Kapitel 9 – In falschen Händen

Es war schon wieder dunkel.

Wenn man den Blick nach oben richtete, würde man noch einen hell erleuchteten Himmel erblicken können. Doch die Häuser standen hoch und eng beieinander, dass kein Tageslicht mehr den Boden berührte. Dafür erhellten die warmen Lichter der Schaufenster die gut besuchte Einkaufsstraße.

Bald schon würden die Straßenlaternen aufleuchten. Zumindest auf der Hauptstraße. Die Gassen zwischen den krummen und verwinkelten Häuser waren davon ausgenommen, weswegen sich dort immer die zwielichtigsten Gestalten aufhielten und unbescholtenen Hexen und Zauberern auflauerten.

Der ideale Ort, um Nachforschungen anzustellen!

Hier trieben sich nicht nur die Gauner und Quäker herum, sondern auch Giftmischer und Vetteln, die ihre meist höchst illegalen Geschäfte jedem anboten, der sich an ihnen vorbei wagte.

Jemand hatte ihm einen Tipp gegeben. Normalerweise scherte er sich nicht um solche Hinweise. Er bekam sie massenhaft und im Endeffekt stellten sie sich als Finte heraus oder als wirklich stümperhafte Falle, und er hatte seine ganze Energie für Nichts verschwendet.

Diesem Informant allerdings konnte er vertrauen. Er hatte dem Informanten in so vielen Situationen den Arsch gerettet und dafür im Gegenzug die richtigen Tipps bekommen, dass er aufgehört hatte zu zählen. Sollte sich dies als Finte herausstellen, oder gar als Hinterhalt, dann würde seine Quelle nicht mehr des Lebens froh werden.

Dafür würde Alastor sorgen. Das "Mad" in Mad Eye kam schließlich nicht von ungefähr.

Er war mit dem Gesicht eines anderen unterwegs. Bei der gefährlichen Mission, auf die er sich gerade begab, konnte ein bunter Hund wie er nicht vorsichtig genug sein.

In der Gasse stank es überwältigend süß nach schalem Ale und Erbrochenem. Er trank selbst gern einen über den Durst, und wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann war es mehr als nur 'einer' über den Durst. Aber für solche Fälle sorgte er immer vor! Was nützte ihm der teuer erstandene Alkohol, wenn er ihn wieder im hohen Bogen auskotzte?! Nein, wenn Alastor sich besaufen wollte, dann behielt er alles bei sich.

Heute Abend war er nüchtern. Umso mehr störte er sich an den Besoffenen, die offenkundig Ärger suchten. Es war wohl nicht genug, dass bereits die alten Vetteln ihre Dienste feil boten, obwohl die Sonne noch gar nicht untergegangen war, aber dass bereits so viele wandelnde Schnapsleichen von Wand zu Wand torkelten.

In einer Nische hielt er Ausschau nach verdächtigen Aktivitäten, die selbst für diese engen Hinterhausgassen auffällig wirkten.

Die Nachricht hatte ihn mitten in der Nacht mit einer Dringlichkeit erreicht, dass es ihn prompt aus dem Bett riss. Alastor hätte sich nicht einmal dagegen wehren können, so heftig war der Zauber, der auf der Nachricht lag. Die Nachricht ging in Flammen auf, nachdem sie gelesen war.

Normalerweise müsste Alastor sich absichern. Das sah auch das Aurorentraining vor:

Regel Nummer 1: Für Backup sorgen.

Regel Nummer 2: Wenn Regel Nummer 1 nicht greift oder funktioniert, immer dafür sorgen, dass mindestens eine weitere Person von deinem Standort oder Vorhaben Bescheid weiß.

Und zu guter Letzt die wichtigste Regel von allen: Niemals auf eigene Faust agieren! (Was im Grunde genommen eigentlich nur eine abgewandelte Form von Regel Nummer 1 war.)

Das brachten sie den Auroren immer als Erstes bei.

Alastor hatte die letzte Regel seit Jahren gekonnt umgangen. Seine einzige Sicherheitsvorkehrung war sein Instinkt. Er war nicht zu dem erfolgreichen Auror geworden, den jeder kannte, wenn er immer nach den Regeln gearbeitet hätte.

Davon stand natürlich nichts in den Geschichtsbüchern. Dafür hatte er gesorgt!

Wenn er schon nicht nach den Regeln spielte, dann hinterließ er auch keine verdächtigen Spuren.

Mit dem fremden Gesicht wanderte er nun durch die engen Gassen und hielt Ausschau ohne dabei ständig den Kopf zu bewegen. Sein magisches Auge war ihm dabei eine große Hilfe.

Hier sollte eine Übergabe eines schwarzmagischen Artefaktes stattfinden, nach dem er schon seit einigen Monaten suchte. Seinen Informationen nach war es im Besitz eines bekannten Todessers.

Es war im letzten Jahr aus dem versiegelten Archiv des Ministeriums entwendet worden. Alastor konnte sich noch sehr genau daran erinnern, wie er mit drei Fluchbrechern zusammen gearbeitet hatte, um das Objekt zu bändigen. Letzten Endes hatten sie es doch nicht geschafft, die Magie zu brechen, und hatten das Objekt notdürftig mit mehreren Bannzaubern sichern müssen.

Dabei war es ein so unscheinbar wirkender Gegenstand gewesen!

Eine einfache Haarbürste!

Zugegeben sie war recht hübsch verziert und ein goldenes Emblem zierte die Rückseite. Doch jede Person, die sich damit die Haare bürstete, verschwand aus der realen Welt und erschien kurz darauf in einem bisher leeren Gemälde wieder.

Sie hatten es damals nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben. Es wurde lediglich im Daily Prophet vermutet und aufgebauscht, aber ohne Details war die Geschichte schnell wieder uninteressant geworden.

Genau dieses Objekt sollte jetzt verkauft werden.

In den falschen Händen war die verzauberte Haarbürste gefährlich. Man konnte einfach seine Feinde verschwinden lassen.

Wer glaubte schon einem Portrait, dass es kein Portrait war?

Alastor war offiziell kein Auror mehr.

Niemand vom Ministerium kontaktierte ihn, sobald irgend eine Aufklärungsmission bevorstand oder kuriose Fälle die Köpfe der jungen Rekruten zum Rauchen brachten. Der Ruhestand hatte den einen oder anderen Vorteil, doch alles in allem war es öde und langweilig.

Manchmal wurde er dann doch kontaktiert, wenn es sich um einen wirklich kniffligen Auftrag handelte. Aber selbst diese Aufträge wurden mit jedem Jahr weniger.

Er brannte darauf, wieder etwas tun zu können!

Allein deswegen war er der Information gefolgt.

Seine Metallprothese klackte schwer über das Kopfsteinpflaster als er durch die Gasse hinkte. Immer wieder musste er zwielichtigen Angeboten überaus drolliger Vetteln ausweichen. Sich sogar gegen sie zur Wehr setzen. Einige Weiber wussten einfach nicht, wo die Grenze des guten Geschmacks war, und ab wann ihr widerliches Anbiedern an Körperverletzung grenzte.

Sein Bein war das einzige Indiz, das ihm zum Verhängnis werden konnte. Doch wer sich hier aufhielt, der hatte ohnehin ein Problem. War in Schlägereien verwickelt. Niemand hier war ein unbeschriebenes Blatt. Und auch wenn er sein Hinken schlecht überspielen konnte, fügte es sich doch nahtlos in das Bild von Personen, die sich hier normal aufhielten.

Der Vielsafttrank sorgte lediglich dafür, dass er sein Äußeres für eine gewisse Zeit verändern konnte. Seine Beinprothese war trotzdem da, auch wenn man sie nicht sehen konnte.

Er hatte den Laden erreicht, in dem die Übergabe stattfinden sollte.

Der Verkauf von schwarzmagischen Gegenständen war verboten und wurde mit mindestens einem Jahr gemeinnütziger Arbeit bestraft. Im Grunde genommen war das gar keine Strafe. Wer sich ein schwarzmagisches Objekt leisten konnte, der hatte auch genug Geld, um sich wieder frei zu kaufen.

Das. Oder genügend Verbindungen im Ministerium. Es war nicht das erste Mal, dass Beweise spurlos verschwanden.

Die Glocke über der Tür durchbrach schrill und laut die Stille. Sie flog laut klingelnd an den Regalen vorbei, wirbelte in Kreisen und vollführte kunstvolle Zickzackmanöver, bis ein genervtes Grummeln aus dem Hinterzimmer einen glitzernden Zauber nach ihr schickte, der sie wieder an ihre Stelle über der Tür anbrachte.

An den Wänden standen Regale eng beieinander, überfüllt mit magischen Gegenständen. Verzauberten Phiolen, die den Inhalt nicht preisgaben. Lichtfänger. Amulette mit diversen Fähigkeiten, von denen höchstens jedes fünfte davon halbwegs wirksam war. Spiegel, die das Bild in einen anderen Raum offenbarten, so wie ein Sender und Empfänger. Man musste den Spiegel nur geschickt im Raum positionieren und konnte dann jederzeit alles sehen, was in dem anderen Raum passierte. Ein Objekt wahrlich zweifelhaften Zweckes. Allerhöchstens unmoralisch, aber nicht illegal.

Was nicht auf den Regalen Platz gefunden hatte, wurde auf aneinandergereihte Tischen platziert oder gleich mitten im Raum aufgestellt und angepriesen.

»Ich komme gleich!« rief jemand aus dem Raum hinter der Theke.

Das Bein schleifte metallisch über den Boden. Der Schweiß klebte ihm die Haare im Nacken fest.

»Danke, ich schau mich nur um«, nuschelte Alastor und wischte sich mit einem Taschentuch über das ölige Gesicht.

Im Verkaufsraum gab es mit Sicherheit keinen einzigen magischen Gegenstand, der gegen das Gesetz verstieß. Solche Geschäfte waren nur für Hinterzimmer gedacht.

Mit seinem Zauberstab tastete er sich an die Schutzzauber heran, die auf den versteckten Räumen hinter dem Perlenvorhang lagen. Wenn er richtig gezählt hatte, waren es mindestens drei. Der Anti-Abhorchzauber war so mächtig, dass die Magie bei empfindlichen Leuten ein leises Surren in den Ohren erklingen ließ. Alastor benutzte dafür eine kleine magische Hilfe, die er sich dafür ins Ohr gesteckt hatte. Normalerweise konnte er damit normale Anti-Abhörzauber umgehen.

Dieser Zauber hier war anders. Das Gerät in seinem Ohr übertrug nur ein verstärktes Surrgeräusch, das lauter wurde, je näher er an die Theke herantrat.

Er ignorierte den störenden Ton und verstärkte den Zauber auf seinem kleinen Ohrstecker. Das Surren schwoll zu einem ständigen, unangenehm hohen Fiepen heran. Unerträglich. Selbst für sein altes Ohr. Er riss es sich schließlich heraus, versteckte es in seiner hohlen Hand.

Dann kam der Verkäufer hinter dem Vorhang hervor und blieb hinter der Theke stehen. Er kramte unter der Theke nach einer Schatulle und ignorierte seinen einzigen Kunden.

Alastor besah sich die Gegenstände in den Regalen neben der Theke. Ketten, Federn, Schmuck - Kinkerlitzchen vom feinsten ohne jegliche Wirkung. Immer mit einem unauffälligen Blick über die Schulter.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte der Verkäufer betont höflich. Er konnte es wohl kaum erwarten, Alastor schnellstmöglich wieder los zu werden.

Hier war er genau richtig, das konnte er schon gegen den Wind riechen.

Er nickte dem Verkäufer nur über die Schulter zu und umklammerte instinktiv seinen Zauberstab mit der linken Hand. »Danke, ich suche mir nur ein Kettchen für meine Tochter aus. Sie wird bald elf«, log er.

»Oh, ein wunderschönes Alter!«, begeisterte sich der Verkäufer recht emotionslos. »Geht sie nach Hogwarts?«

»Durmstrang«, antwortete Alastor knapp und griff nach einem der Ketten mit den angeblich magischen Amuletten.

»Oh, wie ungewöhnlich!«, bemerkte sein Gegenüber spitz. Die Stimmlage hatte sich minimal verändert.

»Die Erziehung dort ist ordentlicher, wenn Sie verstehen«, bemerkte Alastor und hatte schon mit der anderen Hand eine Phiole gezückt und versteckte sie in seinem Ärmel.

»Oh, aber sicher doch!«

Er drehte sich zu dem Verkäufer um und warf seine Phiole, die ein gleißendes Licht entließ. Ein Lähmungszauber folgte... und wurde direkt abgewehrt.

Ein hämisches Lachen ertönte.

»Also wirklich! So ein stümperhafter Angriff! Von jemandem wie dir hätte ich schon etwas mit mehr Einfallsreichtum erwartet, Alastor Moody!«

Verdammt!

Das war eine Falle!

Bevor die Realisierung seine Glieder erreicht hatte, wurde er in Finsternis eingehüllt und Seile zogen sich um seine Beine. Irritiert versuchte er, den Angriff abzuwehren, aber er stand schon auf verlorenem Posten als er den Laden betreten hatte.

Zu spät bemerkte er, dass er von mehreren angegriffen wurde. Stimmen und Gelächter kam von allen Seiten.

»Der Dunkle Lord wird sehr erfreut sein!«, ertönte eine seidige Stimme direkt neben seinem Ohr, dass er den Atem im Nacken spüren konnte.

Der Boden wurde ihm unter den Füßen weggerissen. Wenn sie ihn wenigstens bewusstlos geschlagen hätten... Stattdessen spürte er das ungute Ziehen in seiner Magengegend, das mit dem Aparieren einherging.

oOo

Hogsmeade war ein verschlafenes Örtchen, das sich schon seit Jahrhunderten hartnäckig in der kargen Landschaft Westschottlands festkrallte. Auch im Schatten von Hogwarts wirkte es kein bisschen einladender. Die Häuser drängten sich eng um den Marktplatz herum, neigten sich zur Seite oder nach vorn, als würden sie jeden Moment zusammenbrechen. Und doch hielten sie seit jeher Wind und Wetter stand.

Das musste an der Tatsache liegen, dass hier nur Hexen und Zauberer lebten, dachte Remus sich. Sie sorgten dafür, dass der Ort auf keiner Karte verzeichnet war und vor Muggelaugen verborgen blieb.

Er trug einen dicken Mantel und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der Wind peitschte ihm trotzdem rau ins Gesicht, sodass er den Kopf zwischen die Schultern zog.

Ungesehen hatte er einen der Geheimgänge aus Hogwarts heraus genommen und war recht froh über die frische Luft und den Szenenwechsel. Die kleinen Überraschungsbesuche im Kerker ließ er sich nicht nehmen. Wozu sonst sollte eine direkte Kaminverbindung zu Severus' privaten Räumen nützlich sein, wenn nicht zu einem kleinen Tête-à-Tête mit Schokoladenmousse, Pfannkuchen oder einfach nur Erdbeeren und Bananen mit Schlagsahne. Die Erdbeeren und Bananenstücke für Severus, die Schlagsahne für Remus selbst. Seit er festgestellt hatte, dass Muggel auch Schlagsahne mit Schokoladengeschmack herstellten, kam er nicht umhin, einen Vorrat hier und da zu verstecken.

Aber auf Hogwarts hatte er keine Beinfreiheit. Er konnte nicht einfach einen Spaziergang in den Gängen von Hogwarts unternehmen oder sich in die Bibliothek zurückziehen. Wenn er offiziell gar nicht da war und auf Hogwarts auch gar keinen Zugriff haben durfte, blieben ihm lediglich Severus' Räume als Aufenthaltsort übrig.

Severus nannte zwar ein ganzes Arsenal an Büchern sein eigen, aber die meisten handelten von Zaubertränken oder waren in einer antiken Sprache verfasst, die Remus nur schwer entziffern konnte. Da war die Anzahl an für ihn wirklich interessanten Büchern auf einen Bruchteil der vorhandenen Auswahl beschränkt. Dafür waren die Bücher über die Dunklen Künste eine wahre Augenweide!

Und höchst illegal.

Remus fragte sich, ob Albus von den Büchern wusste.

Das Wetter meinte es heute wirklich nicht gut mit ihm. Er hielt sich an den Hausmauern auf und lehnte sich lässig gegen eine Laterne, während er die wenigen Gestalten betrachtete, die sich bei dem Mistwetter raus gewagt hatten. Zauberkraft hin oder her, sich gegen typisch englisches Wetter zur Wehr zu setzen kostete Kraft und Konzentration. Die Bewohner von Hogsmeade waren einiges gewöhnt, aber sie wussten auch, dass sie ihre Geschäfte auch wann anders erledigen konnten, und saßen dann lieber am wärmenden Kamin zu Tee und Gebäck.

»Ich bin da«, sagte eine Stimme aus dem Nichts.

»Gut«, antwortete Remus ruhig. »Nimm den Umhang nicht ab und folge mir.«

Der Werwolf ging zielgerichtet auf den Eberkopf zu. Nur beiläufig hielt er die Tür so lange auf, bis er sicher war, dass sein Begleiter hindurch geschlüpft war. Lauthals rief er dem Barkeeper eine Begrüßung zu und bestellte gleich zwei Flaschen Ale, die er ungeöffnet auf das Zimmer nehmen wollte. Immer so langsam in der Bewegung, dass er sicher sein konnte, niemanden anzurempeln, der für das bloße Auge nicht sichtbar war. Wäre sein Werwolfsgehör nicht gerade deswegen geschärft, dann hätte er wohl auch die kratzenden Geräusche überhört, die die Schuhe unter dem Umhang von sich gaben, während sie über das Parkett schabten.

Gerade als die Sickel auf die Theke fielen und er den Weg zur Treppe einschlagen wollte, hielt der Wirt ihn am Ärmel fest. Aberforth taxierte ihn durch zusammengekniffene Augen. »Keine perversen Spielchen da oben!«, knurrte er.

Remus lag ein schnippischer Kommentar auf der Zunge, aber er nickte bloß und riss sich von dem Bärtigen los.

»Gut.« Aberforth nickte mürrisch. »Hinterstes Zimmer links.«

Remus sagte nichts. Er schleppte sich die Treppe hinauf, sehr wohl auf das zweite Paar Schuhe bedacht, das ihm die Stufen hinauf folgte.

Die Dielen knarzten unter dem ungewohnten Gewicht. Der Eberkopf war nicht gerade beliebt unter Reisenden. Wer hier abstieg, hatte kaum eine andere Möglichkeit und nur wenige Knuts in der Tasche.

Er klopfte mit einem sehr herausstechenden Rhythmus gegen die Tür.

»Den Umhang erst abnehmen, wenn die Tür geschlossen ist!«, wies er nach hinten flüsternd an.

Die Tür öffnete sich von selbst, und bereits von draußen konnte man das Magiefeld flackern sehen, welches das Innere wohl mit etlichen Schutzzaubern von draußen abschirmte.

Remus sorgte dafür, dass die Tür sich nahtlos wieder in den Zauber einwob, als diese quietschend ins Schloss fiel.

Das Innere sah wirklich nicht nach hochwertiger Einrichtung aus, für die man mehr als wenige Knuts, allenfalls ein bis zwei Sickel pro Nacht verlangen konnte. Vor dem Kamin stand ein Mann mit langen Haaren, locker mit der Hand auf dem Kaminsims angelehnt, und starrte in das lodernde Feuer hinein.

»Sirius!«, rief Harry erfreut und warf seinen Tarnumhang achtlos auf den staubigen Boden. Er fiel dem Älteren um den Hals bevor dieser sich überhaupt richtig umdrehen oder gar etwas sagen konnte. »Wie geht es dir? Bist du hier überhaupt sicher? Was machst du hier? Hast du Seidenschnabel mitgebracht?« plärrte es aus Harry heraus wie aus einem Radio mit sich überschneidenden Sendern.

Der Ältere lachte und erwiderte die Umarmung nur allzu gerne.

»Immer ruhig mit den jungen Pferden! Du malträtierst mich ja mit deinen Fragen!«, versuchte dieser den Übermut des jungen Gryffindors zu zügeln. Das Lachen ließ seine Augenwinkel in Falten kräuseln. Der kurze Ausflug war genau das Richtige, was Sirius gebraucht hatte. Er blühte förmlich beim Anblick des Jungen auf.

Remus betrachtete die Begrüßung der beiden von der Tür aus und hielt sich absichtlich zurück.

»Ich freu mich nur so, dich zu sehen!«

Auch wenn Sirius die Umarmung längst gelöst hatte, vergrub der Junge immer noch das Gesicht im Mantelkragen des Älteren.

»Also... um deine Fragen zu beantworten: Mir geht es gut. Uns beiden geht es ganz gut«, sagte der Ältere mit einem Nicken in Remus' Richtung. »Und Seidenschnabel konnte ich leider nicht mitbringen, aber ich bin mir sicher, dass er dich genau so vermisst, wie ich dich vermisst habe!« Er packte den Jungen bei den Schultern und schob ihn eine Armeslänge von sich weg, um ihn zu begutachten. »Du hast ja Augenringe, Harry! Schläfst du nicht gut? Sag bloß, du hast schon eine Freundin! Oder mehrere?« Sirius grinste und hatte den Fragenspieß gekonnt umgedreht.

»Lass den Bengel atmen!«, lachte Remus. »Ich hab uns was mitgebracht.« Unter seinem dicken Mantel holte er eine kleine Schachtel hervor, die er mit einem leise gesprochenen Zauber vergrößerte und auf den Tisch stellte. Darin befand sich ein Teller mit großen, gezuckerten Scones und ein paar Flaschen Kürbissaft.

Die drei setzten sich um den kleinen runden Tisch, dessen Beine so ungleich waren, dass darunter schon unschuldige Bücher geschoben worden waren.

Harry betrachtete den Teller, auf dem der Berg von Scones lag, und schaute skeptisch zum Werwolf hinüber. »Ist das aus der Küche von Hogwarts?!«

Remus lachte nervös auf. »Ich bitte dich, Harry! Wie hätte ich den Teller denn aus Hogwarts herausschmuggeln können? Ich habe doch gar keinen Zutritt zur Schule!«

»Aber der Teller... dieses Design...«, wunderte der Junge sich, war aber keineswegs darum verlegen, sich einen Scone zu nehmen.

»Das ist ein übliches Muster, Harry. Kriegt man überall in jedem billigen Ramschladen«, versuchte Sirius ihn zu beschwichtigen. »Also, raus mit der Sprache, junger Mann! Welches hübsche Mädchen hat dir den Kopf verdreht?«

Es entging den beiden Erwachsenen nicht, dass Harry seine linke Hand unterm drüber gezogenen Ärmel versteckte.

»Bring Harry nicht in Verlegenheit, Sirius!«, tadelte Remus seinen Freund.

»Du bist so eine Spaßbr...«

»Wenn Harry dir von seinen Herzensangelegenheiten erzählen will, dann wird er das auch tun, ohne dass du ihn so malträtierst«, übertönte Remus ihn einfach und deutete eine Handbewegung an als wollte er Sirius eins mit der flachen Hand überziehen.

Harry grinste verschmitzt.

»Aber du kannst uns gerne erzählen, wie es auf Hogwarts so läuft. Musst du viel nachsitzen?« fragte Remus ruhig und wusste doch, wie es um die Nachsitzsituation stand.

»Nachsitzen gibt es nur noch gesammelt direkt bei Umbridge. Das hätt's bei Dumbledore nie gegeben!«, beschwerte der Junge sich und knabberte zaghaft an dem Gebäck. »Wo ist das Bier hin?«

»Bier?«, fragte Sirius irritiert.

»Das Ale hab ich gleich wieder verschwinden lassen«, meinte Remus.

»Bier?!«, fragte Sirius selten dämlich.

»Ich hab bei Aberforth zwei Flaschen gekauft. Er muss ja nicht gleich wissen, was wir hier machen«, erklärte Remus ein wenig detaillierter, wenn auch nicht viel mehr.

»Gut mitgedacht, Moony!«, grinste Sirius ohne Anstalten zu machen, das Bier haben zu wollen. Anscheinend wusste der Animagus sich doch zu benehmen, auch wenn es ihm in den Fingern kribbeln musste allein bei dem Gedanken!

»Wisst ihr, wo Dumbledore ist?«, fragte Harry hoffnungsvoll.

»Er hält mit uns Kontakt, Harry, aber mehr wissen wir auch nicht«, antwortete der Werwolf seufzend und öffnete sich eine Flasche Kürbissaft.

»Schade!« Harry ließ sich in die Rückenlehne fallen. Sein Blick allein sagte schon alles über seine missliche Situation. »Umbridge lässt uns für wirklich alles nachsitzen! Wir müssen nicht einmal im Unterricht sein! Wenn sie uns im Gang nach Unterrichtsbeginn erwischt, gibt sie uns schon mindestens zwei Stunden Nachsitzen! Obwohl wir dann nicht einmal Unterricht haben! Sie lässt es uns auch gar nicht erklären! Wenn jemand den Mund aufmacht, wird er gleich von ihr verzaubert, dass nur noch Kröten aus dem Mund kommen anstatt Wörter...« Harry griff nach dem zweiten Scone. »Manchmal wünsch ich mir die normalen Nachsitzstunden bei Snape zurück«, murmelte der Junge.

Sirius verschluckte sich prompt am Kürbissaft. Selbst Remus musste schmunzeln.

»Lass das die Fledermaus bloß nicht hören!«, keuchte Sirius unter Tränen.

»Ich glaube, die Lehrer haben etwas gegen Umbridges Politik an der Schule«, vermutete Harry und spülte den doch recht trockenen Scone mit etwas Saft runter.

»Wie kommst du darauf?«, horchte Remus auf.

»Naja, sie geben nicht mehr so viel Nachsitzstunden wie vorher... Bei Snape musste ich sonst jede Woche nach dem Unterricht nachsitzen! Und jetzt? Nichts... Das kommt einem doch seltsam vor, findet ihr nicht?«

Remus atmete einmal tief durch. »Wie ich dir schon einmal gesagt habe, Severus Snape ist nicht das, was man auf den ersten Blick sieht. Das, was du siehst, ist das, was er dich sehen lässt. Eine so schlimme Person, wie du dir vielleicht denkst, ist er eigentlich gar nicht«, versuchte Remus zu beschwichtigen. »Wo wir gerade beim Thema sind, weswegen wir dich besuchen, Harry...«

»Wie läuft es mit deinen Okklumentik Stunden?«, unterbrach Sirius ihn.

Der Junge zuckte merklich zusammen. »Er hat es euch erzählt oder?« fragte er erschüttert.

»Wir wissen, dass er dich nicht mehr unterrichten will, aber nicht warum«, begann Remus, der Sirius davon abhielt, sich einzumischen. »Willst du uns sagen, was passiert ist?«

»Nein, eigentlich nicht!«, stellte der Junge etwas zu deutlich klar. »Erzählt ihr mir etwas über meinen Vater?«, fragte Harry stattdessen hoffnungsvoll, doch mit getrübten Augen.

Die beiden Männer sahen sich ratlos an.

»Was möchtest du hören?«, fragte Sirius schließlich. Die ein oder andere Geschichte würde bestimmt nicht schaden, und Zeit hatten sie ohnehin erst mal genug.

»Wie haben sich meine Eltern kennengelernt?« fragte Harry. Eine leichte Röte zog sich über seine Wangen. »Ich weiß, dass sie im gleichen Jahrgang waren, aber das ist auch schon alles. Haben sie sich gleich von Anfang an verstanden?«, hakte er etwas genauer nach. Bisher hatten sie tatsächlich nie darüber gesprochen. Und wer konnte ihm schon die Geschichte erzählen wenn nicht der Werwolf und der Animagus?

»Es stimmt, dass sie im gleichen Jahrgang waren, aber die beiden haben sich bei weitem nicht direkt verstanden«, lachte Sirius beherzt. »Ganz im Gegenteil! Lily konnte deinen Vater nicht ausstehen! Sie hatte ihm sogar mal gesagt, dass sie nicht einmal mit ihm ausgehen würde, wenn sie zwischen ihm und dem Riesenkraken im See wählen müsste.« Sirius wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Warum hat meine Mutter dann ihre Meinung geändert?«, wollte Harry wissen. Das Lachen war so ansteckend, dass er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnte.

»Dein Vater konnte sehr überzeugend sein«, begann Sirius. Er nahm einen weiteren Schluck Saft. In seinem Schnurrbart hingen Zuckerkrümel vom übermäßig mit Zucker überzogenen Scone. »Lily war recht früh sehr ernst und verantwortungsbewusst und sie hatte deinem Vater zu verstehen gegeben, dass sie sein kindisches und wildes Verhalten nicht gutheißen konnte.« Er strich sich durch den Bart, als wüsste er bereits, dass er sich wieder vollgekrümelt hatte.

»Liebe kann so vieles bewirken, Harry«, warf Remus schließlich ein. »James hatte verstanden, dass er sich ändern muss, wenn er wollte, dass Lily sich mit ihm abgibt.«

»Und wie er es verstanden hatte!«, unterbrach Sirius seinen Freund. »Sie wollte sich nur mit vernünftigen Jungs treffen, also hat dein Vater mit allen Streichen aufgehört...« Er wurde nachdenklich. »Nun ja... Nicht mit allen Streichen... Ein paar hatte er sich nicht nehmen lassen«, kicherte Sirius. »Aber er hing es nicht mehr an die große Glocke, damit niemand davon Wind bekam.«

»Was waren das so für Streiche? Erzählt doch mal!«, forderte Harry sie auf. »Können die Streiche von Fred und George da mithalten?«

Die beiden Erwachsenen tauschten vielsagende Blicke aus. Wie viel würde Harry an Information ertragen?

»Soweit ich das mitbekommen habe, sind die Weasley Streiche mehr gegen die Lehrer gerichtet, dass sie unterrichtsfrei bekommen. Sie machen damit auch Geschäfte«, meinte Sirius und strich nachdenklich über sein Kinn. »Dein Vater hat gar nicht so weit gedacht.«

»Was hat er denn für Streiche gespielt?« hakte Harry bestimmt nach.

»Er hat es einmal geschafft, sich in die Mädchenumkleide zu schleichen!«, erinnerte Sirius sich.

»Oh ja, er hat sich in einem Schrank versteckt und hat die Mädchen dann mit einem Illusionszauber erschreckt, dass sie alle halb entkleidet heraus gerannt sind.« Remus schmunzelte und überlegte, ob Harry am besten gar nichts von diesen Streichen erfuhr. James war ein richtiger Wildfang gewesen und er hatte nur grenzwertigen Blödsinn im Kopf gehabt. Es war schon ein Wunder, dass er den siebten Jahrgang geschafft und auch die Prüfungen bestanden hatte! Dass andere Jungs vor der Mädchenumkleide mit ihren Fotoapparaten gewartet hatten, schwieg er gekonnt aus.

»Einmal hatte er den Knuddelmuff von Patsy Munster grün eingefärbt, dass die arme Patsy sich vor ihrem eigenen Haustier erschrak!«, kicherte Sirius immer noch und schwelgte wahrlich in seinen Erinnerungen.

»Sie hatte den armen Knuddelmuff fallen gelassen und beinahe zertrampelt...«, warf Remus ernst ein.

»Meistens richteten sich seine Streiche gegen Filch oder die Slytherin Schüler«, erzählte der Werwolf weiter.

»Oh, ja! Die Slytherins ließ er wirklich nicht auf einen grünen Zweig kommen!«, stimmte Sirius zu.

»Du hast den Slytherins aber auch ordentlich eingeheizt, Sirius«, mahnte Remus ihn.

»Dafür haben die mir aber auch die Hölle heiß gemacht auf Hogwarts. Besonders nachdem mein kleiner Bruder dorthin eingeteilt wurde.« Sirius' Lachen war verklungen.

»Vermisst du deinen Bruder sehr?«, wollte Harry wissen.

Sirius starrte ins Leere. Bisher hatte er Harry nicht viel von seinem Bruder erzählt. Konnte sich der Junge überhaupt vorstellen, wie es war, mit Geschwistern aufzuwachsen?

»Du hast doch mal erzählt, dass deine Tante ihren eigenen Sohn immer bevorzugt behandelt hatte, Harry. Würdest du sagen, dass du deinen Cousin vermisst, während du auf Hogwarts bist?«, entgegnete er dem Jungen.

Bestürzt über den Vergleich schüttelte Harry beharrlich mit dem Kopf. »Auf keinen Fall!«, schob er schnell hinterher.

Sirius lachte lautlos und nickte mit dem Blick auf den Boden gerichtet. »So in etwa kannst du dir mein Verhältnis zu meinem Bruder vorstellen«, erinnerte der Ältere sich. »Wir hatten einmal ein wirklich gutes Verhältnis... aber das war weit vor Hogwarts.«

Das stimmte den Jungen traurig. Er legte das Gebäckteilchen weg und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab.

»Du sitzt hier mehr wie ein kleines Häufchen Elend als hättest du was ausgefressen!«, warf Sirius ein. »Was betrübt dich, Kleiner?«

Der Junge seufzte.

»Ich habe in Snapes Erinnerungen geschaut«, sagte er dann schließlich ohne Umschweife.

Die beiden Männer sahen sich irritiert an.

»Was meinst du damit, Harry?«, hakte Remus dann doch nach.

»Die Okklumentikstunden bei Snape... hatten ein Ende als ich in seine Erinnerungen gesehen hab...«, stellte der Junge klar.

Sirius' Gesicht verlor jegliche Farbe.

Es war Remus, der seine Fassung behielt, obwohl er schon ahnte, worauf das Ganze hinauslief.

»Harry, ich glaube, es ist besser, wenn du von Anfang an erzählst, was dich bedrückt. Wie konntest du in Severus' Erinnerungen sehen?!«, fragte Remus das Unmögliche. »Er ist ein ausgezeichneter Okklument. Nicht einmal Du-weißt-schon-wer kann so ohne weiteres in seinen Geist eindringen.«

Da schaute Harry auf mit einer offenkundigen Frage auf der Zunge, die er nicht aussprach.

Er zerwühlte sich das struppige Haar, bevor er anfing: »Snape nutzt Dumbledores Denkarium, um seine Erinnerungen darin zu verstauen, von denen er nicht will, dass ich sie zufällig entdecke, während er in meinem Kopf herumwühlt... In der letzten Stunde war er unachtsam und hat mich mit dem Denkarium allein gelassen.« Er strich sich erneut nervös durchs Haar. Mied ihre Blicke. Richtete seine Brille. »Natürlich habe ich die Chance genutzt. Wer hätte das nicht gemacht?« Dann verstummte der Junge wieder.

»Was hast du gesehen?« fragte Remus leise.

»Es war zuerst ganz schön«, hauchte der Junge zitternd. »Ich habe euch alle gesehen! Es war eine Prüfung und ihr seid danach alle zum See gegangen. Ich konnte es gar nicht fassen, meinen Vater zu sehen!« Er zog die laufende Nase hoch. »Aber es war Snapes Erinnerung, und somit habe ich gefühlt, was er gefühlt hat. Dumbledore sagt zwar, dass man im Denkarium die Erinnerung aus der eigenen Sicht betrachten kann - quasi als dritte Person, unabhängig von der Person, von der die Erinnerung stammt. Ich hatte mir vorher auch schon ein paar Erinnerungen angesehen als Dumbledore mir das Denkarium gezeigt hat. Aber diese Erinnerung war anders.« Harry rang mit seinen Händen. »Obwohl ich mich so sehr gefreut habe, meinen Vater zu sehen, wurde ich von Snapes Gedanken und Gefühlen erfüllt... Ich habe seine Angst und seinen Hass gespürt... Da war so eine absolute Hoffnungslosigkeit, die alles überschattete! Es war einfach so viel auf einmal! Ich hab Albträume davon!«

»Was hast du gesehen, Harry? Du musst es uns sagen!«, hakte Remus bestimmter nach.

Dann fielen die Wörter nur so über Harrys Lippen: »Ihr hattet euch über die Prüfung unterhalten und darüber, was ihr machen wolltet. Euch war langweilig... und dann habt ihr Snape gesehen und auf einmal ging alles ganz schnell und ihr habt ihn angegriffen! Ich habe gespürt, dass er sich wie ein gejagtes Tier gefühlt hat... und er war sofort kampfbereit!« Sein Atem ging schneller. »So etwas kommt nicht von heute auf morgen... Menschen tun so etwas nicht! Es fühlt sich niemand dazu genötigt, sich sofort in Acht nehmen zu müssen, nur weil andere Schüler auf einen zukommen! Ich hatte schon zu Anfang der Erinnerung ein flaues Gefühl im Magen und habe mir dabei aber nichts gedacht. Schließlich war das Snapes Erinnerung... Aber die Art und Weise wie mein Vater und du, Sirius, ihn angegriffen habt... Ich konnte die Seife schmecken. Habe wie er keine Luft bekommen! Ich habe versucht, einzuatmen, aber der Seifenschaum war überall in meinem Mund und in meinem Hals! Und dann habt ihr ihn ausgelacht...« Er zog die Nase hoch. »Und wisst ihr, was das Schlimmste daran war? Jeder fand es lustig! Alle haben gelacht! Und. Niemand. Hat. Geholfen! Und von seinen Gedanken her wusste ich, dass niemand helfen würde! Wie lange hattet ihr vorgehabt, ihn keine Luft kriegen zu lassen? Bis er blau angelaufen wäre? Oder bis er bewusstlos zusammengebrochen wäre? Wie lange hättet ihr das lustig gefunden, wenn meine Mutter nicht eingeschritten wäre?«

Keiner der beiden sagte etwas.

»Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, ob Snape einfach nur böse ist, oder ob ich ihm etwas angetan habe. Aber ich war es gar nicht. Das einzige, was ich falsch gemacht habe, war geboren zu werden! Weil ich der Sohn eines Mobbers bin, und eines Mannes, der sich nur stark fühlt, wenn ihm andere den Rücken stärken! Jetzt ergibt alles einen Sinn!«

»Harry...« Remus kam nicht weit.

»Die Erinnerung geht noch weiter!«, mahnte der Junge bestimmt. »Meine Mutter hat sich für Snape eingesetzt... Ich habe es nicht verstanden, warum oder was sie mit Snape zu tun hatte... Aber weil mein Vater dann bei meiner Mutter abgeblitzt ist, habt ihr ihn einfach weiter malträtiert... und vor allen anderen Schülern die Hose weggezaubert!«

»Harry...« Diesmal war es Sirius, und auch er kam nicht viel weiter.

»Warum?«, unterbrach er den Älteren.

»Harry, wir waren jung...« Das war eine lasche Erklärung.

»Ich bin auch jung! Ihr ward nicht viel älter als ich jetzt! Und ich mobbe niemanden! Nicht einmal die Slytherins! Auch wenn sie es verdient hätten! Aber ich habe mich immer zurückgehalten, weil ich es nicht für fair halte, mich an jemandem aufzuspielen! Weder aus Langeweile, noch um einem Mädchen zu gefallen!«

»Du hast vollkommen recht damit, Harry.« Remus erntete dafür einen scharfen Blick von Sirius.

»Ich muss es wissen... habt ihr ihm die Unterhose auch weggezaubert?« Als er keine Antwort bekam, setzte er noch hinzu: »Ich kam mit der Erinnerung nicht so weit. In dem Moment, als mein Vater Snapes Unterhose erwähnte, hat Snape mich beim Denkarium erwischt.«

Betretenes Schweigen.

»Also hat er...?«

»Ja«, antwortete Remus.

»Harry, das ist wirklich sehr lange her«, versuchte Sirius sich herauszureden.

»Das rechtfertigt gar nichts, Sirius.«

Bloßgestellt von einem Jugendlichen! Das brachte selbst Sirius zum schweigen.

Harry sprach weiter: »Habt ihr euch jemals bei ihm entschuldigt? Oder mein Vater bei ihm?« Die Augen verengten sich hinter den Brillengläsern. »Hat irgend jemand von euch sich jemals für all das, was ihr ihm angetan habt, entschuldigt?«

»Nein, das haben wir nicht. Weder habe ich mich entschuldigt, dass ich als Vertrauensschüler weggesehen habe, noch haben sich die anderen dafür entschuldigt, dass sie Severus das Leben auf Hogwarts schwer gemacht haben«, sprach Remus mit fester Stimme. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn.

»Er hat es uns aber regelmäßig mit gleicher Münze heimgezahlt«, rechtfertigte Sirius sich. Ein magerer Versuch.

»Snape und welche Armee?«, wollte Harry wissen. »Ihr habt ihn zu mehreren angegriffen! Wie konntet ihr euch denken, dass das in Ordnung ist?!« Er wischte sich die Tränen weg.

Sirius griff nach den zitternden Händen des Jungen, aber Harry wich ruckartig zurück.

»Du hast Recht, Harry«, stimmte Remus zu. »Das war nicht richtig und wir müssen uns definitiv bei Severus entschuldigen.«

»Du musst uns aber glauben, dass dein Vater kein schlechter Mensch war. Er hatte sich besonders in dem Jahr sehr verändert«, begann Sirius. Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht und erreichte seine Augen doch nicht.

»Ich weiß nicht, ob ich euch glauben kann...«, gab der Junge offen zu. »Ich weiß, dass es mich nichts angeht, und ich kann von euch nichts verlangen. Aber ich fühl mich unwohl mit dem ganzen Wissen und den Gefühlen, die ich in dieser Erinnerung miterleben musste!«

»Harry, wenn du möchtest, setzen wir uns alle zusammen, wenn das alles vorbei ist. Ich denke, das wird auch in Severus' Sinn sein«, schlug Remus hoffnungsvoll vor.

Harry lachte nervös. »Ich weiß nicht, ob Snape mir überhaupt jemals wieder begegnen will. Ich weiß etwas über ihn und ich glaube, es ist ihm unangenehm«, versuchte der Junge sich wieder herauszuwinden.

»Oh, das wirst du bald wieder müssen, auch außerhalb des Unterrichts. Er wird deinen Okklumentik Unterricht wieder aufnehmen«, offenbarte Sirius ihm.

Der Junge blinzelte irritiert. »Aber...«

Remus legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Harry, es ist wichtig, dass du es lernst, und Snape ist bereit, darüber hinweg zu sehen, dass du... die Grenzen überschritten hast... aber er weiß, wie wichtig es ist, dass du die Visionen verstehst oder zumindest unterscheiden kannst, zwischen Traum und Wirklichkeit. Du-weißt-schon-wer ist ein mächtiger Zauberer, der mit Illusionen spielt, und auch wenn du noch zur Schule gehst, musst du deinen Geist zumindest so verschließen können, dass Er nicht mit dir spielen kann. Snape weiß das, und er wird deinen Unterricht fortführen. Allerdings hat er nicht immer Zeit dafür. Er ist ein viel beschäftigter Mann.«

»Deswegen sind wir für dich da und werden dir helfen«, fiel Sirius ihm ins Wort.

Der Junge schaute ungläubig erst den Werwolf an und dann zu seinem Patenonkel. Er hob eine Augenbraue. Sehr skeptisch. Erinnerte damit mehr an eine Person, die hier auf diesem Treffen deutlich fehlte.

»Nun, schau nicht gleich so wie die Kerkerfledermaus!«, scherzte Sirius.

Remus stimmte in das Lachen ein.

»Ihr wollt mir Okklumentik beibringen?« Er grinste schief und immer noch recht ungläubig.

»Nun...«, begann Sirius und zog die Silbe unnötig lang. »Wir sind zwar nicht so begabt wie Hogwarts Gargamel, aber wir können dir ein paar Übungen beibringen.«

Was indirekt bedeutete, dass sie mehr Zeit mit dem Jungen verbringen würden. Allein die Tatsache zauberte ein echtes Lächeln auf Harrys Gesicht.

»Severus wird die Stunden mit dir noch diese Woche wieder aufnehmen. Beachte dabei nur, dass es nicht zu auffällig wirkt und Umbridge nichts davon mitbekommt«, versuchte Remus ihm klar zu machen.

Eine geheime Mission! Das gefiel dem Jungen deutlich. Er würde sich zwar mit Snape erneut abgeben müssen, aber dafür bekam er mehr Zeit mit Sirius und Remus.

Besser konnte es gar nicht laufen für ihn.

Zumindest in einer Zeit, in der jemand wie Dolores Umbridge auf Hogwarts ihr Unwesen trieb.

Eins nach dem anderen.

Es würde auch wieder besser werden. So blieb zumindest die Hoffnung. Und wenn er mehr Zeit mit den Freunden seines Vaters verbringen durfte, nahm er gerne ein oder zwei Stunden mehr in der Woche mit Professor Snape in Kauf.

oOo

Schreie hallten durch die engen Kellergänge.

Die Luft war kühl, aber trotzdem stickig.

Es roch verbrannt. Immer dann wenn die Schreie ihren Höhepunkt erreichten, nahm der Gestank zu.

Narcissa Malfoy hätte nie gedacht, wie schnell heruntergekommen ihr Zuhause wirken würde, nachdem der Dunkle Lord Malfoy Manor für sich beansprucht hatte.

Sie liebte ihr Zuhause. Es war ihre Festung.

Ihre Zuflucht.

Mit einem schalen Gefühl in der Magengrube musste sie mit ansehen, wie ihr Zuhause nach und nach verkam.

Der Dunkle Lord liebte die Schreie seiner Gefangenen. Sobald sie in den Flur trat, empfingen Elend und Missgunst die Hausherrin.

Vor wenigen Monaten hätte sie nicht geglaubt, dass eine Zeit kommen würde, in der sie in ihrem eigenen Zuhause nur geduldet werden würde. Es wurde nicht laut ausgesprochen, aber sie konnte es an den Gesichtern derer ablesen, die ihr in ihrem Haus begegneten.

Selbst ihre Schwester hatte ihr mit wahnsinnigen Augen erklärt, dass der Schutz des Dunklen Lord unabdingbar wäre und sie jetzt noch die Wahl hätte, sich freiwillig für ihn zu entscheiden. Aber Narcissa konnte ein solches Angebot nicht locken. Ihr Mann war so verblendet und machtgierig genug gewesen.

Sie hatte dazu eine mehr rationale Einstellung. Nachdem ihre Eltern verstorben waren, hatte sie sich vorgenommen, sich nie wieder von irgendwem Vorschriften machen zu lassen.

Sie war eine selbstbewusste Frau, die ihren Verstand einzusetzen wusste. Dazu brauchte sie niemanden, der ihr hohle Ideale versprach. Geld und Macht sprachen sie nicht an. Das brauchte sie alles nicht.

Es war recht frisch in ihrem Salon. Sie mochte keine übermäßig beheizten Räume. Sie saß an einem kleinen runden Tisch bei der großen Fensterfront.

Allein.

Wie jeden Morgen. Ihre Anweisung an die Elfen war deutlich gewesen: Sie wollte nicht gestört werden. Zutritt hatten nur ihr Mann und ihr Sohn, obwohl sie auf Lucius' Gesellschaft in letzter Zeit durchaus verzichten konnte. Nur zu gern hätte sie den Morgen mit ihrem Sohn begonnen. Aber dieser war auf Hogwarts und zumindest da momentan sicher vor den Einflüssen der machtgierigen Hyänen.

Mindy hatte ihr ein einfaches Frühstück aufgetischt. Ihr Magen vertrug in letzter Zeit nicht viel. Zu groß waren die Sorgen, die sie plagten.

Der Morgen war noch jung. Die Dämmerung tünchte den Horizont in warme Farben. Die meisten Todesser schliefen mit Sicherheit noch, oder sie vertrieben sich die Zeit damit, in ihrem Heim herumzuschnüffeln. Ein starker Muffliato sorgte dafür, dass sie in ihren Räumen nichts von den Gräueltaten im Kerker mitbekam. Vor wenigen Monaten noch ein normaler Keller, wurden die Räume heute dieser Bezeichnung nicht mehr gerecht.

Früher oder später musste sie ihren Salon verlassen, das wusste sie.

Bellatrix versuchte sie mittlerweile täglich vom Dunklen Lord zu überzeugen. Bald würden Narcissa die Argumente ausgehen, warum sie sich noch immer nicht zu Seinen Anhängern zählte.

Der Tag würde kommen, an dem sie sich entscheiden musste. Aber dieser Tag war noch nicht heute, beschloss sie mit Bestimmtheit.

Ein Plopp neben ihr riss sie aus ihren Gedanken. Sie nahm es sich nicht, ihrem Unmut offenkundig Platz zu machen. »Ich habe dich nicht gerufen!«, herrschte sie die alte Hauselfin an.

»Verzeiht, meine Herrin.« Das schrumpelige Geschöpf verneigte so tief wie es ihre alten Knochen gerade noch zuließen. »Eure Anwesenheit wird verlangt«, erklärte sie und zupfte am Saum ihrer alten Lumpen, die kaum ihren knorrigen Körper bedeckten.

»Wer?«, fragte Narcissa knapp, die Mundwinkel herabgezogen.

»Der Nasenlose!«, kicherte die Elfin boshaft. »Heute Nacht hat es laut gepoltert mit viel Geschrei und Gejaule in allen Gängen.«

»Nenn ihn nicht so, Mindy! Ich dulde diese Respektlosigkeit nicht!«

»Sehr wohl!«, schrak die kleine Elfin zurück.

Sie musste eins ihrer Gespräche abgehorcht haben! Dieses kleine Biest!

Narcissa musste sich in Acht nehmen. Sie konnte ihren Sohn nicht beschützen, wenn der Dunkle Lord sie vorher verschwinden ließ.

Ihr Spiegelbild starrte ihr unbeugsam entgegen. Die Haare hatte sie streng zurückgekämmt und in einem Dutt zusammengebunden. Das Kleid war schon etwas älter, aber nicht minder elegant. Es war ihr Lieblingskleid. Dunkelblau mit silbernen Stickereien. Weiße Spitze lugte kokett unter ihrem Korsett hervor.

Sie zog sich einen Überwurfmantel an. Diese Aussicht war nur für ihren Mann bestimmt und nicht für eine schwanzlose Gestalt, die ihr Zuhause besetzte!

Der große Saal im ersten Stockwerk war dunkel. Auch wenn die Fensterläden geöffnet und Vorhänge beiseite gezogen worden wären, hätte sich kein Licht hinein gewagt. Die einzige Lichtquelle kam von einem künstlich herbeigerufenen Lichtball hoch oben an der Decke.

Der Saal war bar aller Möbelstücke mit Ausnahme eines großen Stuhls, der riesig und mit etlichen Schnitzereien verziert wahrlich an einen Thron erinnerte. Darauf hatte sich diese Kreatur niedergelassen, die jeden in diesem Raum das Fürchten gelehrt hatte. Zu seinen Füßen lag die Schlange, die entgegen der Natur eines Kaltblüters gänzlich ohne Wärme auskam.

Narcissa hasste beide.

Und sie war sich bewusst, dass ihr in diesen Reihen keine Bewunderung oder Respekt entgegen gebracht wurde. Sie wurde geduldet. Das war ihr klar. Ihr Mann war einmal die rechte Hand des Dunklen Lord - bis er in Ungnade bei ihm gefallen war. Ihre Schwester hatte einen ungesunden Narren an dieser nasenfreien Kreatur gefressen.

Nur diese beiden Verbindungen hielten die anderen Anhänger davon ab, Narcissa bei lebendigem Leibe für ihr frivoles Verhalten zu häuten oder sie so lange mit dem Cruciatus zu verfluchen, bis ihr Körper den Folgen selbst erlag. Wie konnte es auch jemand wagen, unter ihnen zu wandeln, und ihrem Anführer keine ewige Treue zu schwören!

Sie ignorierte die ungesagten Sticheleien, die ihr durch bloße Blicke entgegen gebracht wurden. Der Dunkle Lord hatte sich längst damit abgefunden, dass Narcissa das Mal nicht annehmen wollte. Sie hatte dies immer mit einem Lächeln abgetan und Lucius als Garant vorgeschoben. Sie wäre schließlich nie weit weg von ihm. Auch jetzt nicht, wo ihr Sohn Gefahr lief, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Der Junge war leider so verblendet, dass sie mit wachen Augen zusehen musste, wie er in sein eigenes Verderben rannte. Sie konnte ihm gar nicht deutlich genug machen, wie sehr er den Schritt bereuen würde.

Aber so war die Jugend nun mal, oder?

Wenn sie sich an ihre eigene Jugend zurück erinnerte, musste sie daran denken, wie sehr Draco sie an ihre ältere Schwester erinnerte. Andromeda hatte sich zwar gegen ihre Familie und für ihre wahre Liebe entschieden, aber dabei hatte sie genau so einen Dickkopf bewiesen wie Draco es manchmal an den Tag legte, und doch war er so stur und blind gegenüber des Einen, der ungefragt ihr Zuhause verschandelte.

»Ah, die Hausherrin!«, verkündete die hämische Stimme vom Thron herab, bar jeglicher Emotionen.

Lucius stand hinter ihm und wagte es, seine Hand auf die Rückenlehne des pompösen Throns zu legen. Er sah zufrieden mit sich selbst aus. Eine Umstellung, von der Narcissa nicht sicher war, ob sie ihr gefiel. Die letzten Wochen hatte sie stets um das Leben ihres Mannes gebangt. Dass der Dunkle Lord sich auch ausgerechnet hier in ihrem Heim ausbreitete und die meisten Räume für seine Treffen, Folterungen und sonstige Unterbringungen beanspruchte, war auch nur eine Zurschaustellung von Machtspiel. Er zeigte Lucius damit, wo sein Platz war.

Es musste irgend etwas passiert sein, dass Lucius hinter ihm stehen durfte.

Die Umstehenden grinsten und kicherten. Ihnen war der Luxus einer Sitzgelegenheit nicht gegönnt worden.

»Trete vor, Narcissa«, befahl er ihr.

Narcissa schlängelte sich durch die Umstehenden.

Und dann sah sie Severus.

Er kniete untertänigst vor seinem Herrn. Sie hatte ihn seit ihrer letzten Begegnung in Spinners End nicht mehr gesehen. Offensichtlich ging es ihm wieder besser. Trotzdem konnte auch seine Anwesenheit nichts Gutes bedeuten.

Sie trat neben Severus. Für den Geschmack einer niederen Gryffindorratte war sie dem großen Meister wohl zu nahe getreten, denn Pettigrew zischte etwas unverständliches aus dem Abseits und machte Anstalten, Narcissa wieder zurück zu drängen. Auf den Wink einer leichenblassen Hand fror das Nagergesicht mitten in der Bewegung ein. Ihre Augen blitzten amüsiert.

Hinter ihr schloss sich die Menge.

»Mein Lord?«, fragte sie, den Blick auf den Boden geheftet mit einem angedeuteten, standesgemäßen Knicks.

»Lucius hat mir einen großen Dienst erwiesen, meine Liebe! Ich wollte nicht, dass dir das entgeht!« Eine abgehakte Bewegung und die Ratte konnte sich wieder rühren. Er atmete hastig. Das würde ihm ein Denkzettel sein.

»Severus, mein treuer Giftmischer, steh auf!«, befahl er und erhob sich schließlich selbst, um an ihnen vorbei zu schlendern und zu seinen anderen Anhängern zu sprechen, obwohl seine Adressaten deutlich hinter ihm befanden.

»Wir haben einen Erfolg gegen Dumbledores Kinderarmee zu verzeichnen!« Einige Zwischenrufe unterbrachen den Dunklen Lord, was ihm überhaupt nicht gefiel. »Ein kleines Vögelchen zwitscherte mir, dass die werte Dolores die Schüler auf Hogwarts gut im Griff hat. Der alte Mann wollte uns wohl mit einer Armee von Jugendlichen den Gar ausmachen!« Ein hämisches Lachen folgte, in das die Umstehenden nur nach und nach mit einstimmten. »Aber warum ich euch herbeigerufen habe, hat eine völlig andere Bewandtnis. Denn Lucius hat uns einen großen Fisch gefangen.«

Auf ein Nicken des Namenlosen hin öffneten sich die Seitentüren, die sich nahtlos mit der Wand verblendeten, so dass niemand dort eine Tür vermuten würde. Dahinter befand sich der Bedienstetengang, der zu dem Bereich führte, wo die Elfen arbeiteten und sich aufhielten.

Hereingeführt wurde unter Zetern und Schnaufen, ein sehr derangierter Auror, der allen schon einmal das Leben schwer gemacht hatte: Alastor Moody!

Er sah übel zugerichtet aus. Blut quoll aus seinem Mund heraus. Sein berühmtes magisches Auge fehlte. An dessen Stelle klaffte ein Loch in seinem Kopf. Ein Bein war verdreht. Der Fuß zeigte in eine unnatürliche Richtung. Dem anderen Bein fehlte die Prothese, für die er ebenfalls berühmt war. Auch seine Schulter hing schlaff herunter.

Er sah nicht danach aus, als könnte er aus eigener Kraft stehen. Die Anhänger, die das Vergnügen hatten, ihn hereinzubringen, hatten es sich einfach gemacht und ließen ihn schweben. Ein seltener Akt von Empathie, den man unter Todessern sonst nicht vorfand. Vermutlich waren sie aber auch einfach zu faul, um den Gefangenen herein zu schleifen.

Schwer atmend lag er dann da in der Mitte des Saales. Umgeben von Magiern, die ihre rechte Hand davor hergeben würden, um diesen Mann zu Tode foltern zu dürfen.

Trotz seiner Verletzungen machte er einen Satz nach vorn. Ein Angriffsversuch, der gleich im Keim erstickt wurde. Man band ihm die Hände magisch auf den Rücken zusammen. Körperlich geschunden, ließ er es sich nicht nehmen, seinem bunten Schimpfwortschatz freien Lauf zu lassen. Die Todesser lachten darauf natürlich nur. Diese Beute war erlegt, ob es noch röhrte und maulte, würde an seinem besiegelten Schicksal nichts ändern.

Bis Alastor sich Severus' Anwesenheit gewahr wurde. Da sorgte die Wut noch einmal dafür, die restlichen Energiereserven dafür aufzubrauchen, um dem Todesser sämtliche Tiraden an den Kopf zu werfen.

»Verräter!« spuckte Moody. Speichel tropfte aus seinem Mund. Die Lippe war aufgerissen. »Du elender Hund!« Ein Hustenanfall unterbrach sein Gekeife. Blutiges, zähflüssiges Gewebe quoll aus dem Mund hervor. Es stand außer Frage, dass man ihm in der Nacht sorgfältig zugesetzt hatte. »Der Teufel soll dich holen!«, spie er noch mit letzter Kraft bevor er wieder in sich zusammensank.

Die Umstehenden lachten beinahe hysterisch, warteten sie noch auf das Zeichen, sich endlich auf ihn stürzen zu dürfen wie die Geier.

Severus stand regungslos neben ihm und verzog keine Miene, während der Mann am Boden offensichtlich mit dem Leben kämpfte.

Die leichenblasse Hand reckte sich in die Luft und das Gelächter.

»Wir sind auf dem Vormarsch und niemand wird uns aufhalten können. Wenn schon so hoch gelobte Auroren in unsere ausgeklügelten Fallen laufen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis wir das Ministerium von den Idealen unseres Zeitalters überzeugt haben werden!« Er stand vor dem sich windenden Elend und hob Alastors Kopf mit der Schuhspitze hoch. Blicke trafen sich, so hasserfüllt.

»Du wirst mich nicht klein kriegen, Drecksack!«, spie Alastor röchelnd.

»Oh, tatsächlich?«, entwich es Voldemort belustigt. Er beugte sich runter zu ihm, dass nur die näher stehenden ihn hören konnten: »Ich brauche dich gar nicht kleinkriegen. Ob du winselst oder mir noch einen letzten Kampf lieferst, ist vollkommen irrelevant.« Er stach mit seinem Zauberstab in die unnatürlich blasse Wange. »Du hast verloren, Alastor Moody.« Er entblößte eine Reihe vergilbter Zähne. »Willkommen in deinen letzten Stunden in dieser Welt, Mad Eye!« Dann erhob er sich wieder und ging zurück zu seinem Thron. Nur die wenigsten wussten es, aber der Dunkle Lord war noch nicht wieder ganz hergestellt. Er brauchte täglich schwarzmagische Stärkungstränke, mit denen Severus ihn regelmäßig belieferte.

Er hielt sich bei Treffen nicht lange auf den Beinen. Wenn das Gerede unter seinen Anhängern verhalten war, wurden Gerüchte gleich im Keim von seinem Inneren Kreis zerschlagen.

Dabei war es so offensichtlich.

Lässig schlug Voldemort die Beine übereinander und streichelte der Schlange über den Kopf.

»Ich weiß, dass ihr darauf brennt, diese niedere Kreatur zu zerfleischen«, begann er beinahe süffisant. »Aber die Ehre werde ich dieses Mal nur einem von euch zuteil kommen lassen.« Sein Blick fiel auf den einzigen seiner Anhänger, der regungslos und kalt die Szene betrachtet hatte. »Severus! Mein treuer Diener! Du hast dich so oft bewiesen als ich glaubte, dich verloren zu haben!«

»Mein Herr?«, fragte Severus unbewegt. Auch wenn er sich bei jeder Versammlung vor seinem Anführer verneigte, war er einer der wenigen, der es wagte, ihn direkt in die Augen zu sehen. Die meisten Todesser vermieden es tunlichst. Entweder aus Angst, Voldemorts Wut zu triggern, oder vielleicht aus Respekt.

Es war niemals aus Respekt.

»Du hast mir deine Loyalität bewiesen, mein treuer Giftmischer«, zischte der Dunkle Lord. Es wurde mit einem Mal richtig still. Nicht einmal der gebrochene Leib auf dem Boden hustete noch. »Ich hatte befürchtet, du wärst endgültig zu den Gutgläubigen übergelaufen, die dem vermeintlichen Licht folgen als gäbe es ein Richtig und ein Falsch in unserer Welt.« Seine rot unterlaufenen Augen verengten sich. »Aber das gibt es nicht. Und je eher sie es merken, umso besser für uns alle. Denn dann werden sie merken, dass Dumbledore doch nur ein falscher Heiland ist und nur seine Hackordnung bewahren will! Er glaubt nicht an die Vollkommenheit von Magie! Er verschließt sich vor der Wahrheit! Es gibt kein Gut und Böse! Es gibt nur Macht und Schwäche! Und wer Magie in Gut und Böse einstuft und das Wissen darüber verbietet, der riskiert Schwäche vor denen, die das Wissen zu nutzen wissen! Und wir wissen, wohin das führen wird, nicht wahr, mein treuer Giftmischer?«, beendete der Dunkle Lord seine Litanei und beugte sich vor. »Du hast so viel erleiden müssen unter deinen Gefährten. Du hast dich nicht verbiegen lassen, obwohl sie dich töten sollten.«

Nagini kroch langsam auf Severus zu und richtete sich wie ein Mensch vor ihm auf bis sie sich beide auf Augenhöhe gegenüberstanden. Unnatürlich. Die Zunge schnellte zwischen ihren Kiefern hervor. Sie bewegte ihren Kopf, damit sie ihn mit beiden Augen beobachten konnte. Musternd. Die Zunge schnappte nach der Luft, die er ausatmete.

»Wie mir zu Ohren kam, kennt ihr zwei euch gut?« Die roten Augen deuteten auf den Mann am Boden.

»Er gefährdet meine Position in Dumbledores Orden«, zögerte Severus nicht zu offenbaren.

Wenn Moody jetzt noch entsetzt war, so brachte er seinen Unmut nicht weiter hervor. Der Mann war ohnehin mit Atmen beschäftigt.

»Ja, das sagtest du öfter. Verstehe ich das richtig, dass du noch ein paar Rechnungen mit dieser Kreatur offen hast?«, horchte Voldemort nach.

»Das kann man so sagen«, bestätigte Severus.

»Oh! Hört, hört!«, rief Voldemort beinahe erfreut aus. »Immer so bescheiden! Sag mir, Severus, was würdest du mit ihm machen, wenn ich ihn dir überreichen würde?«

»Ich würde ihn brechen«, kam als prompte Antwort.

»Oh, aber ist er noch nicht gebrochen genug?« Er bleckte die Zähne.

Severus warf einen skeptischen Blick auf die geschundene Gestalt neben ihm. »Sein Körper mag gebrochen sein, aber sein Geist ist es nicht.«

»Aha! Das ist richtig... dieser Auror ist Folter wohl gewöhnt«, sinnierte er seinen eigenen Gedanken nach.

»Wenn ich etwas dazu sagen dürfte, mein Herr?«, brachte Narcissa sich schließlich wieder ein. Sie bekam keine Antwort, lediglich ein knappes Nicken. »Severus hat uns mehrere große Dienste geleistet in den letzten Monaten, obwohl er diese beinahe selbst nicht überlebt hat. Er hat keine Hilfe erhalten und er hat nie darum gebeten. Auch wenn andere nach mehr Entlohnung oder Macht dürsten, hat sich Severus immer zurückgehalten«, zählte sie die Vorzüge des Tränkemeisters auf. »Wenn ich Euch daran erinnern darf, hat er seine eigene Meisterausbildung selbst finanziert, auch wenn er kein Geld hatte. Er tut das alles, um Euch und Eurer Sache zu dienen«, plädierte sie. »Wenn es einer verdient hat, dann jemand, der mehrfach beinahe für Euch gestorben ist und Euch trotzdem weiter dient, ohne Lohn.«

»Eloquent wie immer, Narcissa«, betonte er ihren Namen wie eine Drohung. Stille. »Ich mag deine Überlegungen, Narcissa, und ich finde, dass deine Argumentation sehr überzeugend ist. Du siehst also, Severus, dass du hier doch einige Zusprecher hast. Was also willst du mit dem Gefangenen machen, mein werter Giftmischer?«, fragte er zischelnd.

Mit einem letzten Blick auf die Gestalt neben ihm, die sich wieder genug erholt hatte, um ihm diverse Schimpfwörter an den Kopf zu werfen, wandte er sich mit fester Stimme an seinen Herrn: »Ich kann ihn gut als Testobjekt für meine Versuche verwenden. Der Folterungstrank könnte durchaus eine Verbesserung vertragen, um ihn länger haltbar zu machen. Die Muggel, die ich dafür zur Verfügung habe, reagieren anders auf Zaubertränke als Menschen mit magischen Fähigkeiten.«

Enttäuschung spiegelte sich auf dem Gesicht seines Herrn wieder. »Ich nehme doch an, dass wir auf eine öffentliche Zurschaustellung hoffen dürfen, Severus!«

Der Tränkemeister hob spöttisch den Mundwinkel. »Nur, wenn er meine privaten Versuche überlebt, mein Herr.«

Zu seinen Handlangern, die den Gefangenen hereingebracht hatten, schnarrte Voldemort schließlich: »Schafft ihn weg! Ab mit ihm ins Labor!« Und dann wandte er sich an Severus: »Sag mir, was du brauchst, damit wir den Aufenthalt unseres besonderen Gastes so schmerzhaft wie möglich gestalten können.«

Das Gesicht des Tränkemeisters zeigte keine Regung, während Alastor Moody unter Schimpfen und Maulen weggebracht wurde. »Etwas brauche ich tatsächlich«, erwähnte er.

»Nur heraus damit! Was braucht mein Diener für seine persönliche Folterstunde?«, fragte der Dunkle Lord belustigt.

»Seinen Zauberstab und sein magisches Auge«, forderte Severus.

»Das sind...« Der Lord suchte nach den richtigen Worten. »Sonderbare Folterinstrumente...«

Doch Severus ließ sich nicht davon abbringen. »Es wäre für ihn eine größere Demütigung, wenn ich ihn mit seinem eigenen Zauberstab foltere und er über sein magisches Auge jede Art miterleben muss, der sein Körper ausgesetzt ist. Außerdem«, er holte Luft und ließ den Dunklen Lord keinen Augenblick aus den Augen, »bin ich von dem Auge fasziniert. Alle sagen, das sei einfache Magie eines ausgezeichneten Heilers gewesen, aber das Objekt strahlt eine gewisse schwarze Aura aus, dass ich es gerne untersuchen möchte.«

Ein Kichern durchbrach die Stille im Saal. Man hätte eine fallende Stecknadel fallen lassen können. Das Kichern wirkte wie ein Schlag auf die Ohren mit jedem Atemzug.

Und so schnell er zu kichern angefangen hatte, so abrupt stockte es wieder. Grimmig wandte er sich an seine Anhänger. »Ihr habt ihn gehört! Bringt den Zauberstab und das Auge!«

Sofort stürzten einige aus dem Saal. Anscheinend waren nicht nur zwei oder drei an der nächtlichen Folter beteiligt gewesen, sonst hätten unmöglich so viele wissen können, wo die Gegenstände aufzufinden waren.

Narcissa sah Severus nach.

Hatte sie Mitleid mit dem Gefangenen? Eigentlich nicht.

Sie kannte ihn noch nicht einmal persönlich.. Klar, er hatte schon öfter versucht, das Leben ihrer Familie zu zerstören, aber nie einen Erfolg verzeichnen können, weil er gegen den Einfluss der Familie Malfoy nicht ankam.

Aber im Grunde genommen, waren sie sich nie begegnet. Allein durch Severus' Erzählungen hatte sie sich ein Bild machen können. Und nun war er in die falschen Hände geraten und würde sich nach seinem Tod sehnen noch ehe der Abend angebrochen war.

Nein, sie mochte ganz und gar nicht, was diese mordlüsternde, hinterlistige Schar aus ihrem Zuhause gemacht hatte. Aber sie würde alles dafür tun, um ihre Familie zu beschützen.


AN:
N'abend!
Eigentlich hab ich hierzu nicht viel zu sagen... außer einem Zitat aus dem ersten Kapitel:

»Es fing mal wieder wie ein normaler ONESHOT an... Mittlerweile sind 4 Teile geplant... HÖCHSTENS fünf!
Nicht mehr!«

Soso... Hööööchstens fünf... Man sieht ja, was daraus geworden ist... *hüstel*

Ach, und ich habe doch tatsächlich Kapitel 28 aus Band 5 gelesen, weil ich der Meinung bin, dass so ein blutiger Anfänger wie Harry nicht so einfach durch Severus' mentalen Schutz brechen kann... Also habe ich mich für die Variante aus dem Buch entschieden und musste diese natürlich auch erstmal lesen... und was soll ich sagen? Ich war entsetzt...
Um mal ein Beispiel zu geben, ohne das offensichtliche Pferd auf dem Flur zu erwähnen, bei dem es ja in dem Kapitel gehen sollte: Ist es lustig, einen Mitschüler in ein "Verschwindekabinett" zu bugsieren, nur um keine Hauspunkte abgezogen zu bekommen, wo keiner weiß, wo der Schüler landen wird... Ob im Mädchenschlafsaal oder mitten auf der Straße in London... oder mitten in der Sahara... Scheiß egal! Weg mit dem Schüler! Die Bewahrung der Hauspunkte rechtfertigt wohl auch Entführung und vorsetzliche Körperverletzung.
Ganz toll!

Egal!
Zurück zur Story!

Sirius und Remus wurden zurecht von einem Teenager zur Schnecke gemacht! :)
Was die beiden wohl machen werden, sobald sie die alte Kerkerfledermaus alleine zu fassen kriegen? ;)

Narcissa war ja mal wieder mit am Start und ich muss sagen: Ich mag sie irgendwie!

So, und weil ich gesagt habe "Die Kapitel werden kürzer, ist dieses hier auch UNTER 10k geblieben! (wenn auch nur ganz knapp)