Kapitel 3 - Verräter!
»Wenn ich die Möglichkeit habe, werde ich dir eine Nachricht zukommen lassen.«
Remus empfand diese penible Art von Vorbereitungen beinahe als Last. Mit Severus Snape verheiratet zu sein, bedeutete mit einem ganzen Paket von Bedienungsanleitungen zu leben. Angefangen bei Kleinigkeiten wie der Morgenroutine - Severus hasste Müßiggang in jeder Hinsicht - über seinen Sauberkeitswahn, bis hin zur Art und Weise, wie er Vorbereitungen traf. Und diese Ehe benötigte anscheinend eine Menge Vorbereitungen und Vereinbarungen. Trotz allem hatte Remus seine Entscheidung bisher nicht bereut.
»Wie wird diese Nachricht aussehen?« hakte er nach. »Du wirst mir wohl kaum eine Eule schicken können, nicht wahr?«
»Sei nicht albern, Remus!« schnarrte Severus.
»Ok...« Er küsste ihn beschwichtigend auf die Wange. »Woran hast du gedacht? Es muss etwas sein, das du immer bei dir trägst, damit du mich erreichen kannst.«
»Ich werde dir nur ein rudimentäres Lebenszeichen schicken können. Damit du dir nicht so viele Sorgen machen musst. Ich kenne dich doch. Du kannst nicht mehr richtig denken, wenn du dir Sorgen machst.« Er krempelte seinen linken Mantelärmel hoch. Der weiße Hemdsärmel wirkte so unpassend zu Severus' sonstigem Auftreten.
Irritiert wartete Remus auf eine Erklärung.
»Ich habe zuerst an einen Anhänger gedacht. Einen Edelstein oder etwas ähnliches, das leicht zu manipulieren ist.« Seine Finger schlossen sich um die Manschette seines Ärmels. »Aber dann müsste ich erklären, warum ich im Besitz von Schmuck bin und jemand könnte herausfinden, dass der Anhänger verzaubert ist und einen Zweck erfüllt. Also habe ich an den hier gedacht.« Er deutete auf seinen schwarzen Manschettenknopf. »Ich habe ihn manipuliert. Genau so wie ich die hier manipuliert habe.« Er hielt ihm eine schwarze Schachtel hin.
Remus nahm sie entgegen und öffnete sie. Severus schenkte nie etwas ohne einen Hintergrundgedanken oder einen bestimmten Zweck. In der Schachtel lagen in Samt gebettete silberne Manschettenknöpfe. Der schwarze Stein auf den Knöpfen war schlicht poliert ohne jede Verzierung.
»Silber?« fragte Remus.
»Weißgold.« Severus nahm die Knöpfe aus der Schachtel heraus und tauschte sie gegen die Knöpfe an Remus' Hemd aus. »Wenn ich dir ein Zeichen geben will und kann, werden deine hellblau aufleuchten.«
»Wie ein Patronus?« fragte Remus und bewunderte die Knöpfe an seinen Ärmeln. Er hing an seinen alten Manschettenknöpfen. Sie hatten einmal seinem Vater gehört, und waren ein altes Erbstück seiner Familie. Sie waren alt und abgegriffen, und einem der Knöpfe fehlte der Stein. Er trennte sich nur ungern von ihnen.
»Nicht ganz so auffällig, aber ja.« Severus zog seinen Mantelärmel wieder zurück und hielt beide Hände vor seinem Bauch. Die Rechte umfasste das linke Handgelenk. Er wirkte ganz so als würde er ihm zuhören oder auf etwas warten. Es hatte nicht den Anschein, als würde er irgend etwas machen. »Schau sie dir genau an.«
Remus folgte der Aufforderung und war ganz entzückt als beide Manschettenknöpfe ganz schwach zu leuchten anfingen. Sie glitzerten blau und kleine Verwirbelungen bildeten sich in den Steinen.
»Sie sind wunderschön!« bemerkte er und handelte sich sogleich eine hochgezogene Augenbraue ein. Trotzdem lächelte Severus, denn es war schließlich auch ein Geschenk, das Remus gefallen sollte. Er legte die alten Manschettenknöpfe in die Samtschachtel und legte sie Remus in die Hand.
»Funktionieren sie auch umgekehrt?« hakte Remus nach.
»Bisher noch nicht, aber das ist eine gute Idee«, bemerkte Severus überrascht.
»Können sie noch etwas? Mir zeigen, wo du bist? Oder Nachrichten übermitteln?« fragte Remus übereifrig.
»Sie können nur leuchten, wenn ich meinen berühre und dich kontaktieren will. Ich werde dir damit nur sagen können, ob ich noch lebe, sollte ich länger wegbleiben müssen.«
»Das reicht mir vollkommen!«
Remus küsste ihn überschwänglich.
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'Es reicht mir vollkommen' spottete er in seinen Gedanken. Die Manschettenknöpfe lagen in ihrer offenen Schachtel, so dass er sie jederzeit sehen konnte, wenn er nachts nach unendlichem hin und herwühlen aufschreckte. Ihr Anblick war das Erste, was er morgens wahrnahm. Sie schimmerten schwarz im dunstigen Morgenlicht, das sich durch die löchrigen Vorhänge in das Gästeschlafzimmer stahl.
Der sechste Tag war angebrochen, und noch immer gab es kein Zeichen von Severus.
'Mach dir nicht so viele Sorgen um mich!' hörte er ihn in seinen Gedanken schimpfen. 'Tu etwas! Mach dich gefälligst nützlich! Für den Orden! Oder für das Ministerium! Und lieg nicht auf der faulen Haut!' meckerte Severus' Stimme in seinem Kopf weiter.
»Wenn das mal so einfach wäre...« murmelte Remus und schloss wieder die Augen.
Jetzt wäre die Zeit gewesen, zu der Severus ihn aus dem Bett gejagt hätte. Zumindest dann, wenn Remus ihn nicht noch zu etwas anderem überreden konnte.
Menschen, die morgens schon energiegeladen waren und sich frisch ans Werk machten, konnte er nie richtig verstehen, und er war Severus' üblicher Laune zufolge immer davon ausgegangen, dass dieser Mann ein absoluter Morgenmuffel sein würde. So wie Remus selbst.
Aber da hatte er sich gewaltig geirrt!
Gleich nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht war Severus mit der Sonne aufgestanden und hatte sich auf den neuen Tag vorbereitet, während Remus sich über das ganze Bett ausgebreitet hatte und weiterschlief - allerdings nicht sehr lange. Severus hatte ihn - bereits voll bekleidet - unangekündigt mit einem Bannspruch an den Knöcheln aus dem Bett gezogen. Mit einem einfachen Stabwink war das Bett gemacht und Remus lag frierend auf seinen vier Buchstaben und starrte ihn verschlafen an.
»Wie kannst du nur so grausam sein?« schmollte Remus und vermisste die Wärme der Bettdecke und des anderen Körpers neben ihm.
»Jahrelange Übung!« rief er aus dem Flur zurück, während er geschäftig Kleidungsstücke aufhob und wegräumte.
»Ich hab dir was zum anziehen raus gelegt. Es sei denn, du willst den Tag in deinem Kostüm beginnen.« Severus lugte um den Türrahmen herum und deutete mit einem Kopfnicken auf ein Bündel, das auf einem Stuhl nahe dem Fenster lag. »Es kann sein, dass es dir ein wenig zu klein sein wird. Aber für heute sollte es reichen.«
Das zweite, was er an dem Morgen über Severus Snape herausfand, war, dass er sich ungern vor dem Zähneputzen küssen ließ. Dabei hatte Severus sich längst geduscht und die Zähne geputzt. Remus allerdings hatte das Gefühl, als wäre er nachts noch einmal rausgegangen und hätte im Wald etwas verwesendes ausgegraben und gefressen... Während Severus sich also schon an seine Arbeit machte, nachdem er Remus zwar nicht allzu heftig, doch sehr bestimmt von sich geschoben hatte, konnte Remus nicht schnell genug im Badezimmer verschwinden.
»Keine Katzenwäsche!« rief ihm Severus hinterher.
'Durchschaut!' war es ihm durch den Kopf gefahren.
Die Dusche war sehr belebend, besonders nachdem er so gut wie gar nicht geschlafen hatte, und es gab genügend heißes Wasser! Purer Luxus!
Zu der Zeit hatte er schon nicht mehr in Hogwarts unterrichtet, und er hatte sich die ersten Wochen gar nicht getraut, Sirius um Hilfe zu bitten. Eine ordentliche Dusche war also nichts, was er sich täglich gönnte.
Während das heiße Wasser seine Lebensgeister wieder weckte, fragte er sich, wie Severus das durchhielt. Er musste ebenso wenig geschlafen haben wie Remus und trotzdem ließ er sich nichts anmerken!
Aber vielleicht hatte sich der Zaubertränkemeister einfach nur mit irgendeinem Trank aufgeputscht... oder bereits fünf Tassen Kaffee getrunken.
Die Rasur hatte gefehlt, aber ansonsten fand Remus sich recht ansehnlich. Die nassen Haare klebten seinem Spiegelbild auf Stirn und Nacken, der verwesende Geschmack war dem frischer Minze gewichen.
Die Kleidung allerdings hatte sich als recht störrisch erwiesen. Das Hemd war ihm viel zu kurz, also krempelte er die Ärmel hoch, damit ihm der viel zu hoch sitzende Ärmelaufschlag nicht den letzten Nerv raubte. Der Stoff erwies sich als eigensinnig. Entweder er war verflucht, oder das Hemd wollte ihn verspotten. Jedenfalls konnte er es seiner Armlänge nicht anpassen, was ihn doch sehr auf seinem nüchternen Magen aufstieß. Der Zauber wirkte nur bei der zu kurzen Hose, die dann allerdings nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite zunahm.
Remus kam sich wie ein Anfänger vor!
Zum Glück lag dem Bündel ein Paar Hosenträger bei - als hätte Severus es vorhergesehen.
Als er das Bad verließ wurde er vom Kaffeeduft geradewegs überrumpelt. Seine Sinne waren immer hypersensibel, wenn er zu wenig geschlafen hatte. Und zwei Stunden konnte man nicht wirklich als Schlaf bezeichnen, allenfalls als Nickerchen.
Da nutzte er das erste Mal die Gelegenheit, die Umgebung zu betrachten. Er war im obersten Stock eines zweistöckigen Hauses. Vielleicht gab es noch ein Dachgeschoss, aber es war keine Treppe dahin zu finden. Im oberen Geschoss gab es drei Türen, von denen nur eine offen stand: Die Tür zum Schlafzimmer, das er schon ausgiebig inspizieren konnte - in der Nacht zuvor.
»Severus?« Stille folgte.
Er ging die Treppe hinab, dem Kaffeeduft entgegen.
Der Platz in diesem Haus war sehr eng konzipiert. Der Gang zwischen den Zimmern war recht schmal. Der Flur im unteren Stockwerk war nicht viel breiter. Zwei Personen hätten Schwierigkeiten, nebeneinander zu stehen. Dafür erweiterte sich der Bereich hinter der Treppe ein wenig. Im unteren Stockwerk zweigten zwei Türen ab. Eine Tür führte zur Küche. Die zweite zu einem Wohnzimmer, dessen Fenster zur Front des Hauses hinaus zeigte.
Sowohl das Wohnzimmer als auch die schmale Küche waren leer.
»Severus?« fragte er erneut in die Leere hinein.
»Im Keller!« schallte es hinauf.
Die Treppe zum Keller war leicht versteckt.
Die Stufen knarzten unter seinem Gewicht. Der Keller erwies sich als der einzige magisch erweiterte Raum mit hoher Decke und einer Geräumigkeit, die ihren Platz gleich wieder hergeben musste für überladene Regale an den Wänden und mehreren breiten Tischen in der Mitte des Raumes. Der Keller war auch magisch versiegelt, was Remus gleich bemerkte, als er durch den glitzernden Schleier hindurchging.
Er fühlte sich geehrt... vielleicht hatte Severus aber auch einfach nur vergessen, ihn auszuschließen. Eine Versiegelung ließ nur denjenigen eintreten, der auch die Erlaubnis dazu hatte.
Severus stand an einem der Tische und bereitete vier Kessel zum Brauen vor. Er stellte sie in einer Reihe auf. Aus einem der Regale kamen kleine Brennpastentiegel herbei geschwebt, die er ohne drauf zu schauen aufriss und unter die Kesselgestelle platzierte. Von drei Seiten gleichzeitig flogen diverse Gläser, Bottiche und Schläuche zu ihm. Ein Glas hätte Remus beinahe am Kopf getroffen.
»Zieh die Rübe ein oder komm her«, sagte Severus, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen. Er trug nicht seine gewohnte schwarze Aufmachung. Aber es würde auch an äußerster Seltsamkeit grenzen, wenn Severus in seinem eigenen Haus seinen schwarzen Mantel tragen würde. Auch wenn er im Keller arbeitete, der Raum würde allein schon durch die offenen Flammen unter den Kesseln und die Feuchtigkeit der köchelnden Tränke in wenigen Stunden dschungelartig aufgeheizt worden sein.
Nein, da war es klug, keinen Mantel zu tragen. Stattdessen trug er ein weißes Hemd und darüber eine schwarze Weste, aus einem wirklich feinen Stoff. War das etwa Seide? Ein wenig overdressed für die Arbeit, dachte sich Remus.
»Es sind Ferien, wieso arbeitest du?« fragte Remus schließlich als er neben Severus stand.
»Meine Lizenzen kommen nicht von ungefähr«, erklärte Severus ohne es wirklich zu erklären.
»Was meinst du damit?« fragte Remus weiter, nachdem keine weitere Begründung folgte.
Severus sah auf als hätte Remus eine wirklich selten dämliche Frage gestellt. »Ich gehöre zu den wenigen Tränkemeistern, die eine Reihe seltener und sehr komplizierter Tränke brauen können. Damit ich meine Lizenz behalten darf, muss ich das Ministerium einmal im Quartal mit einer bestimmten Anzahl von Tränken beliefern. Außerdem hat mir Poppy ihre Bestellung geschickt für den Krank...« Severus stockte mitten im Satz als Remus seine Hand berührte und diese langsam von den Zutaten entfernte, die er auf dem Schneidebrett ausgebreitet hatte. »Was wird das?« Severus bedachte ihn mit einem Blick, der einen durchaus an Ort und Stelle festnageln konnte.
Remus antwortete zunächst nicht, stattdessen drehte er einen recht irritierten Severus so weit von seiner Arbeit weg, dass sich beide gegenüber standen. »Ich teste eine Theorie.«
»Welche Theorie?«
Was Remus an diesem Morgen als drittes auffiel, war die Tatsache, dass Severus sehr verbohrt war. Das wusste er eigentlich schon, also zählte es im Grunde genommen nicht.
Remus' Fingerspitzen geisterten über Severus' schwarze Weste.
»Dass unser Zusammenspiel gestern keine einmalige Angelegenheit war.«
Severus bewegte sich keinen Millimeter als Remus seinen Lippen näher kam. Als schließlich außer Frage stand, was Remus vor hatte, stemmte Severus seine Hände auf Remus' Brust und schob ihn von sich.
»Was hast du vor?!« fragte er mit aufgerissenen Augen.
Und auf einmal waren sie wieder da: Die Selbstzweifel, die Remus schon sein ganzes Leben lang begleitet hatten. Die Abweisungen. Der schwarze Schatten, der am Rand seines Blickes darauf wartete, ihn einzuholen, wenn er gerade nicht hinsah.
»Tut... tut mir leid... Ich... ich...« Er hasste sich inständig für sein Stottern und seine Nervosität. Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich über sein plötzlich wieder sehr müdes Gesicht. Sein Blick fiel auf den Tisch mit den Kesseln und wanderte über die Regale auf der anderen Seite des Raumes. Jedenfalls sah er überall hin, nur nicht zu Severus. Niemals zu Severus.
Er kam sich so dumm vor!
»Hör zu« nuschelte Severus mehr zu sich selbst. »Menschen, die sich mit mir abgeben, wollen in der Regel immer etwas von mir, sei es ein Gefallen oder Informationen oder sie wollen mich in irgend eine Intrige hineinziehen, weil sie sich mit mir auf ihrer Seite einen Vorteil erhoffen. Oder sie wollen sich profilieren, indem sie sich mit einem ehemaligen Todesser abgeben und mich öffentlich vorführen wollen als gezähmter Überläufer. Niemand, wirklich niemand gibt sich mit mir ab, ohne etwas von mir zu wollen. Also, Lupin...« Er griff nach Remus Kinn und schob es in seine Richtung, damit Remus ihn ansehen musste. »Was willst du von mir?«
»Dich«, schoss es selten dämlich aus seinem Mund, bevor er die Buchstaben aufhalten konnte.
»Und unter welcher Bedingung?«
Da verstand Remus erst, um was es hier wirklich ging.
Bisher hatte er immer in seiner kleinen Welt gelebt, in der es nur wenige Menschen gab, die ihn so akzeptierten, wie er war. Von seiner Welt aus wirkte Severus immer sehr souverän und unnahbar. Unterhaltungen jeglicher Art hielt er stets auf das nötigste beschränkt. Er arbeitete hart, war sehr ernst. Auf Parties traf man ihn normalerweise nie an.
Severus war keine Person, die zwischenmenschliche Beziehungen auf die leichte Schulter nahm.
Remus lechzte nach Zugehörigkeit, nach Kameradschaft, nach menschlichem Kontakt.
All das, was dem Anschein nach nicht auf Severus' Plan existierte.
»Nun gut, Lupin. Du hattest deinen Spaß mit mir. Schluss mit den Spielchen!« Severus wandte sich wieder seiner Arbeit zu und die nächsten Zutatengläser flogen aus den Regalen herbei.
»Spielchen?« fragte Remus immer noch irritiert.
»Hör zu, Remus. Letzte Nacht war einmalig. Du kannst das Hemd und die Hose behalten. Die Sachen gehörten meinem Vater. Ich trag's sowieso nicht. Das Kostüm hab ich gereinigt. Es hängt im Flur an der Garderobe und sollte fast trocken sein. Wenn du es ganz eilig hast, dann empfehle ich dir einen Trocknungszauber drüber zu legen, bevor du es wieder zurückgibst. Wenn du willst, kannst du dir noch einen Kaffee nehmen. Ich werde hier eine Weile beschäftigt sein. Du hast ja gesehen, wo die Tür ist. Also... Mach's gut.«
Als wäre ein Schalter umgelegt, konzentrierte Severus sich nur noch auf die Kessel vor ihm und die Zutatenliste.
Seine Füße trugen ihn wie von selbst die Treppenstufen hinauf. Der Schutzzauber knisterte als er durch ihn hindurch trat.
Er war an Abfuhren gewöhnt. Normalerweise bekam er eine, sobald die Menschen, mit denen er sich abgab, seine wahre Natur entdeckten. Bisher hatte sich noch niemand auf so intime Weise mit ihm eingelassen, obwohl dieser über seine Lykanthropie Bescheid wusste.
Für einen Moment hatte Remus es gewagt, Hoffnung zu hegen.
Er schalt sich selbst für seine eigene Dummheit.
Der Kaffeeduft stieg ihm wieder verführerisch in die Nase. Hinzu kam ein quälender Magenkrampf.
Wenn er sich recht zurückerinnerte, hatte er kein Geld dabei. Er konnte sich unterwegs ein Frühstück herbeizaubern, aber jeder Zauberer wusste, dass die Sachen nicht so einfach aus der Luft zu greifen waren. Sie kamen schließlich von irgendwo her. Und egal, wie tief er sinken würde, noch hatte er seine Moral und er wollte sich nicht am Eigentum anderer Menschen bereichern.
Wenn er etwas essen wollte, so musste es auch bezahlt werden.
Er hatte schon die Hand an der Türklinke, das Kostüm über die Schulter geworfen, da klang eine Tasse Kaffee doch nicht so verkehrt.
Mit etwas Milch würde es seinen Magen beruhigen und vielleicht könnte er dann auch wieder geradeaus denken.
Der erste Schluck wirkte belebend.
Schließlich nahm er sich auch Zeit, um die Küche näher zu inspizieren.
Severus hatte nicht explizit gesagt, dass er jetzt sofort gehen soll. Der Kaffee war ja auch noch seine Idee gewesen, und so eine Tasse Kaffee konnte sich immerhin sehr in die Länge ziehen.
Die Küche war schlicht eingerichtet und verhältnismäßig dunkel von den Lichtverhältnissen her. Das Fenster zeigte zur Seite hinaus auf die Mauer des Nachbarhauses.
Die Arbeitsplatte war sauber und freigehalten. Die Schränke jedoch hatten ihre besten Zeiten bereits erlebt. An den Ecken blätterte die Farbe ab, die an sich schon sehr vergilbt und abgriffen wirkte. Zu seiner eigenen Überraschung stand in der Küche ein sehr störrisch brummender Kühlschrank in der Ecke.
Am Ende der Arbeitsplatte, direkt unter dem Fenster stand ein Gasherd mit Backofen. Auf der anderen Seite der Küche stand ein schmaler Tisch mit zwei Stühlen.
Die Küche wirkte alles in allem sehr muggelartig. Von Severus Snape hätte er das nicht erwartet. Aber dann wiederum wirkte das Haus nicht als hätte Severus es sich vor kurzem angeeignet. Es wirkte viel älter.
Vielleicht war es das Haus seiner Eltern?
Remus wusste, dass sein eigener Vater einmal sehr reich gewesen sein musste, sonst hätte er sich die vielen unterschiedlichen Behandlungsmethoden nicht leisten können, mit denen Remus jeden Monat gefoltert wurde. Die Lupins lebten nicht in Reichtum und Luxus, aber allein die Häuser, in denen Remus aufwuchs, waren in einem besseren, renovierten Zustand als dieses Haus.
Wenn Severus es wünschte, könnte er es jederzeit magisch verbessern, so wie er es mit dem Kellergewölbe getan hatte.
Aber vielleicht wollte er das schlichtweg nicht?
In diesem Moment nahm er sich vor, Severus' Gastfreundlichkeit ein wenig länger auszureizen.
Ein Blick in den Kühlschrank verriet ihm, dass das Gerät nicht nur griesgrämig brummte, sondern auch funktionierte und sogar gefüllt war. Es gab Milch und Eier, Käse, Speck. Auf der Anrichte lag sogar eine Brotbox mit einem angeschnittenen Brot.
Da kam ihm eine Idee.
Und ob dies eine gute oder schlechte oder wirklich sehr, sehr schlechte Idee sein würde, konnte er nur herausfinden, wenn er es ausprobierte.
Als er die Stufen zum Keller wieder hinabstieg, war er so nervös wie lange nicht mehr.
»Severus?« fragte er vorsichtig in den Raum hinein.
Er hörte es entfernt blubbern.
Der Schutzzauber flammte grün vor ihm auf und zischte als er hindurchgehen wollte. Severus hatte also den Zauber angepasst, und nun konnte er nicht mehr passieren.
Keine Antwort.
»Severus?« fragte er erneut, dieses Mal lauter. Vielleicht hatte er ihn schlichtweg nicht gehört?
»Wieso bei Merlins Bart bist du noch da, Lupin?« raunte es von unterhalb der Treppe herauf. Er stand schließlich am Fuß der Treppe und starrte ungläubig zu Remus hinauf. »Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Nimm deine Sachen und geh!«
Remus ignorierte das Gezeter, legte ein hoffentlich selbstbewusstes Lächeln auf, auch wenn ihm die Knie schlotterten, und sagte mit beinahe ruhiger Stimme: »Ich habe mir gedacht, dass nach letzter Nacht ein deftiges Frühstück das Mindeste ist, das ich dir zubereiten könnte. Brauchst du hier noch lange oder kannst du die Kessel für ein paar Minuten allein lassen?«
Die Information torpedierte Severus' Laune von leicht ungläubig zu außerordentlich wütend. »Du hast WAS gemacht?!« fragte er und schnellte die Treppe hinauf bis Remus ihm unbeabsichtigt den Weg versperrte.
»Ich hab Frühstück gemacht.« Remus betete, dass seine Nervosität nicht schon wieder ein peinliches Stottern triggern würde. »Ich dachte mir, dass du vielleicht Hunger haben könntest. Mit leerem Magen arbeitet es sich sehr schlecht. Also wenn du es gerade einräumen kannst, es ist in der Küche angerichtet.«
Er drehte ihm den Rücken zu und ging die wenigen Stufen der Treppe wieder hinauf, die nicht vom Schutzzauber eingeschlossen waren.
Es grenzte schon an ein Wunder, dass er nicht stolperte.
Ein Fluchen hinter ihm und das Surren des Schutzzaubers verrieten ihm, dass er es tatsächlich geschafft hatte, Severus aus seinem Keller hervorzulocken.
Etwas verdattert stand er in der Tür zur Küche. Der kleine Küchentisch wirkte unter dem Frühstück sehr überladen. Der Rest stand auf der Arbeitsplatte in Greifnähe.
»Ist das irgendein morbider Trick von dir, Lupin?« fragte Severus genervt.
»Wenn es einen Spruch gibt, der Frühstück aus der Luft hervorzaubert, dann hätte ich keine Probleme mehr«, antwortete Remus trocken und nahm er an der Seite Platz, die zur Tür hin zeigte. »Setz dich doch.«
Severus tat einen Schritt in die Küche hinein, kam aber der Aufforderung nicht nach. »Ok, Lupin...«
»Remus.«
»Lupin!«
Remus verdrehte die Augen.
»Ich weiß nicht, was du damit bezweckst, aber ich bin mir sicher, dass du dein Vergnügen mittlerweile ausreichend ausgekostet haben musst. Meine Geduld neigt sich dem Ende zu!« schnaufte Severus.
»Der Name ist Remus, das wirst du doch wohl noch aussprechen können, oder? Gestern Nacht hast du jedenfalls bewiesen, dass du dich sehr gut an meinen Namen erinnerst, Severus! Und ich bezwecke hiermit, etwas zu essen und weil ich Manieren habe, dachte ich, dass ich dir, wenn ich schon nicht viel zu bieten habe, wenigstens Frühstück machen könnte. Ich wusste allerdings nicht, ob du Tee- oder Kaffeetrinker bist. Manche Leute bevorzugen ja eher Tee zum Frühstück, auch wenn sie mehr der Kaffeetrinker sind. Also hab ich auch Tee aufgesetzt. Setz dich doch bitte, bevor es kalt wird.«
Misstrauisch beäugend ließ Severus sich langsam - wirklich sehr langsam - auf dem Stuhl gegenüber Remus nieder.
»Wer soll das alles essen?« kommentierte er die Mengen, die bei Remus' Verausgabung herausgekommen waren.
Er hatte einfach mal alle verfügbaren Eier zu Rührei verarbeitet, das Brot geröstet und den Speck angebraten.
»Naja, es soll üppig sein, du wirst bestimmt noch einige Stunden da unten zu tun haben und nicht umkippen vor Unterzuckerung.«
»Willst du mir unterstellen, dass ich nicht auf mich selbst aufpassen kann?!« fragte Severus bissig.
»Du kommst nicht damit zurecht, wenn sich Menschen einfach nur um dich kümmern möchten, oder?« Remus schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein. So viel Kaffee konnte er heute gar nicht verinnerlichen, um nicht doch noch im Laufe des Tages einfach an Ort und Stelle einzuschlafen - wenn nötig auch im Stehen.
»Es kommt nicht sehr oft vor...« Severus bedachte ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue, als wenn das sein Misstrauen noch mehr unterstreichen könnte.
»Gut, dann musst du es jetzt einfach hinnehmen, dass ich dir nichts böses will.«
»Und für welche Quidditch Mannschaft ist das Frühstück dann bestimmt?«
»Oh, du wirst erstaunt sein, was ich alles verschlingen kann. Du solltest dir eher Sorgen machen, dass du überhaupt etwas davon abbekommst.« Remus grinste und nahm Severus Teller entgegen, um einen ordentlichen Haufen Rührei draufzuschaufeln.
»Das wäre wohl sehr unhöflich, wenn man bedenkt, dass du das Frühstück unter der Prämisse zubereitet hast, um dich mit deinem Gastgeber gut zustellen«, bemerkte Severus trocken, während er Butter auf eine Scheibe Brot schmierte.
Remus stutzte zuerst als hätten ihm seine Ohren einen Streich gespielt. »Hast du gerade gescherzt?!«
»Unmöglich! Ich scherze nie!« konterte Severus und schob sich genüsslich eine gabelvoll Rührei in den Mund.
»Klar doch! Das war ein Scherz! Wenn Severus Snape zum scherzen aufgelegt ist, kann das nur ein außergewöhnlicher Tag werden!« Remus grinste. Ihn vom Gegenteil zu überzeugen bedurfte es jetzt ein Wunder.
Die langen schwarzen Haare fielen ihm in öligen Strähnen ins Gesicht. Remus konnte nicht widerstehen und griff über den Tisch, um ihm die Strähnen hinter das Ohr zu klemmen. Doch ehe er seinem Gesicht auch nur nahe genug kam, wich Severus so heftig zurück, dass die Stuhlbeine unter ihm über den Boden quietschten.
»Severus, ich habe gestern Nacht mit dir geschlafen, und das nicht nur einmal... und jetzt weichst du vor einer simplen Berührung zurück?!« fragte er irritiert und doch recht selbstbewusst, denn letzte Nacht kam ihm noch immer wie ein Traum vor.
»Ich mag es nicht sonderlich, berührt zu werden«, rutschte es ihm raus. Mit flinken Fingern klemmte er sich die Haare selbst hinters Ohr und ließ Remus dabei nicht aus den Augen.
»Das tut mir leid.« Er wusste, dass es fadenscheinig wirkte, doch er meinte es ehrlich und hoffte, dass es auch so verstanden wurde. »Warum nicht?« erprobte er das neue Terrain.
»Weil Berührungen bisher nie etwas Gutes bedeuteten...« antwortete Severus recht kryptisch.
Sein Blick fiel auf die gebratenen Speckstreifen.
»Hast du etwa den ganzen Schinken verbraten?« fragte er mit etwas harscher Betonung.
Remus starrte so unschuldig drein wie nur irgend möglich. »Das Stück war wirklich nicht groß, aber ja...« Als darauf betretene Stille folgte, schob er ein leises »Warum?« hinterher.
»Das war Parmaschinken...«
Als er keine Reaktion von Remus erhielt, fuhr er fort: »Das ist eine italienische Spezialität.«
»Aus der Muggelwelt?« fragte Remus.
»Tu mir den Gefallen und frag das nächste Mal, bevor du meinen Kühlschrank plünderst«, meinte Severus beiläufig und schenkte sich Kaffee ein.
Remus lief vermutlich so rot an wie eine Tomate. Er wollte eigentlich ein halbherziges 'Tut mir leid' nuscheln und dann ein 'Ich werd's ersetzen!' hinterherschieben, als ihm aber eines auffiel:
»Beim nächsten Mal?« fragte er und verschluckte sich beinahe.
»Naja, wenn du nicht willst...«
»Natürlich will ich!« rief Remus überschwänglich.
Was für ein seltsamer Wink des Schicksals, der sie beide zusammengeführt hatte.
Mühselig schälte Remus sich nun aus dem Bett.
Weiter unten hörte er es schon scheppern und schimpfen.
Das bedeutete wohl, dass Molly Weasley 'und Anhang' soeben eingetroffen sein mussten, und Molly entweder Kreacher in die hinterste Ecke des Anwesens scheuchte, oder sie hatte Sirius sternhagelvoll aufgelesen und hielt ihm jetzt eine Standpredigt.
Remus hoffte inständig auf letztere Option.
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»Du verwahrloster Pelzknubbel! Es ist acht Uhr in der Frühe und du bist schon betrunken! Sirius Black, reiß dich gefälligst zusammen! Du kannst dich nicht so gehen lassen. Als Mitglied des Ordens hast du eine gewisse Pflicht zu erfüllen und du hast eine Vorbildfunktion für die Jüngeren! Wie hätte das jetzt gewirkt, wenn ich die Kinder mitgebracht hätte! Also wirklich!«
Mollys Gezeter nahm kein Ende.
Sirius saß am Tisch in der Küche und hielt sein Gesicht hinter seinen Händen versteckt. Er murrte gelegentlich unverständliches Zeug.
Als Remus herunterkam konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Und du! Remus John Lupin!« entfuhr es Molly ohne auch nur einmal eine Pause zum Luft holen einzulegen. »Du bist sein bester Freund! Und nun sieh dir an, was unter deinen Augen passiert! Der Herr säuft sich noch um den Verstand!« Sie zog Sirius eins mit dem Handtuch über, mit dem sie eben noch das Geschirr getrocknet hatte.
Weiter hinten stand Arthur über eine Tasche gebeugt, aus der er allerlei Lebensmittel und Kisten hervorholte. Er beugte sich teilweise bis zur Hüfte in die kleine Tasche hinein.
»Arthur, Liebling, hol' bitte zuerst die Eier heraus, die faulen sonst so schnell.«
Molly war eine Art Naturgewalt.
In einem Augenblick konnte sie einem die Leviten lesen, dass man sich selbst mit 35 Jahren noch wie ein kleiner Schuljunge vorkam, und im anderen Augenblick konnte sie auf liebenswürdige Mutter und Ehefrau umschalten als wäre sie nicht gerade eben noch wutentbrannt eskaliert. Der Schalter ging allerdings auch in die andere Richtung.
»Und nun mach' dich entweder nützlich oder geh dich waschen, Sirius Black! Ich kann deine Whiskeyfahne drei Meilen gegen den Wind riechen!«
Damit er sich endlich schneller erhob, scheuchte sie ihn wild mit dem Handtuch um sich schlagend von seinem Platz und trieb ihn aus der Küche heraus.
Als sie sich zu Remus umdrehte, war sie wieder die liebenswürdige Frau und Mutter.
»Entschuldige, Remus, wir sind ein wenig spät dran, aber der liebe Arthur hatte wohl wieder einmal seinen Kopf vergessen... wenn der bloß nicht angewachsen wäre...«, murmelte sie hinterher. »Du siehst hungrig aus, mein Junge. Was möchtest du frühstücken.«
»Sag mir, was ich tun soll und ich werde dir helfen so gut ich kann«, sagte er mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Unbewusst spielte er mit seinen Manschettenknöpfen und auch sein Blick fiel kurz darauf hinab.
»Arthur geht mir nie zur Hand beim kochen...« bemerkte sie vorwurfsvoll, aber weniger bissig und mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen.
»Du jagst mich ja auch jedes Mal aus der Küche, wenn ich dir helfen will!« verteidigte sich Arthur und hatte die letzte Packung aus der Tasche bugsiert. Auf der Anrichte türmten sich Päckchen und Tütchen empor und versanken in einem See von Obst und Gemüse.
»Dann mach dich nützlich und beziehe die Betten neu! Du weißt ja, wo die Bettlaken sind, wenn dieser fürchterliche Elf sie nicht beseitigt hat!«
Arthur war schneller aus der Küche verschwunden als Remus ihm hinterherschauen konnte.
»So und du suchst mir jetzt bitte zwei große Schüsseln, ein Sieb und eine große Tasse heraus. Wir werden Kekse backen!« Mollys Augen glänzten. Wenn es etwas gab, bei dem sie sich verausgaben konnte, dann war es backen.
Remus war nicht sonderlich begabt, was kochen oder backen betraf, aber mit Molly an seiner Seite wusste er zumindest, dass das Ergebnis essbar sein würde.
Sie begann damit, das Mehl zu sieben, während Remus die Arbeitsplatte mit einem Lappen abwischte.
»Das geht übrigens viel besser, wenn du dir die Ärmel hochkrempelst, Remus«, bemerkte sie, und es entging ihr nicht, dass er dabei zusammenzuckte.
»Die Ärmel?« fragte er verdattert.
»Ja, oder willst du das Hemd unnötig schmutzig machen? Das Haus entbehrt zwar einen gewissen schäbigen Charme, aber du musst es ihm nicht sofort gleichtun, Remus. Na, los, mach deine hübschen Manschettenknöpfe ab und steck sie weg. Mehlstaub sieht wirklich auf keinem Schmuckstück gut aus.«
Es widerstrebte ihm, die Manschettenknöpfe wegzustecken, aber es war gewiss nicht für lange Zeit, und er konnte sie bestimmt für ein paar Minuten aus den Augen lassen. Es war ja nicht so, als hätte er sie ständig in den letzten Tagen angestarrt.
Während sie eine Schürze vor ihm auf die Anrichte legte, bemerkte sie noch etwas: »Das ist übrigens ein sehr hübscher Ring. Aber das kann kein Silber sein. Was ist das für ein Material? Platin?«
»Weißgold« antwortete Remus und drehte den Ring an seinem Finger.
»Oh, sehr schön. Freut mich für dich!« Molly strahlte und holte die Packung mit den Eiern und zählte diese ab.
»Was meinst du damit? Es ist doch nur ein Ring«, wollte Remus ablenken.
»Mein Junge, du kannst mir vieles vormachen oder dir selbst etwas einreden. Es geht mich auch nichts an... aber ich erkenne einen Ehering, wenn ich einen sehe.«
»Ich...« Remus fühlte sich überrumpelt.
»Du musst gar nichts sagen, mein Junge. Hauptsache sie macht dich glücklich.« Molly schenkte ihm eines ihrer 'Alles wird gut' Lächeln, nachdem man auch in der ausweglosesten Situation wieder zu hoffen wagte, doch...
»Molly ich mache mir unheimliche Sorgen...« fing er plötzlich an, weil er es nicht mehr aushalten konnte.
»Meinst du nicht, dass das ein Thema ist, für das Sirius oder Arthur besser geeignet sind als so ein altes Waschweib wie ich?« fragte sie unbekümmert und trennte die Eier nach Eigelb und Eiweiß.
»Sie würden es nicht verstehen«, setzte Remus an.
»Ach, mein Lieber, ich glaube Sirius weiß so einiges über Frauen und der gute Arthur kann dir bestimmt auch ein paar gute Ratschläge für eine gute Ehe geben. Ich kann dir nur eines empfehlen: Egal, was sie sagt, deine Frau hat IMMER recht! Merk dir das, und du wirst nie in Schwierigkeiten geraten«, empfahl sie mit einem Zwinkern.
»Molly, es ist keine...«, nuschelte Remus und ihm stockte der Atem. Sie hatten sich bisher keine Pläne gemacht, was passiert, wenn es jemand aus dem Orden durch Zufall herausfinden sollte... Aber es selbst deklarieren?
»Was sagtest du?« hakte Molly nach und maß nebenher den Zucker ab.
»Molly, es ist keine Frau, mit der ich liiert bin.« Es fühlte sich so unendlich befreiend an!
»Oh.« Das war alles. Kein enttäuschtes Oh, aber auch kein überraschtes Oh, was ihn doch sehr verwunderte.
»Molly, bitte sag es keinem weiter, ja? Ich habe nicht einmal mit Sirius darüber gesprochen«, flehte er sie an. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihr davon zu erzählen.
»Aber wieso denn nicht? Ihr seid doch die besten Freunde?« fragte Molly betrübt.
»Ja, beste Freunde... das waren wir einmal. Er würde es nicht verstehen, Molly. Glaub mir, es ist besser, wenn er es nicht erfährt. Er hat mich schon öfter auf den Ring angesprochen, aber er will mir immer irgend welche Frauengeschichten andrehen.«
»Weiß er denn von deiner kleinen pelzigen Angelegenheit?« fragte sie und er wusste genau, dass ihr stattdessen das Wort 'Problem' auf der Zunge lag.
Er nickte.
Überrascht riss sie die Augen auf, als würde ihr ein Licht aufgehen. »Na, aber das ist dann doch wunderbar. Remus, mein Lieber, manchmal musst du genau das tun, was richtig für dich ist, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer zu nehmen.« Sie reichte ihm ein paar Bananen. »Schälen und mit einer Gabel zerkleinern«, wies sie ihn an. Während sie die Masse in der großen Schüssel verrührte, warf sie ihm einen neugierigen Blick zu, schaute dann wieder weg und sah ihn dann wieder an.
»Frag schon! Ich merk doch, dass dir etwas unter den Nägeln brennt«, schmunzelte Remus.
»Nun ja, es geht mich nichts an...« wich sie aus.
»Unsinn! Wenn es etwas ist, das ich nicht beantworten will, dann werde ich es dir auch so sagen. Ansonsten frag frei heraus, sonst platze ich vielleicht noch. Du bist die erste Person, mit der ich überhaupt darüber spreche!« Es war ihm gar nicht aufgefallen, wie sehr es ihn danach sehnte, sich jemandem anzuvertrauen - bis jetzt.
»Wie habt ihr das gemacht? Soweit ich weiß, sind gleichgeschlechtliche Ehen nicht erlaubt?«
»Sind sie auch nicht. Offiziell haben wir nicht die Rechte, die ein verheiratetes Paar hat. Selbst in der Muggelwelt ist eine Ehe zwischen zwei Männern verpönt. Aber wir hatten jemanden gefunden, der für uns eine kleine Zeremonie abgehalten und ein Schreiben ausgestellt hat. Aber selbst unter Muggeln hat das Dokument keine Rechtskraft.« Die Hände entfernten flott die Schalen von den Bananen und entsorgten diese mit einem Wink mit seinem Zauberstab. »Ich hätte lieber eine kleine Feier gehabt mit unseren engsten Freunden. Aber das wird es wohl nie für uns geben.«
»Bei Merlins Unterhose! Du redest so als wärt ihr beide schon tot! Natürlich wird es eine Feier geben. Dann feiern wir eben nach, sobald du weißt schon wer endlich das Zeitliche gesegnet hat und wir unsere Ruhe haben werden! Und wenn es einen Miesepeter geben sollte, der etwas gegen euch hat, wird er es mit Molly Weasley zu tun bekommen! Glaub mir, dann wird sich diese Person ganz schnell umentscheiden!« Sie lachte und er stimmte mit ein, auch wenn er es nur halbherzig tat.
»Molly, deinen Optimismus möcht ich gerne haben! Dann wäre alles viel einfacher!« Remus versuchte zu lächeln, auch wenn ihm mehr zum weinen zumute war.
»Remus, wo wären wir denn, wenn wir an uns selbst nicht glauben würden? Wenn wir uns jetzt keine Hoffnung mehr machen können, dann ist unser Kampf bereits verloren. Mach dir einfach so viel Hoffnung, dass es für euch beide reicht.«
Es war wie ein Schlag ins Gesicht!
Noch vor wenigen Tagen hatte er Severus eben genau das versprochen. Und nun musste er sich eingestehen, dass er dazu nicht imstande war.
»Warum darf eigentlich niemand davon wissen? Ich weiß zwar, dass in der Magierwelt keine gleichgeschlechtlichen Ehen üblich sind, aber es gibt doch ein paar sehr bekannte Zauberer, die - naja - am gleichen Ufer fischen.« Molly war es sichtlich unangenehm, eine Umschreibung zu finden, ohne das Wort beim Namen zu nennen.
»Danke, Molly. Aber uns geht es gar nicht darum, dass die anderen nicht wissen sollen, dass wir schwul sind. Es geht mehr um seine Identität. Wenn bekannt wird, dass er mit mir etwas zu tun hat, dann könnte es alles gefährden... nicht nur uns beide... sondern auch...« Beinahe hätte er zu viel verraten.
»Ihr wartet auf das Ende des Schreckens durch du weißt schon wen?« fragte Molly explizit.
Remus nickte.
»Wenn er nicht in Askaban landet...« Er reichte ihr die Schüssel mit den zerkleinerten Bananen, die er so massiv bearbeitet hatte, dass sie fast flüssiges Mus bildeten. »Ich überlebe das nicht, noch einmal jemanden an Askaban zu verlieren!«
Molly warf sich das Handtuch über die Schulter und stemmte die Hände in die Hüften. »Das sollen die erst einmal wagen! Dann werden die es mit dem Orden des Phönix zu tun bekommen!« sprach sie und klang wieder so als würde sie imaginär gegen Sirius wettern.
Remus verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
»Ich fürchte, da wären wir beide aber die einzigen, die sich für ihn einsetzen würden.«
»Je kleiner das Befreiungskommando, desto unauffälliger werden wir sein!« Molly bestäubte die Arbeitsfläche mit Mehl und ließ dann den Teig aus der Schüssel heraus. Während sie ihn mit flinken und geübten Händen knetete, fragte sie: »Macht er dich glücklich? Er muss dich glücklich machen, sonst würdest du nicht diesen gewissen Glanz an dir haben.«
»Ja, wir sind glücklich.«
»Dann reicht mir das völlig als Grund aus, euch beide ins Herz zu schließen, ganz gleich, wer er ist.«
Sie schlang ihre Arme um ihn, wohl bedacht, dass sie ihn nicht mit ihren teigbeschmierten Händen berührte. Remus musste sich weit nach vorne beugen, da Molly fast anderthalb Köpfe kleiner war als er selbst.
»Ich bin froh, dass die kleine Fledermaus jemanden gefunden hat wie dich. Ich habe mir schon ernsthafte Sorgen um ihn gemacht«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Remus schreckte vor ihr zurück. »Woher...?«
»Oh, Remus, wenn du eine Mutter hinters Licht führen willst, musst du viel früher aufstehen. Also steht es fest? Wenn es so weit kommen sollte, befreien wir ihn aus Askaban, und die alten Greise aus dem Ministerium müssen sich warm anziehen, wenn sie es mit Molly Weasley aufnehmen wollen!«
Remus lächelte traurig.
»Habe ich da Askaban gehört?« fragte ein immer noch leicht beschwipster Sirius Black.
Remus schnellte erschrocken herum.
»Sirius! Seit wann stehst du schon da?« fragte er leicht panisch.
»Lange genug, um mitzubekommen, dass ihr irgendjemanden aus Askaban rausholen wollt. Nur... als ich in Askaban war, da kam keiner, um mich da herauszuholen. Merkwürdig, findet ihr nicht auch?« bemerkte Sirius.
»Wir scherzen nur, Sirius. Niemand ist in der Lage, Askaban zu lokalisieren«, winkte Remus ab.
»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst deinen Rausch ausschlafen?« Molly schnappte sich das Handtuch von ihrer Schulter und ging auf Sirius los. Dieser hob schützend seinen Arm vor das Gesicht, als hätte er die schlimmsten Verletzungen durch ein Handtuch zu befürchten.
»Du hast gesagt, entweder duschen oder mich nützlich machen!«
Molly war wie eine Naturgewalt. Sie drängte ihn aus der Küche. Noch im Flur konnte man sie fauchen hören. »Ich hab dir gesagt, schlaf deinen Rausch aus! In deinem Zustand bist du niemandem nützlich! Also scher dich weg!«
»Verrückte Alte!« schrie er zurück.
»Na, warte!« Es rumpelte und Schritte rannten die Stufen hinauf. »Und wag es ja nicht, noch einmal betrunken herunterzukommen! Sonst setzt es was!«
oOo
Sirius' schlechte Laune besserte sich nicht über die nächsten zwei Tage. Je weniger Alkohol er in sich hineinkippte, umso fauler wurde seine Stimmung.
Es war der Tag des Treffens.
Der achte Tag.
Und immer noch kein Zeichen von Severus!
Remus wanderte jeden Abend mittlerweile einen Trampelpfad in den alten Teppich seines Zimmers hinein.
Es war nur logisch, dass Severus heute auftauchen musste. Schließlich fand heute das Treffen statt.
Er musste es doch mitbekommen haben. Auch, wenn er gerade auf der falschen Seite des Lichts stand, so würde er doch kein Ordenstreffen verpassen. Bisher hatte er noch kein einziges Treffen verpasst, soweit Remus sich erinnern konnte.
Doch was wäre, wenn er gar nicht mehr lebte?
Was hatte der Unnennbare für einen Nutzen, wenn er Severus tötete?
Jetzt verfluchte er sich, dass er dieses Gespräch nie mit Severus geführt hatte.
Alles, was er über die Todessertreffen wusste, war, dass sie über mehrere Tage gingen. Er betete dafür, dass es jetzt nicht anders war.
Severus musste einfach zurückkommen.
Die neue Hoffnung, die er durch Mollys aufmunternde Worte erhalten hatte, durfte nicht so einfach wieder niedergemacht werden.
Er starrte noch einmal auf die Uhr auf seinem Nachtschränkchen.
Eigentlich hatte er wenig Lust auf dieses Treffen.
Es bedeutete zwar Abwechslung und Arbeit, vielleicht auch einen Auftrag für ihn, aber er fürchtete sich auch davor. Wenn Molly Weasley schon herausbekommen konnte, mit wem er liiert war, was würden dann die besten Auroren aus ihm herauslesen können?
Sie beide hatten ihr Geheimnis über ein Jahr vor den anderen verbergen können. Warum sollte es jetzt anders sein?
Er atmete tief durch.
Der Mut verließ ihn mit jedem weiteren Atemzug.
»Mach' dich nicht verrückt, Remus John Lupin! Er wird heute zurückkommen! Niemand wird etwas bemerken und dann wird alles wieder in Ordnung sein. Du machst dir nur umsonst Sorgen!« sprach er zu seinem Spiegelbild. Mit beiden Händen umfasste er den Rahmen.
Vom Flur her hörte er Stimmengewirr. Die ersten werden wohl schon eingetroffen sein.
Wenn er sich unter die Leute mischte, könnte er sich zumindest von den dunklen Gedanken ablenken.
Ein wenig Gesellschaft würde ihm ganz gut tun.
Er kontrollierte noch einmal sein Erscheinungsbild, auch wenn er nie etwas darauf gegeben hatte. Zum fünften Mal zog er sein Hemd zurecht und blickte auf seine Manschettenknöpfe.
Nichts.
Sie blinkten schwarz im Licht der Deckenlampe.
Müde fuhr er sich über das Gesicht.
Würde ein Zauber seine Augenringe verbergen können? Mit Sicherheit, aber das war ihm die Mühe nicht wert. Er sah doch immer etwas müde und zerzaust aus. Wenn er jetzt etwas daran änderte, würde es den anderen eventuell auffallen.
Sirius mit Sicherheit.
Vor seiner Zimmertür stach ihm ein süßer Geruch in die Nase mit einer Eisennote und einer unverkennbaren Fäulnis.
Sein Werwolfinstinkt schlug sofort an.
Es war der Geruch von Blut, mehr noch: von frischem Blut und alten Wunden, die sich nicht schließen wollten! Jemand musste von einer Mission zurückgekehrt sein, und brauchte medizinische Hilfe.
Er ging bereits die Treppe hinab als ihm noch ein anderer Duft in die Nase stach, der so unverkennbar für ihn war. Es roch leicht nach Kräutern und Moschus und dem eigenartig bitteren Geruch, der einem anhaftete, wenn man zu lange im Labor in den Kerkern von Hogwarts gearbeitet hatte.
Er war es!
Und er schien verletzt zu sein.
Geschwind drehte er auf dem Absatz um und holte aus seinem Zimmer einen Erste Hilfe Kasten - keinen normalen wie die Muggel sie hatten, nein, einen Erste Hilfe Kasten für Zauberer, mit Mullbinden, aber auch mit Tränken für die Erstversorgung.
Severus hatte ihm den Kasten für solche Fälle gegeben.
Er versuchte, die schwarze Schachtel nicht fallen zu lassen auf seinem Weg in die Küche. Beinahe wäre er über seine eigenen Füße gestolpert.
»Reiß dich zusammen, Lupin!« murmelte er sich selbst zu.
Bisher waren noch nicht alle eingetroffen. Obwohl man nie sicher sein konnte, wer alles Bescheid bekommen hatte und wer auch Zeit für das Treffen aufbringen konnte.
Minerva war da. Sie begrüßte ihn mit einem Lächeln und einem knappen Nicken. Sie saß nahe dem Kopfende beim Eingang und trank genüsslich eine Tasse Tee.
Moody war ebenfalls zu früh eingetroffen. Er unterhielt sich sehr angeregt mit Kingsley Shacklebolt am anderen Ende des Tisches.
Sirius goss sich schwarzen Kaffee ein und trank die Tasse aus, ohne sie einmal abzusetzen. Remus wunderte sich, ob er vorher noch etwas Schnaps reingeschmuggelt hatte.
Arthur stand in einer Ecke und unterhielt sich mit Mundungus Fletcher. Molly warf ihm einen entschuldigenden Blick zu.
»Wer ist verletzt?« fragte Remus schließlich laut genug, dass es auch die beiden Auroren am anderen Ende des Tisches mitbekamen.
Minerva - offensichtlich sehr irritiert - setzte ihre Tasse Tee ab und fragte: »Was meinst du? Warum sollte hier jemand verletzt sein?«
»Weil ich Blut rieche, und das nicht zu wenig«, erklärte er und sah sich in der Runde um.
Kingsley war sichtlich interessiert, ging am Tisch entlang und blieb auf halbem Wege stehen. »Hier ist niemand verletzt, Remus. Oder ist hier jemand einquartiert worden, der bei seinem Auftrag verletzt wurde? Ich war leider in meine Unterhaltung mit Alistor vertieft und habe nicht mitbekommen, ob jemand eintraf. Sirius?« Kingsley warf dem Hausherren einen fragenden Blick zu.
Sirius indessen lehnte sich gelassen gegen die Anrichte. Zwischen Remus und ihm stand der Tisch wie eine Barriere. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und bedachte Remus mit einem berechnenden Blick.
»Ich habe Schniefelus im Flur abgefangen. Er hat wie ein Schlachter gestunken. Das Blut muss von seinen Opfern stammen, oder von seinen feinen Rekruten.« Er starrte auf seine Fingernägel als wäre der Dreck darunter interessanter als die Unterhaltung. »Ich habe ihn rausgejagt.« Sein Grinsen spiegelte die Schadenfreude wieder, vor der seine Worte nur so troffen.
»Du hast was getan?« fragte Remus fassungslos.
»Du hast schon richtig gehört. Ich hab ihn rausgeworfen! Warum, Remus? Seit wann interessiert es dich so sehr, was mit Schniefelus ist?« giftete Sirius zurück, zeigte sich aber immer noch gelassen, als wäre nichts passiert.
»Severus ist genau so ein Mitglied des Ordens wie du, Sirius«, erinnerte Minerva ihn ruhig, doch sichtlich pikiert.
»Snape hat das gleiche Recht hier anwesend zu sein wie wir auch.« Es war ungewöhnlich für Alistor, sich auf Severus' Seite zu schlagen.
Remus spürte eine Berührung auf seiner Schulter, aber wehrte die Hand ab.
»Wieso hast du das getan?« fragte er mit nur schwer beherrschter Stimme.
»Weil ich keine Verbrecher in meinem Haus dulde, Remus! Das solltest du wissen! Ich verabscheue ihn und seinesgleichen! Und wenn er glaubt, er dürfe hier reinspazieren, obwohl er noch nicht einmal den Anstand hatte, sich das Blut Unschuldiger abzuwaschen, dann hat er hier nichts zu suchen! Ich beherberge keine Verräter!«
»Das ist SEIN VERDAMMTES BLUT, DU IDIOT!«
»Was?« »Wie meinst du das?« »Wieso sollte es seines sein?«
Remus konnte nicht mehr herausfiltern, wer was gesagt hatte. Sein Blick war auf Sirius fixiert, der sich jetzt mit beiden Händen auf den Tisch abstützte und die Information völlig ignorierte.
»Sag mir doch bitte eins, Remus. Warum handeln unsere Gespräche in letzter Zeit immer von der widerlichen Fledermaus von Hogwarts? Was hast du zu verbergen, Remus? Du verteidigst ihn, wo du nur kannst, als wärst du sein Schoßhündchen!«
Totenstille folgte.
»Du weißt nicht, was du sagst, Sirius«, versuchte Remus einzulenken.
»Oh, ich weiß genau, was ich sage. Ich weiß auch genau, wie du aussiehst, wenn du ihn wieder einmal im guten Licht hinstellen willst! Dann glänzen deine Augen so verdammt verklärt als wärst du in den Todesser verknallt!« Sirius sprach sich in Rage. Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter.
Minerva versuchte kurz zu intervenieren und fragte in ihrer ruhigen Stimme, die so gar nicht in diese Situation hineinpasste: »Woher weißt du, dass es sein Blut ist, Remus? Kann es nicht auch das von jemand anderem sein?«
Darauf hatte Remus im Grunde genommen keine Erklärung. Er konnte ihnen nicht erklären, warum er wusste, wie Severus' Blut roch, ohne sich dabei zu verraten.
»Ich kann jeden von euch am Geruch erkennen.« Es war ein Versuch, vom eigentlichen Punkt irgendwie abzuweichen, denn Sirius war sich bestimmt nicht bewusst, wie hart er das Ziel schon getroffen hatte.
Endlich bemerkte er Molly, die neben ihm stand und ihre Hand auf seinen Arm legte, fast wie eine Entschuldigung. »Tut mir leid, mein Junge, ich konnte ihn nicht aufhalten«, sagte sie.
Sirius grätschte quasi mit seinen messerscharfen Worten hinein: »Wieso hättest du ihn auch aufhalten sollen? Ich dulde keine Mörder hier in meinem Haus!«
Daraufhin drehte Molly sich genauso wutentbrannt zu Sirius und pfefferte ihm ihre Worte entgegen: »Ich spreche nicht von Severus, ich spreche von DIR, du dummer Hund!«
»Von mir? Wieso ist jetzt alle Welt auf der Seite dieses Mörders?! Die Fledermaus foltert doch bestimmt zum Spaß während die sich bei ihren Treffen amüsieren und weiß der Gargoyle sonst noch tun!«
Molly wäre beinahe über den Tisch geklettert, wenn Remus sie nicht aufgehalten hätte. Er versuchte, Sirius größtenteils zu ignorieren. »Wie lange ist er schon weg?« fragte er Molly.
»Es dürften keine zehn Minuten sein«, antwortete Minerva stattdessen. »Ich habe ihn draußen angetroffen. Jetzt wo du das Blut erwähnst fällt mir auf, dass er sehr blass aussah. Blasser als sonst.«
Ihre Bemerkung nahm Remus den Wind aus den Segeln. Er fühlte sich in all' seinen Befürchtungen bestätigt.
»Der wird schon wiederkommen, wenn er sich gewaschen hat«, spiele Sirius die Situation herunter. »Schließlich muss er doch seinen ach so wichtigen Bericht an Dumbledore abgeben. So wenig Informationen, wie der durchsickern lässt, hält er doch bestimmt das wichtigste zurück und zieht seinen eigenen Nutzen aus beiden Seiten!«
»Nun hab ich aber die Schnauze voll von dir, Sirius! Hörst du dir überhaupt selbst zu, wenn du den Mund aufmachst? Ich warte seit acht Tagen auf ein Lebenszeichen von ihm! Ich weiß nie, ob er jemals lebendig zurückkehrt nach einem dieser Treffen! Du siehst es zwar nicht, aber ich bin es, der ihn jedes Mal zusammenflicken muss!«
»Warum solltest du auf ein Zeichen von ihm warten? Seit wann arbeitet ihr zusammen?« fragte Alistor sehr interessiert.
»Ja, genau! Sag es uns, Remus«, säuselte Sirius höhnisch. »Sag uns seit wann du mit den Todessern zusammenarbeitest! Seit wann sympathisierst du mit ihnen, Remus? Hast du uns schon an sie verraten?«
Wieder Totenstille.
Minerva setzte ihre Tasse schließlich so heftig ab, dass der Löffel von der Untertasse sprang. »Das kann nicht dein Ernst sein, Sirius.«
Doch Sirius ignorierte sie.
»Gib's endlich zu, dass du uns an die Todesser verraten hast! Das würde erklären, warum unsere Bemühungen ständig ausgehebelt werden! Womit hat er dich überredet? War's Geld? Waren's Frauen? Oder mit welchen Versprechungen haben sie dich auf ihre Seite gezogen?«
»Ich sympathisiere nicht mit Du-weißt-schon-wem! Ich mache mir Sorgen um Severus, weil er mein EHEMANN ist!« Und um seine Wut noch zu unterstreichen, knallte er den Erste Hilfe Kasten mit einer solchen Wucht auf den Tisch, dass die umliegenden Teller klirrten und die Gläser wackelten.
Alle Augen waren auf Remus gerichtet. Er fühlte sich in die Enge getrieben und nahm niemanden mehr um sich herum wahr, außer Sirius, der trotz seiner hinterhältigen Anschuldigungen doch leicht überrascht wirkte, wenn nicht sogar schockiert.
»Zu deiner Information - auch wenn es dich überhaupt nichts angeht, Sirius: Unsere Beziehung hat rein gar nichts mit dem Orden oder mit den Todessern zu tun!«
Er wischte sich einmal über die müden Augen, um seine Tränen zu vertuschen. Nachdem keiner es wagte, etwas zu sagen, schaute er zu Minerva zu seiner rechten und fragte mit immer noch aufgeregter, doch weniger drohender Stimme: »Hast du gesehen, wohin er gegangen ist?«
»Er ist disappariert sobald er einen Fuß auf den Gehweg gesetzt hatte.« Wenn Minerva geschockt war, dann überspielte sie das gekonnt.
Ein leises 'Verdammt!' entwich seinen Lippen.
Wieder an Sirius gerichtet, konnte sein Blick nicht hasserfüllter sein. »Wenn ihm etwas passiert ist, weil er wegen dir hier keine Hilfe erhalten hat, dann schwöre ich dir, Sirius, war's das mit unserer Freundschaft!«
Mit diesen Worten nahm er den Erste Hilfe Kasten, versteckte ihn in seiner Jackentasche und verließ die Küche.
Hinter ihm brach eine heftige Diskussion aus. Mollys Stimme übertönte alle als sie Sirius mit wirklich kreativen Beschimpfungen ins Gewissen redete und ihm keine Chance gab, zu Wort zu kommen. Aber das interessierte Remus nicht mehr.
Er flog beinahe die Treppe hinauf, wo der lange Flur zur Tür führte. Der Eingang lag im Schatten. Es hatte bisher niemand für notwendig gehalten, die Lichter am Eingang zu reparieren oder zumindest die Verzauberungen erneuern.
Im Flur war der Blutgeruch noch genau so präsent wie eben noch als er die Treppe von seinem Zimmer heruntergekommen war. Etwas stimmte nicht. Der Geruch hätte sich mittlerweile größtenteils verflüchtigen müssen.
Remus hatte einen Verdacht. Hinter ihm polterte es auf der Treppe und im Gang unter ihm.
Er zückte seinen Zauberstab: »Lumos!«
Die Spitze seines Zauberstabs leuchtete hell auf und gab einen riesigen roten Fleck an der Wand preis. Ein Fleck, der so nass war, dass sich unterhalb Bahnen gebildet hatten, an denen einzelne Tropfen hinunter wanderten.
Der eisenhaltige, faulige Geruch war seiner Nase beinahe unerträglich.
»Remus...!« rief Sirius vom Fußende der Treppe.
»Wirklich sehr gut gemacht, Sirius«, kommentierte Remus ohne den Blick vom Blutfleck abzuwenden. »Sag mir, wenn das jemand anderes gewesen wäre... Moody zum Beispiel, oder Minerva... oder Dumbledore... Hättest du sie dann auch rausgeworfen?« Er warf ihm einen Blick zu. Sirius stand wie angewurzelt an der Treppe und hielt sich am Geländer fest. »Nein, das hättest du wohl nicht, oder? Du bist so verbohrt, Sirius! Verbohrt und so von deiner eigenen Meinung überzeugt, dass du gar nicht merkst, was für ein Arschloch du eigentlich bist!«
Sirius kam langsam auf ihn zu, den Mund immer wieder stumm öffnend wie ein nach Wasser schnappender Fisch, der auf dem Trockenen lag.
»Das wird ein Nachspiel haben!« Mit diesen Worten wandte er sich von ihm ab und machte sich daran, die Tür zu öffnen.
»Remus, warte!«
»Reife Leistung, Sirius! Wirklich!« rief er ihm über die Schulter hinweg zu.
Doch Sirius lief ihm hinterher und durch die offene Tür. Auf der Türschwelle blieb er unentschlossen stehen. »Remus!« rief er ihm flehend zu.
»Bleib gefälligst im Haus, du Idiot! Tu was du am besten kannst! Saufen und schlechte Laune verbreiten!« maulte Remus zurück. Er hielt die Nase in die Luft. Der Blutgeruch lag noch schwach in der Umgebung.
Minerva hatte gesagt, dass er disappariert war.
Ihm fielen nur wenige Orte ein, an denen er Zuflucht suchen könnte. Bei dem Blutverlust wird er kaum noch die notwendige Kraft übrig gehabt haben, um sich weit weg zu apparieren. Trotzdem musste er alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Er konzentrierte sich auf den Ort, an dem sie das letzte Mal glücklich waren, und machte sich bereit, direkt vor das Gartentor zu apparieren.
Im letzten Augenblick merkte er einen Druck auf seinem Rücken. Irgendwer hatte ihn berührt, während er sich schon zur Hälfte körperlich nicht mehr am Grimmauldplatz befand, und er wusste genau, wer es war.
Als er auf der anderen Seite war, packte den Hund am Nackenfell und zog ihn so hoch, dass er knapp mit den Hinterpfoten über den Boden kratzte. Sie waren weit weg von London und die geschäftige Straße wich einem sehr verschlafenen Ort.
»Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?« Er schleuderte den Hund von sich. Das Tier knurrte und fixierte ihn mit seinem Blick. »Was denkst du dir überhaupt? Denkst du überhaupt noch nach, bevor du irgendeine Dummheit anstellst? Bei Merlins Bart! Sirius! Werd endlich erwachsen! Du benimmst dich wie ein bockiges Kind!«
Auf der anderen Straßenseite hinter einer Mauer fing ein Hund an zu bellen und in einem Fenster ging das Licht an. Zur Seite geschobene Gardinen signalisierten ihm, dass dies nicht der geeignete Ort für einen Streit mit einem Hund auf offener Straße war.
Er packte Sirius am Nackenfell und schleifte ihn mit sich durch das Gartentor. Dahinter würde man sie nicht mehr so leicht sehen können.
»Du bleibst hier sitzen!« zischte Remus. »Wehe dir, du sitzt hier nicht mehr, wenn ich zurückkomme.«
Sirius jaulte jämmerlich.
Remus war an ihren Zufluchtsort zurückgekehrt. Hier würde niemand nach Severus suchen, sollte er sich vor beiden Seiten verstecken wollen.
Doch eines fiel Remus sofort auf:
Es lag kein Blutgeruch in der Luft.
Aber er hatte es mit Severus Snape zu tun, dem Meister der Verschleierung. Er könnte seine Spuren magisch vertuscht haben. Der Hund winselte als Remus den Schlüssel umdrehte. Der Schutzzauber knisterte und leuchtete kurz blau auf bei seinem Eintritt ins Haus.
Im Stechschritt kam er kurze Zeit später wieder zurück. Die Tür schloss sich von selbst mit unsichtbarer Hand.
»Er ist nicht da«, war alles, was er sagte. Remus ignorierte das Winseln und das Anstupsen seiner Hand. Er murmelte zusammenhanglos vor sich hin wie ein Wahnsinniger, ging auf und ab auf dem kurzen Weg von Haustür und Gartentor.
»Wir können nicht vom Garten aus apparieren«, sagte er schließlich, ging aber nicht zum Tor. Die Nachbarn hatten ohnehin schon komische Blicke getauscht, wenn er mit Severus hier war. Das neugierige Getuschel, das dann folgte, war unvermeidbar in einem so kleinen Dorf. Remus wollte den Tratschtanten keinen weiteren Gesprächsstoff liefern.
»Komm mit.« Ein unnötiger Satz, denn Sirius war ihm bereits auf den Fersen als er ums Haus herum ging und die höhere Mauer hinter dem Haus anpeilte. Er schnappte sich auf dem Weg eine große Obstkiste. Das Holz knarzte unter seinem Gewicht und Sirius sah misstrauisch zu ihm auf.
»Komm her.« Remus gestikulierte ihm zu, doch Sirius schien es ihm schwierig machen zu wollen. »Du kommst jetzt augenblicklich her!« Der schwarze Hund knurrte und richtete sich rückwärts.
»Verdammt, Sirius!« Wütend ging er auf den Hund zu, packte ihn am Nackenfell und hob ihn hoch. »Du bist ein sturer Bock!« Damit bugsierte er ihn recht unsanft über die zwei Meter hohe Mauer.
Remus merkte das Alter in seinen Knochen. Obwohl er erst 35 war. Jeder einzelne Knochen schmerzte als er auf der anderen Seite der Mauer aufkam.
Sirius jaulte und rieb seine Schnauze an Remus' Bein. Es war entweder eine halbherzige Entschuldigung oder das Bekunden von Sorge um seinen vermutlich einzigen und letzten Freund.
Remus ignorierte es gekonnt. Seine Wut hatte sich halb gelegt, aber er war immer noch wütend auf ihn.
Bevor er sie beide an den nächsten Ort apparierte, schaute er noch einmal misstrauisch um sich. Der Ort schlief. Nur weit entfernt konnte er die betrunkenen Saufbolde aus der einzigen Kneipe des Ortes johlen hören. Aber in dieser Straße am Rande ihres Gartens waren die Fensterläden geschlossen und kein Licht drang durch die Lamellen auf die Straße. An dieser Ecke gab es nur eine einzige Straßenlaterne. Die anderen beiden waren schon vor langer Zeit vom Stromnetz getrennt worden.
Es war dunkel genug, um ungesehen verschwinden zu können.
Am nächsten Ort schwappte ihnen ein übler Gestank entgegen. Der Hund neben ihm würgte unkontrolliert und erbrach sich mitten auf der Straße.
Es roch nach faulenden Abfällen und stehendem Gewässer. Keiner von beiden vertrug Apparieren besonders gut. Mit den Nachwirkungen und ihrem feinen Geruchssinn, musste sich ja mindestens einer von ihnen übergeben.
Remus zückte sein Taschentuch und drückte es sich auf Mund und Nase. Er mochte diesen Ort nicht besonders. Auch wenn hier alles seinen Anfang gefunden hatte.
Unter den faulenden Gestank mischte sich der Geruch von Blut.
AN:
Ja, da hat sich aber jemand einen Schnitzer geleistet :D
Sorry, für das Sirius Bashing, aber der Gute hat andere Probleme und versucht sie auf seine Umgebung abzuwälzen.
Ob sich die beiden jemals wieder vertragen werden?
Werden sie Severus finden?
Stay tuned :)
Und: Reviews sind Futter für den Schreiberling!
