Kapitel 6 - Ein neuer Anstrich

»Kreacher immer herumkommandiert. Kreacher macht, was Mistress sagt.«

Der griesgrämige Hauself wanderte mit seiner kleinen Kiste von einem Portrait zum nächsten. Er nutzte die Kiste als Trittleiter zum drauf steigen, denn der Elf war allenfalls ein schlecht gelaunter, laufender Meter. Auch mit der Kiste, die er aus einer Ecke der Küche entwendet hatte, konnte er nicht die Arbeit verrichten, die er ohnehin nur halbherzig ausübte.

Eigentlich hatte er keine Aufgaben erhalten, schon seit Jahren nicht mehr, und so beschäftigte er sich selbst mit seiner Lieblingsbeschäftigung: Dem Polieren der Namensschilder seiner Lieblingsdamen. Zu seinem Bedauern waren die Gemälde bedeckt und er war viel zu klein, um die dreckigen Laken abzunehmen. Nur zu gern würde er sie wieder in ihrer vollen Pracht sehen. Seit dem Ableben seiner letzten großartigen Mistress verkam das Haus mehr und mehr.

Nicht nur das! In letzter Zeit wurde auch noch dreckigen Schlammblütern und Halbblütern Zutritt zu seinen heiligen Hallen gewährleistet. Das gefiel Kreacher gar nicht. Wieso musste auch dieser Blutsverräter das Haus erben?

Die Welt war nicht gerecht, besonders nicht zu Kreacher. Er sprach es nicht aus, aber in seinen kühnsten Träumen begnügte er sich mit dem Gedanken, Sirius' Kopf an die Wand im Treppenhaus zu nageln, wo die Köpfe der anderen Hauselfen aufgehangen wurden, wenn sie zu alt und zu schwach geworden waren. Aber nicht ohne ihm die Gnade eines friedlichen Todes zu verwehren. Der Nichtsnutz sollte dort ewig hängen ohne jemals wirklich sterben zu können.

Ja, das wäre schön!

»Kreacher! Steh nicht mitten im Weg herum und halt Maulaffenpfeil! Mach dich gefälligst nützlich! Die Küche ist schon wieder nicht aufgeräumt! Muss ich dir immer alles zweimal sagen?« Sirius trat die Holzkiste weg, auf der der Elf stand, um die goldemaillierte Namensplakette von Elladora Black zu polieren. Mit einem dumpfen Aufprall knallte der Elf der Länge nach zu Boden, ließ sich aber nichts anmerken.

Unter unverständigem Gemurmel, das garantiert nichts Gutes auf Sirius kommen ließ, hinkte der Elf die Treppe herunter.

»Und hör auf, ständig vor dich hin zu flüstern!« keifte Sirius ihm hinterher. »Ich kann das nicht leiden.«

Plötzlich hörte Sirius ein Kichern und drehte sich abrupt um.

Er war allein im Haus, das wusste er... mal von dem unleidigen Hauselfen abgesehen, den er am liebsten rausgeschmissen hätte.

Wer also konnte... Da war es wieder!

Ein hämisches Frauenkichern... das konnte nur eins bedeuten!

»Halt dich da raus!« maulte er das abgedeckte Portrait an.

»Aber wieso sollte ich, wenn es doch so einen Spaß macht, dir zuzuhören, Sirius Black!« Die äußerst junge Stimme dehnte die Aussprache seines Namens äußerst melodisch aus. »Du warst schon immer so ein Taugenichts, Sirius. Du hast unseren Namen nicht verdient!«

»Geh zurück in deine anderen Portraits und geh mir nicht auf den Geist!« spie Sirius hasserfüllt aus.

»Oh, aber hier ist es viel unterhaltsamer. Was würde nur deine Mutter sagen, wenn sie dich jetzt hören könnte! Du hast schließlich alle Portraits verdeckt, nicht wahr? Sind wir dir etwa nicht gut genug? Hast du vergessen, wer Unehre über unsere Familie gebracht hat? « Dann kicherte die Stimme wieder höhnisch. »Das warst Du, Sirius! Du allein! Der erste Gryffindor! Was habe ich gelacht! So etwas sollte aus dem Schoß einer Black entsprungen sein! Was für eine Schande!«

Unter dem Laken wanderten spindeldürre Finger über den Rahmen entlang - wie lange Spinnenbeine, immer eins voran und die anderen nacheinander hinterher. Sirius starrte entsetzt auf die dünnen Finger. Die Gelenke wirkten wie dicke Knubbel, unnatürlich groß. Die Haut, die sich darüber spannte, sah aus gleichermaßen lebendig und doch tot aus - obgleich es ein Gemälde war.

Sirius hasste dieses Bild. Es hatte ihn schon verhöhnt als er noch ein Kind war, besonders nach seinem ersten Jahr in Hogwarts als die Empörung noch groß war, dass der Erstgeborene dieses Familienzweiges nicht in das Slytherin Haus eingeteilt worden war.

»Und jetzt schau dir an, wie du dieses Haus verkommen lässt! Nicht einmal dein Erbe kannst du richtig verwalten! Du bist so ein Schwächling!«

Dieses mädchenhafte, hochgestochene Lachen weckte Albträume aus seiner Kindheit.

Es kam ihm wie gestern vor, als sein Vater ihn in den Keller eingesperrt hatte.

Sobald er von Hogwarts für die Ferien zurückgekehrt war, wurde ihm gleich der Zauberstab weggenommen.

Sirius hatte immer gute Zeugnisse mitgebracht. Aber die Noten konnten nie dagegen abgewogen werden, dass er sich gegen die Einstellung der Familie gewandt hatte.

Ein Gryffindor in ihren Reihen!

Weder sein Vater, noch seine Mutter hatten für ihn ein gutes Wort übrig. Und so gestalteten sich die Ferien zu einem einzigen Spießrutenlauf.

Es war schon eine gute Zeit für ihn, wenn er allein auf seinem Zimmer bleiben durfte und niemand reinkam, um 'nach ihm zu sehen'.

Allenfalls die Elfen wurden nach ihm geschickt, und die konnten nichts anderes als ihn beleidigen für das, was er war. Dafür wurden sie nicht einmal bestraft, und das war etwas, das er überhaupt nicht verstehen konnte. Die Hauselfen wurden sonst für jede Missachtung der Familienmitglieder feierlich hingerichtet...

Was so eine Hauseinteilung doch in der eigenen Familie bewirken konnte.

Auch wenn Sirius von da an die letzte Wahl bei allem war, was seine Familie betraf, war er dennoch stolz darauf. Er konnte ihre Ansichten einfach nicht teilen, und das musste er ihnen bei jeder Gelegenheit vorhalten.

Im Nachhinein betrachtet war das keine gute Entscheidung gewesen. Als Halbstarker, der nichts anderes als Widerworte geben konnte, hatte er sonst nichts entgegen zu bringen. Seine Eltern hingegen waren magisch voll ausgebildet und in ihren vier Wänden konnten sie mit ihm tun und lassen, was sie wollten.

Die Erinnerung, wie er nach seinem ersten Schuljahr nach Hause zurückkehrte, hatte sich mit einem Brandeisen in seinen Kopf eingestanzt. Zwei Monate Ferien hatten vor ihm gelegen, und jeder Tag sollte sich als Qual erweisen.

»Wag es ja nicht, aus deinem Zimmer zu kommen!« hatte ihm seine Mutter gleich zur Begrüßung mitgeteilt.

Sein Vater hatte ihm den Zauberstab entrissen, weil er zu ungeduldig war, um darauf zu warten, dass Sirius ihm den Stab freiwillig übergab.

Er hatte ihm den Stab einfach mit einem Accio weggenommen.

Sirius hatte es damals immer noch sprachlos gemacht, was man alles mit Magie bewerkstelligen konnte, und ab diesem Tag nahm er sich vor, einfach alles zu lernen, damit er seinen Eltern nicht mehr hilflos gegenüberstand.

In den ersten Ferien nach dem ersten Schuljahr durfte er nicht einmal das Haus verlassen. Sein Vater war maßlos enttäuscht von ihm, dass er ihn mit Ignoranz bestrafte. Sirius existierte für seinen Vater einfach nicht mehr. Ganz im Gegenteil zu seiner Mutter. Walpurga Black hatte sich jeden Tag aufs Neue mit neuen Strafen für Sirius selbst übertroffen.

Jederzeit ließ sie ihn spüren, dass selbst die Hauselfen in ihren Augen mehr wert waren als ihr eigener Sohn, und dass sie sich wünschte, sie hätte ihn nie geboren.

Nach den ersten großen Ferien war er wütend gewesen.

Wütend mit der Welt. Wütend auf seine Familie,aber vor allem auch wütend mit sich selbst, dass er sich nicht wehren konnte.

Wenn er dann wieder auf Hogwarts war, fühlte er sich frei von all der Ungerechtigkeit, der ihm seine eigene Familie aussetzte. Auf Hogwarts fand er ein Ventil, an dem er seine ganze Wut herauslassen konnte, und er wurde dabei tatkräftig unterstützt von seinen drei Freunden. Zumindest hatte er das immer so wahrgenommen; damals.

Wie konnte ihm nur entgehen, dass Remus sich da immer heraushielt?

»Denkst du über verpasste Chancen nach, Nichtsnutz?« verhöhnte ihn das Portrait. »Ist doch sehr praktisch, dass du nicht in der Zeit zurückreisen kannst. Gar nicht auszudenken, was du noch alles anstellen könntest, um dem Familiennamen zu schaden.« Unter dem Laken lugte ein Auge hervor. »Du hast unseren Namen gar nicht verdient.«

Das reichte!

Er wusste, dass es nur ein Portrait war und doch konnte er sich nicht gegen die Wut wehren, die in ihm aufkeimte.

Zornig riss er das Laken herunter. Die Staubschicht, die auf dem oberen Rand des Rahmens lag, wirbelte in dicken Wolken auf. Das Portrait lag frei und entblößte eine Dame, in einem dunkelblauen, viel zu ausschweifenden Kleid. Der seidene Rock, von so vielen Unterröcken aufgebauscht, wirkte wie eine dunkle runde Frucht, zum Pflücken bereit. Ihr Oberkörper war in ein enges Korsett geschnürt und so wirkte Elladora Blacks Haltung sehr steif und unnatürlich. Ihre Züge waren viel zu jung für ihre zynische Zunge. Das Portrait war nur eines von vielen, die von ihr angefertigt wurden in ihrem Leben. Und auch wenn das Bild sie in ihren jungen Jahren zeigte, so hatte Elladora all ihren Bildern in ihren späten Jahren ihr höhnisches Wesen beigebracht.

Sie saß so gesittet auf ihrem Sessel, dass man ihr nicht die Worte zutrauen konnte, mit denen sie Sirius beschimpfte. Wie ein unschuldiges Mädchen hielt sie ihre Hände im Schoß gefaltet, auf den Lippen ein angedeutetes Lächeln.

Das Gemälde wirkte wie jedes andere Gemälde in einem Museum. Es war eine bloße Abbildung eines früheren Lebens.

Jedenfalls bis es anfing sich zu bewegen. Sie strich ihren Rock glatt. Ihre Augen beobachteten ihn aus einem porzellangleichen Gesicht.

»Habe ich dich etwa gekränkt, Unwürdiger? Was bei deiner Erziehung bloß schief gelaufen ist, das fragen wir uns alle. Du hast deinen Namen nicht verdient und dieses Haus auch nicht. Wieso machst du dich nicht nützlich und trinkst dich zu Tode? Das kannst du doch am besten!«

Was dann folgte, konnte er sich beim besten Willen nicht erklären. Sie machte zwar den Mund auf, aber die Stimmen, die herauskamen, waren nicht ihre eigene. Er erkannte sie sofort: »Wie konntest du unserer Familie nur so eine Schande bereiten? Ich hätte dich gleich bei der Geburt strangulieren sollen! Die Sterne standen nicht gut. Und du warst schon immer ein schwieriges Kind! Du bist eine Enttäuschung, Sirius!« Es war die Stimme seiner Mutter! Es hätte eigentlich gar nicht möglich sein können, dass ein Portrait die Stimme einer anderen Person nachahmen konnte.

»Du hast schon immer ein Faible fürs Dramatische gehabt.« Sirius zückte seinen Zauberstab und warf dem Portrait wahllos einen Spruch entgegen. Er wusste, dass es nichts nützte. Die Portraits waren so stark verzaubert worden, dass man sie nicht einmal mehr von der Wand nehmen konnte. Aber das war ihm gerade reichlich egal.

Der nächste Fluch folgte. Ein Schneidezauber. Er prallte einfach wieder ab und brachte rein gar nichts.

Elladora verfiel in ein höhnisches Lachen. Sie warf ihren Kopf in den Nacken und hielt sich die Hand wie eine feine Dame vor den Mund.

»Du bist so einfältig, Sirius! Kein Wunder, dass du nicht in Slytherin eingeteilt wurdest. Dort hättest du das erste Jahr nicht überstanden!«

Ein weiterer Fluch flog auf das Portrait zu. Dieses Mal mimte sie ihn nach. Wie ein Spiegel folgte sie seinen Bewegungen. Jedes Mal prallte der Fluch entweder ab oder wurde vom Portrait verschluckt als wäre es nichts.

Elladora kicherte wieder dieses glockenhelle kindliche Lachen.

»Du glaubst doch etwa nicht, dass du mir gewachsen bist! Ich hätte dich längst in Asche verwandelt, Blutsverräter!« Dann verzog sich ihr Gesicht zu einer grässlichen Fratze. Das Gemälde bauschte sich auf. Die Leinwand wölbte sich nach vorn als wäre dahinter eine große Flut, die jeden Augenblick durch die Poren des Stoffs brechen würde. Die Wölbung bewegte sich mit dem Gesicht, das Sirius mit einem Schlag so schnell näher kam, dass dieser rückwärts stolperte und mit dem Kopf am Geländer aufschlug. »Du hast dieses Haus nicht verdient! Du bist unwürdig! Ab mit dir in den Keller!«

Er fühlte sich an den Füßen die Treppe hinabgezogen, weiter hinunter, versuchte sich am Teppich oder an den Pfeilern vom Geländer festzuhalten, doch er hatte nicht die Kraft dafür. Die Wucht war zu groß, mit der er durch den Flur vom zweiten Stock bis in den Keller gezogen wurde.

oOo

Als Severus am späten Nachmittag das Haus betrat, fand er es dunkel und still vor. Ein Blick in die Küche verriet ihm, dass hier schon lange nichts mehr gemacht wurde. Der Staub lag in einer dicken Schicht auf Tisch und Anrichte. In der Spüle stapelte sich das dreckige Geschirr.

Und er war sich sicher, dass er gerade eben irgend ein Insekt unter dem Herd hat verschwinden gesehen.

Er stellte die Einkaufstüten auf dem Tisch in der Mitte ab - fast wie ein normal sterblicher Muggel - und zückte im gleichen Atemzug seinen Zauberstab, um dem Staub den Kampf anzusagen. Mit einem flotten Wink sah die Küche wieder halbwegs wohnlich aus.

Dafür dass das Blacksche Anwesen über einen eigenen Hauselfen verfügte, wirkte das Haus derbe vernachlässigt. Auch nach der Putzaktion durch den Orden letzten Sommer.

Im angrenzenden Esszimmer gähnte ebenfalls große Leere.

»Man könnte fast meinen, die Ratten hätten den Kahn verlassen«, murmelte er vor sich hin.

Mit einem etwas ausufernden Wink begann das Geschirr, sich selbst zu spülen.

Das war keine Beschäftigung, mit der er sein freies Wochenende einleiten wollte.

Widerwillig machte er sich dann doch auf die Suche nach dem wenigen Leben, das dieses Höllenloch beherbergte.

Die Treppenstufen knarzten unter seinen Stiefeln.

Je weiter er nach oben stieg, umso bitterer wurde der Geruch, der den Gängen normalerweise nicht anhaftete. Es erinnerte ihn ein wenig an die eine kalte Nacht im Gemeinschaftsraum, als es seine Mitschüler geschafft hatten, das Kaminfeuer zu löschen. Noch Tage danach konnte der Raum nicht betreten werden, weil der Kaminabzug im Zuge einer Hauruckaktion verstopft war mit schleimigen Kröten. Zeitgleich hatte einer seiner Mitschüler versucht, das Feuer erneut zu entfachen. Es endete darin, dass der Raum total verqualmt und verrußt war und dementsprechend nicht mehr verwendet werden konnte.

Die angekokelten Holzscheite und Teppiche, die zu nah am Kamin an der Wand hingen, verbreiteten einen ähnlichen Geruch, wie der, der ihm jetzt in die Nase stieg.

Im ersten Stock wurde er schließlich fündig.

Der Hauself saß zusammengekrümmt in einer Ecke und hielt sich grummelnd und murrend den Arm. Rote zornige Striemen überzogen seine graue, runzelige Haut. Kreacher wimmerte stetig und zuckte vor Severus zurück, obwohl er ihn den Rücken zugewandt hatte. Etwas an dieser Kreatur umgab eine unheimliche Aura, und Severus war nicht sicher, ob es nur seine eigene Paranoia war oder sein Instinkt, der ihn vor dem Hauself warnte.

Immerhin lebte der Elf, auch wenn er sichtlich Schmerzen erlitt.

Black fand er schließlich ein Stockwerk weiter oben.

Die Portraits auf dieser Etage waren alle enthüllt, was ihm schon beim Aufstieg die Stufen hinauf auffiel. Die Laken, die noch vor wenigen Wochen so akribisch über die Portraits drapiert wurden, damit sie nicht noch weiter ihre giftigen Kommentare versprühen konnten, lagen auf dem Boden.

Die Gemälde waren leer.

Ein unterschwelliges Flüstern schwang in der Luft mit. Wo waren sie hin? Die Portraits hatten keine große Möglichkeit, sich fortzubewegen. Dafür hatte Dumbledore gesorgt.

Das Haus sollte sicher sein für den Orden, deswegen durfte es nicht passieren, dass die Personen auf den Portraits dieses Haus verließen, um in einem anderen Portrait eventuell wieder aufzutauchen und die Geheimnisse des Ordens weiter zu verbreiten.

Die Portraits hingen nun für ewig auf den Gängen. Dank der verzwickten Bannzauber von Walpurga Black, konnte niemand die Portraits von den Wänden entfernen, und so manches andere auch nicht.

Severus fand Sirius am Fuß des nächsten Treppenaufstiegs. Er hatte die Knie an seinem Kinn herangezogen. Die Haare hingen ihm in ungekämmten Strähnen ins Gesicht und klebten auf seiner Stirn.

Die Personen im Portrait hinter Severus hatten sich in einem Rahmen zusammengerottet und kicherten und gackerten.

»Wertlos!«

»Nutzlos!«

»Du bist kein Black! Verschwinde aus diesem Haus!«

»Verräter!«

Die Beschimpfungen und das Gelächter irritierten ihn. Er wusste, dass die Gemälde mit Magie an die Wand geheftet wurden, dass man sie nicht entfernen konnte. Aber das hielt niemanden davon ab, sie zum Schweigen zu bringen.

Er baute sich vor dem Rahmen auf, in dem die Gruppe mit verzerrten Fratzen auf Black fixiert waren.

»Was willst du von uns? Dreckiges Halbblut! Ich kann es an dir riechen! Du stinkst nach Muggelblut!« zischte ihn eine Dame mit abschätzenden Blick an. Sie trug einen lächerlich wirkenden Hut mit dem ausgestopften Kopf eines Hauselfen auf der Krempe drapiert. Ihr Brustkorb war in eins dieser zeitgemäßen Korsetts gezwängt worden und schob ihren runzeligen Busen wie überreife Tomaten den Ausschnitt empor. In der Hand trug sie einen Fächer, mit dem sie Severus wohl am liebsten die Augen ausgestochen hätte.

Severus störte sich nicht an ihren Beleidigungen, obwohl er sich fragte, woher sie wusste, wer er war, und wie weit die Magie das Portrait dazu befähigte, Informationen aus der Umgebung anzusammeln. Stattdessen untersuchte er den Rahmen, der wahrlich an der Wand festklebte, so dass er nicht einmal einen Blick dahinter werfen konnte.

»Neugierig, Halbblut? Komm doch herein, dann zeig ich dir, wozu eine echte Slytherin imstande ist!« gackerte sie mit einem Grinsen auf ihren Lippen, das wohl ihrer Vorstellung einer Verführung entsprach.

Severus tastete den Rahmen von allen Seiten ab und ignorierte das Portrait gekonnt. Er war zu oft mit Beschimpfungen und Diskriminierungen in seinem Leben konfrontiert worden, dass ihn dieser lapidare Versuch an ihm ungehört abprallte.

»Was wird das, Halbblut? Hey! Ich rede mit dir!« schimpfte sie nun doch verärgert. »Lass mein Portrait in Ruhe! Du kannst mich eh nicht abhängen! Haha!«

Sie fühlte sich ihm immer noch überlegen, obwohl Portraits zu gar nichts imstande waren, als sich über Leinwände zu bewegen und die Sätze nachzuplappern, die man ihnen beigebracht hatte. Auch wenn es manchmal anders wirkte, konnten Portraits weder fühlen noch denken. Sie waren ein bloßes Abbild von der Person, denen sie ähnlich sein sollten. Vielleicht hatte Walpurga aber auch hier eine Ausnahme gefunden und die Leinwände mit Magie behandelt.

»Was willst du schon dagegen machen, wenn ich deinen Rahmen weiter anfasse? Stört es dich etwa?« Severus beobachtete ihre Reaktion genau mit hochgezogener Augenbraue.

»Das ist mein Rahmen, Halbblut! Nimm deine dreckigen Finger da weg!« schrie sie ihn schließlich an. Die anderen Personen in ihrem Gemälde scharten sich in einer Ecke zusammen, kurz davor, den Rahmen zu verlassen.

»Oder was?« fragte er, die Lippen zu einem schiefen Lächeln verzogen, das für jeden anderen schon ein schlechtes Anzeichen war.

Nichts passierte.

Wie es anzunehmen war.

Obwohl er den Blacks so einiges an schwarzer Magie zugetraut hätte.

»Leeres Geschwätz«, spottete er und drehte den nervigen Hexen den Rücken zu.

Sirius hatte die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Die Finger in die Haare gekrallt, zog er an den Strähnen, dass sich bereits lose Büschel zwischen den verschwitzten Fingern verfangen hatten.

Severus atmete einmal tief durch.

Jemandem gut zuzusprechen, der sowieso schon in keiner guten Verfassung war, gehörte definitiv nicht zu seinen Stärken.

»Sirius?« fragte er mit gleichgültiger Stimme.

»Haha, der Nichtsnutz hat sich eingenässt!« tönte es von der Wand.

Er streckte nur die Hand nach ihm aus, doch bei der ersten Berührung, zuckte Sirius dermaßen zusammen als hätte Severus ihn mit seiner Hand verbrannt. Misstrauisch äugte Sirius zwischen seinen Fingern hindurch.

Severus kannte den Blick nur zu gut.

Er hatte ihn schon oft bei denen bemerkt, die im Namen des Dunklen Lords gefoltert wurden.

Es war der Blick der blanken Angst.

Unter Sirius hatte sich der Teppich auf der Treppe dunkel verfärbt.

»Verdammt«, fluchte Severus leise.

»Haha! Der Nichtsnutz der Familie! Bepisst sich wie ein Feigling!« trällerten die Portraits hinter ihm in einem unheimlich schiefen Chorus, der zu einem ohrenbetäubenden Crescendo heranwuchs.

Er musste schnell handeln, wenn er den einzigen lebenden Black in diesen vier Wänden aus der Situation befreien wollte. Sein Griff war eisern und wurde instinktiv abgewehrt, aber er ließ nicht locker. Er packte Sirius bei den Handgelenken und zwängte seine Hände soweit auseinander, dass die panischen Augen ihn ansehen mussten.

»Kannst du mich hören?« fragte er langsam. »Nicke, wenn du mich hören kannst.« Sirius zitterte am ganzen Körper, sein Blick wanderte unstet hin und her, aber er nickte. »Gut, ich werde dein Gehör in mit einem Trancezauber belegen, damit deine Ohren das Gekreische nicht mehr wahrnehmen. Du wirst mir runter in die Küche folgen, und da werde ich dich und deinen Hauself versorgen. Nicke, wenn du einverstanden damit bist.«

Sirius' Augen waren glasig vor Angst. Wenn er ihn nicht so schnell wie möglich aus dem Stockwerk entfernte, würde er vermutlich vollkommen durchdrehen. Es war ein stabloser Zauber, den er nutzte, um Sirius' Ohren in eine Blase zu hüllen, die keine Geräusche zu ihm durchdringen lassen würde. Die Blase sah aus wie in der Luft schwebendes Wasser, aber es half. Misstrauisch wagte es Black, aufzuschauen und seinen Blick über Severus' Schulter schweifen zu lassen.

Nur langsam ließ er sich hochziehen.

Die ersten Meter stolperte er. Die Gliedmaßen gehorchten ihm nicht und ließen sich nur schwer über den Boden schleifen wie abgestorbenes Fleisch.

Sirius herunter in die Küche zu bekommen, würde einem Hürdenlauf ähneln.

Severus wusste, dass Sirius ihn nicht mehr hören konnte, also gestikulierte er so lange bis ein Nicken folgte und er davon ausging, dass Sirius ihn verstand.

Black klammerte sich an dem Geländer fest wie an einer Rettungsleine. Severus ging neben ihm her und hielt ihn fest, doch Black schüttelte Severus' Hand ab wie ein bockiges Kind, das sich seine Selbstständigkeit unbedingt selber beweisen wollte.

Ein Stockwerk tiefer sammelte er den mürrischen Hauselfen ein, der sich ebenso sehr wehrte wie sein Hausherr. Eigensinniges Verhalten musste ein übertragener Charakterzug sein, der einen befiel, wenn man sich zu lange in diesem Haus aufhielt.

Der Elf hatte ziemlich scharfe Krallen, und auch wenn ein Arm schlaff an seiner Seite herunterhing, wusste das garstige Biest, sich durchaus zu wehren. Severus hatte großen Respekt vor Hauselfen, denn auch wenn sie wie Sklaven behandelt und geistig klein gehalten wurden, konnte jeder Elf von Geburt an seine Magie so tunneln, dass er keinen Zauberstab dafür nötig hatte.

Anstatt den um sich schlagenden Elfen selbst hochzuheben, ließ er den kleinen widerspenstigen Körper vor sich her schweben.

Es dauerte eine Weile bis sie die Küche erreicht hatten. Nachdem Sirius anfänglich die Stufen beinahe heruntergefallen wäre und sich nicht helfen lassen wollte, wartete Severus am Fuße jeder Treppe darauf, dass der Hausherr ächzend herunter gehumpelt kam.

In der Küche standen die Einkaufstüten noch auf dem Tisch. Er setzte zuerst den Elf auf dem Tisch ab. Um ihn würde er sich gleich noch kümmern, sobald er Black inspiziert hatte.

Die wabernde Blase um seine Ohren zerplatzte mit einer bloßen Berührung durch Severus' Zauberstab.

»Setz dich«, forderte Severus ihn auf.

»Ich lass mir nichts von einem Slytherin befehlen!« maulte Sirius hitzig zurück.

»Dann bleib halt stehen, aber steh mir nicht im Weg!« keifte Severus genau so mies gelaunt zurück.

Er griff in die Innenseite seines Mantels und brachte eine kleine Schachtel zum Vorschein. Die Schachtel wuchs nach einem geflüsterten Wort zu einem großen Koffer heran, den er wie einen Schrank mit Türen aufzog. Darin befanden sich eine Reihe von Phiolen und Tuben, kleine Tiegel, die akribisch beschriftet waren.

Ein medizinischer Duft verteilte sich in der Küche.

Der Elf auf dem Tisch schaukelte und rutschte vor und zurück, um sich selbst vom Tisch zu bugsieren. Ging nur schlecht, wenn man von einem viel größeren Mann festgehalten wurde.

»Hier geblieben!« ermahnte Severus ihn.

»Kein Hausherr! Du hast mir gar nix zu befehlen!« knurrte der Elf zurück und versuchte, sich aus Severus' Griff zu winden, auch wenn es ihm offensichtlich große Schmerzen bereitete.

»Charmant«, bemerkte der Tränkemeister und ignorierte die halbherzigen Fluchtversuche des Elfen. »Wie sein Besitzer...« Der abschätzende Blick galt Black.

Sirius gab darauf nur ein trotziges 'pah!' als Antwort.

Severus verdrehte die Augen.

Dafür würde Remus büßen müssen, dass er ihn hergeschickt hatte - und das an seinem freien Tag!

Sirius schien weitestgehend in Ordnung zu sein. Das Chaos, das ihn manisch werden ließ, herrschte lediglich in seinem Kopf. Aber er blutete nicht und er hatte sich auch nichts gebrochen. Also wandte er sich wieder dem Elfen zu.

»Kannst du den Arm bewegen?« fragte er ihn und hielt ihn einhändig auf der Tischplatte fest.

Kreacher fixierte ihn mit einem grimmigen Blick, der Severus allerdings überhaupt nicht tangierte.

»Ja oder nein?« fragte er weiter, seine Geduld am seidenen Faden.

Der Elf schnaufte angestrengt, aber es passierte nichts. Er wandt sich nicht mehr und wippte auch nicht mehr mit dem Oberkörper.

»Arm tut weh«, erklärte er und schaute den Magier ratlos an.

Severus hob den runzeligen Arm an, was sofort mit einem zischenden Schmerzenslaut quittiert wurde.

Wenn er mehr Medicus Kurse belegt hätte, dann könnte er auch einen ordentlichen Befund feststellen. Aber das Wissen fehlte ihm, also musste er improvisieren.

»Der Arm ist entweder angeknackst oder ausgekugelt. Kannst du die Finger bewegen?« Der Elf drückte leicht seine Hand. »Gebrochen ist also nichts.« Severus versuchte, sich die Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

»Du hast jetzt die Wahl: Entweder ich verflüssige deinen Knochen und gebe dir einen Trank, der den Knochen neu wachsen lässt, oder ich schiene dir den Arm. So oder so ist es nichts, was eben so geheilt werden kann. Mit Schiene dauert die Heilung bis zu 5 Wochen. Mit Magie und Trank dauert es vielleicht ein paar Tage. Beide Methoden sind sehr schmerzhaft«, erklärte Severus mit einer faktischen, vollkommen empathielosen Stimme.

Der Elf starrte ihn immer noch recht mürrisch an als wäge er ab, was das Ganze für ihn zu bedeuten hatte.

»Du würdest Kreacher einen Trank geben?« fragte der Elf ungläubig.

Das war lächerlich!

Dieser Elf war dümmer als die Erstklässler, die nicht verstanden, wieso man seinen Kessel hermetisch abriegeln sollte, wenn man mit giftigen Zutaten hantierte.

»Wenn ich dir keinen Zaubertrank geben wollte, hätte ich es dir nicht angeboten« murrte Severus und bedachte den Elfen mit einem gleichwertig mürrischen Blick. »Also: Was willst du? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, um mich um dich zu kümmern.«

»Lass es einfach bleiben, Schniefelus! Kreacher ist es nicht wert!« Sirius zog die Silben lang und schnörkelnd wie unter Alkoholeinfluss. Er hatte sich mittlerweile am Tischende auf einen Stuhl fallen lassen.

Severus kannte dieses Symptom.

Er hatte es selbst oft genug erlebt.

Wenn der Stress von einem abfiel und man langsam wieder in die reale Welt zurückkehrte, konnte der Abfall des Adrenalinspiegels dazu führen, dass man urplötzlich müde wurde und sich seiner Erschöpfung hingeben wollte. Entweder wurde man dann sehr träge oder sehr tolpatschig und abgestumpft gegenüber äußeren Einflüssen. Black schien zu denen zu gehören, die von Müdigkeit übermannt wurden, und dann lieber mit möglichst schneidenden Kommentaren das Gegenüber zu verletzten oder einzuschüchtern versuchten.

»Halt dich da raus, Black«, knurrte Severus. »Du entscheidest nicht, ob und wem ich meine Tränke verabreiche.« Wieder den Elfen anblickend, brauchte er seine Frage dieses Mal nicht zu wiederholen.

Kreacher wirkte beinahe traurig als er leise sagte: »Kreacher will keine... keine Schmerzen.«

Also die kürzere Variante... entschied Severus.

Mit Schmerzmitteln konnte er den Elf auch hinterher noch vollstopfen.

Er hielt seinen Zauberstab auf den angeknacksten Arm und sprach: »Backium Emendo.«

Der Arm zerfiel zu einer gummiartigen Hülle ohne Knochen. Es wirkte wie ein weichgekochtes Stück Fleisch in der Farbe von grauem Haferschleim. Der Elf sog die Luft erschrocken ein und wollte sich aus dem Griff des Zauberers befreien, doch Severus war darauf vorbereitet und hielt den Elf mit einem Bannspruch an Ort und Stelle.

Mit wenigen Handgriffen faltete er ein Tuch zu einer Schlinge und legte sie dem Elf um den Hals und den knochenlosen Arm in die großflächige Halterung. Ein Glas Wasser wurde mit wenigen Tropfen eines dunkelvioletten Tranks versetzt.

»Trink das und dein Knochen wächst in den nächsten Tagen nach«, orderte Severus an und reichte ihm das Glas zum trinken. Der Elf gehorchte ausnahmsweise ohne zu murren und gluckste während er die Medizin trank. »Du solltest dich hinlegen, Bettruhe beschleunigt die Heilung. Der Körper verbraucht eine enorme Menge an Ressourcen und der Arm wird bis zur vollständigen Heilung nicht zu gebrauchen sein.« Er half dem Elf, vom Tisch herunterzuklettern.

Statt Worte des Dankes zu erhalten, wurde er lediglich mit einem widerspenstigen Starren bedacht bis der Elf sich entschied, die Küche zu verlassen. Wo auch immer seine Kammer war... hatte die Familie Black überhaupt dafür gesorgt, dass die Elfen einen Rückzugsort für sich hatten? Aus Sirius würde er die Information sicherlich nicht herausbekommen. Der derzeitige Hausherr interessierte sich einen feuchten Dreck darum, was der Elf in seinem Haus trieb.

»Du hast deine Zutaten an ihm verschwendet«, kommentierte Sirius. Er hatte den Kopf in seine Hand gestützt und personifizierte die blanke Langeweile.

Von seinem mentalen Zusammenbruch war nicht mehr viel in seiner Mimik zu erkennen.

»Lass das mal meine Sorge sein«, gab er lediglich zurück und griff nach seinen Händen, um sie nach Verletzungen zu untersuchen.

»Hey, was soll das!« keifte Sirius und zog seine Hände wieder zurück.

»Vielleicht kannst du deinen Elfen mit deinem Herumgezicke beeindrucken, Black, aber bei mir musst du dir schon was besseres einfallen lassen.« Severus schob den Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen hoch.

»Na, warte!« Sirius zückte in einer elendig langen Bewegung seinen Zauberstab.

Severus hatte Black bereits entwaffnet, bevor er den Zauberstab überhaupt mit ausgestrecktem Arm auf ihn richten konnte.

Triumphierend hielt er Blacks Zauberstab eine Armeslänge von ihm entfernt und steckte ihn in seinen Ärmel ein. Fordernd hielt er ihm die offene Handfläche hin und wartete.

»Was soll das?« fragte Sirius genervt.

»Du kannst mir entweder jetzt deine Hände geben, damit ich dich verarzten kann, oder ich kümmer mich zuerst um deine durchnässte Hose. So oder so kommst du hier erst mal nicht weg, bevor ich nicht überprüft habe, dass du keine weiteren Verletzungen hast, Black«, kommentierte Severus ernst. »Es ist deine Wahl.«

Sirius reagierte nicht und blieb lieber trotzig sitzen, als könne er sich selbst und Severus damit etwas beweisen.

Der Tränkemeister seufzte.

»Hätte nicht gedacht, dass dein mürrischer Hauself derjenige von euch beiden mit den besseren Manieren ist«, bemerkte Severus. Ein Wink mit dem Zauberstab und wortloser Magie war Sirius' Hose wieder trocken. Der Zauber war natürlich nicht mit einer guten Reinigung mit Wasser und Seife zu vergleichen, aber es würde ihm vorerst jegliche peinliche Situationen ersparen, sollte jemand anderes die Küche betreten.

Gedemütigt vergrub Sirius das Gesicht in seinen Händen.

Wenn er schon seine Hände nicht zur Untersuchung hergeben wollte, konnte er es zumindest so überprüfen. Die Fingernägel waren lediglich blutverkrustet. Das Blut stammte von den Kratzern, die er sich selbst am Skalp zugefügt hatte. Sirius spürte das Kribbeln der Magie, die seine Fingernägel säuberte. Er zuckte dabei leicht zusammen als würde er jeden Moment etwas Schlimmes erwarten.

»Darf ich?«

Die Frage irritierte ihn so sehr, dass er Severus zwischen seinen Fingern hindurch ansah.

»Deine Kopfhaut«, erklärte Severus.

»Es sind nur Kratzer.« Und doch nahm er seine Hände herunter und hielt still während Severus die Kratzer untersuchte.

»Hast du so etwas öfter?« fragte Severus während er in seinem Apothekerschränkchen nach einem geeigneten Mittel suchte. Es landeten drei Tiegelchen auf dem Tisch. Ein Leeres und zwei mit wohl duftenden Salben darin. Mit einem Holzspachtel vermischte er einen Teil beider Salben in dem leeren Tiegel.

»Es war nicht gerade ein Zuckerschlecken, hier aufzuwachsen«, antwortete Sirius und beäugte das Treiben des Tränkemeisters misstrauisch.

Als er zusah wie Severus sich Gummihandschuhe überzog, konnte er sich den Kommentar nicht verkneifen: »Was denn? Ist dir meine Haut etwa zu ekelhaft, dass ich dich anwidere?«

»Die Handschuhe sind dafür da, dass deine selbst zugefügten Wunden nicht noch weiter verunreinigt werden. Oder willst du etwa die Rückstände von diversen Zaubertränken oder anderem Blut, das eventuell an meinen Fingern kleben könnte, in deine Wunde kommen? Nein? Das habe ich mir gedacht. Und nun halt still, das kann brennen«, befahl er recht unsanft und legte die Haare mit einer Hand so beiseite, dass er die Salbe großzügig auf der Wunde verteilen konnte.

Sirius wollte den Kopf wegziehen, doch Severus blieb standhaft und hielt ihn fest.

»Wenn du dich weniger so anstellen würdest, wäre ich schneller fertig.« Er wusste nicht, ob er Sirius' Stolz damit angekratzt oder seine Vernunft erreicht hatte, jedenfalls blieb Sirius sitzen ohne auch nur eine Mine zu verziehen. Er waren vier minimale Kratzer, aber ohne Salbe hätten sie sich leicht entzünden können.

Kommentarlos zog Severus die Handschuhe aus und ließ die Tiegel, Phiolen und all den anderen Kram in seinem Koffer wieder verschwinden. »Du solltest dir die Haare die nächsten Tage nicht kämmen, zumindest nicht so, dass du dir damit über die Kopfhaut schabst, sonst reißt du die Wunden wieder auf.«

»Was geht das dich an?« keifte er ängstlich zurück.

»Du bist wirklich unverständlicherweise einer der wenigen Freunde, die Remus etwas bedeuten, und Remus hat mich gebeten, nach dir zu sehen, während er weg ist«, erklärte Severus und setzte mit einem Grinsen hinzu: »Fürs erste wirst du mich also nicht los.«

»Großartig!« schimpfte Sirius und verdrehte dramatisch die Augen.

Die Schlösser des Koffers rasteten ein und, was eben noch groß war, war auf einmal sehr klein, dass es in Severus' Innentasche passte.

»Glaub mir, ich bin ebenso begeistert wie du. Aber Remus liegt etwas an dir, und er hat etwas angedeutet, dass du nicht bei bester Verfassung sein könntest, so lange du hier alleine bist.« Er griff sich die Einkaufstüten und breitete den Inhalt auf dem Tisch aus.

Es war sehr viel Gemüse darunter - Erbsenschoten, Karotten, ein dicker Knollensellerie, Kartoffeln, Fenchel und Zwiebeln. Dazu gab es eine dicke Speckschwarte und ein paar Würstchen. Tomatenmark, Senf, eine Gemüsepaste und diverse frische Kräuter rundeten die Zutatenliste ab.

»Wenn du etwas siehst, das du nicht magst, dann solltest du es jetzt sagen, sonst landet es im Eintopf. Ich will nicht hören, dass du das nicht essen willst, nur weil etwas drin ist, das du nicht ausstehen kannst«, erklärte Severus, legte seine Jacke ab und krempelte die Ärmel hoch.

Bei den Haken mit den Handtüchern hingen ein paar Schürzen, die Molly nach ihren Besuchen dort vergessen hatte. Jede dieser Schürzen hatte einen überfröhlichen Motivationsspruch in viel zu großen Buchstaben breit über der Brust platziert. Er seufzte innerlich und nahm die mit dem weniger schlimmfröhlichen Spruch darauf.

Sirius konnte sich das Kichern nicht verkneifen.

»Kiss the cook?« gackerte er.

»Das ist keine Aufforderung!« schimpfte Severus und schnappte sich ein Schälmesser. »Also was ist jetzt? Isst du das alles? Oder kann ich mir die Mühe sparen, etwas davon nicht zu schälen und klein zu schneiden?«

»Was ist das da?« fragte Sirius beinahe gleichgültig.

»Das ist ein Knollensellerie.«

»Klingt ekelhaft«, kommentierte Sirius.

»Hast du das denn schon einmal gegessen?« fragte Severus mit einer Engelsgeduld.

»Keine Ahnung.«

»Ok, dann machen wir einfach alles rein. Wenn du etwas davon nicht magst, werden wir es ja erfahren«, beschloss Severus und schob ihm den Sack mit den Kartoffeln vor die Nase.

»Was soll ich damit?« fragte Sirius verwundert.

»Die wirst du jetzt schälen und in kleine Würfel schneiden.« Er hielt ihm ein Schälmesser hin und eine Schüssel. »Die geschälten hier rein. Die Schale in den Eimer.« Mit dem Fuß bugsierte er den Mülleimer neben Sirius Platz.

»Das ist doch nicht dein Ernst?« fragte er immer noch irritiert.

»Dein Elf ist arbeitsunfähig. Wenn du nicht selbst kochst, bleibt die Küche für dich heute kalt.« Er nahm eine Kartoffel in die Hand und setzte den Sparschäler an. »Schale entfernen und mit dem Messer dann in Würfel schneiden. Das ist keine Wissenschaft. Selbst du müsstest das hinbekommen.«

»Haha! Sehr witzig!« antwortete Sirius schnippisch. Wenn der Sparschäler nicht schon darauf ausgelegt wäre, eine möglichst dünne Schale von dem Gemüse abzutrennen, dann würde durch Sirius' wütendes Geschnibbel nur die Hälfte übrig bleiben.

»Und wasch dir vorher die Hände!« ermahnte er Black und griff selbst nach der Seife über der Spüle.

Sirius den Rücken zugedreht, schnitt er zunächst den Bauchspeck und die Zwiebeln in kleine Würfel und ließ dazu ein Stück Butter in der Pfanne aus. Ein Vorteil bei magischen Küchen und Zauberern, die diese zu benutzen wussten: Die Gerätschaft bewegte sich auch von allein, wenn man ihr die Bewegung vorgab. Der Speck und die Zwiebeln durften also von alleine in der Pfanne brutzeln, während ein Holzschaber sie hin und herschob.

Das Brot war bereits schal und vertrocknet, also entschied er sich, ein leichtes Weißbrot zu backen. Brot zum stippen gehörte schließlich zu jedem Eintopf dazu. Das Grundrezept war recht simpel: Mehl - halb weiß, halb Vollkorn, Salz, Hefe, Wasser und wenige Gramm gemischter Kerne.

Der Teig ruhte in einer Schüssel auf dem warmen Ofen als er sich zu Black umdrehte und mit wirklich allem gerechnet hatte, nur nicht das, was sich ihm gerade darbot:

Black hatte die Kartoffeln geschält und sie zu einem Haufen auf den Tisch zusammengeschoben. Die Schale war wie ein Schutzwall vor dem Haufen drapiert, an dem kleine geschnitzte Kartoffelmännchen mit kleinen Erbsenschotengewehren hockten und argwöhnisch das ungeschälte, wilde Gemüse anvisierten. Der Fenchel bildete eine Armada aus kleinen Segelschiffen. Gemeinsam griffen sie das riesige Knollenselleriemonster an, aus dem Karotten samt Grünzeug sprossen.

Severus trocknete sich geistesabwesend die Hände an seiner Schürze ab, während Sirius mit dem Blick eines Unschuldslamms aufsah.

»Was denn? Keinen Sinn für Humor?« fragte er grinsend.

Seufzend setzte er sich mit einem Schneidebrett und einem kleinen Messer an den Tisch und begann damit, die Kartoffeln in Würfel zu schneiden. Die bereits braun angelaufenen Stellen schnitt er großzügig weg.

»Snape, du bist so eine Spaßbremse«, warf Sirius ihm vor.

»Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss, Black, aber ich wurde dazu erzogen, mit Essen nicht zu spielen«, bemerkte Severus und nahm die nächsten Kartoffeln vom Haufen hinter dem Schalenschutzwall.

»Komm schon! Du kannst mir nicht weismachen, dass du nicht ein einziges Mal in deinem Leben eine Essensschlacht begangen hast! Oder aus einer Karotte etwas geschnitzt hast.« Stolz zeigte Sirius sein Kartoffelmännchen, das wohl seinem Standard nach sehr künstlerisch wirken sollte.

»Die Lebensmittel waren abgezählt. Wenn auch nur etwas am Abend gefehlt hat, wurde mit dem Gürtel nachgeholfen, dass die Lektion fürs nächste Mal sitzt.« Er schob die Kartoffelwürfel von seinem Brett in die Schüssel.

Schließlich kam Sirius doch der Aufgabe nach und begann damit, das Gemüse klein zu schneiden. Zuerst demontierte er die Fenchelsegelschiffe und schnitt darauf grobe Ringe. Das Ergebnis konnte sich tatsächlich sehen lassen.

Den Rest der Vorbereitungen verbrachten sie eher schweigsam. Hatte Severus etwa zu viel preisgegeben von seiner Kindheit?

Der Speck war so langsam angebraten worden, dass er noch warm war, als Severus den Suppentopf aufsetzte und das Gemüse in das Wasser warf. Speck und in Scheiben geschnittene Würstchen folgten sogleich.

Sirius schob den Mülleimer unter die Anrichte und legte die Schneidebrettchen in die Spüle.

»Kann ich noch was machen?« bot Sirius sich an und erntete glatt eine skeptisch hochgezogene Augenbraue.

Aber anstelle eines hitzigen Kommentars gab es nur weitere Anweisungen: »Schau mal in den Schränken nach einer Kastenbackform.«

Sirius mochte es zwar nicht zugeben, aber jede Beschäftigung war ihm lieber als bloßes Herumsitzen in diesem heruntergekommenen Haus, in dem es nur vor lauter magischen Wichten und Störenfrieden wimmelte und die Portraits ihn in jeder Ecke des Hauses heimsuchten. Als Ergebnis seiner Suche präsentierte er einen Bräter, einen Blumenkasten - wieso der in der Küche aufbewahrt wurde, gehörte wohl zu den endlosen Rätseln dieses Hauses - eine runde Backform für Tortenböden und eine tatsächlich Kastenform.

Immerhin gab es eine brauchbare Backform und Severus war nicht wählerisch. Der Teig reichte schließlich für zwei Brote. Eins buk in der Form und eins legte er als Rohling auf dem Backblech aus. Zusammen mit dem Bräter landete das Ganze im Ofen. Den Bräter hatte er zur Hälfte mit Wasser befüllt und unter dem Backblech platziert.

Die Küche duftete wunderbar.

Doch es strandete beide mit recht viel Zeit, die sie irgendwie überbrücken mussten.

»Also...«, begann Severus. »Möchtest du reden?«

Sirius schnaufte. Die Augenbrauen waren so weit hochgezogen, dass sich seine glatte Stirn in eine Brandung von Falten legte. Wenn Severus es nicht besser wüsste, würde er meinen, Sirius mache sich über ihn lustig.

»Mit dir?« fragte Sirius schließlich zweifelnd.

Severus wirkte einen Zauber, damit sich das Geschirr von selbst spülte, und entgegnete ihm dann: »Ich kann dich auch wieder mit deinem mürrischen Hauselfen und den garstigen Portraits im Flur allein lassen. Es ist deine Entscheidung.«

»Verzeih mir, aber du bist nicht wirklich meine erste Wahl, mit der ich sprechen würde.« Sirius kicherte immer noch, obwohl das Lachen schon längst seine Lippen verlassen hatte.

»Wir kriegen nicht immer das, was wir wollen. Leute wie wir, müssen das nehmen, was sie kriegen können«, erwiderte Severus. Er hängte die Schürze zu Mollys anderen quietschbunten Schürzen und verschränkte die Arme als er sich gegen die Anrichte lehnte.

»Leute wie wir?« wiederholte Sirius leise. »Glaub mal ja nicht, dass wir vom gleichen Schlag sind, du und ich... Schniefelus!« Die letzten Silben spie er mit so viel Gift aus, wenn er seinen Zauberstab hätte, dann wäre sicherlich noch ein unschöner Spruch gefolgt. Aber Severus hatte seinen Zauberstab und somit tat er es als bloße Provokation ab.

»Du hast mich schon richtig gehört, Todesser!« Sirius kam ihm gefährlich nahe. »Ich bin und werde nie so einer sein wie du! Hast du mich verstanden? Ich bin nicht übergewandert und habe mit den Vergewaltigern und Dieben unter einer Decke gesteckt! Ich habe nicht zugesehen und nichts dagegen unternommen, während andere ermordet wurden.« Er ging rückwärts, nur um Severus nicht aus den Augen zu lassen. »Glaub ja nicht, nur weil Remus dir das verzeihen kann, dass du jemals so sein wirst wie ich! Also stell uns nicht auf die gleiche Stufe!«

Sirius stand schon bei der Tür und wollte ihm den Rücken zukehren, als Severus das Wort ergriff: »Im Gegensatz zu dir habe ich nie in meinem Leben auch nur versucht, jemanden umzubringen, und meinen angeblich besten Freund dafür verantwortlich zu machen.« Er hatte sich keinen Zentimeter gerührt oder gar seine Verachtung offen auf seinem Gesicht zur Schau getragen als Sirius ihn wieder ansah.

»Das hast du jetzt nicht gesagt«, zischte Sirius unter bebendem Atem. »Reiten wir wieder auf den alten Geschichten rum, ja?«

»Schau an, du bist heute wieder ein Genie in Kombinieren, Black«, spie Severus nun genau so giftig zurück.

»Das war EIN EINZIGER FEHLER! Und Remus hat ihn mir verziehen! Das war deine eigene Schuld! Warum bist du auch da hingegangen? Hätt er dich nur...«

»Den Satz solltest du lieber nicht beenden, Black«, unterbrach Severus ihn.

»Oder was? Machst du dann mit mir das, was sie mit dir letztens angestellt haben?« fauchte Sirius irrational zurück.

Severus hielt kurz inne und atmete tief durch. Das führte zu nichts.

»Wir alle haben Fehler in unserem Leben gemacht. Ich büße seit 15 Jahren jeden Tag für den einen Fehler, den ich begangen habe. Kannst du das auch von dir behaupten, Black?« fragte Severus mit erhobenem Haupt. Sein Blick glitt an seiner Nase entlang auf Sirius hinab.

»Ach, so ist das also... Du willst eine Entschuldigung, richtig?« Sirius kam um den Tisch herum auf ihn zurück gestackst. »Du wirst sie nicht bekommen!«

»Ich will deine Entschuldigung nicht, Black. Deine Entschuldigung ist von keinem Wert für mich«, entgegnete er ihm seelenruhig und kalt.

»So?« zischte Sirius und bleckte die Zähne. »Was willst du dann?«

Viel zu gelassen kehrte Severus ihm den Rücken zu und befüllte einen Wasserkessel, um ihn neben den Suppentopf auf den Herd zu stellen.

»Was wird das jetzt wieder?« fragte Sirius irritiert.

»Ich koche Tee. Ist das so merkwürdig?« fragte Severus und holte zwei Tassen aus dem Schrank und dazu eine Schachtel mit Mollys Gebäck. Die Frau backte wohl tagaus tagein ohne Pause. Im Haus würde man noch ihre Kekse in irgendeiner Ecke oder Schublade finden, wenn sie alle schon lange gestorben waren.

Tassen, Gebäck, eine recht altmodische Porzellanteekanne mit losem Tee in einem Tee-Ei und ein Zuckerdöschen landeten auf dem Tisch.

»Du setzt dich jetzt hin, und sagst mir einfach alles, was du mir jemals an den Kopf werfen wolltest. Jede Schandtat, die ich begangen haben soll, jeden Spruch, den ich dir oder deinen Freunden entgegengeschleudert haben soll... Einfach alles«, erklärte Severus und ignorierte gekonnt den entgeisterten Blick, mit dem Sirius ihn bedachte.

»Was soll das werden? Ein Kaffeekränzchen mit Seelenstriptease?« keifte Sirius zurück, allerdings weniger bissig als zuvor.

»Du sagst mir, was dich an mir stört. Dann werde ich dir sagen, was mich an dir stört. Keine Zauberei erlaubt, ich habe ohnehin deinen Zauberstab, Black.« Severus wies auf den Tisch hin. Die Tassen waren so arrangiert, dass sie sich gegenüber sitzen würden.

»Und woher soll ich wissen, dass du dann mit deinem neu errungenen Wissen nicht gleich hausieren gehst?« fragte Sirius misstrauisch.

»Ich bin mit Remus seit über einem Jahr liiert. Hast du mich jemals davor darüber sprechen hören? Außerdem würde Remus mir die Hölle unterm Arsch heiß machen, wenn ich dir auch nur ein Haar krümmen sollte.«

Der Kessel pfiff und Severus füllte das Wasser in die altmodische Teekanne mit dem blumigen Muster um und hängte das Tee-Ei hinein.

»Du kannst dich also heimlich deinem Alkohol hingeben, oder deinen Hauselfen tyrannisieren während dich die Portraits im Flur auslachen, oder du kannst hier in der Küche mit mir sitzen, eine Tasse Tee trinken und reden.« Severus wartete nicht erst darauf, dass Sirius sich setzte. Er nahm vor ihm platz und stellte eine kleine Sanduhr neben die Teekanne. »Wie ich es dir bereits gesagt habe: Es ist deine Wahl.« Er bedachte Sirius mit einem neugierigen Blick aus den Augenwinkeln. »Du bist aus Askaban entkommen. Der Orden weiß, dass du die Muggel nicht umgebracht hast. Mach was aus deinem neu gewonnenen Leben, Black!«

Hastig setzte Sirius sich ihm gegenüber und rang nervös mit seinen Händen. »Also gut! Du willst wissen, was ich an dir nicht ausstehen kann, ja? Ich kann deine arrogante Art nicht leiden! Ich kann die Leute nicht ausstehen, mit denen du abhängst! Du liebst die dunklen Künste! Schwarze Magie! Das ist verboten! Das ist illegal! Und du bist durch und durch Slytherin!« floss es in einem Schwall purer Hysterie aus ihm heraus.

»Ich bin nicht der einzige Slytherin in unserem Jahrgang gewesen und wahrlich nicht der einzige, der sich für die dunklen Künste interessiert hatte«, erwiderte Severus ruhig. »Warum also hattest du es so auf mich abgesehen?«

»Ich... ich weiß es nicht...« wich Sirius ihm aus.

»Unsinn! Du weißt genau, warum du unter allen Slytherin auf ganz Hogwarts nur mich auf dem Kieker hattest. Wieso vergeudest du meine Zeit mit Lügen?« unterbrach er ihn barsch.

»Du hast all das verkörpert, was meine Familie mir die ganze Zeit eintrichtern wollte...«

Die Sanduhr war durchgelaufen.

Severus angelte das Tee-Ei aus der Kanne und schenkte ihnen beiden ein.

Die Tasse wärmte seine kalten Hände. Bedächtig blies er den Dampf über den Tassenrand hinweg und nahm testweise einen ersten Schluck. »Was hat dir deine Familie eintrichtern wollen?« hakte er nach.

»Die Unantastbarkeit der Achtundzwanzig. Hass gegen Muggel und alles, was mit Muggeln zu tun hat. Unaussprechliche Überheblichkeit, weil Zauberer ja was besseres wären. Schau dir an, was die Muggel in der Zwischenzeit alles erschaffen haben... und wir hängen mit unseren Erfindungen noch im tiefsten Mittelalter! Sie hatten mir eingebläut, dass ich ein Slytherin zu sein habe. Alles andere würde nur die Familienehre beschmutzen. Ich habe alles an ihnen und das, wofür sie einstanden, gehasst. Und dann kamst du im Zug daher und hast mit deiner unheimlich naiven und blauäugigen Art davon geschwärmt, dass Slytherin das beste Haus wäre!« Sirius drehte die Tasse vor sich rundherum.

»Wir hatten also einen denkbar schlechten Start... das ist noch kein Grund für sieben Jahre Schikane, oder?« fragte Severus.

Der Tee war wirklich eine gute Idee. Die Wärme und das Aroma beruhigten seine Nerven.

»Nein, das war es nicht«, gab Sirius schließlich zu. »Aber es war ein Anfang.«

Beide tranken schweigend ihren Tee.

Nach einer Weile unternahm Severus einen zweiten Versuch: »Also... Was ist heute passiert? Ich komm her und finde deinen Hauself verletzt vor, während du die Treppenstufen besudelst... Selbst für deine Verhältnisse ist das nicht normal. Das musst selbst du zugeben.«

Sirius zögerte als wäge er ab, ob er sich ihm anvertrauen sollte oder nicht.

»Dir ist klar, dass Portraits keine magischen Fähigkeiten haben, oder macht deine Familie da einen Unterschied?«

»Sei nicht albern!« schimpfte Sirius. »Die Portraits sind nur garstige Abbilder, die einfach nicht die Klappe halten können...«

»Wieso ist dein Elf dann verletzt? Ich glaube kaum, dass er sich das selbst zugefügt hat«, bohrte Severus tiefer in der Wunde herum.

Sirius Kopf hing über seiner Teetasse, seinen Blick in der dunklen Flüssigkeit verlierend.

»Wie ich schon gesagt habe... Es war nicht schön, in diesem Haus als Kind aufzuwachsen. Die Portraits können nur reden, aber meine Mutter hat viel Zeit dafür aufgebracht, um ihnen schneidende Kommentare und Beleidigungen beizubringen. Viele waren speziell auf mich zugeschnitten«, erinnerte Sirius sich und Severus konnte nur ahnen, wo das Ganze hin führte.

»Deine Familie hat es nicht gut aufgenommen, als du in Gryffindor eingeteilt wurdest, nicht wahr?« sprach Severus, obwohl er sich die Antwort schon denken konnte.

Sirius stieß ein humorloses Lachen aus. »Ich weiß nicht, wie sie es erfahren haben... ob es die Eltern alle mitgeteilt bekommen, oder ob sie die Information extra erfragen können. Ich habe wirklich keine Ahnung... Sie haben es sehr schnell herausgefunden. Die Reaktion kam in der zweiten Woche per Heuler vor dem Frühstück.«

»Die Hauslehrer informieren die Eltern bzw. den Vormund, in welches Haus ihr Kind oder Zögling eingeteilt wurde. Dazu müssen die Eltern noch nicht einmal nachfragen. Manche Eltern übertreiben es und wollen es direkt nach der Einteilung erfahren. Die Briefe gehen aber erst am Ende der ersten Woche raus«, informierte Severus ihn. »So wird es jedenfalls zur Zeit gemacht. Mir liegen keine Informationen vor, wann diese Tradition eingeführt wurde.«

»Das erklärt so einiges«, sinnierte Black und starrte ins Leere. »Der Heuler hat mich direkt geweckt und lächerlich gemacht vor den anderen Schülern. James hat mich gleich unter seine Fittiche genommen. Er kam mir so viel stärker vor... Ich habe ihn dafür bewundert. Er hat versucht, mir Mut zuzusprechen. Ich hatte den Schritt mit voller Überzeugung gewagt... aber als dann der Heuler eintraf, hatte ich fürchterliche Angst vor den Ferien...«

»Du wirst hier für die nächste Zeit sicher sein...« begann Severus. »Zumindest vor der Welt da draußen, aber nicht hier drin.« Er deutete auf seinen Kopf.

Wieder verfielen sie in ein Schweigen über ihren Teetassen. Nur war es jetzt nicht mehr ganz so unangenehm.

»Ich war bei der Säuberungsaktion nicht dabei. Warum habt ihr die Portraits nicht von der Wand bekommen?« wollte Severus schließlich wissen.

»Meine Mutter hat vor ihrem Ableben dafür gesorgt, dass das Haus für mich unbewohnbar ist. Sie wusste, dass das Haus an mich gehen würde, allein schon durch mein Geburtsrecht, aber sie wollte, dass ich es nicht nutzen oder verkaufen kann.« Sirius trank seine Tasse aus. »Nicht einmal Dumbledore konnte die Flüche brechen, die alles an den Wänden halten, was vorher dort normal aufgehangen wurde. Selbst die Poster in meinem alten Zimmer kriegt man nicht mehr von der Wand...«

»Vielleicht muss man den Fluch nicht brechen...« murmelte Severus mehr zu sich selbst.

»Und warum sollte es dich interessieren?« fragte Sirius spitzfindig und beobachtete ihn argwöhnisch.

Anstatt direkt zu antworten war Severus aufgestanden, um nach dem Brot zu sehen. Die Kruste war goldbraun und beide Laiber waren gut hochgegangen. Die Ofentür öffnete sich von selbst und die zwei Brote schwebten zur Anrichte, wo ein großes Handtuch sich über sie legte. Es duftete herrlich würzig.

»Ich bin durchaus in der Lage, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu differenzieren. Und wenn ich über unsere Differenzen zumindest vorübergehend hinwegsehen kann, dann kannst du das auch!« begann Severus. Er schmeckte den Eintopf ab und würzte noch mit Salz und Pfeffer nach ehe er die Hitze runter drehte und den Topf wieder abdeckte.

»Differenzieren, ja?« spie Sirius argwöhnisch aus. »Und wer reitet dann auf alten Geschichten herum?«

Severus stand beim Schrank mit dem Geschirr als er sich Sirius zuwandte und sich grade gerichtet aufbaute. »Ich sagte differenzieren, nicht vergessen. Ich kann weiterarbeiten mit dem Wissen, dass mir hier jemand gegenüber sitzt, der mich lieber tot gesehen hätte und vielleicht auch immer noch gerne so sehen möchte. Jeder von uns hat eine Aufgabe zu erfüllen, Black. Meine ist es, dann zu funktionieren, wenn jeder andere sich vor Angst in die Hose scheißen würde, wenn ich bei jedem Treffen dem Tod direkt ins Gesicht lügen und alles daran setzen muss, dass ich nicht auffliege. Wenn du für den Orden nützlich sein willst, musst du bei klarem Verstand sein.«

»Ach! Und das bin ich nicht? Wie kannst du es wagen!« Sirius schoss von seinem Platz hoch und wollte nach seinem Zauberstab greifen, bis ihm einfiel, dass Severus eben jenen konfisziert hatte.

»Sag mir, wie der Orden auf jemanden zählen kann, der in seinem eigenen Haus manische Episoden durchlebt, weil ein paar dumme Portraits auf ihn einreden? Allein das ist der Grund, warum es mich interessiert! Glaub mal ja nicht, dass ich mit dir anbandeln will. Fürs Händchen halten musst du dir jemand anderen suchen, Black! Also entweder wir legen unseren Konflikt so lange aufs Eis bis der Dunkle Lord endgültig besiegt wurde oder du stellst dich quer und trägst nichts zum Erfolg des Ordens bei. Die Entscheidung liegt bei dir.« Vollkommen unbeirrt begann er damit, den Tisch zu decken.

»Was soll das werden?« fragte Sirius irritiert.

»Ich gehe davon aus, dass dir das Prinzip von Kochen und Verzehr bekannt ist. Sonst wäre die Prozedur, die wir den ganzen Abend hier aufgeführt haben, völlig umsonst gewesen.« Severus grinste beinahe hämisch.

Er liebte es, Sirius zu verwirren, und im Moment war dieser sehr verwirrt über dieses ambivalente Verhalten. Vermutlich hatte noch nie jemand mit ihm ein Streitgespräch geführt, das trotz allem ohne Mord und Totschlag endete und stattdessen zivilisiert in ein Abendessen überging.

Sie saßen sich schweigend gegenüber.

Das Klacken von Besteck auf Porzellan war zeitweilig das einzige Geräusch neben dem Ticken der Uhr, das die Stille durchbrach.

Zu Sirius' Verwunderung hatte Severus Kreacher mit einer ordentlichen Portion versorgt, nachdem er herausgefunden hatte, dass der Elf sich in der Besenkammer unweit von der Küche entfernt in eine Kiste zurückgezogen hatte.

Die Teller waren schon fast leer als Sirius' Stimme die Stille durchschnitt: »Meine Eltern haben mich regelmäßig auf einen Stuhl gesetzt und vor den Portraits postiert. Der Stuhl war verhext, ich konnte mich nicht davon lösen und einfach weggehen. Während sich die Familie mit irgendwelchen reichen Reinblütern im Salon amüsierte, haben die Portraits stundenlang auf mich eingeredet und mich fertig gemacht. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass sie das richtige Vokabular drauf hatten, damit sie das Ziel auch ja nicht verfehlten.«

Severus hatte seinen Löffel abgelegt und wischte mit einem Stück Brot in sehr langsamen Bewegungen die letzten Reste des Eintopfs von seinem Teller.

»Du wirst doch einiges sicherlich mitbekommen haben. Du warst schließlich oft mit Regulus zusammen«, fuhr Sirius fort.

»Wenn ich mich recht entsinne, hat er nie über seine Familie gesprochen, weil sie es ihm verboten hatten«, erklärte Severus.

»Verboten?« hakte Sirius irritiert nach. »Das hätte zu ihnen gepasst. Hauptsache den Schein nach außen wahren.«

Den Tisch räumten sie schweigend ab.

Beide wussten, dass sie sich im Grunde genommen nicht viel zu sagen hatten, und das, was sie sich zu sagen gehabt hätten, würde das Haus in Schutt und Asche legen.

»Also«, brach Sirius das Schweigen. »Hast du vor hier zu bleiben?«

Skeptisch schob sich eine Augenbraue auf Severus' Stirn empor. »Was denn? Kein schnippischer Kommentar, dass ich mich zum Teufel scheren soll? Das letzte Mal hast du doch eisern drauf bestanden...« erwiderte Snape.

»Es gibt kein Ordenstreffen. Niemand sonst ist hier außer uns zwei. Ich wüsste nicht, was du mit mir zu tun haben wolltest. Du kannst deine Zeit überall verbringen! Warum also ausgerechnet hier?« fragte Sirius und dieses Mal schwang weniger Gift in seiner Stimme mit. »Und komm mir ja nicht mit dieser Babysitterscheiße an!«

»Glaub mir, ich war genau so wenig begeistert wie du jetzt... und doch würde ich gerne bleiben.« Severus hängte das Handtuch zum trocknen am Ofengriff auf.

»Warum?« Sirius wollte anscheinend nicht locker lassen.

»Auch wenn du es nicht wahr haben willst: wir haben etwas gemeinsam, Black.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen!« spie Sirius aus. »Was sollte ich mit dir bitte gemeinsam haben?«

»Unsere gemeinsame Sorge um Remus.«

Ruckartig wandte Sirius sich von ihm ab. Seine Schultern bebten leicht... lachte er ihn aus oder...?

»Auch wenn es dir nicht passt, und Remus mich hier nur mit dem Vorwand hergeschickt hat, um auf dir ein Auge zu haben, bist du die einzige Person, mit der ich meine Sorge teilen kann. Du bist die einzige Person, mit der ich darüber reden kann. Es sei denn, du willst nicht, dann kann ich auch gehen, und dich mit deinen schimpfenden Portraits hier allein lassen.« Severus verschränkte die Arme vor der Brust als er seine Karten auf den Tisch gelegt hatte.

»Ich bin nicht der einzige«, warf Sirius trotzig ein.

»Um Merlins Willen, das bist du leider nicht. Aber du bist die einzige Option.«

Empört von den Worten warf Sirius ihm einen wütenden Blick zu.

»Dumbledore will uns auseinander bringen, Narcissa steht außer Frage. Bleibst also nur noch du. Also... was sagst du? Waffenruhe?« fragte Severus und hielt ihm die offene Hand hin.

Sirius' Blick schwankte skeptisch zwischen Severus und der ihm angebotenen Hand hin und her. Nach kurzem Zögern schlug er dann doch ein. »Heißt das nicht Waffenstillstand?« fragte er ein wenig irritiert.

»Ein Waffenstillstand - in der Muggelwelt - ist vertraglich festgelegt. Die Waffenruhe dagegen nicht. Man beschließt damit lediglich eine vorübergehende Unterbrechung der Kampfhandlungen... Wir sind uns nicht gerade grün, Black.«

»Das ist eine maßlose Untertreibung«, schnaufte Sirius und war doch überrascht als Severus ihm seinen Zauberstab wieder zurückgab. »Du kannst Remus' Raum haben. Ich nehme an, ich muss dir den nicht erst noch zeigen...«

Severus grinste schief.

»Hab ich mir gedacht.« Sirius wollte es gar nicht erst tiefer ergründen.

oOo

Bevor er die Augen öffnete, horchte er in die Leere seines Zelle hinein. Es war so ungewohnt still, dass die Angst sich automatisch aus dem Nichts ins Unermessliche torpedierte. Er spürte wie sein Herzschlag sich verdoppelte. Die einsetzende Panik schnürte ihm die Luft zu.

Warum hörte er niemanden schreien?

Es schrie doch permanent jemand! Sei es vor Angst, aus Frust, oder weil sie dem Wahnsinn verfallen waren. Der andauernde Lärm hatte sich inzwischen so dermaßen in sein Gehör gebrannt, dass er glaubte, die Schreie auch im Schlaf zu hören.

Aber jetzt war da nichts!

Er horchte weiter mit geschlossenen Augen und versuchte, das auch nur kleinste Geräusch zu entdecken.

Was er schließlich hörte, war penetrantes Gezeter, das aber keineswegs von einer gequälten Seele stammte.

Dann fiel es ihm auf:

Er spürte keinen kalten Steinboden unter seinen Gliedern. Seine Schultern schmerzten nicht von dem harten Untergrund. Seine Knochen taten ihm schon noch weh, aber diese Schmerzen waren nicht mehr als eine bloße Erinnerung der jahrelangen Qual.

Unter seinen Fingern fühlte er feines Leinen. Sein Kopf war auf einem weichen, dicken Kissen gebettet und er spürte eine warme Decke, die seinen Körper umschmiegte.

Das konnte doch nur ein Traum sein!

Sein Geist spielte ihm eine Fantasiewelt vor, weil er nicht mehr mit der Realität zurechtkam.

War es um ihn herum geschehen? Hatten ihn die Dementoren nun doch erwischt?

Er horchte noch einmal nach dem Gezeter, das unweit von ihm entfernt stattfand. Es war ein Streitgespräch der piekfeinen Art, so wie seine Familie und ihre Bekannten untereinander sprachen, wenn sie sich über Muggel oder unfähige Hauselfen unterhielten.

Nun war er doch neugierig.

Neugierig und hungrig. In seinen üblichen Wachträumen spürte er normalerweise keinen Hunger.

Seine Augen brauchten eine Weile bis sie sich an die ungewohnte Helligkeit gewöhnt hatten.

Er war in seinem alten Zimmer.

Das Bett war ihm längst zu klein geworden. Seine Füße baumelten am Bettrand herunter.

Zwischen dem Fußende und der Kommode an der gegenüberliegenden Wand war nur ein schmaler Spalt, durch den man entlanggehen konnte. Das war so typisch für seine Eltern gewesen. Warum sollten sie das Zimmer auch magisch erweitern, wenn er ohnehin der verstoßene Sohn und Schandfleck der Familie war?

Wenn das ein Wachtraum war, konnte er durchaus darauf verzichten. Selbst Askaban war ein angenehmerer Ort als sein Elternhaus.

Erst langsam erwachte sein Bewusstsein wieder und er erkannte, dass es sich tatsächlich um keinen Traum handelte.

Er war zeitgleich erleichtert wie entsetzt.

Nie hätte er sich ausmalen können, dieses verdammte Haus jemals wieder zu betreten.

Es war noch früh am Morgen.

Die Sonnenstrahlen hatten sich noch nicht durch das Fenster gewagt. Ein Blick nach draußen sagte ihm, dass es nicht mehr lange dauern würde bis die Sonne über die Dächer schimmern würde.

Als Sirius sich aus seinem Bett schälte hörte er schon das Gezeter vom Flur durch die dicke Eichentür. Eben jener Streit, der ihm klar werden ließ, dass er sich nicht in Askaban befand.

Alles andere hatte er schon längst erträumt und halluziniert während er in seiner Zelle dahin siechte, aber egal wie wunderschön sich das Bett unter seinen Gliedern anfühlte, oder wie warm die Sonne auf sein Gesicht strahlte, es waren immer die Schreie und das Geheul, die ihm offenbarten, wo er tatsächlich war.

Er öffnete die Tür einen Spalt breit und lugte vorsichtig hinaus. Von seinem Zimmer am Ende des Flurs hatte er einen guten Blick auf den Treppenaufgang und die fürchterlich garstigen Gemälde.

Vor einem davon stand eine schwarz gekleidete Figur, die mit ihren Fingerspitzen die Beschaffenheit der Portraits untersuchte und die Beschimpfungen komplett ignorierte... Schniefelus?

Erst jetzt fiel ihm der vergangene Abend wieder ein. Er hatte zusammen mit Severus Snape in der Küche gekocht.

Er! Sirius Black! Hatte mit den eigenen Händen Gemüse geschält und geschnitten und anschließend Schniefelus gegenüber gesessen und gemeinsam gegessen!

Eine solche Welt konnte nicht einmal der kühnste Wachtraum erschaffen!

Den Schlaf noch in den Knochen spürend schlich er sich hinaus auf den Flur, nur mit einer Pyjamahose bekleidet.

»Nette Gesellschaft, nicht wahr?« war das einzige, was ihm zu der Szene einfiel.

Severus fuhr unbeirrt mit den Fingern über den vergoldeten Rahmen hinweg. Wenn er Sirius bemerkt hatte, so ließ er sich nichts anmerken.

Sie standen vor dem Gemälde von Sirius Black, I., der 1853 im Alter von nur sieben Jahren verstorben war. Obwohl er noch so jung war und vermutlich noch viel jünger auf dem Portrait, stand er den anderen Portraits in Sachen Beschimpfungen in nichts nach. Hinter dem Jungen hatte sich ein Mann ins Gemälde gedrängt, der ursprünglich nicht da rein gehörte. Er bedachte die beiden Zauberer mit einem scharfen Blick, der nichts Gutes bedeuten konnte.

»Alles nur eine Frage der Oberfläche«, murmelte Snape schließlich und holte Sirius wieder aus den Tiefen seines Familienstammbaums zurück.

»Was?« fragte er irritiert.

»Die Beschaffenheit des Materials«, murmelte Severus wieder leicht verklärt. Man konnte ihm beim Denken regelrecht zusehen.

»Nur, weil du es in andere Worte packst, heißt das noch lange nicht, dass es damit erklärt ist«, nörgelte Sirius dünnhäutig.

Severus warf ihm einen Seitenblick zu, und obwohl er Sirius von oben bis unten musterte, kommentierte er nicht dessen Aufmachung. Stattdessen zog er einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln empor und wirkte von sich übermäßig überzeugt.

»Ich habe eine Idee«, war alles, was er dazu sagte.

Die Idee beinhaltete, dass Sirius sich in seine Animagusform versetzen sollte. Als Severus dann versuchte, ihm ein Halsband und eine Leine anzulegen, wäre es beinahe zu einem sehr bissigen Eklat gekommen.

»Wir gehen nach draußen, und frei herumlaufende Hunde werden in der Muggelwelt eingefangen und in Tierheime gesteckt. Mit der Leine wirst du weniger auffallen.«

Hastig stülpte er das Halsband über Tatzes Kopf.

Ohne auf die Reaktion Tatzes abzuwarten, zückte er eine Phiole aus seiner Manteltasche und ein Haar aus einer Schachtel hervor. Das Haar landete in der Phiole. Die Flüssigkeit reagierte sofort mit dem Haar und färbte sich von glasklar zu giftgrün.

Severus trank einen Schluck davon und nahm sogleich die Gestalt einer anderen Person an - jemanden, den Sirius nicht kannte. Vermutlich war es ein unscheinbarer Muggel gewesen, dem Severus die Haare auf irgendeine unauffällige Weise entnommen hatte. Er hatte auf einmal eine gesünder wirkende Haut, leicht gebräunt. Der Körperbau war etwas gedrungener aber nicht weniger drahtig. Das ovale, leicht langgezogene Gesicht war umrahmt von rotblonden kurzen Locken, die nahtlos in einen Vollbart übergingen.

Sirius hätte am liebsten laut losgelacht! In seiner Animagusform blieb ihm jedoch nichts anderes übrig als zu schnaufen und sich zu schütteln.

»Lach du nur, Flohpelz!«

Ein Kläffen folgte als Antwort.

Ein Wink mit dem Zauberstab ließ Severus' Kleidung in eine mehr muggelartige und unauffällige Art transformieren. Mit blauer Jeanshose, einem roten Pullover und einer leicht fleckigen Jacke, war auch die letzte Erinnerung an Severus Snape verschwunden.

»Wir müssen zuerst zu einem Geldautomaten und dann zum nächsten Baumarkt.« Nicht einmal mehr seine Stimme erinnerte noch an Severus Snape. Die Stimme klang höher, wärmer, und ließ ihn zehn Jahre jünger wirken.

Tatze war so von der veränderten Stimme abgelenkt, dass er nicht mitbekam, was Severus gerade eben gesagt hatte.

Der Rotblonde führte den Hund durch die Tür hinaus auf die Straße.

»Du solltest es dir zweimal überlegen, ob du aus der Reihe tanzen willst oder unauffällig bleiben willst, Black«, murmelte der Mann ohne zu ihm hinunter zu blicken.

Es war zwar noch früh am Morgen, aber die Straßen waren bereits sehr geschäftig. Autos blieben stecken, weil Lieferanten in der zweiten Reihe geparkt hatten. Das Gehupe tat in den Hundeohren besonders weh, so dass er winselte.

Severus bog in die nächste Seitengasse ein und apparierte beide an einen anderen Ort, der nicht weniger geschäftig wirkte. Er hatte sie in einen Abstellraum appariert und trat nun schnell hinaus, dicht gefolgt von dem schwarzen, zotteligen Hund, den man leicht mit einem irischen Wolfshund verwechseln konnte.

Niemand beachtete sie, auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich war, dass jemand aus diesem Raum treten würde. Severus ging entschlossen einen Gang hinunter, der in einer großen Halle mündete.

Die Menschen ignorierten sie. Sie standen an Schaltern Schlange oder füllten an großen Stehtischen geflissentlich Formulare aus. Da hatten sie keine Zeit und keine Aufmerksamkeit übrig für einen unscheinbar aussehenden Mann mit seinem Hund.

Er ging weiter in einen anderen Raum, der auch direkt zum Ausgang führte. Die Glastüren stoben automatisch auseinander bevor sie beide dagegen geprallt wären. Tatze wich zunächst erschrocken zurück und zerrte an der Leine.

»Noch keine Türen gesehen, die sich automatisch öffnen?« fragte Severus ihn und blieb kurz stehen. »Es hat schon Vorteile, in beiden Welten aufzuwachsen. Und jetzt komm.«

Er zog kurz an der Leine und ging weiter.

Der Raum, in dem sie stehen blieben, war offen hin nach vorne mit großen Fensterfronten versehen, die den Raum in Licht fluteten. Auch hier gab es wieder Menschen, die in Warteschlangen anstanden, und Severus reihte sich in einer davon ein.

Es kam keine Erklärung, was sie hier zu tun hatten und was es mit den Portraits im Grimmauldsplace zu tun hatte, aber Sirius war froh für ein wenig Abwechslung.

Die vielen Menschen um ihn herum machten ihn jedoch nervös. Er setzte sich direkt zu Severus' Füßen hin und drängte sich leicht an dessen Bein. Vorrücken, stehen bleiben, vorrücken, stehen bleiben.

Ungeduldig fing er an zu winseln, beruhigte sich aber gleich wieder als ihn spindeldürre Finger hinter seinem Ohr kraulten. Er schaute hinauf zu dem rotblonden fremden Gesicht, das starr geradeaus auf das Ende der Warteschlange gerichtet war.

Sie waren die nächsten.

Die Menschen standen an, um an einer Wand etwas zu machen, was Sirius überhaupt nicht verstand. Was war an dieser Wand so tolles dran? Sie war komplett mit einem matten Metall verkleidet und es gab Einbuchtungen, in denen eine Scheibe flackerte und piepte.

Sirius hatte keine Gelegenheit, sich weitere Gedanken über diese Eigenartigkeit zu machen, denn sie waren die nächsten.

Severus trat dicht an die Einbuchtung heran und zog aus seiner Mantelinnentasche eine Karte heraus. In der Wandeinbuchtung gab es einen Schlitz, der die Karte einzog. Das war ihm wirklich sehr suspekt. Er setzte sich an seine Hinterbeine und lehnte seine Pfoten auf dem Panel, was Severus gleich wieder unterband. Er spürte wie seine Pfoten weg gehoben und festgehalten wurden. Severus presste ihn an sich, dass er zwar nicht mehr mit seinen Pfoten auf dem Panel stand, aber immer noch drauf schauen konnte.

»Neugierig?«

Hatte er Severus tatsächlich gerade lachen gehört?

Das war etwas, das er sich für später aufheben würde. Jetzt starrte er erst einmal auf das, was sich in der Einbuchtung befand. Rechts war der Schlitz, der die Karte gefressen hatte und vor ihnen war eine flackernde Scheibe - ähnlich wie der Fernseher, den Remus ihm mitgebracht hatte. Das flackern tat in seinen Augen weh. Vor dem Bildschirm waren Knöpfe eingelassen, auf denen Severus jetzt eifrig herumtippte. Sirius konnte gerade noch erkennen, dass Severus 100 Pfund 'abheben' wollte. Er verstand allerdings nicht, von wo er die Gewichte heben wollte?!

Das Panel ratterte und kurze Zeit später spuckte es die Karte wieder aus und dazu noch ein paar Scheine, die Severus schnell einsteckte.

»Komm, wir gehen«, erklärte er recht wortkarg und trat mit ihm auf die Straße hinaus.

In die Abstellkammer zurückzugehen und von dort wieder zu disapparieren, wäre wohl zu auffällig gewesen.

Sie schoben sich einige Straßen durch die Menschenmengen. Menschen, die keine Ahnung hatten, dass Zauberer unter ihnen lebten und sich vor ihnen versteckt hielten. Muggel, die sie verfolgen würden, wenn sie wüssten, was sie waren.

Sirius genoss die frische Luft. Auch wenn die vielen Menschen ihn unheimlich irritierten und überreizten. Hier gab es keine Wände, die einen einengten, kein Gestank von schimmelndem Brei, den sie ihm manchmal sogar täglich vorgesetzt hatten.

Es stank zwar nach Stadt und Müll und Abgasen, aber es wehte eine frische Brise, und wenn es ihm zu viel wurde, konnte er den Ort verlassen und woanders hingehen.

Zumindest wenn Severus Snape ihn nicht an der Leine hielt.

Sie blieben am Straßenrand stehen und warteten. Tatze setzte sich kurz hin und kratzte die unheimlich juckende Stelle, auf die das Halsband drückte.

Ihm gefiel die Zeit, die sie sich schweigend durch die Muggelwelt bewegten. Wenn es nach ihm ginge, würden sie noch eine ganze Weile weiterwandern. Doch leider nahm ihr ungeplanter Spaziergang ein jähes Ende vor einem Geschäft, das Severus ohne zu zögern betrat. Tatze immer auf seinen Fersen.

Das Geschäft war riesig.

Es reihte sich ein haushohes Regal an das nächste. Die Menschen hier kauften Holz oder Blumen oder anderen komischen Kram ein. Tatze ging in den Gerüchen von feuchtem Holz und würziger Erde auf. Nur der Blumenduft kitzelte unangenehm in seiner Nase. Als Snape im Gang stehen blieb und sich umsah, nutzte Sirius die Zeit, um sich zu schütteln, um den Geruch loszuwerden. Es klappte natürlich nicht.

Er wollte Snape so vieles fragen... Wo sie waren, was sie hier zu tun hatten, und vor allem aber: Woher Severus wusste, wie er sich hier zurechtzufinden hatte.

Das rotblonde fremde Gesicht blieb an einer Theke stehen, hinter der ein Muggel auf eine Flimmerkiste starrte. Er trug Kleidung mit dem Emblem des Geschäfts.

»Ich bräuchte Acrylfarbe, die auf Ölbasierter Farbe hält, die mit einer Art Firnis geschützt ist« erklärte Severus ungewöhnlich höflich.

»Oh, handelt es sich um eine Wand oder um eine Leinwand?« fragte der Muggel sichtlich interessiert.

»Es handelt sich um ein Fresko, das wir entfernen möchten. Es ist an der Wand und ziemlich vulgär. Wir haben uns erst letztens ein Haus gekauft und der Vorbesitzer hatte einen recht makaberen und anrüchigen Geschmack, was die Inneneinrichtung betrifft. Leider haben wir nicht die Mittel, die Wand komplett zu entkernen, deswegen wollte ich mich darüber informieren, ob wir das Ganze eventuell mit normaler Farbe übermalen können«, log Severus sehr professionell.

»Oh, da haben wir ein paar Lösungen für Sie. Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Der Mann kam hinter seiner Theke hervor und wollte gerade losgehen als sein Blick auf Tatze fiel und sein Gesicht sich sogleich aufhellte. »Oh, das ist ja ein hübscher Hund! Wie heißt der denn?«

Severus' sprachloser Gesichtsausdruck sprach für den einen Teil seiner Mission, den er anscheinend nicht penibel vorbereitet hatte.

»Bitte was?« fragte er als hätte er nicht richtig zugehört.

»Ihr Hund...« Der Verkäufer deutete freudestrahlend auf das schwarze Fellbündel an der Leine, das gerade den Kopf schief legte. »Wie heißt er?«

»... Sunny!« antwortete Severus schließlich... »Meine Tochter hat ihn so genannt. Er ist ein wahrer Charmeur.«

'Sunny, ja? Das kriegst du zurück!' dachte Sirius sich und kläffte einmal kurz als wäre er der treue Hund, der er nicht war.

Den Verkäufer schien dieser triste Name nicht zu verwundern. »Beißt er?«

»Nur wenn er hungrig oder müde ist.«

Das war doch eindeutig ein Grinsen auf Severus' fremdartigen Gesicht!

»Oh, warten Sie, da hab ich was für den Kleinen«, brach es fröhlich aus dem Mann heraus, der schnurstracks wieder hinter seiner Theke verschwand und mit einer Packung zurückkam, auf der ein Hund abgebildet war.

Als er die Tüte aufriss brandete ein so verführerischer Duft in seine Nase, dass Sirius gar nicht bemerkte wie er Schwanz wedelnd auf den Mann zuging und an dem Leckerli schnüffelte, der ihm dargeboten wurde.

Es war ein kleiner Brocken trockenen Fleischs. So einfach es auch aussah, schmeckte es herrlich. Eine herzhafte Note breitete sich auf seiner Zunge aus, die ihm in ein absolutes Glücksgefühl katapultierte. Noch nie hatte er so etwas köstliches gegessen!

»Na, möchtest du mehr?« fragte der Mann freundlich und kraulte ihn hinterm Ohr.

Tatze schnappte den zweiten Fleischbrocken auf und kaute genüsslich darauf herum.

»Geben Sie ihm bitte nicht zu viel. Er kriegt sehr schnell Magenprobleme«, erklärte Severus und der Mann stand abrupt auf.

»Oh, das tut mir leid. Aber sicher doch! Hier! Nehmen Sie die Packung. Wir haben übrigens in Gang 36 eine große Haustierabteilung.«

»Das werd ich mir merken, danke.«

»Ok, dann folgen Sie mir jetzt bitte. Sie brauchen auf jeden Fall eine Acrylgrundierung und dann eine...«

Sirius hörte nicht mehr richtig zu. Er folgte den beiden Männern einfach nur und starrte auf die Jackentasche, in der die Tüte mit den leckeren Fleischbrocken reingequetscht wurde.

Severus ließ sich geduldig von dem Muggel die vielen Eimer samt Inhalten erklären. Nach einer Weile gähnte Tatze gelangweilt und stupste Severus mit der Schnauze an. Doch anstatt das Gespräch abzukürzen, bekam er nur ein paar Streicheleinheiten und wurde dann wieder ignoriert.

»Wir können Ihnen gerne den Farbton anmischen. Dann wäre es streichfertig für die Anwendung bereit.«

Severus stimmte dem zu.

»Alles klar, geben Sie mir bitte 15 Minuten. Die Farbe steht Ihnen dann bereit.«

»Sehr gut, legen Sie bitte noch zwei Sätze mit Pinseln, Rollen und allem dazu, was man zum streichen benötigt. Wir fangen gerade erst mit dem Renovieren an und haben noch nichts eingekauft«, bemerkte Severus.

Während die Farbe angemischt wurde, schlenderte Severus mit Sirius an der Leine noch ein wenig durch den Laden und kam auch nur rein zufällig in Gang 36 an.

Das ganze Kauspielzeug, Kuscheltiere, Decken, Kissen und Betten waren natürlich alle auf Schnauzenhöhe einsortiert. Das war auch garantiert kein Verkaufstrick! Und Sirius fiel auch gar nicht darauf rein. Zuerst warf er einen fragenden Blick hinauf zu diesem immer noch befremdlichen Gesicht, und war sich nicht im Geringsten darüber bewusst, dass er stumm nach Erlaubnis fragte.

»Nur zu.« Severus nickte und beobachtete wie der schwarze Hund sich interessiert aufmachte, und die Nase keine 2 Sekunden später tief in den Spielzeugen vergraben hatte.

Es war eine völlige Reizüberflutung.

Spielzeug mit künstlichen Gerüchen!

Furchtbar!

Wer konnte sich so etwas ekelhaftes ausdenken!

Sehr weiches Spielzeug.

Dicke Seile mit Knoten an den Enden. Die sahen sehr interessant aus.

Das Kauspielzeug aus Plastik gefiel ihm überhaupt nicht. Es war viel zu laut, wenn er hinein biss, und es tat unheimlich in seinen Ohren weh. Das weiche Plastik hinterließ ein pelziges, widerwärtiges Gefühl auf seiner Zunge.

Also schnüffelte er weiter nach etwas, das ihm gefiel.

Die plüschigen Stoffspielzeuge waren da viel angenehmer. Sie stanken nicht nach irgendeinem künstlichen Fleischgeruch und sie fühlten sich nicht unnatürlich in seinem Maul an.

Schließlich saß er mit einem kleinen schwarzen und quietschenden Stoffwal vor Severus und blickte mit großen Augen in das fremde Gesicht. Zu seiner eigenen Überraschung, griff Severus nach den Tüten, die ähnlich aussahen wie die mit den leckeren Fleischbrocken.

Als sie zurück in der Farbabteilung waren, hatte der freundliche Mann die Eimer gerade fertig abgefüllt und auf einen Wagen abgelegt. Severus nahm einen großen Zettel entgegen, der von einem schwarzen Plastikteil ausgespuckt wurde, und ging schließlich wieder Richtung Ausgang.

Sirius war froh, diesen Laden wieder verlassen zu können. Es waren einfach zu viele Menschen. Statt hinaus zu gehen, zerrte Severus an der Leine und korrigierte Sirius' Richtung: Sie mussten sich wieder anstellen.

Muggel waren wirklich komisch.

Überall standen sie an...!

Als sie endlich dran waren, musste Sirius sein neues Spielzeug verteidigen. Er knurrte warnend als Severus danach greifen wollte. Aber anstatt es ihm wegnehmen zu wollen, riss er lediglich das Papierschild ab, das daran hing, um es der Muggelfrau zu übergeben, die den Einkauf augenscheinlich abkassierte.

Severus bezahlte mit den Scheinen, die er eben noch aus der metallenen Einbuchtung mit den Tasten gezogen hatte. Draußen vor dem Geschäft suchten sie sich wieder eine dunkle Ecke. Bevor er sie beide wieder zurück apparierte, ließ er die Farbeimer und alle anderen Sachen schrumpfen und steckte sie in die Jackentasche.

Zurück in Grimmauldsplace ließ allmählich auch der Vielsafttrank nach. Als sie dann im zweiten Stock vor der Reihe an Portraits standen, hatte Severus schon sein eigenes Gesicht und war wie eh und je ganz in schwarz gehüllt.

Tatze setzte sich neben ihn hin, den Stoffwal im Maul.

»Wenn du denkst, dass ich die Arbeit alleine mache, hast du dich geschnitten.« Severus nahm ihm das Halsband ab. »Los jetzt! Als Hund bist du mir keine große Hilfe.«

Er hatte die Utensilien auf dem Boden ausgebreitet. Neben den vielen Farbeimern waren noch einige Tuben und Flaschen, Farbrollen, Pinsel, Schwämme und schwarze niedrige Plastikschalen. Der Tränkemeister nahm eine der weißen Flaschen und verteilte den Inhalt in zwei der Schalen.

»Hier!« sagte er und stellte Tatze eine davon hin zusammen mit einem Schwamm. »Zuerst die bemalte Oberfläche behandeln. Das sollte jeglichen Schmutz entfernen. Danach werden wir die Portraits übermalen.« Bei dem letzten Wort blitzte ein hämisches Funkeln in seinen Augen auf.

Der Hund starrte dem Tränkemeister unschlüssig nach.

»Heute noch, wenn's recht ist, Black!« schimpfte Severus ohne noch einmal zurück zu schauen.

»Ist ja schon gut«, quengelte Sirius zurück und stopfte sich den Spielzeugwal in die Jackentasche.

Das Gezeter und Geschimpfe der Portraits ließ nicht lange auf sich warten.

»Na, Sirius? Bist wohl zum Hauself degradiert worden. Geschieht dir recht!« Das Portrait fing an zu lachen. »Du bist so ein nutzloser Zweig der Familie, Sirius! Du bist nicht mal den Namen wert, den sie dir bei deiner Geburt gegeben haben! Deine Eltern haben dich nicht annähernd so bestraft, wie du es verdient hättest! Du nutzloses Stück Abfall!« Die Portraits um ihn herum stimmten in das Gelächter mit ein.

Sirius blieb stocksteif stehen. Die trübe Flüssigkeit tropfte vom Schwamm.

»Schaut ihn euch an. Nichtmal uns Gemälde kann er sauber machen! So ein Dummkopf!«

»Orion hätte ihn verbannen sollen!«

»Wir sollten Walpurga aus dem Schlafzimmer holen!«

»Ja, lass uns deine Mutter holen! Die wird dich schon noch anspornen, du Würstchen!«

Nein! Nicht seine Mutter! Dieses eine Portrait hatte er vergessen!

Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn.

Sein Herz klopfte in seinem Hals.

Eine Hand auf seiner Schulter riss ihn aus seinem manischen Zustand heraus.

Erschrocken drehte er sich um mit einem bissigen Kommentar auf seinen Lippen, der sofort erstarb.

Snape hielt ihm schweigend zwei Wachskugeln in der offenen Hand hin.

»Was soll ich damit?« fragte Sirius ohne sich zu bewegen.

Snape stieß ihm wortlos mit der offenen Hand gegen die Brust.

Irritiert nahm er die rosa Kugeln entgegen.

Snape nutzte auch die Kugeln - in seinen Ohren. Eine davon zog er aus seinem Gehörgang und zeigte ihm, wie er die Kugeln formen und ins Ohr stecken konnte.

Mit dem rosa Wachs in seinen Ohren hörte er nur noch ein Viertel von den Schimpfwörtern zu hören, und Sirius konnte sich auf seine Aufgabe konzentrieren.

So wenig er auch Arbeit gewohnt war, diese hier gefiel ihm sehr!

Die Personen in den Gemälden zappelten unter seinem Schwamm, versuchten, sich dem Schwamm zu entziehen, aber Sirius schrubbte jeden Zentimeter der gehassten Bilder.

Und er lachte dabei! So laut!

Er hatte lange Zeit schon nicht mehr so herzhaft gelacht wie jetzt!

Das war ein wahrlich wunderbarer Tag!

oOo

Im ganzen Haus roch es nach frischer Farbe.

Den ganzen Tag hatten sie den Hauselfen schon nicht zu Gesicht bekommen. Der hatte sich wohl aus Angst verkrochen als ihn die kleineren unscheinbareren Portraits gewarnt haben mussten.

Severus hatte ihn gefragt, ob das alle Portraits im Haus wären. Aber Sirius wollte diese Frage nicht beantworten.

Für ihn spielte nur eines eine gravierende Rolle: Im Hausflur war es still!

Kein Getuschel.

Kein Gemurmel.

Keine gehässigen Kommentare!

Er konnte es gar nicht in Worte fassen, wie erleichtert er war!

Den ganzen letzten Sommer hatte sich ein Haufen fähiger Zauberer mit der Säuberung des Hauses beschäftigt und hatte es nicht geschafft, die Portraits von der Wand zu entfernen oder sie zum Schweigen zu bringen. Stattdessen hatten sie die Rahmen lediglich mit normalen Leinentüchern verhangen.

Seine Mutter hatte sich bestimmt vor Schadenfreude lachend im Grabe umgedreht.

Er saß auf der Treppe, auf der er vor zwei Tagen sich noch eingenässt hatte vor Angst und dann ausgerechnet von Schniefelus... nein... von Severus Snape gefunden wurde!

Es war schon komisch... irgendwie. Der Orden tagte hier bei allen möglichen Dingen, die besprochen werden mussten. Wie er gehört hatte, hatten sie davor den Fuchsbau der Weasleys für Ordenstreffen genutzt.

Ihm wurde immer gesagt, wie sehr die anderen es begrüßten, endlich über ein Hauptquartier verfügen zu können, das nicht zuerst freigeräumt werden musste, weil es beengt und überbevölkert war.

Molly war eine herzensgute Frau, auch wenn sie Sirius schon mehr als nur einmal die Leviten gelesen hatte. Das wusste Sirius. Aber selbst sie hatte ihre Grenzen und immer ihr eigenes Haus zur Verfügung zu stellen, musste sie unheimlich unter Druck gesetzt haben.

Als Sirius schließlich sein Erbe angetreten hatte und sein Elternhaus dem Orden zur Verfügung gestellt hatte, wurde er hochgelobt und mit Dank überschüttet. Versprechen wurden gegeben. Er war von Umarmungen und fröhlichen Gesichtern umgeben gewesen.

Und dann folgte die Einsamkeit.

Klar, wenn ein Treffen einberufen wurde, summte das Haus vor Geschäftigkeit. Aber wo auf einmal so viele Menschen auftauchten, verschwanden diese auch schnell wieder.

Nicht einmal einen Tag später war dann in der Regel alles wieder vorbei und das Haus knarzte wieder vor Leere.

Es war so bedrückend.

Und er konnte nicht einmal das Haus verlassen!

Er war so froh, als Remus seiner Einladung gefolgt war - auch wenn er damals schon sehr zögerlich zugesagt hatte. Im Nachhinein betrachtet, machte es auch Sinn, warum er sich beinahe geziert hatte, das Angebot anzunehmen.

Ob er mit Snape damals schon einen eigenen Rückzugsort besaß?

Remus war wie ein Anker für ihn, der ihn vor dem Wahnsinn seines Lebens bewahrte. Man sagte doch so oft, dass der Familie Black ein gewisser Wahnsinn anhaftete, der nur eine Gelegenheit benötigte, um auszubrechen.

Er fühlte sich schlecht, dass er Remus so als Bezugsperson missbraucht und nicht wahrgenommen hatte, was sich wirklich vor seinen Augen abspielte.

In den letzten Wochen hatte er so viele Versprechen über seine Lippen gehen lassen, die alle nur etwas mit seinem Patensohn zu tun hatten, aber nur wenig mit den Leuten, die sich offensichtlich um ihn sorgten.

Remus war einer von ihnen und Severus offensichtlich auch. Schließlich war er der einzige, der eine Lösung fand gegen die widerwärtigen Gemälde.

Er war derjenige, der nicht ein Mal ein Versprechen gegeben hatte, und der trotzdem zu ihm kam, um seinetwillen und nicht um seiner Pflicht dem Orden gegenüber nachzukommen.

Ein bitteres Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit.

Er kramte den Stoffwal aus seiner Manteltasche hervor. Niemand hatte ihm jemals etwas für ihn als Animagus geschenkt. Klar, wussten jetzt alle, dass er sich in einen Hund verwandeln konnte. Aber das wurde nur als neue Tatsache hingenommen. Niemand hatte ihn gefragt, wie sich das Leben als Hund anfühlte. Welche Bedürfnisse es in ihm weckte.

Vielleicht benötigte es erst eine Person, die mit einem Werwolf zusammen lebte, um auf ihn als Hund einzugehen.

James hätte es gewusst.

Sirius holte tief Luft.

Für diese Gedanken war er nicht bereit.

Vor Jahren hätte es ihn geschüttelt, wenn Severus ihm die Ohren gekrault hätte. Er konnte es gar nicht in Worte fassen, wie gut es sich heute angefühlt hatte.

Die meiste Zeit in Askaban hatte er in seiner Animagusform verbracht, bis er nicht mehr wusste, wo sein menschliches Bewusstsein endete und der animalische Instinkt begann.

Tatze war gut.

Tatze bedeutete Sicherheit.

Menschliche Gedanken und Bedürfnisse interessierten ihn nicht.

Als Tatze war das Leben simpel.

Einsamkeit ergriff sein Herz.

Sirius merkte gar nicht wie sich seine Sicht veränderte und seine Blickhöhe näher über dem Teppich war, obwohl er doch aufrecht ging... oder? Der Farbgeruch stach ihm heftiger in der Nase. Der Wal war ihm aus der Hand gefallen. Ein Griff danach und der Wal war zwischen seinen Reißzähnen.

Die Welt wirkte so viel einfacher.

Er tapste ein Stockwerk höher auf der Suche nach Gesellschaft, denn eines wollte er heute auf keinen Fall sein: Allein.

Severus roch nach Sandelholz und einem leicht würzigen Geruch, der ihm sehr gefiel.

Er hatte ihn gar nicht so groß in Erinnerung.

Der Zauberer schaute irritiert auf ihn herab... weit herab.

Sirius formte einen Gedanken, einen Laut, es war nichts bewusstes - nichts, was sich in Worte fassen ließ.

Severus trat beiseite und er trottete erleichtert in das Zimmer, das so vertraut nach Remus roch, und einer sehr leichten Duftnote, die ihm vorher nie aufgefallen war: Einem betörenden Duft voller Hormone und etwas, das er schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte - Leidenschaft.

Und Snapes Körper war unverkennbar damit verwoben.

Der Duft war selbst für ihn kaum wahrnehmbar. Es war ein alter Duft, der mehr Fragen aufwarf, die Sirius nichts angingen.

Severus ließ ihn sogar aufs Bett.

Nicht viel später fiel er in einen so tiefen und angenehmen Schlaf wie schon lange nicht mehr, während beide darauf warteten, dass Remus von seiner Mission zurückkehrte.


AN: Ich habe beim korrekturlesen gelernt, dass Mistress = lover bedeutet... Kreacher und Narcissa sitzen aufm Baum, küssen sich, man glaubt es kaum! *hust* xD
Deswegen darf wohl Diaval Maleficent auch Mistress nennen xD
Ok, falsches Fandom... ;)

Ich wollt die Szene eigentlich nur KURZ gestalten...
Sirius sitzt als kleines Häufchen Elend in der Ecke, die Gemälde sind böse und doof, Severus kommt vorbei und dann streichen sie Farbe drüber.

Dann stellte sich die Frage:
Warum ist er ein kleines Häufchen Elend?
Was machen die Gemälde? Was haben sie angestellt? Und warum?
Und WOHER zum HENKER kommt auf einmal FARBE daher?

14000 Wörter später war ich dann damit fertig...

Hach... und Animagi haben wohl andere Bedürfnisse als normale Zauberer/Menschen. Das hat Sirius jetzt auch festgestellt. Nach 12 Jahren Askaban kann man das ja mal ganz leicht vergessen.

War das glaubhaft?

Sirius und Severus gehen sich mal ausnahmsweise nicht an die Gurgel?

Muss ich eigentlich noch erwähnen, dass ich die Bücher immer noch nicht gelesen habe? :D

Kleine Ankündigung:
Von hier ab geht's bergab. ;)