Kapitel 5- Ich will brennen!

»Und? Wie macht sich die pinke Hexe von Hogwarts?« fragte Sirius, während er in einen Apfel biss.

Es war wohl als Scherz gemeint, doch die Pointe war Remus irgendwie entfallen.

»Warum glaubst du, dass ich mehr über sie wüsste als ohnehin schon im Daily Prophet steht?« fragte Remus irritiert.

»Na, du sitzt doch direkt an der Quelle!« mäkelte Sirius.

»Du meinst Severus?!«

»Na, Dumbledore wird dazu wohl nicht mit dir direkt sprechen, oder?«

Es war bereits Mittag und doch war Sirius erst vor wenigen Minuten aus seinem Zimmer herunter gekommen. Als Hausherr hätte er vom Recht Gebrauch machen können, im großen Schlafzimmer im obersten Stockwerk zu schlafen, doch er bevorzugte sein altes, enges Jugendzimmer mit den dubiosen Postern von halb nackten Frauen in eindeutigen Posen, die nicht mehr von der Wand abgenommen werden konnten.

Sirius wollte nicht in dem Bett schlafen, in dem seine Mutter gelegen hatte.

Auch nicht mit neuer Matratze.

Das große Schlafzimmer war seit Sirius' Rückkehr abgeschlossen.

Wenn der Orden Platzmangel hatte, wurde einfach ein anderes Zimmer magisch erweitert. Sirius erlaubte auch den Ordensmitgliedern nicht, in diesem Zimmer zu schlafen. In diesen Wänden würde man verrückt werden, hatte er gesagt.

»Ich habe Severus seit einer Woche nicht gesehen«, gab Remus schließlich zu.

»Haltet ihr keinen Kontakt?« wollte Sirius wissen, obwohl es nur eine Höflichkeitsfrage war. Er lehnte sich lässig gegen das Sideboard und verzehrte genüsslich den Rest des Apfels.

»Er kontaktiert mich nur, wenn es etwas wichtiges zu besprechen gibt.« Remus seufzte.

Sie waren in der Küche, dem einzigen Raum, der nach der Säuberungsaktion vor einem Jahr sich nicht permanent weigerte, sauber zu bleiben. Hier setzte das Geschirr nicht wieder zehn Minuten nach dem Spülen eine zentimeterdicke Staubschicht an wie die Gegenstände in den anderen Räumen. Außer der widerspenstigen Uhr über der Küchentür war der Raum recht gut durch den Orden gezähmt worden. Und mit jedem weiteren Tag gewöhnte man sich ein wenig mehr an die Eigenheiten der Küche. Der Ofen war meist schon warm, bevor man überhaupt daran dachte, einen Topf aufzusetzen.

Remus bereitete gerade die Zutaten für eine deftige Kartoffelsuppe vor und schob Sirius nun ein Schneidebrett samt Messer zu und deutete auf das Zwiebelnetz, das über der Anrichte hing.

»Keine Liebesbriefe? Oder knutschende Heuler?« Sirius machte lächerliche Schmatzgeräusche und unterdrückte dabei ein Schniefen, während er die erste Zwiebel beinahe wütend in grobe Stücke hackte.

»Kannst du dir Severus als den Typ vorstellen, der Liebesbriefe schreibt?!« gab Remus skeptisch zurück und versuchte zu lächeln, bekam aber nur eine schiefe Andeutung einer Mundbewegung hin, die nicht einmal im Ansatz an ein Lächeln erinnerte.

»Ich will mir Snape nicht einmal als Person mit einem Liebesleben vorstellen...« Um seinen Ekel zu unterstreichen, schüttelte er sich und verzog angewidert das Gesicht.

»Dann darfst du mir solche Fragen nicht stellen«, konterte Remus.

»Wie sind seine Wunden verheilt?« horchte Sirius ihn weiter aus.

Remus hob den Blick von den Kartoffeln und schob die Augenbrauen zusammen.

»Na, das wirst du doch wohl wissen, Rem! Die waren doch kaum bandagiert, da war er doch schon wieder weg! Wie hältst du das bloß aus?« zeterte Sirius weiter, nur um sich vom Zwiebel schneiden abzuhalten.

»Severus ist ein sehr verschlossener Mensch. So lange er laufen kann, mache ich mir da erst einmal keine Sorgen um ihn.« Mit flinken Fingern zog er den Sparschäler über die Kartoffel und befreite sie von ihrer ungenießbaren Schale. »Außerdem habe ich Minerva auf ihn angesetzt«, fügte er verschmitzt hinzu.

Daraufhin brach Sirius in schallendes Gelächter aus, dass er das Messer fallen ließ. »Wenn er dahinter kommt, wirst du nichts zum lachen haben, mein Lieber!« Das Grinsen hing wie ein festgenageltes Statement in seinem Gesicht, das Remus aus der Reserve locken sollte.

»Ist ja nicht so, dass er mich nicht kennen würde... und wenn ich schon mal Mitwissende mit einbeziehen darf, müsste er damit rechnen, dass ich das auch mache.«

»Ja, er wird begeistert sein...«

»Jetzt tu nicht so, als würdest du ihn kennen, nur weil du einen halben Abend damit verbracht hast, dir die andere Seite von ihm anzusehen.« Um seinem Kommentar die Schärfe zu nehmen, streckte er Sirius dreist die Zunge raus - ganz wie der Erwachsene, der er war.

»Sorry...« kam es leichtfertig über seine Lippen.

Remus ließ das Messer vom Boden hoch schweben und säuberte es magisch.

»Schneid einfach die Zwiebeln. Sonst wird das Essen nie fertig«, neckte Remus ihn.

»So verschlossen... also wirklich!« säuselte Sirius und hackte auf das Gemüse ein, dass man Mitleid damit bekommen konnte.

»Du bist ja nur eifersüchtig!« konterte Remus und warf die letzte in Würfel geschnittener Kartoffeln in den Topf.

»Auf die Fledermaus? Aber sicher doch...« murmelte Sirius.

oOo

Die Suppe köchelte vor sich hin während sich Remus um den Abwasch kümmerte.

Das sei keine Arbeit für ihn, meinte Sirius. Normalerweise nutzte er die Chance nur, um sich vor der Drecksarbeit zu drücken, und dann fand Remus ihn für gewöhnlich in der Bibliothek wieder, dem Alkohol zugewandt.

Er wollte nicht wie ein Kontrollfreak wirken. Schließlich war Sirius erwachsen...

Zumindest redeten sie beide es sich ein.

Der Grat war schmal und Remus wollte ihm die Wahl lassen. Wenn er ihm jetzt irgend welche Vorschriften machen würde, hätte das nur einen gegenteiligen Effekt für sie beide.

Also spülte er lieber das Geschirr, während die Suppe vor sich hin köchelte, und ließ Sirius gewähren.

Kleine trippelnde Geräusche hinter ihm ließen Remus zur Tür sehen. Kreacher hatte sich nach unten gewagt. Mürrisch murmelnd schlich er mit einem dreckigen Staublappen von der Küche in das angrenzende Esszimmer - Remus dabei nie aus den Augen lassend.

Wie ein misstrauisches Tier - der Vergleich war unfair, aber es passte irgendwie zu dem Hauselfen, dachte sich Remus.

Jedes Mal wenn der Elf ihm begegnete, lief es ihm kalt den Rücken herunter.

»Muggelblut macht Kreacher Arbeit. Das gefällt Kreacher nicht. Cissy war viel edler. Schlamm beschmutzt dieses Haus.« Der Elf schnäuzte sich angewidert in das Staubtuch, mit dem er hier und da über die Möbel wischte.

Remus ignorierte das Gezeter.

Der Elf war mit Sicherheit älter als er selbst - außerstande, alte Gewohnheiten abzulegen. Irgendwann würde er sich schon an die Änderungen gewöhnen, hoffentlich.

Das Geschirr war auf dem Abtropfgestell zum trocknen gestapelt. Bis die Suppe fertig war, würde es noch eine Weile dauern. Ein wenig Ablenkung tat ihnen beiden gut. Also gesellte Remus sich zu Sirius in die Bibliothek.

Im Kamin loderte grünes Feuer und auf dem Fernsehgerät lief irgend etwas, das viel zu laut eingestellt war. Sirius starrte wie gebannt darauf. In der Hand hielt er leger ein Whiskyglas mit einer braunen Flüssigkeit darin.

Sirius warf ihm nichtsahnend einen Blick zu. Er bewegte die Lippen, aber es kam kein Ton heraus. Das Klatschen der Menschenmasse aus dem Flimmerkasten war viel zu laut. Er konnte sich doch nicht etwa... Der Moderator heizte die Menge in der Show an. Die Lautstärke tat ihm in den Ohren weh.

Sirius' Lippen bewegten sich auffällig langsam. Seine Augen strahlten dabei wie die eines Wahnsinnigen.

Ungläubig rieb er sich über die müden Augen. Der ohrenbetäubende Lärm war verschwunden. Sirius starrte ihn an als wäre er irre geworden.

»Willst du auch eine Tasse?« fragte er.

»Huh?« Nicht einmal zu einer vernünftigen Frage war er imstande.

»Ob du auch eine Tasse Tee willst?« wiederholte Sirius ungeduldig. »Mensch, Moony, lass dich mal untersuchen! Ich glaub du hast dir den Kopf zu oft angestoßen!« Mit einer bunt geblümten Porzellantasse in der Hand deutete er auf die Teekanne auf dem Couchtisch vor ihm.

»Oh, Tee! Ja, gerne!« Die grimmige Atmosphäre, die das Haus verströmte, färbte allmählich auf sein Gemüt ab.

Auf einen Wink mit seinem Zauberstab schenkte die Kanne eine zweite Tasse Tee ein.

Dankend nahm Remus die blau geblümte Tasse entgegen und inhalierte den Duft bevor er über die heiße Flüssigkeit den Dampf weg pustete. »Jasmintee? Gibt es was besonderes zu feiern, oder woher kommt der Sinneswandel?« fragte Remus und gab drei Würfel Zucker hinzu. Vorsichtig nahm einen Schluck. Das war die perfekte Süße!

»Es war nichts anderes im Schrank«, erklärte Sirius schulterzuckend.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und schauten die TV-Sendung an.

Remus fragte sich, wann sie sich endlich wieder normal begegnen konnten, ohne seltsame Elfen aus Hausbewohner oder bedrückendes Schweigen, überladen von unausgesprochenen Fragen.

»Läuft das eigentlich immer so zwischen euch?« fragte Sirius aus dem Blauen heraus.

»Zwischen Severus und mir?« hakte Remus nach.

»Naja, ein anderes Gesprächsthema hatten wir ja sonst nicht... Natürlich zwischen dir und Schniefelus... Tschuldigung... Ich meinte Severus«, verhaspelte er sich und schob die letzten Worte noch schnell hinterher. »Es wird eine Weile dauern, bis ich mich umgewöhnt habe.«

Es war eine fadenscheinige Erklärung.

»Es bedarf keinerlei Gewöhnung, ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen, Sirius. Dein Problem damit ist nur hier drin.« Er zeigte mit seinem Finger auf die Stirn. »Aber um deine Frage zu beantworten: Wir warten auf bessere Zeiten und nehmen das, was wir kriegen können. Normalerweise nimmt er sich die Wochenenden frei. Mit dem Ministerium im Nacken geht das natürlich nicht. Wir belassen es zur Zeit bei kryptischen Nachrichten per Eulenpost. Ich weiß, dass es er nicht auf der Krankenstation liegt. Er ist wohl der Meinung, dass die Info ausreichen muss.«

»Das tut mir leid.«

»Das muss es nicht« entgegnete Remus ihm und schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. »Ich habe es mir selbst ausgesucht. Und das erste Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, angekommen zu sein und jemanden gefunden zu haben, der das Leben mit mir teilen möchte.«

»Hey, wir haben dich auch ohne mit der Wimper zu zucken akzeptiert!« protestierte er. »Du hast zu uns gehört! Wir haben die Schule zusammen unsicher gemacht und die Mädchen haben mit großen Augen hinter uns hergeschaut!«

»Ich glaube, unsere Erinnerungen gehen weit auseinander, Sirius. Ich war euer Sozialprojekt.«

Sirius Grinsen war ihm aus dem Gesicht gewichen.

»Aber was redest du denn da? Wir waren unzertrennlich!« schäkerte er weiter.

»James und du, ihr habt so viel Unsinn angestellt...«

»Oh, jaaa... Erinnerst du dich noch an den Streich mit dem klebrigen Geländer, den wir den Mädchen gespielt haben?« fragte Sirius und lachte schon bei der ersten Silbe.

»Du meinst den Streich, bei dem ihr den Zauber falsch ausgesprochen habt und die Mädchen statt festzuhängen grüne Hände bekommen haben?«

»Ja, der ging mächtig in die Hose!« kicherte Sirius.

»Ihr habt so viel Energie in euren Unfug gesteckt! Ihr hättet stattdessen bessere Noten bekommen können, wenn ihr mehr gelernt hättet...«

»Hey, du hast doch selbst mitgemacht!« protestierte Sirius.

»Nenne mir einen Streich, gegen wen auch immer, an dem ich beteiligt war«, forderte Remus ihn auf. Er blies wieder den Dampf von seinem Tee weg und schlürfte vorsichtig. Der Hitzezauber war zu grob ausgesprochen worden. Das Getränk war immer noch brühend heiß.

»Als wir den Slytherins den Mund verboten haben!«

»Du meinst als ihre Münder verklebten und sie nichts mehr sagen konnten, und auch keine Zaubersprüche gegen euch werfen konnten?« hakte Remus nach.

»Das war doch genial, oder nicht?« grinste Sirius.

»Da habe ich aber nicht mitgemacht, mein Lieber!« erwiderte Remus.

»Doch klar!«

»Nein.«

»Ich erinnere mich an deinen Blondschopf, Moony!« wähnte Sirius sich siegessicher.

»Das war Peter.«

»Was? Nein, das kann nicht Peter gewesen sein!« Doch Sirius' Gedächtnis klärte sich plötzlich auf. »Ok, ok. Das war Peter. Aber der Streich gegen McGonagall... Als wir ihre Garderobe pink gefärbt haben.«

»Auch damit habe ich nichts zu tun gehabt, auch wenn ich lachen musste.« Remus schmunzelte.

»Der war gut oder? Minnie hat nie herausbekommen, wer dahinter steckte! Ihre komplette Garderobe war pink!« Sirius goss sich mehr Tee ein.

»Das war schon lustig, auch wenn sie mir ein wenig leid tat«, gab Remus zu. »Wenn man das Ganze als Lehrer von der anderen Seite betrachtet, ist das gar nicht mehr so lustig. Ich musste mich gegen die Slytherin ganz schön zur Wehr setzen.«

»Hat Severus denen nicht die Hölle heiß gemacht unterm Hintern?« fragte Sirius zwinkernd.

Remus verdrehte die Augen. »Da waren wir noch gar nicht zusammen und Severus hat nach jeder Gelegenheit gegriffen, um mir das Leben schwer zu machen.«

»Ist doch seltsam, dass ihr zwei jetzt zusammen seid, findest du nicht auch?« fragte Sirius schmunzelnd, doch Remus ahnte, dass es nicht die Art war, mit der man sich an lieb gewonnene Momente erinnerte.

»Ganz im Gegenteil. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es so gekommen ist.« Remus stellte seine Tasse ab und mied jeglichen Blickkontakt.

»Stell dir mal vor, James wäre jetzt hier und könnte uns so sehen«, sagte Sirius. Er legte den Kopf so weit in den Nacken, dass er auf dem Polster der Ledercouch lag. Sein Blick war zur Decke gerichtet. »Er war ruhiger geworden nach seiner Hochzeit. Lilly hat seinen Charakter gefestigt. Nachdem Harry geboren war, hatten sich seine Prioritäten geändert. Er verhielt sich gesetzter, hatte keine Flausen mehr im Kopf... Er musste sich schließlich um Frau und Kind kümmern. Sie beide waren so glücklich gewesen...«, erinnerte Sirius sich mit einem wehmütigen Lächeln. »Ich hab Harry das erste Mal in St. Mungos gesehen. Er war noch so klein, aber er war ihr ganzer Stolz.«

Remus wagte es nicht, ihn in die Realität zurückzuholen.

Sirius schlug die Hände vors Gesicht bevor er den nächsten Satz sagte: »Ich bin so eifersüchtig auf Lilly gewesen.«

»Wieso das denn?« rief Remus überrascht aus.

»Er war so glücklich mit ihr. Immer, wenn er sie ansah, hatte er dieses Glänzen in den Augen...« Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich über das Gesicht. »Verdammt... jetzt werd ich auch noch sentimental!« Er versuchte, es wegzulächeln. Es war weniger schmerzvoll, nicht daran zu denken. Remus kannte dieses Gefühl.

»Und du wolltest, dass er dich so ansieht.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

»Ich wusste, dass nie etwas daraus werden konnte, und doch war ich dankbar für jede Minute, die ich mit ihm verbringen durfte«, sinnierte Sirius betrübt. »Ich hätte alles dafür getan, dass sie beide überleben.«

Remus fragte sich, ob das die ganze Wahrheit war. Letztendlich war es aber nicht seine Geschichte und nicht seine Gefühle.

»Du bist aus Askaban geflohen und hast deine Zauberkraft nicht verloren. Wenn dir wirklich etwas an ihm gelegen hat, dann kümmer dich um seinen Sohn«, schlug Remus vor, um von dem Schmerz abzulenken, den James' Tod bei Sirius hinterlassen hatte.

»Ich würde ja viel mehr Zeit mit ihm verbringen, aber auf Hogwarts ist er unerreichbar für mich und Dumbledore ist der Meinung, dass der Junge hier nicht sicher sei.«

»Wieso sollte er auf Hogwarts unerreichbar sein, Sirius? Du kennst doch alle Geheimgänge in- und auswendig! Gegen einen kurzen Besuch wird wohl niemand etwas einzuwenden haben. Hogwarts ist sicher für euch beide. Vielleicht lässt sich etwas arrangieren. Dumbledore muss nicht über alles Bescheid wissen«, riet Remus seinem Freund.

Als wenn das ihr Stichwort gewesen wäre, kam eine Eule direkt durch den Kamin geflogen und jagte beiden Zauberern einen riesigen Schrecken ein. Sie hielt in den Krallen einen Brief, der ausnahmsweise nicht an ihrem Beinchen befestigt war. Garstig, wie das kleine Biest war, schnappte es nach den Fingern, die ihr den Brief entnehmen wollten.

»Autsch!« maulte Sirius.

»Kennst du die Eule?« fragte Remus alarmiert.

»Vom Charakter her hätte ich jetzt vermutet, die gehört deinem Herzblatt«, grummelte Sirius und unternahm einen weiteren Versuch, dem Vogel den Brief zu entnehmen. Doch auch der zweite Versuch endete mit einem blutigen Finger.

»Nein, Sokrates ist kleiner und weniger garstig... auch wenn du es nicht glauben magst«, erklärte Remus, den Blick auf den Vogel fixiert. Er bewegte sich langsam und lenkte den Vogel mit seiner linken Hand ab, während er mit der Rechten nach dem Brief griff. Der Vogel war natürlich zu schlau dafür und kniff in beide Hände kräftig hinein. Doch Remus schaffte es, ihm den Brief zu entnehmen.

»An Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore, 12 Grimmauld Place, Islington, London, Bibliothek, drittes Stockwerk, drei Minuten nachdem Remus John Lupin den Brief an sich genommen hat«, las Remus vor.

»Das nenne ich eine präzise Adressanweisung«, wunderte Sirius sich. »Hat Dumbledore sich angekündigt?«

»Jetzt vermutlich schon.« Remus zuckte mit den Schultern.

Drei Stockwerke unter ihnen fiel die Haustür ins Schloss und die Treppenstufen knarzten als jemand hinauf stieg. Remus erwischte sich dabei wie er vorsichtshalber nach seinem Zauberstab griff, den er an seinem Handgelenk befestigt hatte, so wie Severus es ihm gezeigt hatte.

Es war tatsächlich Albus Dumbledore, der kurz darauf im Eingang zur Bibliothek erschien.

»Oh, ich sehe, mein Brief ist sogar pünktlich eingetroffen!« sagte der alte Zauberer fröhlich.

Die beiden Hausbewohner waren von ihren Plätzen hochgeschossen.

»Wir haben dich gar nicht erwartet!« rief Sirius überrascht aus.

Wenn er vorher schon nicht froh darüber war, so war er zumindest jetzt sehr erleichtert, dass er den Tag nicht mit Alkohol begonnen hatte! Er versteifte sich als der alte Zauberer die Bibliothek betrat. Es wurde nie offen zwischen ihnen ausgesprochen, aber Sirius hatte es Dumbledore nie verziehen, dass der alte Zauberer sich damals nicht für ihn eingesetzt hatte. Dumbledore hatte es zugelassen, dass Sirius ohne Verhandlung nach Askaban gebracht wurde. Der Schmerz saß tief und würde wohl lange Zeit zum heilen brauchen.

Albus umgab eine Aura der Entschlossenheit. Sein Lächeln und seine Auftreten wirkte sehr aufgesetzt und angespannt. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Der Brief flog wie eine kleine Schwalbe in seine ausgestreckte Hand. Das Papier entfaltete sich von selbst, während er sprach: »Meine Herren, setzt euch wieder... Wir sind hier nicht in der Schule... Wie ich sehe, habt ihr es euch hier nett eingerichtet.« Er deutete auf den Fernseher.

Der Hinweis benötigte keine Reaktion. Es war reines Höflichkeitsgeplänkel... und es passte überhaupt nicht zu Dumbledore.

Trotzdem entspannten sich die beiden jüngeren Zauberer etwas und setzten sich wieder hin. Dumbledore bedachte Remus mit einem ernsten Blick, der Remus einen kalten Schauer über den Nacken jagte. Selbst sein innerer Wolf reagierte nervös.

»Ich möchte keine langen Reden halten. Ihr beide wisst, was unser Ziel ist, und das müssen wir möglichst effizient angehen. Remus, ich habe eine Mission für dich, und ich bin hier, um dich einzuweisen. Habt ihr vielleicht ein paar Zitronenschnittchen hier? Ich bin furchtbar hungrig.«

Remus stand nun doch wieder auf, da das ein Gespräch war, das sie wohl besser unter vier Augen führen sollten. Dumbledore hätte ihm die Anweisungen auch so per Eulenpost zukommen lassen können. Dass er persönlich hergekommen war, war ein schlechtes Zeichen.

»Zitronenschnitten nicht, aber wir haben Kartoffelsuppe gekocht. Die sollte bald fertig sein«, begann Remus und ging voran, wohl wissend, dass der alte Zauberer ihm auf den Schritt folgte.

»Ach, das ist aber schade.«

Dumbledore wirkte keineswegs enttäuscht.

Warum auch?

Wer sollte auch zufällig Zitronenschnitten im Haus haben? Noch dazu in einem Geheimversteck, aus dem man normalerweise nicht ein- und ausgehen konnte, wie es einem beliebte.

oOo

Er beschäftigte sich mit dem Teekessel und kontrollierte die vor sich hin köchelnde Kartoffelsuppe. Vielleicht noch weitere zehn Minuten bis sie fertig war. Also deckte er schon einmal den Tisch - für vier, was der alte Zauberer mit einem kritischen Blick quittierte.

Es lagen drei Gedecke auf dem Tisch und eine kleine Keramikschüssel mit einem Holzlöffel.

»Diniert der Elf jetzt mit euch an einem Tisch?« fragte er skeptisch und beobachtete Remus aus dem Blickwinkel. Er war ein Zauberer des alten Schlages.

Manchmal wollte Remus es sich nicht gestatten, über andere zu urteilen, aber über manche Themen konnte er einfach nicht hinwegsehen, und Hauselfen waren nun einmal so ein Thema, das er sich so sehr öffentlich adressiert wünschte. Severus und er konnten doch nicht die einzigen sein, denen es seltsam vorkam, sich von vorn bis hinten von Kreaturen bedienen zu lassen, die über Magie verfügten und über ein Bewusstsein, das dem ihren sehr ähnlich war!

Missmutig schob er den Gedanken zur Seite. Jetzt war nicht der Augenblick, darüber zu diskutieren.

»Es ist nur fair, wenn wir ihm auch etwas anbieten«, war alles, was Remus dazu sagte.

Dumbledore setzte sich in die Küche fernab vom Esszimmer.

Der Topf auf der Herdplatte blubberte leise. Ein Holzlöffel rührte von selbst die Suppe um.

Über der Küchentür schlug die verstaubte Uhr einen unregelmäßigen Takt.

3:28 zeigte sie an. Die Uhrzeit stimmte nicht. Man war besser beraten, eine eigene Uhr zu tragen und die Küchenuhr zu ignorieren.

Dumbledore entfaltete den Brief und legte ihn vor sich auf den Tisch.

Nervös schluckte Remus die Angst herunter. Die Mission war entweder wirklich wichtig, oder nur ein Vorwand, damit Dumbledore ihm ins Gewissen reden konnte, wie falsch seine Verbindung zu Severus doch sei.

Severus hatte ihn davor gewarnt.

Der Werwolf wischte mit einem Tuch über den Tisch im Esszimmer, der Küche den Rücken zugedreht. Er wollte nicht darüber reden! Es ging doch im Grunde genommen niemanden etwas an, was er in seiner Freizeit unternahm, genau so wie es Severus' über sein eigenes Leben entscheiden musste! Es war nicht Severus' Aufgabe, sein komplettes Leben dem Orden und Dumbledores Sache zu verschreiben!

Das konnte nun wahrlich niemand von ihm verlangen!

Ein Räuspern des alten Zauberers ließ ihn merklich zusammenfahren.

»Remus, mein Junge, komm her und setz dich doch bitte.« Der alte Zauberer hatte sich auf seinen ursprünglichen Platz gesetzt, an dem er sonst immer bei den Ordenstreffen saß. »Ich weiß, dass du nicht darüber sprechen möchtest, sonst hättet ihr euch ja schon lange vorher in unserem kleinen Kreis zu erkennen gegeben. Ich habe dir bereits gesagt, dass wir darüber reden müssen, aber deine Mission geht vor. Also setz dich bitte, damit ich dich einweisen kann.« Er deutete auf den Stuhl links von ihm.

Remus kam dem nur sehr widerwillig nach, trotzdem setzte er sich. Besser sie brachten es so schnell wie möglich hinter sich. Dann würde Remus auch wissen, wie es um seine Ehe wirklich stand, und in welcher Kategorie er Dumbledore wirklich einsortieren musste. Er konnte ihn nie richtig einschätzen.

War Dumbledore ein guter Zauberer oder einfach nur eine andere Version von Dem Dessen Namen Nicht Genannt Werden Durfte?

Welchen Preis war Dumbledore gewillt zu bezahlen, um einen Sieg gegen Voldemort zu garantieren?

»Moody hat eine Werwolfkolonie ausfindig gemacht. Sie haben sich zusammengerottet im Kielder Forest. Die Gegend ist sehr ländlich. Größere Städte sind weiter weg. Drumherum gibt es nur wenige Dörfer oder Bauernhöfe. Moody hat einen Portschlüssel bereit gestellt. Er wird dich nach Newcastleton bringen. Von da an musst du zu Fuß weiter. Ein Drei-Tages-Marsch - zumindest wenn man mit Moodys energischem Schritt mithalten kann.« Auf dem Tisch entfaltete sich eine kryptisch gezeichnete Karte, wenn man das Gekritzel überhaupt entziffern konnte. Es war kein Maßstab zu sehen und auch keine weiteren Anhaltspunkte. Lediglich ein vager Umriss eines Waldes mit kindlich gezeichneten Bäumen hier und da, ein gestrichelter Weg, der irgendwann in einem unübersehbaren Kreuz endete.

»Warum gezeichnet?« fragte Remus lediglich.

»Es musste schnell gehen und du kennst Moody. Er verabscheut Karten, die von Muggeln hergestellt wurden.« Dumbledore schmunzelte.

Remus konnte dem nicht zustimmen. Er kannte Moody nicht wirklich. Sicher waren sie sich auf den letzten Ordenstreffen begegnet, aber an ihm haftete immer eine Aura, der Remus nicht habhaft werden konnte. Es war eine Mischung aus Abscheu und Überheblichkeit, die sich der Auror in den letzten Jahrzehnten angeeignet haben musste. Er mochte vielleicht gut sein in seinem Fach, aber was sagte das über Moody, den Menschen aus?

»Die Karte ist mit einem Zauber belegt«, erklärte Dumbledore als hätte er den Fakt einfach unterschlagen wollen. »Specialis revelio!« Dumbledore schwang seinen Zauberstab darüber. Die kindliche Zeichnung verschwand und enthüllte eine sehr detaillierte und präzise gezeichnete Karte, mitsamt Maßstab und Höhenunterschied und allen Informationen, die man für eine Wanderung durch unwegsames Gebiet benötigte. Selbst die magischen Wesen, die sich in diesem Wald aufhielten, waren eingetragen und bewegten sich beinahe misstrauisch über das Papier.

»Die Kolonie befindet sich an dem Punkt, wo der Wasserfall eingezeichnet ist. Dahinter befindet sich eine Höhle. Aber auch drumherum haben sie ihre Zelte aufgeschlagen. Laut Alistor werden es immer mehr. Entweder geht die Mundpropaganda sehr schnell um, oder sie sorgen selbst dafür, dass sie mehr werden.«

»Du glaubst doch nicht etwa, dass diese Leute die Menschen aus der Umgebung in Werwölfe verwandeln!« rief Remus entsetzt aus.

»Das herauszufinden wird deine Aufgabe sein.« Seine Augen blitzten auf einmal ernst auf. Er griff nach Remus' Hand und drückte fest zu. »In anderthalb Wochen ist Vollmond, bis dahin musst du die Gruppe erreicht haben. Vielleicht ist es nur ein Zufall, oder wir haben es mit einer Bewegung zu tun, die entweder du weißt schon wem in die Karten spielt, oder sich zusammentut, um weit weg vom Ministerium zu sein. Wichtig ist nur, dass du Informationen sammelst. Unternimm auf keinen Fall Aktionen, die deine Deckung auffliegen lassen würde.«

»Ich soll sie also nicht für unsere Sache gewinnen?« fragte Remus ungläubig.

»Im Moment brauchen wir wirklich nur Informationen über die Bewegungen der Todesser und eventuelle Zusammenhänge, die Severus nicht herausfinden kann, weil sie nicht auf den Treffen besprochen werden. Viele Bewegungen werden vermutlich auch gar nicht von du weißt schon wem veranlasst. Wir haben es hier mit einer Dynamik zu tun, die sobald sie ins rollen gerät, nur schlecht aufzuhalten sein wird. Wenn du Informationen über diese Kolonie herausbekommen hast, werden wir später noch erörtern, was wir unternehmen können. Vielleicht können wir sie dann von unserer Sache überzeugen. Wichtig ist erst einmal, dass wir wissen, wieso es immer mehr werden. Mach dich schlau in der Umgebung. Frag nach Vermissten und dergleichen. Dann wissen wir, ob sie die Anwohner nach und nach infizieren oder nicht.«

Remus nickte benommen.

»Gut.« Endlich ließ er Remus' Hand los.

Er zog sie schnell zu sich zurück und verschränkte die Arme über dem Tisch.

»Nun denn... Du weißt, dass ich euch nicht gerne Vorschriften machen möchte, was euer Privatleben betrifft.« Dumbledore machte eine Pause, als würde er nach den richtigen Worten suchen.

Dabei dachte sich Remus, dass es schon nicht besser werden könnte, wenn der alte Zauberer seine Standpauke schon mit einer Lüge begann. Das Ganze wirkte nur wie ein sehr gut orchestriertes Drama und Dumbledore war der Intendant.

»Du kannst dir sicher vorstellen, wie enttäuscht ich darüber war, dass ihr beide eure Bindung schon so lange vor uns allen geheim gehalten habt. Haben wir euch jemals das Gefühl gegeben, dass ihr nicht willkommen wäret, sollten wir etwas darüber erfahren?« Dumbledore gab sich alle Mühe, nicht enttäuscht zu klingen, fast so als würde er es wirklich meinen.

Vielleicht war Remus aber auch nur zu voreingenommen, dass er dem alten Zauberer keine andere Meinung mehr zutrauen konnte.

»Ein Todesser und eine dunkle Kreatur? Wir wandern auf einem schmalen Grat und es braucht nur einen Fehltritt, der uns eine lebenslängliche zwei Quadratmeter Zelle in Askaban bereit hält«, entgegnete Remus ihm, seinen Blick meidend.

»Hast du wirklich so wenig Vertrauen in deine Freunde, Remus Lupin?« fragte Dumbledore. »Weißt du, es ist nur natürlich, sich nach Zusammengehörigkeit zu sehnen und jemanden zu suchen, der die gleichen Interessen mit einem teilt.«

Remus war beinahe im Begriff, den alten Zauberer auszulachen. Oberflächlich betrachtet hatten Severus und er eigentlich nichts gemeinsam, und wenn Dumbledore es jetzt so darstellen wollte, als wenn sie beide füreinander geschaffen wären, dann hatte er seinen Spion und den Werwolf nicht wirklich verstanden.

Missmutig verwarf er den Gedanken gleich wieder. Albus Dumbledore so zu verurteilen, wäre ihm gegenüber nicht fair. War es nicht der Sinn ihrer Scharade gewesen, die anderen in die Irre zu führen und im Dunkeln zu lassen?

»Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir es besser für uns behalten sollten. Aus persönlichen Gründen, nicht weil wir niemandem vertrauen«, versuchte Remus sich herauszureden. »Severus ist sehr verschlossen, was sein Privatleben betrifft, und ich würde es auch begrüßen, wenn die anderen einmal das Vertrauen in mir nicht verlieren würden, nur weil ich mich mit einem Todesser treffe. Es hat mir damals schon gereicht, dass selbst die Ordensmitglieder mir unterstellt hatten, ich wäre zu Du weißt schon wem übergelaufen!« Mit einem gehetzten Blick schaute er sich in der Küche um. »Es hat mir damals schon genug Angst bereitet, dass Menschen, denen ich vertraut hatte, sich so schnell von mir abwenden konnten! Außerdem ist es nicht die Angelegenheit anderer, sondern nur Severus' und meine!«

Der alte Zauberer brummte immer nur eine wortlose Bestätigung, doch Remus wusste, was kommen würde, sonst hätte er nicht schon so ernst geklungen als Severus zurückgekehrt war.

»Es tut mir in der Seele weh, dass du so handeln musst, weil die Menschen um dich herum dir nicht vertrauen, Remus. Das musst du mir glauben. Aber hier steht das Wohl vieler auf dem Spiel, und das überwiegt nun mal das Wohl weniger einzelner Personen. So sehr ich euch beiden das Glück wünsche, das anderen verwehrt bleibt, muss ich an deine Vernunft appellieren. Wie du weißt, besetzt Severus eine äußerst prekäre Position und wird von beiden Seiten misstrauisch behandelt. Nicht nur von unserer Seite. Er setzt sein Leben jedes Mal aus Spiel, wenn er zu einem Treffen gerufen wird. Severus ist ein geborener Okklumentist. Das ist sehr selten. Zauberer, die mit einer bestimmten Fähigkeit geboren werden, können diese bereits ausüben, bevor sie auf eine magische Schule geschickt werden. Wusstest du das?«

Es war eine rhetorische Frage, deswegen schwieg Remus.

»Die anderen Todesser werden es nicht wissen oder es nur erahnen können. Severus meint, dass Du Weißt Schon Wer es bisher noch nicht herausgefunden hat. Ich aber fürchte, dass er es sehr wohl weiß, und auf seinen nächsten Zug wartet, um Severus zu testen und zu entlarven. Seine eigenen Gedanken und Gefühle zu verschleiern, kostet eine Menge Konzentration, Remus. Hier kommst du ins Spiel, mein Junge. Er ist mit den Gedanken woanders, wenn er weiß, dass sie einen Schlag gegen den Orden planen und du in die Ziellinie geraten könntest...«

»Wir haben darüber gesprochen und wissen über die Risiken Bescheid, Albus!« unterbrach Remus ihn nervös.

»Niemand ist perfekt, Remus. Nicht einmal jemand wie Severus, der nach außen hin kalt und emotionslos wirkt und alles dafür tut, um von anderen nicht gemocht zu werden. Wir beide gehören zu den wenigen Menschen, die wissen, dass das nur eine sehr gute Täuschung ist. Es wird der Punkt kommen, an dem er nicht voll konzentriert sein wird, und es ist gefährlich, wenn es während eines Angriffs der Todesser sein wird, oder wenn Du Weißt Schon Wer in Severus' Erinnerungen herumstochert und durch seine Blockaden dringen kann. Er gefährdet damit nicht nur sich selbst, sondern auch unseren Kampf für das Licht.«

Der alte Zauberer hielt kurz in sich.

»Wenn seine Tarnung auffliegt, wird das das letzte Treffen gewesen sein, an dem er teilgenommen haben wird. Er hat sich seinen Platz in Toms Inneren Kreis bitter erkämpfen müssen. Seinen Fortschritt jetzt einfach außer Acht zu lassen und zu riskieren, würde seine Arbeit auf die nur denkbar respektloseste Art und Weise zunichte machen. Wir dürfen uns keine Fehler leisten, Remus. Severus versteht das.« Er atmete tief durch.

Severus hatte ihn vor einem Gespräch wie diesem gewarnt. Er wollte sich dagegen wehren; einen Einwand erheben. Doch er sah sich nicht zu irgendeiner Reaktion imstande. Als wären seine Gliedmaßen festgefroren.

»Du musst verstehen, Remus, dass ich das nicht gerne sage, aber ihr müsst eure Verbindung aufgeben. Wenn du dir die Konsequenzen vor Augen führst - was passieren kann, wenn Severus auch nur einen unkonzentrierten Schritt macht - dann wirst du erkennen, dass das zum Wohl aller geschehen muss.«

Dumbledores Augen blitzten gefährlich. In ihnen konnte Remus eine Art Entschlossenheit erkennen, die ihm eine solche Angst einjagte, dass sich seine Nackenhaare aufstellten, und der Wolf in ihm sich anspannte.

Die Küchenuhr schlug eine volle Stunde an - welche Stunde es war... unwichtig, da sie ja ohnehin immer die falsche Uhrzeit anzeigte. Auf dem Herd kochte die längst vergessene Suppe über.

»Oh!« rief Albus überrascht auf, und mit einem Mal saß ihm wieder der freundliche, gutmütige Zauberer gegenüber, so wie ihn jeder kannte. »Wie doch die Zeit vergeht!«

Er erhob sich.

Remus blieb starr auf seinem Platz sitzen, außerstande den alten Zauberer anzusehen.

Wie hatte er das nur zulassen können?

Warum hatte er nichts gemerkt?

»Es tut mir wirklich leid, aber ich werde euch wohl nicht beim Essen Gesellschaft leisten können. Richte Sirius bitte meine Grüße aus.« Mit seinen Worten faltete sich der Brief mit der Karte wieder zusammen und schwebte in Remus Brusttasche, wo der Umschlag perfekt hineinpasste.

Albus nahm die Hintertür und apparierte wohl aus dem Hintergarten zurück nach Hogwarts.

Erst als der alte Zauberer das Haus verlassen hatte, konnte Remus sich endlich wieder regen!

Mit einem flinken Stabwink hob er den Topf vom Herd ab. Die Suppe troff überschäumend vom Topf herab. Nun war die Hälfte davon unter dem Gitter der Gasfelder verteilt!

Er schnappte sich einen Lappen, löschte das Feuer der Gasplatte und wischte die heiße Flüssigkeit auf.

»So ein Mist!« murmelte er hektisch.

Den Topf stellte er schließlich mit einem Untersetzer auf dem Tisch ab. Erst da wagte er einen Blick hinein. Die Suppe war zur Hälfte übergekocht.

»Nun, dann muss eben Brot herhalten.« Er holte das Brot, das Molly ihm mitgegeben hatte, aus einer großen Schublade. Es war in ein helles Leinentuch eingewickelt. Mit einem großen Brotmesser schnitt er dicke Scheiben ab und stellte diese mit einem Korb und einem Schälchen Butter neben dem Suppentopf hin.

Die Hände bewegen.

Sich ablenken.

Bloß nicht darüber nachdenken!

oOo

»Was war denn so geheim daran, dass er dich unter vier Augen sprechen wollte?« fragte Sirius skeptisch und stippte ein Stück Brot in seine Suppe hinein.

Am anderen Ende des Tisches saß der Hauself. Remus hatte ihm eine Kiste auf den Stuhl gestellt, damit er mit seinen kurzen Armen über die Tischkante greifen konnte. Der Holzlöffel schabte über die Schüssel, um den Rest seiner Portion aufzufangen.

Remus starrte auf seinen vollen Teller. Sein Magen rebellierte lautstark. Trotzdem regte er sich keinen Zentimeter.

»Remus?« fragte Sirius besorgt und griff nach der Schulter des Werwolfs.

»Hm?« fragte dieser abwesend.

»Was hat der Alte dir gesagt? Muss ja schlimm gewesen sein!« bemerkte Sirius.

Vom andern Ende des Tisches beobachteten zwei zusammengekniffene Augen die beiden Zauberer.

»Ach, das war nur das Übliche.« Remus zuckte mit den Schultern und nahm das erste Mal an diesem Abend seinen Löffel auf und nahm eine mit Butter beschmierte Scheibe Brot. »Er schickt mich auf eine Mission«, schob er schnell hinterher, bevor Sirius noch weiter fragen konnte. »Ich werd wohl bald los müssen.«

Der Elf beäugte ihn argwöhnisch.

»Wie bald?«

Hatte Sirius etwa Angst, zurück zu bleiben? Ihm schien der Gedanke nicht sonderlich zu gefallen, Remus gehen zu lassen.

Remus zuckte mit den Schultern. »So bald wie möglich. Je eher ich es hinter mir habe, desto besser...« Er stemmte sich entschieden vom Tisch hoch. Die Stuhlbeine kratzen laut über den alten Dielenboden. »Tut mir leid. Ich habe keinen sonderlich großen Hunger.«

oOo

Grüne Tinte färbte seine Finger ein. Die Kerzen waren schon fast heruntergebrannt. Im Kerker gab es nur wenige Lichtquellen.

Das große Butzenfenster hinter ihm verbreitete selbst am helllichten Tag nur wenig Licht.

Es war bereits spät in der Nacht. Severus hatte den ganzen Abend Aufsätze korrigiert bis ihm die Augen brannten und er die Kopfschmerzen nicht mehr ignorieren konnte, die ihm die Stupidität mancher Schüler bescherte.

Er korrigierte die Aufsätze seiner Schüler immer mit grüner Tinte. Schließlich war er ein Slytherin durch und durch, und das zeigte er mit Stolz auch in solch kleinen Details.

Der Notendurchschnitt fiel überraschenderweise besser aus im Vergleich zu den anderen Arbeiten, die er dieses Trimester aufgegeben und eingesammelt hatte. Vielleicht war die Klasse doch nicht so verloren, wie zunächst angenommen.

Viele Schüler versuchten, ihre Noten mit theoretischer Recherche zu verbessern.

Natürlich wusste Severus, wo sie ihre Quellen hernahmen.

Es war dieses vor Fehlern strotzende Buch, das er so gerne aus seinem Unterricht verbannen würde! Darin war nicht ein einziges Rezept, das so funktionierte wie es angepriesen wurde. Wenn das Zaubergamot die Lizenz nur freigeben würde! Dann würde er sofort eine verbesserte Auflage präsentieren. Eine Neuauflage, die nicht so fehlerhaft war und die vor allem mehr Rezepte anbot, die zumal auch leichter und an das Alter der Schüler angepasst war als das Buch, das stur falsche Rezepte verbreitet und keinen Blick über den Tellerrand anbot.

Auch wenn das Ministerium eine Neuauflage als Auftrag ausschreiben würde: welcher Verlag würde schon einem aktiven Todesser einen Vertrag zur Aktualisierung eines Schulbuches anbieten?

Seine Chancen standen gleich null.

Stattdessen war er dazu gezwungen, Schüler mit ungenügender Lektüre zu unterrichten. Bücher mit falschen Mengenangaben und unzureichenden Zutatenpreparationen. Explosionsgarantie inbegriffen.

Deswegen stützte er sich nie auf die Lehrbücher und unterrichtete stattdessen seine verbesserten, weniger explosionsgefährdeten Rezepte.

Somit konnte er die Träumer von denen aussortieren, die seinem Unterricht wirklich folgten: Die Träumer benutzten die Formeln, wie sie in den Büchern angegeben waren, und nicht jene, welche er in seinen Unterrichtsstunden verwendete. Wer aufpasste und ein wirkliches Interesse an dem Thema hatte, könnte den Unterschied auch leicht bemerken.

In diesem Jahrgang gab es jedoch niemanden, dem der Unterschied aufgefallen war.

Er hatte es schon oft bei Albus angesprochen. Die Lehrbücher waren veraltet und überholungsbedürftig. Severus konnte sich nicht erklären, wie jemand wie Libatius Borage überhaupt seinen Abschluss in Zaubertränke geschafft hatte. Bei dem lückenhaften Wissen und falschen Angaben, die er in seinem Buch festgehalten hatte, hätte sich der Zauberer schon während seiner Schulzeit in die Luft gejagt haben müssen.

Parallelen zu Gilderoy Lockhart waren nicht zu übersehen. Ob Borage jemals einen Zaubertrank nach seinen eigenen Angaben erfolgreich gebraut hatte, war sehr fraglich.

Severus konnte nicht oft genug betonen, dass seine Schüler aufpassen mussten.

Wer das nicht tat, lief sehr schnell Gefahr, sich selbst in die Luft zu jagen oder sich gravierende Verletzungen zuzuziehen. Besonders die Schüler im vierten und fünften Jahrgang - für die Zaubertränke noch ein Pflichtfach war, und Severus sich immer vor einer Klasse wiederfand, die - hormonvernebelt - absolut keine Lust verspürte, ihm zuzuhören.

Im sechsten und siebten Schuljahr war das anders. Hier trennte sich die Spreu vom Weizen, denn dann war das Fach abwählbar und es blieben nur noch diejenigen übrig, die sich wirklich für das Fach Zaubertränke interessierten.

Severus legte die Schreibfeder beiseite.

Die Aufsätze vom dritten Jahrgang waren dieses Mal nicht ganz so schlecht ausgefallen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er weniger Störenfriede in der Klasse hatte. Harry Potter und seine Freunde waren schließlich im vierten Jahrgang und konnten weder den Unterricht stören, noch Severus' Geduld strapazieren.

Beinahe zufrieden mit seinen Schülern legte er die Aufsätze zusammen und band einen grob gezwirbelten Faden darum.

Dann kontrollierte er ein letztes Mal die Ordnung auf seinem Schreibtisch, bevor er die Kerzen löschte. Geistig tastete er nach den Schutzzaubern, die sein Büro und sein Labor umgaben.

Es fühlte sich alles richtig an... wie jeden Abend.

Alle Aufsätze waren korrigiert und benotet. Die Stunden für die nächsten drei Tage waren ebenfalls vorbereitet. Er konnte also guten Gewissens Feierabend machen.

Der Weg zu seinem privaten Quartier war nicht weit.

Ganz im Gegenteil.

Als er auf Hogwarts seinen Posten angetreten hatte, meinte Albus schlichtweg, dass sich das Schloss schon um seine Bedürfnisse kümmern würde. Ob dieses Quartier schon vorher so existierte, konnte Severus gar nicht sagen.

Er hatte ja zuerst angenommen, der Schulleiter würde ihn in Professor Slughorns alte Räume einquartieren, aber dem war nicht so. Jede Lehrkraft bekäme ihr eigenes Quartier, das nur dieser Person zustünde nach Eigenschaften und Präferenzen, hatte Dumbledore ihm erklärt.

Wenn das Schloss nicht das Passwort zu den Räumen preisgab, würde niemand die Quartiere eines ehemaligen Lehrers beziehen können.

Das war selbst für Dumbledore überraschend gewesen, denn als Severus seinen Posten angetreten hatte, gab es offensichtlich kein Quartier für ihn, und er hatte schon befürchtet, dass das Schloss ihn aufgrund seiner Verbindung zu Voldemort abweisen wollte.

Doch die Auflösung kam genau so überraschend wie erstaunlich akkurat, wenn nicht im gleichen Maße verstörend: Sein Quartier befand sich direkt hinter seinem Büro, und genau hier wurde es sehr zuvorkommend für ihn. Es gab nur einen Eingang, der zum Labor führte. Eine Zwischentür im Labor führte zum Büro des Tränkemeisters, und von da ging es weiter zu den privaten Räumen, deren einziger Eingang durch das Büro führte. Es gab keinen Eingang zum Quartier durch den Flur im Kerkergewölbe. Wer ihn aufsuchen wollte, musste zuerst durch das Labor und das Büro.

Die wenigsten wussten davon, nicht einmal seine Kollegen ahnten, wo sich seine Räume befanden.

Manchmal hatte das einen Vorteil.

Dann musste er spät in der Nacht nicht noch durch den Kerker wandern, um sein Quartier aufzusuchen. Er hasste es inbrünstig, wenn ihn noch jemand abfangen wollte, obwohl er sich innerlich schon auf den lang ersehnten Feierabend eingestellt hatte.

Mit den Räumen direkt hinter Labor und Büro, bekam niemand mit, wie ermüdet er manchmal wirkte, wenn er endlich die Arbeit beendet hatte und sich einen heißen Feuerwhiskey gönnte. Er wollte sich seine Müdigkeit nicht einmal selbst eingestehen, geschweige denn von irgend jemandem darauf angesprochen zu werden.

Außerdem konnte er so den Eindruck erwecken, dass er nie schlief. Wer nie aus seinem Labor herauskommt, aber trotzdem irgendwie verschwindet - das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen. 'Die Fledermaus ist wieder ausgeflogen' wurde oft gemunkelt. Er war sich der Gerüchte durchaus bewusst, die sich die Schüler untereinander erzählten - auch wenn ihnen nicht ein Funken Wahrheit anhaftete. Er war kein Animagus! Und Vampire waren Muggelgespinste!

Als er die Tür zu seinem kleinen Salon hinter sich ins Schloss fallen ließ, schälte er sich zuerst aus seiner Jacke heraus und öffnete die ersten beiden Knöpfe seines Kragens. Er hatte direkt nach der letzten Unterrichtsstunde mit dem Korrigieren begonnen und bis jetzt durchgearbeitet.

Das Abendessen hatte er somit schlichtweg verpasst.

Mit dem Salon waren mehrere Räume verbunden: sein Schlafzimmer, ein sehr geräumiges Badezimmer mit großer Badewanne, einem kleinen Vorratsraum und einer Küche, von der er sicher war, dass sie bei seinem Einzug vor 13 Jahren noch nicht existiert hatte!

Manchmal wusste er nicht, ob es sein eigener Kopf war, der ihm einen Streich spielte, oder ob Hogwarts ein derartiges Eigenleben entwickelt hatte, dass es selbst die unnötigen Räume erst dann wieder auftauchen ließ, wenn sie wirklich benötigt wurden.

Erst als er mehrmals die Essenszeiten verpasst hatte und zur großen Küche von Hogwarts keinen Zugang fand, erschien der Raum auf einmal wie eine Selbstverständlichkeit, die schon immer da war und die man immer aus Gewohnheit oder Ignoranz übersehen hatte. Er hatte sich sogar einen kleinen Kühlschrank gekauft und betrieb ihn mit Magie. Mit der Küche fiel ihm auch die Last des Lebensmitteleinkaufs zu. Da er sehr selten von der Küche Gebrauch machte, reichte es ihm, wenn er das Nötigste auf Vorrat hatte.

Es landeten also der Rest vom Schinken und ein paar Eier in der Pfanne. Das Brot war zum Glück noch gut. Das Ergebnis sah nicht annähernd so schmackhaft aus, wie es die Hauselfen herrichten würden, aber es erfüllte seinen Zweck. Außerdem konnte man mit Schinken und Eiern nicht viel falsch machen.

Es war wie immer zu viel für ihn. Die Augen waren mal wieder hungriger gewesen als der Magen selbst. Die Hälfte blieb auf dem Teller liegen und landete somit wieder im Kühlschrank.

Mit dem Glas heißen Feuerwhiskeys ließ er sich in seinen Sessel vor dem Kamin sinken. Die Gelenke knackten wie die eines alten Mannes. Er massierte sich die Nasenwurzel zwischen seinen Augen. Auch wenn der Tag ihm alles an Geduld abverlangt hatte, war er zu stur und zu stolz, um sich seine Müdigkeit einzugestehen.

Blind griff er nach seinem Zauberstab und ließ mit einem Wink eine Phiole auf dem Beistelltisch erscheinen. Entgegen seinen eigenen Anweisungen träufelte er einige Tropfen der Flüssigkeit in seinen Whiskey, in der Hoffnung, die Wirkung würde schneller einsetzen. Schon fast rituell setzte er das Glas unter seine Nase und sog den unterschwellig medizinischen Duft ein. Eigentlich mochte er den Geruch nicht sonderlich, aber er war ein ständiger Begleiter in seinem Leben, so dass er damit ein beruhigendes Gefühl verband.

Erschöpft sank er tiefer in das Polster.

Was würde er nicht alles tun, nur um einen Moment alles - wirklich alles - zu vergessen und nur für einen Augenblick ein ausgelassenes Leben zu genießen. Vielleicht konnte er es heute sogar wagen, eine Nacht ohne den Trank für traumlosen Schlaf zu riskieren. Er wusste, dass der Trank irgend wann einmal nicht mehr wirken würde. Die Notwendigkeit war schon zur Routine mutiert worden. Jede Nacht auf Hogwarts war eine Tortur für ihn. Wirklich schlafen konnte er nur, wenn Remus neben ihm lag.

Im Nachhinein betrachtet, war ihm nicht klar, was für ihn belastender war: Seine Sucht nach Schmerzmitteln oder seine Sucht nach Geborgenheit in den Armen seines Mannes.

Sobald die Wirkung des Schmerzmittels einsetzte, würde er sich heute darüber keine Gedanken mehr machen müssen.

Draußen war das Wetter so plötzlich umgeschlagen, dass es wider Erwarten angefangen hatte zu schneien.

Die Kälte zog in die Kerkerwände ein, so dass Severus zwei Holzscheite nachlegen musste. Eigentlich sorgte ein Bannspruch für eine angemessene Wärme tief unter Hogwarts. Er hatte den Spruch selbst kreiert, weil die bereits vorhandenen Zaubersprüche nicht auf kalte und feuchte Kerkerwände eingestellt waren. Außerdem musste er für das Wohl seiner Schüler sorgen. Kranke Slytherins brachten schließlich keine Hauspunkte ein.

Den zusätzlichen Bannspruch brauchte er nur in den Wintermonaten. Mit einem so späten Wetterumschlag hatte selbst er nicht mehr gerechnet.

Neuerdings merkte er solche Wetterveränderungen in seinen Knochen, ganz besonders in seinem linken Knie. Ein Umstand, an den er sich noch gewöhnen musste. Als wäre die Erinnerung nicht genug. Nein, sein undankbarer Körper musste ihn bei jeder Gelegenheit an einen Vorfall erinnern, den er nur allzu gerne vergessen wollte.

Er setzte zum ersten Schluck mit der Mixtur an und hielt gleich wieder inne.

Etwas war falsch!

Ganz falsch!

Seit Dolores Umbridge auf Hogwarts eingetroffen war, fühlte er seine Paranoia in ungeahnte Höhen schießen. Dabei spielte es keine Rolle, wo er sich gerade befand.

Seine Paranoia trieb ihn sogar so weit, dass er die Schutzzauber um seine privaten Räume noch einmal verstärkte.

Er hoffte inständig, dass der Fluch, der auf ihrer Anstellung lag, seinem Ruf alle Ehre machte und Umbridge aus zufälligen, aber schwerwiegenden Gründen am Ende des Schuljahres aus Hogwarts entfernen würde.

Der einzige Lichtblick für dieses Schuljahr!

Aber das war es nicht, was ihn alarmierte.

Irgendjemand tastete sich an den Grenzen seines Schutzzaubers entlang!

Die Berührungen gegen den Zauber kitzelten die hintersten Ecken seines Bewusstseins. Genau das war es, was ihn so sehr beunruhigte. Es gab nur eine handvoll Zauberer, die wussten, dass er direkt neben seinem Büro und Labor lebte. Also wer vor dem Eingang zu seinem Labor und Büro herumlungerte und stümperhaft nach einer Lücke in seinem Schutzzauber suchte, wollte entweder in sein Büro einbrechen und Noten von Aufsätzen verfälschen oder etwas aus seinem Labor entwenden!

Schon war er aus seinem gemütlichen Sessel aufgesprungen. Mit dem Zauberstab einsatzbereit in seiner Hand.

Wer ihn - aus welchen Gründen auch immer - besuchen wollte, musste entweder direkt durch das Floonetzwerk reisen, oder die Verbindungstür aus seinem Büro nehmen.

Und die wenigsten hatten einen Grund, überhaupt in Erwägung zu ziehen, ihn zu besuchen.

Er verließ den Salon und verriegelte die Tür hinter sich. Die Tür zwischen Büro und Labor stand offen. Hatte er vergessen, sie zu schließen? Beim besten Willen konnte er sich nicht daran entsinnen.

In seinem Büro brauchte er kein Licht.

Der Lumos Zauber würde ihn verraten. Sein unverhoffter Besucher würde sich nicht in seinen Räumen auskennen. Den Vorteil musste Severus sich zunutze machen.

Im Labor hing ein Gemälde von Horatio Lapides, einem eher unwahrscheinlichen Slytherin, der zu seiner Lebzeit diese Räumlichkeiten erschaffen hatte und seit seinem Ableben als Gemälde an der Wand hing. Ein ähnliches Gemälde hing direkt vor dem Laboreingang und bewachte die Tür. Horatio huschte stets von einem Gemälde zum anderen, wenn draußen sich jemand ankündigte. Normalerweise hielt er sich in dem Gemälde vor Severus' Labor auf. Es gefiel ihm dort viel besser, so sagte er es jedenfalls immer. Auch hatte er dort mit Blick auf den Gang mehr Gesellschaft als im Labor selbst, denn Severus - so beschwerte Horatio sich immerwährend - war kein gesprächiger Geselle.

Draußen hingen weitere Gemälde mehr oder minder berühmter Slytherin, die sich gern miteinander unterhielten. Und wenn sich die Gemälde nichts mehr zu sagen hatten, dann machten sie sich einen Spaß daraus, vorbeigehende Schüler zu erschrecken.

Das Gemälde im Labor war wie zu erwarten nicht leer.

»Der Wuschelkopf schnüffelt vorne rum«, schimpfte das Horatio mit gerümpfter Nase.

»Welcher Wuschelkopf?« entgegnete Severus genervt.

»Der, der vorletztes Jahr den Posten zur Verteidigung gegen die dunklen Künste bezogen hatte und wieder raus geflogen ist.« Das Portrait kicherte.

'Remus?!' schoss es Severus durch den Kopf.

»Der macht übrigens einen ganz schönen Zirkus da draußen! Besser du lässt ihn herein und erledigst ihn hier, sonst kommt noch die rosa Kratzwolle herunter und verschlimmbessert die Situation auf ihre Weise.« Horatio kicherte wieder.

Severus riss die Tür auf und zog einen sehr überraschten Werwolf ins Labor hinein, bevor er die Tür wieder zuknallte.

»Zeig's ihm!« feuerte Horatio ihn arglistig an. »Hey! Lass ihn im Labor! Ich will das sehen! Wieso bugsierst du ihn in dein Büro? Severus! Du bist so ein Spielverderber!« Das Portrait schmollte und verließ seinen Rahmen, um sich wohl bei seinen Kollegen auf dem Gang über diesen unleidigen Tränkemeister zu beschweren.

Severus sagte nichts, bis sie in seinem Salon angekommen waren, Remus am Arm hinter sich herziehend.

Die Tür krachte hinter ihnen ins Schloss.

Severus zerrte Remus vor sich und packte ihn am Kragen.

»WAS machst du hier? Bist du von allen guten Geistern verlassen!« keifte er ihn an mit dem Zauberstab direkt vor Remus' Nase. »Jemand hätte dich sehen können!«

Vergessen waren die Kopfschmerzen und der Ärger, den ihm die Schüler bereitet hatten. Jetzt konzentrierte er seine ganze Wut auf seinen Mann.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, entgegnete Remus. Unbeeindruckt schob er den Zauberstab aus seinem Blickfeld, umrahmte Severus' Gesicht mit beiden Händen und küsste ihn sehnsüchtig, und doch viel zu kurz.

Severus schob Remus von sich weg. Die Augenbrauen verständnislos zusammengezogen.

»Wie bist du hier reingekommen?« fragte er ihn verdutzt. »Das Schloss ist hermetisch abgeriegelt!«

»Ich bitte dich, Severus! Mittlerweile solltest du wissen, dass ich das eine oder andere Geheimnis über Hogwarts' Eingänge weiß.« Gekonnt ignorierte er die schlechte Laune seines Mannes. Inspizierend wanderte er durch den Raum und berührte ein, zwei Buchrücken im Regal, ohne wirklich auf den Titel zu achten.

»Das erklärt trotzdem nicht, was du hier machst!« raunte Severus genervt zurück.

»Ich hatte Sehnsucht nach dir!« Remus lächelte eins seiner charmantesten Lächeln, die er nur dann einsetzte, wenn er etwas zu verbergen hatte. »Ist das so außergewöhnlich?«

Severus beäugte ihn misstrauisch. Im Hintergrund knackte das grüne Feuer im Kamin, wie es für gewöhnlich knirschte und fauchte, wenn jemand durch das Floonetzwerk hindurch kam. Mit einer hastigen Stabbewegung erlosch das grüne Feuer und somit auch die Verbindung nach außen. Er bekam zwar nur selten Besuch, meistens von Albus oder Minerva, aber er wollte nicht überrascht werden um diese Uhrzeit, nicht ein zweites Mal.

Es loderte lediglich nur noch eine normale wärmende Flamme im Kamin.

»Ist das alles, was du zu sagen hast?« fragte er schroff.

Remus seufzte. Er legte ihm die Arme um die Taille und zog ihn zu sich heran. »Ich wollte dich überraschen...«

»Na, das ist dir ja gelungen!« Seine Augenbrauen schossen skeptisch die Stirn empor. »Du hättest von Umbridge gesehen werden können...«

»Der rosa Drachen denkt vielleicht, dass sie gerissen ist, aber sie kennt sich bei weitem nicht so gut in Hogwarts aus und musste ihr Leben mit Sicherheit auch nicht auf der Schattenseite des Lebens verbringen. Ich weiß, wie ich ungesehen an anderen vorbeikommen kann, Severus. Du musst nur ein wenig Glauben an mich haben.« Er zog ihn in eine Umarmung, aus der er ihn nicht so leicht wieder gehen lassen würde. Seine Nase war tief in seinem Nacken und unter seinem Kragen vergraben. Einige tiefe Atemzüge später bemerkte er schließlich wie Severus hagere Gestalt sich in seinen Armen allmählich entspannte.

»Also wie läuft es mit der Kratzbürste auf Hogwarts wirklich?« hakte Remus nach und löste seine Nase von dem betörenden Geruch seines Nackens.

Ein abwertendes Schnauben und eine Plünderung der kleinen Küche später, saßen beide vor dem wärmenden Kamin.

Severus musste gar nicht nachfragen, ob Remus hungrig war. Sein Mann hatte immer Hunger. Im Grunde genommen hätte er bei seinem Appetit bestimmt an die hundert Kilogramm wiegen müssen. Stattdessen wirkte er drahtig und ausgehungert bis zu einem ungesunden Grad. Außenstehende könnten behaupten, dass er sich nicht genügend um seinen Mann kümmerte... das heißt, wenn er denn etwas auf die Meinung anderer gab.

Neben den Resten, die er zuvor nicht mehr vertilgen konnte, gab's für Remus ein paar Hashbrowns vom Vorabend, die der Werwolf regelrecht weg atmete.

Als er neben ihm im zweiten Sessel vor dem wärmenden Kamin saß und die Nase in sein Whiskyglas steckte, hatte Remus zwei Möglichkeiten: Entweder den Abend ausklingen lassen und ihn mit seinem Mann genießen, oder endlich die Themen anzusprechen, die ihm auf der Seele brannte.

Remus entschied sich zu seiner eigenen Unruhe für letzteres: »Wie ist also das Leben hier auf Hogwarts mit jemandem, der einen Posten bezieht, diesen aber nicht sinngemäß ausfüllt?« Da seine Frage doch recht kryptisch ausfiel, setzte er hinzu: »Ich hab gehört, dass sie den Schülern keine Verteidigung beibringt und der Unterricht nur noch auf Textbüchern basiert, die vom Ministerium zensiert und freigegeben wurden.«

Severus zog die Augenbrauen hoch. »Dafür, dass du hier nicht mehr unterrichtest, bist du ganz gut über die Situation aufgeklärt.«

Remus zuckte mit den Achseln. »Molly kann sehr gesprächig sein, wenn es um ihre Kinder geht. Da schnappt man die eine oder andere Beschwerde auf.«

»Es stimmt, dass das Ministerium versucht, Hogwarts zu unterwandern. Sie wollen mit aller Macht versuchen, die Schule unter ihr eigenes Regime zu bekommen. Und dabei merken die meisten nicht einmal, unter wessen Einfluss sie wirklich stehen...« Severus starrte nachdenklich auf den Boden seines Glases, bevor er sich den Rest der Flüssigkeit einverleibte. »Leute wie Dolores Umbridge haben in einer Bildungseinrichtung nichts zu suchen - und dabei spielt es keine Rolle, um welche Einrichtung es geht. Sie hat sich nun leider den Posten ausgesucht, der mit einem Fluch belegt ist...«

»Du glaubst doch nicht etwa daran?« fragte Remus verwundert.

»Wir sind hier auf Hogwarts, es würde mich nicht wundern, wenn Schüler verschwinden sollten, weil sie in der Bibliothek von einem verwunschenen Buch gefressen wurden. Was ist da schon ein verfluchter Lehramtsposten? Und bisweilen konnte niemand den Posten länger als ein Schuljahr behalten, und wenn er auch noch so gut war.« Er bedachte Remus mit einem Blick aus den Augenwinkeln.

Ein überraschtes Grinsen erblühte auf Remus' Lippen. »Du dachtest also, dass ich den Job gut gemacht habe?« schob er fragend hinterher.

Severus bedachte ihn mit einem stechenden Blick. »Brauchst du das etwa als Bestätigung? Vielleicht habe ich doch einen Fehler gemacht und mich in dir getäuscht. Ich hatte dich bisher als einen recht selbstständigen Menschen eingestuft, der keine ständige Bestätigung benötigt, um zufrieden mit sich selbst zu sein...« sagte er und schob die Augenbrauen skeptisch zusammen.

»Ich lege keinen Wert auf Bestätigung von anderen«, begann Remus langsam und erntete damit ein spöttisches Schnauben als Kommentar. »Aber deine Meinung ist mir wichtig.«

Severus wusste, dass er dies nicht unkommentiert lassen konnte.

»Du hast den Schülern einen besseren Dienst erwiesen als so mancher Lehrer für die Verteidigung gegen die dunklen Künste in den letzten fünfzehn Jahren. Ich befürchtete schon, dass der Schulleiter das Fach nicht mehr ernst nahm und wegen des Fluchs einfach jeden Stümper engagierte, mit dem er noch ein Hühnchen zu rupfen hatte.«

Er schenkte ihnen beiden nach. Der Abend würde wohl noch etwas länger dauern als erwartet. »Nur bei so manchen Zauberern hätte ich mir gewünscht, dass Albus sich eine zweite Meinung eingeholt hätte.«

»Du meinst, dass du ihn davon abgeraten hättest, einen Werwolf zu engagieren«, gab Remus missmutig von sich.

Severus seufzte und die Sekunden gingen ins Land, ohne dass er seine Gedanken preiszugeben dachte.

»Ich bin froh, dass er sich keine zweite Meinung darüber eingeholt, und mich aufgesucht hat, um mir den Posten anzubieten«, setzte Remus fort.

»Albus ist sehr wohl in der Lage, zu eruieren, welcher Lehrer gut oder schlecht für einen Posten wäre, und er sucht sich denjenigen nicht nur aus, weil er der Meinung ist, dass dieser Zauberer perfekt für die Schüler wäre... Würdest du behaupten, ich wäre der ideale Lehrer, nur weil ich mein Fach beherrsche wie nur wenige andere? Albus weiß genau, wen er sich nach Hogwarts holt, und die pädagogischen Fähigkeiten stehen bei ihm nie an erster Stelle. Der Posten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste ist für ihn die ideale Stelle, um seine eigenen Motive zu verfolgen.« Severus starrte ins Feuer. Das leere Glas hing von seinen Fingerspitzen gehalten und schwang leicht hin und her. Er wirkte rastlos und abgeschlagen. So würde er sich in der Großen Halle oder vor seinen Kollegen nie gehen lassen.

»Ich dachte, du hättest dich auf den Posten beworben?« hakte Remus nach.

Severus stand auf und brachte sein Glas weg. Eine Antwort blieb er ihm schuldig.

»Severus?« Remus sah ihm nach.

Er stand in der Tür zur Küche als er antwortete: »Albus hält mich hier auf Hogwarts, damit ich ihm zur Verfügung stehe, wann immer es ihm beliebt. Ich kann mir weitaus bessere Jobs vorstellen, als kleinen Dummköpfen falsche Formeln in den Kopf zu zwängen. Außerdem würde das Ministerium keinen Moment zögern mich einzusacken, wenn ich diese Stelle verlassen sollte.«

»Glaubst du, dass Dumbledore dich so schnell fallen lassen würde?« fragte Remus unsicher.

»Das wird er nicht tun, auch wenn er es wollte. Ich weiß zu viel, und ich wäre für den Dunklen Lord nicht von Nutzen, wenn ich meine Stellung hier verlieren oder verlassen würde. Es ist im Grunde genommen egal, wie ich es drehe oder wende: Wenn ich bleibe, werde ich sterben. Wenn ich gehe, sterbe ich auch.«

»Ist das nicht ein bisschen sehr pessimistisch? Selbst für dich?« Remus war aufgestanden und auf ihn zugegangen.

Wenn Remus nur wüsste, wie dünn das Eis war, und Severus kurz davor war, ihm alles zu sagen. Doch dann schloss er für einen kurzen Moment die Augen, atmete ruhig ein und vergrub seine Zweifel gleich wieder. Sein Schweigen war schon Antwort genug.

»Severus, wo siehst du dich in zehn Jahren?« fragte Remus aus heiterem Himmel. Er versperrte ihm den Weg aus der Küche und legte ihm die Hände auf die Schultern.

Langsam fuhren seine Hände an seinen Armen herunter. Normalerweise befiel Severus in solchen Situationen ein Gefühl von Befangenheit und Unwohlsein. Old Habits die hard, sagte man doch so schön, und im Moment versuchte Severus den Drang zur Flucht zu unterdrücken. Hinter ihm war nur ein in sich geschlossener Raum und Remus versperrte ihm den Weg nach vorn. Normalerweise würde er die Situation mit einem harschen Kommentar abwehren und die Sekunden der Ratlosigkeit seines Gegenübers zur Flucht ausnutzen. Aber Remus hatte ein unheimlich gutes Gespür dafür, hinter die Maske der Gleichgültigkeit zu blicken und ihn heraus zu locken. Heute war einer dieser Tage, an denen er sich wünschte, dass Remus weniger Beharrlichkeit an den Tag legte.

»Schon gut«, sagte Remus schließlich. »Ich weiß doch, dass du darauf nicht antworten kannst oder willst...« Sein Lächeln und die Wärme in seinen Augen war entwaffnend, dass Severus nicht darauf zu reagieren wusste.

»Ich habe dir gesagt, dass du dir am besten für uns beide Hoffnung machen solltest. Ich weiß zu viel von beiden Seiten, um überhaupt Hoffnung zu hegen, aus meiner Situation lebend herauszukommen.«

»Und ich habe dir versprochen, dass ich uns beiden so viel Hoffnung schenken werde, dass ich gar nicht anders kann, als zu glauben, dass wir beide den Krieg überstehen werden!« sagte Remus mit diesem verdammten Lächeln, das selbst die dunkelsten Gedanken in Severus' Geist verscheuchen konnte. »Aber es gibt einen anderen Grund, warum ich dich das frage.«

Da wurde Severus aufmerksam.

»Was weißt du über die Lebenserwartung von Werwölfen, Severus? Und ich meine nicht die Informationen, die du dir für den Wolfsbanntrank zusammengesammelt hast. Ich meine generell... Wie alt werden Werwölfe?« fragte Remus nun sehr spezifisch.

»Ich bin mir nicht sicher, ob die schlecht fundierte Literatur über Lykanthropie das Thema Lebenserwartung abdeckt«, gab Severus wahrheitsgemäß zu.

Remus rückte von ihm ab. Er lehnte sich gegen den Tisch, der übersät war mit Brauutensilien und Pergamentrollen. Sein Körper wirkte in sich zusammengesackt, als lägen die Sorgen der Welt auf seinen Schultern.

»Ich habe zwischen meiner Zeit auf Hogwarts als Schüler und als Lehrer mehrfach versucht, mich einem Rudel anzuschließen.« Er suchte nach den richtigen Worten. »Werwölfe sind nicht von Natur aus misstrauisch, aber die Gesellschaft, in der wir leben, zwingt uns dazu, jeden mit Misstrauen zu begegnen. Werwölfe müssen noch nicht einmal Zauberer sein. Der Umstand macht keinen Unterschied zwischen Zauberer und Muggel. Wer gebissen wurde, ist infiziert.«

Remus hielt kurz inne. Er strich sich mit einer Hand über das Gesicht als müsste er mit der bloßen Bewegung seine Mimik wieder zurechtrücken. »Aber darauf will ich nicht hinaus. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, zwei Rudel zu finden in der Zeit, und in beiden Gruppen gab es keinen Werwolf, der viel älter als 50 Jahre alt war. Im zweiten Rudel war der Älteste 53 Jahre alt, Severus, und das war kein Zufall. Die Umstände der monatlichen Transformation, die Schmerzen, der Stress - das alles lässt einen Infizierten schneller altern, unabhängig davon, ob er ein Zauberer oder ein Muggel ist.«

»Also willst du mir sagen, dass du nicht viel älter werden wirst, solltest du den bevorstehenden Krieg überleben. Habe ich das richtig aufgefasst?« hakte Severus vorsichtig nach.

»Auch wenn ich mir für uns zwei genügend Hoffnung mache, werden wir es nicht lange genießen können, Severus.« Angst schwang in Remus' Flüstern mit.

»Das weißt du nicht!« Severus raufte sich die Haare und marschierte forsch an ihm vorbei zum Kamin. Er legte die Hand auf den Sims und ballte diese schließlich zur Faust.

»Überleg doch mal! Hast du jemals einen Werwolf gesehen, der so alt geworden ist wie Albus? Oder Minerva?« fragte Remus - nun von sich selbst überzeugt und mit fester Stimme. »Ich habe meine ersten grauen Haare bekommen, da war ich noch im siebten Jahr, Severus!«

»Und was soll das bedeuten?« fragte Severus, die Augen starr auf die Flammen gerichtet.

»Werwölfe altern schneller als normale Menschen. Das kannst du nicht von der Hand weisen«, schloss Remus seine magere Beweisführung ab.

»Du kannst doch nicht von dir auf andere schließen, Remus! Dann hast du eben schon früh ein paar graue Haare bekommen, na und! Das ist kein empirisches Forschungsresultat!« Severus riss den Kopf in Remus' Richtung und schlug mit der Faust gegen den Kaminsims.

»Nein«, begann Remus leise. »Das ist es nicht.« Er ging auf Severus zu und blieb vor ihm stehen, unfähig, ihn zu berühren. »Aber es ist auch kein Anzeichen, das ich ignorieren kann.«

»Was ist, wenn die Älteren nur bei Rangkämpfen gestorben sind bei Vollmond? Weißt du das? Hast du die Rudelmitglieder befragt als du bei ihnen warst?«

Erstaunt wich Remus seinen Blicken aus. »Nein, natürlich nicht.«

»Wie kommst du dann auf die schwachsinnige Idee, dass du als Werwolf nicht genau so lange leben könntest wie jeder andere Zauberer auch? Du bekommst seit geraumer Zeit Wolfsbanntrank. Du bist gut versorgt mit anderen Mitteln, die dir die Transformation erleichtern. Hast du vielleicht auch einmal daran gedacht, dass sie nur deswegen nicht so alt werden, weil die Transformation für sie irgend wann einmal zu schmerzhaft und zu anstrengend wird, dass sie diese ohne Hilfsmittel einfach nicht mehr überleben können?« Severus atmete angestrengt als er die letzten Worte durch zusammengebissenen Zähnen aus sich herausdrückte.

»Das verzögert vielleicht nur den Prozess, aber nicht das Endergebnis«, entgegnete Remus leise.

Severus packte ihn bei den Schultern als wollte er ihn kräftig durchschütteln, tat dies aber wider Erwarten nicht. Stattdessen seufzte er schwer. Als er wieder sprach, wirkte seine Stimme gefasster und ruhiger: »Du hast vielleicht dein bisheriges Leben mit den wenigsten Mitteln auskommen müssen, aber du hast jetzt mich, und ich habe dir versprochen, dass ich dich versorgen werde, und wenn ich es mal nicht kann, dann wird Dr. Dørkensson dich beliefern. Du hast doch noch seine Karte?«

Remus nickte.

Severus konnte den traurigen Anblick nicht länger ertragen. Also nahm er ihn schließlich in den Arm und spürte erst da, dass sein Mann am ganzen Körper zitterte.

»Severus, ich will nicht von anderen versorgt werden...«, sagte er schließlich. »Ich will den Trank von DIR bekommen und von niemandem sonst!«

»Wenn das mal so einfach wäre...« seufzte Severus und vergrub seine Nase in Remus' Nacken.

»Ich weiß, dass ich dir das Versprechen nicht abnehmen kann, aber versprich zumindest bitte eins...« Remus' Stimme hörte sich belegt an als er in Severus' Hemd hinein sprach.

»Und das wäre?« fragte er und hob leicht den Kopf.

»Versuch' zumindest zu überleben« murmelte Remus.

Severus wollte lachen, wenn ihm nicht so schwer ums Herz wäre. »Remus, ich...«

»Hör auf, so verdammt ehrlich zu sein, und versprich mir wenigstens das, Severus! Ich will mit dir alt werden! Auch wenn das nicht lange währen wird«, empörte Remus sich.

»Also gut...«, gab Severus sich geschlagen. »Ich verspreche es.« Er fragte sich, ob er genügend Überzeugung in seine Stimme hinein gelegt hatte, denn seine eigenen Zweifel konnte er nun einmal nicht ausschalten. Er wusste, dass es nicht so enden würde, wie beide es sich erhofften. Aber er brachte es auch nicht übers Herz, seinem Mann eben selbiges zu brechen.

»Möchtest du mir jetzt sagen, weswegen du hier bist? Du besuchst mich doch nicht einfach so ohne Grund.«

»Gewissenhaft wie immer«, kommentierte Remus und schob sich eine Armeslänge von Severus weg. Der Schatten eines Lächelns huschte über seine Lippen.

»Der Spion in mir schläft nie«, kommentierte Severus mit einem hochgezogenen Mundwinkel. »Und du lenkst vom Thema ab, Remus. Also sag schon - was führt dich her?«

Die Freude war aus Remus' Gesicht geflohen. Er setzte sich wieder in den Sessel vor dem Kamin und wartete darauf, dass sein Mann es ihm gleichtat.

»Dumbledore hat uns im Grimmauldplace besucht«, begann er, sichtlich nach Worten ringend.

»Ich nehme an, dass er nicht vorbei kam, um mit euch Tee zu trinken?« Es war mehr eine rhetorische Frage.

»Nein«, fuhr Remus zögernd fort. »Er hat mir einen Auftrag erteilt.« Er holte den Zettel hervor, den er von Dumbledore erhalten hatte, auf dem sich die Karte unter einem Bannspruch versteckte. »Alistor hat eine Werwolfkolonie entdeckt, die sich anscheinend rasant vergrößern soll. Ich soll herausfinden, was es damit auf sich hat. Mehr nicht...« Er drehte das Stück Papier zwischen seinen Fingern hin und her. »Es kann ein Zufall sein... oder sie nehmen an der Zahl zu, weil sie in der Umgebung ihr Unwesen treiben.«

»Wie lautet dein Auftrag?« fragte Severus mit ernster Stimme.

»Ich soll nur herausfinden, ob sie sich dort zusammenrotten, weil sie untereinander die Information verbreiten, wo es einen sicheren Ort für Ihresgleichen gibt, oder ob sie sich mobilisieren.«

Stille legte sich zwischen sie. Das Feuer knackte und zischte unbeirrt vor sich hin, während im Hintergrund das Ticken einer Uhr zu hören war.

»Wann sollst du aufbrechen?« fragte Severus und stützte sich mit gefalteten Händen auf den Armlehnen ab.

»Noch vor dem nächsten Vollmond«, antwortete Remus bedrückt. »Dumbledore erhofft sich dadurch wohl eine spezielle Antwort.«

»Wo soll ich den...«

»Dumbledore will vermutlich, dass ich die Transformation ohne Wolfsbanntrank durchlebe«, unterbrach Remus ihn.

»Aber woher sollst du dann Information sammeln, wenn du dich an nichts erinnern kannst?« warf Severus verärgert ein.

»Er hat es so nicht ausgedrückt. Vielleicht soll ich dadurch nicht zahm und angepasst wirken, damit die anderen Werwölfe mich nicht für einen Spion halten? Die wenigsten unter uns haben ein Geschick fürs Zaubertränke brauen, und weil es auch Muggel betrifft, kann es dazu kommen, dass sie gar nicht auf den Wolfsbanntrank reagieren wie es ursprünglich gedacht ist. Du weißt, dass Zaubertränke auf Muggel anders wirken wie auf Zauberer. Ich habe ein wenig recherchiert. Der Hauptbestandteil vom Trank ist Eisenhut, auch altertümlich Wolfsbann genannt - das lila Zeug, das bei uns im Garten sprießt... Es wirkt tödlich auf Muggel, schon in der kleinsten Menge.«

»Nicht nur auf Muggel«, unterbrach Severus ihn und erntete somit einen verwirrten und sprachlosen Blick. »Du hast mich noch nie Wolfsbann brauen sehen. Ich muss gestehen, dass ich auf sehr viel muggelartige Technik zugreifen muss, wenn ich mit solchen Tränken hantiere. Den Trank kann ich nur brauen, wenn ich Schutzkleidung trage und Gummihandschuhe. Außerdem trage ich eine Atemmaske, um den Blütenstaub nicht einzuatmen. Das kann wirklich übel enden.«

»Ich hatte ja keine Ahnung! Ist dir jemals etwas passiert?« fragte Remus sichtlich schockiert.

»In den ersten Wochen, die ich damit verbracht habe, den Trank zu brauen, habe ich kaum atmen können. Poppy wollte mich direkt ins St. Mungos einweisen, was ich gerade so noch verhindern konnte«, erinnerte Severus sich und hatte gleich wieder ein kratziges Gefühl in der Kehle, von dem er wusste, dass es nicht echt wahr.

»Wie lange soll die Mission dauern?« fragte er schließlich, um von seinem eigenen Unwohlsein abzulenken.

»Bis ich mir sicher sein kann, was da vor sich geht. Aber er will nicht, dass ich mich bei ihnen einschleuse als einer von ihnen.« Schließlich sah er seinen Mann ratlos an. »Severus, ich war mindestens schon zehn Jahre nicht mehr unter anderen Werwölfen. Ich wüsste gar nicht, wie ich auf sie reagieren sollte, wenn sie mich entdecken oder gar gefangen nehmen sollten.«

»Du musst trainieren, Remus«, wandte Severus ein.

»Was?« fragte Remus irritiert.

»Du bist eindeutig außer Form, Remus! Und du musst auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Für deine neue Mission ist das jetzt zu spät. Aber wenn du zurück kommst, musst du unbedingt anfangen zu trainieren«, fuhr Severus unbeirrt fort. »Nicht nur deine magischen Fähigkeiten - und ich sage das nicht, weil ich der Meinung bin, dass du nichts kannst, sondern weil du - genau wie der Rest des Ordens - deine Kondition schleifen lässt. Der Dunkle Lord gibt alles darauf, dass seine Anhänger trainieren, ob es nun zum Spaß ist, andere zu foltern, oder ob er sie gegeneinander antreten lässt und die Sieger mit fadenscheinigen Belohnungen hoch lobt. Wenn Dumbledore sich darum nicht kümmert, müssen wir das eben tun. Es sei denn, du möchtest im Kampf sterben...«

»Ist das nicht eigentlich meine Rede?« fragte Remus verlegen.

»Selbst Dumbledores goldenes Kind hat es geschafft, seine Mitschüler zu außerschulischem Training zu motivieren. Dann wirst du das wohl auch schaffen. Nimm dir Sirius vor. Seine Leistungsfähigkeit dürfte in Askaban reichlich brach gelegen haben.«

»Moment mal!« widersprach Remus. »Wie meinst du das, Harry hat seine Mitschüler zum Training motiviert?!«

Severus holte tief Luft. »Umbridge bringt den Schülern keine praxisorientierte Verteidigung bei. Sie unterrichtet aus Büchern mit halbgarem Wissen über potentielle Gefahren, die aber auch nur vom Ministerium bestätigt wurden. Was das Ministerium für Humbug hält, wird auch nicht unterrichtet. Mit anderen Worten, die Schüler lernen darin nicht, sich zu verteidigen. Wer die Bücher oder das Ministerium im Unterricht anzweifelt, wird bestraft.«

»Und wo ist der Unterschied zu deinem Unterricht?« Remus versuchte zu lachen, doch bei Severus' scharfem Blick blieb ihm das Lachen im Hals stecken.

»Schau dir bei der nächsten Gelegenheit Harrys linken Handrücken an.« Severus stand auf und ging zu einem Apothekerschrank im hinteren Teil des Salons. Die Schublade schabte trocken über den Holzrahmen, als er sie herauszog. »Ich habe sie konfisziert als es einen Tumult gab. Sie hat mehrere davon, deswegen vermisst sie diese hier nicht.«

Er überreichte Remus ein schwarzes Kästchen mit einem verglasten Deckel. Darin lag eine recht unscheinbar wirkende Feder auf blauem Samt eingefasst.

»Du wirst mir jetzt vermutlich sagen, dass diese Feder keine einfache Schreibfeder ist und auch keine selbstschreibende Feder. Also was ist der Unterschied?« fragte Remus und war so geistesgegenwärtig und öffnete die Schachtel nicht.

»Es ist eine schneidende Schreibfeder«, erklärte Severus schlicht.

Beinahe hätte er die Schachtel vor Entsetzen fallen gelassen. »Aber das ist doch verboten! Das ist schwarze Magie!« rief Remus erschüttert aus.

Severus nahm das Objekt wieder an sich. »Und deswegen habe ich sie in der Schachtel versiegelt. Wer weiß, welchen Zauber sie darauf noch gelegt hat.«

»Hat sie das an den Schülern angewendet?« fragte Remus immer noch schockiert.

»Ich habe die Feder nach einem Massennachsitzen aufgelesen.«

»Weiß Dumbledore davon?«

Severus schnaufte verächtlich. »Albus lässt ihr freie Hand, um ihr so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Die Schüler haben sie nicht angezeigt bei ihren Hauslehrern. Albus wartet wohl darauf, dass er ihr mit ihren Verbrechen den Boden unter den Füßen wegziehen kann... auf Kosten der Schüler.«

»Wenn man dir so zuhört, könnte man meinen, dir läge etwas am Wohl der Schüler«, bemerkte Remus beinahe schnippisch.

»Ist dem so, ja?« fragte Severus mit hochgezogener Augenbraue. Behutsam legte er die Schachtel wieder in die Schublade, die sich daraufhin von selbst wieder schloss, und wenn Remus es nicht besser wüsste, könnte er schwören, dass sich soeben ein nahezu unsichtbarer Schutzzauber darüber wieder geschlossen hätte.

»Du rangierst nicht gerade auf der Beliebtheitsskala der Schüler«, bemerkte Remus verschmitzt.

»Ich mag nicht beliebt sein bei den Schülern, und ich bin nicht nett zu ihnen. Das muss ich auch gar nicht sein. Ich bin nicht ihr Freund. Ich muss mich ihnen nicht anbiedern. Sie sollen etwas lernen und ich stelle sicher, dass sie sich nicht in meinem Unterricht mit den falschen Zutaten umbringen. Und wenn sie nicht aufpassen oder im Unterricht stören, verteile ich mit Freuden Strafarbeiten, aber ich foltere keinen Schüler«, verteidigte Severus sich ein wenig zu vehement. »Was? Warum grinst du mich so an?«

»Du bist ein wenig zu leidenschaftlich für die Behauptung, dass du es hasst, Lehrer zu sein«, bemerkte Remus immer noch grinsend.

»Mein lieber Mr. Snape, Sie müssten Ihr Gehör überprüfen lassen. Ich habe nicht behauptet, dass ich ungern Lehrer bin. Ich habe lediglich gesagt, dass Dumbledore Leute einstellt, die nicht unbedingt dem pädagogischen Ideal eines Lehrers entsprechen und ich hier einen anderen Zweck erfülle, als den offensichtlichen eines Hausoberhauptes und Professors...«

Remus starrte ihn immer noch mit glänzenden Augen an.

»Was?!« fragte Severus leicht gereizt.

»Ich mag es, wenn du mich so nennst«, gab Remus verstohlen zu.

Severus verdrehte die Augen. »Du bist unverbesserlicher Narr!« neckte er ihn.

»Um mal darauf zurück zu kommen: Woher weißt du das alles mit Harry? Du sagtest, dass keiner die Vorfälle mit Umbridge gemeldet hätte. Und mit Verlaub: Du bist nicht gerade die Anlaufstelle Nummer eins für Harry, wenn's um solche Angelegenheiten geht« hakte Remus nach.

»Der Junge ist ein offenes Buch und legt keinen Willen an den Tag, seinen Geist zu verschließen«, erklärte Severus kryptisch, und trotzdem fiel der Groschen.

»Hast du es Albus gesagt?« fragte Remus erneut.

»Das mit der geheimen Trainingsgruppe? Nein. Aber du könntest dir ein Beispiel an ihm nehmen. Versprich mir, dass du selbst anfangen wirst zu trainieren, sobald du wieder zurück bist! Es ist wichtig!« redete Severus vehement auf ihn ein. »Gegen einen trainierten Todesser hast du sonst keine Chance, genau so wenig wie der Orden und seine Unterstützer. Die Todesser verlassen sich nur auf ihre Magie. Wenn sich jemand von uns mit den Verteidigungstechniken der Muggel beschäftigen würde, hätten wir einen Vorteil.«

»Meinst du etwa Waffen?« fragte Remus schockiert.

»Nein, Dummkopf!« Severus stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Dann ging er zur nächsten Anrichte und durchstöberte den Stapel von Zeitungen, die dort aufgetürmt waren. Hauptsächlich der Daily Prophet und teilweise sehr alte Ausgaben. Was er suchte, war dort anscheinend nicht zu finden, also ging er zum nächsten Stapel über und schob die Schriftrollen und Notizzettel zielstrebig beiseite. »Muggel haben viele Verteidigungstechniken«, fuhr er schließlich fort. »Sie sind sehr alt und kommen komplett ohne Waffen aus oder verwenden einfache Waffen wie einen langen Stock oder ein Schwert. Wir wären dumm, wenn wir uns diese Techniken nicht zu eigen machen würden.«

Er warf Remus ein Magazin in den Schoß, das er unter dem Berg von Schriftrollen auf der Anrichte herausgezogen hatte. Auf dem Titelblatt posierte ein Mann mit entblößtem und sehr muskulösem Oberkörper, dass es Remus die Schamesröte in die Wangen schoss. 'Martial Arts - illustrated' war ganz oben als Titel zu lesen.

»Braucht man dafür nicht jahrelange Übung?« schob Remus schnell als Einwand hinterher, um seine Verlegenheit herunterzuspielen.

»Ich könnte jemanden engagieren, der keine Fragen stellt«, ignorierte Severus den Einwand schlichtweg.

Auf einmal beugte er sich über Remus' Rückenlehne hinab. »Hast du dich etwa ein wenig verguckt?« fragte er schelmisch und war sich darüber bewusst, dass Remus diese plötzliche Nähe nervös machte.

»Gar nicht!« rief Remus ein wenig zu betont aus und warf das Magazin auf den Beistelltisch neben dem Sessel als wären die Seiten mit Gift versetzt.

Severus nahm das Magazin, legte es Remus erneut in den Schoß und blätterte eine bestimmte Seite auf, die er mit einem Eselsohr markiert hatte. Es zeigte eine Sparte mit Kleinanzeigen, die hier und da mit einem grünen Stift umkringelt waren.

»Das sind Adressen von Leuten, die Privatunterricht geben.«

»Und wie willst du die bezahlen? Die werden doch wohl kaum Galeonen annehmen...?!« warf Remus skeptisch ein.

»In beiden Welten aufgewachsen zu sein, kann auch Vorteile haben. Also mach dir über die Bezahlung mal keine Gedanken.« Er zog seinen Mann aus dem Sessel empor und schlang seine Arme um dessen Taille, dass sich ihre Hüften aneinander pressten. Das Magazin glitt unbeachtet herunter. »Sorge du einfach nur dafür, dass Black mitmacht, sonst sehe ich schwarz für den Orden.« Severus nestelte mit der Nasenspitze in Remus Haaren und benetzte die lange Linie des vernarbten Nackens mit Schmetterlingsküssen.

Niemand würde Remus glauben, wenn er jemandem sagen würde, wie zärtlich Severus manchmal sein konnte.

Er fragte erst gar nicht, ob das Wortspiel beabsichtigt war. Seine Gedanken flohen in eine ganz andere Richtung.

Severus neigte den Kopf, so dass sie Wange an Wange standen, und Remus hätte ihn nur zu gerne geküsst, wenn ihn nicht etwas bedrücken würde.

Sein Zögern ließ Severus misstrauisch zurückweichen. Mit zusammengeschobenen Augenbrauen betrachtete er seinen Mann eingehender.

»Also gut... spuck's aus«, begann er schließlich, und er hörte sich alles andere als verärgert an - mehr betroffen, als erwartete er einen Schlag ins Gesicht. »Warum bist du wirklich hier, Remus?«

Der Werwolf löste sich aus der vertrauten Umarmung und brachte eine Armeslänge Abstand zwischen sie beide. »Dumbledore hat mir nicht nur meine Mission erteilt, sondern auch mit mir gesprochen... über uns... und unsere Beziehung«, stolperte die Wahrheit über Remus' Lippen und er hatte das befremdliche Gefühl, jemand steuere seine Bewegungen wie ein Marionettenspieler - nur dass es keine Fäden gab, an denen er hing.

Severus verdrehte die Augen und fuhr sich mit der Hand durch das leicht ölige Haar, das immer so wirkte, wenn er den Tag über mit dem Kopf über dampfenden Kessel gehangen hatte.

»Und ich glaube, dass er auch mit dir gesprochen hat, oder nicht?« fragte Remus ihn unsicher.

Severus lief einen Augenblick lang auf und ab, angespannt und beinahe wütend.

»Dumbledore kam noch in dem Moment auf mich zu als ich den ersten Fuß auf Hogwartsgrund gesetzt hatte.« Ein verächtliches Schnauben folgte.

Remus kannte ihn. Dieser Gesichtsausdruck bedeutete eine Welle von Schimpfwörtern, die über seine Lippen schwappen wollten. Doch die Schimpftirade blieb aus.

»Severus, ich weiß, dass du mir nicht alles erzählst. Du hast ja selbst gesagt, dass wir uns aussprechen werden, wenn der Krieg vorbei sein wird.« Er fuhr sich nervös mit der Hand durch die blonden Locken. Die grauen Strähnen zogen sich wie Spinnennetze durch sein Haar. »Bitte sag mir nicht, dass du dich von seinen Worten beeinflussen lässt.«

Panik mischte sich in Remus' Stimme und er konnte nichts dagegen unternehmen. Und dass sein Mann nichts erwiderte, stattdessen nur seufzte, torpedierte das ungute Gefühl in einen Strudel panischer Zukunftssorgen, was er ohne seinen Mann machen würde... vermengt mit den schlechten Erfahrungen, die er mit der magischen Gesellschaft gemacht hatte, wenn einer von ihnen erkannte, was er war.

»Severus, ich möchte dir sagen, dass du in den wenigen Monaten, die wir nun zusammen sind, zu meiner einzigen sicheren Konstante geworden bist und ich dich nicht verlieren möchte. Ich hasse das Gefühl von Abhängigkeit, das weißt du. Ich würde eher meine rechte Hand abhacken, als andere mit meinen Problemen zu belasten und ihnen meine Bürde auch noch aufzusetzen. Aber bei dir weiß ich, dass ich komplett bin. Du gibst mir das Gefühl von Sicherheit, die ich seit dem Tod meiner Eltern nicht mehr verspürt hatte. Bei dir kann ich mich so geben, wie ich wirklich bin, ohne dass du mir ein Gefühl vermittelst, eine Kreatur von minderem Wert zu sein.« Die Panik ließ seine Stimme mit jeder gesprochenen Silbe höher klettern. Nervös riss er sich die Fingernägel ab. Seine Hände konnten nicht mehr still bleiben.

Severus blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihm um. »Der alte Zauberer denkt, er könne über mein Leben verfügen, wie es ihm gerade beliebt.« Geräuschvoll sog er die Luft ein. Sein Brustkorb weitete sich unter dem eng geschnittenen Hemd. Sein Rücken war ein kleines Stück gerader gerichtet als sonst und ließ ihn wenige Zentimeter größer werden.

»Ich habe dem alten Mann einen Schwur geleistet und ich verdanke ihm meine Freiheit. Allerdings glaubt er, dass er mit meinem Leben spielen kann, so lange es seinem Zweck dient.« Sein Blick fiel auf die eigenen Hände, die er vor sich hielt, als würde er sie zum ersten Mal erblicken. »Natürlich geht der Alte davon aus, dass das selbst auferlegte Zölibat, das er seit geraumer Zeit lebt, auch für andere gelten muss. Ich habe ihm mein Leben zu verdanken, Remus. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es in Askaban ist. Ich weiß nur vom Hörensagen, wie lange ich darin eingesperrt war. In meinem Geist hat es sich angefühlt wie eine Ewigkeit.«

»Du warst in Askaban?« fragte Remus entsetzt. »Ich dachte, Albus hätte dich davor bewahrt!«

Ein Knurren bahnte sich durch Severus' Kehle. »Damit rühmt er sich gerne. Dem war aber nicht so. Das Zaubergamot hat damals sehr kurzen Prozess mit den gefassten Todessern gemacht. Wir waren lediglich nur zur Schau vorgeführt und direkt nach Askaban verfrachtet worden, oder hast du gehört, dass man Leuten wie Bellatrix Lestrange einen anständigen Prozess gemacht hätte? Ich war nur einer von ihnen, also verdiente ich keinen Prozess. So jung wie ich war, traute man mir keine wichtige Rolle unter den Todessern zu, also hatte ich auch keine wichtigen Informationen zu liefern. Sie holten mich lediglich aus meiner Verwahrungszelle, um mir meine Strafe vorzulesen und meine Insassennummer einzutätowieren.«

Remus war auf ihn zu getreten und ergriff eine seiner Hände, sprachlos, mit unsagbar traurigem Blick. »Möchtest du darüber reden?« fragte er leise.

Doch Severus schüttelte nur den Kopf. »Nein«, begann er. »Lass uns nicht in der Vergangenheit herumstochern. Was geschehen ist, ist geschehen. Es ist nicht mehr änderbar. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit dem 'hier und jetzt' widmen. Ja, Albus will, dass wir uns trennen und hat mich an meinen Schwur erinnert.«

»Das ist doch Erpressung!« brüskierte Remus sich.

»Und das überrascht dich?« fragte Severus zynisch. »Albus verlässt sich auf seine manipulativen Fähigkeiten. Du siehst doch wie sie ihm alle folgen und seine dunkle Seite nicht erkennen wollen. Also, womit wollte er dich manipulieren?«

Zum hundertsten Mal an diesem Abend fuhr Remus sich durch die lockigen Haare. »Er will, dass wir uns trennen«, antwortete er knapp. »Ich würde den Kampf des Ordens gefährden mit meinem rücksichtslosen Handeln. Und was wäre schon ein einzelnes Schicksal gegen das Wohl aller? Er sagte, du wärst seiner Meinung.« Seine Augen sahen ihn hilfesuchend an.

Wenn Severus nicht schon seinen Whiskey getrunken hätte, würde er spätestens jetzt einen brauchen. Mürbe massierte er sich die Nasenwurzel und ließ den Kopf hängen. Er wirkte mit einem Mal viel älter; besorgter, und mied jeden Blickkontakt als er sprach: »Ich war in den letzten Monaten vorsichtig genug, und er weiß nicht, dass wir dazu bereits einen Plan haben. Albus weiß zwar vieles, aber nicht alles, und vor allem nicht das, was ihn nichts angeht. Aber in einem hat Albus auf jeden Fall recht: Ich setze zwar bei jedem Treffen mein Leben aufs Spiel, aber ich bin geübt, meine Gedanken zu verstecken. Du hingegen bist das nicht. Wenn einer von denen dich erwischen sollte...«

»Warum sollte ich von denen geschnappt werden?«, unterbrach Remus ihn. »Ich werde nicht gesucht, ich habe keinerlei Verbindungen, und ich bin ein Werwolf. Wenn er seinen Idealen treu bleibt, wäre ich vollkommen uninteressant für ihn...«

»Und warum sollst du dann die Kolonie ausspionieren?« warf Severus ein.

Der Einwand brachte Remus zum schweigen.

»Er ist schlau«, meinte Severus kryptisch. »Entweder er hofft, weitere Informationen zum Dunklen Lord zu erhalten, oder dich von mir so lange fern zu halten, um weiter auf mich einzureden.«

»Das geht doch ein bisschen zu weit, findest du nicht?« Remus tat den Vorwurf mit einem ungläubigen Lächeln ab.

»Ihr Gryffindors seid doch alle gleich. Eure Loyalität bringt euch noch einmal um!« schimpfte Severus.

Es war eine Phrase. Remus wusste das. Es gehörte zu Severus' Art, alle Gryffindors über einen Kamm zu scheren und über sie zu schimpfen.

Remus kam auf ihn zu und fasste mit beiden Händen nach Severus' Gesicht, damit er ihn ansehen musste während Remus sprach: »Mir wird nichts passieren.« Er strich mit den Daumen über die Wangen seines Partners. »Ich bin zuversichtlich, dass du immer dein Bestes gibst, um von den Treffen wieder zurückzukehren. Auch wenn ich weiß, dass es manchmal bremslich endet, du bist immer zu mir zurückgekehrt. Also hab auch ein wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten, auch wenn ich nach deinem Maßstab 'aus der Übung' bin.«

Einen Moment lang horchte Remus nur dem Atem seines Gegenübers. Zweifel spiegelten sich in dessen Augen wieder.

»Weißt du etwas, von dem du mir noch nichts gesagt hast?« hakte Remus nach. Ein ungutes Gefühl keimte in seiner Magengrube auf.

»Der Dunkle Lord weiß nicht über alle Einsätze Bescheid, die seine Anhänger unter sich organisieren. Er lässt ihnen freie Hand in Angelegenheiten, die ihn entweder nicht interessieren oder die er als zu unwichtig erachtet. Und er begrüßt jeden grausamen Schlag, den seine Anhänger in seinem Namen ausführen. Ob es nun der Informationsbeschaffung dient, oder nur dazu, um ihre kranken Phantasien zu befriedigen, das ist vollkommen irrelevant. Wenn sie dich in die Finger kriegen sollten, werden sie dich foltern, Remus! So lange, bis du dir wünschst, nicht mehr am Leben zu sein, nur um den Schmerzen zu entgehen.« Er stützte am Kaminsims ab.

»Ich bin sehr standhaft und ausdauernd!« protestierte Remus trotzig.

Severus schlug mit der geballten Faust auf den fein geschliffenen Stein des Kaminsims. »Du weiß nicht, wovon du sprichst, Remus!« zischte er ihn so erzürnt an, dass Remus erschrocken zurückwich.

Für einen Moment starrten sie sich schweigend an.

Müde fuhr Severus sich mit der flachen Hand über das Gesicht. »Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, gefoltert und am Leben gehalten zu werden, nur damit man dich weiter foltern kann. Es gibt eine Schmerzgrenze, an der jeder Körper bricht, Remus. Wenn sie jemanden erwischen, an dem sie nur ihre Wut auslassen oder ihren Spaß haben wollen, dann gibt es kein großes Treffen und sie warten auch nicht, dass sie den Befehl bekommen. Sie foltern, vergewaltigen und morden. Es ist ihnen egal, ob es Männer oder Frauen sind. Sie scheuen auch nicht davor zurück, Männer zu vergewaltigen, Remus. Und ich will nicht, dass dir so etwas passiert.«

Severus war erstaunlich ruhig geblieben. Er hatte sich weder in Rage gesprochen, noch wild gestikuliert, wie er es sonst getan hätte. Jeder andere hätte darüber hinweggesehen. Remus jedoch machte es noch mehr Angst als die Aussage an sich.

»Das heißt, es ist vorbei«, sagte Remus und es war keine rhetorische Frage, sondern nur eine Bestätigung eines Faktes. »Du verlässt mich, weil ich dich ablenken würde...«

»Das heißt nur, dass du darauf vorbereitet werden musst, und dass Albus in einigen Aspekten Recht hat. Und ich teile nicht mit ihm die Ansicht, dass wir uns deswegen trennen sollten, nein! Ich habe Albus meinen Standpunkt deutlich gemacht. Dass er dir allerdings etwas anderes unterbreiten wollte, zeigt nur überdeutlich, wie manipulativ der alte Mann sein kann. Er ist sehr zielorientiert und stellt sein Ziel über das Wohl anderer. Nur versteht Albus nicht, dass er damit seine Verbündeten verlieren kann. Er hat Recht damit, dass du eine Ablenkung sein kannst. Ich werde dich auch dann verteidigen, sollte einer der anderen dich gefangen nehmen... Obwohl ich es bevorzugen würde, dass du es nicht so weit kommen lassen wirst! Und darin liegt der Punkt, Remus...!«

»Ich werde trainieren!« warf Remus erleichtert ein. »Wenn ich wieder zurück komme, werde ich mit Sirius im Keller einen Trainingsraum einrichten, und ich werde mir einen dieser muskelbepackten, gut aussehenden Männer aussuchen, die hundert und eine Methode kennen, um ihr Gegenüber flach auf die Matte zu legen.« Mit einem Zwinkern versuchte der Werwolf die Stimmung aufzulockern.

Severus seufzte.

»Ich bin übrigens nicht nur hergekommen, um mit dir über Dumbledore oder meine Mission zu sprechen«, sprach Remus mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Funkeln in den Augen.

»Sondern auch, um mir zu sagen, wie unvorsichtig du bist und in eine Schule einbrichst, die - wie du weißt - vom Ministerium unter Beobachtung steht? Hast du die Artikel über Dolores Umbridge nicht gelesen? Sie unterstützt die Kampagne, magischen Tierwesen jegliche Rechte abzusprechen und alle Wesen darin einzustufen, die das Ministerium nicht als reinblütige Zauberer betrachtet?«

»Das wird sie nicht schaffen!« widersprach Remus.

»Du bist zu gutgläubig.« Severus schüttelte resignierend den Kopf und begann sich zu entkleiden. »Du musst morgen durch das Floonetzwerk gehen. Das Portrait in meinem Labor darf dich nicht sehen. Horatio ist sehr gesprächig und neugierig«, sagte er auf dem Weg in den nächsten Raum.

Remus folgte ihm.

Bisher hatte er den Kerker nur wenige Male betreten in seiner Zeit als Lehrer. Damals hatte er weder gewusst, was sich hinter der Tür in Severus' Labor befand und hatte sich auch nicht dafür interessiert. Deswegen hatte er auch keine Ahnung gehabt, wo der Tränkemeister seine Nächte verbrachte.

»Und so etwas hast du in deinem Labor hängen?« fragte Remus irritiert. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Der Schlafbereich war recht schlicht gehalten. Eine Wand war mit einem Vorhang verdeckt. Was sich dahinter befand, wagte er nicht zu hinterfragen. Im Kerker konnte es durchaus Fenster geben, und auch wenn sich der Kerker unterhalb des schwarzen Sees befand, verbreiteten die wenigen mit Zaubern verstärkten Fenster am helllichten Tage ein schummriges Licht, das durch den dichten Algenbewuchs im See noch abgeschwächt wurde.

Ob man dafür unbedingt einen Vorhang benötigte, war vielleicht auch nur eine Frage der Gewohnheit, oder hinter dem Vorhang versteckte sich etwas ganz anderes.

Remus wollte es nicht erörtern. Stattdessen beobachtete er lieber Severus, wie er sein Hemd in einer Truhe mit getragener Wäsche verstaute. Die Wunden auf seinem Rücken waren zu grimmig roten Narben verheilt, die noch eine sehr lange Zeit brauchen würden, um ihre aggressive Farbe und Empfindlichkeit zu verlieren. Severus verzog keine Mine bei seinen Bewegungen, aber Remus kannte den Schmerz, der mit neuen Narben einherging.

»Genießt du die Show?« fragte Severus und warf Remus über die Schulter hinweg einen vielsagenden Blick zu.

Er ging auf Severus zu, während dieser sich ungeniert weiter auszog und im Schrank nach einem Pyjama suchte. Remus griff nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger miteinander.

»Den wirst du heute nicht brauchen« hauchte er ihm über die Schulter ins Ohr und umarmte ihn mit dem freien Arm von hinten.

»Ist das so?« fragte er schief grinsend und drehte sich in der Umarmung zu ihm um. »Dann hast du aber viel zu viel an. Ich bleib sicherlich nicht der einzige hier, der so viel Haut zeigt.«

»Dann ändere etwas daran!« Es war ein ewiges Spiel zwischen ihnen.

Severus hatte an diesem Abend jedoch wenig Geduld für ihre Spielchen übrig. Die Kleidung verschwand mit einem bloßen Wink mit dem Zauberstab.

Remus keuchte überrascht auf als er seiner warmen Hülle beraubt wurde. Auch seine Schuhe war er losgeworden.

»So ungeduldig?« fragte er hämisch.

»Pragmatisch«, widersprach Severus ihm und griff eine handvoll Backen, um ihre Hüften aneinander zu reiben.

Remus kicherte losgelöst und nervös.

»Irgendwelche Wünsche für heute Nacht?« fragte Severus ihn.

Seine Wangen färbten sich rosa. Ihm wäre es lieber, sein Gesicht jetzt irgendwo zu verstecken - in Severus' Halsbeuge zum Beispiel.

Aber dieses Thema hatten sie bereits. Severus bevorzugte offene Ehrlichkeit, und niemand sollte sich in ihrer Beziehung für etwas schämen, das er sich vom anderen wünschte.

Also widerstand der dem Drang, sein Gesicht zu verbergen, während er sprach: »Ich will, dass du mich nimmst. Ich will dich in mir spüren, mich begehrt und geliebt fühlen... lang und hart, bis du mir die Lichter ausgeknipst hast.« Seine Augen leuchteten gelb auf.

»Ausgehungert?« fragte Severus skeptisch.

»Das letzte Mal haben uns deine zweifelhaften Bekannten unterbrochen und du warst verschwunden, noch ehe mein Orgasmus verebbt war, und seitdem haben wir keinen einzigen Moment für uns gehabt«, beschwerte Remus sich.

Er verteilte kleine Küsse auf Severus' Haut, dass dieser sich kaum zurückhalten konnte. Severus' Atem vibrierte in seinen Ohren, doch er sagte nichts.

»Ich habe mich nicht einmal selbst angefasst«, sprach Remus weiter. Seine Hände lösten die Umarmung und strichen nun über Severus' Brust, weiter nach unten wandernd, bis sie ihr Ziel erreicht hatten und die Beule in den Boxershorts näher untersuchten.

»Lass uns zuerst duschen gehen... Ich fühl mich als läge der Staub der ganzen Bibliothek auf mir.« Severus wollte sich abwenden, doch Remus hielt ihn fest. Seine Pupillen waren geweitet bis zu dem Punkt, wo die Augenfarbe nur noch eine schmale Korona darum bildete.

»Ich will dich riechen«, protestierte der Wolf und saugte sich an seiner Halsbeuge fest.

Ein lautloses Lachen bebte in Severus Brust. »So dringend also?« fragte er. Seine Stimme wirkte entspannter, weniger von Sorgen belastet. Er ließ seine Masken fallen. Mit Remus allein in seiner Gegenwart brauchte er sie nicht.

»Dringender!« antwortete Remus schelmisch und zog ihn Richtung Bett. »Wir haben dein Bett noch gar nicht eingeweiht...«, stellte er fest. Die Metallfedern quietschten unter seinem Gewicht. Die Bettdecke war viel zu kühl. Seine Muskeln fingen sogleich zu zittern an.

»Du musst mir verzeihen, wenn ich hier kein Spielzeug für uns zur Verfügung habe.« Severus zog die Decke unter Remus weg, um sie sich selbst um die Hüfte zu legen, damit ihnen schneller warm werden konnte. Er ließ sich auf ihn sinken und bedeckte ihn mit seinem Körper. Remus war nicht zimperlich, das wusste er. Er wusste auch, was der Werwolf bevorzugte, und in dieser Nacht schien es, als wollte er sich fallen lassen.

Severus stützte sich auf seinen Ellenbogen ab. Der Raum war fast gänzlich in Dunkelheit gehüllt. Die einzige Lichtquelle kam von einem Kerzenhalter neben dem Schrank und von der Feuerstelle aus dem Salon, dessen Tür zum Schlafzimmer offen stand. Severus konnte sich nur vortasten. Für Remus allerdings war das Zimmer hell genug, um alles erkennen zu können, was für diesen Augenblick wichtig war.

»Sag mir, was du willst«, forderte Severus ihn auf und nestelte mit seiner Nasenspitze Remus' Wange entlang bis zu seinem Ohr. Er sog das Ohrläppchen zwischen seine Lippen und knabberte verspielt daran bis er die erhoffte Wirkung in einem Stöhnen und einem Winden unter ihm erzielt hatte.

»Markiere mich«, keuchte Remus fordernd und spreizte die Beine wie eine Einladung. Er hob ihm seine Hüften entgegen, um ihm seine Bereitschaft zu demonstrieren.

Ohne warten zu müssen bekam er die Antwort darauf.

Severus spürte, dass etwas anders war. Remus war wie Butter in seinen Händen. Er reagierte wie ein Feuerwerk und war sich nicht zu schüchtern, um mehr einzufordern. Vielleicht bildete Severus sich das aber auch nur ein und er war genau so ausgehungert wie Remus.

Ihre Körper brannten füreinander.

So fordernd der Tag für beide auch war, tropfte die Zerschlagenheit von ihnen herab wie heißes Wachs von einer Kerze dahinschmolz. Ihre Körper zitterten und bebten. Die Leidenschaft loderte in ihnen wie eine neu entdeckte Macht, die ihre Seelen ineinander einrasten ließ wie das fehlende Teil eines Puzzles. Das Bett ächzte unter ihren körperlichen Bekundungen.

Remus konnte gar nicht genug bekommen und forderte immer weitere Markierungen. Er brannte letztendlich dafür, zu Severus zu gehören. Der Wolf in ihm überkam seinen Geist und kontrollierte seine Leidenschaft, von der Severus sich mitreißen ließ, bis sie beide in einem Strudel versanken, der ihrer beider Körper vereinte.

Sie mochten schon oft miteinander geschlafen haben, aber noch nie brannte eine solche Dringlichkeit unter ihrer Haut, nach der ihrer beider Seelen sich verzehrten.

Es war wie eine lang ersehnte Rückkehr an einen Ort, von dem ihre Herzen schon lange keine Ahnung mehr gehabt hatten.

Die Nacht war schon weit vorangeschritten als sie sich erschöpft in den Armen lagen.

Severus hatte ein paar weitere Kerzen entzündet, die den Raum in ein warmes Licht tauchten.

Gedankenverloren zeichnete Remus ein Muster mit seinen Fingern auf Severus' Brust und seufzte dabei zufrieden und glücklich.

»Das war wunderschön«, krächzte Remus, heiser von dem vielen Stöhnen und Aufschreien. »Ich habe dich so vermisst!« Er hauchte Severus einen Kuss auf die Schulter, bevor er seinen Kopf wieder darauf bettete.

Severus schälte sich aus seiner Umarmung und stand auf. Ein Pfeifen folgte als er durch das Zimmer stolzierte wie Gott ihn geschaffen hatte.

»Wollen Sie mich etwa anmachen, Mr. Snape?« fragte Severus mit einem Augenzwinkern.

»Wie soll ich bei dem Anblick bitte widerstehen?« gab Remus schelmisch grinsend zu.

Severus durchsuchte mehrere Schubladen bis er mit einem klobigen grauen Kasten wieder zurück kam. Vor dem Fußende des Bettes blieb er kurz stehen.

»Wie hätten Sie es denn gerne?« fragte er und stellte sich in Pose. Mit der Faust in die Taille gestemmt und dem Kinn hochgestreckt - stolz und selbstsicher. »Oder vielleicht lieber so?« Er drehte sich um und präsentierte seine Kehrseite in ihrer vollen Pracht.

»Am liebsten wäre mir: wieder direkt neben mir im Bett und als Kissen für meinen Kopf«, bekundete Remus sich.

Severus kletterte auf das Bett und hielt den grauen Kasten vors Gesicht.

»Bitte recht freundlich!« war die einzige Warnung, die Remus erhielt, bevor das Blitzlicht auslöste und der Apparat zu rattern begann.

»Was ist das?« fragte Remus geblendet und rieb sich die Augen.

Das Gerät spuckte ein weißes, glänzendes Papier heraus, das Severus sofort davon trennte und sich wieder zu ihm unter die Decke gesellte.

»Es ist eine Polaroidkamera. Sie macht Sofortbilder«, erklärte Severus ihm und hielt ihm das glänzende Papier hin.

»Das soll ein Foto sein? Das ist doch nur ein weiß gerahmtes graues Bild!« Remus betrachtete skeptisch das Foto, das sich allmählich darauf abzeichnete und einen reichlich erschöpften Werwolf inmitten von zerwühlten Laken und Kissen zeigte, und nur spärlich bedeckt bis zu den Lenden. »Severus!« rief er entsetzt aus. »Hättest du mich nicht vorwarnen können!« Er starrte noch ein weiteres Mal darauf. Das Foto hatte sich mittlerweile komplett darauf abgezeichnet. »Das kannst du doch niemandem zeigen!« Er machte sich empört daran, das Foto zu zerreißen, wenn Severus nicht schneller gewesen wäre und es ihm aus den Fingern gezückt hätte.

»Wer sagt denn, dass ich das Foto herumzeigen würde? Dieser postkoital erschöpfte Blick ist nur für meine Augen bestimmt!« Er betrachtete das Foto und war sichtlich mit dem Ergebnis zufrieden.

Remus legte seinen Kopf wieder auf Severus' Schulter und versuchte, die gemütliche Stelle wiederzufinden, an der er eben noch gelegen und sich wohlgefühlt hatte.

»Lass uns ein paar Fotos machen«, schlug Severus vor, dieses Mal mit Vorwarnung. Er hielt die Kamera eine Armeslänge von ihnen weg.

Remus zuckte zusammen und versteckte das Gesicht verlegen hinter seiner Hand. »Severus! Wenn jemand diese Fotos sieht!« rief er unter der Hand entsetzt aus.

Es blitzte trotzdem.

»Severus!« rief Remus und schnappte sich das Stück Glanzpapier bevor sein Mann es an sich nehmen konnte.

»Hey!« Severus griff nach dem Bild, doch Remus hielt es weit genug entfernt, dass er es nicht zu fassen bekam.

»Gibst du das wohl wieder her!« forderte Severus und versuchte, ihm das Foto wieder abzunehmen.

Doch Remus spielte seine Werwolfstärke aus und hielt Severus so lange davon ab bis sich das Foto von selbst entwickelt und Gestalt angenommen hatte. Vergessen war die Balgerei um das Stück Papier als er darauf starrte und nicht glauben wollte, was er sah.

Das Bild war schlecht ausgeleuchtet. Von der warmen Atmosphäre der Kerzen war darauf nichts mehr zu erkennen. Remus mochte keine Fotos von sich selbst. Es reichte ihm schon, wenn er seine Visage morgens im Spiegel sehen musste. Es gab relativ wenige Fotos, vor denen er sich schlecht verweigern konnte. Das Foto vom Orden des Phönix war eines davon. Sein letztes Foto war jenes Portraitfoto, das von ihm als Professor gemacht wurde für das Hogwarts Jahrbuch. Dazwischen gab es kein einziges von ihm.

Nun war er hin und hergerissen zwischen Wut und Dankbarkeit. Das Foto zeigte ihn, wie er in Severus' Armen lag und sein Gesicht in dessen Halsbeuge versteckte und mit seiner Hand verdeckt hielt. Das überbelichtende Blitzlicht ließ seine Narben überdeutlich von seiner Haut hervorstechen. Die Haare waren zerzaust. Silberne Strähnen zogen sich glitzernd durch seine Locken.

Und neben ihm lag Severus, dessen Haut durch das grelle Licht viel bleicher wirkte. Aber seine Wangen und Nasenspitze waren rosa gefärbt, wie nach einem längeren Spaziergang an einem Wintermorgen. Sein Arm ragte aus dem Bild heraus, um damit die Kamera zu halten. Die zerwühlten Kissen unter ihnen und ihre nackten Oberkörper waren ein Beweis dessen, was sie zuvor gemacht hatten, und Severus' Ausdruck zufolge war er auch noch stolz darauf.

Fort war der zynische Zaubertränkemeister, der jeden mit einem einzigen Blick das Fürchten lehren konnte. Weggewischt war die emotionslose Maske, die er sich sonst so sorgfältig angelegt hatte, und welche nicht einmal die Existenz einer Emotion durchsickern ließ.

Diesen Mann gab es auf dem Foto nicht.

Dieser Severus lachte aus vollem Herzen in die Kamera. Selbst seine Augen strahlten eine Offenheit und Wärme aus, die Remus bei ihm selten erlebt hatte. Seine Haare umrahmte seinen Kopf wie ein Kranz aus schwarzen Strähnen.

Remus bewunderte dieses Foto so offenkundig, dass er gar nicht bemerkte, wie Severus seine Reaktion beobachtete.

Erst als Severus ihm einen Kuss auf die Schläfe gab, erwachte er aus seiner Starre.

»Du siehst glücklich aus«, stellte Remus fest.

Severus nahm das Foto an sich und betrachtete es eine Weile.

»Und du siehst gehemmt aus...«, schmollte er.

»Tut mir leid« entschuldigte er sich und schmiegte sich wieder an ihn. »Ich mag keine Fotos von mir.«

»Als wenn ich auf Fotos vorteilhafter aussehen würde«, schnaubte Severus missbilligend.

»Ich bitte dich! Schau dich doch mal darauf an! Du strahlst über das ganze Gesicht. Du lachst so wie ich dich selten lachen gesehen habe. Deine Augen leuchten. Du siehst heiß aus mit deinen langen Haaren«, schwärmte Remus. »Wenn ich mich nicht schon in dich verliebt hätte, wäre ich spätestens jetzt zumindest sehr angetan von dir!«

»Und jetzt wollte ich dir sagen, wie fürchterlich groß meine Nase aussieht und dass mein grotesk großer Mund mit den schiefen Zähnen einfach hässlich ist«, kommentierte Severus das Foto während er es noch einmal betrachtete.

»Ich liebe deinen Mund!« protestierte Remus vehement. »Besonders die kleine Kurve an deinem rechten Mundwinkel! Dein Mund ist alles andere als hässlich! Und ich liebe deine Augen. Sie sind so wunderbar dunkel, dass man die Pupille gar nicht mehr sehen kann«, sprach Remus voller Bewunderung.

»Tatsächlich?« fragte Severus skeptisch.

»Ja!«

»Ich mag deine sanften Augen, Remus. Wenn sie normal sind und wenn der Wolf in dir durchkommt. Ich mag deinen postkoitalen Blick. Du wirkst dann völlig entspannt und hast dieses glückselige Lächeln auf den Lippen«, zählte Severus auf. »Und ich liebe deine Narben.«

»Was...«

Severus legte ihm einen Finger auf die Lippen, um ihn am weiterreden zu hindern.

»Deine Narben gehören zu deinem Gesicht. Wenn sie nicht da wären, dann wärst das nicht du. Ich könnte dich mir nicht ohne Narben vorstellen«, erklärte er geduldig. »Also machen wir noch ein paar Fotos? Dieses Mal ohne deine Hände vor dem Gesicht? Du könntest eines auf deine Mission mitnehmen.«

Nach dieser Erklärung blieb Remus keine andere Wahl. »Also gut«, gab er sich geschlagen.

oOo

Die Luft war stickig und auf den Möbeln lag eine feine Staubschicht. Wenn Remus nicht zurück nach London müsste, hätte er sich die Zeit genommen, um das Haus in Spinner's End ein wenig herzurichten. Der Kamin hinter ihm knisterte und zischte als die Verbindung nach Hogwarts unterbrochen wurde.

Sein Blick fiel auf den kleinen Stapel Fotos in seiner Hand. Er hatte bereits ein Lieblingsfoto, das er immer bei sich tragen wollte. Es war das erste Foto, auf dem er sich schüchtern versteckt hatte.

Sie hatten so viele Fotos gemacht, bis die Kamera kein Glanzpapier mehr ausspuckte.

Ihm war nicht mehr ganz so schwer ums Herz als er das Haus zur Hintertür verließ und nach London disapparierte. Die Fotos waren ein Beweis, dass er nicht träumte oder unter Halluzinationen litt. Jetzt konnte er sich auf seine Mission konzentrieren, denn nun hatte er etwas, das ihm Kraft und Mut verlieh.

Wenn Severus es wagte, sich für ihre Liebe gegen Albus Dumbledore zu stellen, dann wagte er es doch, an ihre Zukunft wahrlich zu glauben.


AN, die zweite:

So...
Es geht also noch weiter!
Yeah!
Ich hatte schon befürchtet, dass das Kapitel nie fertig werden würde... T_T

Ein Paar Zahlen für die Statistikfreaks:
Dieses Kapitel beinhaltet 17322 Wörter. Das sind 110096 Zeichen verteilt auf 53 Seiten in Courier New, Schriftgröße 12. Plus 17157 UNGENUTZTER Wörter.
Glaubt ihr nicht?
(Wenn ihr den Screenshot meiner Szenenauflistung sehen wollt, müsst ihr euch die Story entweder auf fanfiktion de anschauen oder auf AO3.)

Genau so oft hab ich die Szenen immer wieder angefangen und frustriert wieder verworfen.

Mit dem Endergebnis bin ich sogar zufrieden! (Es geschehen noch Wunder!)

Ich habe grade eben noch die AN vom ersten Kapitel gelesen, in der es hieß, dass die Story allerhöchstens 5 Kapitel haben würde... Was war ich doch naiv... *hüstel* xD

Für diese Story sind jetzt noch drei Kapitel geplant. Mal schauen, wie sehr ich mich daran halten kann.
Eigentlich war das ja nur ein Versuch, mich selbst auszutricksen. Ich dachte, wenn ich mir vornehme "Ach, das sind ja doch nur 2 Kapitel!", dann bleibe ich eher an der Story, als wenn ich sagen würde "Boah... das und das und das muss noch passieren! Und das schaff ich nicht in 4 Kapitel. Nein, da müssen noch ZEHN dazukommen!" und schon schwindet die Lust, an der Story überhaupt noch weiterzuschreiben... 3 Kapitel klingt doch viel "weniger" als 10, auch wenn jedes Kapitel um die 15k an Wörtern beinhaltet...

Das war's aber auch erst einmal von mir.

Und as always:
Don't feed the troll, but feed the author!
Anonym geht auch. ;)