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Ihr seid gewarnt!

Kapitel 7 – Ein neues Rudel

Es hatte den ganzen Tag geregnet, so wie es die ganze Woche bereits geregnet hatte. Die Straßen glitzerten unter dem Licht von Scheinwerfern und Straßenlaternen.

Das Grau in grau betrübte so manches Gemüt, das sich bei dem Mistwetter auf die Straße wagte.

Schweren Schrittes schleppte sich eine Gestalt durch die Schatten, die von den Laternen nicht verscheucht werden konnten. Unbemerkt an Passanten und Anwohner vorbei.

Die Hosenbeine staken vor getrockneten Schlammschichten. Der Mantel war fleckig und zerschlissen. Ein Mann - hochgewachsen und drahtig.

Wenn er aufsah, wirkten die Wangenknochen beinahe hohl unter dem ungepflegten Vollbart.

Die Kapuze des Mantels war tief ins Gesicht gezogen.

Niemand schenkte ihm Beachtung, schon gar nicht bei diesem Wetter.

Vorsichtig sah er sich um als er vor dem Gartentor stehen blieb und etwas aus seinem Ärmel zückte, das Ähnlichkeit mit einem etwas zu großen Essstäbchen hatte.

In einem unbeobachteten Moment ließ er die Worte über seine Lippen fließen, die das Haus am Grimmauldsplace 12 nur für ihn sichtbar werden ließ.

»Trautes Heim«, seufzte er erleichtert und betrat den dunklen Flur.

Das Erste, was ihm entgegen schlug, war ein feiner chemischer Geruch, der nicht zu diesem Haus passte. Beinahe wäre er wieder Nase rümpfend hinaus gegangen, wenn das Bedürfnis nach Wärme und einem ausgiebigen Bad nicht so überwältigend war.

Ein kurzer Reinigungszauber ließ zwar den groben Dreck von seiner Hose und seinen Schuhsohlen verschwinden, aber wirklich sauber fühlte er sich dadurch nicht.

So sehr es ihn in die Küche zog, wollte er sich nicht dort hinein wagen, verwildert wie er war.

Es gab ihm ein merkwürdiges Gefühl, durch den Flur zu schleichen.

Das Haus hatte seine ganz eigenen Geräusche, an die er sich erst wieder würde gewöhnen müssen.

Das Ticken der Küchenuhr konnte er bis in sein Zimmer hinein hören, da war er sich sicher! Dann waren da noch die unterschiedlichsten Quälgeister, die sich zu verstecken versuchten, und nur dann aus ihrer Ecke hervor kamen, wenn man nicht hinsah oder das Licht losch.

Wie viele magische Wesen sich hier noch versteckten, wusste nur das Haus selbst. Wenn man sie zu ignorieren wusste, konnte man es im Haus tatsächlich aushalten.

Sein Zimmer befand sich im dritten Stock. Langsam fühlte er wieder seine Glieder, und mit dem Gefühl in seinen Beinen überkam ihn der Schmerz in den Gelenken aufs neue. Aber die Energie musste noch für die letzten Treppenstufen reichen.

Je höher er stieg, desto dominanter wurde der chemische Geruch, den er nicht einordnen konnte.

Im Gang mit den Portraits fand er dann die Auflösung: Jedes der Gemälde war mit einer goldenen Farbe übermalt worden, die der Rahmenfarbe ähnlich war! Der Farbauftrag war grob und alles andere als geschickt ausgeführt worden. An einigen Stellen hatten sich Farbnasen gebildet, wo die Farbe zu dick und zu nass aufgetragen war, und die Flüssigkeit der Gravitation nichts entgegenzubringen hatte.

Vereinzelte Farbspritzer waren daneben gegangen und zierten jetzt die Wand.

Es war ein seltsamer Anblick.

Wer nicht wusste, was es mit den Gemälden auf sich hatte, würde sich wundern, dass jemand eine ganze Reihe leerer, mit goldener Farbe überzogener Leinwände in teuer verzierten Holzrahmen aufgehangen hatte.

Aber diese Idee war ebenso abstrakt wie grandios! Der Treppenaufgang wirkte auch gleich viel freundlicher ohne die gehässigen Portraits, die einem bei jeder Gelegenheit ihren Unmut entgegen spien.

In einer Ecke standen die angebrochenen und mit Farbe beschmierten Eimer, die wohl zu dieser Aktion gehörten.

Anstatt direkt in sein Zimmer ein Stockwerk höher zu gehen, entschied er sich nun doch, zuerst den Hausherren aufzusuchen. Sirius würde schon Licht ins Dunkel bringen.

Der Salon war dunkel. Hier war er also nicht. Auch sein Zimmer war leer. Was ihn aber mehr irritierte, war die Tatsache, dass das Bett gemacht war. In seiner ganzen Schulzeit auf Hogwarts hatte Sirius kein einziges Mal sein Bett freiwillig gemacht!

Das war schon recht merkwürdig.

In der Bibliothek wurde er schließlich fündig.

Im Kamin brannte ein rotgoldenes Feuer. Nicht eine grüne Flamme loderte dazwischen. Hatte Sirius das Floonetzwerk geschlossen?

Der Fernseher war aus.

Weiter hinten saß jemand mit dem Rücken zur Tür. Das Sofa war zur Regalwand gerichtet. Daneben stand ein kleiner Beistelltisch mit einer Kanne auf einem Stövchen und einer dampfenden Tasse. Eine große Stehlampe warf ihr Licht darauf und die Person, die daneben saß. Der dicke Lampenschirm fraß mehr das Licht als es zu verteilen.

Er war keine zwei Wochen weg und Sirius entpuppte sich zu einem Bücherwurm?

Wunder gab es also doch.

Als er auf das Sofa zutrat, fielen ihm die glatten, schwarzen Haare auf. Das war nicht Sirius!

»Du schnaufst wie eine Lokomotive, Lupin!« bemängelte Severus ohne sich umzudrehen.

Remus grinste.

Er hatte nicht so schnell damit gerechnet, seinen Mann wiederzusehen.

»Ich bin ja auch den Weg von der Ubahn bis hierher gelaufen!« war seine fadenscheinige Ausrede.

Er stützte sich mit den Ellenbogen auf der Rückenlehne ab und war von dem Anblick überrascht, der sich ihm darbot: Neben Severus hatte sich ein schwarzer schlanker Hund auf dem Sofa eingerollt und lag mit dem Kopf in Severus' Schoß. Die Augen geschlossen, tief schlummernd.

Vollkommen unbeeindruckt blieb Severus' Blick auf dem Buch haften, das halb auf seinem Schoß und halb auf der Armlehne lag.

Hatte Severus etwa einen Zauber gefunden, um die Verwandlung eines Animagus zu triggern und eine Rückwandlung zu blockieren?

Remus verwarf den Gedanken gleich wieder. So etwas würde nicht einmal Severus einfallen. Schließlich wollte sich sein Mann mit Sicherheit nicht mit ihm anlegen.

»Was ist hier passiert?« fragte er und streichelte über das zottelige schwarze Fell.

Severus blätterte die Seite in seinem Buch um und hob die Teetasse am Tassenrand hoch. Sein Blick fiel auf den schlafenden Hund neben ihm.

»Er hat es nicht erklärt und ich habe nicht gefragt. Ich glaube, es ist eine Art psychische Realitätsflucht.« Er trank nebenbei von seinem Tee. »Umso besser für mich. Somit muss ich mir sein unnötiges Gerede nicht anhören.«

»Du tust zwar jetzt als wärst du von ihm angewidert, und doch kuschelt ihr zwei hier auf der Couch in trauter Zweisamkeit!« Remus lachte.

»Du siehst Gespenster, Lupin!« wies Severus ab. Er stellte die Tasse wieder ab und schaute endlich über seine Schulter. »Was ist das da in deinem Gesicht?«

»Das verdanke ich dem Stoffwechsel eines Werwolfs und dem Fehlen einer Rasierklinge... Ich habe zwar mein Gepäck zehnmal überprüft, aber den Rasierer habe ich trotzdem vergessen.« Er strich sich über das struppige Gesicht - beinahe stolzerfüllt. »Gefällt es dir?«

»Ich kann schon kaum deine Schmutzlippe ertragen, geschweige denn dieses Fell über dein ganzes Gesicht verteilt. Mach's weg!«

»Ich liebe dich auch!« Remus presste einem sich windenden Severus einen dicken Schmatzer auf die Wange. »Gibt es noch etwas zu essen? Ich verhungere!«

»Es gibt Auflauf, aber nur für gebadete und zivilisierte Menschen«, spottete Severus.

Remus schnaubte und betrachtete den schlafenden Hund nachdenklich. »Er hat einen ziemlich tiefen Schlaf. Sicher, dass du ihm nichts ins Essen gemischt hast?«

»Ich bin kein Animagus Experte. Vielleicht vermischen sich menschliche und animalische Verhaltensweisen?« überlegte Severus laut, während sein Mann Tatze hinterm Ohr kraulte und dieser selbst davon nicht wach wurde. »Vielleicht hat er aber auch einfach nur zu viel gegessen und schläft den Schlaf der Überfressenen.«

Remus bedachte ihn mit einem skeptischen Blick.

»Warst du die ganze Zeit hier?« wollte er wissen.

»Sei nicht albern, Remus, es ist mitten im Schuljahr! Ich musste mir jedes Mal etwas ausdenken, um mich vor Umbridge zu rechtfertigen.«

»Versuch' es nicht klein zu reden, Severus. Danke, dass du trotzdem hergekommen bist. Du hast was gut bei mir.« Remus wandte sich zur Tür.

»Ich bin keine Bank. Deine Schulden treib ich heute Abend ein!« rief Severus ihm hinterher. »Und schieb bloß keine Müdigkeit vor!«

»Hab Erbarmen mit mir!« kicherte Remus vom Flur herüber.

»Da bist du bei mir bei der falschen Adresse«, rief er ihm hinterher. Als Ergebnis des plötzlichen Lärms meldete sich Tatze schließlich aus den tiefsten Traumwelten wieder zurück und rekelte sich genüsslich, bevor er vom Sofa sprang.

»Auch endlich wach, ja? Komm mit in die Küche, wir machen das Essen warm.«

oOo

Sirius plapperte aufgeregt wie ein Schuljunge von abenteuerlichen Erlebnissen in riesigen Läden mit Bäumen und Spielzeug, Parks mit Hunden, die ihm das Territorium streitig machen wollten, von Tüten mit Fleischbrocken und vielem mehr, was beim ersten Hinhören keinen Sinn ergab.

Remus ließ die Worte über sich hinweg fließen wie einen lauen Sommerregen. Hin und wieder nickte er. Einerseits war es angenehm, ihm zuzuhören, andererseits wirkte es im Kontrast zu den angespannten, ungewissen Tagen, die er hinter sich hatte, wie eine Explosion geballter Information.

Die Haare hingen ihm in nassen Locken in Gesicht und Nacken.

Trotz der ausgiebigen heißen Dusche war ihm so kalt, dass er sich über das frische Hemd noch eine dicke Strickjacke angezogen hatte. Die Seife hatte seine Haut irritiert. Selbst das frisch gewaschene Leinenhemd fühlte sich unangenehm an, obwohl die Dusche ihm wirklich gut getan hatte.

Gedankenlos kratzte er sich am Arm und aß weiter.

In dem Moment war es ihm gleich, dass Sirius ihm ein Ohr abkaute. Er schaufelte alles in sich hinein, was Severus ihm auftischte. Das halbherzige 'Schling nicht so' ignorierte er gekonnt.

»Ach? Bei ihm lässt du das durchgehen? Und mir ziehst du das Fell über die Ohren?« brüskierte Sirius sich empört.

Severus setzte sich dazu und bediente sich an der großen Teekanne.

»Dir werden auch nicht einmal im Monat alle Knochen im Leib gebrochen, Black«, rechtfertigte Severus sich. Beiläufig strich er seinem Mann durchs nasse Haar. Seine Magie kitzelte in den Fingerspitzen. Im Nu waren die feuchten Locken trocken.

»Pah!« meckerte Sirius eloquent zurück.

Remus lächelte. »Man könnte meinen, ihr hättet euch in der Zwischenzeit angefreundet!«

»Ausgeschlossen!« widersetzte Sirius sich.

»Wir haben eine Waffenruhe miteinander vereinbart«, erklärte Severus schlicht und trank von seinem Tee.

»Das ist ein Anfang«, freute sich Remus und ließ sich die gute Laune nicht nehmen.

»Wie war deine Transformation?« fragte Severus in seine Tasse hinein.

Das war die Frage, die doch alles wieder aus dem Lot brachte.

»Schmerzhaft. Anstrengend«, erinnerte Remus sich. »So qualvoll hatte ich sie gar nicht mehr in Erinnerung gehabt. Und ich hasse diese Lücke in meinem Gedächtnis, wenn ich morgens mit Schmerzen erwache und nichts mehr aus der Nacht zuvor weiß.« Remus wischte die restliche Sauce mit einem Stück Brot auf und schob es sich in den Mund. »Mir tun jetzt noch die Knochen weh...«

»Obwohl der Vollmond vor fünf Nächten war?« fragte Sirius skeptisch.

Remus nickte.

»Wo waren die Schmerzen nach der Transformation und wo genau sind sie jetzt?« fragte Severus und zückte ein Notizbuch mit einer selbst schreibenden Feder.

Remus kannte das schon. Sirius hingegen beobachtete die beiden neugierig und mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Zuerst war der Schmerz überwältigend. Ich konnte kein Körperteil ausschließen, das nicht weh tat. Aber ich konnte kaum auftreten, von gehen überhaupt zu schweigen. Die Gelenke tun immer noch weh, besonders die Knie und Sprunggelenke.«

Die Feder schrieb eifrig mit.

»Ich habe diese Schmerzen so lange nicht mehr erleben müssen.« Hier griff er nach Severus' geschäftiger Hand, die bereits durch ein weiteres Notizbuch blätterte. In seinem Kopf summte es bestimmt schon wie in einem Bienenstock auf der Suche nach einer Rezeptur. »Ich kann mich an die Vollmondnacht nicht mehr direkt erinnern, aber ich erinnere mich an die Minuten vor der Verwandlung: Ich hatte eine solche Angst... Angst, dass ich das nicht überlebe. Angst, dass ich irgendwen verletze oder töte oder sogar infiziere!«

»Wo hast du dich verwandelt?« hakte Severus völlig abgeklärt nach als wollte er bloß einen sachlich trockenen Bricht verfassen.

»Ich hatte relativ schnell Kontakt zu den anderen Werwölfen aufgenommen... sie hatten mir angeboten, ihre Höhle zu verwenden und mich mit ihnen zusammen zu verwandeln, aber ich habe abgelehnt. Ich habe mich in ein verlassenes Haus zurückgezogen und das Haus hermetisch abgeriegelt.« Remus wischte sich mit einer Hand über das matte Gesicht.

»Hast du was herausgefunden?« tastete Severus sich schematisch vor. Er wusste, dass Remus ihm nicht alles erzählen konnte.

»Es sind alles Muggel!« sprudelte es aus ihm heraus.

»Muggel?« fragte Sirius irritiert.

»Ich dachte, Muggel überleben den Biss eines Werwolfs nicht?« rezitierte Severus sein Halbwissen und verfluchte innerlich die dürftige belegte Literatur eines Forschungsbereich, dessen Fortschritt wohl nur die Betroffenen selbst interessierte.

»Anscheinend doch«, bemerkte Remus resignierend.

»Und warum heißt es dann immer, dass Muggelstämmige den Biss eines Werwolfs nicht überleben würden?« fragte Sirius und nahm zur Überraschung aller das benutzte Geschirr vom Tisch.

Während Severus neuen Tee aufsetzte, holte Sirius einen frisch gebackenen und köstlich duftenden Kuchen aus dem Schrank und dazu die passenden Teller und Besteck.

Remus starrte den beiden wortlos nach.

»Als wenn das Ministerium daran interessiert wäre, die Informationen über Werwölfe zu revidieren«, kommentierte Severus sarkastisch. Er warf Remus einen erwartungsvollen Blick zu, der ihm suggerieren sollte, weiter zu reden, während er den Kuchen portionierte. Zwei, drei Stücke fehlten bereits.

»Die Kolonie hat sich zusammen gefunden, weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Die Muggel hetzen Werwolfjäger auf sie, die mit mittelalterlichen Methoden auf sie Jagd machen. Die Zauberer jagen sie, weil sie Werwölfe sind, und nach deren Auffassung, müssten sich die Werwölfe registrieren... in einer geheimen Welt, mit der sie absolut gar nichts zu tun haben. Sie wollen nichts mit Zauberern zu tun haben und auch nicht mit anderen Menschen, und sie sind absolut misstrauisch Neulingen gegenüber.«

Remus fuhr sich mit der Hand durch die Haare, so wie er es immer tat, wenn ihm etwas zu schaffen machte, und offensichtlich bedrückte ihn das Ergebnis seiner Mission außerordentlich. Da konnte auch die dicke Schokoladenkuvertüre auf dem Kuchen nichts dran ändern.

»Hast du nicht eben noch gesagt, dass sie dich in ihr Revier eingeladen haben?« fragte Severus und schob die Augenbrauen skeptisch zusammen.

»Für die Verwandlung, ja... Sie meinten, auch wenn ich neu bin und sie mich nicht kennen, wäre es so am sichersten. Aber es wäre nicht richtig gewesen«, antwortete Remus kryptisch und versenkte seine Gabel in sein Kuchenstück.

»Wie viele sind es?« wollte Severus wissen.

»Sechsundzwanzig.« Remus starrte in die Tasse, die Sirius ihm mit Tee eingeschenkt hatte. Seine Hände absorbierten die Wärme der Tasse.

»Wie versorgen sie sich?« hakte Severus nach.

Remus stieß abschätzig Luft aus.

»Sie stehlen und wildern wie gemeine Diebe... Sie erjagen Kühe und Schafe von den Bauern aus der Umgebung.«

Er griff nach der Zuckerdose und schaufelte sich eine ordentliche Portion Zucker in den Tee.

»Sie leben wie unzivilisierte Höhlenmenschen, aber sie sind überraschend gut organisiert.« Anstatt den Tee zu trinken, drehte er die Tasse in seinen Händen herum.

»Ist das alles?« fühlte Severus langsam nach. Remus' Zögern verhieß nichts Gutes.

Er sah seinen Mann beinahe hilfesuchend an. »Da sind Kinder!«, brach es schließlich mit zittriger Stimme leise aus ihm heraus.

»Kinder von den Muggeln bevor sie zu Werwölfen wurden... oder?«

»Nein, infizierte, elternlose Kinder!« unterbrach Remus Severus.

»Weißt du, wer es getan hat?« fragte Severus. Wenn er schockiert war, so wusste er es sehr wohl zu verbergen.

»Die meisten wissen es nicht. Die Kolonie hat ihnen lange aufgelauert, um sie einzufangen. Sie vermuten, dass die Eltern entweder von dem Werwolf getötet wurden, der die Kinder infiziert hat, oder dass die Kinder ihre Eltern unbeabsichtigt getötet haben.«

»Wie hast du Kontakt zu ihnen aufgenommen?« fragte Severus, auch wenn er die Antwort schon wusste.

Remus lächelte verwegen. »Gar nicht. Sie haben mich aufgespürt.«

»Wie das?« fragte Sirius verwundert.

»Auch wenn sie keine Zauberkräfte haben, verstehen sie es, ihre Instinkte zu nutzen. Und wenn ich ihnen glauben darf, haben sie mich wohl schon Meilen entfernt gegen den Wind gerochen...« Remus griff sich verlegen in den Nacken.

»Mit anderen Worten, wärst du jetzt tot, wenn die Kolonie sich als eins von Greybacks Rudeln herausgestellt hätte«, mutmaßte Severus.

Remus blieb ihm eine Antwort schuldig also sprach Severus weiter: »Du hast deine Aufgabe gut gemacht, fürs Erste. Glaubst du sie würden für unsere Sache kämpfen?«

»Ausgeschlossen!« stieß Remus mit einer Entschlossenheit aus, an der nicht zu rütteln sein würde. »Sie wollen nichts mit Zauberern zu tun haben. Es kursieren Gerüchte über bisherige Begegnungen mit Zauberern, die - so abartig sie auch klingen - durchaus wahr sein könnten. Sie berichteten von einem Schwarzmarkt, auf dem Jäger sich einen Werwolf kaufen können, um ihn dann in einer Hetzjagd abzuschlachten. Ich weiß nicht, was an der Geschichte dran ist. Sie konnten mir keine Beweise liefern, nur mündliche Zeugenberichte, aber es deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen in diese Richtung.«

»Ein Schwarzmarkt für Werwölfe?« fragte Severus skeptisch.

Remus nickte. »Je jünger, desto teurer. Frauen und Mädchen sind besonders begehrt.«

»Sag nicht das, was ich denke, dass das zu bedeuten hat«, sagte Sirius angewidert.

Remus sprach unbeirrt weiter: »Ein weiblicher Werwolf kann keine Schwangerschaft austragen. Die Transformation bricht die Schwangerschaft in den ersten Monaten ab. Kein Fötus überlebt diese Strapazen.« Er fuhr sich wieder nervös durchs Haar. »Es sind alles grausame Geschichten, über deren Wahrheitsgehalt ich mir im Grunde genommen keine Gedanken machen möchte...«

»Hast du deinen Bericht schon abgegeben?« Es war ein offensichtlich schlechter Versuch des Themenwechsels, aber alle Anwesenden waren froh darum.

»Ich habe Dumbledore schon alles per Eulenpost mitgeteilt, Severus«, erklärte Remus und begann erneut mit seiner Teetasse zu spielen anstatt den Tee zu trinken, bis Severus seine Hand festhielt und das Chaos in seinem Kopf zum Stillstand brachte. »Einer hat die Transformation nicht überlebt«, sagte er schließlich mit trübem Blick.

»Ein Neuer?« hakte Severus nach.

Remus schüttelte mit dem Kopf. »Nein, kein 'Neuer'... Er war 52 Jahre alt, und er war seit seiner Jugendzeit infiziert. Er hat die Nacht nicht überstanden, weil er sein Leben lang keine medizinische Hilfe bekommen hat. Die Muggel sind da noch schlimmer als wir Zauberer. In der Muggelwelt werden Werwölfe gejagt, vom Ministerium kriegen Werwölfe immerhin Unterstützung - wenngleich auch eine sehr fadenscheinige. Die Schmerzmittel, die die Muggel verwenden, reichen bei weitem nicht aus gegen die Schmerzen einer Transformation.«

Severus drückte seine Hand. »Nur weil andere daran sterben, heißt es noch lange nicht, dass es dir ebenso passieren wird, Remus. Nicht so lange ich da bin«, versuchte er ihn aufzumuntern.

Das geflüsterte 'Danke' war kaum zu hören.

Im Ofen knisterte das Feuer. In der Spüle tropfte der Wasserhahn unablässlich wie ein Uhrwerk.

»So schrecklich ihre Situation auch ist, hat mich eines sehr beeindruckt, und das war ihr Zusammenhalt.« Remus kratze sich verlegen den Nacken. »Auch wenn ich nicht zu ihnen gehörte, wollten sie mir eine Chance geben, mich zu bewähren... obwohl sie mich gar nicht kannten... Ich weiß nicht, ob sie wussten, was ich wirklich war, und ob sie mich dann immer noch akzeptiert hätten. Aber der Gedanke war schön.«

Hastig trank er seinen Tee aus, weil er sich den Rest seiner Gefühle nicht eingestehen wollte. Den Teller mit dem angefangenen Stück Kuchen schob er uncharakteristisch von sich.

»Wir werden nicht ewig im Krieg sein. Bis dahin werden wir dein Rudel sein.«

Sowohl Severus als auch Remus machten große Augen zu Sirius' Vorschlag.

Severus' sprachloser und beinahe komödiantisch erschrockener Ausdruck war eine wahre Augenweide. Remus starrte nicht minder irritiert drein und fing dann herzlich an zu lachen.

»Ok, ihr beiden...«, fing der Werwolf an und wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. »Wer seid ihr wirklich und was wird hier gespielt?«

»Das würde mich allerdings auch interessieren!« Severus beäugte Sirius misstrauisch.

Entrüstet hob Sirius die Hände als verstünde er die Welt nicht mehr. »Aber das liegt doch klar auf der Hand, oder nicht? Wir sind... ich mein, er ist dein... Naja, also... Wir sind das für dich, was einem Rudel doch am nächsten kommt.«

»Ein Rudel setzt Vertrauen voraus und Struktur...« Remus' Blick wechselte von einem zum anderen Zauberer. »Mit einer chaotischen Hierarchie kann ich klar kommen... aber vertraut ihr euch überhaupt gegenseitig?!«

Die Frage war durchaus berechtigt.

Sirius zögerte bis Severus das Wort ergriff: »Wir werden uns wohl zusammenreißen können, so lange wir unter uns bleiben.«

»Und die anderen keinen Verdacht schöpfen«, unterbrach Sirius ihn ungeduldig.

»Also wieder ein Geheimnis vor dem Orden...« Remus zupfte an den Ärmeln seiner Strickjacke. »Ich denke, damit werde ich zurechtkommen.«

oOo

Später am Abend hatten sie sich wieder in der Bibliothek zusammen gesetzt.

Die Küche war zwar der Ort, den sie aus reiner Gewohnheit als Treffpunkt nutzten, doch nach einer Weile schmerzten ihre Hintern von den unbequemen Stühlen. Ob das ebenfalls ein Andenken der ehemaligen Hausherrin war, konnte niemand so recht sagen.

Das Feuer flüsterte und ächzte im Kamin und vertrieb die Kälte, die für dieses Gemäuer üblich war.

Remus saß auf dem Sofa und blätterte im großen Kräuteralmanach aus dem Jahr 1869. In den Wäldern hatte er bemerkt, dass er zwar noch Kräuternamen und Wirkung im Kopf hatte, aber an die Blattformen und besonderen Merkmale konnte er sich nicht mehr erinnern. Auch wenn das Buch recht alt war, erwies es sich mit seinen detaillierten Zeichnungen als äußerst nützlich.

Sirius übte mit seinem Zauberstab ohne Magie dabei zu verwenden. Seine Bewegungen wirkten alles andere als flüssig. Selbst Remus fiel dieses Defizit auf.

»Hose runter!«

Beide schauten irritiert in die Richtung der Lärmquelle.

Severus stand dort mit Handtüchern über seinen Arm geworfen und einem großen Tiegel in der Hand. Er hatte sich die weißen Ärmel hochgekrempelt und die Haare im Nacken zusammen geknotet. Allein von seiner Aufmachung her wirkte er ganz und gar nicht wie der unnahbare Severus Snape, den jeder kannte und fürchtete.

»Was meinst du?!« fragte Remus ahnungslos als hätte er nicht richtig gehört.

»Hose. Runter.«, sprach Severus mit akzentuierter Pause.

Sirius hatte sein hilflos wirkendes Zauberstabgefuchtel unterbrochen. »Wenn das jetzt eins von euren perversen Spielchen wird, dann...« Er schluckte den Rest des Satzes herunter bei Severus' scharfem Blick. »Aber wehe, ihr macht Flecken!«

Severus bedachte die alte, zerschlissene Couch mit einem skeptischen Blick. »Klar, wir werden deinen antiken, kaum benutzten Schatz nicht verschandeln.«

Remus konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.

So kam es, dass Remus in Unterhose auf der Couch saß, unter ihm ein Handtuch, das die besten Tage längst hinter sich gelassen hatte, mit beiden Beinen in Severus' Schoß liegend. Die Salbe, mit welcher Severus sorgfältig seine Knie einbalsamierte und massierte, gab einen leicht beißenden Geruch ab.

Die Seitenblicke waren ihm nicht entgangen, die Sirius ihnen in unbedachten Momenten zuwarf, wenn er sich unbeobachtet fühlte.

War es Neid?

Oder Freude?

Oder ein ängstlicher Hoffnungsschimmer, der seine Augen zum funkeln brachte?

Er sprach es nicht an und hoffte darauf, dass sich sein Freund ihnen anvertrauen würde, wenn er bereit dazu wäre.

Die Salbe wirkte jetzt schon Wunder.

Sie wärmte seine Haut und die verkrampften Muskeln. Eine honigsüße Erleichterung! Es würde nur eine Weile anhalten, aber den schmerzfreien Moment musste er genießen.

Mit verschrumpelten Fingerkuppen strich er sich über das ungewohnt glatt rasierte Gesicht. Vielleicht hatte Remus es mit der Dusche ein wenig übertrieben, wenn seine Haut jetzt noch verschrumpelt war.

Den Oberlippenbart hatte er stehen gelassen, schließlich hatte Severus vorher nie etwas dagegen gesagt.

»Ich finde, wir sollten unser kleines Rudel mit einem Pakt besiegeln«, durchbrach Remus die Stille und klappte den Kräuteralmanach zu.

Sirius stockte in seiner Bewegung und hätte damit fast einen falschen Zauber gegen die Wand geschmettert.

Wenn Severus der Vorschlag überraschte, ließ er es sich nicht anmerken. Seine Handbewegungen stockten keinen Moment und so massierte er Remus' Waden in routinierter Seelenruhe weiter.

»Und wie?« fragte Sirius und setzte sich ihnen gegenüber auf den Couchtisch - sehr manierlich. Wenn er sich schon so als Teenager verhalten hatte, war es kein Wunder, dass seine Eltern ihn als das schwarze Schaf betitelten.

Remus legte den Kräuteralmanach beiseite. »Vertrauen lässt sich nicht einfach so beschließen. Man muss es sich verdienen. Ich vertraue dir, Sirius, aber vertraust du auch Severus? Wir teilen eine lange Vorgeschichte voller Missverständnisse und altem Groll. Es wird an der Zeit, dass wir das hinter uns lassen. Wenn wir ein Rudel sein wollen, dann müssen wir aufeinander zählen können, und dürfen das Handeln des anderen nicht in Frage stellen. Genau das setzt Vertrauen voraus.«

»Und was schwebt dir vor?« hakte Severus nach und ließ nun doch von Remus' Beinen ab. Er wischte sich die öligen Hände an einem kleinen Handtuch ab und schloss den Tiegel mit der Heilsalbe.

»Wir sollten uns etwas gegenseitig erzählen. Etwas, das wir noch niemandem erzählt haben. Es kann ein tiefgründiges Ereignis sein oder auch ein einschneidendes Erlebnis, das euer Leben grundlegend verändert hat. Ihr vertraut es dem Rudel an und das Rudel ehrt das Vertrauen, indem es das Geheimnis bewahrt. Ohne einen Zauber. Ohne irgendwelche Hintergedanken. Wenn wir mit einem Zauber dafür sorgen würden, dass man es nicht weitererzählen kann, dann würde man sein eigenes Geheimnis nicht wirklich riskieren, weil man weiß, dass die anderen es niemandem erzählen könnten.«

Remus hatte sich mittlerweile normal hingesetzt, auch wenn er die Berührungen seines Mannes unheimlich genoss. Hierfür brauchte er einen klaren Kopf und den Mut, seine Komfortzone zu verlassen. Mit einem kurzen Schwenker seines Zauberstabs hatte er seine Hose wieder an.

»Was haltet ihr davon?« fragte er in die Runde.

»Ein einschneidendes Erlebnis?« wiederholte Severus stumpf.

»Etwas, von dem kein anderer weiß«, erklärte Remus etwas zu enthusiastisch. »Ein Geheimnis, das wir mit uns herumtragen, das wir niemandem anvertrauen würden, weil es zu sehr schmerzt, überhaupt daran zu denken.«

Er bemerkte schnell, wie die beiden anderen zögerten.

»Ich fang an« schlug Remus schließlich vor, um sie vor der Blöße zu bewahren, sich aus der Sache wieder herausreden zu müssen, weil sie automatisch an etwas dachten, das sie keinem offenbaren wollten.

Remus hatte auch seine Geheimnisse, auch wenn er sich manchen gegenüber viel zu vertrauensselig verhielt. Doch niemand würde ahnen, was den Werwolf schon sein ganzes Leben begleitete.

»Ich werde euch etwas erzählen, von dem niemand mehr etwas weiß außer mir... und vielleicht einige Überlebende. Die meisten, die in diesen Ereignissen verwickelt waren, sind bereits tot. Diejenigen, die daran beteiligt waren, sind es hoffentlich!« begann er zu erzählen und rang schon jetzt mit seinen Händen.

Zu verlangen, sein Geheimnis zu offenbaren, und dann wirklich darüber zu sprechen, waren zwei unterschiedliche Dinge. Darüber zu sprechen, erwies sich doch als schwierig. Es half auch überhaupt nichts, dass inzwischen schon so viel Zeit vergangen war.

Ein dünner Schweißfilm verteilte sich über seine Stirn.

In seinem Kopf klang die Idee viel einfacher!

Aber es half nichts!

Er hatte es sich vorgenommen, und vor ihm saßen die einzigen Personen, denen er in seinem Leben noch trauen wollte.

Tief Luft holend drückte er seinen Rücken durch.

»Mein Vater war ein Experte in nicht-menschlichen, geisterhaften Erscheinungen. Es war sein Spezialgebiet. Sobald irgendwo ein Geist oder magisches Wesen erschien, dessen man nicht mehr habhaft werden konnte und Schaden anrichtete, wurde er gerufen, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Das Ministerium wurde aufmerksam auf ihn und engagierte ihn zur Eindämmung von Werwölfen und anderen magischen Geschöpfen. Bei der Festsetzung von Fenrir Greyback hat er sich einen abfälligen Kommentar geleistet, den er bitter bereuen sollte: Er sagte, dass Werwölfe seelenlose, böse Kreaturen seien, die nichts anderes als den Tod verdienten. Weil die Werwolf Registratur damals schon unvollständig und zu dem Zeitpunkt noch unbekannt war, dass Greyback tatsächlich ein Werwolf war, ließ man ihn frei. Fenrir schwor Rache gegenüber meinem Vater für dessen Bemerkung und brach in der nächsten Nacht bei uns ein - transformiert. Aber anstatt meinen Vater zu töten oder zu beißen, infizierte er mich, um sein Herz zu brechen und ihn für immer für seine Worte leiden zu lassen.«

Remus leckte sich über die trockenen Lippen.

»Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr es meinen Vater getroffen hat, dass nun sein Sohn eine dieser Kreaturen war, die er so sehr verabscheute. Er hatte so oder so verloren... entweder ich starb am Blutverlust oder ich überlebte wäre somit der Schandfleck in seinem Lebenslauf.«

»Wie alt warst du da?« fragte Sirius.

Wenn es Severus verwundert hätte, dass Sirius dieses Detail noch gar nicht wusste, dann behielt er seinen Zweifel an der Freundschaft zwischen den beiden für sich.

»Fast fünf und durch zweifelhaften Glücks habe ich den Biss überlebt... Damit begann eine unendliche Reise von Versteckspielen und menschenunwürdigen Experimenten...«

Sein Blick ging ins Leere und richtete sich in eine weit entfernte, finstere Vergangenheit.

»Meinem Vater war es sehr wichtig, dass niemand herausfand, was mit mir passiert war. Er hatte den Überfall weder gemeldet, noch mich in ein Krankenhaus gebracht. Wir zogen sehr oft um, verbarrikadierten den Keller bei Vollmond. Die Wände waren mit starken Verhexungen belegt, damit die Nachbarn nichts von dem Lärm mitbekamen, den ich im Keller veranstaltet haben muss. Mein Vater hat es mir nie gesagt, aber meine Mutter hatte es mir in einem Brief mitgeteilt, bevor sie starb: Mein Vater hatte ab da gemerkt, dass er mit seiner Einschätzung falsch lag. Dass Werwölfe keine seelenlosen Teufel sind. Sie schrieb mir auch, dass ihn mein Leiden nach jedem Vollmond den Verstand raubte. Von all dem zeigte er mir jedoch nichts. Ich weiß nicht, wie er vorher war, ob er ein liebevoller Vater war, oder ob er eher kalt und zurückhaltend war, so wie ich ihn eigentlich kannte. Er hat mich nie in den Arm genommen oder ein gutes Wort für mich gefunden. Im Nachhinein betrachtet kann ich wohl sagen, dass er in mir den immerwährenden Fehler sah, der ihn auf Schritt und Tritt bis in sein Grab verfolgen würde.«

»Was war mit deiner Mutter?« fragte Severus als Remus eine Weile lang in Erinnerungen versunken war.

»Sie versteckte ihren Schmerz sehr gut«, antwortete Remus, obwohl er mit der Aussage haderte. »Ich glaubte eine wirklich sehr lange Zeit, dass meine Eltern versuchten, mich vor der Welt da draußen zu beschützen, damit ich nicht als Testobjekt des Ministeriums abgestellt wurde... oder in Askaban landete oder hingerichtet wurde... Es hat sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass mein Vater mich versteckte, damit sein Ruf nicht geschädigt wurde. Er war zunächst versessen darauf, ein Heilmittel zu finden und dazu war ihm jedes Mittel recht.«

Er war mit seinem Geist aus der Vergangenheit zurückgekehrt als er in zwei Gesichter schaute, die ihn mehr als verwundert anblickten.

»Bis hier hin hört es sich wohl noch wie eine normale Reaktion von Eltern an, die ihr Kind beschützen wollten, oder?... Ja, das dachte ich mir auch... bis ich nach Hogwarts kam. Ich bin mit so vielen Verboten aufgewachsen, dass es für mich normal war, nie nach draußen gehen zu dürfen, nie mit anderen Kindern zu spielen oder mit meinen Eltern einkaufen zu gehen. Ich kannte den Umgang mit anderen Menschen nicht und hatte auch keinen blassen Schimmer, wie das Leben außerhalb meiner kleinen Blase von statten ging. Ich habe erst auf Hogwarts bemerkt, dass es nicht normal ist, sein Kind in einen Verschlag zu sperren, damit die Nachbarn nicht merken, dass da ein Kind lebt.

Die ersten Jahre meines Lebens habe ich entweder im Keller verbracht oder in einem Zimmer, in dem ich mich zu jeder Zeit vom Fenster fernhalten musste. Ich habe einmal gewagt, die Nachbarskinder vom Fenster aus zu beobachten. Es fiel den Kindern natürlich sofort auf, dass ich da oben in meinem Zimmer saß mit der Gardine ein Stück beiseite geschoben. Ich habe das Ereignis nur deswegen in Erinnerung, weil mein Vater mir danach eine stundenlange Predigt gehalten hatte und mir die Schuld gab, dass wir wieder umziehen mussten.

Das nächste Haus verfügte über ein riesiges Grundstück. Mein Vater wollte es nicht noch einmal riskieren, dass mich jemand am Fenster sah. Raus durfte ich trotzdem nicht.

Ich habe das Haus nur dann verlassen, wenn mein Vater wieder irgend einen Scharlatan aufgegabelt hatte, der ihm ein Heilmittel gegen Lycanthropie versprochen hatte.

Das erste Mal, dass mich mein Vater wegbrachte, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Es gab keine Erklärung. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich jemals wieder nach Hause durfte, oder ob mich meine Eltern einfach weggegeben hatten. Mit mir als Kind wurde generell nicht gesprochen. Dass ich ihnen ein Klotz am Bein war, habe ich sehr früh bemerkt.«

Remus fuhr sich mit nervösen Händen in einer steten Vor- und Zurückbewegung über die Knie. Vor der kleinsten Bewegung seines Mannes zuckte er zurück.

»Bitte nicht«, sprach er recht leise als Severus ihm lediglich den Arm um die Schultern legen wollte. »Wenn ich es jetzt nicht hinter mir bringe, werde ich es niemandem erzählen können.«

Sein flehentlicher Blick veranlasste Severus dazu, sich wieder zurückzulehnen und geduldig zuzuhören.

»Das erste Mal, dass mich mein Vater in die Obhut von Fremden gab, da muss ich ungefähr 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein. Ich weiß noch, dass ich damals meinen Namen noch gar nicht schreiben konnte, und einer der Aufseher auf mich herab sah und meinte, dass Kreaturen wie ich keine Bildung bräuchten, weil wir zu dumm wären, um Lesen und Schreiben zu lernen.

Meine Mutter hatte mir abends vor dem Schlafengehen immer vorgelesen, und da kamen Dinge vor, die ich mir nicht erklären konnte. So etwas wie Schule zum Beispiel, oder mit anderen Kindern Fußball zu spielen. In den Geschichten gingen Kinder immer zur Schule, und als ich das erste Mal in so ein 'Sanatorium' gesteckt wurde, dachte ich, dass das diese 'Schule' sein musste, die in den Geschichten immer erwähnt wurde.

Der erste Tag war ein so einschneidendes Erlebnis, dass ich noch heute Albträume davon habe.

Mein Vater aparierte uns direkt dorthin. Ich vertrug das Aparieren überhaupt nicht und musste mich sofort übergeben. Dafür hab ich dann eine Ohrfeige kassiert. Man brachte uns in einen viel zu warmen Raum - es war mitten im Winter und die Luft in dem Raum war so trocken geheizt worden, dass ich permanent husten musste. Die Wände waren in einem hellblauen Pastellton gestrichen und mit lustigen Tierfiguren bemalt worden. Da war ein großes Sofa mit weichen Kissen und einem Tisch, auf dem einige Magazine und Zeitungen für die Erwachsenen und Malbücher für Kinder ausgelegt waren. Es roch übelkeitserregend süß nach Kuchen und Kakao, fast so als hätte jemand zu großzügig die Aromen in dem Raum versprüht. Meinen Vater schien es nicht zu stören, also schob ich's auf meine Krankheit, wie wir Zuhause meinen Zustand nannten.

Eine alte dicke Frau in einem blauen Kittel und weißer Schürze kam herein. Ich konnte mir nicht erklären, wie ihre spindeldürren Beine einen derart dicken Körper tragen konnten. Sie hatte den Charme einer alten Dame, die Kinder über alles liebte... Sie machte einen auf zuckersüß und liebevoll, dass mein Vater sich nichts dabei dachte... oder sich nichts anmerken ließ. Es wurde so vieles versprochen... andere Kinder, die das gleiche pelzige Problem plagte, Kinder, mit denen ich mich anfreunden könnte, täglich warme Mahlzeiten, Freizeitaktivitäten... einfach alles, was den Eindruck erwecken würde, dass sich Kinder dort wohlfühlten, und das Ganze mehr an eine Art Feriencamp erinnerte.«

Hier hielt Remus kurz inne und wischte sich mit der Hand über das müde Gesicht. Im Kamin knackte das Feuerholz.

»Mein Vater verabschiedete sich nicht von mir. Er unterschrieb lediglich die Papiere, die mich vermutlich in die Obhut dieser Leute übergaben, schüttelte der alten Frau noch die Hand und ging... ohne sich noch einmal umzudrehen! Ich wollte ihm hinterher rennen, aber sobald er aus dem Raum war kamen zwei Männer herein, die mich gleich festhielten. Ich kann nicht sagen, ob mein Vater das noch mitbekommen hat, oder ob es ihn überhaupt nicht berührt hat... Man hielt mich fest und schlug mir so fest auf den Kopf, dass ich ohnmächtig wurde.

Als ich wieder zu mir kam, war ich in einem Käfig eingesperrt. Es war kalt, spärrlich beleuchtet und ich war nackt. Um mich herum keuchte und hustete es... Ich merkte schnell, dass ich nur einer von vielen war. Wir waren alle in kleinen Käfigen eingesperrt, übereinander gestapelt und an der Wand entlang aufgereiht. Es war nicht einmal Platz zum ausstrecken oder sich hinstellen. Jahre später habe ich solche Käfige wieder gesehen... es war auf einem versteckten Schwarzmarkt... In den Käfigen wurden Pelztiere gehalten...«

Remus knibbelte sich die Fingernägel kurz und er fuhr sich mit der Hand über den Mund, ganz irritiert, dass kein Bart da war.

»Mir wurde sofort übel bei dem Anblick... und in solchen Käfigen mussten wir Tag und Nacht ausharren. Wenn sie ihre Tests durchführen wollten, wurden wir einzeln oder in Gruppen aus den Käfigen geholt. Es war permanent dunkel, nur über der Ecke mit dem Stahltisch hing eine Halogenlampe, die pausenlos leuchtete. Die Grauen ihrer Tests konnte jeder mitbekommen, weil sie im gleichen Raum stattfanden und für Angst sorgten. Wer nicht schnell genug sputete, bekam Stromschläge mit einem Viehtreiber verpasst. Das ist ein langer Stab aus der Muggelwelt, der im Umgang mit Vieh eingesetzt wird. Er hat vorne zwei Spitzen, die Verbrennungen durch Stromschläge verursachten. Was mir schnell auffiel: Es wehrte sich niemand dagegen. Die meisten wussten schon, was sie erwartete, und die Neuankömmlinge lernten schnell, nicht aus der Reihe zu tanzen... und es kamen immer Neue hinzu. Der Nachschub riss nie ab, genau wie der Verbrauch und die Entsorgung von Leichen nie versiegte.«

Remus zitterte.

Die Erinnerung hatte sich so tief in sein Gedächtnis eingebrannt, dass es ihm jedes Mal den Boden unter den Füßen wegriss, wenn er sich auch nur still daran erinnerte. Seine Albträume hätten von Greyback handeln sollen, und von schmerzhaften Verwandlungen bei Vollmond, doch stattdessen jagten ihm die Spritzen und unwürdigen Verhältnisse in den kalten Gemäuern mehr Angst ein als alles andere.

»Hat man euch...« begann Severus und wagte es doch nicht, den Satz zu beenden.

»Vergewaltigt?« sprach Remus das Offensichtliche an. »Nein, das haben sie nicht.«

Die Anspannung verpuffte nicht ganz, aber Remus konnte spüren, dass es die beiden anderen gravierend erleichterte, auch wenn Remus' Kindheitserinnerungen mehr einer Horrorgeschichte ähnelte, die man in den Nachrichten hörte oder im Daily Prophet las. So etwas Schreckliches geschah in der großen, weiten Welt, und nicht in unmittelbarer Nähe.

So etwas passierte einem selbst... aber doch nicht anderen.

»Diese Menschen, die die Tests an uns durchführten, waren zu sehr von uns angewidert, um auch nur auf die Idee zu kommen«, sprach Remus weiter.

Da war sie wieder - die Anspannung und das leise simmernde Verlangen nach Vergeltung! Es war regelrecht greifbar in der Luft.

»Ich kann nur für mich sprechen. Was hinter verschlossenen Türen geschah, kann ich nur vermuten.«

Remus senkte den Blick auf seine Hände, die er nervös knetete.

»Ich habe den ersten Tag nur geweint, weil ich fürchtete, dass das jetzt mein Leben sein würde. Ich war ihnen machtlos ausgesetzt, und ich habe die ganze Zeit gefroren. Wer nach einer Decke fragte, wurde hämisch ausgelacht.

Auf einmal klapperten die Aufseher mit ihren Knüppeln gegen die Gitterstäbe. Ich wusste damals noch nichts damit anzufangen. Es war ein Zeichen, dass wir ihnen zuhören sollten. Mich hatte das nur noch mehr verängstigt!

In der Mitte des Raumes standen zwei Männer in weißen Kitteln. Sie lachten uns aus und meinten, dass wir uns nicht so anstellen sollten. Wir hätten keinen Grund zu frieren, da Abschaum wie wir doch mehr Tier als Mensch war, und Tiere wären es schließlich gewohnt, in der Kälte zu sein.

Es war eine reine Machtdemonstration. Sie wollten uns damit zeigen, dass selbst die notwendigste Versorgung eine Verschwendung an uns war. In den ersten Tagen hatte ich noch Hoffnung, dass man mich wieder abholen würde, oder dass alles nur ein böser Traum war. Aber die älteren Jungs machten mir alle Hoffnungen zunichte. Sie machten mir unmissverständlich klar, dass mein Vater nie mehr zurückkommen würde und er mich vermutlich an die Einrichtung verkauft hatte...«

Remus griff nach seiner inzwischen kalten Tasse Tee und erhitzte die Flüssigkeit mit wortloser Magie. Der Tee schwappte in der Tasse hin und her. Um das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, presste er sie fest gegen die Tasse und nahm einen großen Schluck daraus.

»Aber dein Vater kam wieder... oder nicht?« wandte Sirius ein und rutschte unsicher auf dem Couchtisch umher.

»Er holte mich wieder ab, ja«, kam es langsam über Remus' Lippen. »Aber ich glaube nicht, dass das sein ursprünglicher Plan gewesen war...

Ich weiß auch nicht, wie lange ich dort war... einige Monate bestimmt, denn ich kann mich an einige schmerzhafte Transformationen erinnern, natürlich nur bruchstückhaft... sobald der Wolf in mir übernahm, wurde alles schwarz...

Man wusste nie, wann welche Tageszeit war - es gab keine Fenster, aber den Mondaufgang spürten wir dann alle, wie eine innere tickende Bombe, der wir nicht entkommen konnten. Einmal am Tag gab es einen grauen, klumpigen Brei. Er schmeckte nach nichts, und hinterließ trotzdem ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Der Brei wurde in einem Hundenapf serviert; ohne Löffel oder dergleichen. Viele Kinder weigerten sich, den Brei zu essen, aber etwas anderes gab es nicht und wir bekamen so lange nichts, bis der letzte seinen Napf leer gegessen hatte. War der Napf nicht leer, bekamen die anderen nichts. Das ging manchmal Tage lang. Wir waren Kinder... als Kind denkt man nicht über die Konsequenzen der eigenen Handlungen nach.«

Er stellte seine Tasse möglichst geräuschlos ab und betrachtete seine Hände als wären die Muttermale und Hautfalten das Interessanteste der Welt.

»Wie lange warst du da?« fragte Sirius. An seinem verblüfften Gesichtsausdruck konnte man ausmachen, dass Remus dies nicht einmal seinen engsten Freunden während der Schulzeit erzählt hatte.

»Ich kann mich an drei Verwandlungen erinnern, aber ich kann mich auch täuschen«, erklärte Remus.

»Also hat dich dein Vater mindestens drei Monate in der Obhut von diesen Scharlatanen überlassen?« rief Sirius aus. Eine pochende Ader stach an seiner Schläfe hervor und er schnaufte schwer. Es musste ihn viel Kraft kosten, nicht direkt vor Wut auszurasten.

»Nach dem ersten Vollmond in der Einrichtung wehrte sich niemand mehr. Die meisten waren entweder bewusstlos oder wippten in ihren Käfigen mit ihren Oberkörpern vor und zurück, um sich von den Schmerzen abzulenken. Zwei überlebten die Nacht nicht. Sie wurden gleich unter Gezeter der Weißkittel aus den Käfigen entfernt, und wir mussten uns anhören, dass das unsere Schuld sei. Es waren zwei ältere Jungs und an ihren Körpern war kaum noch Fett dran. Habt ihr schon einmal einen Verhungernden gesehen? Die Gelenke stechen so unreal hervor wie dicke Knubbel und die Beine haben mehr Ähnlichkeit mit Holzstelzen. Die Jungs konnten sich glücklich schätzen, während der Verwandlung gestorben zu sein. Somit hatten sie ihren eigenen Tod nicht bewusst wahrgenommen.

Der Tod war ein ständiger Begleiter. Wer nicht an den Tests oder seiner eigenen Verwandlung starb, der siechte langsam an Mangelerscheinungen dahin.

Ich verstand damals nicht, warum das so war. Die meisten gehörten nicht zu denen, die das Essen verweigerten, und trotzdem wurden sie immer schwächer.«

Remus hielt inne.

Seine Wangen färbten sich rot und es war den anderen nicht klar, ob vor Wut oder Trauer... aber es war etwas ganz anderes, das Remus' Gedanken beklemmte:

»Wie ich bereits sagte, ließ man uns nicht aus den Käfigen raus. Es sei denn, sie hatten dich auf die Liste der Testobjekte gesetzt. Einmal am Tag wandten sie einen Entleerungszauber an jedem einzelnen von uns an... Sie zauberten den Inhalt von Blase und Darm weg. Bei der Blase macht es eigentlich nichts aus, aber bei der Entleerung aus dem Darm kann es sein, dass der Körper noch nicht alle Wertstoffe aus der Nahrung entziehen konnte. Deswegen litten viele Kinder unter Mangelerscheinungen.

Die Aufgabe war den Weißkitteln lästig. Sie knobelten es regelmäßig untereinander aus, wer die Aufgabe übernehmen musste. Wenn es ein Kind nicht aushielt, lief es einfach die Gitterstäbe hinunter. Vermutlich wollten sie es einfach nur steril halten mit dem geringsten Aufwand. Als Kind konnte ich es mir natürlich nicht erklären, warum es so vielen anderen Kindern schon nach wenigen Tagen nach ihrer Ankunft so derart schlecht ging.

Egal, wie oft ich in meinem Leben am Hungertuch nagen musste, es war alles bei weitem nicht so schlimm wie damals in dieser Anstalt. Aber dort bekam ich einen Ausblick auf meine Zukunft, denn der Hunger sollte mich mein Leben lang begleiten.

Natürlich waren die Portionen, die man uns vorsetzte, nicht groß und schon gar nicht ausreichend. Egal, wie sehr man sich davor ekelte - der Hunger trieb den klumpigen Brei rein.

An einigen Tagen gelang es mir, mich unbemerkt mit meinen Käfignachbarn zu unterhalten. Nur wenige von ihnen waren schon länger dort gefangen. Von ihnen erfuhr ich, dass man erst ausgenommen wird, wenn man keine Ergebnisse mehr lieferte. Daraus konnte ich mir zuerst keinen Reim machen, aber ich sollte es bald mit eigenen Augen sehen.

Ich will eigentlich gar nicht ins Detail gehen...

Es gibt einen Schwarzmarkt für Körperteile von Werwölfen, und die Leute, die uns da in Käfigen zusammengepfercht hatten, beteiligten sich regelmäßig an der Zulieferung. Manchmal sah man noch die Reste auf dem Tisch, wenn der Vollmond vorbei war. Manchmal warteten sie nicht einmal den Vollmond ab und holten sich die Schwachen aus den Käfigen, um sie vor unseren Augen wie gemeines Vieh zu schlachten.

Ich hatte eine solche Angst!

Ich wollte nicht getötet werden, aber ich wollte auch von dort wegkommen... Natürlich war ich nicht der Einzige, der so dachte, aber ich sah wie alle Fluchtversuche abgefangen und streng bestraft wurden... Allein hätte ich mich daraus nie befreien können...«

Remus wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

Eine Hand auf seinem Knie lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Ihm keinen seelischen Beistand zu leisten, war Severus gerade wegen gewisser Parallelen unmöglich.

Sie sahen sich an und kamen zu einem stummen Einverständnis. Remus legte seine Hand auf Severus' und drückte sie leicht. »Danke«, flüsterte er leise.

»Wie bist du dann von dort weggekommen?« wollte Severus wissen.

Remus holte tief Luft und rieb sich die Oberschenkel, um sich selbst von seiner inneren Zerrissenheit abzulenken.

»Es gab eines Abends einen kleinen Tumult. Die Weißkittel stritten sich. Sie zerrten mich ohne Vorwarnung aus dem Käfig während sie weiter zeterten und schimpften. Ich dachte zuerst, jetzt wäre es um mich geschehen, und hatte so große Angst, dass mich meine zitternden Knie nicht tragen konnten... Sie zerrten mich aus dem dunklen Raum in einen Korridor, schoben mich in ein Badezimmer, schrubbten ungeniert meinen dürren, nackten Körper mit einer groben Bürste, die sofort rote Striemen auf meiner blassen Haut hinterließ. Sie zogen mich an und schoben mich der alten Frau in die Arme, die mich am ersten Tag in Empfang genommen hatte. Sie setzte ihr zuckersüßes Grinsen auf, sagte noch, dass sie mich und meine Familie umbringen würde, wenn ich auch nur einen Ton darüber verlieren würde, was sich in den hinteren Räumen abgespielt hätte, und schob mich in den Empfangsraum mit den lustigen Tiergestalten an den Wänden und dem Sofa mit den weichen Kissen.

Dort ging mein Vater ungeduldig auf und ab, und meine Mutter saß weinend auf dem Sofa. Ich lief sofort auf sie zu und krallte mich mit aller Kraft an ihrem Kleid fest. Es kam mir alles so surreal vor... Eigentlich war ich so schwach, dass ich kaum einen Löffel grade in den Händen halten konnte, aber von meiner Mutter hätte man mich nur noch mit Gewalt losreißen können.«

»Was ist dann passiert?«, fragte Sirius beinahe ungeduldig.

»Mein Vater unterhielt sich mit der alten Frau, die kurz darauf zeterte wie ein Rohrspecht, und dann nahmen mich meine Eltern mit«, antwortete Remus und sie spürten wie er die Situation erneut durchlebte und selbst jetzt noch über dreißig Jahre später noch erleichtert aufatmete.

Es wurde still.

Das Kaminfeuer durchbrach ächzend das Schweigen. Auch das Haus machte sich mit altersschwachen Holzdielen und anderen Geräuschen bemerkbar, die man in normalen, nicht magischen Häusern niemals vernehmen würde.

»Hast du deinen Vater jemals zur Rede gestellt?« wollte Severus wissen.

»Auch wenn es heute merkwürdig ist, darüber zu reden, aber ich habe es damals als normal angesehen… Ich habe meinen Vater zwar gefragt, warum er mich immer wieder solchen Leuten auslieferte. Aber in seinen Augen war es ein notwendiges Übel. 'Später wirst du mir danken, wenn es ein Heilmittel gibt', hatte er immer gesagt, immer das größere Wohl über mein eigenes gestellt… Dabei begriff ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, was überhaupt mit mir los war.

Ich wusste nicht, dass ich mich monatlich für eine Nacht in eine Bestie verwandelte. Ich wusste nur, dass ich mich an einige Nächte nicht erinnern konnte und dass ich oft krank war. Aber was ich war, das hab ich erst viel später realisiert.«

»Du bist ein Mensch!« unterbrach Sirius ihn heftig. »Du hattest nur das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.«

Remus lächelte.

Er wirkte dennoch müde.

»Trotzdem muss ich für den Rest meines Lebens Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Die Forschung in dem Gebiet ist darin keine Unterstützung. Niemand kann sagen, ob ich auch so ansteckend sein kann. Reicht es, um den Vollmond herum vorsichtig zu sein? Oder könnte ich andere selbst dann anstecken, wenn sie mit meinem Blut in Berührung kommen?«

Er warf Severus einen wehmütigen Blick zu.

»Ich werde nie mit meinem Ehemann ungeschützten Sex haben können. Egal, wie sehr wir uns vertrauen! Meine Infektion bringt ein hohes Maß an Verantwortung mit. Und auch wenn ich nicht danach gefragt habe, ist die Lycanthropie etwas, das ich nicht einfach ein- und ausschalten kann und mal so oder mal so danach handeln darf, wie mir gerade der Sinn steht. Es stehen Menschenleben auf dem Spiel, wenn ich unvorsichtig werde, und es steht schlecht um die Zaubererwelt, wenn ich Dumbledores einzigen verlässlichen Spion anstecke...«

Erschrocken hielt er inne als Severus nach seiner Hand griff und ihn zu sich zog. Remus blieb jedoch stocksteif auf seinem Platz sitzen.

»Severus, ist schon in Ordnung… Ich bin nicht so fragil und brauche nicht für alles eine Umarmung…«, sagte er. Dabei wollte er gar nicht grob klingen.

»Du brauchst es vielleicht nicht, aber ich… Also bitte: Komm schon her«, forderte er ihn auf und ließ nicht locker bis Remus sich an ihn schmiegte und er den Arm um ihn legen konnte. Remus legte seine Decke um beide herum und erst als er seinen Kopf gegen Severus' Schulter lehnte, spürte er wie eine große Last von ihm genommen wurde.

»Das war nicht das einzige Mal, dass dich dein Vater wegschickte, oder?« Remus spürte den Bariton in Severus' Brust vibrieren. Ein wohliges Kribbeln breitete sich in seiner Magengrube aus.

Er hatte seine Stimme so sehr vermisst!

Remus atmete tief durch.

»Nein, es war erst der Anfang.« Er klang resigniert als die Worte über seine Lippen huschten. »Ich habe vieles in meinem Leben über Menschen gelernt, sowohl über Magier und Hexen als auch über Muggel: Sobald man Geld mit anderen Menschen scheffeln kann, ist ihr Erfindungsreichtum unergründlich und schrecklich.« Er zog den Arm seines Gatten enger um sich und verwob ihre Finger miteinander. »Der Schwarzmarkt findet für alles eine Verwendung, ob lebendig oder tot.«

»Was soll das heißen?« hakte Sirius nach und setzte sich nun auf die vakante Stelle auf die Couch.

»Dass Werwölfe Freiwild sind… Besonders die Registrierten. Es gibt immer einen, der ein zweifelhaftes Interesse an Werwölfen und Verbindungen zum Ministerium hat. Es interessiert sich niemand dafür, ob ein Werwolf von der Bildfläche verschwindet. Wenn das passiert, dann heißt es nur wieder, dass Werwölfe ohnehin bloß Tiere wären, die ihren wilden Instinkten folgen würden. Für so jemanden schickt man keinen voll ausgebildeten Auror raus, um nach ihm zu suchen. Die meisten weiblichen Werwölfe verschwanden sowieso früher oder später.«

»Ich dachte, Werwölfe sind generell stärker und halten mehr aus?« warf Sirius ein.

Zuerst verstand Remus den Zusammenhang nicht, doch dann: »Ach, du meinst, sie wären vielleicht gestorben bei einer Transformation?«

»Wieso wären sie sonst verschwunden?« Sirius hob ahnungslos die Schultern.

»Weil Muggel eine Menge bezahlen, um Werwölfe zu jagen? Nicht nur Muggel, auch hochrangige Reinblüter lassen dafür ein Vermögen unter der Ladentheke wandern, nur um einen persönlichen Werwolf für die Jagd geliefert zu bekommen. Es gibt so viele Möglichkeiten, warum Werwölfe einfach so spurlos verschwinden. Weibliche Werwölfe sind sehr begehrt und werden an spezielle Bordelle verkauft, wo sie als Attraktion hingestellt werden, weil sie nicht fähig sind, sich fortzupflanzen… und wenn es doch zur Schwangerschaft kommt, tötet die Transformation den Fötus spätestens im dritten Monat. Es gab meines Wissens noch keinen lebend geborenen Nachkommen einer Werwölfin.«

»Du weißt, dass das alles schwere Vorwürfe sind, Remus«, sprach Severus in Remus' Locken hinein. »Hast du dafür Beweise?«

»Nur meine Erinnerungen… und selbst die sind nur schwammig. Es kam alles wieder hoch als ich zur Kolonie aufschloss. Alle waren Verstoßene, ob von ihren eigenen Familien oder von der Gesellschaft. Sie hatten nur einander, und doch wussten sie nur die Hälfte dessen, was ihnen bevorstünde, sollte das Ministerium sie in die Finger kriegen… oder gar Greyback.«

»Was hat Dumbledore zu der Information gesagt?« wollte Sirius schließlich wissen.

»Er hat mit seinem Patronus auf meinen Brief reagiert. Er will, dass ich sie unbedingt von unserer Sache überzeuge...« Es klang resigniert und kraftlos.

»Aber?« hakte Severus nach.

Remus wandte sich in seiner Umarmung.

»Ich will mich ihm nicht widersetzen, und ich weiß, dass viel auf dem Spiel steht und der Unnennbare unbedingt gestoppt werden muss...«

Jetzt setzte er sich auf und löste sich auf der schützenden Umarmung. Die Decke fiel von seinen Schultern.

»Aber es sind normale Leute, die noch nie in ihrem Leben gekämpft haben, schon gar nicht gegen Zauberer. Sie von Dumbledores Kampf zu überzeugen, würde aus ihnen nur Kanonenfutter machen. Es sind meist Frauen und Kinder. Die Männer sind alt und ihr Leben ist gezeichnet von unbehandelten Transformationen. Diese Leute haben noch nie etwas mit dem Ministerium zu tun gehabt oder sie wurden gejagt von Auroren, die sie zur Registratur zwingen wollten in einem System, welches nicht ihres ist. Könntet ihr euch vorstellen, euch bei irgendeinem Verwaltungstrakt der Muggel registrieren lassen zu müssen, nur weil ihr etwas seid, was die Muggel nicht sein können und auch nicht verstehen? Es ist so absurd…!«

Remus warf die Hände wild gestikulierend in die Luft.

»Für eine der beiden Welten müssen sie sich entscheiden. Noch haben sie die Wahl… Die kann ihnen bald genommen werden«, wandte Severus ein.

»Ich weiß!« rief Remus aufgebraucht aus und raufte sich durch das Haar. »Hör doch mal auf, so verdammt rational zu sein!« Sobald ihm die Wörter raus gerutscht waren, hielt er die Luft erschrocken an. »Tutmirleid...«, nuschelte er, immer noch aufgebracht über sich selbst.

Eine Hand auf seinem Rücken ließ ihn zuerst zusammenzucken, doch dann schmiegte er sich in die Berührung hinein und lehnte sich wieder zurück.

»Das war noch nicht alles.« Es war keine Frage.

Remus schaute traurig auf und blickte in die schwarzen Augen seines Gatten: »Nein, das war noch nicht alles… Ich werde aber nur noch von einem weiteren Abschnitt in meinem Leben erzählen, denn ich möchte mich nicht an alles erneut erinnern müssen«, erklärte Remus. »Manche Erinnerungen bleiben besser begraben in der Dunkelheit des Bewusstseins.«

Er seufzte und hielt inne als würde er vor einer Wegesgabelung stehen und mit sich hadern, den vorbereiteten Weg tatsächlich zu betreten.

Seine Stimme war belegt als er doch noch weitersprach:

»Die Gesetze ändern sich alle paar Jahre. Entweder wir werden als Zauberwesen eingestuft oder als magische Tierwesen. Wir werden also entweder mit Dementoren auf eine Stufe gestellt oder mit Nifflern, Einhörnern und Yetis. Ich kann mich noch an eine Begebenheit erinnern, als mein Vater mich mit ins Ministerium genommen hatte. Er wollte einen neuen Ausweis für mich beantragen als feststand, dass ich in Hogwarts zur Schule gehen würde. Wir standen an einem Schalter und warteten auf ein Formular oder ähnliches als eine Gruppe Zauberer einen wild um sich schlagenden Mann magisch durch den Gang schoben. Er fluchte und bespuckte jeden, der ihm zu nahe kam. Ich wollte wissen, was mit dem Mann war, und bevor mein Vater darauf eingehen konnte, antwortete die junge Frau hinter dem Schalter. Das sei ein Werwolf, sagte sie. Er hätte sich der Registrierung entzogen, und die Zauberer um ihn herum, gehörten der Division von Auroren für die Festsetzung Gesetzesflüchtiger. Ich fragte, was sie mit ihm machen würden, denn dem Spektakel nach zu folgen, dachte ich gleich, dass sie seinem Leben ein Ende setzen würden. Aber sie sagte, dass er gebrandmarkt werden würde und sich zu jedem Vollmond einzufinden hätte in eine der registrierten Werwolfhäuser, damit er keine Gefahr für die normalen Zauberer sein würde. Da begriff ich, warum mein Vater nicht wollte, dass ich mich verriet. Ich wollte nie an seiner Stelle sein...«

»Und doch bist du mit demjenigen in einer Beziehung, der dich in die Arme des Ministeriums getrieben hat!« unterbrach Sirius ihn aufgebracht. Es lagen noch mehr Worte auf seiner Zunge, die nur zu gern ausgespuckt worden wären, aber Remus' scharfer Blick hinderte ihn am weitersprechen.

»Es hätte viel schlimmer schon Jahre zuvor mit mir enden können, Sirius. Denn Beißvorfälle werden in der Regel nicht nach Askaban geschickt. Wenn dein Streich geglückt wäre, dann hätte man mich ohne Prozess direkt hingerichtet!

Als ich nach meiner Kündigung mit dem Hogwarts Express in London einfuhr, erwarteten mich die Auroren bereits. Sie wendeten keine Gewalt an, da ich mich nicht wehrte, aber sie machten mir unmissverständlich klar, dass sie alles unternehmen würden, um mich zur Registratur zu bringen. Ich wurde medizinisch untersucht. Alle meine körperlichen Schwächen und Merkmale wurden in meiner Akte festgehalten. Sie haben mich über alles sehr detailliert befragt und haben nichts ausgelassen.

Offiziell war ich nach meiner Anstellung in Hogwarts obdachlos, also wiesen sie mir ein Zimmer in einem streng bewachten Distrikt zu, wo nur auffällige Zauberer und andere Kreaturen eingepfercht wurden. Aber außer der öffentlich bekannten Methoden, hatten sie noch anderen Spaß mit mir.

Da man sich gesetzlich nie einig wurde, wie man mit Werwölfen umzugehen hat, hat sich die Abteilung einige Methoden angeeignet, die in jedem anderen Fall anstößig und gesellschaftlich kritisiert werden würden. Aber wer sollte schon einem Werwolf Glauben schenken, wo selbst das Ministerium der Meinung ist, dass wir mehr Tier als Mensch wären?

Sie haben mich zunächst unter Quarantäne gestellt, mit anderen Worten: Sie haben mich für zwei Monate eingesperrt. Den Zweck der Maßnahme wollten sie mir nicht erläutern.

Mein Zauberstab wurde registriert. Mir wurden meine Rechte als Tierwesen vorgelesen und bei jedem Satz wurde mir die Frage gesellt, ob ich das Vorgelesene überhaupt verstand. Die Rechte von Tierwesen beschränken sich auf wenige Paragraphen.

Eigentlich besagen sie nur, über was wir kein Recht besitzen, und das ist eine ganze Menge. Werwölfe dürfen weder über ein Verlies in Gringotts verfügen, noch Land oder andere Besitztümer ihr Eigen nennen, das den Wert von 2500 Galeonen übersteigt.

Alles andere wird sofort gepfändet.

Natürlich war ich darauf nicht vorbereitet und so fiel ihnen mein Verlies in die Hände, wo ich alle meine Erinnerungsstücke an meine Mutter gelagert hatte und natürlich die Galeonen, die ich für den Verkauf meines Elternhauses erhalten hatte.

Ich wollte wissen, ob ich wenigstens die Sachen daraus erhalten könnte, die lediglich einen sentimentalen Wert hatten. Aber da wurde ich nur ausgelacht, und sie meinten zu mir, ich solle mich nicht so anstellen. Bei der medizinischen Untersuchung, die auch nicht in der Registratur als Voraussetzung festgelegt ist, stellten sie diverse Mängel fest, die von den vielen Experimenten stammen mussten, denen ich als Kind ausgesetzt war.

Einer von ihnen rief belustigt über den ganzen Raum hinweg, dass sie mit mir einen bereits zeugungsunfähigen Werwolf geschnappt hätten. Somit wäre eine Sterilisierung nicht notwendig.«

»Sterilisierung?!« fragten Severus und Sirius fast gleichzeitig entsetzt.

»Du hast schon richtig gehört.« Remus lachte manisch auf. »Werwölfe werden vom Ministerium kastriert, damit sie sich nicht fortpflanzen können! Bei den Frauen sind sie sich schließlich sicher, dass Schwangere früher oder später ihr Kind verlieren werden, nur bei den Männern wollten sie auf Nummer Sicher gehen. Vermutlich behielten sie mich deswegen da, um sicher zu stellen, dass ich wirklich zeugungsunfähig meine Zelle verlassen würde. Denn eine Sterilisation hatten sie trotzdem an mir durchgeführt, auch wenn sie vorher der Meinung waren, dass ich sowieso steril war.«

Er schmiegte sich wieder enger an seinen Gatten und zog die Decke bis zu seinen Schultern hoch als würde er frieren.

»Und sie sagten, dass du schon vorher zeugungsunfähig warst?« hakte Severus nach.

»Das waren ihre Worte. Sie waren genau so verblüfft wie ich, obwohl ich sagen muss, dass ich nicht der pflichtbewusste Patient war und vorher schon bewusst Ärzte gemieden habe, also weiß ich nicht, ob sie mich einfach nur an der Nase herumführen wollten oder ob es der Wirklichkeit entsprach.« Stille. »Ich hätte schon gerne ein oder zwei Kinder gehabt...«

Severus schnaubte amüsiert.

»Ich weiß, dass du nicht wirklich gut mit Kindern kannst, Sev... Aber da waren wir noch nicht zusammen und ich hatte zu dem Zeitpunkt kein gutes Wort für dich übrig.«

»Verständlich!« meldete Sirius sich zu Wort.

»Vielleicht haben wir nach dem Krieg Gelegenheit, dagegen anzugehen«, schlug Severus vor und umging die offensichtliche Anschuldigung, die Sirius ihm entgegenwarf. »Es hängt nur davon ab, wie die Werwölfe sich im Kampf gegen den Dunklen Lord verhalten. Wenn sie sich gegen ihn wenden, könnte es die Allgemeinheit positiv beeinflussen als wenn alle Werwölfe gegen Dumbledore kämpfen.«

»Also muss ich doch wieder da raus und versuchen, Rudel auf unsere Seite zu ziehen.« Die aussichtslose Situation klang in jeder Faser seines Körpers mit.

»Bei dieser Misshandlung kann ich durchaus verstehen, wenn sie sich Du weiß schon wem anschließen. Gegen eine Registrierung klingt wirklich jede Art von Lebensführung besser, und wenn es nur ein verstecktes Leben in Höhlen und Wäldern sein sollte«, schimpfte Sirius inbrünstig. Er sprang auf und wusste doch nicht so recht, wohin mit seiner aufbrausenden Energie. »Was soll als nächstes kommen? Alle zusammentreiben, dessen Nase einem nicht gefällt? Nur weil sie anders sind?«

Er ging auf und ab, gestikulierend. Dabei brachte es in ihrer Situation überhaupt nichts, weil er nicht vor dem Publikum stand, das umgestimmt werden musste.

»Fakt ist jedenfalls«, begann Severus in seiner ruhigen, sonoren Stimme. »Dass der Ausgang des Krieges auch die Situation der Werwölfe beeinflussen wird. Remus, du musst weiter versuchen, Werwölfe von unserer Seite zu überzeugen. Du musst ihnen klarmachen, dass sie nur verlieren können, wenn sie am Ende auf der falschen Seite stehen. Der Dunkle Lord interessiert sich nicht für die Rechte der Werwölfe. Er hat es zwar nicht gesagt, aber er wird sie höchst wahrscheinlich fallen lassen, sollte er siegen. Genau so schlimm wird es um jeden Werwolf stehen, wenn die Mehrheit auf der Seite des Dunklen Lord gekämpft haben werden - es wird ein schlechtes Licht auf jeden Werwolf werfen, auch auf diejenigen, die auf keiner Seite gekämpft haben.

Du wirst nicht mit dir selbst leben wollen, wenn der Krieg vorbei sein wird, und du so viel mehr hättest tun können. Du sollst nicht zurückblicken und nur bereuen müssen.«

»Ich frag mich nur, was Werwölfe im Kampf nützen sollen? Die meisten können nicht einmal zaubern, weil sie ja schließlich nie eine Zauberschule besuchen durften oder weil sie überhaupt keine magischen Kräfte haben. Wenn der Kampf nicht ausgerechnet zu Vollmond stattfinden soll, sehe ich da keinen Nutzen, dass sie sich für Dumbledore entscheiden sollten. Man müsste ihnen schon zeigen, wie sie sich wehren können, auch wenn sie nur schwache Magie besitzen sollten...«

»Schlag das doch Dumbledore vor!« unterbrach Sirius ihn.

»Sirius hat recht«, pflichtete Severus ihm bei und kassierte gleich darauf zwei skeptische Blicke. »Die Werwölfe können sich auch anders ohne Magie einbringen. Strategie und Organisation setzen keine magischen Fähigkeiten voraus.«

Es war Sirius, der Remus' Sprachlosigkeit für sich nutzte: »Einen Versuch ist es wert. Wenn die anderen Werwölfe mitbekommen, dass man sich um sie kümmert, ohne ihnen die Würde zu nehmen, haben sie einen Anreiz, sich gegen Du weißt schon wen zu stellen.«

Remus fing an zu lachen. Es bahnte sich quasi aus seinem Bauch seine Kehle hinauf, bis sein ganzer Körper darunter bebte.

»Was kann ich schon entgegensetzen, wenn sich Sirius Black und Severus Snape gegen mich zusammentun? Das hätte früher niemand für möglich gehalten!«

Erschöpft wischte er sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Also gut! Ich werde es Dumbledore vorschlagen. Aber wir kommen vom eigentlichen Grund von unserer Runde ab. Ihr habt jetzt Geschichten von mir gehört, auch wenn ich nur einen Aspekt erzählen wollte... irgendwann ist es ins Rollen geraten und dann habe ich einfach mehr erzählt als ich vor hatte. Tut mir leid, wenn es zeitweise dröge klang. Es tat gut, dass ich mich euch anvertrauen konnte, und ich möchte, dass ihr das auch könnt.«

Stille.

Ob aus Misstrauen oder aus Scham, sich nichts eingestehen zu müssen, konnte Remus nicht aus ihnen herauslesen.

»Also irgend etwas erzählen, ja? Egal was?« fragte Sirius unsicher.

»Etwas, das dich beschäftigt, das du niemandem bisher erzählt hast.«

Sirius raufte sich die Haare. Seine Augen wanderten über die verblichenen Tapeten und die antiken Möbel, die immer mit einer feine Schicht Staub überzogen waren, ungeachtet dessen, wie oft Staub gewischt wurde.

Die vielen kleinen Details wirkten auf den ersten Blick wunderbar, bis man erkannte, was sie tatsächlich darstellten: Auf der Marmorplatte des Kamins war ein Relief eingearbeitet, das den Krieg zwischen Zauberern und Elfen darstellte, mit teilweise sehr detaillierten und makabren Mordszenen. Die Stehlampe, die ein schummriges Licht auf die Wände und Bücherregale warf, zeigte auf ihrem Sockel einen geknechteten Kobold in Ketten gelegt, mit offensichtlichen Wunden, die seinen Körper zierten. Der Lampenständer bohrte sich in den Rücken der Kreatur hinein und drückte den Kobold zu Boden.

Von diesen Lampen gab es viele im Haus - in groß und klein und immer variierenden Posen.

»Ich wüsste nicht, was ich erzählen sollte...« begann Sirius. Verlegen kratzte er sich den Nacken.

»Komm schon, Sirius!« sprach Remus ihm auffordernd zu. »Vielleicht sind alle deine Erinnerungen an dieses Haus schrecklich, aber es gibt doch meistens die eine Erinnerung, die aus dem Pfuhl herausragt... die uns allen immer zu schaffen macht.«

»Ich...« Sirius haderte mit sich selbst.

»Wir werden nicht über dich urteilen, Sirius«, versicherte der Werwolf ihm.

Aufgebracht stemmte er die Hände in die Hüfte, mied ihre Blicke, fuhr sich mit einer Hand nervös über das Gesicht.

»Wenn du nicht weißt, was du erzählen willst, wie wäre es mit einer Erklärung, warum du so manisch auf die Portraits im Flur reagiert hast«, schlug Severus vor.

»Das würde dir wohl so gefallen, richtig?« raunte Sirius noch aufgebrachter und hatte im Nu seinen Zauberstab auf die beiden gerichtet. »Damit du etwas gegen mich in der Hand hast! Ich sag's dir gleich! Das kannst du vergessen!«

Severus ließ sich nicht von der hitzigen Reaktion mitreißen und sprach stattdessen ruhig weiter mit seiner beinahe melodischen Stimme, dass Sirius gleich wieder den Stab sinken ließ: »Wenn ich auf etwas aus wäre, das ich gegen dich verwenden könnte, dann müsste ich dich nicht erst danach fragen... Es war lediglich ein Vorschlag, damit ich verstehen kann, was mit dir passiert ist als ich dich auf der Treppe wiederfand. Du hattest keine harmlose Panikattacke. Du hast in deiner manischen Episode deinen Hauself verletzt. Entweder du arbeitest deine Erlebnisse auf, oder du bist eine Gefahr für den Orden.«

»Ist das nicht ein wenig zu krass?« wandte Remus ein.

»Der Dunkle Lord ist ein begabter Legiliment. Wenn du in Gefangenschaft gerätst und er deine Schwäche herausfindet, wird er alles nutzen, um Informationen aus dir herauszuholen. Außerdem war es dein Vorschlag mit dem Rudel. Wenn es dich belastet, könnte es dir vielleicht helfen«, erklärte Severus.

Sirius sah sich um als könnten ihm die Wände Hilfe bieten.

»Setz dich doch wieder.« Remus wies auf den vakanten Platz auf dem Sofa.

Aber anstatt die Einladung für das Sofa anzunehmen, setzte sich der Hausherr wieder auf den niedrigen Kaffeetisch. Mit den Ellenbogen auf den Knien abgestützt ließ er den Kopf tief zwischen die Schultern hängen. Den Blick auf seine Schuhe geklebt.

»Ich dachte damals, es wäre schon schlimm, in dieser Familie zu leben, bevor ich nach Hogwarts kam. Ich habe mich so geirrt...« begann er schließlich. »Ich hatte den Sprechenden Hut gebeten, mich nach Gryffindor zu schicken. Ich habe seine Stimme in meinem Kopf gehört als er überlegte, welchem Haus er mich zuteilen wollte. Er hatte sogar meine Verwandten aufgezählt und mir gesagt, dass dies alles Slytherin waren. Selbst meine Cousinen und Cousins.

Aber er merkte, dass ich mich damit unwohl fühlte.

Ich war allein als ich auf dem Bahnsteig ankam. Alle Eltern haben ihre Kinder bis zum Zug begleitet. Meine haben es natürlich nicht für nötig gehalten. Es war James, der mich abfing noch bevor ich in den Zug einstieg. Er sprühte vor Elan und hatte so ein Blitzen in seinen Augen, dass ich mit jedem Wort an seinen Lippen hing. Er schwärmte die ganze Zeit von Gryffindor, und dass er hoffte, dort eingeteilt zu werden.

Der Hut hatte bei mir länger als bei den anderen überlegt. Da fiel mir James' Schwärmerei für Gryffindor wieder ein.

Minerva ging natürlich bei der Zuordnung alphabetisch vor, also war ich lange vor James dran.

Ich schlug dem Hut also Gryffindor vor in der Hoffnung, James würde auch das Glück haben. Nach der Einteilung war ich genau eine Woche überglücklich. Ich war fort von meinen Eltern und diesem grauenhaften Haus. Niemand befahl mir mich mit verbotenen Artefakten zu beschäftigen oder mit schwarzer Magie, die mir jedes Mal Kopfschmerzen bereitete. Ich war frei von den Pflichten meines Familiennamens.

Bis dann der Heuler von meinen Eltern eintraf. Natürlich hatten sie mich direkt enterbt und aus dem Familienstammbaum entfernt. Ich hatte mich schon immer gefragt, warum sie mich nicht gleich im ersten Schuljahr von Hogwarts nahmen. Aber meine Mutter verstand es, diejenigen zu manipulieren und indirekt zu quälen, die sie für unwürdig erachtete, und mich machte sie zu ihrem ganz persönlichen Projekt, um Rache an mir auszuüben, und mir bei jeder Gelegenheit vorzuhalten, dass sie mich nach meiner Geburt am besten direkt erdrosselt hätte.

Die Ferien waren fortan eine Qual. Bevor sie mich nach Hogwarts schickten, hatten sie mir eingebläut, dass ich mich bloß nicht wieder nach Hause zurück wagen sollte, wenn ich einem anderen Haus als Slytherin zugeteilt worden wäre.

Die Drohung verpuffte einfach. Ich dachte, sie würden mir den Zutritt ins Haus verwehren, aber so war es nicht. Meine Mutter zitierte jedes Haushaltsmitglied in den Salon, auch die Elfen und anderen Handlanger, die für meine Familie arbeiteten. Das ist der Raum, wo der Stammbaum in der Tapete eingepflegt war. Man stellte mich in die Mitte. Alle anderen standen um mich herum. Meine Mutter hielt eine lange Rede über ihre Enttäuschung und ihren Schmerz, den sie ertragen musste, als sie mich aus ihr heraus gepresst hatte. Sie beklagte sich über meine Unehre, und dass ich auf den falschen Weg geraten sei.

Im Prozess ihrer Enttäuschung brannte sie meinen Namen aus dem Familienstammbaum heraus, dass es jeder sehen konnte, der daran vorbei ging. Die Hauselfen und Diener bekamen die Order, mich nicht mehr zu bedienen oder mir zur Hand zu gehen, wenn ich nach ihnen rief. Sie verbannte mich von jeglichen Familientreffen und allen anderen Festivitäten, auf die ich sowieso keinen Deut gab, weil mich ihr Getue überhaupt nicht interessierte.

Ich musste fortan in der Küche essen mit den Hauselfen. Es tat mir nicht weh, dass ich nicht mehr bei den gemeinsamen Mahlzeiten im Salon anwesend sein musste.

Sie konfiszierte meinen Zauberstab, damit ich mir nicht insgeheim irgendeinen Vorteil verschaffen konnte.

In der Küche ließen die Elfen ungeniert ihren Hass an mir aus. Sie spuckten mir ins Essen oder ließen es absichtlich auf den Boden fallen.

Wenn ich in den Ferien Zuhause war, hab ich mir meine Mahlzeiten selbst zubereiten müssen. Für einen Elfjährigen, der die Küche vorher nicht einmal im Leben betreten hatte, war das eine immense Aufgabe.

Oben war alles hell und strahlte Macht und Luxus aus, und unten in der Küche war es dunkel und schäbig... genau wie heute. Die Räume, die meine Familie benutzten, sahen damals ganz anders aus. Nirgends lag Staub. Die Möbel waren immer frisch poliert, und die Polstersessel strahlten in einem satten Grün. Es sah nicht immer so verkommen und vergammelt aus wie jetzt.

Die Fenster waren so verzaubert, dass von allen Seiten Licht in die Zimmer drang. Es war eigentlich ganz hübsch hier, wenn man die Hausbewohner mal außen vor ließ.

Wusstet ihr, dass die Black Familie einen eigenen Feiertag haben? Mag man kaum glauben, oder? Der Tag fällt immer mitten in die Sommerferien, deswegen fällt es auch nicht auf. Wäre es anders gewesen, dann hätten jeder Black ein Recht darauf gehabt, seinen Nachwuchs aus der Schule herauszuholen - für den Festtag und für die Vorbereitungen. Es wurde von einer Reihenfolge bestimmt, welcher Familienzweig das Fest austragen sollte. Im zweiten Schuljahr feierten sie das Fest hier in Grimmaulds Place.

Es gab viel zu tun.

Schließlich lebten noch viele Großtanten und Großonkel, selbst meine Großeltern waren noch am Leben. Das Haus wurde extra für das Ereignis um viele Räume erweitert und der Salon vergrößert. Es wurden natürlich nur diejenigen eingeladen, die nicht vom Stammbaum entfernt wurden.

Da ich nun mal noch hier wohnte, entschied sich meine Mutter dazu, mich zu den Vorbereitungen an einen Stuhl zu bannen im zweiten Stock. Sie gab den Portraits die nette Aufgabe, auf mich einzureden, mich zu beschimpfen. Vorher gab sie mir noch eine Mixtur aus verschiedenen Tränken. Ich weiß nicht, was drin war, aber es ließ mich wach bleiben und halluzinieren. Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu kapieren, dass das, was ich in den Tagen gesehen und erlebt habe, nicht echt war. Jeden Abend löste meine Mutter den Bann und schickte mich ohne Essen zurück auf mein Zimmer. Einer der Elfen, Mino, hatte Mitleid mit mir und brachte mir etwas zu essen auf mein Zimmer. Wir hatten uns schon vorher recht gut verstanden, aber Mino wusste auch, dass er sich damit selbst in Gefahr brachte.

Es blieb auch nicht lange unentdeckt. Mino wurde von den anderen Elfen verraten und meine Mutter ließ sich nicht die Ehre nehmen, Mino zu köpfen und in ihrem Schlafzimmer aufzuhängen.

Während des Festes wollte man nicht riskieren, dass einer der Gäste mich im Flur vorfand, wo mich die Portraits eifrig niedermachen würden. Es reichte ihnen auch nicht, mich einfach nur in meinem Zimmer einzusperren. Da hätte ich ja genügend Ablenkung gehabt, mit der ich mir die Zeit verschönern könnte.

Im Keller fand meine Mutter dann die beste Gelegenheit, ihr eigenes Portrait zu trainieren. Sie stellte setzte mich in einer der hintersten Zellen erneut auf einen Stuhl und bannte mich darauf fest. Sie platzierte das Portrait direkt vor mir und ließ mich damit allein. Es gab keine Fenster und auch kein Licht. Nur diese gehässige, krächzende Stimme, die nie müde wurde.

Da war mir selbst der Flur lieber! Wenn ihr langweilig wurde, ließ sie noch ein paar magische Kreaturen im Keller frei, damit mir bloß nicht einfallen sollte, einzuschlafen oder gar Langeweile zu bekommen.

Jedes Mal, wenn sie mich aus dem Keller oder aus dem Flur holten, wurde ich vor den versammelten Familienrat zitiert. Sie fragten mich, ob ich mich besonnen hätte, und dem richtigen Pfad folgen würde, den alle in meiner Familie beschritten hätten.

Es war immer ein reich gedeckter Tisch aufgetragen, wenn sie mich befragten. Ich hatte manchmal so einen Hunger, dass ich nicht richtig denken konnte.

Mein Vater hatte sogar schon einen Brief aufgesetzt, um bei Dumbledore eine Änderung der Hauszugehörigkeit zu beantragen. Mit meinem Dickkopf hatten sie allerdings nicht gerechnet. Sie mochten mich auch noch so oft bestrafen, ich fühlte mich mit jeder Befragung bestätigt, dass das der falsche Weg ist.

Sie wollten sich unbedingt mit Ihr wisst schon wem gut stellen. Und wenn sie mich als ihren Erstgeborenen als neues Mitglied für seine Sache vorstellen könnten, würden sie an Einfluss und Macht gewinnen. Sie waren so vernarrt in den Gedanken, dass nur ihre Denkweise die richtige für jeden sein musste.

Wenn wir Besuch hatten und ich demjenigen zufällig über den Weg lief, wurden mir die Prinzipien reinblütiger Familien und dem Hause Slytherin vorzitiert. Sie redeten immer mit einem herablassenden Blick auf mich ein. Umso mehr wollte ich beweisen, dass ich anders bin als sie, dass ich besser bin und dass ich ihre schwarze Seele nicht geerbt hatte.

Umso mehr hasste ich jeden, der freiwillig dem Haus Slytherin zugeteilt wurde und sogar stolz darauf war.«

Er räusperte seine belegte Stimme und schämte sich dafür, dass er seine Probleme als Hass an anderen ausgelassen hatte.

»Es war nicht die feine Art, aber es war die einzige, die mir beigebracht wurde.«

Was würde er jetzt alles für einen Drink geben!

»Was ist dann passiert?« fragte Remus.

»Es war in den Sommerferien nach dem zweiten Jahr. Ich hatte Dumbledore um dauerhaften Aufenthalt auf Hogwarts gebeten. Ich hatte ihm alles erklärt, sehr detailliert sogar, aber der alte Mann hat mich nur belächelt und mir nicht geglaubt. Er meinte, dass die Maßnahmen der eigenen Eltern manchmal befremdlich auf ein Kind wirken müssten, weil sie nur das Beste für einen wollen. Er verstand überhaupt nicht, dass meine Eltern nur das eigene Wohl im Sinn hatten und meinen Willen mit Gewalt brechen wollten.«

»Haben sie jemals Hand angelegt?« fragte Severus. Gleichgültig? Nein, das musste Sirius falsch interpretieren. Ganz sicher!

»Meine Eltern waren nie gewalttätig. Sie meinten, das wäre unter ihrer Würde. Nur Muggel und Squibs würden auf körperliche Gewalt zurückgreifen. Nein, sie verhexten mich nur immer wieder. Einmal wurde meine Mutter so wütend, dass sie mich mit dem Cruciatus belegte. Wenn mein Bruder nicht gewesen wäre, hätte sie sich richtig an mir ausgetobt.«

»Wie kann eine Mutter einen der Unaussprechlichen am eigenen Kind ausüben?!« entwich es Remus entsetzt.

»Vermutlich auf die gleiche perfide Art, wie ein Vater seinen Sohn in offensichtlich unseriöse Einrichtungen verschicken konnte, wodurch sein Sohn zeugungsunfähig wurde und sich bestimmt noch mit anderen Krankheiten ansteckte, die bisher nur noch nicht entdeckt wurden«, warf Severus alles andere als gleichgültig ein. »Manche Eltern sollten einfach keine Kinder in die Welt setzen.«

Sirius fing an zu lachen und hob mahnend den Finger: »Oh, das kam überhaupt nicht in Frage! Für die Familie gab es nur zwei Prinzipien: Das Prinzip des reinen Blutes und das Prinzip der Fortpflanzung.

Es gab in meiner Familie noch arrangierte Ehen bis in die 80er! Auch mein Bruder und ich waren indirekt verlobt mit Mädchen, die damals noch nicht einmal geboren waren. Es wurden Bande geschmiedet mit anderen Reinblüterfamilien, obwohl noch nicht einmal feststand, ob eine Ehe überhaupt stattfinden könnte. Meine Mutter wünschte sich eine stärkere Bindung zu den Malfoys und sie hatte entsprechende Vorkehrungen getroffen, mir eine von denen aufzuhalsen, sollte da in den 60ern oder 70ern ein Mädchen geboren worden sein. Zum Glück hatte Lucius keine kleinen Schwestern oder Cousinen, sonst hätte mich meine Mutter bereits nach Reinblütertradition vor meinem Abschluss verheiratet, um mir die Flausen aus dem Kopf zu treiben.«

Er lachte auf und wirkte doch verzweifelt. Ganz klar, das war keine Situation, über die er jemals lachen wollte. Und niemand stimmte ein.

»Ich kann mich noch gut an ein hitziges Gespräch zwischen meinen Eltern erinnern, in dem sich meine Mutter beschwerte, dass es an potentiellen Verbündeten fehlte und die Unantastbaren 28 immer weniger wurden und sich von den Muggeln schwächen ließen. Meine Eltern wollten unbedingt den Familienstammbaum weitergeführt sehen. Die Erfolgschance war hoch, schließlich hatten sie ja auch zwei Söhne.

Also versuchten sie alles, um mich zu bekehren. Ich musste immer zu den Ferien nach Hause fahren. Dumbledore ließ da absolut nicht mit sich reden. In den nächsten Sommerferien haben sie mich in ein Umerziehungslager gebracht, wo wirklich nichts ausgelassen wurde, um mich auf den 'rechten Weg' zu bringen. Es war so schlimm dort... Ich weiß gar nicht mehr, was alles dort passiert ist. James hat mir geholfen, die Sommerferien in meinem Gedächtnis zu verdrängen, und die Erinnerungen in meinem Geist magisch zu versiegeln. Nur das Gefühl blieb. Ausgestoßen. Ungewollt. Gehasst.«

Er holte tief Luft und rieb sich über die Oberschenkel.

»Dass ich Hilfe bekommen hab, blieb natürlich nicht lange unbemerkt. Als mein Bruder schließlich eingeschult und nach Slytherin eingeteilt wurde, ließen sie von mir ab. Ich war für sie gestorben.«

Das war noch nicht alles, oder? Sirius blickte sich nervös um. Irgend etwas bedrückte ihn mehr als alles andere.

»Meine Mutter war allerdings noch nicht fertig mit mir... Sie wollte nicht, dass ich den Familienstammbaum fortsetze oder generell mein so tolles, reines Blut weitergeben konnte. Wenn sie mich nur kastriert hätten, dann wäre es nicht so frustrierend...«

Er stockte. Sein Mund stand offen, aber es kamen keine Wörter heraus.

»Was hat deine Mutter dir angetan?« fragte Remus leise, obwohl er nicht sicher war, ob er mit diesem Wissen zurechtkommen würde.

»Es war die letzte Nacht Zuhause... meine Eltern zerrten mich nachts aus dem Bett. Mein Vater entkleidete mich. Meine Mutter belegte mich mit dem Imperius. Ich weiß nicht, welchen Fluch mein Vater genutzt hat... Die Erinnerungen spielen mir oft einen Streich, wenn ich daran zurückdenke. Ich weiß, dass es schmerzhaft war... da unten... Wieso sie mir so etwas antun mussten? Keine Ahnung! Sie hätten mich ganz normal verstoßen können. War ja nicht das erste Mal, dass ein Black sich gegen die Reinblüterpolitik gewendet hatte! Aber meine Eltern nahmen das sehr persönlich. Ich kann mich nicht mehr an die Worte erinnern, aber danach wusste ich, dass jedem etwas schlimmes passiert, wenn ich mit ihm oder ihr Sex habe.«

Er schaute in sprachlose Gesichter.

Ja, Sirius Black, der selbst ernannte Mädchenmagnet des ganzen Jahrgangs... Alles nur gespielt und erfunden?

»Meine Mutter wusste, dass ich bereits ein, zwei Dates hatte, und sie wollte sich an mir rächen, dass ich nicht der Sohn war, den sie sich gewünscht hatte. Da war es ihr auch egal, ob ich mehr oder weniger noch ein Kind war... Egoistisch wie ich war, hab' ich's natürlich als Hirngespinst abgetan. Als schlechten Traum... oder eine erneute Halluzination im Hause Black. Meine Eltern waren zwar Psychopathen und Rassisten, aber so etwas würden sie doch nicht ihrem Sohn antun...? Ich lag so dermaßen falsch! Ich machte also so weiter wie bisher. Bei meinem nächsten Date hatte ich die seltsame Nacht mit meinen Eltern schon wieder vergessen. Ihr Name war Sirenity Adams...«

»Das Mädchen, das verschwand?« unterbrach Remus ihn.

»Das Mädchen, das verschwand«, bestätigte Sirius. »Und ich bin dafür verantwortlich... Das Date verlief normal. Wir hatten unseren Spaß. Sie war ja auch kein unbeschriebenes Blatt mehr, so wie sie sich verhielt. Kurz danach wollte sie nicht mit mir zurück zum Schloss. Ich fand, dass das schon ein wenig komisch war. Aber das Mädchen war schließlich ein Jahr älter und sie hatte ihren Zauberstab dabei, also dachte ich nichts schlimmes als sich unsere Wege trennten.

Ihr Verschwinden wurde zwei Tage später bekannt gegeben. Und erst da hab ich eins und eins zusammengezählt. Ihr seltsames Verhalten direkt nach dem Sex... die Nacht, in der meine Eltern irgend etwas seltsames mit mir angestellt hatten.

James hat mich drauf angesprochen... er war der einzige, der wusste, dass ich mich mit ihr treffen wollte. Ich war so fertig mit den Nerven, dass ich ihm alles erzählte.«

Die Träne fiel aus seinem Augenwinkel ohne seine Wangen zu berühren. »Er war super lieb, das hatte ich nie erwartet. Wir haben versucht, herauszufinden, welcher Fluch es war, mit dem mich meine Eltern belegt hatten. Aber wir waren weder so fortgeschritten, noch hatten wir die Mittel dazu, irgend etwas daran zu ändern. James wollte, dass ich mich bei Madame Pomfrey melde, aber die Scham war zu groß.

Ich bin nie zu irgend jemand anderen gegangen, um mir helfen zu lassen.

Die nächsten Ferien hatte ich bei James verbracht. Meine Eltern haben sich nicht einmal gewundert, dass ich nicht mehr nach Hause zurück kam. Sie schickten mir keine Eule, keinen Heuler, nichts. Während der Ferien suchten wir nach einer Lösung, aber das einzige, was wir schafften, war eine Methode zu finden, um die Erinnerungen an diese Nacht zu verschleiern, damit ich nicht mehr nachts schweißgebadet das Haus zusammenschrie.«

Es wurde kalt in der Bibliothek. Das Feuer war ausgegangen. Nur die Stehlampe neben der Couch erleuchtete noch den viel zu großen Raum.

»Hast du danach jemals wieder versucht, den Fluch zu brechen?« fragte Severus.

Sirius schüttelte den Kopf.

»Wie stellst du dir das vor?« Er fuchtelte hektisch mit den Händen. »Soll ich etwa beim nächstbesten Fluchbrecher aufkreuzen und ihm sagen, dass mein Schwanz verflucht ist? Das Gelächter wollt ich mir nicht antun! Da hab ich meine Zeit damals lieber in die Arbeit für den Orden gesteckt. Der Krieg stand uns noch bevor... und plötzlich mussten James und Lily untertauchen. In der Zeit danach war mein verfluchter Schwanz mein kleinstes Problem... Also... da habt ihr's... Sirius Black kann keinen Sex haben, ohne dass seinen Partnern danach etwas schlimmes zustößt. Und ich bin dazu verdammt, in den vier Wänden zu hausen, in denen meine Eltern es gut verstanden, mich zu quälen und zu foltern.«

»Wenn du jetzt erwartest, dass wir uns darüber lustig machen, dann hast du den Sinn des Ganzen hier falsch verstanden«, brachte Remus ein.

»Aber das ist es doch!« Sirius lachte humorlos auf. »Die ganze scheiß Situation ist scheiße lustig! Sirius Black, der die ganze Zeit ein Mädchen nach dem anderen abschleppte, kann keine knallen.«

Er zückte seinen Zauberstab und kurz darauf erschien eine Schachtel Zigaretten in seiner Hand mitsamt Streichhölzern. Seine Hände beruhigten sich erst wieder, nachdem er einen tiefen Zug von der ersten Zigarette genommen hatte.

Remus war ratlos und irritiert zugleich. Es zeigte doch, wie wenig Vertrauen seine Freunde in ihn vorher gehabt hatten.

»Also um dein Hausdilemma zu beseitigen«, begann Severus, »bräuchtest du einen Ort, auf dem der Fidelius Zauber liegt, damit man dich nicht finden kann. Aber dann müsstest du dem Orden eine Erklärung liefern, warum du hier nicht mehr sein willst. Den anderen eine Geschichte aufzutischen, könnte recht einfach werden, aber Dumbledore ist ein begnadeter Legiliment. Er wird merken, dass du nicht die Wahrheit sagst und wird in deinen Gedanken herumwühlen, ohne dass du es merkst. Wenn du also wirklich nicht willst, dass sonst jemand davon erfährt, dann wirst du es hier aushalten müssen, bis der Krieg vorbei ist.«

»Vielen Dank für diese Erklärung, Snape! Das hab ich ja noch gar nicht gewusst!« zischte Sirius genervt.

Severus ignorierte die schnippische Bemerkung gekonnt. »Was James mit deinen Erinnerungen gemacht hat, nennt man Okklumentik. Der Gegenpart von Legilimentik. Man kann damit Erinnerungen verstecken oder im Geist wegräumen, damit sie einen nicht mehr stören, oder um die Erinnerungen vor jemanden zu schützen. Wenn du möchtest, kann ich versuchen, die Erinnerung zu finden und anzusehen. Dann weißt du zumindest gegen welchen Bannzauber du einen Gegenzauber suchst.«

»Ich lass mir doch nicht von dir in meinem Kopf herumwühlen!« fauchte Sirius und zeigte ihm den Vogel.

»Und ich dachte, wir würden uns Geheimnisse anvertrauen, damit wir uns auch gegenseitig helfen können... Also - nichts für ungut, Black«, schnarrte Severus.

»Oh, sei nicht gleich so eingeschnappt, Snape! Als ob du mich in deinem Kopf rumwühlen lassen würdest, wenn ich es könnte!« giftete Sirius zurück.

Bevor die Diskussion ausarten konnte, hob Remus beschwichtigend die Hände. »Severus hat recht, Sirius. Wenn du es loswerden willst, können wir versuchen, dir zu helfen.«

»James hat es bereits versucht...«, wollte Sirius abwehren.

»James wusste auch nicht alles...«

»Lass es, Remus. Es ist offensichtlich, dass er sich nicht helfen lassen will«, unterbrach Severus ihn.

»Jedenfalls nicht von dir!« grollte Sirius. »Ich habe meine Geschichte erzählt. Jetzt bist du dran, Snape! Welche Geheimnisse trägst du mit dir herum? Los, sag schon! Hat dich deine Mama nicht geliebt? Oder war's dein alter Herr?« Sirius schnippte den Zigarettenstummel in den Kamin.

»Das reicht jetzt, Sirius!« Nun wurde auch Remus laut. »Wir wissen, dass es weh tut, über solche Dinge zu sprechen. Deswegen musst du aber nicht gleich so um dich greifen! Das, was dir angetan wurde, ist nicht richtig. Deinen Aggressoren kannst du nicht mehr sagen, was es mit dir angestellt hat...«

»Die lachen sich doch noch im Jenseits ins Fäustchen!« keifte Sirius zurück.

»Du hast vorgeschlagen, dass wir ein Rudel bilden könnten, also halt dich an deine eigenen Vorschläge. Wenn dir jemand Hilfe anbietet, dann bestimmt nicht, damit er dir schaden kann. Das musst du endlich hinter dir lassen, Sirius«, sprach Remus unbeirrt weiter, obwohl Sirius ihn noch mehrfach unterbrechen wollte.

»'tschuldigung«, kam es kleinlaut über Sirius' Lippen. Er fuhr sich nervös durch die mittlerweile verschwitzten, klebrigen Haare und hantierte schon mit der zweiten Zigarette, ohne sie anzuzünden.

Remus schälte sich aus der Umarmung und der Wolldecke. Sogleich hinterließ er eine kalte, leere Stelle, die niemand anderes ausfüllen konnte.

»Ich bin mir sicher, dass wir herausfinden können, mit welchem Fluch du belegt wurdest. James war zwar begabt, aber auch er hatte seine Grenzen.« Remus versuchte Augenkontakt mit Sirius aufzunehmen, doch der Animagus hielt seine Augen starr auf den Boden gerichtet. »Einen Versuch ist es wert... wenn du bereit dazu bist«, beeilte Remus sich schnell hinzuzufügen.

»Es funktioniert sowieso nur dann, wenn du dich nicht gegen mich wehrst«, fügte Severus hinzu.

Sirius haderte mit sich selbst.

»Überleg es dir«, schlug Severus vor. »Ein Leben ohne Sex kann auch nicht gesund sein. Auch wenn du nicht darüber sprechen willst, aber jeder braucht hin und wieder mal einen guten Fick.«

Remus drehte sich zu ihm um und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Er besah sich die charakteristischen Linien, die sich um seinen Mund herum gebildet hatten.

»Wir hatten nun schon zwei Geheimnisse«, fing er an. »Du bist an der Reihe, Severus. Aber bevor du anfängst zu erzählen, möchte ich etwas wissen. Du hast so viele Geheimnisse... Einige, von denen ich weiß, und bestimmt ein Dutzend mehr, von denen niemand etwas wissen darf. Bevor du uns bloß irgendein Erlebnis aufdeckst, möchte ich, dass du ein bestimmtes Geheimnis erzählst.«

»Hey! Das ist unfair!« unterbrach Sirius forsch.

Remus hob beschwichtigend die Hand, damit Sirius wieder ruhig wurde. »Ich weiß, dass wir es anders vereinbart haben, aber ich möchte etwas wissen. Etwas, worüber du dich partout ausschweigst.«

»Nein«, hauchte Severus leise. Die Panik spiegelte sich in seinen Augen wieder.

»Du weißt, auf welches Ereignis ich anspiele. Ich habe dich schon öfter darüber befragt, und du bist vehement meinen Fragen ausgewichen.«

»Remus, nein.«

Eine Bitte.

Unausgesprochen.

»Was geht hier ab?« meldete Sirius sich zu Wort.

»Es war letztes Jahr; nach dem trimagischen Turnier. Severus war spurlos verschwunden«, begann Remus zu erklären. »Ich weiß, dass so etwas passieren kann. Das war der Zeitpunkt als Du weißt schon wer wieder aufgetaucht ist, und ich habe mir unheimliche Sorgen gemacht. Da war niemand, den ich kontaktieren konnte. Niemand, mit dem ich darüber reden konnte! Ich konnte nicht einmal Dumbledore fragen, ob er mehr Informationen hätte, die mich vielleicht beruhigen oder mir zumindest Gewissheit verschaffen würden. Das erste Lebenszeichen von dir kam über Poppy, die mir eine kryptische Eulenpost schickte! Und seitdem hinkst du bei schlechtem Wetter auf dem linken Bein...!«

»Du willst eine Geschichte hören, bei der er sich am Bein verletzt hat?« fragte Sirius fassungslos und warf die Hände in die Luft. »Da kram ich mein schlimmstes Erlebnis mit meinen Eltern aus meinem Gedächtnis und du willst von ihm wissen, was mit seinem Bein war?«

»Ich habe meine Gründe, Remus!« warf Severus ein, bevor Remus dem anderen etwas entgegen bringen konnte.

»Ich weiß, dass du deine Gründe hast. Aber du hast bisher immer verneint, dass es etwas mit dem Orden oder mit dem Krieg zu tun hatte... Ich weiß, dass du mir nicht alles erzählen kannst. Aber bei Merlin! Du warst sieben Wochen verschwunden! Sieben!« rief Remus verzweifelt aus. »Ich wusste nicht, ob ich noch hoffen durfte, oder ob ich besser nach deinem Grab Ausschau halten sollte...! Du warst nicht bei den ersten Ordenstreffen! Dumbledore wich jeder Frage zu deiner Person aus. Moody wollte dir einen Seitenwechsel unterstellen, und Dumbledore hat dem nicht einmal widersprochen...«

Er war ein Stück weit von Severus weg, um ihn direkt ansehen zu können. Mit einer Hand schob er die schwarzen Strähnen beiseite, die sich aus dem Haarknoten gelöst hatten, und steckte sie hinter dem Ohr fest.

»Also bitte... sag mir, was passiert ist.«

»Ich kann nicht.« Die Stimme zitterte.

»Warum nicht?« Er hatte das Gesicht seines Gatten mit seinen Händen eingerahmt. Die Daumen strichen über feuchte Augenlider.

»Warum?« wiederholte Remus.

Die Maske fiel. Es begann in seinen Augen. Die Trauer und Panik war überwältigend. Sirius war sicher, dass dieser Moment nicht für ihn bestimmt war.

»Weil es dir das Herz brechen wird«, kam es schließlich über Severus' Lippen.

Remus schob die Augenbrauen zusammen. Verzweiflung deutlich auf seinem Gesicht abgezeichnet. »Das kann ich mir denken. Aber es bricht mir genau so das Herz, dass du mir nicht genügend Vertrauen entgegen bringst, um es mir mitzuteilen.«

»Es geht hier nicht um Vertrauen...«

»Nein, das tut es wohl nicht!« unterbrach er ihn gleich wieder. »Es geht darum, dass du denkst, mich schützen zu wollen. Dass du denkst, ich käme nicht mit der Wahrheit zurecht. Dass du mich lieber belügst, als dir von mir helfen zu lassen. Severus! Ich dachte, darüber wären wir längst hinweg! Du musst den Weg nicht mehr alleine gehen. Lass mich dir helfen.«

Seine Lippen berührten Severus' Stirn.

Silbrige Pfade rannen seine Wangen hinab.

»Es ist zu schrecklich, daran zu denken...« Die Worte waren kaum hörbar.

»Ich weiß, Severus. Ich weiß!«

»Was willst du hören, Remus? Dass ich meine dummen Entscheidungen so bitter bereue? Dass ich nicht mehr weiß, ob ich damit leben kann? Was? Remus?« Verzweiflung. Wörter, die aus heraus wollten und doch festgehalten wurden.

»Wenn ich kurz was dazu sagen dürfte?« warf Sirius zögernd ein.

Irritiert schauten beide ihn an als hätten sie seine Anwesenheit völlig vergessen.

Er kam sich schäbig vor.

»Ich sehe, dass das etwas zwischen euch ist, das mich wirklich nichts angeht. Ich kann auch gehen. Dann könnt ihr euch untereinander aussprechen.« Er stand auf. »Ich hab damit wirklich kein Problem. Vertagen wir dieses Rudelding einfach auf spä...«

»Nein«, unterbrach Severus ihn. »Setz dich.« Er sprach schnell und mit einer Eindringlichkeit, die jedes Wort zu einem Messer schärfte: »Bevor ich es euch anvertraue, will ich von euch euer Wort haben! Niemand nimmt Rache, niemand unternimmt etwas oder lässt sich sonst etwas anmerken. Ich weiß, wer meine Peiniger sind. Das gehört zur Spionage dazu.«

»Okay...« sprach Sirius.

Remus blieb stumm.

Severus packte ihn am Kragen als er kein Wort von sich gab. »Versprich es!« schnarrte er. »Oder ich nehme das Geheimnis mit in mein Grab!«

»Also gut... ich verspreche es!« gab Remus sich geschlagen und es widerstrebte ihm sichtlich.

Severus' Blick wanderte ab... in eine Vergangenheit, die er sorgfältig weggeschlossen hatte.

»Es begann als sich das Trimagische Turnier dem Ende zuneigte. Dumbledore und ich wussten, dass etwas nicht stimmte. Dass die Ereignisse zu sehr auf ein Ziel hin steuerten. Aber keiner von uns beiden konnte nach den losen Enden greifen, die sich doch vor unseren Augen zusammenflochten. Ich zeigte ihm das Dunkle Mal, das wieder deutlicher zu sehen war... schon seit einiger Zeit. Aber es brannte nicht. Albus fürchtete schon, dass der Dunkle Lord mich fallen gelassen hätte. Er befahl mir, mich sofort auf den Weg zu machen, sollte ich gerufen werden.

Aber das Zeichen kam nicht.

Je mehr Potter von Visionen sprach und Schmerzen in seiner Narbe, wusste ich, dass der Dunkle Lord seine Wiederauferstehung vorbereitete und mich außen vor ließ.

Ich war erleichtert und verängstigt zugleich. Es gab so viele Momente, in denen ich meine Entscheidung verfluchte und mir am liebsten den linken Arm abgehackt hätte, um ihm zu entkommen. Aber andere Todesser hatten bewiesen, dass nicht einmal untertauchen etwas nützte. Sie finden jeden, der vom 'rechten Weg' abkommt... und sie foltern jeden mit Vorliebe lange und gnadenlos bevor sie den Abtrünnigen umbringen.

Als Hausleiter von Slytherin und Professor an Hogwarts bin ich ein Leuchtfeuer für jeden, der nach mir sucht und meint, er müsse Rache an mir verüben.

Der lang erwartete Ruf kam schließlich einen Tag nach dem Trimagischen Turnier, und ich wusste, dass ich es nicht ohne Blessuren wieder verlassen würde... im besten Fall.

Um ehrlich zu sein, bin ich mit der Erwartung erschienen, den Ort nicht mehr lebend zu verlassen.

Und so wie ich es erwartet hatte, rechnete der Dunkle Lord mit jedem seiner Anhänger einzeln ab. Diejenigen, von denen er nicht viel erwartet hatte, erledigte er sofort mit einem einzigen Wink, ohne dass sie sich rechtfertigen oder verteidigen konnten. Sie zerfielen einfach zu Staub, ohne dass er überhaupt einen der Unaussprechlichen anwandte. Wir waren zu dritt. Ich wusste nicht, welche Todesser mit mir vor ihm knieten. Ich konnte ihre Masken nicht sehen und er sprach sie auch nicht mit Namen an.

Er sah anders aus, hatte seinen Charme eingebüßt, mit dem er viele von uns vor so vielen Jahren eingefangen hatte.

Nachdem er die beiden anderen ausradiert hatte, wandte er seine volle Aufmerksamkeit mir zu. Ich hörte das Getuschel um uns herum. Es musste wohl ein Treffen stattgefunden haben, bevor er die Abtrünnigen zu sich rief.

Ich blickte ihm direkt ins Gesicht, so wie ich es viele Jahre zuvor getan hatte. Niemand sonst hatte es gewagt, ihn direkt anzusehen, wenn er vor ihm stand.

Ich weiß auch nicht, was mich damals geritten hatte... Trotz? Stolz? Leichtsinn? Vermutlich alles zusammen... und es hatte ihm gefallen - damals. Ich wollte ihn davon überzeugen, dass ich immer noch der Gleiche war, dass ich nicht die Seiten gewechselt hatte und ihm immer noch loyal untergeben war. Würde es mir nicht gelingen, dann wäre das meine letzte Stunde gewesen. Der Dunkle Lord hielt eine lange Rede darüber, wie enttäuscht er von mir war, dass ich ihn nicht gesucht hatte, dass ich ihm nicht zur Wiederauferstehung verholfen hatte. Er hatte es von seinen engsten Vertrauten erwartet und dann war es doch die Ratte Pettigrew, die dafür gesorgt hatte, dass der Dunkle Lord wieder zu neuem Leben erweckt wurde!«

Es schwang so viel Ekel in seiner Stimme mit als er an den dickbäuchigen und von Haarausfall befallenen Gryffindor zurückdachte, der die ganze Zeit in seinem Blickwinkel gestanden hatte, und den Moment herbei eiferte, der Severus' Ende bedeuten würde. Er rieb sich die kleinen wurstigen Finger und entblößte dabei hämisch seine Hasenscharte.

»Wir hätten die Ratte beseitigen sollen«, murmelte Sirius griesgrämig daher.

»Das hätte uns eine Menge Ärger erspart, ja«, stimmte Severus zu. »Aber selbst wenn Pettigrew es nicht gewesen wäre, irgendjemand hätte sich der Aufgabe angenommen, um sich zu profilieren...

Es war nur eine Frage der Zeit.

Der Dunkle Lord verzeiht nie.

Er verzieh Pettigrew auch nicht, dass er ihn nur unterstützte, weil die Ratte Angst vor ihm hatte. Ich trug also meine Gründe vor, warum ich mich im Hintergrund gehalten hatte.

Während ich ihm eine Lüge nach der anderen auftischte, konnte ich spüren, wie er durch meinen Geist wanderte und sich die Erinnerungen besah wie jemand, der desinteressiert durch die Gänge eines Museums stolzierte und die Gemälde betrachtete, als wären sie Dreck unter seinem Schuh.

Er wühlte sich durch meine Erinnerungen wie durch einen Katalog. Er fand nichts, was meine Geschichte widerlegte - zu meiner Entlastung, aber auch zu seiner Unzufriedenheit.

Er glaubte mir nicht, und er wollte an mir ein Exempel statuieren. Anstatt mich wortlos aus der Welt zu entfernen, erachtete er es für die Übriggebliebenen, die Loyalen, als wichtig, sich vor ihm zu beweisen.

Und so erlaubte er es ihnen, sich an mir auszulassen.

Er hatte nur eine Bedingung: Er verbot ihnen den Tötungsfluch.

Da wusste ich, dass dies in einer sehr sorgfältigen und schmerzhaften Folter ausarten würde und ich mir schneller den Tod wünschen würde als mir lieb war.

Das Treffen fand im Anwesen der Lestranges statt. Die Kellergewölbe und Folterkammern waren mir wohl bekannt. Während sie sich lautstark darüber stritten, wer sich zuerst mit mir begnügen durfte, entschied ich mich, ihnen die Stirn zu bieten. Sie würden mich nicht betteln hören, so viel Stolz sollte mir noch bleiben.

Aber das interessierte sie nicht. Es stachelte sie nur noch mehr an, mich brechen zu wollen. Zuerst knobelten sie eine Reihenfolge aus. Jeder wollte eine Privataudienz mit dem Gefangenen.«

Ein kaltes, schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht als er daran zurückdachte.

»Man könnte fast sagen, dass ich zweifelsohne berühmt und begehrt war unter den unfreiwilligen Insassen. Jeder wollte ein Stück Rache für was auch immer ich ihnen angetan haben sollte. Vielleicht gefiel ihnen auch einfach meine Nase nicht...«

Niemand lachte.

»Die Ersten begnügten sich mit dem Cruciatus, lang und sehr gründlich bis ich nicht mehr alleine stehen konnte und zeitweise bewusstlos wurde. Das hatte ihnen natürlich den Spaß genommen. Einen Bewusstlosen zu foltern befriedigte ihren perfiden Durst nach Machtdemonstration nicht.

Wenn man nicht mal mehr zuckt, kann man auch gleich eine Leiche foltern... Sie durften mich aber nicht töten.

Sie ließen einen Hauself da, der mich füttern sollte, weil mir meine Hände nicht mehr gehorchten. Auch wenn ich hätte essen wollen, es ging einfach nicht. Das Zittern war zu stark und ich konnte nichts greifen. Der Hauself hatte den Befehl, mir notfalls mit Gewalt alles in den Mund zu stopfen. Ein Zauber verhinderte, dass ich daran erstickte. Nicht einmal am Erbrochenen hätte ich ersticken können. Und es kam schneller postum wieder hoch als ich zum kauen gebraucht hatte.

Der Nächste, der sich meiner annehmen durfte, befahl dem Hauself, dass er mir das Erbrochene wieder rein stopfen sollte. Er würde erst dann zufrieden sein mit dem Elfen, wenn der Boden wieder sauber war, und drohte der Kreatur mit dem Tod, sollte der Boden nicht sauber werden.

Ich übergab mich immer wieder. Er brach dem Elf das Genick und ließ ihn in der Ecke liegen. Ich weiß nicht, wie lange ich zu dem Zeitpunkt schon im Keller war. Es gab keine Fenster und das einzige Licht kam von einer Öllampe, die nur dann entzündet wurde, wenn sie mich folterten. Die Halluzinationen kamen recht schnell. Zu den Nachwirkungen der Folter führte der Schlafmangel dazu, dass ich Traum von Gegenwart teilweise nicht mehr unterscheiden konnte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. So sehr es ihnen Freude bereitete, mich zu foltern, so schnell wurde es ihn auch wieder langweilig.

Die anfängliche Euphorie verflog und es brachte andere auf den Schirm... andere wie Bellatrix, die mit Vorliebe mit ihren Feinden spielte, bevor sie sie umbrachte. Sie brach mir sämtliche Knochen, hexte mir Körperteile von Tieren an, gab mir Drogen, und als das nicht mehr unterhaltsam genug war, belegte sie mich im Sekundentakt mit dem Cruciatus bis ihre 'Schicht' vorbei war, und der nächste Elf im Raum erschien, um mich wieder mit Resten aus der Küche vollzustopfen.

Ich nahm an, dass die Elfen und das Essen den Abschluss eines Tages repräsentierten, aber dem kann nicht so gewesen sein. Vielleicht habe ich auch einige Nächte einfach nicht miterlebt, weil ich trotz Drogen, Schlaflos- und Aufputschtränken bewusstlos wurde.«

Severus stockte in seiner Erzählung, weil ihm die Stimme versagte. Als Sirius ihm eine Tasse kalten Tees hinhielt, stürzte er die Flüssigkeit mit einem Schluck hinunter.

»Wie konntest du entkommen?« Remus' Gesicht war tränenüberströmt.

Severus umrahmte Remus' Gesicht mit seinen Händen und strich mit den Daumen über die nassen Wangen. Die Tränenspuren verschwanden mit einem wortlosen Zauber.

»Es ist noch nicht alles... habe ich recht?« fragte Remus schließlich, nachdem er keine Antwort erhielt. Er ließ sich von Severus näher heran ziehen und schloss die Augen als die Lippen seine Stirn berührten.

»Nein, das ist es nicht.« Die sonst sonore Baritonstimme war kraftlos. Er schluckte deutlich hörbar. »Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, wo die Nagervisage abgeblieben war, die sich doch so eifrig danach gesehnt hatte, mir Schmerzen zuzufügen. Hatte ich ihn vergessen? Oder hatte er sich an mir ausgelassen während ich bewusstlos war? Zuzutrauen wäre es ihm ja, aber das hätte ihm nicht halb so viel Genugtuung verschafft.

Pettigrew ist genau so sadistisch veranlagt wie Bellatrix.

Er war dann doch noch an der Reihe.

Vermutlich hatten sie ihm nicht erlaubt, eher mit mir zu spielen... und hatten ihm seinen Platz ganz unten in der Rangabfolge gezeigt. Entsprechend erbost war er und hatte viel angestaute Wut, die er an mir auslassen wollte. Aber nicht auf die magische Weise. Damit hatte mich schließlich jeder vor ihm bereits gefoltert. Nein, Pettigrew wollte noch einmal eine ganz andere Art von Genugtuung genießen. Er ließ meine dreckige Kleidung verschwinden und band mich über einen Tisch gebeugt fest. Er hatte ein leichtes Spiel mit mir. Die Folter mit dem Cruciatus hat meine Glieder zu Wackelpudding werden lassen. Ich hätte mich nicht einmal mehr gegen ein Kind wehren können. Er nahm mich erst von hinten... und ich muss sagen, dass er einen so kleinen Pimmel hat, dass er gar nicht richtig reinkam... Aus lauter Frust steckte er ihn mir dann in den Mund und ich konnte nicht umhin und biss erst einmal kräftig zu.«

Der Einzige, der leise kicherte, war Severus selbst.

»Das hat ihn so wütend gemacht, dass er mir die Zähne einschlagen wollte... Wozu er auch zu dumm war. Und zu schwach... Dann trat er zu - so oft bis die Zähne endlich flogen und er mir sein Däumchen in meinen Mund rammen konnte. Aber auch das reichte nicht. Er kriegte keinen hoch...

Das machte ihn so wütend, dass er raus stürmte und sich andere zur Hilfe holte, die damit kein Problem haben würden. Sie fickten mich zu zweit... zu dritt...

Ich kann mich noch an die Orgien auf den Treffen aus der Anfangszeit erinnern; vor dem ersten Krieg. Es ist wirklich abartig, wie viele von denen eine so perverse Vorliebe für Vergewaltigungen und Nekrophilie jeglicher Art haben.

Irgendwann hatten sie von mir abgelassen.

Mein Körper klebte vor getrocknetem Blut und Sperma. An meinen Innenschenkeln lief es nur so hinunter...

Da kam Lucius herein. Ich konnte meinen Kopf vor Schmerzen kaum bewegen, also sah ich ihn nur aus dem Blickwinkel. Sein blondes Haar leuchtete verräterisch in dem schummrigen Licht. Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, was er mit mir vorhatte. Sie hatten mich einfach auf dem Tisch angebunden gelassen. Im Grunde genommen hätte es auch nichts mehr ausgemacht, wenn er mich ebenfalls gefickt hätte. Aber zu meiner Überraschung löste er die Fesseln und wickelte mich in einen Umhang. Er apparierte uns direkt in den verbotenen Wald, vermutlich weil er dachte, dass die magischen Kreaturen mich zerfleischen würden... Ich habe keine Ahnung...

Er drückte mir zwei Gegenstände in die Hand und und ließ mich im Wald liegen. Ich konnte noch in den letzten Sekunden in seine Erinnerungen schauen. Ich war zwar schwach und der Versuch war stümperhaft, aber Lucius war noch nie gut gewesen im okkludieren seiner Gedanken. Lucius hatte den Auftrag bekommen, mir den Gar auszumachen.«

Er schnaufte verächtlich.

»Nicht einmal dazu hatte er die Eier. Stattdessen gab er mir meinen Zauberstab und eine Phiole mit hochdosiertem Eisenhutextrakt, damit ich selbst dafür sorgte, dass sein Auftrag erledigt wurde! So ein Idiot...! Die Kälte des Bodens kroch durch meine gebrochenen Knochen.«

Er fuhr sich durch das strähnige Haar.

»Ich wollte dich noch ein letztes Mal sehen... doch ich konnte keinen Patronus herbeirufen! Ich konnte weder die Bewegung dazu ausführen, noch eine schöne Erinnerung aus meinem sumpfigen Gedächtnis hervor holen. Es ging einfach nicht.«

Nachdenklich betrachtete er seine Hände als durchlebte er den Moment erneut. Remus griff nach ihnen. Die Hilflosigkeit zerrte an seinen Nerven. Wenn er schon nicht wusste, wie er seinem Gatten helfen konnte, dann musste er ihm doch wenigstens physische Unterstützung vermitteln!

»Wie hast du das dann bitte überlebt?« fragte Sirius und man konnte seinen Gesichtszügen ablesen, dass er seine Wut nur schwer kontrollieren konnte.

»Die Zentauren fanden mich.« Eine Erklärung war das nicht wirklich.

»Die Zentauren?« fragte Sirius ungläubig.

Severus nickte.

»Entschuldige mal, aber die Zentauren sind nicht gerade dafür bekannt, sich mit Zauberern abzugeben. Grandiose Geschichte, Snape! Du hast mich fast davon überzeugt!« Sirius wollte lachen, aber er konnte es nicht.

»Die Voraussetzung für dieses Rudelkuscheln war ein Geheimnis. Die Zentauren sind eine andere Geschichte.«

Sirius schluckte als ihm bewusst wurde, dass es so gewesen sein musste. »Ok, ok... also die Zentauren haben dich gefunden... Aber die sind doch nicht fortschrittlich genug... oder etwa doch?«

»Über die Magie der Zentauren ist so gut wie nichts bekannt«, begann Severus. »Ich habe mich regelmäßig im verbotenen Wald aufgehalten - seit meiner Schulzeit - und so konnte ich ihr Vertrauen langsam gewinnen. Als sie mich fanden, brachten sie mich in ihr Lager. Davon habe ich nicht mehr viel mitbekommen. Das nächste, was ich wahrnahm, war der sterile Geruch der Krankenstation von Hogwarts und eine überarbeitete und besorgte Poppy, die mich gerade versorgte.«

»Warte!« Sirius hielt abwehrend eine Hand hoch. »Die haben dich nicht nach St. Mungos gebracht?« fragte er verständnislos.

»Zu viele Fragen. Zu viel Aufsehen. In St. Mungos hätten sie mich mit Sicherheit gefunden und kalt gemacht. In Hogwarts gibt es keine neugierigen Blicke und keine Reporter, die über mysteriöse Fälle berichten konnten. Poppy hat ihr Bestes gegeben, aber mein Knie wurde zu oft zertrümmert und falsch zusammengesetzt. Das konnte sie nicht mehr herrichten.«

Er sah die Hilflosigkeit seines Mannes. Seine Verletzlichkeit. Unfassbare Traurigkeit. Die Realisierung, seinen Mann beinahe verloren zu haben, ohne sich verabschieden zu können. Das war zu viel für Remus. Wortlos zog er Remus in den Arm und streichelte ihm beruhigend über den Kopf.

»Das ist noch nicht alles«, flüsterte er in die dunkelblonden Locken hinein.

»Wie hat Dumbledore darauf reagiert?« fragte Sirius, um gegen sein eigenes Unwohlsein anzukämpfen. Bloß keine Stille aufkommen lassen.

»Dumbledore war... nicht begeistert«, begann Severus zu erzählen. Jedes Wort verließ erst nach sorgfältiger Überlegung seine Lippen. »Er hatte einen regelrechten Wutausbruch als ich wieder wach war. Poppy war schon drauf und dran, ihn aus dem Krankenflügel zu werfen. Ich war zu dem Zeitpunkt immer noch nicht überm Berg. Ich fühlte mich so schwach und nutzlos, weil ich nicht einmal meine Arme noch heben konnte. Ich wusste, dass der Schulleiter Fragen hatte; unter anderem auch solche, die nichts mit dem Dunklen Lord zu tun hatten. Er hatte zum Beispiel keine Ahnung über mein gutes Verhältnis zu den Zentauren und ich konnte es an den Grenzen meines Bewusstseins spüren, dass er nur darauf wartete, meine Erinnerungen zu durchwühlen.

Er hatte bisher nur einmal gewaltsam meine Erinnerungen durchforstet. Das war der Tag, an dem ich mich vom Dunklen Lord abgewandt und Dumbledore zugewandt hatte.

Dumbledore verlangte nach einem Beweis, warum er mir vertrauen sollte. Ich war damals nicht auf sein Eindringen vorbereitet. Ich spürte nur, wie seine geistigen Finger jede einzelne meiner Mauern nieder riss, als würde er meinen Kopf mit einem glühenden Eisen durchkämmen.«

Er atmete tief durch.

»Albus konnte sich noch gerade so zusammenreißen als ich schwach im Krankenbett vor ihm lag, aber er brannte auf die Information, die ich ihm gar nicht geben wollte.«

»Hat er in deinen Erinnerungen gesehen, was mit dir passiert ist?« hakte Remus nach ohne den Kopf von Severus' Schulter zu heben.

Ein Nicken.

»Er kam zurück als ich das nächste Mal wieder wach war. Als könnte er es riechen, wann mein Körper sich dazu entschloss, wieder zu funktionieren...«

Seine Stimme klang gequält.

»An dem Tag hatte Poppy in anderen Abteilungen zu tun. Es hatte wohl einen Unfall in der Küche gegeben, und Dumbledore hatte die Unachtsamkeit der Medihexen ausgenutzt. Er holte sich die Information aus meinem Kopf. Wirklich viel Konzentration musste er wohl nicht dafür aufbringen. Aber ich wusste auch, dass es noch mehr schmerzen würde, wenn ich mich dagegen wehre.«

Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sich über das Gesicht.

»Er hat alles gesehen.«

Wenn der Abend nicht schon bedrückend genug war, so war die Stimmung spätestens jetzt knochenbrechend schwer.

»Er hat dir doch bestimmt irgendwas versichert oder? Ich mein, Dumbledore schützt dich ja auch bei jedem Ordenstreffen«, wagte Sirius schließlich das Schweigen zu brechen.

»Dumbledore vertritt die Meinung, dass jeder seinen Preis zu zahlen hat. Der eine mehr, der andere weniger. Er lässt mich auf den Ordenstreffen dulden, aber nenne mir einen Moment, in dem er mich wirklich in Schutz genommen hat... vor den Vorwürfen, die ihr mir jedes Mal auftischt, vor dem Misstrauen, das mir von allen Seiten entgegengebracht wird. Es sei unwichtig, ob mir der Orden vertraut oder nicht. Wichtig ist für Dumbledore nur, dass er meinen Informationen vertrauen kann. Meine Person ist dabei vollkommen unwichtig. Deswegen ist er jetzt der Meinung, dass ich ihm entgleite, wenn ich meinen Fokus anderen Personen widme - Personen, die ich beschützen will, die mir mehr bedeuten als mein eigenes Leben.«

Damit sah er in Remus goldbraune Augen.

»Dumbledore hält nichts davon, dass sein Werkzeug ein eigenes Leben führt. Er sieht nur das große Ganze, in dem alle Figuren seinen Befehlen folgen müssen. Wenn er sagt: 'spring', dann habe ich zu gehorchen.«

»Aber du gehörst ihm nicht!« warf Sirius empört ein. »So funktioniert das nicht in der Widerstandsbewegung! Wir sind alle Individuen mit eigenem Willen und eigenem Leben! Er würde es ja auch nie wagen, einen Alastor Moody oder Kingsley Shacklebolt zu etwas zu zwingen, weil er der Meinung ist, dass der Widerstand davon profitieren würde.« Sirius wurde mit jedem Wort lauter und hektischer.

»Andere Ordensmitglieder sind keine Spione«, erwähnte Severus ruhig.

»Das hat doch nichts damit zu tun!« Sirius warf fassungslos die Hände hoch.

»Das hat alles damit zu tun, Sirius«, widersprach Severus. »Ich habe Dumbledore geschworen, dass ich alles tun würde, um meine Fehler wieder gut zu machen. Er nimmt es mit solchen Versprechen sehr genau. In seinen Augen darf er mich zu allem benutzen, um an sein Ziel zu kommen. Und wenn ich es wage, vor ihm Geheimnisse zu haben, wird es mich teuer zu stehen kommen, wenn er dahinter kommt. Das letzte Wort zu unserer Beziehung ist noch nicht gefallen.«

Er nahm dabei Remus' Hand in die seine.

»Er wird mit Sicherheit versuchen, uns so zeitig getaktet auf Missionen zu schicken, dass wir keine Zeit mehr füreinander finden werden.«

»Dumbledore rechnet damit, dass du ihm gehorchst«, fing Remus an. »Aber er hat keine Macht über mich. Und ich werde den Teufel tun als mich von dir fern zu halten!« Remus küsste ihn zur Besiegelung seiner Ansage.

»Unterschätze niemals Albus Dumbledore, Remus«, ermahnte Severus den Werwolf.

»Bist du mir böse, dass ich uns geoutet habe?« fragte dieser schließlich reumütig.

»Früher oder später wäre es sowieso raus gekommen. Mach dir darüber keine Gedanken.«

Es nahm Remus allerdings nicht die Sorgen.

»Was passierte dann?« fragte Sirius plötzlich und, nachdem er verwirrt angestarrt wurde, fügte er noch hinzu: »Als du wach wurdest... das hörte sich alles danach an, als wären die Verletzungen schlimm genug, dass ein normaler Mensch erst einmal nicht mehr alleine lebensfähig gewesen wäre. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass du in den ersten Ordenstreffen geschwächt wirktest, oder dass dein Bewegungsapparat abgehakt und unnatürlich wirkte.«

Severus verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.

»Das war die Magie der Zentauren, die mir bei der Genesung geholfen hat. Poppy ist zwar fähig, die üblichen Verletzungen zu versorgen und auch Knochen und Zähne zu erneuern, aber das Ausmaß überstieg ihre Möglichkeiten bei weitem. Dass die Zentauren mir eine schnellere Genesung herbeiführten, spielte Dumbledore natürlich direkt in die Karten.

Sobald ich wieder alleine stehen konnte, beauftragte Dumbledore mich, beim nächsten Treffen zu erscheinen, auch wenn sie mich für tot hielten.

Auf Hogwarts war ich zwar sicher, aber es würde sich schnell herumsprechen, dass ich immer noch existierte und weiter an Hogwarts unterrichtete.

Mich tot zu stellen war also keine Option. Das nächste Treffen kam, und ich erschien - ein wenig verspätet, da ich schließlich noch nicht gut zu Fuß war und eine Weile brauchte, bis ich die Disapparierschilde von Hogwarts erreicht hatte - aber ich erschien.

Die Überraschung war auf meiner Seite.

Niemand hatte damit gerechnet, dass ich nach der Tortur, der sie mich alle unterzogen hatten, noch den Mut haben würde, mich als einer von ihnen zu bezeichnen. Viele waren erschrocken, dachten sie doch, dass sie einen wandelnden Toten erblickten. Einige bestimmte Personen bekamen es mit der Angst zu tun...«

»Pettigrew!« spie Sirius aus.

»Pettigrew«, bestätigte Severus. »Ich unterschätze ihn nicht. Er ist ein fähiger und hinterhältiger Zauberer, der auf der Seite ist, die für ihn die besten Chancen bietet. Aber er ist fahrlässig und er versteht es nicht, seine Emotionen zu verbergen.

Er hat sich fast eingeschissen als ich an ihm vorbei ging und ihn aus dem Blickwinkel betrachtete. Er weiß, dass er einen Fehler begangen hat, und nun lebt er in der Angst, dass ich mich an ihm rächen werde. Je länger ich es hinaus zögere, desto ängstlicher wird er... aber er wird damit auch unberechenbarer und lässt seine Frustration an anderen aus, die sich nicht gegen ihn wehren können.«

»Wir hätten diese Ratte ausschalten sollen als wir die Möglichkeit hatten!« schnarrte Sirius mehr zu sich selbst.

»Ihr habt versprochen, keine Rache zu nehmen«, erinnerte Severus ihn. »Auch wenn es sich um niedere Kreaturen handelt wie Peter Pettigrew! Wenn ich mich nicht auf euch verlassen kann, muss ich euch die Erinnerung wieder nehmen!«

Es war keine leere Drohung, und das wussten beide.

»Severus...« Remus griff nach dessen Händen. »Ich weiß, dass du in einem Umfeld aufgewachsen bist, in dem Unterstützung, Zusammenhalt und Liebe nicht viel bedeutet haben. Aber Menschen, die für einander eine Art Zugehörigkeit empfinden, stehen füreinander ein. Sie verteidigen dich vor anderen, die dir Böses wollen. Sie unterstützen dich und sie werden auf deiner Seite kämpfen wie ein Löwenrudel, wenn du in Gefahr bist oder generell Hilfe benötigst. Sirius' Reaktion ist völlig normal. Auch mir fällt es schwer, nicht zu fluchen und direkt los zu marschieren, um Pettigrew zu jagen. Aber es wäre unüberlegt... von beiden von uns.«

Damit bedachte er Sirius mit einem Seitenblick.

»Wir werden uns zurückhalten, nicht wahr? Aber ich kann dir nicht garantieren, dass wir ihm nicht einer Sonderbehandlung unterziehen werden, wenn es zum finalen Kampf gegen Du weißt schon wen kommt.«

Sirius wirkte wenig überzeugt und sie konnten es von seinem Gesicht ablesen, dass es in ihm brodelte.

»Sirius!« ermahnte Remus ihn. Erst als er sich seiner Aufmerksamkeit sicher war, fügte er hinzu: »Keine unüberlegten Manöver!«

»Schon gut!« rief er schließlich aufgebracht aus. »Ich kann sowieso nichts machen... bin doch immer nur hier eingesperrt und kann nichts unternehmen!«

Aufgebracht fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Den Blick auf den Boden geheftet. Eine feine Röte überzog seine Wangen.

Schließlich waren sie alle mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

Der Abend war lang und anstrengend gewesen. Es mochte auch nur eine subjektive Wahrnehmung gewesen sein. Wenn man tagein, tagaus immer nur die gleichen Wände anstarrte und nichts unternehmen konnte, während die Welt da draußen ihren gewohnten Weg beschritt, einzelne Schicksale völlig ignorierend.

Wie sagte man doch so schön:

Das Leben geht weiter.

Die Einsicht schmerzte.

Alle drei merkten, dass diese längst überfällige Aussprache zwischen ihnen einen Knoten gelöst hatte, der sie aus ihrer festgefahrenen Situation befreite und ihnen neue Wege aufdeckte.

»Das hat wirklich gut getan«, gestand Remus nach einer Weile. »Ich würde mir wünschen, dass es sich für euch ähnlich anfühlt... Mir ist heute ein Gewicht von den Schultern genommen worden, dessen ich mir gar nicht bewusst war. Mein ganzes Leben bestand aus Geheimnissen und Verstecken. Ich konnte nie mit jemandem richtig über das sprechen, was mich bedrückte, oder von dem ich so lange dachte, dass es das natürlichste der Welt wäre, wobei es doch so falsch war... Ich danke euch für euer Vertrauen und eure Geduld. Mir war nicht klar, wie sehr ich das hier nötig hatte. Also danke, Sirius, dass du uns als Rudel sehen möchtest, ohne den Anstoß hätte es diesen Abend nicht gegeben. Es fühlt sich wunderbar an. Ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen!«

oOo

Es gibt so vieles, was einem im Unterricht nicht gesagt wird.

Verwandle eine Katze in einen Globus! Kein Problem. Ein geübter Schwenker mit dem Zauberstab später und das Zauberwort korrekt ausgesprochen und vor einem steht ein - hoffentlich - korrekter Globus.

Mit etwas Übung, versteht sich.

In den meisten Fällen entstehen in den ersten Stunden eher unnatürliche Mutationen, die weder Objekt noch Lebewesen sind. Dann maunzt der Globus und hat einen Katzenschwanz oder Katzenohren. Ob das wirklich richtig ist?

Hat das Tier dabei Schmerzen? Was passiert mit den Tieren, die nach der Verwandlung im Regal vergessen werden? Sterben sie in ihrer neuen Form oder vergessen sie einfach, dass sie einst ein Tier waren und verlieren ihr Bewusstsein?

Es gibt so vieles, was im Unterricht nicht hinterfragt wird.

Stattdessen wird an einer lebenden Kreatur geübt ohne vorher an einem anderen Objekt geübt zu haben.

Ob es den Tieren gefällt oder nicht, sie werden einfach als Versuchskaninchen missbraucht.

Der Lehrer sagt, was zu tun ist, und die Schüler versuchen, es nachzumachen.

Im Unterricht wird auch nicht über die Nachwirkungen eines Animaguszaubers gesprochen. Allein die korrekte Ausführung wird gelehrt, und die ist bereits kompliziert genug, dass niemandem die eigentlich wichtigste Frage stellt:

Und was dann?

Nimmt man die Charaktereigenschaften des Tieres an, in das man sich verwandelt? Oder spiegelt das Tier die Eigenschaften der Person wieder, welche die Animagusform angenommen hat?

Die Fragen kommen erst dann auf, wenn es bereits zu spät ist.

Sirius hatte es zuerst nicht wahrgenommen.

Die Veränderungen kamen schleichend. Erst war da der Appetit nach Fleisch. Blutig musste es sein, und wenig gewürzt. Kleine Tiere weckten sein Interesse. Er fixierte sie, wenn er draußen unter einem Baum saß.

Als Mensch konnte er den Instinkt unterdrücken, aber er konnte sich einer gewissen Verlockung nicht entziehen.

Wenn sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit ihn vorher schon störte, so wurde das Gefühl als Animagus um ein Vielfaches verstärkt. Er sehnte sich so stark nach einer Gruppe von Menschen, die ihn verstand und akzeptierte, ohne dass er sich verbiegen musste.

Für eine Zeit hatte er dieses Gefühl genießen können. Er hatte seine Gruppe - sein Rudel, doch etwas sagte ihm, dass das nicht echt war.

Ja, sie waren seine Freunde und sie verstanden und akzeptierten ihn - als Mensch. Den Animagus in ihm verstanden sie allerdings nicht. Er hatte Bedürfnisse, die niemand zu stillen imstande war.

Aber wie konnte er diese in Worte fassen, wenn er sie nicht einmal selbst verstand?

Niemand warnte einen vor den psychischen Veränderungen, die der Animagus Zauber in sich barg.

Die ausgehungerte Sehnsucht nach einer bloßen Berührung trat erst dann in den Vordergrund, wenn man nicht wusste, was man in den letzten Jahren ignoriert hatte. Die Intimität des Wissens, dass keine Bestrafung folgen würde; das Vertrauen, das niemals missbraucht würde.

Tiefes Unverständnis und Misstrauen hatten ihn stets davon abgehalten.

Doch nun wurde es ihm überdeutlich auf einem Silbertablett kredenzt, dass er bereit war, den Abgrund zu überbrücken.

Es war greifbar nah.

Seine Krallen tappten über den Dielenboden. Sein Rudel war hier. Er brauchte sie. Und doch war da eine durchsichtige Wand, die ihn daran hinderte.

Eindeutige Geräusche waren von oben zu hören gewesen. Das Knarzen eines Bettes im rhythmischen Stoßen der Körper, die sich darin wälzten.

Seit einiger Zeit war es still.

Er wurde unruhiger.

Der Animagus wollte nicht das, was sie hatten. Es verlangte ihn nach einer bloßen Berührung, ein Kopftätscheln oder ein Ohrkraulen - eine unschuldige Intimität.

Das genügte ihm vollkommen.

Unter dem Tisch lag der kleine Stoffwal, der sich wunderbar weich zwischen seinen Zähnen anfühlte. Er schnappte danach und schüttelte ihn erst einmal ausgiebig. Das Stofftier quietschte dabei und stachelte ihn noch mehr an.

Es war eine Ablenkung, die nicht lange anhielt.

Mit dem Stoffwal im Maul fanden seine Pfoten den Weg hinauf.

Er folgte ihrem Geruch.

Nein, nicht ihrem Geruch. Das war jetzt auch seiner. Denn sie hatten sich als Rudel zusammen geschlossen und ein Rudel hatte nun einmal einen gemeinsamen Geruch.

Wieder etwas, das niemand verstehen würde, der kein Animagus war.

Er kratzte an der Tür. Sie war verschlossen. Mit seinen unbeholfenen Pfoten konnte er nicht viel anrichten.

Es polterte hinter der Tür.

Ein Winseln, ein Kläffen, und die Tür öffnete sich.

»Hey!«

Ein Hund verstand die Menschensprache sicherlich nicht. Als Animagus behielt er sein Bewusstsein und somit auch sein Verständnis von Sprache.

Remus hatte seine Hüfte notdürftig in ein Bettlaken gehüllt. Es war offensichtlich, dass er darunter nichts an hatte.

Aus dem Zimmer quoll der unverkennbar stickige Geruch von Sex und Schweiß.

»Was ist los?« Remus' Augen waren ziemlich verquollen und er blinzelte heftig, obwohl das Licht aus dem Flur alles andere als hell war.

Erneutes Winseln.

»Lass ihn rein...« kam es grummelnd aus dem Zimmer heraus.

Ein Blick Richtung Bett, eine stumme Argumentation, und Remus wich einige Schritte zurück.

Bevor sich die Tür für diese Nacht endgültig schloss schnarrte noch ein »Nicht als Hund!« in den Flur hinaus.


Lange AN ahead! ;)

Falls ihr selbst ein Opfer von Gewalt in eurer Kindheit gewesen seid, gibt es viele Anlaufstellen im Internet. Die haben auch kostenfreie Telefonnummern, falls ihr lieber darüber sprechen wollt.

Eigentlich hatte ich ein paar Internetseiten herausgekramt, allerdings will ja ff NET keine Links.

Also bleibt es hier einzig und allein bei der deutschen Telefonnummer vom Hilfe Portal Missbrauch:

0800 22 55 530

Telefonzeiten:

Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr

Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr

Woher die Inspiration für dieses Kapitel (teilweise) kam?

Ich habe mich lange Zeit mit dem Thema Kindheit in Kinderheimen (50er - 80er) beschäftigt und mit dem Phänomen der Kindsverschickung über die Sommerferien an sogenannte Kurheime, die nichts mit Erholung zu tun hatten.

In den Kinderheimen wurden nachweislich medikamentöse Experimente durchgeführt.

In den Kurheimen herrschte Terror und Bestrafung. Warum? Weil das Personal dazu instruiert wurde und weil keiner den Kindern Glauben schenkte.

Als Kind traut man sich auch nicht, dagegen etwas zu sagen. Schließlich sind das ja Erwachsene, die einem das antun, das wird doch schon einen Grund haben, oder?

Ich hatte selbst das zweifelhafte Glück auf so eine Kur geschickt zu werden. Allerdings war das eine Mutter-Kind-Kur und da gab es nicht annähernd so viel Stress, wie wenn ein Kind ganz alleine verschickt wird mit lauter fremden Kindern und fremden Aufsichtspersonen.

Mutter-Kind-Kur hört sich erst mal schön an. Dann ist man mit der Mutter alleine in einem Zimmer und kann mit ihr die Zeit verbringen, richtig? Die Kinder wurden allerdings von den Müttern getrennt.

Schön war das Erlebnis nicht. Ich kann mich noch an den Schlafsaal erinnern, der so groß war, dass die Betten in vier Reihen stehen konnten von der Tür bis zu der Fensterfront - an der Zahl vermutlich 50-60 Betten. Mein Bett war weit weg von der Tür, fast in der Ecke beim Fenster, deswegen habe ich die ganzen Dramen nur weit entfernt mitbekommen, wenn eine von den Erzieherinnen reinkam mitten in der Nacht.

Zum Frühstück gab es einen Mix aus fürchterlich ekelhaftem Milch-/Grießbrei - jeden Morgen. Nur gut, dass ich nicht laktoseintolerant war, denn davon gab es unter den Kindern so einige.

Irgendwann konnte man dann auch mal tatsächlich Zeit mit der Mutter verbringen.

Viel ist mir aus der Zeit nicht in Erinnerung geblieben. Ich hatte mich schon längst daran gewöhnt, dass man mich als Kind von einer Instanz zur nächsten abgeschoben wurde. Bei meiner Mutter hab ich nur abends Zeit verbracht, ansonsten war ich in der Kita, bei der Oma, bei den Nachbarn oder sonstigen anderen Personen mit zwielichtigen Erziehungsmethoden. Vermutlich hat mich das Mutter-Kind-Kurheim deswegen nicht so schockiert wie manch anderes Kind. Who knows?

Auf Youtube gibt es zu dem Thema übrigens einige gute Dokus. Die Liste dazu findet ihr auf fanfiktion DE und auf AO3.

Mein Username ist rebelyell ;)

Der erzwungene Verzehr von Erbrochenem ist leider nicht erfunden.

So! Schluss jetzt mit meinem Informationsdrang!

Kommen wir doch mal zu diesem Kapitel ;)

Das war vielleicht ein Brocken! Puuuh!

Ich hab schon befürchtet, dass ich nie damit fertig werde!

Ihr habt vielleicht bemerkt, dass die meisten Zaubersprüche in dieser Geschichte entweder nur mit einem Wink des Zauberstabs abgetan werden oder mit einer wortlosen Berührung. Das liegt daran, dass ich keine Lust habe, noch mehr zu recherchieren, als ich ohnehin schon tue. Ich könnte mir auch irgend welche kreativen Zaubersprüche ausdenken, wenn es den gewünschten Spruch nicht gibt. Aber auch das müsste dann erst einmal erklärt werden per Anmerkung.

Zu viel Aufwand! xD

Also belasse ich es lieber mit stummem Herumgefuchtel und schweigsamem Handauflegen. ;)

Im ersten Kapitel macht Severus Remus damit mürbe, dass sich Remus den Zauberstab nicht herbeizaubern konnte, der ja in einem anderen Raum war. Ich habe vorher nachgeforscht und überall hieß es beim Zauberspruch Accio, dass der Gegenstand, der in die Hand oder woanders hin beordert werden sollte, im gleichen Raum oder zumindest in Sichtweite des Ausführenden sein muss. Deswegen hatte ich mir gedacht, dass es für das Herbeirufen eines Gegenstandes aus einem anderen Raum oder einer weiten Entfernung anders verlaufen muss.

Letzten Endes kann ich schließlich immer noch behaupten: "Hey! It's fanfiction! So, who cares?" ;)

Was hat mich dazu bewegt, dieses Kapitel mit den drei Geschichten zu schreiben?

Ich wollte es vorher eigentlich noch viel krasser gestalten, aber dann hätte ich das Kapitel hier wohl nicht posten dürfen, oder ich hätte das Rating auf AVL setzen müssen.

Das Kapitel hat wirklich lange gebraucht bis es meinen "beendet" Stempel verdient hatte.

Irgendwie kommt es mir im finalen Zustand gar nicht als so "schlimm" vor, wie ich es mir in Gedanken ausgemalt hatte.

Oder wie seht ihr das?

Hier noch was Lustiges am Rande:

Ihr kennt das vielleicht selbst, wenn ihr etwas schreibt und mit einer bestimmten Formulierung nicht zufrieden seid, aber gerade in dem Moment keine andere Idee habt, wie man es besser beschreiben könnte. Die Stellen markiere ich mir dann und setz noch eine Randnotiz hinzu.

Ich neige dazu, Handlungen anfänglich zu beschreiben und dann komplett zu vergessen... z.B. beim Essen. Es wird etwas aufgetischt, aber die Herrschaften essen es einfach nicht! *insert shocked face here*

In der Küche tischen Severus und Sirius Kuchen auf UND ESSEN IHN GAR NICHT! *insert unverständliches Gemurmel here*

Ich hatte die Szene mehrfach lesen und auch ändern müssen, aber wie oft ich es auch änderte, der Kuchen wurde einfach nicht verspeist! VOLLKOMMEN UNVERSTÄNDLICH!

Also schaffte es eine ominöse Notiz an den Anfang des Dokuments in gelb markierter Farbe:

SIE HABEN DEN KUCHEN GAR NICHT GEGESSEN!

Beim korrigieren musste ich drauf achten, dass es der Kuchen in ihre Mägen schafft, sonst macht das Auftischen ja mal überhaupt keinen Sinn! :D (Die Freuden des Korrigieren... *kopfschüttel*)

Und wie gemein war es, genau beim Rudelkuscheln das Kapitel zu beenden? *hihi*