Kapitel 8 - Verschwörungen bei Tee und Gebäck
DUMBLEDORE VERSCHWUNDEN! schrieben alle Zeitungen und der Daily Prophet übertrumpfte noch alle anderen Schmierblätter mit sämtlichen Bildern, die Albus Dumbledore in vermeintlich ungünstigen Situationen erwischt hatten. An der unterschiedlichen Länge des Bartes konnte man erkennen, dass die Fotos nicht aktuell waren. Jemand hatte wohl lange Zeit damit verbracht, das Fotoarchiv auf dem Kopf zu stellen.
Kurzum: Albus Dumbledore war Gesprächsthema Nummer eins, immer und überall.
Und so reißerisch sich die Medien darüber die Finger wund tippten, so erschreckender war viel mehr die Nachricht, dass das Ministerium sich in die Belange der Schule eingemischt hatte. Dolores Umbridge wurde ohne Umschweife als Interim Schulleiterin eingesetzt und überging damit das interne Autoritätsgefüge von Hogwarts. Normalerweise würde Minerva McGonagall die Stelle zustehen. Was sonst sollte die Aufgabe einer stellvertretenden Schulleiterin bedeuten, wenn nicht den Posten zu übernehmen, wenn der amtierende Schulleiter verhindert ist?
Als wenn der Schrecken über Voldemorts vermeintliche Rückkehr nicht schon katastrophal genug gewesen wäre. Aber diese Nachricht wurde ja partout vom Ministerium ignoriert und verleugnet...
Die Schüler waren wenig begeistert.
Die meisten jedenfalls...
Solchen, die sich besonders hervortun wollten, spielte die aktuelle Machtverschiebung auf Hogwarts natürlich direkt in die Karten.
Das Schloss hatte jedoch eine andere Auffassung von der Rolle einer Interim Schulleiterin: Es ließ sie nicht in das Büro des Schulleiters eintreten. Weder wusste sie das Passwort, noch ließ das Schloss es zu, dass Umbridge das Passwort mit ihren eigenen Zaubern überdecken und umgehen konnte.
Davon wurde natürlich nichts im Daily Prophet geschrieben.
Das hätte schließlich die Entscheidung des Ministeriums widerlegt!
Dafür war es Gesprächsthema Nummer eins auf Hogwarts!
Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, denn auch wenn Umbridge sich keinen Respekt verdient hatte, so wusste sie durchaus, ihren Willen durchzusetzen und ihre Macht auszuspielen. Fortan wurde jede Nachsitzstunde in der großen Halle nachgeholt, egal in welchem Fach.
»Wir sollten uns etwas ausdenken, damit die Schüler nicht zu ihr müssen.«
Minerva ließ ihre Tasse langsam sinken und nickte zustimmen. »Nur, wie sollen wir es verhindern?«
Severus starrte in die Flammen ihres Kamins. Die Tasse Tee hatte er bisher nicht angerührt. »Wir sollten es nicht mehr nachsitzen nennen... Vielleicht Sonderarbeit oder etwas in der Art? Beaufsichtigtes Nacharbeiten?« Er strich sich nachdenklich über das müde Gesicht.
»Beaufsichtigtes Nacharbeiten? Das ist zu auffällig, Severus!« Sie schmunzelte, obwohl es kein Thema war, über das sie lachen wollte.
Severus zog den Mundwinkel abschätzig hoch. »Was sollen wir dann tun? Mir fehlen die Schüler in den Stunden nach dem Unterricht. Die dreckigen Kessel stapeln sich und warten darauf von unwilligen Schülern geschrubbt zu werden! Und nun erdreistet sie sich, meine Bestrafungstaktik zu untergraben!« Er sagte es mit einer solchen Inbrunst, dass seine Fingerknöchel weiß hervorstachen, während er sich in die Armlehnen hinein krallte.
Da konnte Minerva nicht mehr an sich halten und brach in schallendes Gelächter aus. Sie setzte ihre Tasse Tee ab und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. »Du hast dich zu lange auf dein System verlassen, Severus! Man könnte fast meinen, Dolores würde den Schülern damit einen Gefallen tun!«
»Die Schüler werden froh sein, wenn sie wieder nur Kessel schrubben müssen bei mir«, schmunzelte er.
Hier in ihrem kleinen Salon genoss er die Gelegenheit seine Masken fallen zu lassen... zumindest ein paar davon.
Während seines ersten Jahres hatte es ihn eine enorme Überwindung gekostet, seine ehemalige Lehrerin als Kollegin zu betrachten. Zu sehr hatte sich das Bild von der strengen McGonagall in sein Gedächtnis gebrannt.
Das war nun schon so lange her, dass es ihm vorkam wie aus einer anderen Welt.
»Hast du einen anderen Vorschlag?« fragte er schließlich, weil das Thema von einer immensen Dringlichkeit war. Ihre Imposter Vorgesetzte durfte nur so viel Macht ausüben, wie sie glaube, darüber zu verfügen. Auf lange Zeit war es ohnehin zum scheitern verurteilt.
»Vielleicht etwas, das sich nicht nach Arbeit anhört?«
»Dann würde es nur so lange etwas nützen, bis Umbridge davon Wind bekommt.«
Er sah sich in dem kleinen Salon um, an dem Minerva vermutlich in den letzten dreißig Jahren nichts verändert hatte. Jedenfalls hatte sie an der Anordnung ihrer Erinnerungsstücke und Fotos auf dem Kaminsims schon länger nichts mehr verändert.
Es stand seit jeher ihr Abschlussfoto von 1954 mittig auf dem Kamin. Daneben waren mehrere kleine Portraitfotos von ihren Freundinnen aus der Schulzeit, über die Severus mindestens eine peinliche Geschichte zu hören bekommen hatte in den letzten Jahren, und von denen keine einzige mehr lebte. Daneben ein größeres Foto von ihrem verstorbenen Ehemann. Die Farbe auf dem Papier war schon verblichen, wie ein Foto, das zu lange in der Sonne gestanden hatte. Der Rahmen war aus versilbertem Messing und wies an der rechten Seite farbliche Veränderungen auf, wo er immer wieder in die Hand genommen wurde. Um die rechte obere Ecke war immer noch ein schwarzer Trauerflor gelegt.
Sie sprach selten über ihn und Severus respektierte ihren Wunsch nach Privatsphäre.
Sicher, sie waren Kollegen, Freunde im weitesten Sinne, aber er verstand den Schmerz, den die Lücken derer hinterließen, die viel zu früh aus dem Leben gerissen wurden.
»Wie wäre es, wenn wir die Schüler einfach in kleinen Gruppen in unsere Büros zitieren? Ohne groß Aufhebens zu machen während des Unterrichts. Das lässt sich zwar nicht ins unendliche hinaus bedeckt halten, aber damit könnten wir einige unter Umbridges Radar entlang schleusen.« Severus starrte in die Flammen vor ihm ohne Minerva eines Blickes zu würdigen.
»Radar?« fragte sie sichtlich irritiert.
Er verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln und beobachtete sie aus dem Blickwinkel heraus. »Muggelterminologie... Ein Radar spürt Schiffe und Fahrzeuge auf.«
»Ach so!« kam es über ihre Lippen. An ihrer gekräuselten Stirn konnte er dennoch erkennen, dass sie es nicht verstand. »Ein recht eigentümlicher Begriff und es wundert mich, dass ausgerechnet du ihn benutzt«, bemerkte sie und trank einen Schluck von ihrem Tee.
Seine Tasse stand immer noch unberührt auf dem Beistelltisch neben ihm. Der Tee war schon längst kalt geworden. Stattdessen stützte er sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab und starrte grimmig ins Kaminfeuer.
»Ich kann dir auch etwas stärkeres anbieten, wenn das dir eher liegt?« Mit einem Klacken stellte sie ihre Tasse auf dem kleinen Unterteller ab.
Müde fuhr eine Hand durch das strähnige Haar.
Sie hatte leicht die Nase gerümpft als er durch den Kamin gestiegen kam. Er war umhüllt von einer Duftwolke aus Wermut, Lobulaggift und Flubberwurmschleim. Letzteres hatte den Ruf, geruchsneutral zu sein, aber darüber konnte Minerva als Animagus nur den Kopf schütteln. Auch wenn der Geruch nicht stark war, schwebte doch immer eine bittere Note mit, die sie sich zu ignorieren angewöhnt hatte.
Er hatte ihr zuliebe immerhin aufgehört, vor ihren Treffen irgend etwas mit Baldrian oder Nepeta Cataria zu brauen, oder sich ausgiebig vor ihren Treffen zu reinigen, wenn er das Brauen mit eben jenen Zutaten nicht vermeiden konnte.
Das erste und letzte Mal dass er auch nur mit einem Hauch von Baldrianduft ihr gegenüberstand, hatte mehr als nur peinlich geendet. Also hatten sie beschlossen, solche Situationen zu ihrem eigenen Seelenheil um jeden Preis zu vermeiden.
Natürlich ließ es sich nicht vermeiden, trotzdem nach irgendwelchen anderen Kräutern und Tränkezutaten zu riechen, wenn man jede freie Minute mit der Zubereitung von Zaubertränken verbrachte.
»Der Tee reicht vollkommen«, sagte er schließlich und nahm dann doch die Tasse mit dem mittlerweile kalten Tee an sich. Sofort stieg Dampf aus der Tasse empor.
Sie sagte nichts dazu.
Wortlose Magie war ein fortgeschrittenes Level, das auf Hogwarts nicht gelehrt wurde. Es erforderte ein enormes Maß an Konzentration und Talent. Auch wenn es Zauberer und Hexen gab, die mit bestimmten Fähigkeiten geboren wurden, mussten diese Fähigkeiten präzise trainiert werden. Minerva bewunderte Severus für dieses Talent.
»Du hast gesagt, dass du Beweise hast?« entschied sie sich das Thema zu wechseln.
Er nickte knapp und zog eine kleine Schatulle aus seiner Robe hervor.
»Das Passwort ist Taraxacum sectio Ruderalia«, informierte er sie.
»Ich dachte immer, ich wäre gut bewandert in Zaubertränke, aber diese Zutat ist mir gänzlich unbekannt.«
»Es ist auch keine Trankzutat. Es ist der wissenschaftliche Name für Löwenzahn«, grinste Severus.
Es war eine schwarze, längliche Schachtel mit einem gläsernen Deckel. Man musste also gar nicht erst das Passwort aussprechen, um nach dem Inhalt zu sehen. Unter dem Glasdeckel war eine einzelne schwarze Schreibfeder. Die Federfahne war geschwungen und biegsam. Es war keine Schwungfeder, die an Flügeln für Aufschwung und Flugfähigkeit sorgte. Diese hier war eine Schmuckfeder, wie sie von männlichen Tieren bei der Balz zur Schau getragen wurden. Man sah solche Federn oft mit einem selbstschreibenden Mechanismus, die mitschrieben, was man gerade sagte - aber in vielen Fällen auch eigensinnig irgend etwas aufschrieben, nur nicht das, was man sagte.
Diese hier war anders.
Sie strahlte eine Aura aus, die Minervas Magen umdrehte.
»Eine Blutfeder?!« fragte sie entsetzt.
Severus nickte.
»Ich habe sie nach einer ihrer Strafarbeitssitzungen eingesammelt.« Das war keine richtige Erklärung.
»Woher wusstest du das?« fragte sie entsetzt.
»Wie du weißt, soll ich dem Potter Jungen Okklumentik beibringen. Seine Gedanken sind ein offenes Buch. Und so sehr mich auch seine Erinnerungen nicht tangieren sollten, war diese eine Erinnerung ausschlaggebend, dass ich nachforschen musste. Umbridge ist nicht gerade zurückhaltend mit ihrem Motiv also habe ich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.« Er lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Der Tee war schon wieder kalt geworden. »Das ist nicht die einzige Feder in ihrem Besitz, Minerva. Ich habe mich vorgesehen und die Feder nicht berührt. Wenn sie in die richtigen Hände gerät, könnte man nachverfolgen, wer die Feder als letztes benutzt hat und wem sie gehört.«
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Und du möchtest, dass ich sie aufbewahre?« Sie nahm sich einen Scone vom Teller auf dem Beistelltischchen.
»Um das Beweisstück zu überbringen, braucht es eine vertrauenswürdige Person, deren Loyalität nicht infrage gestellt wird«, erklärte er ohne Umschweife und war sich dessen bewusst, ihr ein Kompliment gemacht zu haben.
»Da fühle ich mich ja direkt geschmeichelt, Severus! Und wenn ich nicht wüsste, dass du längst heimlich geheiratet hast, würde ich sogar auf meine alten Tage noch erröten.« Die biss genüsslich von dem Gebäckteilchen ab.
Er seufzte leise. »Nimmst du es mir übel?«
»Naja, ich dachte, ich kenne dich, und festzustellen, dass du mehr Geheimnisse hast als ich es mir bereits denken konnte, ist mir doch sauer aufgestoßen.« Der Glanz in ihren Augen trübte sich.
»Minerva...« Er warf ihr einen leidigen Blick zu.
»Ich weiß schon... Das musst du mir nicht extra sagen. Ich nehme es nicht persönlich... zumindest versuche ich es«, unterbrach sie ihn und starrte nachdenklich auf die Schachtel auf ihrem Schoß. »Bist du glücklich?« fragte sie dann doch als sie ihre Neugier nicht zügeln konnte.
Es wurde still.
Er war nicht gut in solchen Angelegenheiten und das wusste sie. Severus wäre nicht Severus, wenn er sein Herz auf dem Präsentierteller hausieren ginge. Also wartete sie, denn es war unmöglich, dass er sie nicht gehört hatte.
»Er macht mich glücklich.« Er mied ihren Blick und starrte stattdessen in die Flammen hinein.
Sie stellte ihre Tasse ab und sah zufrieden aus. »Das freut mich«, sagte sie schließlich zu seiner eigenen Verwunderung. »Und sollte er auf die Idee kommen, dir weh zu tun, wird er es mit mir zu tun kriegen!«
Jetzt traute er wirklich seinen Ohren nicht mehr.
»Sollte ich es tatsächlich erleben, dass jemand für mich Partei ergreift?« fragte er. Es sollte neckisch wirken, und doch wussten beide, dass sich seine Aussage einer gewissen bitteren Wahrheit nicht entbehrte.
»Wir sind nun schon so lange Kollegen. Ich nehme mir deswegen die Freiheit heraus, dich zu meinen Freunden zu zählen.«
Severus kannte sie wirklich schon sehr lange, und auch wenn sie ihm als Kollegin anfangs sehr zurückhaltend und misstrauisch gegenübergestanden hatte, wollte er ihren Rat und ihre gemeinsamen Teeabende heute nicht mehr missen.
Der Mensch war doch ein eigenartiges Gewohnheitstier!
Doch all das sagte er ihr nicht.
»Wie hast du es herausgefunden, dass mehrere Schüler darunter leiden? Hatte sich Poppys Verbrauch von Tränken auf einmal verdoppelt?« fragte sie dann nach einer Weile.
Er schüttelte den Kopf. »Die Schüler haben sich seltsam benommen. Unruhiger als sonst. Und wenn auf einmal mehrere Schüler gleichzeitig im Unterricht sitzen mit einem Verband um die linke Hand, kann etwas nicht stimmen. Ich dachte zuerst, dass es sich um eine Quidditch Verletzung handelte, aber Poppy ist da sehr gewissenhaft. Nach dem Training oder einem Match muss normalerweise niemand einen Verband tragen, der ohnehin nicht auf die Krankenstation gehört. Also konnte Quidditch nicht die Antwort sein. Ich habe einen Trick angewendet: jeder Schüler musste fortan im Klassenraum seine Hände vor dem Unterricht waschen. Ohne Ausnahme. So hab ich's herausgefunden und Heilsalben bereit gestellt.«
»Du bist ganz schön raffiniert!« lobte sie ihn und meinte es auch so. »Mir waren die Verbände aufgefallen, aber ich habe sie für normale Verletzungen gehalten«, erklärte sie, obwohl ihr damit deutlich gemacht wurde, dass sie ihre Schüler vernachlässigt hatte.
»Manchmal hat es seine Vorteile, ein paranoider Spion zu sein.« Seine Augen funkelten sie an, während er das sprach.
»Waren Slytherins auch darunter?«
Er schnaufte - beinahe amüsiert. »Sie war selber eine Slytherin. Bevor sie einen Slytherin bestraft, taucht Merlin höchstpersönlich vor Hogwarts' Toren auf. Aber dafür hat Umbridge sie rekrutiert. Sie versuchen es natürlich, vor mir geheim zu halten, aber ich habe Augen im Kopf.«
Nun stellte sie ihre Teetasse weg und betrachtete misstrauisch die Feder unter dem Glasdeckel. »Was soll ich damit machen?«
»Aufbewahren, bis wir sicher gehen können, wem wir im Ministerium vertrauen können. Wenn sie Albus schon im Visier haben und er wegen denen Hogwarts verlassen musste, bedeutet das nur, dass das Ministerium unterwandert ist«, erklärte er.
»Weißt du das mit Sicherheit?«
Er wusste, dass sie auf die Aktivitäten der Todesser anspielte.
»Ich habe etwas verlauten gehört, aber ich weiß nichts genaues.« Das war die Wahrheit. »Im Gegensatz zu Alastors Annahme, ist es schwer, an nützliche Informationen heranzukommen, wenn man in gewissen Operationen nicht involviert ist.«
Er gab ihr selten Hinweise, die ihr einen Einblick in seine prekäre Lage erlaubten. Anfangs hatte sie ihm nicht vertraut. Aber Albus' Vertrauen in ihn öffnete überall Türen. Es brachte Severus zwar selbst kein Vertrauen ein, aber die Leute ließen ihn gewähren.
Minerva hatte die ersten beiden Jahre damit verbracht, ihren neuen Kollegen einzuschätzen und es hatte oft zu ruppigen und unerfreulichen Szenen zwischen ihnen geführt. Mit der Zeit hatten sie sich arrangiert, obwohl sie wusste, was er war. Manchmal hatte er ihr so viel erzählt, dass sie sich augenblicklich unwohl fühlte.
An solchen Abenden floss in der Regel eine Menge Alkohol.
Er hatte ihr seine Befürchtungen anvertraut, seine Zukunftsvisionen. Severus hatte eine wahrlich blühende, aber pessimistische Fantasie. Und nun drohten seine Visionen, sich zu bewahrheiten.
Sie hakte nicht weiter nach. Er würde es ihr ohnehin nicht erzählen.
»Glaubst du, du kannst mehr Beweisstücke sammeln?« hakte sie schließlich nach. Das Kästchen flog wabernd zu einer Kommode, wo es in einer Schublade verschwand.
»Ist das eine Herausforderung?« fragte er beinahe pikiert.
»Nur du würdest darin eine Herausforderung sehen« entgegnete sie schmunzelnd. Erneut schenkte sie sich ein und gab zu ihrem Tee einen halben Löffel Zucker und einen Schuss Sahne hinzu. »Ich hoffe, du wirst unsere Treffen in Zukunft nicht wieder so kurzfristig absagen?« fragte sie hoffnungsvoll.
»Ich habe die letzten Wochen mit dem Aufstocken von Tränken verbracht«, gab er als fadenscheinige Ausrede wieder.
»Haben wir denn einen Engpass?!« fragte Minerva irritiert.
»Nein, aber ich sorge lieber vor«, antwortete er vorsichtig.
»Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass du mir etwas verschweigst?« fragte Minerva betrübt und nippte an ihrer Tasse.
»Weil wir beide sehr gut unsere Rollen ausfüllen«, entgegnete er ihr kryptisch.
»Ich habe Schülergespräche mitbekommen, in denen sie befürchteten, dass Dolores sie in ihr Büro zitiert und ihnen Veritaserum einflößen würde. Als ich sie direkt fragte, hat sie dies natürlich nicht bestätigt.« So kannte er Minerva. Immer direkt ohne Umschweife.
»Ich habe sie erwischt, wie sie mit Filch versucht hat, meine Vorratskammer zu öffnen«, erinnerte er sich. »Sie wollte sich mit ihrem Rang mir gegenüber aufspielen und mich als widerspenstigen Lehrer hinstellen, der nicht wisse, wem seine Loyalität zu gelten habe«, spottete er, und auch Minerva konnte sich ein erheitertes prusten nicht verkneifen. »Im Gegensatz zu Umbridge recherchiere ich vorher, mit wem ich es zu tun habe. Sie mag sich zwar selbst Schulleiterin nennen, aber wenn nicht einmal das Schloss sie als solche anerkennt, kann sie sich nur lächerlich machen.« Er zog den rechten Mundwinkel hoch und schaute verschmitzt zu Minerva.
»Was weißt du, was ich nicht weiß?« wollte sie auf einmal ganz hellhörig wissen.
»Ich habe ihre Schulakte gefunden!« offenbarte er ihr.
Minerva tat ganz erschrocken und übertrieben aufgebracht. »Aber dazu benötigst du...«
»Was benötige ich?« unterbrach er sie grinsend. »Zugang zum Archiv, das sich rein zufällig in einer Nische des Schulleiterbüros befindet?«
»Nun, es sei denn, du hast ein weiteres Archiv gefunden, wovon ich nicht ausgehe. Aber: Ja! Dazu brauchst du das Passwort zum Büro! Das wirst du doch nicht haben, Severus?« Er blieb ihr schmunzelnd eine Antwort schuldig. »Severus!« brüskierte sie sich.
»Ich sage nur, dass ich ihre Akte einsehen konnte, und da waren sehr interessante Informationen zu lesen... Unsere Persona non grata war kein Ass in ihrer Schulzeit. Mehr Mittelmaß - im unteren Bereich«, schnarrte er abfällig und genoss jedes einzelne Wort. »Ihr letzter Berührungspunkt mit Zaubertränken und Zutaten dürfte ebenso lange her sein.«
»Und was hat das Ganze mit dem Vorfall in deiner Vorratskammer zu tun?« wunderte sie sich.
»Sie wollte wissen, wo sich das Veritaserum befindet! Ich hatte sie mit Filch in flagranti vor meinem Vorratsraum erwischt und dann begehrte sie, dass ich ihr die Tür öffnete, damit sie sich ein Bild von unserem Vorrat machen konnte. Sie fragte gleich nach dem Veritaserum und dabei stand sie direkt davor und konnte es nicht erkennen!«
»Hat sie zugegeben, dass sie es an den Schülern anwenden will?« hakte Minerva besorgt nach, hatte sie die Gerüchte unter den Schülern für eben genau das gehalten, was es schließlich war: ein Gerücht.
»Sie meinte, es würde mich nichts angehen, wofür sie es verwenden wollte, aber es lag klar auf der Hand. Ich habe ihr eine Flasche ausgehändigt«, gab er zu Minervas Entsetzen zu. »Schau nicht so bestürzt! Alles andere wäre nur allzu verdächtig gewesen, wenn ich keine Phiole auf Vorrat gehabt hätte.« Trotzdem richtete er den Blick niedergeschlagen ins Kaminfeuer. »Es war ohnehin eine von den weniger potenten Mixturen und das Fläschchen war schon angebrochen. Wenn sie Nachschub verlangt, werden wir wissen, für was sie es verwendet.«
Minerva rutschte unangenehm in ihrem Sessel hin und her. »Sie könnte sich Unterstützung holen, wenn sie dir nicht vertrauen sollte.«
»Wenn sie versuchen sollte, meine eigenen Hausschüler gegen mich aufzubringen, wird sie sich fürchterlich daran verbrennen.« Seiner Überzeugung nach zu urteilen, würden sich seine Schüler eher ein Bein weg hexen als ihn zu verraten.
Das Feuer ächzte und leckte gierig an den Holzscheiten. In der Ecke gegenüber den Fenstern befand sich eine mannshohe Standuhr. Während das Pendel hinter dem polierten Glas von Seite zu Seite schwang, übertönte das Ticken nur ganz leicht das Knistern aus dem Kamin. Direkt unter den Fenstern stand ein kleiner, sehr aufgeräumter Schreibtisch, umgeben von kleinen Antiquitäten, von denen ein stetes magisches Summen einherging, und noch mehr kleinen Dekorationen, die wohl eher von sentimentalem Wert waren.
»Du solltest ihr Vertrauen gewinnen«, schlug Minerva schließlich vor. »Sie muss wissen, dass sie unter dem Kollegium nicht besonders beliebt ist. Das wird an ihrem Selbstbewusstsein nagen. Wenn sie glaubt, einen Verbündeten zu haben, wird sie vielleicht unvorsichtig.«
»Setzt du mich gerade darauf an, Dolores Umbridge zu bespitzeln?!« fragte Severus leicht ungläubig mit hochgezogener Augenbraue. »Versteh mich nicht falsch, ich bin da ganz deiner Meinung! Aber dass der Vorschlag von dir kommt, amüsiert mich doch etwas!«
»Wir müssen uns gut organisieren, wenn wir sie loswerden wollen. Das werden wir schließlich auch ohne Albus bewerkstelligen können.«
Sie wurden vom Gong der Standuhr unterbrochen.
Das war ihr Signal. Anderthalb Stunden. Der Teeabend war vorbei. So hielten sie es seit Jahren.
»Wie die Zeit verfliegt!« stieß Minerva überrascht aus.
Severus erhob sich aus dem viel zu weichen Sessel mit den Rosenstickereien und griff nach seiner Lehrerrobe.
»Wenn du nächste Woche absagst, werde ich dir deine Haare pink färben, Severus!« warnte sie ihn, während er schon das Floopulver in seiner Hand hatte.
»Das wagst du nicht!« Und damit war er aus ihrem heimeligen Salon verschwunden.
AN:
Minervas und Severus' Relationshipstatus: It's complicated...
Dafür wird hier aber sehr viel geschmunzelt im Kapitel, dass ich das eine oder andere schmunzeln mit anderen Synonymen ersetzen musste!
Mir kam jetzt schon öfter die Beschwerde zu Ohren oder vor Augen, dass meine Kapitel zu lang seien...
Ich kann auch kürzer... nur dann passiert halt nicht viel pro Kapitel ;)
Die Wahl bleibt bei euch. Wollt ihr lieber länger (und damit auch länger warten) oder wollt ihr lieber schnellere Aktualisierungen und damit aber auch kürzere Kapitel haben?
Oder vielleicht ein Mittelmaß?
Ich bin da ziemlich offen ;)
Obwohl ich schon echt sagen muss, dass es sich seltsam anfühlt, so ein kurzes Kapitel online zu stellen...
Dieses Kapitel hätte ich beinahe Lästerschwestern getauft *lol*
Nepeta Cataria ist übrigens der lateinische Name von Katzenminze... Da gab's schon das eine oder andere Bunny allein bei dem Gedanken, wie Minerva darauf reagieren könnte... *hust*
