Kapitel 4 - Unverhoffte Verbündete
Lupin kramte tief in seiner Innentasche.
»Verdammt, irgendwo muss der doch sein...!« murmelte er und seine Handbewegungen wurden panisch.
Remus fühlte das Anstupsen an seinem Bein. »Sirius... gleich!« schob er den Hund beiseite.
Er holte ein Buch hervor und hielt es in der anderen Hand fest, während er mit der rechten weiter in der Tasche herumwühlte. Ein Säckchen aus Samt wurde zutage gefördert, drei leere Fläschchen - eindeutig benutzt und achtlos wieder eingesteckt - eine leere Schachtel, in der sich einmal ein Bezouarstein befand. Schließlich zog er eine weiße Plane hervor, die nun wirklich nicht in seine kleine Jackeninnentasche passen sollte.
»Ach, dahin hab ich mein Zelt verlegt!« murmelte er und warf es achtlos beiseite. »Ich muss die Tasche entrümpeln... irgendwann.«
Nach einigen weiteren wahllos kuriosen Fundobjekten hielt er schließlich den Schlüssel triumphierend in der Hand.
»Na, endlich!«
Der Flur lag dunkel vor ihnen, doch alles andere als leer. Ein großer Schatten schälte sich aus der Dunkelheit heraus.
Remus schob Sirius so gut es ging beiseite, und dann ging alles sehr schnell. Ein blaues Aufblitzen verriet ihm, von wo aus der Zauberstab auf ihn gerichtet wurde. Er kniff die Augen zusammen, griff blind nach Sirius und schob ihn zurück und ließ eine Lichtkugel auf der Spitze seines Zauberstabs explodieren, um seinen Gegner zu blenden.
Als das gleißende Licht der Dunkelheit nachgab, nutzte Remus die Verwirrung und griff nach der Stabhand, um sie gegen die Wand zu schmettern. Er presste die Schattengestalt mit seinem ganzen Körper gegen die Wand.
»Tatze! Nimm den Stab!«
Das ließ sich Sirius sich nicht zweimal sagen. Im Nu stand es zwei gegen einen, doch ihr Gegner wehrte sich nicht.
Die Tür fiel ins Schloss und die Lampen erleuchteten den Flur magisch.
Seine Gesichtszüge hatten mehr die Farbe eines Aschgrau trotz des warmen Lichts, das die Deckenleuchte verteilte. Die glasigen, blutunterlaufenen Augen starrten müde ins Nichts.
»Wo ist die Wunde?« fragte Remus, während er ihn einfach von sich wegdrückte und grob mit Blicken bemaß.
Severus' Kopf schlug mit einem dumpfen Aufprall nach hinten. Er atmete schwer als er einfach nur ein angestrengtes 'Rücken' von sich gab.
Remus machte kurzen Prozess mit Severus Kleidung. Der Umhang fiel zu einer schwarzen Lache um ihre Füße zu Boden. Er trug keinen Mantel, nur ein einfaches schwarzes Leinenhemd. Auch davon ließ Remus sich nicht aufhalten. Mit seinem Zauberstab entfernte er die Knöpfe und schob es ihm ungeduldig von den Schultern herunter. An seinen Handgelenken blieb es hängen.
Sein Oberkörper war sehr sorgfältig bandagiert worden. Das war nicht die Arbeit eines Stümpers oder die eines Auszubildenden, der das noch nicht oft genug getan hatte.
Während Severus mit fahrigen Handbewegungen versuchte, die Knöpfe an den Ärmeln loszumachen, drehte Remus ihn halb herum, um sich den Rücken anzusehen. Der Geruch von fauligem Blut drehte ihm fast den Magen um. Er musste sich beherrschen, um nicht gleich in Panik zu geraten.
»Was macht er hier?« knurrte Severus. Egal, wie sehr er sich bemühte, er konnte sich nicht aus Remus' Griff herauswinden, um sich seinem potentiellen Gegner zu stellen.
Remus drehte ihn wieder herum, so dass Severus ihn ansehen musste.
»Werd jetzt nicht schwierig, Severus! Er ist hier, um zu helfen.«
Damit bedachte er Sirius mit einem scharfen Seitenblick,. Der Animagus hatte seine Menschengestalt wieder angenommen.
Sirius schnaubte verächtlich.
»Wie tief sind die Wunden? Sind sie magisch oder normal zugefügt?« fragte Remus schließlich und überging jeden Versuch Severus', sich aus seinem Griff zu befreien.
»Keine Ahnung, und nein, sie sind nicht normal«, brachte er knapp über seine spröden und aufgeplatzten Lippen hervor. Kraftlos lehnte er sich gegen Remus' Schulter, und das bereitete Remus mehr Sorgen. Denn vor Sirius würde Severus sich nie freiwillig Schwäche eingestehen.
»Kannst du gehen?«
Ein Nicken.
Hinterher wusste er nicht mehr, wie er ihn ins erste Stockwerk bekommen hatte. Sirius ging vor, Remus stand hinter Severus. Das Haus war sehr eng konstruiert, so dass sie schlecht nebeneinander auf der Treppe stehen konnten.
Als sie das Schlafzimmer erreichten, wies er Sirius an, Handtücher aus dem Schrank zu holen und auf dem Bett auszubreiten. Zu seiner eigenen Verwunderung folgte Sirius seinen Anordnungen ohne einen abfälligen Kommentar abzugeben.
»Wie alt sind die Wunden?« fragte Remus, während er seinen Mann wie eine Marionette dirigierte. Mit flinken Fingern untersuchte er den Verband, suchte fieberhaft nach dem Ende der Mullbinde. Als er das Ende nicht finden konnte, kramte er den Erste Hilfe Kasten aus seiner Jackentasche hervor und wühlte hastig nach der Schere, die er auf Anhieb nicht finden konnte.
Seine Hände zitterten.
Als er die Schere endlich fand, entglitt sie ständig seinen Fingern.
»Lass mich das machen.« Sirius hielt seine Hände fest und ergriff die Schere.
Remus rutschte zur Seite, um Sirius mehr Platz zu geben.
»Braucht ihr den Verband noch oder kann der weg?« fragte Sirius und erntete von Severus einen skeptischen Blick aus den Augenwinkeln.
»Nein, kann weg«, bekam Remus doch noch zustande. »Sei vorsichtig!«
Sirius warf ihm einen genervten Seitenblick zu und schob die Verbandsschere unter die dicke Lage Verbands. Der Verband war so dick, dass er Schwierigkeiten hatte durchzuschneiden.
»Rem...« Severus keuchte. Er legte ihm eine fragile Hand auf die Schulter. Es sollte beruhigend wirken, doch Remus fühlte nur die Kraftlosigkeit in Severus' Fingern. »Folge dem Plan, genau so wie wir es besprochen haben.«
Remus nickte.
Mit zitternden Knien stolperte er die Treppe hinunter bis in den Keller. Beinahe wäre er die letzten Stufen heruntergefallen. Das Licht war noch nicht zur vollen Helligkeit angesprungen, da stand Remus schon vor dem Regal mit den Tränken, die Severus genau für solche Situationen immer vorrätig hielt.
Er schnappte sich einen blutbildenden Trank.
Es war die letzte Flasche.
»Verdammt!«
Das würde nicht reichen!
Die Phiole landete in seiner Hosentasche, dazu kamen zwei Stärkungstränke, ein schmerzstillender Trank, auch wenn dieser viel zu schwach bei solchen Verletzungen sein würde, und noch ein Trank für traumlosen Schlaf. Auf dem Weg nach oben schnappte er sich noch ein, zwei Salben achtlos aus der Schublade neben den Heilkräutern. Irgend etwas musste ja wirken.
Remus war auf Verletzungen vorbereitet, aber nicht auf Verletzungen in diesem Ausmaß!
In der Küche schnappte er sich ein Glas und einen Krug, den er schnell mit Wasser füllte. Wieder oben angekommen hatte Sirius Severus vom Verband befreit. Lediglich die Wattepads klebten noch auf seinem Rücken.
Dass sie sich nicht gegenseitig an die Gurgel gegangen waren, war auch schon alles. Sirius saß im Ohrensessel in der Ecke des Zimmers, vom Bett weit entfernt.
Remus goss Wasser ins Glas und mischte tropfenweise die Tränke zusammen.
»Wir haben nur noch diese eine Phiole vom blutbildenden Trank«, erklärte er nervös.
»Ich wollte Nachschub brauen sobald wir wieder zurückgekehrt wären.« Severus leerte das Glas wie ein Verdurstender und leckte sich über die aufgeplatzten Lippen.
»Dafür ist es nun zu spät. Wir müssen mit der einen Flasche auskommen. Das reicht für ca. drei Portionen.« Remus kletterte zu ihm aufs Bett und zog an einer Ecke eines Wattepads. Das Material war so fest mit der offenen Wunde verklebt, dass er es nicht einfach abziehen konnte.
Severus sog scharf die Luft ein, gab aber trotzdem keinen Laut von sich.
»Severus, die Dinger müssen ab... und das wird kein Spaziergang.« Ein Nicken. »Leg dich bitte auf den Bauch. Ich werde es so schnell machen wie ich kann.« Und während er ihm dabei half, sagte er zu Sirius: »Im Bad ist eine Emailleschüssel. Der Schwamm müsste auf dem Badewannenrand liegen. Ich brauche lauwarmes Wasser.«
»Emaiwas?!« fragte Sirius sichtlich irritiert.
Remus starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Die weiße Metallschüssel. Sie liegt entweder unterm Waschbecken oder auf dem Fensterbrett.« Er beobachtete wie Sirius' Gesichtsausdruck sich kein bisschen aufhellte während er in das angrenzende Badezimmer verschwand.
»Wir können so viel und doch lassen wir uns seit 100 Jahren von Muggeln überflügeln«, murmelte er vor sich hin.
Severus lachte und wurde sogleich abrupt durch ein schmerzerfülltes Aufstöhnen unterbrochen. Remus hatte eins der Wattepads mit einem Ruck abgezogen. Rote Fäden hingen von dem einst weißen Stoff herunter. Der Geruch weckte seinen inneren Wolf. Er war hin und hergerissen zwischen Abneigung und Blutgier und konnte sich selbst noch eben so beherrschen.
»Wer hat dir das angetan?« fragte Remus. Es nützte nichts, ihn mit mehreren Fragen zu bombardieren, wenn Severus ohnehin schon kaum die Kraft aufbringen konnte, sich gegen ihn zu wehren. Dann konnte er genau so wenig Atem verschwenden für unnötige Erklärungen, die er auch später noch ausplaudern könnte.
Severus schwieg sich sowieso darüber aus.
»Hier.« Sirius hatte doch tatsächlich die Schüssel gefunden, aber nur mit kaltem Wasser gefüllt.
Remus überging dies einfach und schwang seinen Zauberstab darüber, so dass es zumindest lauwarm wurde. »Danke«, schob er hinterher, ohne den Blick zu heben. Vorsichtig tupfte er mit dem Schwamm um die erste freigelegte Wunde herum. Es war ein langer Schnitt, der oberflächlich die Muskelfasern durchtrennt hatte.
»Warum wurde das nicht genäht?« fragte Remus irritiert.
»Weil's Reinblüter sind, die nichts von Fortschritt halten!« maulte Severus ins Kissen hinein.
Remus verdrehte die Augen.
»Sirius, geh bitte in die Küche und hole mir irgendeine Schüssel.«
»Egal welche? Wieder so ein Emaidingens?« hakte Sirius nach.
»Schüssel, Eimer... irgendwas damit ich das blutverschmierte Zeug da rein werfen kann.«
Man hörte ihn die Treppe hinunter poltern. Da drehte Severus den Kopf zu ihn um und bedachte ihn mit einem skeptischen Seitenblick. »Warum ist er hier?« fragte er erneut.
Remus ignorierte ihn. Stattdessen machte er sich am nächsten festgeklebten Wattepad zu schaffen.
»Du würdest deine Antwort kriegen, wenn du mir meine Fragen zuerst beantworten würdest«, gab er schnippisch zurück und riss das Pad grob von der Wunde los.
»Nicht vor ihm!« protestierte Severus, eine Hand über seinem Kopf ins Kissen gekrallt. Die Knöchel stachen weiß hervor.
Sirius kam schließlich mit einem alten Eimer zurück, der normalerweise unter der Spüle stand. Er stellte ihn ans Bett.
»Du musst mir helfen, sonst wird das noch länger dauern«, forderte er Sirius auf, sehr zum Verdruss seines Mannes.
»Was soll ich tun?« fragte Sirius unsicher.
Auf Severus' Rücken waren noch sieben kleine Wattepads und drei Große, die über den ganzen Rücken verliefen und sich gegenseitig kreuzten. Irgendjemand musste ihn professionell versorgt haben, denn die Pads waren alle sorgfältig zurechtgeschnitten worden.
»Wir müssen erst die kleinen Pflaster entfernen und dann zusammen die Großen.«
Sie brachten die Arbeit schnell hinter sich bis die letzten drei Pads übrig geblieben waren. Die Watte war klebrig und vollgesogen mit Blut. So erwies es sich als schwierig, die Pads abzuziehen, wenn man immer wieder abrutschte und das Material schlecht zu fassen bekam.
Die neu aufgerissenen Wunden bluteten unentwegt weiter. Remus tupfte ständig die Wundränder frei. Selbst Sirius hatte sich ein kleines Handtuch geholt, um die Wunden freizulegen, damit man wenigstens sehen konnte, wo das ganze Blut herkam.
»Es hat keinen Sinn. Wenn wir so weitermachen und alle Wunden offenlegen, wird er uns hier verbluten.« Remus wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn.
»Was schlägst du vor?« fragte Sirius.
»Wir müssen die Wunden nähen. Das hätte eigentlich sofort passieren müssen. Wie alt sind die Wunden, Severus?« fragte er erneut nach. Dem Aussehen nach dürften sie eigentlich nicht älter als einen Tag sein. Dem Geruch zufolge war das allerdings unmöglich.
»Ich weiß es nicht... wie lange war ich weg?« fragte er leise.
»Heute ist der achte Tag«, antwortete Remus.
»Dann sind die Wunden sechs Tage alt. Vielleicht auch etwas jünger... Es gab kein Fenster...«
»Warum hast du mich nicht kontaktiert?« wollte Remus wissen und war sich der fragenden Blicke Sirius' sehr wohl bewusst.
»Ich musste mich ausziehen...«
»Und die Knöpfe?« fragte Remus.
»Weg.«
»Wovon redet ihr verdammt nochmal!« unterbrach Sirius sie schließlich ungeduldig. Doch er bekam keine Antwort.
Stattdessen hörten sie ein Poltern aus dem Untergeschoss, das alle zum schweigen brachte. Dann Schritte.
»Er ist hier«, murmelte Severus kryptisch.
Sofort zückten sie ihre Zauberstäbe. Sirius warf Severus' Stab Richtung Bett, wo Remus ihn auffangen und ihm zustecken konnte.
»Verdammt! Was machen wir jetzt?« fragte Sirius panisch.
»Wir können es schlecht mit ihm zu zweit aufnehmen! Der pulverisiert uns doch gleich zu Staub mit einem Augenzwinkern!« zischte Remus und positionierte sich vor dem Bett.
»Mach das Licht aus!« schlug Sirius vor.
»Was soll das bringen? Das Licht wird man von draußen schon gesehen haben! Und im ganzen Haus ist das Licht an!« schnaubte Remus zurück.
»Das könnte uns dennoch einen Vorteil verschaffen!«
Mit einem Wink war das Licht erloschen. Nicht nur im Zimmer, sondern im ganzen Haus.
Der Eindringling stolperte auf der Treppe und stieß einen nichtmagischen Fluch aus.
Eine Lichtreflektion wanderte an den Wänden entlang und wurde immer heller je näher die Person dem Zimmer kam.
Sie hätten die Tür abschließen sollen, dann hätten sie vielleicht einen richtigen Vorteil gehabt. Aber so warteten sie, dass der, der nicht genannt werden darf, am Zimmer vorbei schlich und sie früher oder später bemerken würde.
Die Hand mit dem leuchtenden Zauberstab war als erstes zu sehen und machte Remus sofort stutzig. Die Hand war schrumpelig und alt. Ganz anders als er sich die von Voldemort vorgestellt hatte.
Er wollte Sirius noch ein Zeichen zum Abwarten geben, doch zu spät.
Sirius warf dem Eindringling ein Expelliarmus entgegen.
Doch dieser ließ sich nicht so schnell entwaffnen!
Stattdessen wehrte die Person den Zauber ab.
Sie bekamen die Gestalt nicht zu sehen, denn der Lichtzauber erstrahlte mit einem Mal so hell, dass sie alle geblendet wurden. Nur eine Stimme war zu hören, die an Hohn nur so troff, aber auch an Wärme und Verständnis.
Etwas, das gar nicht zu Voldemort passte.
»Wenn Sie mich aufhalten wollen, meine Herren, dann müsst ihr schon mehr bieten!«
Die Lichtkugel erstarb. Die Lampen im Zimmer und im ganzen Haus begannen von selbst wieder zu leuchten.
Remus blinzelte die blauen Flecken in seinem Blickfeld weg. Den langen Bart würde er überall sofort erkennen!
»Dumbledore!« rief Remus aus. Er hatte so viele Fragen auf dem Herzen, doch zu aller erst war er froh, dass er nicht Voldemort war. Ein Stein fiel ihm vom Herzen.
»Remus. Sirius.« Der alte Zauberer nickte beiden zu. Dann fiel sein Blick auf Severus und die Wunden, die langsam in die Handtücher unter ihm tropften. »Severus, mein Junge.«
Remus sträubten sich die Nackenhaare bei dieser Bezeichnung, und mit einer Mischung aus Abscheu und Verwunderung beobachtete er die Szene.
»Was hast du nur gemacht?« fragte Dumbledore den Verletzten. Seine Stimme war begleitet von Schock und noch etwas, das Remus sicherlich falsch interpretierte. Warum sollte Albus Dumbledore seinem Spion auch Vorwürfe machen?
Severus drehte den Kopf in Albus' Richtung. »Ließ sich nicht anders einrichten«, war seine trockene Antwort darauf.
Remus schnaufte, ihm war nicht zum lachen zumute.
»Severus, du musst auf dich aufpassen. Tot nützt du uns gar nichts.«
Remus dachte, er hätte sich verhört.
»Hast du Informationen?« fragte Dumbledore weiter ohne auf die Verletzungen einzugehen.
»Ja.« Severus stemmte sich von der Matratze hoch. Remus wollte ihn daran hindern, doch Dumbledore stellte sich zwischen sie beide.
»Ich glaube, es ist besser, wenn ihr beide jetzt geht«, sagte er und deutete mit einem Kopfnicken auf die Tür.
Das konnte doch nicht wahr sein!
»Ich werde ihn nicht alleine lassen!« weigerte sich Remus, und auch wenn Dumbledore dicht vor dem Bett stand, schaffte er es, sich dazwischen zu drängen und ihm die Sicht auf seinen Ehemann zu versperren.
Der alte Zauberer zeigte sich wenig beeindruckt. Seine Augen blitzten mit seiner überschwänglichen Wärme und unendlichem Verständnis, und doch sprachen seine Worte von einer anderen Intention.
Er legte Remus beide Hände auf die Schultern. Unter seinem vollen Bart konnte man nie so genau erkennen, ob der Mann lächelte. Um seine Augen jedenfalls bildeten sich diese verdächtigen Fältchen, die ein Lachen andeuteten.
Trotzdem lief es Remus kalt den Rücken herunter. Er musste seinem Mann beiseite stehen!
»Remus, ich bin keine Gefahr für deinen Mann.«
Remus schalt sich innerlich. Natürlich hatten die anderen es Dumbledore sofort brühwarm erzählt! Er fühlte förmlich wie die Farbe aus seinem Gesicht wich.
»Seine Wunden müssen versorgt werden!« versuchte er standhaft zu bleiben.
»Remus!« meldete Severus sich zu Wort.
Er hatte sich in der Zwischenzeit aufgesetzt. Remus warf ihm einen skeptischen Blick über die Schulter zu. Allein das Aufsitzen hatte ihn sichtlich Kraft gekostet. Seine Hände zitterten, auch wenn er es zu verbergen versuchte, indem er sie zu Fäusten ballte oder sie knetete. »Lass uns bitte allein.«
Severus bat nie um etwas.
Das Wort Bitte existierte quasi nicht in seinem Wortschatz - zumindest nicht wenn sie unter Leute waren. Es lag ein 'aber' auf seinen Lippen, das er sogleich wieder herunterwürgte, denn Severus ergriff seine Hand und küsste seine Fingerknöchel.
Sirius zog ihn am Ellenbogen weg von den beiden und führte ihn aus dem Zimmer, aber nicht ohne der Szenerie noch einmal einen misstrauischen Blick zuzuwerfen.
oOo
Sirius strich mit seinen Fingern über die Buchrücken der vielen Bücher in den Regalen, die alle vier Wände des Wohnzimmers einnahmen. Selbst unterhalb des Fensters und über dem Kamin reihten sich Bücher Rücken an Rücken.
Das Zimmer war recht klein.
Ein großer Sessel stand neben dem Kamin. Der Bezug war reichlich abgewetzt und an den Armlehnen, da wo sich mit der Zeit viele Hände abgestützt und ins Polster gekrallt hatten, war der Stoff besonders zerschlissen.
Etwas weiter vom Kamin entfernt stand ein Sofa. Das Blumenmuster war bereits verblichen und ging einem ähnlichen Schicksal entgegen wie der Sessel. Davor stand ein niedriger Kaffeetisch auf dem mehrere Zeitschriften gestapelt lagen. Die meisten waren Fachzeitschriften über Zaubertränke, wer hätte es auch anders erwarten können?
Während es Remus Hände ringend kaum auf dem Sofa aushalten konnte, wanderte Sirius an den Regalen entlang und zückte hier und da ein Buch heraus, nur um darin gelangweilt herumzublättern und es desinteressiert wieder zurückzuschieben.
»Macht er das eigentlich immer so?« fragte Sirius, den Blick auf die Buchtitel gerichtet.
»Wen meinst du?« fragte Remus.
»Dumbledore«, gab er als Antwort.
Als Remus nicht reagierte, sprach er weiter: »Einfach so einfallen in andere Häuser? Ich mein, bevor ich Grimmauldplatz 12 dem Orden zur Verfügung gestellt habe, hat er sich vorher angekündigt. Das ist nicht besonders... naja... freundlich. Haben die zwei ein Abkommen oder so etwas in der Art?«
Remus zuckte mit den Schultern. »Severus redet nicht über seine Treffen mit Dumbledore.«
»Dann bin ich also der einzige hier, dem das seltsam vorkommt? Er kommt einfach her und übergeht die Tatsache, dass er da oben auf dem Bett einfach verblutet und holt sich, was er gerade braucht?«
»Dumbledore wusste bisher nichts von unserer Beziehung. Ich war nie da, wenn Severus ihm seine Informationen übergeben hat. Ich habe Dumbledore bisher nicht hinterfragen müssen, weil ich ihm vieles verdanke, Sirius.«
Sirius setzte sich zu ihm und nahm eins der Zaubertränkemagazine in die Hand. Er blätterte eine zeit lang darin gleichgültig herum.
Nach einer Weile fragte er: »Wie lange geht das schon zwischen euch?«
»Fast zwei Jahre.« Eine Antwort, über die Remus nicht viel nachdenken musste.
»Wow«, stieß Sirius aus und warf das Magazin wieder auf den Tisch. »Und warum diese Geheimniskrämerei?«
»Wenn die anderen Todesser auch nur irgendwie mitbekommen, dass sich einer vom Inneren Kreis mit einem Werwolf eingelassen hat, kannst du davon ausgehen, dass sie ihn jagen und töten werden. Je weniger Leute Bescheid wissen, desto größer ist die Chance, dass wir beide überleben.«
»Je weniger Leute... wie viele wussten denn überhaupt Bescheid?« hakte Sirius nach.
»Niemand.« Eine so simple und doch einsame Antwort.
»Remus, du musst schon verstehen, dass dieser Sinneswandel für mich etwas plötzlich kommt. Ich mein... warum ausgerechnet ER?« Sirius gestikulierte hilflos mit seinen Händen, als könnte er damit seine Ratlosigkeit unterstreichen.
»Warum nicht Severus?« konterte Remus schlicht.
»Weil Schniefelus nie ein Freund der Rumtreiber war. Er hat uns doch überall getriezt und hinterrücks angegriffen! Wieso hast du dich mit dieser Fledermaus da einlassen können?«
Remus wollte die Augen verdrehen. »Dein Gedächtnis muss dir Streiche spielen, Sirius. Severus hat mich nie angegriffen, noch habe ich bei euren sogenannten Streichen mitgemacht.«
»Soweit ich mich erinnern kann, hast du aber auch immer dabei gestanden und zugesehen!« warf Sirius ihm vor.
»Bei Merlins Bart! Was hätte ich denn anderes tun sollen? Ihr wart meine einzigen Freunde, die ich jemals hatte! Ich hatte nicht den Mut dazu, mich gegen euch zu stellen. Es war viel einfacher, daneben zu stehen und zuzusehen, wie ihr zu dritt einen einzigen Schüler hochnehmt, euch über ihn lustig macht, ihn angreift, und das auch gerne vor der ganzen Schule. Wirklich sehr mutig. Was hätte ich dagegen unternehmen sollen? Euch an McGonagall verpetzen? Oder an Dumbledore? Der wusste bestimmt ohnehin davon...«
»Er hat es uns doch mit gleicher Münze heimgezahlt!« versuchte Sirius sich zu verteidigen.
»Ja... und mit welcher Armee? Es mag dir vielleicht nicht aufgefallen sein, aber während wir immer zu viert aufeinander hockten, war er alleine.«
»Ok, ok! Ich hab's verstanden! Ich war ein Arsch!« Sirius hob abwehrend die Hände von sich weg.
»Nein, Sirius, du warst kein Arsch, du bist es immer noch. Denn du bist der einzige, der noch an der alten Rivalität festhält.«
»Ist ja gut! Dann bin ich eben einer! Fass dir an deine eigene Nase, wenn du mir nicht einmal die Chance gibst, das alles zu verstehen!« sprach Sirius und wurde mit jedem Wort wütender.
Remus starrte ihn fassungslos an.
»Was willst du denn bitte verstehen? Severus akzeptiert mich so wie ich bin. Ich weiß nicht, ob dir das irgendwie entfallen ist, aber sobald die Menschen herausfinden, was ich bin, nehmen sie Abstand von mir. Die meiste Zeit nach Hogwarts habe ich in irgendwelchen Bruchbuden gehaust und habe jeden Job angenommen, damit ich wenigstens für ein oder zwei Monate ein Dach über dem Kopf hatte. Denn selbst in der Zeit als ich Mitglied im Orden war, hat man mir nicht vertraut, weil ich eine dunkle Kreatur bin und wohl jeden mit einem Wimpernschlag verraten könnte. Severus hingegen...« Remus verlor sich in seinen eigenen Gedanken. »Er ist kein schlechter Mensch, Sirius.«
»Er hat dich verraten! Und du willst ihn in Schutz nehmen! Warum!« platzte es aus ihm heraus. »Wäre er nicht gewesen, dann wärst du jetzt nicht beim Ministerium registriert!«
»Er war wütend auf mich!« antwortete Remus hastig.
»Das ist doch eine armselige Ausrede! Wieso verteidigst du ihn da noch?« wollte Sirius wissen.
»Ich war zuerst enttäuscht von ihm«, gab Remus zu. »Aber es war auch meine eigene Schuld, warum er das getan hat.«
»Du solltest dir mal selbst zuhören!« sprach Sirius dazwischen, doch Remus ignorierte ihn geradezu und sprach unentwegt weiter:
»Ich habe damals nicht gewusst, was es für ein Aufwand ist, Wolfsbanntrank herzustellen. Ich habe erst viel später davon erfahren und ich war froh, dass ich überhaupt in den Genuss kommen durfte, den echten Wolfsbanntrank einnehmen zu dürfen. Es gibt zwar welchen, den man auf dem Schwarzmarkt bekommen kann, aber der Preis für die schlechte Qualität ist es nicht einmal ansatzweise wert. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben keine großen Schmerzen während der Verwandlung. Auch wenn mir jede Vollmondnacht jeden einzelnen Knochen in meinem Körper bricht und meine Muskeln auseinander reißt, war ich nach acht Stunden Schlaf normal topfit. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welche Erleichterung der Trank für mich darstellte, Sirius.«
»Gut, das verstehe ich. Severus kann dir einen Trank brauen, mit dem du dich besser fühlst. Ist das der Grund, warum ihr zusammen seid? So wie ich das verstehe, bist du nur mit ihm zusammen, weil er dich mit dem Trank versorgen kann... oder was ist da noch?«
»Das habe ich so nicht gesagt, Sirius, also dreh mir nicht meine eigenen Worte im Mund herum!« verteidigte Remus sich wütend.
»Dann sag mir, warum du dich ausgerechnet von Schniefelus um den kleinen Finger hast wickeln lassen! Das ergibt doch keinen Sinn! Er hat deine Identität bloßgestellt vor allen! Den Eltern! Dem Ministerium, der ganzen Zaubererwelt!«
Remus wollte schreien.
Er war es müde, immer zu streiten oder sich verteidigen zu müssen.
»Sirius, ich bin dir keine Rechenschaft schuldig!« sagte er schließlich. Das hatte gesessen. »Und Moony ist nicht meine Identität.«
»Keine Rechenschaft?« platzte es aus Sirius heraus. »Wir sind für dich Animagi geworden! Unregistrierte! Nicht einmal Dumbledore hatte davon etwas gewusst! Wir haben die ganze Prozedur über uns ergehen lassen, damit wir dir beistehen und auf dich aufpassen konnten. Du bist mir zumindest eine Erklärung schuldig, Remus!« verlangte Sirius.
»Sitzt deine Feindseligkeit ihm gegenüber wirklich so tief, dass du es nicht einmal für möglich erachtest, dass ich mich in jemanden wie ihn verlieben könnte?« fragte Remus traurig.
Sirius starrte ihn sprachlos an.
»Nun gut, du willst die ganze Story, Sirius? Du kriegst die ganze Story, auch wenn du nicht im geringsten einen Anspruch darauf hast. Ich muss mein Liebesleben nicht vor dir erklären, Sirius.« Remus starrte auf seine Hände und knibbelte an den Ecken seiner Fingernägel herum, während er sprach. »Als meine Eltern starben, hatte Dumbledore mir erlaubt, meine Ferien auf Hogwarts zu verbringen. Ich hatte schließlich niemanden mehr und volljährig war ich auch noch nicht. Ich hätte mir also schlecht eine Bleibe suchen können, denn geerbt hatte ich von meinen Eltern nichts als Schulden. Ich hatte also die letzten zwei Jahre permanent auf Hogwarts gelebt. Und so habe ich auch mitbekommen, dass ich nicht der einzige war, der auf Hogwarts blieb.«
»Die Ferien auf Hogwarts zu verbringen, war doch verboten. Ich habe Dumbledore selbst darum gebeten und er hat es abgelehnt!« unterbrach Sirius ihn.
»Du hattest die Potters, die dich mit offenen Armen aufgenommen haben, Sirius!« warf Remus ein.
»Aber das ist doch etwas anderes! Ohne James' Eltern hätte ich auf der Straße gesessen, und das Angebot von denen kam nachdem meine Bitte von Dumbledore abgelehnt wurde!«
Remus bedachte ihn mit einem wortlosen Blick.
»Ok, red schon weiter. Ich bin still«, versicherte Sirius ihm, obwohl Remus sicher sein konnte, dass das nicht die letzte Unterbrechung bleiben würde.
»Es gab vereinzelte Schüler aus den letzten Jahrgängen, die auf Hogwarts geblieben sind, aber nicht ganztags. Sie durften lediglich die Bibliothek nutzen und einige andere Räume. Übernachtet haben sie dann in Hogsmeade. Der erste Sommer auf Hogwarts fühlte sich seltsam an ohne Schüler und den Lärm, den sie verursachten. Ich hatte Severus in der zweiten Woche bemerkt. Er war in der Bibliothek und las ein Buch. Ich wusste nicht, ob ich ihn ansprechen soll. Schließlich hatte ich ihn beinahe umgebracht in dem Schuljahr davor.«
»Der wollte sich doch nur einen Vorteil verschaffen! Weiß der Geier wie er Dumbledore dazu gebracht hatte, dass er bleiben darf!« unterbrach Sirius ihn erneut.
»Soweit ich weiß, wurde er von seinem Vater täglich verprügelt, und du weißt, dass Minderjährigen das Verwenden von Zauberei außerhalb Hogwarts verboten ist.«
»Na und? Dann wurd er eben ein bisschen geschlagen Zuhause. Aber er hatte immer noch ein Zuhause! Im Gegensatz zu mir.«
»Mach dich nicht lächerlich, Sirius! Du hattest ein Zuhause, auch wenn es nicht bei deinen eigenen Eltern war. Ich weiß auch nicht, was genau vorgefallen ist. Er spricht nicht über seine Eltern. Jedenfalls wollte ich mich damals schon mit ihm anfreunden, oder mich zumindest bei ihm entschuldigen für meine bekloppten Freunde... Oder habt ihr ihn jemals um Entschuldigung gebeten?... Nein?... Das dachte ich mir. Und soll ich dir was sagen? Ich habe mich damals einfach nicht getraut, obwohl mir genügend Gelegenheiten geboten wurden. Ich hatte einfach zu viel Angst, dass ihr mich verstoßt, wenn ihr herausgefunden hättet, dass ich mich mit Severus angefreundet hätte. Ich war damals eine ziemlich rückgratlose Kreatur.« Remus schüttelte den Kopf und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. »Aber du wolltest wissen, wie es hierzu gekommen ist.« Er hielt seine Hand hoch, an der sein Ehering steckte.
»Also hatte der Ring doch etwas zu bedeuten! Von wegen, das wäre der Ring deiner Mutter gewesen!«
»Oh, Sirius, manchmal bist du echt langsam!« Remus lachte und schlug ihn freundschaftlich auf die Schulter. »Und: es ist der Ring meiner Mutter. Ich habe ihn damals anpassen und gravieren lassen.« Er drehte den Ring an seinem Finger herum. »Nachdem ich Hogwarts als Lehrer verlassen hatte, konnte ich mir jeden Job in der Zaubererwelt abschminken. Ich war ganz schön sauer auf Severus.«
»Wieso bist du nicht zu mir gekommen? Ich hab nach dir gefragt, aber niemand hatte dich gesehen oder wusste, wo du abgeblieben warst! Ich hätte dir helfen können!« warf Sirius ein, sichtlich brüskiert.
»Ich brauchte etwas Zeit für mich, um alles noch einmal zu überdenken und zu verkraften. Ich hatte mein Zuhause auf Hogwarts verloren - erneut. Jeder wusste ab sofort, was ich bin und welche Gefahr ich darstellte für die anderen. Ich hatte auf einmal keinen Zugang mehr zum Wolfsbanntrank. Der nächste Vollmond traf mich mit voller Wucht und ich brauchte mehrere Tage, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich hab in der Zeit unter Muggeln gearbeitet, und Glück mit meinen Schichten gehabt. So fiel auch mein pelziges Problem nicht auf. Muggel sind manchmal so unkompliziert. Keiner von denen wäre jemals auf die Idee gekommen, dass ich ein Werwolf sein könnte. Warum sollten sie das auch?«
»Aber das würde bedeuten, dass du dein Talent vollkommen vergeuden würdest, Remus!... Tschuldigung... Red weiter!«
»Ich hatte mich gerade mit meinem neuen Leben abgefunden, weitab von der Zaubererwelt entfernt, da erzählte mir mein Chef etwas von einem Maskenball zu Halloween. Wenn ich schon nicht Halloween auf Hogwarts oder in Hogsmeade feiern konnte, warum nicht unter Muggeln? Und da traf ich ihn.« Remus hielt inne bei der Erinnerung. »Ich erkannte ihn nicht sofort, wir waren ja kostümiert, hatten Masken auf. Und schließlich war das eine Muggelveranstaltung. Warum sollte Severus Snape dort auftauchen? Ich dachte, mein Geruchssinn würde mich täuschen. Wir haben uns lange unterhalten und festgestellt, dass wir in vielerlei Hinsicht auf einer Wellenlänge lagen. Naja, eines führte zum anderen... und kurze Zeit später haben wir geheiratet. Es ist nichts offizielles... wir sind weder beim Ministerium als Ehepaar eingetragen, noch hat die Ehe bei den Muggeln Gültigkeit, aber das war mir egal.« Remus seufzte. Es klang nicht so als wäre die Geschichte damit beendet, aber er sprach einfach nicht weiter.
»Eines führte zum anderen? Keine pikanten Details?« fragte Sirius und wackelte mit den Augenbrauen.
Remus grinste. »Möchtest du wirklich von meinem Sexleben mit Severus hören?«
Sirius verzog angewidert das Gesicht. »Du hast recht, besser nicht!«
»Der Ball gab uns die Möglichkeit, uns ohne Vorurteile oder schlechte Erinnerungen an die Vergangenheit neu kennenzulernen. Ich bin froh darum, die Chance erhalten zu haben. Beinahe wäre ich nicht zum Ball gegangen. Mein Chef musste mich förmlich dazu überreden.« Er hielt kurz inne und starrte in das grüne Kaminfeuer. »Kannst du dich trotzdem an den Gedanken gewöhnen, Sirius? Und bevor du etwas antwortest, darfst du dir gewiss sein, dass ich Severus nicht aufgeben werde, nur weil einer meiner Freunde darauf nicht klarkommt. Ich liebe Severus, und uns gibt es nur im Doppelpack oder gar nicht. Ich werde den gleichen Fehler nicht noch einmal machen, den ich schon als Teenager begangen habe.«
Sirius vermied es, ihn anzusehen. Verlegen kratzte er sich den Hinterkopf. »Du weißt, dass das eine Menge zu schlucken ist.«
»Ich verlange nicht das Unmögliche von dir. Ich sage nicht, dass ihr unbedingt Freunde werden sollt, oder dass ich ihn überall hin mitbringen werde.«
»Ich werde wohl etwas Zeit brauchen, um mich überhaupt an den Gedanken zu gewöhnen.« Sirius stand auf und ging auf und ab, was in dem kleinen, viel zu überladenen Raum kaum möglich war. »Wir werden wohl nie Freunde, und ich werde ihm auch nie vertrauen können. Jedenfalls nicht so wie du ihm offensichtlich vertraust, oder wie Dumbledore es tut. Ich bin ehrlich zu dir: Ich will es auch gar nicht.« Er blieb vor dem Kamin stehen. Die Flammen simmerten niedrig vor sich hin als bräuchten sie neues Feuerholz. »Aber ich werde es versuchen. Ich will keinen Ärger mit Dumbledore riskieren.« Sirius grinste.
»Na, ob dir das gelungen ist, wird sich noch zeigen«, kommentierte Remus.
Sirius schaute zur Tür hin, die einen Blick zur Treppe freigab. »Glaubst du, das wird noch lange dauern?«
»Ich hoffe nicht! Und wenn doch, werde ich da rein platzen, ob er es will oder nicht!« antwortete Remus.
Sirius setzte sich wieder zu ihm. »Remus, ich habe nachgedacht.«
»Oh, dass passiert auch nicht alle Tage! Hat's wehgetan?« scherzte Remus und handelte sich damit einen Schlag auf die Schulter ein.
»Sehr witzig, Idiot!« spottete Sirius.
»Flohkiste!« gab Remus zurück.
Auf beiden Gesichtern zeichnete sich etwas wie ein Lächeln ab. Vielleicht war ihre Freundschaft doch noch nicht ganz verloren.
»Also... Ich habe nachgedacht«, wiederholte Sirius sich. »Ich weiß, dass sich vieles geändert hat. Das Leben hat ging weiter, auch ohne mich. Du glaubst nicht, wie oft meine Gedanken nur um vertane Chancen kreisten, während Dementoren mich auf Schritt und Tritt bewachten. Ich weiß, dass ich vieles aufzuholen und wiedergutzumachen habe. Wenn ich die Möglichkeit hätte, mein Leben noch einmal von vorne zu beginnen, zur Hölle, ich würde so vieles anders machen! Aber so funktioniert das nicht im Leben, nicht wahr? Wir müssen mit den Fehlern und Missetaten leben, die wir begangen haben, und es liegt an uns, ob wir daraus lernen oder nicht.«
»Das klingt verdammt weise für so einen zotteligen Wadenbeißer wie dich!«
»Hey!« stieß er gespielt brüskiert aus und verpasste Remus mit der flachen Hand einen Klaps auf den Hinterkopf, der allenfalls seine Frisur durcheinander brachte als ihm wehzutun. »Ich versuche hier zu Kreuze zu kriechen! Und von wegen Wadenbeißer! Wer ist denn hier das ach so dunkle Biest? Pass du nur auf, dass dich deine Flöhe nachts nicht aus dem Schlaf reißen!« Sie beide horchten auf, als es oben polterte. »Sollten wir wohl nachsehen?«
»Ich weiß es nicht, Sirius... Wenn sie Hilfe bräuchten, hätten wir das schon längst mitbekommen.«
»Remus, ich will mich ändern«, offenbarte Sirius ihm schließlich ohne viel herumzureden. »Ich habe Albträume, manchmal auch Flashbacks mitten am Tag. Dann kann ich die Realität nicht von den Albträumen unterscheiden. Nicht einmal der stärkste Patronus kann mir helfen, wo nichts ist, vor das ich mich schützen will. Das ist alles in meinem Kopf und manchmal wird es mir einfach zu viel. Ich will wieder ein normales Leben führen, und wenn es auch nur für Harry ist. Er ist noch so jung und ich würde ihm gerne ein Vorbild sein. Aber manchmal frag ich mich, ob ich überhaupt noch verstehe, wie es ist zu leben.« Sirius verbarg das Gesicht in seinen Händen.
»Du hast ein Ziel vor Augen, Sirius. Ein gutes Ziel. Das ist doch schon etwas! Und wenn du einmal nicht mehr weiter weißt, oder dir alles zu viel wird, dann frag' einfach! Es kann dir niemand helfen, wenn sie nicht wissen, was du durchmachst. Sonst rennen wir alle nur allein durch die Welt mit unseren eigenen Sorgen und bekommen nicht das mit, was unsere Freunde beschäftigt und bekümmert. Es hilft doch schon, wenn man sich einmal ausgesprochen hat. Also friss deine Sorgen nicht in dich hinein, sonst wirst du niemandem ein Vorbild sein. Und lass die Finger vom Alkohol! Sonst macht dicht Molly noch irgendwann einen Kopf kürzer. Und wenn es nicht Molly ist, dann werd ich das erledigen!« versprach Remus ihm.
Sirius schnaubte belustigt. So viele ehrliche Worte hatten sie schon lange nicht mehr getauscht.
Es fühlte sich gut an.
»Ich versuche es«, gab Sirius leise zu verstehen.
»Nein, das akzeptiere ich nicht! Du musst es mir versprechen!« forderte Remus. »Du merkst es selbst nicht, aber du entgleitest der Realität, wenn du weiterhin so viel trinkst. Das lässt deine Albträume nicht verschwinden, aber stattdessen wird der Albtraum für diejenigen wahr, die versuchen, dir zu helfen.«
»Ok, ok! Ich verspreche es!« Sirius legte die Hand auf seine Brust und zeigte sich ungewöhnlich ernst.
»Ich werde dich beim Wort nehmen!« warnte Remus ihn. »Wenn ich dich das nächste Mal mit einem Glas Wein oder Whiskey erwische, verhexe ich dich einfach...«
»Meine Herren.«
Beide drehten sich erschrocken zur Tür herum. Albus Dumbledore betrat mit ernster Miene das Wohnzimmer.
Er muss über die Treppen geschwebt sein, denn keiner von beiden hatte die Holzdielen knarzen gehört. Dumbledore stand einfach ganz plötzlich da, als wäre er im Haus selbst appariert. Remus wusste, dass das nicht möglich sein konnte, denn Severus hatte sein Zuhause, wie jeder ordentliche Zauberer, mit einem Apparier-Schutzzauber belegt, der verhinderte, dass sich andere Zauberer ungefragt in das Haus apparieren konnten. Das schloss das Apparieren innerhalb des Hauses mit ein.
»Du solltest dich um deinen Gatten kümmern, Remus.«
Remus konnte sich gegen das unwohle Gefühl in seiner Magengrube nicht erwehren. Er wollte sich nicht schämen, und doch tat er es. Dumbledores Augen wirkten enttäuscht und beinahe traurig.
Dann sprach der alte Zauberer weiter: »Wenn er sich erholt hat, werden wir darüber sprechen müssen, was ihr zwei vor dem Orden für lange Zeit geheim gehalten habt.« Er ging zur Schale mit dem Flohpulver und nahm sich eine handvoll davon heraus. »Die Sache ist noch lange nicht erledigt, Remus. Ihr beide gefährdet unsere Mission mit eurem privaten Zusammenspiel. - Büro des Schulleiters, Hogwarts«, sprach er, warf das Pulver in das Feuer. Mit dem nächsten Schritt war er verschwunden.
Remus seufzte schwer.
oOo
Severus hing mit dem Kopf tief gebeugt über seinen Knien. Es fehlte nicht viel und er würde mit dem Kopf voran von der Bettkante fallen.
Das Geräusch von fließendem Wasser, das jäh die Stille durchbrach, ließ ihn zurückschrecken.
Es war Remus, der ihm ein Glas Wasser einschenkte.
»Rem, wo ist der Trank für traumlosen Schlaf?« fragte Severus. Sein Kopf schwankte und die Augen fielen ihm immer wieder zu.
»Du kennst die Regeln«, antwortete Remus schlicht und hielt ihm das Glas Wasser hin. »Du hast sie selbst aufgestellt.«
Severus murrte und griff mit beiden Händen nach dem Glas. Er zitterte am ganzen Körper und das Wasser im Glas schwankte hin und her gegen die Glaswand, wie Meereswellen, die sich an Klippen brachen. Aber er schaffte es, das Glas leer zu trinken.
Remus wollte es ihm schon aus der Hand nehmen. Er schüttelte über so viel Stolz nur den Kopf. Sein Mann war sehr stur und auch zu stolz, um seine Schwäche einzugestehen. Damit hatte Remus sich längst abgefunden.
Mit einem lauten Klonk stellte Severus das Glas auf dem Nachttischchen ab.
»Wir müssen deine Wunden nähen«, erklärte er Severus.
»Wir?!« fragten sowohl Severus als auch Sirius gleichzeitig.
»Ich schaff das nicht allein!« erklärte Remus genervt. »Das sind zu viele Wunden, Severus! Und wenn ich sie alleine nähen soll, dann sitzen wir hier noch morgen Mittag! Ich gebe dir den Traumlostrank nicht bevor nicht alle Wunden genäht sind! Ich brauch dich bei Bewusstsein! Sonst kann ich dir hinterher keinen Verband anlegen!« Er schaute ihn flehentlich, doch bestimmt an, denn seinem Tonfall zufolge würde er Severus ohnehin keine Wahl lassen.
Er half seinem Mann, sich wieder hinzulegen. Die Minuten, in denen er sitzend mit Dumbledore gesprochen hatte, trugen nur dazu bei, dass er noch fragiler und erschöpfter als vorher wirkte. Zu seiner eigenen Verwunderung wehrte sich Severus keinen Moment.
Genau das machte ihm Angst.
»Ehm, Moony... ich würd ja gern helfen... aber ich muss passen...« meldete sich Sirius schließlich zu Wort.
»Was? Warum das denn?« fragte Remus entsetzt. »Ich dachte, wir hätten darüber gesprochen, Sirius? Keine alten Fehden! Nicht jetzt! Und nicht hier! Hast du das verstanden?«
»Ja, schon klar... Aber...« Sirius rang mit den Händen und schwankte mit dem Gewicht von einem Bein zum anderen.
»Was 'aber', Sirius?«
»Ich kann nicht nähen...« brach es schließlich aus Sirius heraus. »Und ich denke nicht, dass du mein Erstlingswerk auf Severus' Rücken verewigt sehen möchtest.«
Remus brauchte einige Sekunden, um das Gesagte zu verarbeiten, während ein seltsames glucksendes Geräusch aus der Richtung des Bettes kam.
Es war zuerst ein rollendes, tonloses Ausstoßen von Luft, das dann schnell in ein schallendes Gelächter anschwoll.
Das ärgerte Remus sehr. »Hör auf zu...« bevor er den Satz beenden konnte, ertönte ein lautes Klopfen von unten, das jeden im Zimmer innehalten ließ.
Remus starrte zur offenen Zimmertür, als könnte er durch den Flur, die Treppe hinunter und zur Haustür sehen.
»Erwartest du noch jemanden, Sev?« fragte er ohne den Blick vom Flur abzuwenden.
»Es kennen nur wenige meine Adresse. Der Kamin ist mit drei anderen Orten verbunden. Vielleicht ist's nur ein Nachbar, der zu neugierig wurde, weil hier auf einmal alle Lichter brennen?« vermutete Severus. In seinen Augen spiegelte sich jedoch Alarmbereitschaft wider. Er versuchte, sich vom Bett hoch zu stemmen, schaffte es aber nicht.
Da war es wieder - das Klopfen.
Dieses Mal lauter und schneller.
»Egal, wer das ist, die Person platzt wenigstens nicht ungefragt ins Haus hinein«, bemerkte Sirius. »Gibt es ein Fenster, das vom Stockwerk nach vorn zeigt?« fragte er.
»Die Zimmer am Ende des Flurs«, antwortete Severus.
Was er dabei nicht erwähnte, war die Tatsache, welche Zimmer dies einmal für ihn waren. Und natürlich musste Sirius das Zimmer nehmen, in dem Severus als Kind immer Zuflucht gesucht, und doch so selten gefunden hatte.
Wenn er etwas bemerkt hatte, so erwähnte er es jedenfalls nicht.
Es klopfte erneut an der Tür als Sirius ins Zimmer zurück kam.
»Da steht nur eine Person vor dem Haus. Schwarz gekleidet mit Kapuze über den Kopf gezogen. Keine Ahnung, ob Mann oder Frau. Aber die Person ist allein. Muss ja was wichtiges sein, wenn die da immer noch steht und klopft«, meinte Sirius.
»Ich gehe runter!« verkündete Remus und zückte seinen Zauberstab.
»Moony! Warte!« Sirius eilte ihm hinterher.
Der Flur war hell erleuchtet, ebenso wie der Bereich direkt bei der Haustür, wo die Garderobe hing und auch ein Schuhschränkchen. Sich vorsichtig anzuschleichen und die Tür schnell aufzureißen, um den Besucher gebührend zu empfangen und gegebenenfalls zu verhexen, würde also nicht funktionieren.
Remus warf einen Blick über seine Schulter.
»Warte hier«, flüsterte er. »Wenn du irgend etwas auffälliges bemerkst, greif ein!«
Remus hielt vor der Tür kurz an. Jetzt noch einmal einen Blick zurück zu werfen, würde Sirius' Deckung auffliegen lassen. Seine Nervosität spielte ihm einen Streich. Das üble Gefühl in seinem Magen konnte er nur schwer hinunter kämpfen.
Vielleicht war es doch nur ein zu aufmerksamer Nachbar.
Es klopfte erneut.
Die Person hinter der Tür zeichnete sich deutlich hinter dem vergitterten Glas ab.
»Wer ist da?« fragte er und versuchte so genervt wie nur irgend möglich zu klingen.
»Severus, lass mich rein!« antwortete eine weibliche Stimme eindringlich.
Remus öffnete die Tür einen Spalt breit und schob seinen Kopf hindurch.
»Sie sind nicht Severus!« Die Frau zeigte sich irritiert und schaute noch einmal nach der Hausnummer neben der Tür.
»Wer sind Sie?« fragte Remus bestimmt und überging ihre Aussage.
Sie warf einen Blick nach links und rechts als fürchtete sie, verfolgt zu werden.
»Lassen Sie mich bitte rein.« Sie gehörte eindeutig nicht in diese Gegend. Ihre Aufmachung gehörte zu einem eindeutig höheren Milieu. Auch wenn sie versuchte, nicht all zu viel von sich zu zeigen und den Großteil mit einem schwarzen Mantel zu verdecken, so blinkte doch eine recht aufwendig verarbeitete Kette unter ihrem Kragen hervor. Ihre Kleidung wirkte alles in allem viel zu neu und gepflegt. Unter dem Mantel lugte der Saum eines engen Abendkleides hervor und hochhackige glänzende Schuhe.
Leider keine Nachbarin, dachte Remus.
»Wieso sollte ich das tun?« fragte er schließlich nach einer zu ausgedehnten Pause.
Sie blickte sich erneut um, dieses Mal weniger auffällig. Dann trat sie auf ihn zu und flüsterte in einem eindringlichen Ton: »Hören Sie, wir beide wissen, dass er verletzt ist. Ich kann helfen!«
Remus schluckte unsicher.
»Ihren Namen!« bestand er trotzdem.
Die Frau verdrehte die Augen.
»Narcissa Malfoy«, zischte sie. »Und nun lass mich rein, Werwolf!«
Remus fühlte die Farbe aus seinem Gesicht weichen.
»Ganz genau! Ich weiß, wer du bist, und was du mit Severus zu tun hast, wird sich noch zeigen! Also lass mich rein, wenn dir sein Leben lieb ist!« zischelte sie eindringlich.
Er trat zurück und ließ sie eintreten.
Sirius sprang vom Treppenaufgang hervor, mit seinem Zauberstab im Anschlag und einem recht überraschten Ausdruck auf seinem Gesicht als sie eintrat und ihre Kapuze zurückschlug.
»Narcissa?!« fragte er sichtlich irritiert, senkte aber nicht seinen Zauberstab.
Remus wusste, dass ihm der Name irgendwie bekannt vorkam. An ihr Gesicht oder an eine Begegnung mit ihr konnte er sich allerdings nicht erinnern.
»Also, du hast gesagt, dass du Severus helfen willst. Wieso sollte ich dir vertrauen?« fragte er, stellte sich neben Sirius und verschränkte die Arme. Er fragte nicht, warum sie beide ihr vertrauen sollten, sondern warum Remus allein das tun sollte.
Eine Nuance, die Narcissa nicht entgangen war.
»Ich bin hier, weil Severus das Leben meines Sohnes gerettet hat, indem er die Folter auf sich genommen hat, die für Draco bestimmt war«, begann Narcissa und bewies somit, dass sie Licht in die Angelegenheit bringen konnte, zu der Severus eisern schweigen wollte. Sie zog eine Schatulle aus einem Beutel hervor, den sie unter ihrem Umhang trug. »Ich habe einige Tränke mitgebracht. Sie sind alle noch verkorkt und versiegelt. Wenn er die Fläschchen sieht, wird er wissen, dass er sie selbst gebraut hat.«
Remus nahm eines der Fläschchen heraus und begutachtete es. Es war blutbildender Trank! Und in der Schachtel war noch mehr von der Sorte vorhanden. Narcissa kam gerade wie gerufen!
»Woher weiß ich, dass du nicht geschickt wurdest, um das Werk zu vollenden?« tastete Remus sich voran. Er wusste, dass ihr Mann ein Todesser war.
Narcissa atmete tief und ruhig durch, stellte die Schachtel auf das Sideboard neben der Garderobe ab und krempelte ihren linken Ärmel hoch. Ein makellos weißer Unterarm wurde Remus entgegen gestreckt.
»Ich bin keiner von ihnen«, erklärte sie schlicht, ohne den Namen zu nennen.
»Aber du weißt, wie das alles passiert ist. Warum weißt du es, wenn du nicht zu ihnen gehörst?« konterte Remus.
Narcissas Mundwinkel kroch spöttisch nach oben zu einem schiefen Lächeln, das ihr einen mehr traurigen Ausdruck verlieh. »Ich bin die Absicherung, damit Lucius nicht auf die Idee kommt, die Seiten zu wechseln.«
Remus war geschockt, aber was hatte man schon zu erwarten als Mitläufer auf der Seite eines Massenmörders?
»Du wirst also erpresst? Narcissa, auch wenn ich deine Geste zu schätzen weiß, bin ich - verzeih mir - immer noch nicht überzeugt, dass du ihm nicht einfach den Rest gibst?« Er wusste, dass sie es ernst meinte mit ihrem Angebot, doch Erfahrungen haben ihm gezeigt, dass er sich nie ganz auf seine Instinkte verlassen konnte, was die Unberechenbarkeit von Menschen betraf. Narcissa umgab ein Duft von Nelken und Lilien. An ihr haftete nicht der Gestank von Blut und Tod, aber sie hatte Angst, und Menschen neigten dazu, die falschen Entscheidungen zu treffen, wenn sie von Angst geleitet wurden.
Allmählich verlor sie ihre Geduld, auch wenn ihr klar wurde, warum Remus sie nicht durch ließ.
Mit einem magischen Wink erschien ihr Zauberstab in ihrer Hand. Sie umfasste die Spitze und bot ihm ihren Stab an mit dem Griff voran.
»Als Pfand«, erklärte sie.
Remus nahm den Zauberstab entgegen.
»Kannst du nähen?« fragte er sie schließlich zu ihrer eigenen Verblüffung.
oOo
Sie warf sich vor dem Bett auf den Boden und griff mit beiden Händen in einer beinahe fürsorglichen Geste nach seinem Gesicht.
»Ich hab dir doch gesagt, du brauchst noch mehr Zeit!« tadelte sie ihn. Behutsam strich sie ihm seine Strähnen aus dem Gesicht.
»Was machst du hier, Narcissa?« brachte Severus schwer atmend hervor.
»Dir auch einen guten Abend! Also wirklich! An deinen Manieren solltest du noch arbeiten!« Sie griff nach der Schatulle, die Remus neben ihr auf das Nachtschränkchen abgestellt hatte.
»Narcissa, wieso bist du hier? Wenn sie dich hier aufspüren...« zischte Severus.
»Lass' das mal meine Sorge sein, Severus. Du hast meinem Sohn und meinem Mann die Schmerzen erspart. Das kann ich unmöglich wieder gutmachen.« Sie kramte in der Schatulle nach der richtigen Phiole. »Ich habe ein paar Tränke mitgebracht, die du uns gebraut hast. Ich hab auch das Engelswurzkonzentrat mitgebracht.«
Remus und Sirius tauschten ahnungslose Blicke.
»Engelswurz ist ein teurer Trank. Er wird - soweit ich das verstanden habe - mit sehr wenigen anderen Zutaten zubereitet und ist ein starkes Mittel gegen Schmerzen, aber tödlich, wenn man es pur zu sich nimmt« erklärte sie den beiden, ohne über die Schulter zu schauen als hätte sie ihre fragenden Blicke hinter ihrem Rücken bemerkt.
Währenddessen kletterte Remus wieder auf das Bett, auf die andere Seite von Severus.
»Wie wirkt der Trank?« fragte er.
Es war Severus, der sich zu Wort meldete: »Der Trank ist ausgeschlossen.«
»Aber er hilft doch gegen die Schmerzen?« wunderte Remus sich. Es war eigenartig mit jemandem zu sprechen, der beinahe regungslos bäuchlings vor ihm lag.
»Engelswurz vermindert die Wirkung von Urticadioica. Das ist ein Bestandteil vom Blutbildenden Trank und die Einnahme wäre kontraproduktiv. Außerdem ist Engelswurz hochgradig sucht fördernd«, erklärte Severus langsam. Seine Zunge verzerrte jede Silbe wie ein Betrunkener.
»Ich werde die Tränke hier lassen, dann kannst du selber entscheiden, ob und wann du sie einnehmen möchtest«, erklärte Narcissa und stellte die Schachtel wieder auf das Nachtschränkchen.
Remus konnte ihr nicht genug dafür danken, aber er wollte auch nicht zu viel Informationen preisgeben. Auch wenn sie ihm ihren Zauberstab anvertraut hatte, so wollte er ihr nicht den Eindruck geben, dass Severus sich nicht selbst versorgen könnte. Sie hatte bereits genug gesehen und - bei Merlins Bart! - schon viel zu viele Verbindungen in ihrem Kopf zusammengesetzt, die gefährlich für jeden in diesem Raum werden konnten.
»Warum bist du wirklich hier, Narcissa?« fragte Severus schwer atmend.
»Severus!« ermahnte Remus ihn.
»Nein, ist schon gut!« beruhigte Narcissa ihn. »Er hat recht.« Sie strich Severus sanft über das verschwitzte Haar. »Ich bin aus einem anderen Grund hier. Obwohl ich glaube, dass dir die Tränke gut tun werden. Das ist kein Freundschaftsbesuch. Ich möchte, dass du Dracos Pate wirst... Ja, ich weiß! Er hat bereits Paten, reiche Paten, die den Glauben der Blutreinheit folgen. Warum sollte ich da ein Halbblut fragen, das in einer dubiosen Ortschaft in recht ärmlichen Verhältnissen wohnt? Das ist keine Herabsetzung, Severus, nur eine Beobachtung. Draco entgleitet mir. Er wird immer mehr wie sein Vater, nur unberechenbarer und er handelt unüberlegt und überstürzt. Er lechzt nach Lucius' Anerkennung, aber du kennst meinen Mann. So lange sein Sohn gute Noten nach Hause bringt, kann er ihn vor den anderen zur Schau stellen. Das ist nicht das, was ich meinem Sohn wünsche. Er soll keine Puppe werden für manipulative Intriganten. Draco erkennt nicht, wer ihm gutes will und wer ihm schadet. Der Junge ist so verblendet, dass er mit offenen Augen in sein eigenes Verderben rennen wird. Aber das ist nur einer der Gründe, warum ich dich darum bitte, mein Angebot anzunehmen. Seine Paten sind alle Todesser, und keine wirklich schlauen. Wenn der Krieg ausbricht, und wir wissen alle hier, dass es dazu kommen wird, fürchte ich, dass unsere Überlebenschancen nicht sehr hoch sind. Ich möchte, dass mein Sohn zumindest einen moralischen Kompass als Vorbild hat, nach dem er sich neu ausrichten kann. Ich weiß, dass er schwierig sein kann, aber du hast ja beste Erfahrungen mit schwierigen Kindern, nicht wahr? Es soll dir auch kein Klotz am Bein sein. Sollten wir den Krieg nicht überleben und Draco allein zurück bleiben, wird dir eine enorme Summe in dein Verlies übertragen. Dir wird ewiges Hausrecht in Malfoy Manor zugeteilt, und wenn Draco erwachsen genug ist, gibt es ein Haus in den Bergen, das wir schon lange nicht mehr besucht haben. Das ist alles deins, wenn du einwilligst. Du musst die Entscheidung nicht sofort treffen. Ich habe die Papiere mitgebracht.« Sie holte ein Bündel zusammengerollter Pergamente unter ihrem Mantel hervor. »Ich möchte nur, dass Draco jemanden hat, an den er sich wenden kann, wenn wir nicht mehr für ihn da sein können«, setzte sie schnell hinzu.
»Was ist mit Lucius?« fragte Severus leise und seine Zunge umschlingerte die Worte.
»Lucius hat die Papiere schon unterschrieben. Er teilt meine Meinung«, antwortete sie.
Ihr Blick wanderte zu Remus und Sirius, die beide ungläubig und unfreiwillig Zeuge ihrer Bitte geworden waren. »Ich kann mich doch eurer Verschwiegenheit versichern? Mir wäre es lieber gewesen, wenn ich ihn allein angetroffen hätte, aber das würde bedeuten, dass er es vielleicht gar nicht schaffen würde. Ich weiß nicht, warum ihr hier seid, und was ihr mit Severus zu tun habt, aber ich bin froh, dass er doch jemanden hat, der sich um ihn kümmert«, bemerkte sie.
Es war Remus, der schließlich das Wort ergriff: »Du bist eine Mutter, Narcissa. Jede Mutter will, dass es ihren Kindern gut geht. Das ist nur natürlich. Ich denke, wir sind uns darin einig, dass es deine Angelegenheit ist, die uns nichts angeht.« Er warf Sirius einen ernsten Blick zu.
»Danke.« Sie atmete erleichtert auf. »Also was ist jetzt mit der Näharbeit, die du erwähnt hast?«
Remus bereitete eine Nadel mit Faden vor und überreichte ihr diese.
»Wir müssen die Wunden nähen.«
»Die Wunden? Wie einen Saum?!« fragte sie irritiert.
»Die Wunden sind alt und haben sich immer noch nicht geschlossen. Wenn es keine Magie schafft und auch kein Trank, müssen wir die Wundränder schließen, indem wir sie zusammennähen. Und da Sirius sich nicht traut.«
»Hey, ich hab gesagt, dass ich nicht nähen kann!« blökte dieser dazwischen.
»Ich zeige es dir«, erklärte Remus. Er tupfte einen Schnitt frei, so dass er die Haut gut sehen konnte, und stach ohne Vorwarnung einmal auf einer Seite hinein und dann in die andere und zog beide Wundränder zusammen. Er verknotete den Faden und trennte diesen schließlich ab. Severus quittierte dies grummelnd. »Tut mir leid, Severus, das wird jetzt eine Weile weh tun.«
»Mach einfach weiter«, maulte er ziemlich hilflos und krallte sich in das Kopfkissen fest.
Narcissa erwies sich als recht geschickt mit Nadel und Faden. Remus wollte es ihr schon als Frau als selbstverständlich zuschreiben, doch das wäre nur ein Vorurteil gewesen und er wollte nicht undankbar erscheinen.
Während der ganzen Prozedur ließ Severus keinen Schmerzschrei über seine Lippen kommen, nicht einmal ein Stöhnen. Remus hielt es für angebracht, es zunächst zu ignorieren. Unnötiges Gerede würde ihm nur längere Zeit Schmerzen verursachen, wenn sie dadurch mit dem Nähen in Verzug gerieten. Selbst Sirius hielt von seinen üblichen provokativen Kommentaren Abstand. Er trennte stattdessen die Fäden, sobald einer der beiden einen Knoten fertig gebracht hatte, und tupfte die Stellen sauber, an denen das Blut immer noch unnatürlich aus den Wunden quoll.
Erst als Severus' Griff in die Kopfkissen und das Bettlaken nachließ, hielt Narcissa inne und wechselte mit Remus einen ratlosen Blick.
»Moment«, sagte Remus, wischte sich die Hand an der Hose ab und kramte aus dem Erste Hilfe Kasten einen Spiegel hervor. Die Oberfläche war staubig, dass er diese mit einem Tupfer sauber rubbeln musste. Er hielt den Spiegel unter Severus' Nase und Mund.
Die Oberfläche beschlug.
»Ok, er atmet noch. Er ist nur ohnmächtig«, erklärte er beruhigt.
»Das ist nicht das erste Mal, dass du ihn zusammenflickst«, beobachtete Narcissa, während sie sich wieder der Näharbeit widmete.
»Narcissa, ich glaube, wir beide haben etwas gemeinsam«, fing Remus an ohne viel drumherum zu reden. »Wir haben etwas zu verbergen. Du willst verbergen, dass du nicht zu den Todessern dazugehören willst. Du siehst, was es mit deiner Familie macht, mit deinem Sohn... und es missfällt dir. Aber du bist gefangen in deiner Situation und versuchst deinen Sohn möglichst gut zu versorgen, sollte dir etwas passieren. Dein Vorhaben ist geheim, sonst wärst du nicht alleine hergekommen und hättest dich nicht ständig umgesehen als du vor der Tür standest.«
»Willst du mir drohen, Remus Lupin?« fragte Narcissa ernsthaft alarmiert. Ihre Hand fror mitten in der Bewegung ein.
»Nein«, erklärte Remus schlicht ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Ganz sicher nicht. Ich möchte nur sicher gehen, dass du verstehst, dass wir beide etwas zu verbergen haben, das niemand erfahren darf. Du willst nicht, dass die anderen erfahren, was du hier machst, dass du ihm hilfst, vielleicht wurde er auch einfach zum sterben irgendwo liegen gelassen... Wir stehen gerade für eine gewisse Zeit in der gleichen grauen Zone, denn wenn herauskommt, dass Severus Kontakt pflegt mit einem Werwolf oder dass Sirius hier war, wird man ihm nicht mehr vertrauen oder gar ihn umbringen... und mich auch. Wir sind uns also einig, dass das hier unter uns bleibt?« Er schaute sie hoffnungsvoll an.
Für einen Moment kniff sie die Augen zu engen Schlitzen zusammen, als würde sie die Situation in ihren Gedanken abwägen.
»Einverstanden«, sagte sie dann zu aller Anwesenden Erleichterung.
»Wie konnte das eigentlich passieren?« fragte Remus. »Er hat nicht viel davon geredet, eigentlich gar nichts. Ich weiß nur, dass die Wunden nicht normal zugefügt wurden. Gehe ich richtig davon aus, dass er nicht dafür vorgesehen war? Die Folter meine ich.«
»Severus sollte einen Trank zur Folter brauen, einen mit größtmöglicher Verursachung von Schmerzen, ohne dass der Gefolterte sofort stirbt« offenbarte Narcissa während sie weiter nähte.
»Wozu braucht er denn den Trank? Reichen die unaussprechlichen Flüche nicht aus?« unterbrach Sirius sie forsch.
»Die Flüche brauchen ein gewisses Maß an Geschick und Hass. Jemand, der unsicher ist oder unerfahren, wird die Flüche nicht ausführen können. Warum Severus den Trank brauen sollte, ist mir nicht bekannt, aber es ist ihm gelungen. Der Dunkle Lord verlangte gleich nach einer Vorführung und schlug Lucius als denjenigen vor, der die Folter durchführen sollte, und Draco als den ersten, der es trinken sollte.«
»Warum sollte Lucius seinen eigenen Sohn foltern? Das klingt unlogisch. Wer bleibt denn noch loyal, wenn er seine eigene Familie foltern soll?« warf Sirius skeptisch ein.
Narcissa atmete einmal tief durch. »Der Dunkle Lord versteht keinen Zusammenhalt durch die Familie. Für ihn bedeutet so etwas nichts. Er kann die Wichtigkeit dessen nicht begreifen. Alles, was für ihn zählt, ist die Loyalität seiner Untergebenen, und das beinhaltet auch, die eigene Familie zu foltern. Draco gehört noch nicht dazu, doch mit Lucius als seinen Vater wird er bei den Treffen geduldet. Die anderen haben sich stets dagegen geäußert. Lucius sollte Draco foltern vor den Augen aller. Stattdessen ist Severus eingeschritten mit einigen weniger schönen Worten, die Draco diffamieren sollten. Er sagte, Draco wäre viel zu schwach und würde die Folter nicht überleben. Mein Sohn war natürlich außer sich, doch Severus ignorierte sein Gezeter. Er konnte den Dunklen Lord schließlich davon überzeugen, dass es sich nicht gut auf den Willen neuer Rekruten auswirken würde, wenn sie wüssten, dass sie derartige Prüfungen überstehen müssten. Das würde sie nur abschrecken. Für sein forsches Eingreifen hat Severus sich leider selbst in die Schusslinie gestellt. Deswegen musste er für die Vorführung hinhalten. Es war kein schöner Anblick und ich fürchtete schon, Lucius würde ihn dabei töten. Severus beeindruckte jeden wie lange er durchhielt, und ich muss euch wohl nicht sagen, wie gleichermaßen der Dunkle Lord begeistert und doch erbost war. Denn als Giftmischer nimmt er einen hohen Rang beim Dunklen Lord ein, doch wenn er es nicht überleben sollte, würde es niemanden geben, der seine Stellung ausfüllen könnte. Also wurde Lucius hinterher selbst gefoltert, weil er die Befehle so übereifrig ausgeführt hatte.«
»Warum braucht er einen Trank, der andere foltert, wenn er noch zusätzlich foltern lässt?« fragte Remus schockiert.
»Du musst wissen, dass Hinterfragen dazu führt, dass man entweder im Ansehen sinkt oder einfach verschwindet.«
»Narcissa, du scheinst mir eine rational denkende Person zu sein, die fähig ist zu differenzieren zwischen einer fragwürdigen Ideologie und einem wahnsinnigem Kreuzzug gegen alles, was in dieser Welt lebt. Warum machst du da mit?« fragte Remus vorsichtig.
»Wie ich bereits sagte, Lucius ist einer von ihnen und ich bin seine Versicherung, dass er tut, was ihm befohlen wird. Ich mach es nicht freiwillig, aber ich will auch nicht riskieren, dass meine Familie stirbt wegen eines Wahnsinnigen. Draco will unbedingt dazugehören. Er erkennt die Konsequenzen nicht, die er für den Rest seines Lebens ertragen muss, wenn er sich ihnen anschließt.«
»Weißt du, was in dem Trank drin war?« versuchte Remus sein Glück erneut.
»Nein, aber ich weiß, dass Severus mit Naginis Gift experimentiert hat, für das es kein Gegengift gibt. Vielleicht hat er es dieses Mal in dem Trank verwendet. Nachdem er zusammengebrochen war, wurde er weggebracht. Ich habe ihn abgefangen und ihn zu meinen privaten Heilern gebracht. Sie haben ihr Bestes gegeben, aber die Wunden wollten einfach nicht heilen.«
»Severus, was hast du nur getan?« fragte Remus leise, mehr zu sich selbst und strich die öligen Haarsträhnen beiseite, so dass er ihn ansehen konnte.
»Wer seinen Aufgaben nicht gerecht wird, der verschwindet irgendwann spurlos«, warf Narcissa ein. »Ich verdanke ihm, dass mein Sohn noch lebt. Das ist eine Schuld, die ich nie begleichen kann.«
»Narcissa, wann hat er den Trank genommen und wie lange wurde er gefoltert?« wollte Remus wissen.
»Er hatte den Trank am zweiten Tag des Treffens präsentiert und wurde darauf zwei Tage lang gefoltert.«
Remus war geschockt. »Hat er gesagt, was der Trank bewirkt?«
»Er hat sich damit nur vage ausgedrückt. Permanenter Blutverlust gehörte zu den Auswirkungen und anhaltende Schmerzen auch ohne äußerliches Zufügen von Wunden. Du musst wissen, dass es anfangs viel schlimmer war. Er hat während der Folter kaum geschrien. Jeder andere wäre wahnsinnig geworden vor Schmerzen. Doch Severus war zu stur. Nachdem der Dunkle Lord sichtlich zufrieden war und ihn in die nächste Zelle bringen ließ, konnte ich ihn nach Malfoy Manor bringen. Er sagte, der Schmerz wäre wie taub und würde erst noch seine Wirkung entwickeln, und er hatte nicht untertrieben. Die Schreie waren im ganzen Haus zu hören. Ich musste den Raum hermetisch verriegeln, damit die Wände seine Schreie schluckten. Er verlor den Verstand, redete unentwegt mit sich selbst oder zählte Tränkezusätze auf. Erst gestern kam er wieder zu sich und wollte, dass ich ihn gehen lasse, weil die Wirkung des Foltergifts nachließ. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, aber er bestand darauf.«
Das war der Moment als sie die letzten Stiche setzten. Sirius warf das letzte Tupfer in den Eimer nahe dem Bett. Die blutige Watte füllte den kleinen Eimer bis zum Rand.
Remus schnappte sich eine Phiole und hielt sie Severus unter die Nase.
»Was ist das?«
»Riechsalz. Das wird ihn wecken, hoffentlich«, erklärte er und schwenkte das Fläschchen unter seine Nase.
Erst kniff Severus die Augenbrauen zusammen, dann grummelte er wie ein griesgrämiger Bär, mit dem nicht zu spaßen sein würde, sollte er das Bewusstsein zur vollen Gänze wiedererlangen.
Bevor Severus irgend einen Fluch oder schnippischen Kommentar von sich geben konnte, redete Remus unentwegt auf ihn ein. »Komm schon, setz dich auf! Wir müssen dir den Verband anlegen!« Mit Sirius' Hilfe zog er ihn in eine sitzende Position. Narcissa hielt Severus' Arme hoch, der beim besten Willen kaum noch Kraft aufwenden konnte. Remus und Sirius verbrauchten eine Mullbinde nach der anderen.
»Rem...? Schlaflos...« keuchte Severus kraftlos.
»Narcissa, gib ihm bitte ein volles Glas Wasser zu trinken«, bat Remus sie, während er den Verband verknotete.
Sie goss ihm das Glas ein, ohne weitere Fragen zu stellen, und hielt es ihm an die aufgesprungenen Lippen.
»Danke. Der Trank sollte in den nächsten Stunden seine Wirkung verlieren«, informierte er die Gruppe.
»Severus, das war knapp!« tadelte Narcissa ihn. »Wenn du dich nicht dagegen ausgesprochen hättest, dann wäre Draco jetzt tot.«
»Narcissa, nimm es nicht persönlich. Dein Junge ist intelligent, aber er ist auch reichlich dumm.« Severus wischte sich mit dem Handrücken das daneben geflossene Wasser aus den Mundwinkeln.
Sie hob sein Kinn und lächelte zynisch. »Er erinnert mich an dich.«
Daraufhin prustete Sirius lauthals los.
»Und trotzdem willst du Schniefelus deinen Sohn anvertrauen?« brach es schallend aus ihm heraus.
Narcissa hob eine Augenbraue. Ihr Blick fiel an ihrer Nase entlang hinab auf Sirius als sie sprach: »Ich kann mir keinen besseren Paten vorstellen. Außerdem«, ihr Blick wanderte an Sirius runter und wieder rauf, abschätzend, »wieso bist du hier, wenn du nichts von ihm hältst?«
Das nahm Sirius die Luft.
»Er ist hier, um mir auf den Geist zu gehen.« Trockener hätte Severus es nicht über die Lippen bringen können.
Sirius starrte ihn perplex an, doch Narcissa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Ich habe es dir schon einmal gesagt, Severus! Du sollst keine Scherze machen! Das flößt den Menschen Angst ein!« rügte Remus ihn und hätte ihm beinahe auf den Rücken gehauen. Stattdessen griff er nach dem Glas, forderte Narcissa auf nachzuschenken und träufelte den Trank hinein, um den Severus so sehnlichst bat.
Vom Bett zog er noch die blutigen Handtücher ab, und drückte sie Sirius in die Hand mit einer Wegbeschreibung zur Waschmaschine.
Reinblüter konnten manchmal so ignorant sein. Natürlich wusste keiner von beiden, wie eine Waschmaschine aussah.
»Ich sollte gehen«, kündigte Narcissa an und stand auf.
Remus half Severus dabei, sich wieder bäuchlings hinzulegen und deckte ihn zu. Als er sicher war, dass sein Mann ohnehin schon schlief, begleitete er Narcissa hinunter.
oOo
»Remus, ich habe immer gedacht, dass Severus allein wäre. In der Schule saß er immer allein. Wenn er bei uns zu Besuch war, zog er sich eher in die Bibliothek zurück. Er wird von allen gemieden, weil sie ihn entweder nicht verstehen oder Angst vor ihm haben. Ich bin erleichtert zu sehen, dass er nicht ganz allein ist.« Sie beschwor das Bündel Pergamentrollen erneut hervor und überreichte es ihm. »Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«
»Mein...? Woher willst du wissen, dass es mein Geheimnis ist?« fragte Remus unwissend.
»Ich bitte dich. Das routinierte Wundnähen, die Anweisungen, die du ihm gibst, wie du ihn behandelst. Jeder Handgriff hat gesessen. Das ist nicht das erste Mal, dass du ihn zusammenflickst.«
»Dann sind wir uns ja einig, dass wir uns beide um ihn sorgen. Vielen Dank für deine Hilfe, Narcissa«, gab Remus sich geschlagen und überreichte ihr ihren Zauberstab.
»Ich würde es sehr schätzen, wenn wir uns irgend wann gegenüberstehen könnten, ohne uns gegenseitig zu bekämpfen« hoffte Narcissa.
»Das ist ein Ziel, dem ich gerne entgegen schaue«, erwiderte Remus.
Ihr Blick wandte sich Sirius zu, als dieser die Treppe hinunter kam. Ohne den Wäschekorb fiel es Remus auf.
»Vielleicht werden wir dann auch Gelegenheit haben, unsere Blutbande neu zu knüpfen.« Sie nickte beiden Männern zu und verließ schließlich das Haus ohne das übliche höflich emotionale Abschiedsgehabe.
Sirius stellte sich neben ihn und starrte die geschlossene Tür an.
»Sie hat Recht. Man merkt es euch an, dass ihr ein eingespieltes Team seid«, bemerkte er.
»Mir blieb ja jetzt keine andere Wahl. Wo hast du eigentlich die Wäsche hingebracht?«
»Liegt noch im Flur...«
Remus verdrehte die Augen.
»Komm mit«, wies er Sirius an und ging in die Küche. Er holte einen Topf aus dem Schrank und ließ Wasser darin ein. In der Zwischenzeit griff er in den Unterschrank unter der Spüle und holte einen Korb mit Kartoffeln und Zwiebeln hervor.
Sirius stand tatenlos in der Tür herum.
»Was hat es eigentlich mit den vielen Wassergläsern auf sich?« fragte Sirius.
»Das sind die Nebenwirkungen vom traumlosen Schlaf. Der Körper schläft zwar tief und fest aber in der Zwischenzeit trocknet er auch aus. Wenn man zu lange schläft, wacht man dann mit Kopfschmerzen und anderen Nebenwirkungen auf. Deswegen zwinge ich ihn dazu, mindestens drei Gläser Wasser zu trinken«, erklärte er ihm. »Hinter der Tür, in der großen Schublade sollte frisches Gemüse sein. Gib mir mal zwei rote Paprikaschoten und einen Knollensellerie.«
Recht ahnungslos schaute Sirius hinter der Tür nach, fand sogar die besagte Schublade, und das war's auch schon.
»Warum habt ihr eigentlich keinen Hauselfen hier?« fragte er und holte eine Lauchzwiebel und zwei Tomaten hervor.
Remus stand schon an seiner Seite, nahm ihm das Gemüse aus der Hand und legte es zurück. »Weil weder Severus noch ich daran glauben, dass es richtig sein kann, eine Kreatur zu besitzen, die dazu imstande ist, Magie zu wirken, eigenständig zu denken und zu reden. Und ich sage 'besitzen', weil es gesetzlich geregelt ist, dass ein Hauself zum Besitz eines Magiers gehört, genau wie ein Schrank oder Kleidungsstück. Elfen sind keine Tiere, genau so wenig wie Werwölfe Tiere sind.«
»Remus, du weißt genau, dass ich dich nicht als Tier ansehe.«
»Aber der Gedanke ist nicht weit davon entfernt. Wenn die Elfen schon nicht frei entscheiden dürfen, was sie aus ihrem Leben machen wollen, wann wird das Ministerium auf die Idee kommen, dass dunkle Kreaturen auch als Eigentum von Magiern oder als Sache eingestuft werden sollten? Hast du dich schon einmal gefragt, warum die Rinderherde eines Bauern in der Stückanzahl gezählt wird? Ich fühle mich nicht wohl, wenn mir jemand hinterher buckelt und mehr von mir weiß als so manch anderer. Severus mag es außerdem nicht, wenn sich jemand in seinem Labor zu schaffen macht. Wir haben beide zwei gesunde Hände und können uns auch selbst versorgen.« Remus holte aus der Schublade zwei Paprikaschoten und einen Knollensellerie hervor.
»Ok, also kein Hauself. Was machen wir jetzt?«
»Wir? Wir werden jetzt eine Hühnersuppe kochen.«
»Warum denn das?«
»Weil es leichte Kost ist und gut für den Magen. Wenn er gefoltert wurde und immer noch mit den Nachwirkungen von dem Trank zu kämpfen hat, wird er wohl nicht viel gegessen haben. Die Suppe wird sein Magen hoffentlich verkraften können«, erklärte Remus mit einer dünnen Stimme. Jetzt wo Narcissa weg war und Severus größtenteils versorgt war, fiel der Stress von ihm ab und der Schock sickerte durch seine Knochen.
Er drückte Sirius ein Schneidebrett und ein Messer in die Hand.
»Wie oft hast du das schon gemacht?« hakte Sirius nach, während er ungeschickt an der ersten Paprikaschote herumschnibbelte.
»Bisher? Dreimal, aber nicht in dem Ausmaß. Einmal ist ihm bei einem Experiment das halbe Labor um die Ohren geflogen, und selbst das war nicht annähernd so schlimm.« Remus nahm ihm die Paprikaschoten aus der Hand und entkernte sie für ihn. »Schneid das alles bitte in kleine Würfel.«
»Warum lasst ihr das nicht von Poppy versorgen?« wollte Sirius wissen.
»Und was sollen wir ihr sagen? Er ist mit nem Messerblock die Treppe heruntergefallen? Oder Peeves' Scherz ist nach hinten losgegangen? Je weniger Menschen Bescheid wissen, desto besser.« Remus schnappte sich den Eimer mit den Kartoffeln und fing an, sie wütend zu schälen. »Und dass Dumbledore jetzt von uns Bescheid weiß, kann auch nichts gutes bedeuten. Ich mag den alten Mann zwar sehr, aber er kann es nicht leiden, wenn er hinters Licht geführt wird.«
»Warum habt ihr das dann vor ihm verheimlicht?« wollte Sirius wissen, weil es ihm auf den Nägeln brannte. Das schäbige Gefühl des Verrats nagte an seinem Herzen.
»Weil er es uns sonst irgendwie ausgeredet hätte, und das hätte ich nicht zugelassen. Wir haben uns seiner Sache verschrieben. Im Grunde genommen geht es hier doch nur um Du weißt schon wen gegen Dumbledore. Warum sonst würde er es auf Hogwarts absehen wollen? Doch bestimmt nicht aus purer Nostalgie! Aber nur weil wir für ihn auf seiner Seite kämpfen, heißt das noch lange nicht, dass er über unser Leben verfügen darf, wie es ihm gefällt. Wenn ich mit jemand anderem zusammengekommen wäre, dann würde es ihn gar nicht interessieren. Aber da ich mein Leben mit seinem Spion teile, wird er uns schon bald seine Meinung dazu sagen, und ich fürchte, dass er Severus so weit manipulieren wird, dass er sich von mir distanzieren wird, nur damit er 'der Sache dient'.«
Da.
Er hatte es ausgesprochen, was er nicht einmal zu denken wagte.
Konsterniert wischte er sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augenwinkeln.
Da legte Sirius ihm die Hand auf die Schulter. »Das wird schon werden...« sagte er, auch wenn es nicht viel mehr als eine Floskel war. »Komm her«, sagte er und zog seinen Freund in eine lange überfällige Umarmung. »Wie kann ich dir helfen?«
Remus unterdrückte ein Schluchzen. »Du musst dir erst mal selbst helfen, bevor du anderen helfen kannst, alter Mann!«
»Alter Mann!« stieß Sirius empört aus und schob Remus von sich weg. »Wer ist hier alt!«
»Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel gesehen?« ulkte Remus.
»Wir sind nur fünf Monate auseinander!«
»Und trotzdem bist du älter als ich!« juxte Remus weiter.
»Zeig du mir lieber, wo das Huhn sein soll, sonst wird das hier nur Gemüsewasser!«
Remus deutete lachend auf den Kühlschrank.
»Und was soll ich damit nun machen?« Sirius hielt das gerupfte Huhn am Schenkel hoch.
»Bring es erst mal her zur Anrichte, dann taust du das Huhn mit einem Wärmezauber auf, trennst die Keulen ab und spaltest die Brust, um zu schauen, ob alle Innereien wirklich entfernt wurden. Es passt auch besser in den Topf, wenn man es vorher zerkleinert.«
Sie arbeiteten eine Weile nebeneinander. Der Topf füllte sich mit allerlei Gemüse, Hühnerteilen und Gewürzen.
Als der Topf schließlich auf dem Herd stand, und das Geschirr gerade gespült war, sagte Remus leise: »Danke, dass du mitgekommen bist, Sirius.«
Sirius schaute verlegen auf die Bodendielen. »Wenn du nach zwölf Jahren das erste Mal wieder die Gelegenheit erhältst, dich als Freund zu beweisen, dann springst du gefälligst, ohne darüber nachzudenken.« Damit blickte er ihn direkt an und Remus erkannte, dass sein Freund doch nicht ganz verloren war, egal, was der Alkohol und die Dementoren aus ihm gemacht hatten.
»Ich bin nur froh«, fuhr Sirius fort. »Dass ich endlich wieder eine Chance habe, ein Freund sein zu dürfen... für dich. Auch wenn du Sex hast mit einer Fledermaus!« Sirius grinste schelmisch.
»Oh, wenn du wüsstest, wie gut Fledermäuse im Bett sind!« konterte Remus.
»Das will ich weder wissen, noch es mir vorstellen!« Sirius hielt sich die Ohren zu während Remus schamlos von Severus' Manneskraft erzählte.
AN:
Die Idee war ungefähr so:
Remus findet Severus, Narcissa kommt vorbei, bringt ein paar teure Tränke mit, erklärt ein bisschen, fertig.
Wo die 12000 anderen Worte herkamen, kann ich mir nicht erklären... hust
Tschuldigung! xD
