Kapitel 2 - Und täglich grüßt das Murmeltier
Er kam nicht zurück.
Es war der vierte Tag ohne eine Nachricht von Severus.
Noch am ersten Tag hatte Remus das Haus für eine längere Abwesenheit vorbereitet.
Den Kühlschrank geleert, das Bett gemacht und alle Sicherungen raus gedreht.
Er hatte keine Ahnung, wie lange sie wegbleiben würden, also holte er die großen Laken heraus und deckte die größeren Möbelstücke damit ab.
Remus war ein absoluter Putzmuffel ganz im Gegensatz zu Severus. Aber es beschäftigte seine Hände und hielt ihn vom Denken ab, und so putzte er das ganze Haus, auch die Ecken, die sie gar nicht genutzt hatten. Zumindest den Staub wollte er wischen, auch wenn Severus das zwei Tage zuvor schon erledigt hatte.
Er könnte das Haus auch sauber zaubern, aber dann blieb ihm zu viel Zeit zum fühlen übrig.
Als er die Sachen, die er wieder mitnehmen wollte, zusammengepackt hatte, fiel ihm auf, dass sie wieder einmal viel zu viel Lebensmittel eingekauft hatten. Die haltbaren Sachen wie Nudeln und Mehl konnte er beruhigt da lassen. Ein Schutzzauber über dem Schrank würde es vor Ungeziefer bewahren.
Die frischen Lebensmittel nahm er mit. Sirius freute sich bestimmt darüber. Beschwerte er sich doch sonst scherzhaft darüber, dass Remus keinen Beitrag leistete, wo er doch schon kostenlos im Black Anwesen logieren durfte.
Sirius meinte es nicht so, wie er es sagte, aber er dachte auch nicht darüber nach, wie es in anderen Ohren klingen könnte.
Sirius war sein bester Freund. Zumindest war er der einzige Freund, der noch aus seiner alten Rumtreiberzeit übrig geblieben war. Allerdings hatte er sich nicht weiter entwickelt.
Während Remus nach seiner Zeit in Hogwarts in ein tiefes Loch von Depressionen und Arbeitslosigkeit gefallen war und sich in einer Welt zurechtfinden musste, in der es keinen Platz für Werwölfe gab, war Sirius in seiner eigenen Welt gefangen.
In Askaban hatte er keinen äußeren Einfluss, keine Herausforderungen, an denen sein Geist hätte wachsen können, niemanden, der ihn von seinen schlechten Gedanken abhielt, die doch wieder nur um ein und dieselbe Angelegenheit kreisten.
Für Sirius war die Zeit stehen geblieben. Alles, was ihm in Askaban blieb, waren die Erinnerungen an seine Schulzeit. Und als er schließlich entkam, hatte er immer noch die geistige Reife eines Jugendlichen.
Was Remus an ihm damals schon während ihrer Zeit auf Hogwarts gehörig auf die Nerven ging, kam ihm jetzt zwanzig Jahre später noch unerträglicher vor.
Es gab keinen Zweifel, dass Remus ihn liebte, wie einen Bruder. Vielleicht hatte es auch eine kurze Zeit gegeben, in der er sich mehr aus dieser Freundschaft erhofft hatte.
So wie das Schicksal sie auseinander gerissen hatte, so war diese bedingungslose Liebe eingegangen.
»Was gibt es da draußen zu sehen?«
Sirius stand auf einmal neben ihm in der Küche.
Er hatte auf ganz konventionelle Weise das Geschirr gespült. Die Tasse in seiner Hand hatte er bestimmt schon zum vierten mal geschrubbt.
Remus riss den Blick von der Fensterscheibe los. Er hatte nicht weiter hinaus geschaut. Sein Blick war an den Schlieren auf der Fensterscheibe kleben geblieben, während seine Gedanken auf Wanderschaft gingen.
»Was?« fragte er immer noch abwesend.
»Ich fragte, was es da draußen interessantes zu schauen gibt. Du starrst schon seit fünf Minuten raus und das Fenster zeigt auf eine Mauer.« Sirius setzte sich auf die Anrichte und biss genüsslich in einen grünen Apfel.
Sirius liebte grüne Äpfel. Er sagte, wenn er in einen Apfel beißen will, dann muss er saftig und knackig sein... und sauer. Zu sauer für Remus. Deswegen blieben die grünen Äpfel, die Molly immer mitbrachte, so lange in einer Schale auf dem Tisch stehen, bis Sirius sie allein vertilgt hatte.
»Ach, es ist nichts«, versuchte Remus sich herauszuwinden.
»Komm schon, Remy! Du bist ein schlechter Lügner! Das bist du schon damals in der Schule gewesen. Also spuck's schon aus, was dir auf der Leber brennt!« wollte Sirius ihn nicht vom Haken lassen.
»Ich sagte doch, es ist nichts, Tatze«, sagte er, senkte den Blick und legte die saubere Tasse zum Trocknen auf die Ablage.
Sirius starrte ihn noch einen Augenblick schweigend an.
Die grässliche Wanduhr neben der Tür tickte unheimlich laut. Jedes Tick, jedes Tack kitzelte mit unsichtbaren Krallen unangenehm in seinem Nacken. Die Uhr war sehr störrisch. Sie zeigte nie die richtige Uhrzeit an. Mal ging sie vor, dann wieder nach, und dann gab es noch die Tage, an denen sie einfach stehen blieb. Und wenn man sie von der Wand nahm und entsorgte, hing sie am nächsten Morgen wieder an der gleichen Stelle, mit der gleichen Staubschicht, die sie schon seit Jahren trug.
Es war auch überhaupt nicht unheimlich, dass sie beide in einem Haus lebten, das vollgestopft war mit verwunschenen Objekten und unlösbaren Bannzaubern. Würde man im Keller oder auf den Dachboden ein schwarzmagisches Artefakt finden, würde es Remus nicht wundern.
Sirius rutschte von der Anrichte und trat an Remus heran. Er kam ihm so nahe, dass Remus sich schon fast bedrängt fühlte.
»Hey, Moony«, fing Sirius an. »Es gab mal Zeiten, da haben wir uns alles erzählt.« Er rempelte die Schulter gegen seine. Es sollte brüderlich wirken.
Remus wusste diese Geste zu schätzen, doch er konnte sich nicht gegen den schalen Beigeschmack wehren, den Sirius' Nähe in ihm gerade auslöste. Sirius konnte sehr beharrlich sein, wenn er wollte. Er steckte seine Nase gerne in anderer Leute Angelegenheiten, besonders dann, wenn ihm langweilig war. Und Langeweile war dieser Tage stets präsent und trübte Sirius' Laune.
Andere würden behaupten, Sirius wäre einfach nur anhänglich, aber Remus wusste es besser. Sirius musste über alles Bescheid wissen, und wenn er es nicht herausfinden konnte, dann beschäftigte es ihn so lange, bis er schon fast manische Züge zeigte. Die Einsamkeit in diesen vier Wänden bekam ihm definitiv nicht gut.
»Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst, nicht wahr?« hakte Sirius nach.
Remus biss sich auf die Innenseite seiner Wange.
»Sag schon, Moony! Ist's 'ne Frau? Du wirkst so abwesend, als wenn du mit den Gedanken bei ihr im Bett wärst! Los sag's! Ich würde mich wirklich für dich freuen, wenn's 'ne Frau wäre! Ehrlich!« Seine Augen hatten einen besessenen Glanz.
Remus schnaufte verächtlich als Antwort.
»Ich würde so gerne wieder einmal zwischen den Beinen einer vollbusigen Frau liegen. Ihre Haut kosten. An ihren überempfindlichen Nippeln lecken, die sich mir wie kleine runzelige Knospen entgegenstrecken.«
Sirius war für seine Frauengeschichten bekannt gewesen.
Remus spülte den letzten Teller ab und ließ das Wasser ablaufen.
"Es ist keine Frau", nuschelte er mehr zu sich und mied jeden Augenkontakt mit Sirius.
"Keine Frau?" fragte Sirius äußerst skeptisch. "Was hat dir dann den Kopf verdreht, dass du in dieser Bruchbude selbst anfängst Hand anzulegen? Lass das doch Kreacher machen."
Den Vorschlag hatte er schon öfter gemacht. 'Lass das den Hauselfen tun' oder 'Das kann der Elf erledigen'.
Irgendwie hatte Remus das Gefühl, sie beide befänden sich in zwei parallelen Welten, die umeinander rotierten und doch nie zusammen passten.
In Remus' Familie gab es keine Hauselfen. Es behagte ihm nicht, sich von den kleinen schrumpeligen Wesen bedienen zu lassen. Vielleicht konnte Sirius es nicht glauben, oder es waren nur wieder seine Werwolfsinstinkte, die mit ihm durchgingen, aber die Hauselfen verbargen in ihren kleinen schrumpeligen Körpern eine enorme Macht. Sie wirkten Magie ohne Zauberstab und ohne Sprüche. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Hauselfen ihrer Macht bewusst würden und sich gegen ihre Besitzer auflehnen würden.
Allein dieses Konzept über den Besitz eines anderen vernunftbegabten Wesens, ergab nach Remus' Ansicht keine rechtliche Grundlage, sich einen Elf wie ein Haustier zu halten.
»Es hält meine Hände beschäftigt. Und wenn ich alles Kreacher überlassen würde, dann kann ich ja gleich dem Verfall zusehen.« Er warf ihm einen abschätzenden Blick über die Schulter zu, während er den Spülstein säuberte. »Das würde dir vielleicht auch ganz gut tun.«
»Ich habe nicht die beste Erinnerung an diesen Ort, und ich habe nicht vor, mich hier häuslich einzurichten«, schnarrte Sirius giftig zurück.
»Wenn du dich nicht beschäftigen kannst, versuch es bitte nicht auf mich zu übertragen, Sirius.« Remus seufzte innerlich.
Während ihrer Schulzeit war es James gewesen, der Sirius' negative Energien abgefangen hatte. Sirius war immer noch das Energiebündel, das die Gefahr suchte und jemanden brauchte, der ihm einen Riegel vorschob. Remus war sich darüber unschlüssig, ob er derjenige sein konnte, der ihn in die Schranken wies. Er hatte keinen bestimmenden Charakter so wie James. Er war nicht zum Anführer geboren. Das hatte sich schon in ihrer Gruppendynamik gezeigt.
Seine Talente lagen im Schlichten. Das musste er damals schon oft genug unter Beweis stellen, wenn es zwischen Sirius, Peter und James wieder einmal gekracht hatte.
Sein Rudel durfte nicht auseinanderfallen!
Also unternahm er alles, was dazu nötig war, um die Truppe beisammen zu halten. Selbst bei den störrischsten Streitigkeiten konnte er alle früher oder später dazu bringen, sich wieder zu vertragen.
Deswegen hatte McGonnagal ihn letztendlich zum Vertrauensschüler ernannt.
Jetzt fehlte diese Instanz, die Sirius Einhalt gebot.
So sehr Remus sich an die vergangene Zeit mit einem wehmütigen Gefühl zurückerinnerte, lag die Zeit definitiv hinter ihm. Er hatte sich weiterentwickelt, so hoffte er es doch zumindest.
Für Sirius wünschte er sich, dass er ebenfalls mit seiner Vergangenheit abschließen könnte... irgendwann.
"Du versuchst mich abzulenken, Remy! Damit wirst du nicht durchkommen!" säuselte Sirius. "Es war einmal anders zwischen uns." Es sollte bestimmt nicht vorwurfsvoll klingen.
"Ja, es war einmal anders zwischen uns. Ich wünsche mir auch, dass es wieder so wird, wie es früher war. Aber manchmal funktioniert das eben nicht so, wie wir es gerne hätten. Das Leben verläuft immer anders als gewünscht." Remus wollte es nicht so harsch klingen lassen, wie die Worte seine Lippen verließen. So sehr er auch die Wirkung seiner Worte bereute, es musste irgendwann gesagt werden.
»Ich seh schon. Du bist nicht gut drauf. Komm in den Salon, wenn du es dir anders überlegt hast.« Mit diesen Worten stakste Sirius aus der Küche und ließ Remus mit der widerwillig tickenden Küchenuhr allein.
oOo
Die Sonne schien ihm gnadenlos fröhlich ins Gesicht.
Normalerweise verließ er das Haus am Grimauldplatz 12 nicht mitten am Tag. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Wenn er sich zu Sirius in den Salon gesellt hätte, wären seine Geheimnisse nach und nach von ihm abgeschält worden wie die Schichten einer Zwiebel.
Er spazierte entlang der Themse und genoss die leicht fischig faule Brise, die das Wasser mit sich brachte.
Wie gern würde er mit Sirius spazieren gehen. Der Mann brauchte neue Eindrücke in seinem Leben. Stattdessen war er in seiner eigenen Vergangenheit gefangen, und das ihm so verhasste Haus war zu seinem neuen Gefängnis geworden.
Sie beide wussten, dass das nicht lange gut gehen würde.
Er würde Sirius gerne helfen, all das zu bewältigen - seine Vergangenheit, die falschen Anschuldigungen, die gefühlte Unendlichkeit in Askaban. Doch in ihrer derzeitigen Situation konnte er nicht viel unternehmen. Sirius musste sich im Haus versteckt halten. Selbst beim Eintreten und Verlassen des Hauses musste Remus aufpassen.
Der Fluss, mit seinen Wogen und dem seichten Rauschen, beruhigte ihn immer, wenn es ihm zu viel wurde.
Die einst pompösen Tage des Hauses waren längst gezählt. An den Wänden hingen die Tapeten herab und der Putz fiel stellenweise von der Decke. Überall lag Staub. Remus konnte es kaum fassen, dass das Haus selbst nach einer wütenden Reinigungsaktion einer Molly Weasley immer noch so heruntergekommen aussehen konnte. Vielleicht hatte Walpurga Black in einer umnachteten Phase vor ihrem Tod vorhergesehen, was mit ihrem Heim passieren würde, wer es erben würde, und hatte es kurz darauf verflucht und beinahe unbewohnbar verzaubert.
Remus hatte Sirius' Familie nie persönlich kennengelernt. Während ihrer Schulzeit hatte Sirius Unterschlupf bei den Potters gefunden. Wenn sie sich in den Ferien getroffen hatten, dann war es immer bei James oder zumindest in der Wohngegend.
Bei dem Gedanken ließ er sich niedergeschlagen auf eine Bank am Flussufer sinken.
'So ist das also... Jetzt treiben dich schon die gleichen Geister an wie Sirius selbst!'
Sirius führte ihm unbewusst vor Augen, was aus ihm werden würde, sollte er den gleichen Pfad einschlagen. Er würde mürrisch und launisch werden, und griesgrämig wie ein alter Mann, der Kinder von seinem Vorgartenrasen verscheuchte, weil sie es gewagt hatten, darauf Fußball zu spielen. Er würde jedem grollen, der ihm einmal übel im Leben mitgespielt hatte. Aber vor allem eines würde ihn begleiten für den Rest seines Lebens: Die Sehnsucht nach der Vergangenheit. Die unendliche Melancholie nach den alten Zeiten, in denen es ihm gut ging - vermeintlich.
Die Zeit zermürbte einem das Herz. Die fernen Erinnerungen erschienen in einem viel zu glorreichen Licht.
War es nicht immer so?
Die Erinnerungen trübten sich mit Gefühlen, vermischten sich mit Eindrücken und hormonellen Einfärbungen, die man selbst noch gar nicht richtig begreifen konnte. Dieser gepanschte Brei einer Vergangenheit ließ einen dann oft sehr an etwas festhalten, das sich gar nicht mehr lohnte.
Damals war er jung und unerfahren, wie hätte es auch anders sein können! Die Tage verbrachte er mit lernen oder mit rumhängen.
Es gab keine Sorgen, wie er sich am nächsten Tag ernähren sollte, wie er sich kleiden sollte oder womit er das Ganze überhaupt bezahlen könnte.
Sein Vater starb, da war Remus im fünften Schuljahr. Er konnte sich nicht von ihm verabschieden.
Die Nachricht kam so unerwartet.
Das war die erste Seifenblase, die in seiner wunderbaren, jungen Welt zerplatzte. Als wäre es nicht schon zu viel für seinen jungen Geist gewesen, starb seine Mutter kurze Zeit später. Man sagte, es war ein gebrochenes Herz, das seine Mutter ihrem Mann folgen ließ.
Er blieb daraufhin in den Ferien auf Hogwarts.
So sehr sich seine Freunde auch um ihn anflehten mitzukommen, sie erreichten ihn nicht mit ihren Bitten und Flehen.
Das war das erste Mal, dass er Severus begegnet war ohne Sirius Begleitung oder James' ständige herablassende Kommentare.
In den Ferien blieben die Schüler selten auf Hogwarts. Für Remus gab es kein Zuhause mehr. Mit seinen Eltern waren die letzten Verwandten gestorben, die er noch hatte. Deswegen machte Dumbledore bei ihm eine Ausnahme und erlaubte ihm, auf Hogwarts zu bleiben.
Warum Severus Snape die Ferien ebenfalls auf Hogwarts verbrachte, hatte er genau genommen nie hinterfragt.
Die Schüler erzählten sich so manche Horrorgeschichten über Severus Snape, selbst die Erstklässler.
Es hatte ihn doch etwas verwundert, dass Severus ihm nie aufgelauert war in der Zeit. Er spielte ihm keine Streiche, er griff ihn auch nicht hinterrücks an.
Erst viele Jahre später fiel ihm auf, dass er so vieles als selbstverständlich hingenommen und so wenig angezweifelt hatte, dass er gerne einmal in die Vergangenheit reisen würde, um sein vergangenes Ich zu ohrfeigen.
»Mami, schau mal, ein Penner!« quietschte ein lautes, doch kleines Stimmchen. Vor ihm stand ein kleines Mädchen. Sie war in einen roten Wollmantel gekleidet. Unter ihrem Mantel schauten ihre Knie hervor, umkleidet von rosa Strumpfhosen. Ihre Füße steckten in dazu passenden roten Lackschuhen. Sie zeigte mit dem Finger auf ihn und zog dabei ihre Lippe angewidert hoch.
Remus sah an sich herab. Seine Hose hatte schon einmal bessere Zeiten gesehen. Seine Jacke war mehrfach geflickt, aber er sah doch bestimmt nicht wie ein Obdachloser aus, oder?
»Weißt du denn nicht, dass es unhöflich ist, mit dem Finger auf Leute zu zeigen.«
»Du bist kein Leute, du bist ein Penner«, sagte das Mädchen voller Überzeugung. »Und du sitzt auf unserer Bank!«
»Gabrielle Mazouch! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht weglaufen sollst!« Die Frau bahnte sich einen Weg durch die Menge und starrte das Kind mit einem strengen Blick in Grund und Boden. Ihr Gesicht war puterrot vor Wut, und als wenn ihr Blick nicht schon genügte, stemmte sie die behandschuhten Hände in die Hüfte.
Der Tag war recht warm, wenn auch ein wenig klamm. Es war definitiv kein Tag, um ihn in dicken Mänteln zu verbringen. Vielleicht war es aber auch wieder nur sein Fluch, die Lykanthropie, die ihn die Kälte nicht spüren ließ.
Das Mädchen zeigte immer noch empört auf ihn.
»Der Penner sitzt auf unserer Bank!« quengelte sie.
»Der...?!« irritiert blickte die Frau auf Remus, für einen Augenblick um Worte zu verlegen. Dann setzte es was. Sie ohrfeigte das Kind und zerrte es weg und andauerndem Gezeter, und ohne Remus eines weiteren Blickes zu würdigen.
Das war selbst für einen Zauberer eine seltsame Begegnung.
Zweifelnd sah er an sich noch einmal herab. Vielleicht sah er für die Muggel tatsächlich etwas aus wie ein Obdachloser. Seine Haare hatte er heute auch noch nicht gekämmt und rasiert hatte er sich das letzte Mal als... Er schüttelte den Kopf als könnte er die bösen Gedanken herausfallen lassen.
Er nützte niemandem etwas, wenn er den ganzen Tag nur Trübsal blies.
Entschlossen stand er auf und wanderte die Themse weiter hinab. Die Leute beachteten ihn nicht. Vermutlich sahen sie in ihm genau das, was das Mädchen in ihm gesehen hatte, und mieden ihn deshalb.
Es lebte sich viel einfacher, wenn die Leute einen nicht sahen, weil sie einen nicht sehen wollten und lieber in ihrer eigenen Wunschblase lebten, in der es keine Obdachlosen gab - und auch keine Werwölfe.
Im Gegensatz zu einem Obdachlosen verfügte Remus über etwas Muggelgeld, das er jetzt umtauschen würde.
oOo
Es war schon lange dunkel draußen.
Sirius hatte den ganzen Tag im Salon gesessen. Der Raum war eiskalt, doch er hielt es nicht für nötig, den Kamin anzuheizen. Er saß davor in einem abgewetzten Ledersessel. Neben ihm stand ein runder Kaffeetisch mit einer fast leeren Karaffe Feuerwhiskey und einem leeren Glas.
Mit ausdruckslosem Blick starrte er in den dunklen Kamin. Unter Alkoholeinfluss fühlte er sich genau so nutzlos wie zuvor, aber es ließ sich leichter ertragen als im nüchternen Zustand.
Der Kopf nickte ihm immer wieder auf die Brust bis ihn irgendein Geräusch hochschrecken ließ.
Er hasste dieses Haus. Es kam ihm damals schon unzumutbar vor, sich hier wohl zu fühlen. Mit der Zeit hatten sich die Wände um die eine oder andere Gruseligkeit erweitert. In den Ecken sammelten sich die Schatten. Die Dielen knarrten dann, wenn keiner darüber lief. Wenn jemand länger hinhörte, konnte er die Schatten flüstern hören.
Mit der entsprechenden Menge Feuerwhiskey verstummten diese Stimmen aus den Ecken, wirkten die Wände weniger bedrohlich, selbst Kreachers Worte hörten sich weniger harsch an.
Weiter unten polterte es durch den Flur.
Remus war wohl zurück.
Sirius wusste, dass er sich entschuldigen musste, aber er traute sich nicht, ihm entgegenzutreten. Es war ihm sowohl zu peinlich als auch körperlich unmöglich.
Die entfernte Stimme blieb unbeantwortet. Eigentlich hatte er keine Lust, den Streit fortzuführen. Remus würde den Hinweis hoffentlich deuten können und sich in sein Zimmer zurückziehen... oder sonst etwas machen, Hauptsache Remus hielt sich von ihm fern.
Das Poltern wurde lauter, schleppte sich die Treppe hinauf und kam vor dem Salon zu einem jähen Ende.
Sirius grinste. Der Schutzzauber war schwach. Er sollte lediglich als Warnung dienen.
Die Tür schwang auf.
Sirius fluchte. Gerade jetzt war er froh, dass er mit dem Rücken zur Tür saß. So konnte Remus nicht sofort sehen, dass Sirius erstens sternhagelvoll war und zweitens alles andere als begeistert war über die ungebetene Störung.
»Wenn du mich wirklich fernhalten willst, musst du dir schon etwas besseres einfallen lassen, Tatze!« tönte es von der Tür her. Remus schnaufte unter schweren, schlurfenden Schritten, dabei klang er gar nicht angeheitert - das bekam Sirius' benebeltes Gehirn noch mit.
»Iiichbinich inder Schsch...dimmung, Remy!« jammerte er mit schlierenden Worten.
»Das bin ich auch nicht, und doch werde ich das hier jetzt durchziehen.« Es rumpelte erneut. Irgend etwas Schweres landete auf dem Boden.
Letztendlich siegte die Neugier über seine schlechte Stimmung, und er drehte den Blick um die hohe Sessellehne herum.
Vor Remus lag eine große Kiste.
Keine magische Kiste, keine Holzkiste... Es war ein Karton mit Abbildungen von einem eckigen Ding drauf.
»Du bringst Muggeltechnik in dieses Haus?« fragte Sirius irritiert, denn es war ihm klar, dass das keine magische Gerätschaft sein konnte. Zauberer versahen ihre Kisten immer mit Versiegelungsrunen und anderen magischen Zeichen. 'Sony' war garantiert kein magisches Wort.
Remus stemmte beide Hände ins Kreuz und drückte den Rücken ächzend durch. »Wer sonst soll dafür sorgen, dass du dir nicht den Verstand ausknipst?«
»Ich habe die Dementoren überlebt, da werd ich auch das hier überleben...« grummelte Sirius, drehte sich wieder um und goss sich den Rest Feuerwhiskey ein.
»Und ich habe fünf Jahre auf der Straße gelebt. Ist das hier ein Wettbewerb? Schieb deinen faulen Hintern hier rüber und hilf mir, das Ding auszupacken«, meckerte Remus und riss den Karton unsanft auf.
»Warum denn? Bei der nächsten Gelegenheit sorgt das Haus schon dafür, dass es verschwindet!« Trotzdem erhob Sirius sich und stellte das Glas wieder ab. Dieses Spektakel wollte er sich nicht entgehen lassen.
Remus räumte das Sideboard leer und zog es ein Stück weit von der Wand weg.
»Was ist das überhaupt?« fragte Sirius und erntete damit spöttische Blicke.
»Du willst mir doch nicht etwa erzählen, dass du nicht weißt, was ein Fernseher ist?! Bist du so dermaßen abgedriftet, dass du nur in der Zaubererwelt lebst?« fragte Remus. Das Sideboard war leer geräumt.
Die Betriebsamkeit im Salon hatte selbst den mürrischen Hauself aus seiner Kaschemme hervorgelockt. Misstrauisch und Flüche knurrend beobachtete das runzelige Geschöpf das hitzige Treiben.
»Naja, gesehen hab ich so was schon... aber wozu soll das gut sein?« Sirius schwankte, so dass er sich an der Sofalehne festhalten musste.
Remus beugte sich vor und griff in die Kiste hinein. »Bist du zu betrunken oder funktioniert deine Birne da oben noch? Hilf mir das Ding auf den Schrank zu hieven.« Remus keuchte als ihm Sirius' Fahne entgegenschlug. Gemeinsam zogen sie das Fernsehgerät aus dem Karton heraus, schälten es aus der Styroporverpackung und stellten es auf dem Sideboard ab. Der Schrank war nicht tief genug für die Wucht des Geräts. Es war aus hellgrauem Plastik und wirkte einfach nur fehl am Platz. Viel zu neu und viel zu sauber für dieses Haus.
Sirius hielt den Stromstecker hoch. »Und wo möchtest du das Monster anschließen?« Seine Augen leuchteten beinahe triumphierend, weil beide wussten, dass das Haus keinen einzigen Stromanschluss hatte.
Remus schüttelte seinen Zauberstab aus dem Ärmel. Sirius versuchte, nicht beeindruckt zu wirken.
»Wir sind Zauberer. Ich denke, uns wird da schon etwas einfallen, meinst du nicht?« Er tippte sich mit dem Zauberstab gegen die Schläfe.
»Na, da bin ich ja mal gespannt!« Mit einem 'umpf' ließ er sich aufs Sofa fallen. Das sollte es wohl gewesen sein - sein großer Beitrag als Hilfe beim Aufstellen. Von da an schaute er nur noch belustigt zu.
Remus kramte eine Fernbedienung aus dem Karton hervor, zusammen mit einer Bedienungsanleitung, die er gleich wieder zurück in den Karton bugsierte.
Es folgten eine Reihe recht exotischer Zaubersprüche, von denen Sirius nur einen Bruchteil kannte. Doch das Gerät blieb schwarz.
»Schau dich nur mal an! Wenn die andern dich jetzt sehen könnten...« Sirius wollte ihn zum lachen bringen, doch irgendwie verfehlten seine Sprüche ihre Wirkung.
»Wenn du nicht raus kannst in die weite Welt, bring ich dir die weite Welt eben in deine verlotterte Bude. Du wirst schon sehen! Das wird funktionieren!« Remus war Feuer und Flamme mit seiner Idee. Es war der zwölfte oder dreizehnte Spruch, den er ausprobierte als das Gerät auf einmal anfing zu flimmern und ihnen die Ohren wegblies mit dem Lärm tausender Feuerwerkszauber und dem Gejohle einer übermütigen Muggelmenge. Musik ertönte zusätzlich, war aber bei weitem nicht so überwältigend wie der restliche Lärm.
Sirius erhob seine Stimme, doch Remus konnte ihn nicht hören. Das Gerät war einfach zu laut. Selbst Kreacher hatte der Krach so verschreckt, dass er aus dem Salon geflohen war.
Remus versuchte mehrere Sprüche, doch es änderte sich nichts an der Lautstärke. Es änderten sich lediglich die Sender. Auf einmal stand Sirius neben ihm und nahm ihm die Fernbedienung aus der Hand. Verzweifelt suchte er nach der richtigen Taste bis sich schließlich ein Balken am Rande des Bildschirms auftat über dem 'Volumen' zu lesen war.
Endlich war Ruhe eingekehrt.
»Ich dachte, du kennst dich mit diesem Muggelzeug nicht aus«, spöttelte Remus.
»Ich habe meine Ferien bei James verbracht, was glaubst du denn, was der die ganze Zeit getrieben hat, wenn Lily nicht da war.« Sirius ließ sich erneut wie ein Mehlsack auf die Couch fallen. Das Leder ächzte unter dem plötzlichen Gewicht.
Remus nahm das nutzlos herumhängende Stromkabel und versteckte es hinter dem Sideboard. Er warf seinem Freund die Fernbedienung zu und entsorgte den Karton mit einem simplen Stabwink.
Ein wenig wehmütig blieb sein Blick auf dem lärmenden Gerät hängen. Er wusste, dass James und Sirius unzertrennbar gewesen waren... damals, vor so unendlich langer Zeit. Nur zu gern wäre er bei ihnen gewesen, aber er hatte sich nie getraut zu fragen. Die Potters hatten schon ein Maul zusätzlich zu stopfen, da wollte er sich ihnen nicht auch noch aufdrängen.
Er setzte sich auf das andere Ende der Couch. Mindestens eine Armlänge von Sirius entfernt.
Beide starrten auf den Bildschirm.
Sirius zappte von einem Sender zum nächsten, ohne wirklich Interesse an den Flimmerbildern zu zeigen.
»Wo hast du das Ding überhaupt her?« fragte er schließlich ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.
»Ich hab's gekauft.«
Es war eine einfache Erklärung, doch Sirius kam sie wie ein Schlag ins Gesicht vor.
»Wie? Gekauft?«
»Na, gekauft eben... Du wirst doch wohl noch Wissen, wie der Tausch von Währung gegen diverse Objekte funktioniert, oder haben dir die Dementoren das Hirn raus geknutscht?« Es war nicht fair, aber diesmal konnte Remus sein Mundwerk nicht im Zaum halten.
»Natürlich weiß ich, was du mit gekauft meinst... Aber woher? Und warum?«
Remus lag ein abwehrendes 'lass das mal meine Sorge sein' auf der Zunge und fühlte sich elendig an die hitzige Diskussion mit Severus erinnert. »Ich hatte noch etwas Geld übrig von meiner Anstellung auf Hogwarts.«
»Du sprichst von Galleonen, Remus. Ich glaube kaum, dass irgendein Muggel etwas mit Galleonen anfangen kann«, antwortete Sirius ungeduldig.
»Das nicht, aber bei Gringotts kann man auch Galleonen umtauschen«, erklärte Remus gelassen als wäre es das Natürlichste der Welt. »Wusstest du das nicht?« fragte er als Sirius ihm einen skeptischen Blick zuwarf. »Sie verlangen zwar eine Menge Erklärungen und Unterschriften, aber sobald man alles unterschrieben hat, bekommt man bei Gringotts tatsächlich auch Muggelgeld.«
Sirius war sprachlos.
»Was ist?« fragte Remus. »Gefällt's dir nicht? Ich dachte, du könntest daran Gefallen finden, wenn du schon nicht raus kannst«, versuchte er zu erklären.
»Das ist es nicht...« Sirius starrte auf seine Finger, die die Fernbedienung hielten. Er drehte das kleine schwarze Ding mit den Knöpfen mehrfach herum, als könnte er darin eine geheime Botschaft erkennen.
»Was ist es dann?« Remus rückte etwas näher.
»Wirke ich so trübsinnig auf dich, Moony?«
Die Nennung dieses Namens schickte einen kalten Schauer über Remus' Rücken.
Früher hätte es ihn gefreut, wenn ihn jemand so genannt hätte. Wenn da noch jemand gewesen wäre, der gewusst hätte, was dieser Name für ihn bedeutete.
Aber jetzt?
Remus konnte diese gemischten Gefühle nicht einordnen. Es freute ihn, und zeitgleich verabscheute er den Namen.
Es fühlte sich an, als würde ihn der Strudel zurückziehen in die Zeit, in der alles in Ordnung war - sehr fadenscheinig, aber er hatte dieses Gefühl später nie wiedererlangt. Eine entfernte Stimme riet ihm davon ab, diesen Weg hinabzugehen.
»Du hast ein Gefängnis durch ein anderes getauscht... Es wird nicht für immer so bleiben. Das hoffe ich jedenfalls für dich. Aber ich möchte auch nicht, dass du dein Leben wegwirfst, indem du dir den Schädel jeden Tag weg knallst.« Remus nickte in Richtung des Fernsehers. »Deswegen dachte ich, dass dir die Muggelkiste gut tun wird. Ich konnte mich damit damals immer gut ablenken.«
»Deine Familie hatte einen Fernseher?« fragte Sirius ungläubig.
»Sei nicht albern! Mein Vater gab alles Geld für meine Behandlung aus. Da blieb nichts übrig für eine Muggelkiste«, kam es Remus bitter über die Lippen.
»Muggelkiste?« Sirius schnaufte, was beinahe einem Lachen gleichkam.
»Naja, so nannte mein Vater die Dinger immer.« Remus stimmte in ein tonloses Lachen ein.
Sirius spielte verlegen mit der Fernbedienung, ohne einen der Knöpfe zu drücken. Er wendete und drehte das Ding immer noch in seinen Händen, als wäre es ein schwarzmagisches Artefakt, von dem eine Gefahr ausgehen könnte.
»Du hast in der Schule nie von deiner Kindheit erzählt«, fing er schließlich an und zog die Augenbrauen hoch, dass sich seine Stirn in tiefe Falten legte. »Warum nicht?«
»Ihr wart meine ersten echten Freunde. Meine einzigen Freunde«, erinnerte Remus sich ungern. »Es war die erste Zeit ohne irgendwelche Tests, für die ich als Versuchskaninchen herhalten musste.«
»Deine Eltern haben dir das angetan?« fragte Sirius, plötzlich wieder völlig nüchtern.
»Mein Vater hatte die besten Absichten...«
»Das heißt nicht, dass es das Beste für dich war!« wies Sirius ihn drauf hin.
»Im Nachhinein ist mir das auch klar geworden, aber als Kind habe ich mich nicht getraut, mich gegen meine Eltern aufzulehnen. Ich hatte ihnen schon genug Sorgen bereitet. Die Zusage von Hogwarts grenzte schon an ein Wunder.« Und da geschah es: Er erinnerte sich mit einem wehmütigen Lächeln an seine erste Zeit auf Hogwarts. »Ich hatte schon damit gerechnet, dass ich mein Leben lang eingesperrt bleiben würde in Häusern und Kaschemmen oder Kellern, und dass ich niemals auch nur einen realen Freund haben würde.«
»Wir waren schon ein seltsamer Haufen...« schnaubte Sirius.
»Das kannst du laut sagen... Was wäre nur passiert, wenn wir in andere Häuser eingeteilt worden wären?« sinnierte Remus und wusste dabei doch, dass er sich nicht mit diesen Gedanken beschäftigen wollte.
»Dann hätte vielleicht Peter Lily abbekommen und du hättest dich mit Schniefelus angefreundet!« Sirius lachte lauthals drauf los und bemerkte gar nicht, dass Remus nicht mit einstimmte. »Stell dir das mal vor! Schniefelus hätte einen Freund gehabt! Das wäre zu komisch gewesen!«
Es dauerte eine Weile bis Sirius sich von seinem eigenen Witz erholt hatte.
Remus schwieg.
»Der hat's von uns allen am besten getroffen«, murmelte Sirius und zappte weiter durch die Senderliste.
»Wie meinst du das?« fragte Remus vorsichtig.
»Na, keiner von uns hat's nach Hogwarts zu etwas gebracht... und er lebt wie die Made im Speck!« schnarrte er. »Keine Ahnung, wieso Dumbledore ausgerechnet dem vertrauen kann!«
»Dumbledore hat seine Gründe!« warf Remus schließlich ein.
»Ach, und du weißt da etwa mehr, Remy?« Sirius hatte schließlich seinen Blick vom Fernseher lösen können und starrte seinen Freund skeptisch an. »Schniefelus spielt einfach nur für seine eigene, schäbige Seite! Würd mich nicht wundern, wenn er aus beiden Seiten seine Vorteile zieht. Würd zu ihm passen!«
»Sirius...« begann Remus, kam aber nicht weit.
»Nein, Remus! Du verstehst das nicht! Er hat euch alle um seinen kleinen Finger gewickelt! Ihr wollt das nur nicht wahr haben!«
»Sirius, hör dich doch mal selbst an!«
»Und was dann? Ich hab genug gesehen! Er lässt euch alle am Haken zappeln! Der kommt mit ein paar Informationen und hält das Wichtigste doch garantiert zurück! Ich würd's ihm ja gönnen, wenn die wenigen Informationen die einzigen wären, die er hervorbringen kann! Das würde ja bedeuten, dass selbst seine heißgebliebten Todesser ihm nicht vertrauen!« Sirius verfiel in schallendem Gelächter. Dieses Mal bemerkte er, dass Remus gar nicht mitlachte. »Was ist, Remy? Wäre das nicht urkomisch? Dieser Wichtigtuer glaubt doch von sich selbst, der Beste in allem zu sein!Dumbledore hält ihn doch nur auf Hogwarts, damit er genug Tränke zubereiten kann. Obwohl ich ihm noch nicht einmal darin trauen würde!«
»Dumbledore weiß, was er tut, Sirius, und er gibt nicht alles von seinem Wissen preis! Er hat seine Gründe, Severus zu vertrauen, und er ist es nienamdem von uns schuldig, seine Gründe offenzulegen.«
»Hör dich doch an, Remy! Du sprichst schon genau so wie Molly Weasley! Ihr seht nicht die Gefahr, in die ihr den Orden bringt durch seine bloße Anwesenheit! Selbst wenn das Haus gut versteckt ist, werden die uns hier früher oder später ausfindig machen, weil sie es aus Schniefelus herausbekommen haben! Der Kerl ist eine Gefahr für den Orden!«
»Sein Name ist Severus! Das solltest selbst du längst mitbekommen haben, Sirius. Merkst du nicht, dass du der einzige bist, der den Hass gegen ihn noch weiter in sich trägt?! Du und James, ihr habt ihm immer zusammen aufgelauert, und euch beide so nobel dafür gehalten, gegen einen einzelnen Schüler vorzugehen!«
»Das war doch etwas ganz anderes, Remus! Du hast doch gesehen, wozu er schon als Schüler imstande war! Der konnte sich ganz gut gegen mehrere zur Wehr setzen!«
»Und das ist ein Grund, ihn mit mehreren anzugreifen? Gryffindors sind mutig und nicht hinterhältig. Vielleicht hätte der Hut euch doch woanders einteilen sollen.«
»Du hast doch daneben gestanden und nichts getan, Remus! Wenn es dir so gegen den Strich ging, dann hättest du damals eingreifen müssen! Und das hast du nicht getan! Du hast immer zugesehen! Jedes einzige Mal!« schnauzte Sirius mit erhobener Stimme.
»Ja, das habe ich... und ich bereue es zutiefst!« schrie Remus genau so laut zurück.
»Wenn du jetzt dagegen bist, warum hast du damals nichts dagegen unternommen?« entgegnete Sirius ihm.
»Schieb nicht mir die Schuld zu für etwas, das du und James begangen habt!« Remus sprang auf. Was hatte er sich auch dabei gedacht, mit Sirius ein ernstes Gespräch führen zu wollen. Dieser Mann war genau so hitzköpfig wie als halbstarker Jugendlicher. Er hatte sich kein Stück verändert.
»Remus, bleib!«
Er stand schon bei der Tür und warf Sirius einen Blick über die Schulter zurück: »Schon einmal darüber nachgedacht, dass alles hätte anders werden können, wenn ihr ihn nicht so hemmungslos gequält hättet? Es würde mich nicht wundern, wenn er von eurer letzten Aktion Narben davongetragen hätte.«
Er hörte noch ein jammerndes 'Remy', doch er wollte nicht mehr darüber sprechen.
Dabei hatte er geglaubt, seinen Frieden mit seiner Vergangenheit gemacht zu haben - mit den vielen Fehlern, die er begangen hatte... So sehr Sirius nicht von der Vergangenheit ablassen konnte, so sehr hing Remus ihr ebenfalls nach, weil er es bereute.
Genau in dem Moment flog ihm im Flur eine Eule mitten ins Gesicht.
»Hoppla!« Es sollte belustigt klingen, aber er konnte seine eben noch sehr präsente Wut nicht völlig ablegen. Er kannte die Eule. Es war Errol, die alte Posteule der Weasleys.
Das Tier versuchte sich an seinem Hemd festzukrallen und landete doch rücklings in seinen Armen mit beiden Klauen in die Höhe gestreckt und jämmerlich fiepend.
An beiden Beinen waren Nachrichten gebunden, was ungewöhnlich war, denn normalerweise trug eine Eule nur einen Brief mit sich.
Der Vogel schnaufte erschöpft.
»Sirius, beweg deinen betrunkenen Arsch in die Küche. Post ist da!«
Zwei Stockwerke tiefer versorgte Remus erst einmal das alte Tier. Er nahm ihm die Briefe ab und setzte den alten Kauz auf dem Tisch ab. Der Vogel konnte sich ohnehin nicht mehr auf einer Sitzstange festhalten.
Ihm fielen schon die Augen zu als Remus ihm ein kleines Stück Fleisch hinhielt. Der Geruch vom rohen Leckerbissen weckte seine Lebensgeister auch ohne Magie, zumindest so lange bis er das Stück verschlungen hatte. Errol jappste zweimal und sank schließlich zu einem undefinierbaren grauen Häufchen aus Federn und großen Augen zusammen und schlief augenblicklich auf dem Küchentisch ein.
»Was ist?« fragte Sirius.
Remus hielt einen der Briefe in der Hand. »Es sind zwei Nachrichten. Eine von Dumbledore und eine von den Weasleys. In vier Tagen ist das nächste Ordenstreffen. Molly wird schon übermorgen mit ihrem Anhang eintreffen.«
Die Aussicht auf ein wenig Abwechslung heiterte Sirius' Stimmung gleich auf. »Bringen sie die Kinder mit?«
Mit Kindern meinte er eigentlich Harry.
»Es ist mitten im Schuljahr, Sirius!«
AN: Na, da hab ich mir ja mit dem Titel wieder richtig ins Bein geschossen... :D
Eigentlich war hier mehr geplant, aber ich wollte es nicht wieder 15 k fett werden lassen, also hab ich's gesplittet... und somit werden es nicht mehr 5 Kapitel, sondern 6 ... ich halte mich ja prima an meine Planung, merkste auch, gell?
Ich fand die Regeneration von Sirius Black in den Filmen (jaja, Bücher... wisst ihr... hab ich immer noch nicht gelesen! Wie denn auch! Ich schreib die ganze Zeit!) viel zu unglaubwürdig.
Ich wäre nach 12 Jahren hinter schwedischen Gardinen ein Wrack, aber Remus wirkt so als wär er psychisch völlig in Ordnung... Kann ja nicht ganz richtig sein.
Mir wird aber auch immer vorgeworfen, ich wäre zu realistisch veranlagt.
Tja... That's me.
