Neujahrsnacht

„Tonks! Du siehst gut aus! Geht es dir gut?" Bill ließ seine Koffer einfach an Ort und Stelle fallen und zog sie in eine feste Umarmung, die schnell in eine kleine Keilerei ausartete. Das Rumsen des Gepäcks, Kreachers Gezeter und ihr lautes Lachen sorgten dafür, dass Madam Black lauthals zu schreien begann. Hastig rissen Bill und Tonks an den Vorhängen neben dem Gemälde, um die kreischende Hexe wieder auszusperren.

In der einkehrenden Stille fielen sie sich unbehaglich kichernd wieder in die Arme. „Wie war Frankreich?", flüsterte Tonks aufgeregt auf dem Weg nach oben. Bill erwiderte mit einem müden Lächeln. „Sehr französisch."

Glucksend duckte Tonks sich in das nächste Gästezimmer, wo sie bereits ein Bett für ihren Freund bezogen hatte. „Ich hab alle Schubladen nach Irrwichten und Doxies durchsucht.", erklärte sie stolz. „Du kannst also beruhigt einschlafen. Macht es Fleur nichts aus, dass du schon früher abreisen wolltest?"

Bill verzog die Miene. „Doch … aber ich finde, zwei Wochen mit Madam und Monsieur Perfekt und dazu die kleine Mademoiselle Naseweis sind mehr als genug fürs erste." Er streckte sich genüsslich auf dem Bett aus. „Furchtbar nette, gastfreundliche Leute. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mich nicht gut genug für Fleur finden."

„Sei nicht albern!" Tonks hüpfte überschwänglich neben ihn auf die Matratze. „Bestimmt hast du sie mit deinem überlegenen Charme nur eingeschüchtert. Kennt ein Weasley überhaupt so was wie zu viel Familienglück?", neckte sie.

„Percy schon …", brummte Bill mürrisch.

Tonks biss sich auf die Lippe. Beklommen sah sie ihrem Freund beim Auspacken zu. „Du … Bill?", begann sie vorsichtig.

„Mhm?" Bill betrachtete sich gerade im Spiegel und hielt sich abwechselnd eine zerfledderte ziegelrote und eine deutlich eleganter wirkende blaue Satinfliege an den Kragen. „Findest du auch, dass sich die rote mit meinen Haaren beißt?", fragte er bekümmert.

Überrascht musterte Tonks die rote Fliege, die Bill schon seit seiner Schulzeit besaß. Über Bills Kleidungsstil in Kombination mit seiner Haarfarbe hatte sie sich in all den Jahren ihrer Freundschaft nun wirklich wenig nachgedacht. „Äh … weiß nicht … aber Bill, ich wollte dich etwas über Percy fragen." Bill nickte nur und besah weiter unglücklich sein Spiegelbild. Sonst so selbstbewusst und locker war dieses Verhalten sehr untypisch für ihn.

„Percy?", fragte er geistesabwesend. „Den hab ich schon seit … Herbst nicht mehr gesehen. Bei Merlin, er hat sich nicht mal gemeldet, als Dad im St Mungo war."

Tonks nickte nachdenklich.

Bevor sie weiterbohren konnte, hielt Bill ihr erneut die zwei Fliegen vor die Nase. „Also? Welche sieht besser aus?"

Skeptisch musterte sie das abgetragene rote Band, das schon gebraucht gekauft worden war und nun schmuddelig neben der schimmernden meerblauen, nach Freisen duftenden Fliege baumelte. Seufzend lenkte sie ein: „Hat Fleur dir die Fliege geschenkt?"

Bill nickte unglücklich. „Sie hat gesagt, ich soll was Schickes für Weihnachten mitbringen. Aber als sie meinen Festumhang gesehen hat, wollte sie mir unbedingt einen Neuen besorgen. Als ob ich das annehmen würde … Wir haben uns dann auf die Fliege geeinigt."

„Und sie gefällt dir nicht?", fragte Tonks geduldig.

„Doch, sie gefällt mir!" Bill warf frustriert die Arme in die Luft. „Nur bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich mein ganzes Leben lang mit meiner alten Fliege wie ein Idiot ausgesehen habe."

Tonks kicherte. „Jeder sieht mit Fliege wie ein Idiot aus. Egal welche Farbe."

„Nicht Fleurs Dad … An ihm sieht sogar ein Schnurrbart gut aus … und kurze Beine!"

Tonks konnte nicht verhindern, dass sie bei der äußerst albernen Vorstellung dieses Zauberers in schallendes Gelächter ausbrach. Von ihrem hüpfenden Zwerchfell geschüttelt, japste sie: „Wenn du ihn so toll findest, wieso heiratest du ihn dann nicht?"

Bill grinste bedauernd. „Ich kann seiner Frau nicht das Wasser reichen." Worauf Tonks nur noch heftiger kicherte. Sie war so froh, Bill zurück in London zu haben. Zu lange hatte sie auf seine Gesellschaft und seine Fähigkeit, sie all ihre Sorgen vergessen zu lassen, verzichtet.


Spring auf meinen Besen,

und halt dich an mir fest!

Ich spüre deinen Herzschlag.

Du und ich gegen den Rest!

Und wir heben ab, ab, ab, ab, ab!

Immer weiter hoch, lass mich bloß nicht los!

Du und ich sind frei und grenzenlos.

Der Himmel ist weit und, oh, so hoch, ho, ho, hoch!

Tonks' Kopf drehte sich vom Feuerwhiskey. Sie stand zwischen Bill und Sirius eingekeilt auf einer der schweren Holzbänke in der Küche des Grimmauldplatzes und schmetterte aus voller Kehle den Schlager mit, der aus dem alten Grammophon drang. Mundungus hatte es mitgebracht, zusammen mit der einzigen Platte, die er auf die Schnelle hatte ergattern können: Dorian Sternstrahlers magische Hits. Erst hatten sie sich über die schnulzige Musik und platten Texte lustig gemacht, doch je öfter sie die Platte von Neuem hörten und je mehr sie tranken, desto mehr Begeisterung konnten sie für die eingängigen Melodien aufbringen. Tonks wusste die Texte schon bald auswendig während Sirius sie noch aus seiner Jugend kannte.

„Das war damals der letzte Schrei.", erinnerte er sich leicht errötend.

„So wie Verschwinde-Kabinette und Leuchtkrawatten?" Bill warf ihm einen Arm um die Schulter.

Sirius lachte bellend. „Die waren todschick!"

Neben den beiden hatte sich eine bunte Gruppe von Ordensmitgliedern im Hauptquartier eingefunden, um das Jahr gemeinsam ausklingen zu lassen: Mundungus natürlich, der sich einen Umtrunk mit freien Snacks nie entgehen ließ. Dädalus Diggel und Hestia Jones standen angeregt diskutierend am Kamin. Alastor saß mit Emmeline am anderen Ende des Tisches und zur allgemeinen Begeisterung war auch Hagrid angereist. Tonks wunderte sich zwar, dass die zahlreichen Verletzungen, mit denen er von seiner Mission bei den Riesen zurückgekehrt war, noch nicht verheilt zu sein schienen, vergaß sie aber rasch über die urkomischen Geschichten und Anekdoten des Halbriesen. Zum Glück hatte er sein eigenes Fässchen Met mitgebracht, denn andernfalls wäre dem Rest von ihnen schnell der Alkohol ausgegangen.

Da dies nun nicht der Fall war, gelang es Tonks, Bill jedes Mal, wenn er davon anfing, wie sehr er Fleur vermisste und wünschte, sie wäre hier, einen weiteren Becher Feuerwhiskey aufzudrängen. Sie selbst blieb lieber bei ihrem Butterbier, da sie keinen Kater riskieren wollte. Statt sich zu betrinken, versuchte, sie Bill mehr Informationen zu seinem Bruder Percy zu entlocken. Wo genau im Ministerium er arbeitete, woher er Broderick Bode kennen könnte und weshalb er ihn im Krankenhaus besuchen würde.

Aber Bill zeigte sich diesbezüglich wortkarg und schlecht informiert, weshalb Tonks es schließlich aufgab und durch den Raum stromerte. Mit ihren schlimmsten Befürchtungen hielt sie sich erstmal zurück. Es war schließlich keine leichte Angelegenheit, einem guten Freund, den Verdacht, sein Bruder sei ein Todesser, schonend zu erklären. Sie war sich selbst nicht mehr sicher, wie sie Percys Verhalten einstufen sollte. Was ging es sie schon an, wen er im St. Mungo besuchte? Er war schließlich immer noch einer des Weasleys …

„Scheinbar wird einem beim Gebrauch überhaupt nicht schwindlig!" Hestia, die einen kleinen Gemischtwarenladen in der Winkelgasse betrieb, erzählte Dädalus gerade von einer neuen Sorte Flohpulver, die bald auf den Markt kommen sollte.

Tonks ging weiter, um Alastor über die Schulter zu sehen. Er und Emmeline brüteten über einigen Papieren, darunter der neusten Ausgabe des Klitterer. Die Schlagzeile auf der Titelseite lautete: Schlickschlupfe und was sie uns sagen wollen. Viel kleiner darunter prangte der Artikel, der sie wirklich interessierte: Dementoren außer Rand und Band – Warum sieht das Ministerium tatenlos zu? Emmeline beschwerte sich gerade, dass dieser wichtige Beitrag unter der sinnlosen Schlagzeile nicht richtig zu Geltung kam und wohl kaum eine breitere Leserschaft erreichen würde.

„Wir könnten den Artikel doch irgendwo anders veröffentlichen.", brummte Alastor. „In einem anderen Kontext könnte er viel Aufsehen erregen. Dieser Lovegood schreibt ja nicht schlecht."

Tonks nickte aufgeregt. „Ja, wir könnten Zitate auf Flyer drucken und sie im Ministerium verteilen. Oder in der Winkelgasse!"

Emmeline schnaubte mutlos und nippte an einem zierlichen Glas Goldlackwasser.

„Und wenn wir schon den Aufwand betreiben, muss noch eine Anleitung für den Kampf gegen Dementoren mit drauf.", fügte Alastor grimmig hinzu.

„Niemand kann von einem Stück Pergament lernen, einen Patronus heraufzubeschwören.", entgegnete Emmeline.

„Wie wäre es mit einem Schutzzauber? Der würde einem mehr Zeit verschaffen, um zu verschwinden.", überlegte Tonks.

„Nur wenn er stark genug ist. Und was ist mir Muggeln?"

„Das ist ja nochmal ein ganz anderes Problem."

Während die beiden weiterdiskutierten, wandte Tonks sich wieder der Gruppe um den Plattenspieler zu. Dorian Sternstrahler war inzwischen zu einer kitschigen Ballade übergegangen. Grinsend hängte sie sich bei Bill unter und sie schunkelten im Takt. So zahlreich und drängend ihre Probleme auch waren, heute Nacht waren sie alle beisammen und unversehrt. Und sie hatten Hoffnung, das war das allerbeste daran.

Duuuuu bist die Hexe für mich.

Ein Liebestrank, ein Zauberbann.

Liiiiebst du mich so wie ich dich?

Wenn du mich brauchst, ich bin dein Mann!


Als Tonks kurz nach Mitternacht in ihr Zimmer im Dachgeschoss zurückkehrte, fühlte sie sich angenehm berauscht und glücklich. Da viele von ihnen am nächsten Tag arbeiten mussten, hatte sich die Runde schon bald nach dem mitternächtlichen Toast aufgelöst. Sirius, Mundungus und Alastor saßen noch in der Küche zusammen, aber Tonks war zu erschöpft, um noch länger wach zu bleiben. Ihr dröhnte immer noch die quäkenden Töne des Plattenspielers in den Ohren und der letzte Shot Giggelwasser ließ den Raum leicht schwanken.

Vor ihrem Fenster erleuchteten vereinzelte Feuerwerke der Muggel immer noch die Nacht. Die dumpfen Detonationen, die durch ihr leicht geöffnetes Fenster drangen, bildeten eine beruhigende Geräuschkulisse, die sie schläfrig machte. Sie ging zu dem altmodischen Frisiertisch, streifte ihren Schmuck ab und streckte sich genüsslich. In einer Kristallvase stand immer noch die weiße Rose aus Wachs, die Sirius am Tag ihres Einzugs für sie gemacht hatte. Manchmal bildete sie sich ein, sie würde tatsächlich einen schwachen Blumenduft verströmen.

Alles, was sie jetzt roch, war allerdings der beißende Gestank nach Schwefel und Schwarzpulver, der aus der eisigen Nacht in ihr Zimmer drang. Sie hob den Zauberstab, um das Fenster zu schließen, hielt jedoch inne, als sie durch das Glas einen seltsamen Silberschweif erblickte.

Neugierig kniete sie sich aufs Bett, um besser zu sehen. Das leuchtende Etwas bewegte sich schwerelos durch die Nacht und flog mit alarmierender Geschwindigkeit direkt auf sie zu. Tonks wusste zwar, dass nichts Schädliches in das Hauptquartier eindringen konnte – dafür sorgten ihre Banne und der Fideliuszauber – dennoch knallte sie reflexartig das Fenster zu.

Gleich darauf kam sie sich albern vor, denn der Hauch schwebte unbeeindruckt weiter und ließ sich von der Glasscheibe nicht aufhalten. Wie ein Stein die Wasseroberfläche eines stillen Teichs, durchbrach das Licht das Fenster, waberte einen Moment vor Tonks' Gesicht und verwandelte sich dann leise und schnell wie ein Wimperschlag in einen silbernen Wolf.

Erstaunt rutschte Tonks von ihren Knien auf den Hintern, den Zauberstab immer noch fest in der Hand, aber nicht mehr zum Kampf erhoben.

Der Patronus ließ sich ebenfalls elegant auf ihrer Bettdecke nieder und begann dann mit Remus tiefer Stimme zu sprechen: „Komm gut hinüber ins neue Jahr."

Sehnsucht überkam sie. Es war so erleichternd und gleichzeitig belastend, zu wissen, dass Remus heute Nacht an sie dachte. Ein warmes Kribbeln überlief sie vom Kopf bis in die Fußspitzen. Obwohl die Geste sie so rührte, wünschte sie, Remus hätte mehr über sein Wohlergehen und die Mission bei den Werwölfen preisgegeben. Sie wünschte, sie könnte ihm antworten, um ihm ebenfalls ein Frohes Neues Jahr zu wünschen. Und sich vielleicht auch für ihren egoistischen Sturkopf zu entschuldigen. Um ihm zu sagen, dass außer seiner Sicherheit nichts für sie zählte.

Doch natürlich war das keine Option. Remus stand im Lager der Werwölfe sicher unter Beobachtung und Kontakt zu einem Außenseiter würde seine Kumpane nur misstrauisch machen. Bei Merlin, Tonks wusste nicht einmal, wie man einen Patronus sprechen ließ! Und ein Brief war viel zu riskant. Was wenn Todesser ihn abfingen und seinen Ursprung ermittelten?

Dieses Lebenszeichen von Remus musste ihr in diesem Augenblick genügen. Lächelnd sah sie, dass der silberne Wolf nicht sofort wieder verschwand, sondern sich neben ihr zusammenrollte und die Augen schloss.

Vorsichtig, um ihn nicht zu vertreiben, streifte Tonks ihre Schuhe ab und legte sich dazu. Sie stellte sich vor, Remus wäre ganz nah bei ihr. Sie erinnerte sich an seine nebelgrauen Augen, die stehts erschöpft, aber wachsam funkelten. Seinen schnellen Verstand und seine sorgsam gewählten Worte, mit denen er ein Herz brechen oder zum Schmelzen bringen konnte. Die silbrigen Narben, die sich über sein Gesicht zogen und ihn für andere Menschen entstellen mochten, nicht aber für Tonks.

Die angenehme Wärme, die von dem sich langsam hebenden und senkenden Körper des Patronus ausging, machten sie schläfrig und bevor sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, fielen ihr die Augen zu.


Ein lauter Knall ließ sie hochschrecken. Es war immer noch Nacht. Tonks rieb sich die Augen und sah sich um. Remus' Patronus war verschwunden. Sie war in einer seltsam verdrehten Position eingeschlafen und ihre schmerzenden Glieder sagten ihr, dass ihr Nickerchen mehrere Stunden gedauert haben musste. Am Himmel draußen stoben grüne Funken wie von einem verspäteten Feuerwerk. In Gedanken die lärmenden Muggel verfluchend drehte Tonks sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Ein weiterer Schlag ertönte und tauchte ihr Zimmer in helles Licht. Drauf und dran, die Vorhänge zu schließen, rappelte Tonks sich auf und sah aus dem Fenster. Das Blut gefror ihr in den Adern. Sie war sofort hellwach, packte ihre Schuhe und rannte zur Treppe.

Im zweiten Stock hämmerte sie wie besessen an Sirius' Tür. „Wach auf! Wacht alle auf! Es ist das Dunkle Mal!"