Eine großartige Zeit

Eine Woche später hatte Tonks ihren Entschluss gefasst. Bepackt und gebeugt wie eine altersschwache Hauselfe stand sie beklommen, aber vorfreudig in der Eingangshalle des Hauptquartiers. Es war schließlich nicht alle Tage, dass man in das Haus eines vermeintlichen Massenmörders einzog. Das konnte sie auf jeden Fall von ihrer Bucket List streichen.

„Schön, dass du da bist!" Sirius' Empfang war wie immer überschwänglich. Sofort nahm er ihr mit einem Schlenker seines Zauberstabs die Taschen ab und führte sie in den dritten Stock.

Skeptisch lugte Tonks in das geräumige Dachzimmer mit der Blümchentapete, die nichts Süßes oder Mädchenhaftes an sich hatte, sondern nur traurig und verblichen, fast gruselig, von der Wand hing. Ein großes leeres Himmelbett nahm einen Großteil des Raumes ein, wärend ein schmales, einsam wirkendes Bettchen fast in dem breiten Fenstererker verschwand. Was allerdings fast noch unheimlicher war, war die Tatsache, dass Remus das Nachbarzimmer bewohnte, wie Tonks rasch erkannte. Auf dem Weg durch den langen dunklen Flur waren sie an seiner offenen Tür vorbeigekommen, die den Blick auf ein sauberes, aber verlassenes Zimmer freigab.

„Ich dachte, es gefällt dir vielleicht hier." Grinsend dirigierte Sirius die Koffer und Taschen auf den Frisiertisch zu, der in einer Ecke des Raumes thronte. Scheinbar ohne Tonks' Unbehagen zu bermerken, schnippte er mit dem Zauberstab und eine zarte Rose aus weißem Wachs wuchs aus der Kristallvase vor dem Spiegel. „Andromeda liebte es, wenn ich das tat.", erklärte er stolz.

Tonks' Gesicht hellte sich auf. „Meine Mutter, hat hier geschlafen?"

Sirius nickte. „Ja, als sie noch ein Kind war. Sie und und ihre Schwestern haben sich das Zimmer geteilt, wenn sie zu Besuch kamen. Cissy und Bella haben sich natürlich immer das große Bett gekrallt."

Ein kalter Schauer lief Tonks über den Rücken, als sie daran dachte, dass außer ihrer Mutter auch die verrückte Bellatrix Lestrange und die kalte Narcissa Malfoy in diesem Zimmer geschlafen hatten.

Ihre Gedanken erratend zuckte Sirius die Schultern. „Du kannst natürlich auch gerne woanders schlafen, wenn dir das lieber ist. Aber denk dran, die zwei waren damals noch junge Mädchen. Kinder, eigentlich, die zwar überheblich und gemein sein konnten, aber im Grunde immer noch unschudlig … Sie waren viel zu lange den falschen Einflüssen ausgesetzt. Erst mein Onkel und meine Mutter, später ihre Freunde in Slytherin und ihre zukünftigen Männer. Bei Merlin, die zwei haben viel zu jung geheiratet." Gedankenverloren strich Sirius über die Marmorplatte der Frisierkommode, so als könne er das blasse Spiegelbild seiner kindlichen Cousinen darin noch erkennen.

„Mom war auch nicht viel älter.", gab Tonks zu Bedenken.

Sirius nickte. „Ja, aber sie hatte schon eine Ausbildung und war in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Etwas, was Cissy und Bella nie gekonnt haben. Für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten war – wie sie dachten – für eine echte Black nicht tragbar. In ihren alten wie in ihren neuen Häusern gab es ja genug Hauselfen, die sie herumkommandieren konnten. Wenn sie doch nur auch Kreacher mitgenommen hätten …"

Tonks wunderte sich abermals, was für seltsame und glückliche Wendungen dazu geführt hatten, dass ihre Mutter und Sirius sich so grundlegend anders als ihre Verwandten entwickelt hatten.

Bestimmt steuerte sie auf das Bett am Fenster zu und kniete sich darauf, um hinaus auf den Grimmauldplatz zu sehen. Hier hatte das kleine Mädchen, das ihre Mutter einst gewesen war, gesessen, während ihre Schwestern im Zimmer hinter ihr schliefen oder zankten, sich die Haare flochten und von ihrer Traumhochzeit erzählten. Was für eine andere Zeit das doch noch gewesen war. Eine Welt, die vor Angst zitternd die Nachrichten von Voldemort im Tagespropheten verfolgte, die Familienbande aufgrund von Vorurteilen zerstörte und Massen blutigen Goldes hinter den Toren von Gringotts anhäufte. Aber auch die Zeit der raschelnden Kleider, der Bälle, Banketts und Blumensträuße. Eine großartige Zeit.

Schrecklich, ja, aber großartig.