Der hilfreiche Elf
Als sie auf den Stufen vor Grimmaulsplatz Nr. 12 apparierten, hatte Sirius wieder Menschengestalt angenommen. Halb bewusstlos stützte er sich auf Tonks ab, die ihr Bestes gab, ihn schleunigst ins Haus zu befördern. Innerlich die Schutzzaubers des Hauses verfluchend, kramte sie in ihrer Tasche nach dem alten verrosteten Schlüssel und ließ ihren Blick über den leeren Platz wandern.
Glücklicherweise war um diese Zeit keine Menschenseele mehr auf den Straßen zu sehen. Nur die abgebrannten Feuerwerkskörper und Glasscherben auf dem Pflaster erinnerten an die feiernden Muggel, die Stunden zuvor den Grimmauldplatz bevölkert hatten. Nun lag er da wie tot und die anbrechende Dämmerung tauchte den steif gefrorenen Rasen in kaltes Licht. Für eine Schrecksekunde dachte Tonks, Dementoren verursachten diese Eisesstarre, doch dann fiel ihr wieder ein, dass ja Winter war und dass sie sich in letzter Zeit so vorsichtig verhalten hatten, dass es keinen Grund für das Ministerium gab, diese Gegend zu beschatten.
Endlich fanden ihre zitternden Finger den Schlüssel und sie bündelte ihre verbliebenen Kräfte, um Sirius über die Schwelle zu schieben. Schon in der Eingangshalle brach er zusammen, seine Verletzungen hatten ihn sehr geschwächt und Tonks hatte Sorge, ihn nicht richtig behandeln zu können. Hätte sie doch im Grundkurs für magische Erste Hilfe besser aufgepasst! Doch dass ihr Großcousin nicht einfach auf dem staubigen grünen Teppich liegen bleiben konnte, war ihr auch ohne Training klar. „Locomotor!", flüsterte sie und dirigierte Sirius' erschlafften Körper mit ihrem Zauberstab die Treppe hinauf.
Nachdem sie ihn erfolgreich in sein Zimmer gebracht und dort auf dem Bett abgelegt hatte, überlegte sie, wie es weitergehen sollte. Abgesehen von Seidenschnabel war das Haus leer und sie wusste nicht, wen sie sonst um Hilfe bitten könnte. Jeder Heiler würde Sirius vermutlich eher vergiften als ihm zu helfen und Molly Weasley zu kontaktieren würde womöglich zu lange dauern. Doch dann fiel ihr der älteste Bewohner des Hauses ein.
„Kreacher!", rief sie leise, nicht sicher, ob es funktionieren würde. Vermutlich schlief er in irgendeinem Winkel. Hatte er ein eigenes Zimmer? Ihre Ignoranz gegenüber dem unfreundlichen Hauselfen änderte nichts daran, dass Tonks ihn jetzt brauchte. „Kreacher!", wiederholte sie etwas lauter. Sirius gab ein Stöhnen von sich und sie drehte sich besorgt zu ihm um. Im selben Moment erschien Kreacher mit einem lauten Knall, der sie zusammenfahren ließ. Der Elf wirkte hellwach, rückte sich aber dennoch mit vorwurfsvoller Miene eine provisorische Schlafmütze bestehend aus einem alten Waschlappen zurecht.
„Was wünscht sie?", fragte er mit einer übertriebenen Verbeugung. „Unverschämtheit, Kreacher mitten in der Nacht aus dem Bett zu jagen. Die Blutsverräterbande lässt Kreacher keine ruhige Minute …", fügte er leiser hinzu. Tonks überging diesen Kommentar und sagte so gebieterisch, sie konnte: „Dein Meister ist verletzt, Kreacher. Hilf mir, ihn zu heilen." Beim Anblick des bewusstlosen Sirius weiteten sich die Augen des Hauselfen überrascht. Einer Art innerem Zwang folgend, schritt er sofort zur Tat, schob sich unsanft an Tonks vorbei, besah sich die Verletzungen, holte Wasser und Verbände.
Verblüfft beobachtete sie, wie der Hauself mit schnellen fachmännischen Bewegungen Sirius Wunden reinigte und verband. Immer wenn Sirius ein kurzes Stöhnen ausstieß oder sich sonst wie über die wirksame, aber harsche Behandlung beschwerte, wedelte Kreacher kurz mit seiner kleinen, runzeligen Hand vor seinem Gesicht herum, woraufhin Sirius' Züge sich sofort glätteten. Diese simple Elfenmagie, die ohne Worte oder einen Zauberstab funktionierte, erstaunte Tonks so sehr, dass sie geistesabwesend auf den Stuhl neben Sirius' Bett sank, um dem faszinierenden Prozess beizuwohnen. Sie erwachte erst aus ihrem erschöpften Trancezustand als Kreacher ihr mit vielsagendem Blick eine kleine Flasche Diptam in die Hand drückte. Sie bemerkte, dass ihre Knie und Hände aufgeschürft waren und von einer kleinen Wunde am Kopf sickerte Blut über ihre Wange. Im Eifer des Gefechts hatte sie die Verletzungen gar nicht bemerkt.
Während sie die Schnitte mit der Medizin beträufelte, dämmerte ihr langsam, wie gefährlich die vergangene Stunde gewesen war. Die Todesser waren ihnen, Sirius nicht mitgezählt da er keinen Zauberstab bei sich trug, zahlenmäßig überlegen gewesen. Und nach dem, was Tonks gesehen hatte, waren sie alles andere als unwissende Stümper. Sie waren im Umgang mit Schwarzer und offensiver Magie offenbar bestens ausgebildet und ihre rohe Angriffslust hatte sie zu gefährlichen unberechenbaren Gegnern gemacht.
Tonks versuchte mit aller Macht das Bild des toten Muggels aus ihren Gedanken zu verdrängen. Es schüttelte sie am ganzen Körper, wenn sie an seine verdrehten Gliedmaßen, das blutgetränkte Haar und die grausige Botschaft an der Wand der U-Bahnstation dachte. Magie ist Macht.
War das die neuste Parole der Todesser? Und wenn ja, wer verbreitete solche Hassbotschaften und über welche Kanäle? Waren Voldemorts Anhänger im Geheimen viel besser koordiniert, als der Orden oder Dumbledore annahmen? Wie würde das Ministerium dieses Verbrechen ahnden? Sie musste unbedingt ins Ministerium oder besser noch zurück zum Tatort, um der Polizeibrigade alles zu berichten. Schließlich waren sie, Alastor und Bill neben den Muggeln die wichtigsten Zeugen und würden sicher aussagen müssen. Auf dem Weg dorthin konnte sie sich noch eine glaubwürdige Ausrede überlegen, welche Umstände sie in den frühen Stunden des Neujahrsmorgens in diesen Teil von London geführt hatten. Offiziell wohnte sie ja noch bei Bill, Meilen entfernt vom Grimmauldplatz. Vielleicht konnte sie eine Party erfinden, von der sie gerade heimgekehrt war. Und sie war gelaufen, weil sie sich zu betrunken gefühlt hatte, um von Tür zu Tür zu apparieren.
Tonks war schon drauf und dran, sich eine Flasche Feuerwhiskey zu besorgen, um ihrer Story Glaubhaftigkeit zu verleihen, als ihr klar wurde, dass ihre Lügen nicht einmal den oberflächlichsten Nachforschungen würden standhalten können. Bei wessen Party sollte sie gewesen sein? Und weshalb war sie, nachdem sie die Todesser gestellt und unschädlich gemacht hatte, vom Ort des Verbrechens verschwunden, obwohl Hilfe vom Ministerium schon unterwegs war? Wie sie es auch drehte und wendete: Offenbarte sie ihre Verwicklung in die Geschehnisse, drohten ihr gefährliche Fragen, die wiederum Aufmerksamkeit auf das Hauptquartier und Sirius lenken konnten. Außerdem könnten ihre Lügenmärchen den Verdacht wecken, sie selbst hätte die Muggel angegriffen und wollte nun ihre Täterschaft vertuschen. Fieberhaft dachte sie darüber nach, ob sie irgendwelche Spuren hinterlassen hatte, die ihre Anwesenheit dort verraten könnten. Und was war mit Alastor und vor allem Bill, der die Polizeibrigade ja gerufen hatte? Sie würden den Morgen sicher im Ministerium verbringen, um Fragen zu beantworten.
Vielleicht war es unter diesen Umständen tatsächlich am klügsten, sie blieb hier mit Sirius, um seine Genesung zu überwachen. Schließlich sah ihr Großcousin trotz Kreachers Fürsorge immer noch aus, als wäre er unter Xenophilius Lovegoods Druckerpresse geraten. Vielleicht sollte Tonks ihm über den Angriff der Todesser Bericht erstatten, sodass wenigstens eine Zeitung die Wahrheit kannte.
Und dann waren da noch die drei Fläschchen voller Erinnerungen, die unheilvoll in ihrer Manteltasche gegeneinander klirrten. Sie wusste nicht recht, was sie damit anfangen sollte, glaubte sich aber daran zu erinnern, dass man ein spezielles Gerät oder so etwas benötigte, um die Erinnerungen abzuhören. Sicherlich würde ein solches Instrument sich in der Mysteriumsabteilung finden lassen, doch dass sie sich dort unbemerkt Zutritt verschaffen konnte, war unwahrscheinlich.
Sie hatte aber eine andere Idee … Wenig später verließen ein uralter Uhu und ein zierlicher Steinkauz das Hauptquartier. Die Eulen überwinterten im Dachstuhl des Hauses und Sirius fütterte sie reichlich, damit sie sich zu gelegentlichen Botengängen herabließen.
Vor den hohen Sprossenfenstern des Salons ging bereits die Sonne auf und schickte lange Strahlen über einen eisblauen, frischen Himmel. Bill und Alastor waren immer noch nicht zurück und Tonks konnte ihre Augen nicht mehr offenhalten. Der Schock, die Müdigkeit und Angst holten sie langsam ein, nun da die akute Gefahr vorüber war und sie rollte sich – wie so viele Male zuvor – auf dem alten Sofa der Blacks zusammen. Bei halbem Bewusstsein registrierte sie noch, dass Kreacher das Feuer im Kamin entzündete und ihr eine muffelige Decke über die frierenden Beine warf. Leise grummelnd machte er sich wieder in die Schatten des Hauses davon.
