Tonks hatte die Weihnachtstage mit ihrer Familie im Haus ihrer Eltern verbracht. So gern sie die Weasleys und Sirius hatte, das Haus am Grimmauldplatz war mit all seinen Gästen beinahe aus allen Nähten geplatzt und so hatte sie sich entschieden, der Einladung ihrer Mutter zu folgen und zum ersten Mal seit Jahren wieder langweilige ländliche Weihnachten in Yorkshire zu verbringen. Allerdings hatte sie die erholsame Ruhe nur wenige Tage ausgehalten und sich schon bald, beladen sowohl mit anklagenden Blicken Andromedas als auch mit selbstgestrickten Socken ihrer Tante Ursula wieder auf den Weg nach London gemacht. Schließlich hatte sie hier mehr als genug Verpflichtungen ...
Glockengeläut wehte durch die grün geschmückten Gänge des St Mungo Hospitals als sie am Morgen des 31. Dezember beschwingt durch das Schaufenster von Reinig&Tunkunter trat. Um ihren Patienten den unangenehmen Aufenthalt im Krankenhaus, noch dazu in der Weihnachtszeit, erträglicher zu machen, hatten sich die Angestellten ins Zeug gelegt, um eine festliche und heimelige Atmosphäre zu schaffen.
Belustigt musterte Tonks eine Hexe, auf deren Hut ein dicker Kranz aus geflochtenem Lametta thronte, als Alastor ihr ungeduldig vom anderen Ende der Rezeption zuwinkte. Er war gerade dabei, die Bemühungen eines reizenden jungen Heilers abzuwehren, der heiße Schokolade an die Wartenden verteilte.
Lächelnd drängte Tonks sich durch das allgemeine Gewusel und nahm dem aufdringlichen Heiler galant die dampfende Tasse aus der Hand. „Vielen Dank, aber mein Großonkel verträgt keine Schokolade. Er bekommt Nierenstein davon, nicht wahr?" Alastor sah sie böse an und wich rasch ihrer ausgestreckten Hand aus, bevor sie ihn in die narbige Wange kneifen konnte. Der Heiler machte sich errötend davon. „Bist du schon angemeldet?", fragte Tonks, während sie genüsslich den Schokoladenduft einsog. Alastor grunzte zustimmend. „Sehr gut!", sagte sie aufmunternd.
Ihr war klar, dass ihr Mentor sie für seine wöchentliche Behandlung eigentlich nicht brauchte. Sein Vorwand, die Formulare seien zu klein gedruckt und das Personal zu geschwätzig, war Ausdruck seines Wunsches, nicht allein zu sein. Tonks war alles recht und sie würde mit Vergnügen jede Woche bis ans Ende ihres Lebens in diesem Wartesaal herumhängen, solange Alastor sich endlich ernsthaft mit seinem Zustand auseinandersetzte.
Es hatte ihn einiges an Überwindung gekostet, sich diagnostizieren zu lassen. Noch mehr Überwindung, sich Tonks anzuvertrauen. Nun fühlte sie, dass es ihre Aufgabe war, Alastor auf diesem schwierigen Weg zu begleiten, ihm gut zuzureden und dafür zu sorgen, dass er seine ambulante Behandlung auch tatsächlich durchzog.
Sie hatte kaum ihre heiße Schokolade ausgetrunken, als die Lametta-Hexe wieder auftauchte und sie ausgesprochen herzlich begrüßte. „Mr Alastor Moody? Folgen sie mir bitte!" Heilerin Strout, wie ihr Namensschild verriet, plauderte auf dem Weg zur Station für Langzeitfluchschäden munter vor sich hin, winkte anderen Heilern und Patienten und schien in jeder Hinsicht ganz in ihrem Element.
Als sie ihr Ziel schon beinahe erreicht hatten, sah Tonks zu ihrer Überraschung einen hochgewachsenen, rothaarigen Mann, der soeben das Treppenhaus betrat. „Huhu, Mr Weasley!" Doch es war nicht Bill, der sich vielleicht in der Station geirrt hatte – was ohnehin unwahrscheinlich war, da Tonks genau wusste, dass Arthur und seine Kinder gerade alle gemütlich am Feuer in der Küche des Grimmauldplatzes saßen –. Bis auf eins.
Percy sah wie immer müde und gestresst aus, erwiderte den Gruß der Heilerin allerdings höflich. „Wie schön, dass Sie sich heute wieder die Zeit genommen haben, Mr Bode zu besuchen! An Neujahr sollte niemand allein sein.", „Wie könnte Broderick sich mit Ihrer Fürsorge allein fühlen, Ms Strout?", erwiderte Percy routiniert, aber liebenswürdig. „Aww, Sie Schlingel!", flötete Ms Srout während sie Alastor und Tonks weiterführte. Beide nickten Percy im Vorbeigehen zu. Er beachtete sie allerdings kaum und verschwand zügig in Richtung Erdgeschoss.
Broderick Bode? Der Name kam Tonks bekannt vor. Arbeitete er nicht in der Mysteriumsabteilung? Sie erinnerte sich an ein Ordenstreffen, an dem Sturgis ihnen eine Liste der Unsäglichen, Zauberern und Hexen, die in der Mysteriumsabteilung arbeiteten, vorgelegt hatte. Sie planten an diesem Abend ihr Vorgehen zur Beschattung des Eingangs zur Abteilung. Broderick Bodes Name war Teil dieser Liste gewesen, dessen war sie sich sicher. Warum war er im St. Mungo? Und weshalb ging Percy ihn besuchen? Sie arbeiteten ja nicht in derselben Abteilung …
„Tonks?" Alastors Stimme riss sie aus ihren Grübeleien. Er und die Heilerin warteten auf dem nächsten Treppenabsatz auf sie.
„Äh, ich glaube, ich habe meine Handtasche in der Eingangshalle liegen lassen.", dachte Tonks sich rasch eine Ausrede aus. Alastor zog eine buschige Augenbraue hoch, da er dank seiner scharfen Beobachtungsgabe ganz genau wusste, dass sie nie eine Handtasche bei sich trug. Er sagte allerdings nichts und wandte sich achselzuckend zum Gehen.
„Fangt doch schon einmal an. Ich komme gleich nach." Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Tonks sich auf dem Absatz um und stieg die Treppen wieder hinab. Doch schon wenige Schritte später blieb sie stehen und wartete, bis das laute Klonk, das Alastors Holzbein verursachte, sich so weit entfernt hatte, dass der Hall verklang. Sofort kehrte sie um und bog in den Korridor ab, aus dem Percy wenige Momente zuvor gekommen war.
Sie ignorierte das Schild über der Flügeltür, das Eindringline darüber informierte, dass Unbefugten der Zutritt versagt war und Besucher sich in jedem Fall erst bei der Rezeption anmelden müssten. Aufmerksam studierte sie die Reihen von Namensschildern, die unter den Zimmernummern angebracht waren. Endlich fand sie Broderick Bode, der sich offenbar ein Zimmer mit zwei weiteren Patienten mit dem Namen Longbottom teilte. Waren sie nicht irgendwie mit dem Orden des Phönix verbunden?
Neugierig lugte Tonks durch die Tür, die zu ihrer Verblüffung nicht abgeschlossen war. Doch ein Blick auf die Bewohner des Zimmers offenbarte, dass es nicht nötig war, diese Fluchgeschädigten einzusperren. Die beiden Logbottoms, ein Mann und eine Frau mittleren Alters, saßen auf ihren Betten und beschäftigten sich stillvergnügt mit sich selbst. Er blätterte in einer Ausgabe von Martin Miggs, dem mickrigen Muggel und sie spannte ein kompliziertes Fadenspiel zwischen den Fingern. Keiner der beiden sah auf, als Tonks eintrat.
Broderick Bode lag scheinbar schlafend in seinem Bett. Der Tafel an seinem Fußende konnte Tonks entnehmen, dass er schon seit mehreren Monaten hier war, sein Zustand sich aber nur langsam verbesserte. Akute Verwirrtheit und Angstzustände … Dafür, dass er schon so lange hier war, wirkte sein Nachttisch nicht gerade persönlich. Neben einer Teetasse und einem kleinen zusammengeklappten Reiseschachbrett stand dort nur eine hässliche Topfpflanze, deren Blätter an Tintenfischarme erinnerten. Ratlos überlegte Tonks, was dem Mann fehlte und in welcher Beziehung er wohl zu Percy stand.
Da fühlte sie eine Hand auf der Schulter und fuhr herum. Mrs Longbottom hatte sich geräuschlos aus ihrem Bett erhoben und stand nun direkt hinter Tonks. Ihr hübsches rundes Gesicht war aschfahl, jede Spur des zufriedenen Ausdrucks von vorher war verschwunden. Stattdessen stand alarmierte Angst in ihren Augen. Ohne ein Wort hob sie die Hand und deutete anklagend auf die hässliche Topfpflanze. Dabei lockerte sie ihren Griff an Tonks Schulter nicht. Packte eher noch fester zu, um die Dringlichkeit ihrer stummen Botschaft zu betonen. Ein Schauer lief Tonks den Rücken hinunter. Was wollte diese arme Verrückte ihr mitteilen? Hatte ihr Anfall überhaupt etwas zu bedeuten? Vielleicht machten Fremde sie einfach nur nervös und sie wollte, dass Tonks ging. Doch was für ein Problem hatte sie dann, bei Merlin, mit dieser Pflanze!
Tonks wusste sich keinen Rat und versuchte sanft zu verhandeln: „Hallo, ich bin Tonks. Entschuldigen Sie, dass ich hier einfach so reinplatze. Ich wollte nur nach Mr Bode sehen. Wissen Sie vielleicht, was ihm fehlt?" Anstatt zu antworten, deutete Mrs Longbottom nur mit noch deutlicherer Entschiedenheit auf die Topfpflanze. Aus ihr war wohl kein vernünftiges Wort herauszubekommen.
Dafür hatten Tonks Worte den schlafenden Mr Bode geweckt. Noch mit geschlossenen Augen streckte er sich stöhnend und lachte heiser. „Bist du zurückgekommen, um mich doch noch fertigzumachen, Weasley?" Seine Lider flatterten und Tonks erwiderte seinen glasigen Blick. Erschrocken fuhr sie zurück und schüttelte die Hand der verrückten Frau im Nachthemd ab.
Diese Situation überstieg eindeutig ihre sozialen Kompetenzen. Sie verstand kein Wort, von dem, was die Patienten ihr mitteilen wollten. Wenn sie denn tatsächlich einen klaren Gedanken fassen konnten, den es zu kommunizieren galt.
In diesem Moment hörte sie Schritte auf dem Gang, begleitet von dem Quietschen der Rädern eines Servierwagens. Das muntere Geplauder zweier Heiler wurde hörbar und Tonks hechtete hinter die Tür. Keine Sekunde später schwang diese auf und der Duft von Truthahn und Cranberry-Sauce füllte den Raum.
„Mrs Longbottom, sie bekommen ja kalte Füße!" Während die Heiler die verwirrte Frau wieder ins Bett verfrachteten und den Patienten ihren Neujahrslunch servierten, gelang es Tonks, ungesehen aus dem Zimmer zu entwischen.
Ihr Kopf summte vor lauter Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Sie konnte den Ausdruck in Bodes starren Augen nicht vergessen. Er erinnerte sie an den ausdruckslosen, glasigen Blick, mit dem Sturgis sie angesehen hatte, als er unter dem Imperiusfluch stand. Aber lies die Wirkung des Fluchs für gewöhnlich nicht rasch nach, wenn er nicht erneuert wurde? Was rechtfertigte Bodes monatelangen Aufenthalt im St Mungo, wo er doch von der magischen Strafverfolgung zu seinem Zustand befragt werden müsste? Ein Mitarbeiter der Mysteriumsabteilung, der unter dem Einfluss des Imperiusfluchs stand, war sicherlich nicht nur dem Orden großer Anlass zur Sorge.
War Percy deshalb hier gewesen? Um Bode zu befragen? Schließlich arbeitete er eng mit dem Zaubereiminister zusammen.
Oder – erneut überkam Tonks ein kalter Schauer – war der Grund seines Besuchs dunklerer Natur? Percys ganze Familie sagte, dass er sich seit Monaten merkwürdig verhielt und besonders Harry wie die Pest mied. Was wenn der ehrgeizige Musterschüler mehr anstrebte, als der ewige Juniorassistent des Ministers zu bleiben? Dem Orden war schon lange klar, dass Cornelius Fudge sich, ignorant wie er war, unter anderem mit ehemaligen Todessern umgab, allen voran Lucius Malfoy. Was wenn der Einfluss des reichen Reinblüters langsam auf Percy abfärbte? Konnte das zu der Trennung von seiner Familie beigetragen haben? Und war es nicht auch Lucius Malfoy, der Sturgis solche Angst eingejagt hatte? Nun saß er hinter einer Zellentür Askabans. Und Broderick Bode lag unter der Aufsicht fürsorglicher, aber strenger, Heiler im St Mungo. Bist du zurückgekommen, um mich doch noch fertigzumachen, Weasley? Das waren seine Worte gewesen.
Tonks hastete zum Ausgang der Station. Alastor würde warten müssen.
