aufklärung die magische Polizeibrigade gerufen worden war.
„Das ist alles nur deinetwegen! Dawlish will dir eins auswischen und weil ich nun mal ein unverbesserlicher Pechvogel bin, häng ich da jetzt auch mit drin." Proudfoot kickte ärgerlich einen blechernen Mülleimer zur Seite, während er die Wände mithilfe seiner leuchtenden Zauberstabspitze nach Spuren absuchte.
Empört drehte Tonks sich zu ihm um. „Wow! Jetzt bin ich Schuld, dass wir so einen blöden Chef haben? Als ob er dir normalerweise interessanter Aufgaben zuteilen würde! Lass das Selbstmitleid stecken und mach lieber deinen Job."
„Das ist es ja! Das hier ist nicht mein Job.", maulte Proudfoot frustriert. „Ich jage Verbrecher und Monster, aber das? Soll sich doch die Polizeibrigade drum kümmern. Es sind je eh nur Muggel …"
„Wie bitte?" Tonks sah ihn scharf an.
Genervt hob Proudfoot die Achseln. „Ach komm, Tonks, bei so einer Scheißaufgabe, musst du mich schon mal ein bisschen politisch unkorrekt sein lassen."
„Meine Großeltern sind Muggel.", erwiderte Tonks mit zusammengekniffenen Augen.
„Ich sag ja auch nichts dagegen, so war das doch nicht gemeint." Proudfoot hob beschwichtigend die Hände.
Doch Tonks ließ nicht locker. „Wie wars denn gemeint?", fragte sie, die Hände in die Hüften gestemmt.
Proudfoot war um eine Antwort verlegen, wurde dann aber ohnehin unterbrochen, als ein hochgewachsener Mann sich durch den zerborstenen, halb verschütteten Eingang zur Toilette duckte. „Moin!"
Es war Arthur Weasley, der mit seinem schütteren Haar voller Putz noch zerstreuter aussah als normalerweise. Er grüßte er freundlich in die Runde und winkte dem Vergiss-Mich zu, als würde er ihn bereits kennen. Dann entdeckte er Tonks. „Ah, Tonks, wieder heil zurück?"
Tonks gab ihm lächelnd die Hand. „Ja, alles gut, danke."
Proudfoot schien kurz verwirrt, begrüßte dann aber Mr Weasley seinerseits. „Sind Sie von der Polizeibrigade? Ihre Kollegin hat mir schon verraten, dass Sie von einem Serientäter ausgehen."
Sichtlich amüsiert stellte Mr Weasley seine Aktentasche ab. „Ne, ich räum hier nur auf."
Proudfoot wurde rot. „Oh, ja natürlich, Mr …"
– „Weasley, vom Amt gegen den Missbrauch von Muggelartefakten."
Nun musste Proudfoot sich ein Lachen verkneifen, fing sich unter Tonks' ärgerlichem Blick jedoch gleich wieder. Währenddessen sah Mr Weasley sich bereits eingehend um und begutachtete mit Kennermiene die tropfenden Rohre und zersprungenen Fließen. „Na, das kommt mir doch alles verdächtig bekannt vor …", murmelte er verdrossen.
„Wie meinst du das, Arthur?", fragte Tonks.
„Willy Widdershins.", antwortete er grimmig. „Das ist schon die dritte Toilette, die er in die Luft gehen lässt."
Proudfoot zog ungläubig die Augenbrauen hoch. „Heißt das, Sie wissen, wer das hier war? Was machen wir noch hier? Schnappen wir ihn!"
Er war schon drauf und dran, die stinkende Toilette zu verlassen, als Mr Weasley hinzufügte: „Zwecklos … Außerdem war das auch nur eine Vermutung. Vielleicht hat er ja einen Nachahmungstäter inspiriert."
Tonks musterte ihn nachdenklich. „Warum zwecklos? Wenn dieser Widdershins in seinem Strafregister einen Eintrag zur Verwüstung von Muggel-Toiletten hat, wäre es Standadprozedere, ihn hierzu wenigstens zu befragen."
„Das ist es ja." Mr Weasley rückte mit ernster Miene seine Hornbrille zurecht. „Einen solchen Eintrag gibt es nicht."
Nun zog auch Tonks die Augenbrauen hoch. „Was soll das heißen?"
Arthur seufzte. „Gerüchten zufolge hat er irgendeinen Deal mit der Abteilung für magische Strafverfolgung vereinbart, sodass sie ihn nicht belangen können. Jedenfalls hat ihm das die letzten beiden Male den Hals gerettet. Aber diese Spuren sind eindeutig von ihm…"
Sowohl Tonks als auch Proudfoot war im Verlauf dieser Offenbarung die Kinnlade heruntergeklappt.
„Woher wissen Sie das alles?", fragte Proudfoot schließlich zaghaft.
Mr Weasley winkte ab. „Widdershins kommt hin und wieder bei unserem Büro vorbei, um sich nach unseren Aufräumarbeiten zu erkundigen und … geschmacklose Witze über das Abwassersystem der Muggel zu reißen. Vielleicht irre ich mich ja, aber für jemanden, der nicht einmal im Ministerium arbeitet, drückt er sich sehr oft vor Dolores Umbridges Büro herum."
Tonks schnaubte verächtlich. Ihr ohnehin miserabler erster Tag wurde durch diese Demonstration von Korruption und Bestechlichkeit ihres Arbeitgebers nicht gerade erhellt.
„Aber das heißt doch, dass wir Widdershins auf Grundlage eines Insider-Tipps trotzdem einen Besuch abstatten könnten, oder?", überlegte Proudfoot.
Arthur zuckte die Achseln. „Weiß nicht, wie viel das bringt, wenn das Ministerium eine Anklage verhindert. Aber ihr könnt es natürlich versuchen. Die Polizeibrigade hat meinen Verdacht bisher jedenfalls noch nicht ernst genommen."
– „Bei Merlin, was für ein mieser Kerl! Ich versuche, rauszufinden, wo er wohnt, sobald wir zurückkommen." Tonks sah sich ein letztes Mal um, unzufrieden, nicht mehr zur Wiederherstellung der Einrichtung beitragen zu können. „Danke, Arthur. Wir sehen uns!" Mr Weasley presste zur Antwort die Lippen zusammen und nickte ihr mit seiner unverwechselbaren Mischung aus Gutmütigkeit und Bedauern zu.
Proudfoot wartete schon am Ausgang, den Umhang schützend über Mund und Nase gezogen. „Kanns nicht erwarten, hier raus zu kommen!" Tonks verkniff sich jeden weiteren Kommentar. Beschäftigt mit ihren trübseligen Gedanken, machten sie sich auf den Weg zurück ins Ministerium.
