Die Rettung

„Wissen wir, womit wir es zu tun haben?", zischte Knigsley durch seine zusammengekniffenen Zähne.

Tonks schüttelte wachsam den Kopf. „Ich weiß nur, dass er verletzt ist. Schwer verletzt.", erwiderte sie leicht außer Atem.

Zielstrebig arbeiteten sie sich in die Tiefen der unterirdischen Ministeriumsabteilungen vor, folgten den Pfaden, die ihnen durch ihre zahlreichen Nachtwachen mittlerweile nur allzu vertraut waren. Tonks sah nervös über ihre Schulter. Seit geraumer Zeit hatte sie das Gefühl, verfolgt zu werden, doch wann immer sie sich umdrehte, war niemand zu sehen.

Sie hatten schon beinahe den Korridor vorm Eingang zur Mysteriumsabteilung erreicht, als sie eine schrille Stimme vernahmen, die lauter wurde, je näher sie kamen. Alarmiert hob Tonks den Zauberstab und sah sich nach dem Sprecher um, der mit zunehmend hysterischer Stimme schrie: „Ein Notfall! Warum kommt denn niemand?" Kingsley deutete auf ein schlichtes Ölgemälde an den sonst schmucklosen Wänden, das einen Zauberer zeigte, der völlig aufgelöst auf und ab hüpfte, mit den Armen wedelte und sich die Seel aus dem Leib schrie. Als er Kingsley und Tonks entdeckte, schlug er aufgeregt die Hände zusammen. „Bei Merlin, endlich sind Sie da. Schnell, es gab einen Angriff! Es ist schlimm. Hier entlang!" Ohne ihre Reaktion abzuwarten, spurtete er aus seinem Rahmen und tauchte im nächsten Moment in einem Bild am anderen Ende des Ganges wieder auf.

Tonks und Kingsley rannten ihm hinterher, schlitterten um die nächste Ecke und fanden sich in einem engen Korridor wieder, der auf eine einzelne schwarze Tür zuführte. Vor ihr kauerte eine zusammengesunkene Gestalt, die mehr schlecht als recht von einem Tarnumhang verdeckt wurde. Tonks roch das Blut, bevor sie es sah und es drehte ihr den Magen um. „Arthur!" Sie fiel neben ihm auf die Knie und zog den Umhang von seinem schlotternden Körper. Kingsley murmelte Heilzauber vor sich her, die aber keinerlei Wikung zu zeigen schienen. Schließlich zerriss er seinen kostbarern Umhang und begann Arthurs Wunden notdürftig zu verbinden. Sein Kopf ruhte auf Tonks' Schoß, die Augen waren geschlossen, der Atem ging stoßweise.

„Er muss ins St. Mungo." Mühsam versuchte sie den hysterischen Tonfall aus ihrer Stimme zu verbannen. Kingsley nickte und beschwor hastig eine robuste Bare herauf, die sich unter Mr. Weasleys schlaffen Körper schob und sanft in die Luft erhob. Nun ließ Arthur ein leises Stöhnen hören. Tonks' medizinisches Vorwissen reichte nicht aus, um seinen Zustand mit Sicherheit zu beurteilen. Sie konnte nur sehen, dass er schwer verletzt und nicht ansprechbar war und viel Blut verloren hatte. Was wenn er starb? Wenn er in ihrer Obhut starb, weil sie nicht wusste, was zu tun war, um ihn zu retten … Kalte Panik legte sich um ihr Herz. „Schnell!", trieb Tonks heiser zur Eile an.

Kingsley jedoch schien wie am Boden festgewachsen. „Was hat ihn nur angegriffen?", überlegte er laut. Ungläubig antwortete Tonks: „Das ist jetzt nicht wichtig. Komm!"

„Geh vor, ich muss hier noch Spuren beseitigen.", entegegnete Kingsley einleuchtend.

Nickend wandte Tonks sich zum Gehen, die Hand um den Rand der Bare gekrallt. „Alles wird gut, Arthur. Wir holen dich hier raus.", flüsterte sie, bevor sie loshastete. Bei ihrem Anblick stieß der Zauberer auf dem Ölgemälde erneut einen schrillen Schrei aus. „Oh, das sieht ja übel aus! Ich werde Dumbledore unterrichten. Das St. Mungo ist bereits informiert. Beeilen Sie sich!" Verängstigt, verschwitzt und blutbesprenkelt, wie sie war, hätte Tonks am liebsten gereizt gefragt, warum Dumbledore selbst nicht schon längst zu Arthurs Rettung geeilt war. Doch der fremde Zauberer war bereits aus seinem Rahmen verschwunden und tauchte, entgegen ihrer Erwartung, auch nicht im nächsten Bild wieder auf.

Sie hatte keine Zeit, sich darüber zu wundern, Arthurs Gesicht wurde mit jeder Minute blasser. An den Aufzügen holte Kingsley sie ein, ebenso verstört und erschöpft wie sie. Der quälend langsame Aufstieg des goldenen Käfigs wurde unerwartet auf Höhe der Aurorenzentrale unterbrochen. Tonks hämmerte auf den Knopf mit der Aufschrift Atrium, konnte jedoch nicht verhindern, dass die Türen aufglitten und den Blick auf … Proudfoot freigaben. Geistesgegenwärtig warf Kingsley erneut den Tarnumhang über Mr Weaseleys reglosen Körper und Tonks schob sich sofort schützend vor die beiden.

Proudfoot wirkte nicht minder überrascht, sie zu sehen. Wie zu dieser späten Stunde nicht anders zu erwarten, lagen dunkle Schatten unter seinen Augen und er wirkte mehr als reif für seinen wohlverdienten Feierabend. Doch Tonks konnte unter keinen Umständen zulassen, dass er den Aufzug betrat oder auf die Idee kam, sie nach dem Grund ihres nächtlichen Aufenthalts im Ministerium zu fragen.

Kurzentschlossen setzte sie ihr breitestes Lächeln auf und trat aus dem Fahrstuhl. Mit betont ruhiger Stimme sagte sie: „Ach, Jonathan, gut dass ich dich hier treffe." An Kingsley gewandt, fuhr sie fort: „Geh ruhig schon mal. Gute Nacht, Kingsley!" Er tat sein Bestes, um seine Verwirrung zu verbergen, und nickte nur stumm.

Proudfoot hingegen schien ganz und gar nicht einverstanden. „Was machst du denn hier, Tonks? Entschuldige, ich bin hundemüde. Können wir morgen reden?" Er wollte sich schon an ihr vorbeischieben, doch Tonks packte seine Hand. „Es ist sehr wichtig. Ich … ich brauche deine Hilfe mit etwas.", erfand sie spontan und versuchte möglichst verloren und schutzbedürftig auszusehen. In ihrem aktuellen Zustand fiel ihr das nicht einmal besonders schwer. Erst jetzt schien Proudfoot sie genauer zu betrachten. Während die Aufzugtüren sich ratternd schlossen, legte er Tonks besorgt sie Hände auf die Schultern. „Was ist denn passiert? Ist das Blut?"

Tonks' kurzfrisitge Erleichterung darüber, dass Kingsley endlich ihre Rettungsmission fortsetzen konnte, wich nun überwältigender Müdigkeit. Einer Phase unzusammenhängenden Gestammels folgend brachte sie schließlich eine einigermaßen schlüssige Ausrede zustande: „Ich … war bis jetzt auf einem Auftrag. Top Secret! Und ich brauche deine Hilfe, weil …"

Bevor sie ihre Lüge weiterspinnen konnte, fiel Proudfoot ihr ins Wort: „Warum treibst du dich immer noch mit Kingsley rum? Du stehst jetzt unter Dawlishs Kommando!"

Irritirt schüttelte Tonks den Kopf. „Das ist auch streng geheim. Wie auch immer, ich bin hundemüde …"

Sie wollte sich schon abwenden, doch nun war es Proudfoot, der sie am Arm festhielt. „Warte! Du wolltest mir doch was sagen. Wobei brauchst du denn meine Hilfe?" Trotz seiner offenkundigen Müdigkeit blitzte Abenteuerlust in seinen Augen auf. „Oder ist das auch streng geheim?"

Tonks hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Warum hatte sie sich auf die Schnelle nicht einen besseren Vorwand ausdenken können? „Ach, das ist nicht so wichtig. Es kann genau genommen bis morgen warten." Oder auch gern bis nächstet Jahr, fügte sie in Gedanken hinzu. „Ich dachte, ich sags dir gleich heute, aber wo ichs mir so recht überlege, ist es doch viel zu spät."

Proudfoot runzelte enttäuscht die Stirn. „Okay.", antwortete er gedehnt. „Dann hab ich den Fahrstuhl ganz umsonst verpasst? Ist ja klasse." Genervt wandte er sich ab. Tonks war es egal. Wenn es nach ihr ging und ihr Ablenkungsmanöver dazu beigetragen hatte, Arthur so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu bringen, war ihr jede Kränkung recht. Angenommen, Kingsley hatte es ohne weitere Zwischenfälle geschafft, Mr Weasley aus dem Ministerium zu bringen, musste sie als nächstes Mrs Weasley informieren, damit sie sich auf den Weg ins St. Mungo machen konnte ...

„Tonks! Hörst du mir überhaupt zu?" Proudfoot wedelte vor ihrem Gesicht herum. Während sie auf den nächsten Aufzug gewartet hatten, waren Tonks' Gedanken ihr völlig entglitten, sodass sie für einen Moment vergessen hatte, wo sie war.

„Was? Ja, sorry, ich bin einfach so müde …", erklärte sie und überspielte ihre Sorge mit einem übertriebenen Gähnen.

„Da sind wir ja schon zu zweit.", antwortete Proudfoot etwas gereizt. „Falls es dich interessiert, ich werde auch bald auf eine streng geheime Mission gehen."

Tonks nickte stumm bis sie seinen beleidigten Gesichtsausdruck sah und schnell fragte: „Ach, und wo geht's hin?"

Mit erhobenem Kinn betrat Proudfoot den Aufzug, der soeben angekommen war. „Darf ich leider nicht verraten. Aber sagen wir mal … ich werde mit Sicherheitsaufgaben allerhöchster Ministeriumsbeamter betraut."

Interesse vortäuschend machte Tonks ein Geräusch, dass eine Mischung aus Erstaunen und Bewunderung ausdrücken sollte. Die Aufzugfahrt schien sich eine Ewigkeit hinzuziehen und sie begann unruhig auf ihren Fußballen zu wippen.

„Du wirkst aber gar nicht mehr müde.", bemerkte Proudfoot. „Hast du Lust, noch auf einen Absacker ins Flitterby mitzukommen?", fragte er hoffnungsvoll.

Zweifelnd betrachtete sie seine Augenringe. „Danke, aber ich will lieber schnell ins Bett."

„Oho, lad mich wenigstens erstmal zum Essen ein!", scherzte Proudfoot mit gespielter Entrüstung. Obgleich Tonks am genzen Körper vor unterdrückter Spannung und Adrenalin zitterte, entfuhr ihr ein schrilles Lachen. Proudfoot war vielleicht ein aufdringlicher Protz, doch sein Humor verfehlte nur selten seine Wirkung.

„Vielleicht ein andermal.", rief sie ihm versöhnlich zu, bevor sie sich endlich aus dem Fahrstuhl ins Atrium stürzte.

„Ich hab morgen Spätschicht, dann kannst du mir alles erzählen!", rief Proudfoot ihr noch zu. Sie drehte sich im Laufen um, nickte vage und wäre beinahe über die eigenen Füße gestolpert. Doch anstatt auf den Steinboden zu fallen, kippte sie glücklicherweise ins nächste Kaminfeuer und verschwand in einem Wirbel aus loderndem Grün.


An die nächsten Stunden blieben Tonks nur verschwommene Erinnerungen. Sie verbrachte die Nacht damit, zwischen Fuchsbau, St. Mungo und Bills Wohnung hin und her zu apparieren, was ihr gegen fünf Uhr morgens einen dröhnenden Schädel und übermächtige Müdigkeit bescherte. Mit letzter Kraft hatte sie sich schließlich in ihr Bett im Grimmauldplatz geschleppt und in der Hoffnung auf Schlaf die Decke über den Kopf gezogen.

Doch die Bilder der vergangenen Nacht – Mollys tränenbedeckte Wangen, all das Blut, die dunklen Gänge des Ministeriums, Bills vor Angst verzerrtes Gesicht – zogen ohne Unterlass an ihrem inneren Auge vorbei. Auch glaubte sie mehrmals, Stimmen und Gepolter aus dem Nachbarzimmer zu hören, von dem sie wusste, dass Harry dort einquartiert war.

Kurz bevor sie nach Hause gekommen war, hatten die in aller Eile nach London geschafften Weasely Kinder sich zu Bett begeben. Sirius hatte sich die ganze Nacht um sie gekümmert und wirkte nicht weniger erschöpft als Tonks. Warum genau Harry auch hier war, hatte sie Sirius' Gestammel noch nicht entnehmen können.

Tonks wollte nichts lieber als schlafen, doch als sie um die Mittagszeit immer noch keine Ruhe gefunden hatte, entschied sie, die Weaselys ins St. Mungo zu begleiten. Alastor war bei ihnen und während die Kinder im Gang warteten, erfuhren sie mehr über Harrys seltsame und unheimliche Vision, die zur rechtzeitigen Rettung von Mr Weasley geführt hatte. Welcher sich glücklicherweise schon wesentlich besserer Gesundheit erfreute. Er war wach, hatte den Tagespropheten auf dem Schoß und bediente sich mit großem Appetit an den selbsgebackenen Plätzchen, die seine Frau mitgebracht hatte. Tonks konnte es immer noch nicht recht glauben. Eine verdammte Schlange? Und Harry hatte in seinem Traum beobachtet, wie sie Arthur angriff? Was hatte das zu bedeuten?

„Wisst ihr, Dumledore schient fast darauf gewartet zu haben, dass Harry etwas Derartiges sieht.", gab Mrs Weasley beklommen zu Bedenken.

„Ja sicher", sagte Moody, „'s ist was Merkwürdiges an diesem Potter-Jungen, das wissen wir alle."

Nickend fuhr Molly fort: „Als ich heute Morgen mit Dumbledore gesprochen habe, schien er sich wegen Harry Sorgen zu machen."

Moody senkte die Stimme, als er knurrend antwortete: „'türlich ist er besorgt. Der Junge sieht Dinge aus dem Innern der Schlange von Du-weißt-schon-wem. Natürlich weiß Potter nicht genau, was das bedeutet, aber wenn Du-weißt-schon-wer Besitz von ihm ergriffen hat, ist unsere ganze Operation in Gefahr. Wer weiß, was Sirius ihm alles vom Orden erzählt hat …"

Tonks lief es eiskalt den Rücken hinab. Die Vorstellung, Harry Potter, die Galionsfigur des Widerstands, könnte sich gegen seinen Willen in einen von Voldemorts Spionen verwandelt haben, war mehr als berohlich. Doch dann erinnerte sie sich wieder daran, mit wem sie hier sprach. „Jetzt mal langsam, Alastor. Klar ist es komisch, dass Harry diese Dinge sieht, aber bisher haben seine Fähigkeiten uns nicht geschadet. Im Gegenteil, Arthur hier wäre ohne ihn sicher draufgegangen.", setzte sie vielleicht etwas taktlos hinzu.

Doch Arthur nickte nur bekräftigend, während seine Frau bei Tonks Worten scharf die Luft einzog. Alastor hingegen zog eine missmutig eine Augenbraue hoch: „Nennst du mich etwa paranoid?"

Beschwichtigend hob Tonks die Hände. „Aber nein. Ich will nur sagen, dass es zu früh ist, um aus dieser Sache irgendwelche handfesten Schlüsse zu ziehen." Bemüht, das Thema zu wechseln griff sie nach dem aufgeschlagenen Tagespropheten und staunte, als ihr tatsächlich ein bekannter Name ins Auge fiel. „Willy Widdershins wurde verhaftet? Wenigstens eine gute Nachricht! Wer hat ihn gekriegt, Arthur?"

Verschmitzt lächelnd entgegnete der: „Noch ist kein Urteil über ihn gefällt. Und ich weiß nicht, wer genau ihn geschnappt hat, das ist ja eher deine Abteilung. Alles was ich kriege sind ein paar verwirrte Muggel und ein Haufen Papierkram."

Mitfühlend tätschelte Molly seine Hand. „Du hast jetzt erst mal Urlaub, mein Lieber. Mach dir um alles andere gar keine Gedanken. Du musst schließlich gesund werden." Lächelnd drückte Arthur ihr einen Kuss auf die Handfläche.

Nur Alastor schien den einkehrenden Frieden nicht genießen zu wollen. „Sagt später bloß nicht, ich hätte nichts gesagt …", grummelte er leise vor sich hin.