Der Barde
Die Nacht spreizt ihre Klauen aus,
zu Bette geht der Tag,
nun steigt das alte Grau'n herauf,
das kein Mensch beschreiben mag.
Wo früher edle Hexen gingen,
Kinder spielten,
guter Dingen,
dort kriecht heut eine Schlange
aus Wut, Verrat und Hass.
Ihr schwerer Körper löscht es aus,
zerwälzt Gutmut und Freud.
Zerstört, was uns zu Menschen macht
und das für schnödes Gold.
Die Hoffnung ruht auf uns allein,
wolln mut'ge Kameraden sein.
Bleibt immer wachsam und gebt Acht,
gemeinsam helln wir auf die Nacht.
„Nun ist aber gut, Dädalus, das kann man ja nicht mit anhören.", sagte Mrs Weasley während sie mit Nachdruck einen Topf voll dampfender Suppe auf den Esstisch stellte. Verwundert ließ der kleine lilagewandete Zauberer seine zierliche Laute sinken und Tonks warf Molly einen vorwurfsvollen Blick zu. Doch die hob nur die Schultern. „Was? Es klingt einfach viel zu depressiv, besonders für diesen Anlass." Und sie ließ sich umsichtig neben ihrem immer noch reichlich ramponiert wirkenden Mann nieder und küsste liebevoll den Teil seiner Wange, der nicht von weißen Bandagen verdeckt wurde.
Dädalus wurde rot. „Tut mir leid, Arthur, ich wollte auf keinen Fall deine Genesung überschatten."
Mr Weasely winkte ab. „Mir hat das Lied sehr gut gefallen.", wandte er ein und auch Tonks drückte ermutigend Dädalus' Arm.
Sie alle hatten sich bereits vor dem Abendessen in der Küche des Grimmauldplatz eingefunden, um Hilfe beim Kochen anzubieten, was Mrs Weasely keinem von ihnen, aus unterschiedlichen Gründen, gestattet hatte. Nutzlos und übermüdet, wie sie war – durch Arthurs Ausfall waren neue Nachtschichten im Ministerium angefallen – wäre Tonks beim sanften Klang von Diggels Lautenspiel beinahe eingenickt. Erst der Duft der heißen Suppe weckte wieder ihre Lebensgeister.
„Riecht wunderbar, Liebling.", fand auch Mr Weasely.
Als hätten die Jugendlichen das köstliche Aroma in ihren Zimmern ebenfalls gewittert, tauchte einer nach dem anderen in der Küche auf. Fred und George sahen wie üblich keinen Grund, sich mit Treppen aufzuhalten und apparierten zum Zorn ihrer Mutter direkt hinter Mr Weaselys Stuhl, um ihm einen überdimensionalen Partyhut auf den Kopf zu drücken. „Hau rein, Dad!", riefen sie im Chor, völlig unbeeindruckt von Mollys Gezeter. Während die bunte Truppe, bestehend aus den Weasely Kindern, Harry, Hermine und ein paar Ordensmitgliedern, sich um den gedeckten Tisch drängten, Arthurs Hand schüttelten und ihm auf die Schulter klopften, dachte Tonks mit Bedauern an eine sonderbare Begegnung der letzten Woche zurück.
An einem stürmischen Montagmorgen, als sie die Weasleys ins St. Mungo begleitet hatte, war ihr auf dem Gang vor Arthurs Zimmer niemand anderes als Percy Weasely in die Arme gelaufen. Fahrig ging er auf dem Korridor auf und ab und konnte sich offenbar nicht überwinden, das Zimmer zu betreten. Er zuckte zusammen als er Tonks bemerkte, die ihm unsicher zunickte.
„Stimmt es?", fragte Percy sie unvermittelt.
„Stimmt was?", gab Tonks zurück.
„Dass du meinen Vater gerettet hast."
Tonks senkte die Stimme. „Wer hat dir das erzählt?"
„Meine Mutter."
Nickend erwiderte Tonks: „Ja, es stimmt. Wir hatten Glück, dass niemand ihn vor uns gefunden hat."
Percy wurde aschfahl. „War er etwa auf einer Mission für den,"
Tonks schnitt ihm das Wort ab. „Shh – nicht hier. Warum gehst du nicht rein und fragst ihn selbst?"
Unwillig beäugte Percy die geschlossene Tür durch die sie das Lärmen der Weaselys, vor allem die Stimmen von Fred und George, gut vernehmen konnten. „Ich werde anderswo dringender gebraucht." Und er schritt hastig davon, zu Tonks' Überraschung, nicht Richtung Ausgang, sondern weiter in die verwinkelten Tiefen des Krankenhauses hinein.
Unsere Reihen sind entzweit,
wo man hinsieht, gibt es Streit.
Brüder wollen Feinde sein,
dabei zählt doch nur allein,
den dunklen Lord bald zu besiegen,
uns nicht mehr in den Haaren liegen …
Nun wurden Dädalus' Verse auch Tonks zu platt. „Verdammt, Diggel, du bist ja eine Stimmungskanone heute!", zog sie ihn auf, um ihre Rührung zu überspielen.
Beleidigt packte der kleine Zauberer seine Laute nun endgültig ein und tat sich Suppe auf. Neben ihm waren Sirius und Mundungus um den langen Esstisch versammelt und ohne es zu wollen, merkte Tonks, wie sie den Raum nach einem weiteren vertrauten Augenpaar absuchte. Doch natürlich war Remus noch nicht von seiner Mission zurückgekehrt.
Remus … Wie sehr sie ihn vermisste und wissen wollte, wie es ihm unter den Werwölfen erging. Sie wollte ihn sehen, mit ihm sprechen, von ihrem Einsatz für Arthur erzählen, vielleicht einen bewundernden Blick ernten oder sogar eine Schulter zum Ausruhen … Tonks konnte wirklich eine Pause gebrauchen. Mühsam riss sie sich aus ihren Tagträumen. Immer öfter passierte es ihr, dass sie einfach abdriftete und sich, wenn sie wieder klar denken konnte, in ungünstige Situationen manövriert hatte.
Schon seit Tagen versuchte sie, Proudfoot auszuweichen, der sie wegen ihres seltsamen Verhaltens im Ministerium ausfragte. Als ob das nicht genug wäre, hatte Scrimgeour sie letztens wieder einmal in sein Büro zitiert, um sie zu fragen, was sie in der Nacht des Angriffs in der Aurorenzentrale zu suchen gehabt hätte. Offenbar hatte er sie trotz ihrer Vorsicht gesehen.
„Haben Sie auch Proudfott gefragt, was er so spät noch hier wollte?", fragte Tonks herausfordernd, während sie verzweifelt nach einer guten Ausrede suchte.
Scrimgeour zog nur die Augenbrauen hoch. „Er erhielt Instruktionen für eine Mission. In Dawlishs Büro."
„So? Kann Dawlish das bestätigen?", Tonks schob trotzig das Kinn vor.
„Wir sind gerade Ihretwegen hier, Miss Tonks.", erwiderte Scrimgeour.
Ihr brach der kalte Schweiß aus. „Affäre!", entfuhr es ihr, bevor sie länger Nachdenken konnte. „Proudfoot und ich haben eine Affäre und ich habe ihn so spät aufgesucht, weil ich eifersüchtig war und wissen wollte, was er treibt."
Diese Lüge schien Scrimgeour tatsächlich auf dem falschen Fuß zu erwischen. Unangenehm berührt begann er zu hüsteln und seine eng sitzende Krawatte zu lockern. „Nun … wie Sie wissen, sind … romantische Beziehungen im Aurorenkomando nur ungern gesehen."
„Keine Sorge, das ist längst vorbei.", beeilte Tonks sich zu sagen.
„Ich dachte, Dawlish hätte seine Leute etwas besser im Griff. Wusste er davon?"
Tonks schüttelte hastig den Kopf. „Wir haben es geheim gehalten. Es war wirklich nichts Ernstes. Es ist vorbei." Sie wollte vor Panik und Peinlichkeit am liebsten im Boden versinken, wenn sie daran dachte, wie Scrimgeour Dawlish oder sogar Proudfoot zu der erfundenen Affäre befragte. Doch glücklicherweise schien dem Leiter der Aurorenabteilung die Situation noch unbehaglicher als ihr zu sein, denn schon nach wenigen weiteren Worten entließ er Tonks ohne jegliche Abmahnung. Sie entschied sich, ihr Glück noch weiter herauszufordern und Proudfoot vorerst nichts von ihrer Notlüge zu erzählen. Das würde ihn nur auf falsche Gedanken bringen und darauf hatte sie nun wirklich keine Lust.
Seltsamerweise hatte Sirius kaum Verständnis für ihre Situation aufbringen können, als sie ihm von dem Gespräch erzählte. „Immerhin hast du sowas wie ein Liebesleben.", sagte er halb ironisch.
Tonks verdrehte die Augen. „Proudfoot ist ein Idiot. Und jetzt denkt Scrimgeour, dass ich mich mit ihm abgebe."
Sirius kicherte. „Und wer ist, deiner Meinung nach, kein Idiot?"
Peinlich berührt blies Tonks die Backen auf und ließ die Luft langsam entweichen. „Keine Ahnung … Bill? Obwohl, seit er mit dieser Fleur rumhängt, fang ich an, an ihm zu zweifeln." Sirius zog bedeutungsvoll eine Augenbraue hoch. „Ich will nichts von Bill! Bei Merlins Unterhose!", lachend schüttelte Tonks den Kopf und bekleckerte sich dabei mit Butterbier. „Nein, ich steh eher auf ältere Typen, Leute mit Kampferfahrung und … Esprit."
Sie und Sirius sahen sich einen Moment an, bevor sie beide in Gelächter ausbrachen. „Du bist manchmal unbezahlbar!", Sirius wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich bin da ja völlig anspruchslos." Er hielt kurz inne. „Zumindest war ich das vor Askaban … Hab seitdem natürlich niemand mehr kennengelernt. Diese Dinge kommen mir mittlerweile fast unbedeutend vor … Naja jedenfalls hatte ich damals trotz meiner Rüpelhaftigkeit eine ziemlich heiße Hexe am Start. Lydia, hieß sie. Hab ich bei Lilys und James' Hochzeit kennengelernt." Sehnsuchtsvoll verstummte er in Gedanken an eine vergangene, bessere Zeit.
Tonks nickte mitfühlend. „Was ist aus ihr geworden?"
Sirius zuckte scheinbar unbekümmert die Schultern. „Wer weiß … Vielleicht hat sie den Krieg ja überlebt."
„Hast du je versucht, Kontakt aufzunehmen?"
Ihm entfuhr ein bellendes Lachen. „Ja klar! Ich als Ex-Häftling und gesuchter Massenmörder. Da würde sie sich bestimmt freuen. Abgesehen davon bin ich ziemlich sicher, dass sie auch ohne diese ungünstigen Umstände unsere ersten Dates lieber vergessen würde …" Tonks sah ihn fragend an. Sirius hob entschuldigend die Hände. „Habs dir doch gesagt, ich war ein selbstverliebter Rüpel. Und bin es eigentlich immer noch." Tonks gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf.
Eine kurze Stille folgte, in der beide ihren eigenen Gedanken nachhingen. Kurz zögernd fragte Tonks, um einen beiläufigen Ton bemüht,: „Und Remus? Wen hatte der so ‚am Start'?"
„Remus? Puh, der war vielleicht ne harte Nuss. Extrem scheu, wie du dir denken kannst." Sirius dachte stirnrunzelnd nach. „Ich glaube bevor sie mich eingesackt haben hatte er nur eine feste Freundin. Aber wie die hieß, weiß ich echt nicht mehr. Ging übel aus mit den beiden. Remus war immer schon ein Romantiker. Hätte wohl auch gern so früh geheiratet wie James, der Knallkopf. Aber irgendwie hat das mit seiner damaligen Freundin gar nicht hingehauen. Sein kleines flauschiges Problem hat sie wohl abgeschreckt, auch wenn sie das nie direkt gesagt hat." Er lächelte, als er Tonks' perplexen Blick sah. „So haben wir Remus' Verwandlung getauft. Sein kleines flauschiges Problem."
Gerührt dachte Tonks an den jungen hoffnungsvollen Mann zurück, der Remus damals gewesen sein musste. Und schmerzlich wurde ihr die Enttäuschung und Trauer bewusst, die ihren Freund seit diesen Tagen transformiert hatten.
Das Abendessen war an ihr vorbeigerauscht, ohne weitere Eindrücke bei Tonks zu hinterlassen. Die Gruppe löste sich langsam auf. Mrs Weasely räumte die Küche auf und die Jugend versammelte sich für eine Partie Koboldstein. Dädalus hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und stimmte missmutig seine Laute.
Einer spontanen Eingebung folgend ging Tonks zu ihm hinüber. „Spielst du nochmal was für uns?" Er schnaubte entrüstet. „Wenn ich mich wieder dem Spott preisgeben soll …"
„Nein, versprochen. Ich wollte ein ganz bestimmtes Lied hören. Das von der Hochzeit der Potters."
Kurz schockiert erwiderte Dädalus erst nichts, doch dann breitete sich ein sanftes Lächeln auf seinen Zügen aus. „Eins meiner besten."
Wie heute Bräutigam und Braut
heiter in die Zukunft schaut,
wollen auch wir frohen Mut,
Tatendrang und Freiheitsglut
auf diesem, ihrem, Weg verbreiten,
auf das sie ihn zu zweit beschreiten.
Wer hätts gedacht?
Ja so ein Fest!
Nach tagelangem Schaudern!
Wolln heute singen, fröhlich sein
und nicht mehr länger zaudern!
Wie heute Braut und Bräutigam
Sich dreht zu diesem Wohlgesang,
so dreht sich auch das Rad der Zeit,
bringt Zukunft und Vergangenheit
und die Geschicke in ihr Lot.
Seht her, das Licht besiegt den Tod!
Wer hätts gedacht?
Ja glaubt daran!
Mit Adleraug' und Löwenmut.
Haltet euch fest und singt mit mir
Denn es wird alles gut!
Denn es wird alles gut …
