In unbehaglicher Gesellschaft

„Ihr-wisst-schon-wer ist weg! Stoßt mit mir an, Freunde!"

„Auf uns!"

„Auf das wir noch den letzten versprengten Todesser zur Strecke bringen!"

„Werden wir!" Der letzte zuversichtliche Ausruf stammte von Nelly Johnson, die mit freudig geröteten Wangen ihr Glas gegen die der anderen klirren ließ. Angetrunken und glücklich lag sie im Arm ihres Freundes, Malcom – wie Tonks sich neuerdings merken konnte –, und schien ganz in ihrer Rolle als Gastgeberin dieser heiteren Zusammenkunft aufzugehen.

Als Tonks zu der Halloween- oder Der dunkle Lord ist weg-Party eingeladen worden war, hatte sie sich stark beherrschen müssen, um ihre Skepsis zu verbergen. Jetzt da sie hier war und sich in der kleinen, farbenfroh geschmückten Wohnung voller Ministeriumskollegen und -kolleginnen umsah, fand sie die Gelegenheit, sich zu betrinken allerdings charmanter als erwartet. Die gruseligen Dekorationen waren zwar fraglos Geschmackssache, doch sie persönlich hatte Spaß an magischen Käfern, die über das Buffet krochen; glitzernden Spinnenweben, die sich langsam um ihre Opfer wickelten, sollten diese zu lange stillstehen; und auch für glucksende und kreischende Monsterbowle, die bei jedem Schluck die Farbe änderte, war Tonks sich nicht zu schade.

Natürlich trank sie nicht, um – wie die anderen – das Ableben Voldemorts vor vierzehn Jahren zu feiern, sondern um die furchterregende Realität seiner Wiederkehr für ein paar kostbare Stunden zu vergessen. Doch wann immer sie auch nur die kleinste Bemerkung in diese Richtung machte, wurden ihre Bedenken von den anderen Gästen mit Irritation und Belustigung abgetan. Besonders Malcom wurde nicht müde, Tonks' als Verschwörungstheoretikerin darzustellen, wofür er einige stechende Blicke von Nelly erntete.

Dennoch mied Tonks die beiden, um sie mit ihrer miesen Laune nicht in ihrem Glück zu stören. Während der vergangenen Woche hatte sie versucht, irgendjemandem aus der Abteilung für magische Strafverfolgung ein paar nützliche Informationen über Willy Widdershins zu entlocken. Ohne Erfolg. Sie war sogar zu der Adresse gegangen, wo er angeblich lebte, hatte aber nicht einmal das Haus gefunden. Spuren von mächtigen Schutzzaubern, gaben ihr das Gefühl, dass hier ein paar grobe Verfehlungen des Ministeriums vertuscht werden sollten. Wieder einmal.

Was sie nicht weiter überraschte, ärgerte und frustrierte Proudfoot hingegen maßlos. Auch er wurde nicht müde, Widderschins Namen vergeblich in den Akten zu suchen, was ihn zum ersten Mal seit langem wieder in Tonks' Achtung steigen ließ. Trotzdem gesellte sie sich während der Party nicht zu ihm und ignorierte auch sein gelegentliches einladendes Lächeln in ihre Richtung.

Sie war auch aus eigennützigen Gründen hier, nicht nur, um ihrer Freundin nicht absagen zu müssen. Methodisch arbeitete sie sich von Grüppchen zu Grüppchen beisammenstehender Zauberer und Hexen, die sich unterhielten, flirteten, Kontakte knüpften und magische Drogen an den Grenzen der Legalität konsumierten.

Obgleich Nelly aus Respekt natürlich auch die Führungsetage der Abteilung eingeladen hatte, wusste Tonks von Kingsley, dass Ms Bones, Dawlish oder Scrimgeour sich selten auf privaten Feierlichkeiten ihrer Kollegen sehen ließen. Auch Kingsley selbst hatte sich entschuldigt unter dem Vorwand, er sei zu alt für Partys. In Wahrheit fühlte er sich wie Tonks bestimmt unbehaglich dabei, das Verschwinden Voldemorts zu feiern, nun da er seit kurzer Zeit zurück war.

Aufgrund dieser Abwesenheiten bewegte sich das durchschnittliche Alter der Gäste zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahren, was Tonks hinsichtlich ihres Vorhabens hoffnungsvoll stimmte. Nach wenigen einleitenden Begrüßungsworten setzte sie ihre im Büro begonnene Wohnungssuche fort. Bill drängte sie zwar unter keinen Umständen, bald auszuziehen, und hatte immer noch Gewissensbisse ob seines Vorschlags, mit Fleur zusammenzuleben. Doch Tonks fühlte selbst, dass Fleurs ständige Anwesenheit in der Wohnung sich nicht gut mit ihrem Arbeitsstress und genereller Zukunftsangst vertrug. Sie unterhielt sich also mit altbekannten Kolleginnen, wandte sich aber auch an Mitarbeiter aus anderen Teams, die ihr aufgrund verschiedenster Gründe sympathisch erschienen.

Eine Hexe mit lilaner Hochsteckfrisur und make-up-schweren Augenliedern erklärte mit leicht lallender Stimme: „In unsrer WG ist es vor allem wichtig, hin und wieder ein Auge zuzudrücken. Manchmal bleibt der Abwasch schon mal ne Woche liegen und wenn du ein Problem mit … sagen wir mal nicht ganz zugelassenen Substanzen hast, ist das wahrscheinlich ein deal-breaker." Tonks nickte und nahm um eine Antwort verlegen einen Schluck Bowle.

Ein junger Zauberer, der erst seit kurzem im Büro arbeitete, schien ganz begeistert von Tonks' Anfrage: „Das trifft sich super! Ich suche schon eine Weile nach einer Mitbewohnerin. Man sollte meinen, dass es in einer Stadt wie London mehr Zauberer gibt, die Interesse an einer Wohngemeinschaft haben!"

„Wie stellst du dir das Zusammenleben denn so vor?", wollte Tonks wissen.

Der Zauberer, Alan Burks, strich sich gewichtig das sauber gescheitelte Haar hinter die Ohren. „Mir wäre es schon wichtig, hin und wieder was zusammen zu unternehmen. Ich lerne zum Beispiel grade auf die Einstellungsprüfung zum Teamleiter, spiele Zauberschach im Verein und trainiere meine fünf Mäuse, damit sie mir Aufgaben im Büro abnehmen. Wie lebendige Memos, weißt du?"

„Klingt cool …", warf Tonks halbherzig ein.

„Bereitest du dich auch auf die Prüfung vor? Vielleicht können wir zusammen lernen? Spielst du auch Schach?"

„Äh, ich spiele Quidditch."

Alan verzog das Gesicht. „Ich habs ehrlich gesagt nicht so mit Mannschaftssport … Mir liegt die Kopfarbeit."

Etwas irritiert wandte Tonks sich ab.

Nicht nur schien es mit niemandem hier so richtig zu funken, ihren privaten Alltag mit einem Fremden zu teilen würde vermutlich auch rasch zu misstrauischen Fragen über ihre Freizeitgestaltung und zahlreichen Nachtschichten führen. Ihre Aktivität im Orden, das Wissen um Dinge, von denen die anderen im Raum nichts ahnten, schien sie wie eine unsichtbare Wand von den restlichen Gästen zu trennen. So sehr sie sich wünschte, Teil eines Gesprächs zu sein oder neue interessante Menschen kennenzulernen, von denen sie überzeugt war, dass sie sich in der Wohnung befanden, so unmöglich war es, ihre rastlos rasenden Gedanken an den Orden und Voldemort zum Schweigen zu bringen.

Die alltäglichen Wünsche und Sorgen, die ihre Gesellschaft bewegten – die auch Tonks bis vor wenigen Monaten noch bewegt hatten –, schienen ihr nun unendlich belanglos. Sie sahen nur den vermeintlichen Sieg, den die magische Gemeinschaft vor vierzehn Jahren davongetragen hatte. Sie verschwendeten keinen Gedanken an die Verluste, die dieser Sieg gefordert hatte. Sie kannten Harry Potter nur als den kindlichen Helden einer alten Legende, wussten aber nichts von seinem Schmerz, nichts von seinem Opfer, dass er unfreiwillig tagtäglich für sie alle brachte. Ganz zu schweigen von Sirius Black, den sie nicht als treuen Freund und Geheimniswahrer, sondern als Verräter und Mörder in Erinnerung behielten. Wie sehr wünschte Tonks, ihnen allen die Wahrheit entgegenzuschreien. Sie fühlte zwar, dass sie den jungen Hexen und Zauberern mit ihrem Urteil Unrecht tat, doch sie konnte keinen befriedigenden Ausweg aus ihrem Unbehagen sehen.

Sie verabschiedete sich bald, noch vor zwölf, und ließ die laute Wohnung mitsamt einer verwirrten, fast schmollenden Nelly hinter sich. Ziellos wanderte Tonks durch die feuchte Nacht, drängte sich durch verkleidete Muggelmassen, die sich vor Pubs und Bars versammelt hatten, um einen belanglosen Feiertag zu begehen, ohne um seine mehrschichtige Signifikanz in der Zaubererwelt zu wissen.

Ohne es bewusst zu wollen, trugen Tonks' wankende Füße sie schließlich zum Grimmauldplatz. Auf dem matschigen Rasenstück in der Mitte hatten ein paar Jugendliche ein kleines Feuer entfacht. Die leicht bekleideten Mädchen drängten sich dicht an die wärmespendenden Flammen, während die Jungen Bier tranken und johlten. Überrascht, den Ort ohne Wegweiser gefunden zu haben – Tonks' Orientierungssinn hatte sich in den Wochen ohne Zauberstab deutlich verbessert – trat sie an das Tor der Nummer 12, das für die Muggel auf dem Platz hinter ihr unsichtbar war. Sie war angekommen.