2 - Dunkle Stunden

Von hieraus würde ihn keiner sehen können. Er aber konnte die Menschen beobachten. Entspannt setzte er sich auf die Bank im Schatten einer Baumgruppe und er spürte die Geborgenheit die ihn durchströmte. Die Sonne verschwand gerade rot hinter den Häusern, die Dämmerung hatte eingesetzt.

Die Menschen, die er beobachtete, vergnügten sich an diesem schönen Sommerabend am Ufer des East Rivers in Green Bay / Wisconsin. Kinder spielten am Wasser und die Erwachsenen schlenderten gemächlich durch die erfrischende Luft. Eine leichte Brise war aufgekommen und trieb die kühlere Luft vom Green Bay, einen Ausläufer des Michigansees, herein.

Am liebsten hätte er jetzt sein Versteck verlassen und mit den Kindern lachend im Wasser gespielt. Doch der Drang in ihm wurde von Tag zu Tag stärker.

Er horchte auf, als er eine Kinderstimme ganz in seiner Nähe hörte und hielt überrascht den Atem an.

„Dorothy, schau mal die Sonne!" Ein kleiner Junge rannte aufgeregt an ihm vorbei auf eine junge Frau zu, die scheinbar alleine ihren Weg am Fluss entlang suchte.

„David", sie ging in die Hocke, um den Jungen aufzufangen. Ohne seinen Schwung groß abzubremsen warf dieser sich in ihre ausgebreiteten Arme. „Nicht ganz so stürmisch, mein Kleiner."

Lachend verloren sie die Balance. Während sie fielen, schimmerte das verbleibende Licht der Sonne über das dunkelblonde Haar der jungen Frau und zog die volle Aufmerksamkeit des Fremden an. Die nächsten Sekunden verlebte er wie in Zeitlupe. Er hatte sie endlich gefunden! Und diese Ähnlichkeit!

Die junge Frau und das Kind fielen auf den harten Betonboden. Schützend hielt sie dem Jungen die Hände um den Kopf, damit er nicht aufschlug. Noch immer lachend setzten sie sich auf. Glücklich fuhr sie dem Jungen durch die blonden Locken.

Doch plötzlich hielt sie inne. Sie schaute direkt zu ihm hinüber. Hatte sie ihn entdeckt? Das konnte nicht sein! Versteckt in Mitten des Schattens der Baumgruppe war er nicht auszumachen. Er spannte sämtliche Muskeln an und wartete. Er wagte kaum zu atmen.

Endlich drehte sie ihren Kopf weg und griff nach ihrer Haarspange, die während des Sturzes verrutscht war, und steckte ihren Pony wieder fest. Entschlossen stand sie auf, half dem Jungen hoch und ging mit ihm im Strom der anderen Spaziergänger weiter. Doch schien sie achtsamer. Ständig warf sie einen ängstlichen Blick über die Schulter.

Der Junge lachte hingegen übermütig und zog unbekümmert an ihrer Hand. Ein fröhliches Gesicht aufsetzend versuchte sie vor dem Kind ihre Angst zu verbergen.

Rossi schlug der Lärm der Menschen in dem Pub in D.C. entgegen. Entschlossen trat er über die Schwelle und schaute sich in dem Dämmerlicht um.

„Dave du kommst genau richtig!" Wie aus dem Nichts stand Morgan plötzlich neben ihm, die Hände voller Getränkegläser. „Wir stehen dort drüben." Morgan ging vor und Rossi folgte ihm auf dem Fuß.

„Hey Leute, jetzt sind wir vollständig." Morgan stellte die Gläser auf dem Stehtisch ab, während Rossi von den Anderen lautstark begrüßt wurde.

„Susanne", schmunzelnd nahm Rossi ein Glas in die Hand und trat zwischen Frank und JJ, „wir freuen uns auf ein schönes gemeinsames Jahr."

„Danke…"

„Moment, ich bin noch nicht fertig." Langsam ließ er seinen Blick über die Kollegen schweifen bis sein Blick wieder bei Frank ankam. „Ich möchte dir noch eines mit auf den Weg geben… Wenn es ein Problem geben sollte, sei es mit unserer Arbeitsweise oder mit einem Fall, dann rede offen darüber. Wenn du es alleine mit dir ausmachen möchtest, könntest du daran schnell zugrunde gehen."

Ähnliche Worte hatte auch Hotchner heute Vormittag bei ihrem Einzelgespräch gefunden. Sie könnte jederzeit zu ihm kommen. Anscheinend waren sie darauf bedacht keinen im Team alleine zu lassen.

Frank nickte verstehend. „Gut."

„Genug der offiziellen Reden. Lasst uns endlich anstoßen." Morgan erhob seine Stimme. „Auf unser neues Teammitglied!"

„Auf Susanne!" Kam es vielstimmig zurück.

Es wurde ein schöner Abend und Frank genoss ihn im Kreise der neuen Kollegen. Sie würde ein schönes Jahr hier verbringen, davon war sie überzeugt.

Erschrocken schaute die blonde junge Frau über ihre Schulter zurück. Schon wieder hatte sie das Gefühl beobachtet zu werden. Den ganzen Abend, oder besser gesagt, seit sie sich mit David auf den Weg zurück vom East River gemacht hatte, verspürte sie nun schon dieses Unbehagen, diese Angst. Sie konnte sie einfach nicht abschütteln.

Es war ganz bestimmt nur eine Sinnestäuschung. Oder? Vielleicht ein Tier, das sie aufgeschreckt hatte!?

Entschlossen klemmte sie ihre Tasche höher unter den Arm und machte sich mit eiligen Schritten auf den Heimweg.

Jetzt schimpfte sie sich eine Närrin, weil sie das Angebot von Mr. Miller, Davids Dad nicht angenommen hatte. Er hatte sie in der dunklen Nacht nicht alleine gehen lassen wollen und ihr angeboten, sie nach Hause zu bringen.

Aber Dorothy McPherson war nicht ängstlich. Zumindest war sie es zu dem Zeitpunkt nicht gewesen. Ihr Zimmer, in der kleinen Pension am Rande des Vorortes, lag nicht allzu weit vom Haus der Millers entfernt. Sie versuchte sich durch Nachhilfe und gelegentliches Babysitten etwas für ihr Studium dazuzuverdienen.

Sie mochte die Millers und besonders David war ihr in den letzten zwei Jahren sehr ans Herz gewachsen. Er war so, wie sie sich immer einen Bruder gewünscht hatte. Aber sie war ein Einzelkind. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie zwölf war. Seitdem sah sie ihren Vater vielleicht zwei Mal im Jahr, wenn überhaupt. Aber er hatte es ihr ermöglicht zu studieren und unterstützte sie finanziell.

Dorothy bog um die letzte Ecke und konnte schon das Licht der Laterne, die ihre Wirtin für sie hatte brennen lassen, an der Haustür ausmachen. Erleichterung durchströmte für einen kurzen Moment ihren Körper.

„Entschuldigung", erschrocken fuhr die junge Frau zusammen. Ängstlich schaute sie zu dem Mann hoch, der sein Fahrrad neben sich herschob. Die Nacht war recht dunkel, kaum ein Licht erhellte die Umgebung. Vorsichtig versuchte sie im Gesicht des Fremden zu lesen, aber sie konnte nicht viel ausmachen. Sie war sich aber sicher ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.

„Ich habe mich verfahren und habe überhaupt keinen Schimmer, wo ich mich befinde."

Dorothy schwieg. ‚Was willst du jetzt von mir? Das ich dir den Weg nach Hause zeige? '

„Einen platten Reifen habe ich mir auch noch eingehandelt. Heute scheint nicht mein Glückstag zu sein." Freundlich erklang seine warme Stimme in ihrem Ohr. Langsam entspannte sie sich und schaffte es sogar ihn offen anzulächeln.

„Wo wollen Sie denn hin?"

„Ich wohne in Appleton."

„Oh, da haben Sie aber noch einen weiten Weg vor sich. Und das mit dem kaputten Rad?"

„Das macht nichts… Könnten Sie mir sagen, wo ich lang muss?"

Dorothy hörte seine flehende Stimme. Entschieden straffte sie ihre Schultern und begann zu erklären: „Sie fahren hier die Straße runter, dann stoßen sie auf die Mason Street. Dort biegen Sie nach rechts…" Überlegend stockte sie und fuhr anscheinend den Weg im Kopf entlang. „An der Straße finden Sie Bushaltestellen. Oder Sie müssen der Straße immer geradeaus folgen, über den Fox River und dann nach links abbiegen… Ab der Madison finden Sie auch Schilder, die Ihnen den Weg weisen."

„Vielen Dank!" Seine Stimme war plötzlich nahe an ihrem Ohr. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie er um das Fahrrad herumgegangen war. Panik ergriff sie. Irgendetwas stimmte mit diesem Typen nicht.

Ein Schmerz durchfuhr ihren Körper. Zu sagen von wo er genau kam, schien unmöglich. Im nächsten Moment wurde ihr schwarz vor Augen und sie fiel in sich zusammen.

Um größeren Lärm zu vermeidend fing der Mann sie auf und ließ ihren Körper, die nähere Umgebung nervös im Auge behaltend, langsam zu Boden gleiten.

„Direktor Strauss", überrascht zog Hotchner seine Augenbrauen zusammen, erhob sich aber höflich von seinem Stuhl und trat ihr entgegen. Das Team hatte sich zusammengefunden und saß im Konferenzraum. Sie warteten auf JJ, die sie über den nächsten Fall informieren wollte.

Bevor Erin Strauss auch nur ein Wort sagen konnte, hatte sich die Atmosphäre im Raum verdunkelt. Frank hatte das Gefühl, wenn sie jetzt zu tief einatmete, würde die Luft explodieren. Sie ließ ihren Blick von einem Kollegen zum nächsten schweifen. Alle schienen auf einmal ernst und steif.

Wer war diese Frau, dass sie so eine Reaktion im Team hervorrufen konnte?!

„Agent Hotchner, es ist schön, Sie und ihr Team, wieder zu sehen." Ein leichtes Lächeln glitt über die Gesichtszüge der fremden Frau.

Hotchner erwiderte den Händedruck zur Begrüßung. Hinter Strauss erschien JJ in der Tür. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und er ahnte, dass dieser Besuch nichts Gutes bedeuten konnte.

„Wie geht es Ihnen?" Versuchte er die Stimmung im Raum zu heben.

„Die Arbeit bereichert mich… Und denken Sie nicht", sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten, „ich wüsste nicht, dass hier alle froh waren, als man meinem Versetzungsgesuch zustimmte."

„Erin", Rossi erhob seine raue Stimme, „das kommt Ihnen nur so vor. Wir freuen uns wirklich sie wiederzusehen."

„David", Strauss legte leicht ihre Hand auf seine Schulter, „Sie haben sich noch immer nicht geändert."

„So ein alter Bär wie ich ändert sich nicht mehr."

Strauss ging weiter um den runden Tisch herum und setzte sich auf Hotchners Stuhl.

Währenddessen hatten Hotchner und JJ einen kurzen Blick austauschen können. Zusammen mit ihrem Gesichtsausdruck konnte es sich nur um eine böse Überraschung handeln. Was konnte passiert sein? JJ erschien ihm ratlos. Ergeben trat sie an den Tisch, setzte sich einfach neben Prentiss und wartete ab.

„Agent Hotchner, wenn Sie sich setzten würden, könnte Agent Jarreau beginnen." Hotchner warf noch einen erstaunten Blick auf JJ, setzte sich dann aber langsam in Bewegung und ließ sich auf den letzten freien Stuhl am Tisch neben Strauss nieder. Diese nickte JJ auffordernd zu und lehnte sich entspannt zurück.

„Okay JJ, du kannst starten." Hotchner lächelte die erfahrende Kollegin aufmunternd an. Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann begann JJ:

„Gut. Die Polizei aus Green Bay in Wisconsin hat uns um Hilfe gebeten. Sie haben einen Serienmörder in ihrer Stadt."

Hotchners Gesicht wurde noch düsterer. Dieses war nicht der Fall, den er mit JJ zuvor besprochen hatte!

„Die örtliche Polizei steht vor einem Rätsel. Das einzige, was sie mit Bestimmtheit sagen können, ist, dass er immer an einem Dienstagabend, beziehungsweise in der Nacht zum Mittwoch zuschlägt."

„Vielleicht ist er ja ständig unterwegs und sucht sich in anderen Staaten weitere Opfer. Wir haben schon öfter über Grenzen hinweg gesucht." Morgan warf seinen ersten Gedanken einfach in den Raum. „Garcia, du solltest die Nachbarstaaten checken."

„Geht klar." Die technische Analystin hatte sich beim Eintreten von Strauss versteift und machte sich jetzt eifrig Notizen auf ihren Block.

„Nimm auch Kanada mit auf. Wenn er über den Lake Michigan kommt, könnte er sich auch über die Staatsgrenze hinweg bewegen." Garcia nickte verstehend zu den Worten ihres Chefs und fügte die Information ihren Notizen bei.

JJ nahm unterdessen den Faden für ihre Ausführungen wieder auf. „Er nimmt immer etwas Persönliches von seinen Opfern mit. Eine Krawattennadel, die Armbanduhr."

„Also gehen wir hier von Raubmorden aus?" Prentiss sah JJ über den Tisch hinweg fragend an.

„Nein." Diese schüttelte entschieden ihren Kopf. „Zuletzt nahm er einen Schlüsselanhänger und sogar Schuhe mit. Die Wertsachen ließ er einfach auf der Straße liegen."

„Damit sichert sich unser UnSub seine Trophäen. Nicht gerade originelle, aber für ihn haben sie eine Bedeutung." Rossi schien der Fall klar. Er hatte sich gemütlich zurückgelehnt und hörte entspannt zu.

Reid wandte jedoch ein: „Seltsam ist nur, dass er immer verschiedene Sachen mitnimmt. Normalerweise nehmen sie den gleichen Gegenstand… Es ist für sie eine Lebensaufgabe gerade dieses eine Stück zu ergattern."

„Leider behält er die Gegenstände nicht als Andenken." JJ schienen die nächsten Worte nicht gerade leicht zu fallen. Sie ließ ihren Blick einmal über die Runde gleiten. Erin Strauss rutschte auf ihrem Stuhl etwas vor. Der Rest des Teams wartete gespannt auf JJ's nächste Worte. Jetzt musste die Bombe platzen. „Er hinterlässt die Gegenstände bei seinen nächsten Opfern."

Hotchner hatte schon etwas Derartiges vermutet. Trotzdem stockte ihm der Atem und eine gewaltige Hitze durchströmte ihn in Sekundenschnelle. Abrupt stand er auf und entfernte sich einige Schritte vom Tisch. Leicht fuhr er mit der Hand über seinen Bauch, die Rippen. Wie glühendes Eisen meinte er die Narben durch das Oberhemd zu spüren.

Es konnte nicht sein. Er hatte ihn selbst getötet. Mit seinen eigenen Händen!

Die Teammitglieder, mit Ausnahme von Agent Frank hatten sofort das Verhalten ihres Chefs verstanden. Es gab nur Einen, der ihnen bisher die Hölle auf Erden beschert hatte. Doch Morgan wollte das Schreckgespenst gar nicht erst in die Köpfe seiner Kollegen eindringen lassen: „Leute, der Reaper ist tot. Es kann höchstens ein Nachahmungstäter sein. Der Fall ging damals durch die Presse. Und jeder Häftling kennt seine Taten. Er ist für sie ein Held. Keiner hat das FBI so lange an der Nase herumgeführt wie der Reaper."

Die Worte schienen an alle Personen im Raum gerichtet zu sein, doch Morgans Blick war alleine auf Hotchner gerichtet. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Und besonders Strauss achtete auf jede Regung im Raum.

Hotchner versuchte seine Gedanken zu sortieren. Als er sich zurück in den Raum drehte, hatte er sich wieder gefasst. „Wir sollten herausfinden, mit wem Foyet im Gefängnis Kontakt hatte…" Sein Blick streifte Garcia, deren Stift bereits eifrig über das Papier flitzte. Dann fuhr er fort: „Vielleicht sucht unser UnSub seine Opfer aber auch nach einem ganz bestimmten Muster aus. Wir sollten alles überprüfen und an diesen Fall so herangehen, wie an jeden Anderen auch."

„Agent Hotchner, entschuldigen Sie, wenn ich Sie einfach unterbreche." Strauss sah zum Teamleiter hoch. „Aber fühlen Sie sich wirklich dazu in der Lage, gerade diesen Fall zu übernehmen?"

„Ja…. Es ist ein Fall, wie jeder Andere auch."

„Sind Sie sicher? Ich würde ihn nicht so bezeichnen."

„Dann übergeben Sie Morgan die Leitung… Aber ich werde mich nicht heraushalten." Hotchner hatte sich, während er seine Stimme erhob, auf den Tisch abgestützt und sah Strauss feste in die Augen. „Denn wenn der UnSub versucht ihn wirklich zu imitieren, dann weiß keiner so gut wie ich, was er als nächstes vorhat."

„Okay. Einverstanden!" Strauss erwiderte den ernsten Blick. Kurz und knapp wandte sie sich dann an die Teammitglieder: „Agent Morgan, ich übertrage Ihnen hiermit für diesen Fall die Leitung." Sie stand auf und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um: „Dann sehen Sie zu, dass Sie diesen Fall zu einem guten Ende bringen."

Damit verschwand sie und es herrschte Stille im Raum.

„Kann Sie das noch? Sie ist doch gar nicht mehr für unsere Abteilung zuständig." Morgan war aufgestanden und an das Panoramafenster getreten. Durch die geöffneten Jalousien beobachtete er Erin Strauss, wie sie das Großraumbüro durchschritt und durch die doppelte Glastür verschwand.

„Sie kann! Direktor Sanders ist für einige Tage zu einem Kongress gefahren und sein direkter Vertreter ist krank." Hotchner fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. „Es hilft nichts, wir müssen los."

„Aber wieso…?"

„Reid, keine Diskussionen. Diese Situation hatten wir doch schon einmal vor zwei Jahren. Das Team funktioniert, egal wer das Sagen hat."

Prentiss und JJ nickten zustimmend. Waren aber zu verwirrt, um sich in das Gespräch einzumischen.

„Auf geht's Leute…" Morgan drehte sich in den Raum und löste damit die Versammlung auf. „Schnappt eure Sachen. In einer halben Stunde ist Abflug."

Julius Langbehn:

„Früchte reifen durch die Sonne, Menschen reifen durch die Liebe."

Die Sonne stand schon seit mindestens drei Stunden am Himmel, als die Anwohner in dem kleinen Vorort von mehreren Polizeisirenen aus dem Schlaf gerissen wurden.

Neugierige Gesichter erschienen überall hinter den Fensterscheiben der Häuser. Einige Anwohner ließen es sich nicht nehmen, während sie gemächlich die Zeitung aus ihren Vorgärten holten, die Geschehnisse in ihrer Straße zu verfolgten.

Die Polizeiwagen hielten vor einem kleinen Wäldchen in Mitten des Straßenverlaufes. Die uniformierten Polizisten stiegen aus und warteten auf weitere Befehle. Zwei Männer trennten sich von ihnen und gingen auf einen älteren Herrn zu, der sich schon von weitem bemerkbar gemacht hatte.

„Sheriff Bennet. Haben Sie uns gerufen?" Der Uniformierte hielt dem Mann seine Hand zur Begrüßung hin.

„Ja Sheriff. Ich bin Benjamin Walker. Mein Hund Slider hat sie dort vorne im Gebüsch gefunden." Man merkte ihm den Schock noch sichtlich an.

Der Sheriff wandte sich zu seinen Kollegen um und gab ihnen ein Zeichen in Richtung Wäldchen: „Okay Leute, sperrt die Umgebung ab." Dann erst bündelte er seine Aufmerksamkeit voll auf den Zeugen und zog einen kleinen Notizblock hervor.

„Mr. Walker, wohnen Sie hier in der Straße?"

„Nein, dort vorne in der Nebenstraße."

„Haben Sie heute Nacht oder in den letzten Tagen irgendetwas Besonderes gehört oder gesehen auf der Straße?"

„Nein Sir, tut mir leid."

Marc Bennet ging in die Knie und lockte den kleinen Terrier zu sich. Sofort kam dieser auch neugierig angesprungen. Er streichelte ihm über das warme Fell und lobte ihn.

„Gehen Sie jeden Tag die gleiche Strecke mit Slider?"

„Morgens schon. Es ist dann noch einigermaßen kühl hier. Später gehen wir lieber an den East River."

„Also gestern auch?"

„Ja Sheriff."

„Und gestern hat Slider hier nicht angeschlagen?"

„Nein."

„Gut, also muss die Tat in den vergangenen 24 Stunden geschehen sein." Sheriff Bennet erhob sich wieder.

„Kannten Sie das Opfer? Haben Sie sie schon mal gesehen?"

Stumm nickte der Mann und deutete auf eines der Häuser in der Straße.

„Sie wohnt bei Mrs. Robbins. Sie hat eine kleine Pension und nimmt hauptsächlich Studentinnen auf… Aber den Namen von dem Mädchen kenne ich nicht."

„Das ist nicht weiter schlimm. Haben sie vielen Dank Mr. Bennet, Sie haben uns schon sehr geholfen. Wenn wir noch weitere Fragen haben sollten, melden wir uns bei Ihnen."

„Dann will ich mal weiter. Slider braucht seine Bewegung."

„Machen Sie das… Versuchen Sie abzuschalten und die Bilder nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen."

Der ältere Herr hatte sich schon mit seinem Hund in Bewegung gesetzt und nickte nur noch zu den Worten des Sheriffs.

Morgan nahm eine Bewegung im Flugzeug wahr und sah hoch. „JJ, haben wir auch schon etwas über die genaue Vorgehensweise des Täters?"

„Ja, ich habe die Polizeiberichte noch kurz vorm Abflug ausgedruckt." JJ ließ sich in den Sitz ihm gegenüber nieder und legte eine Mappe vor ihn auf den Tisch. „Außerdem hat sich Sheriff Bennet gerade gemeldet. Sie haben die nächste Leiche einer jungen Studentin gefunden."

„Heute ist aber erst Dienstag. Ist es gewiss, dass es derselbe Täter ist?" Prentiss hoffte innerlich, das er es nicht war.

„Sheriff Bennet meinte es wäre derselbe. Den Beweis wird er uns wohl vor Ort liefern."

„Sie müssen ja nur den Gegenstand gefunden haben, den der UnSub zurückgelassen hat… Dafür nimmt er die Gegenstände ja mit. Die Taten sollen ihm angerechnet werden." Frank hatte dem Gespräch immer erstaunter gelauscht. Nach Hotchners Aussage kam ihr nur noch eins in den Sinn: „Das bedeutet aber doch, dass er mit seinem Tod am Ende rechnet, oder?! Er wird sich doch ausrechnen können, wie lange er für jeden einzelnen Mord sitzen muss."

Hotchner nickte ihr kaum merklich bestätigend zu.

„Es wurde Zeit, dass sie uns gerufen haben. Er erhöht bereits sein Tempo. Wir müssen ihn so schnell als möglich finden."

„Richtig", bestätigte Morgan Rossis Worte: „Jeder nimmt sich einen Bericht vor", er zog die Zettel aus der Mappe und verteilte sie, „dann können wir gleich zusammentragen, was wir für Gemeinsamkeiten, beziehungsweise für Abweichungen, haben."

Morgan wandte sich an Hotchner: „Hast du einen Moment?" Mit dem Kopf deutete er in Richtung Bordküche.

„Sicher." Kam die kurze Antwort und Hotchner folgte Morgan in den hinteren Teil der Maschine.

„Es wird sich nichts ändern Hotch." Morgan begann das Gespräch sobald sie außer Hörweite der Kollegen waren. „Aber ich finde Strauss übertreibt."

„Lass gut sein. Wir haben schon monatelang so gearbeitet. Ich habe kein Problem damit." Hotchner versuchte ein Lächeln, aber Morgan sah sofort, dass es nicht echt war. „So kann ich mich wenigstens mehr um Jack kümmern. Bei diesem Fall können wir uns die Schreibarbeit hinterher nicht teilen."

„Du versuchst dem Ganzen etwas Gutes abzugewinnen, oder?!"

„Derek, was soll ich machen? Strauss sitzt am längeren Hebel. Das war damals schon so und das hat sich mit ihrem neuen Job nicht verändert… Außer, wenn ich damals die Stelle des Section Chiefs angenommen hätte. Das Team wäre durch diese Umstrukturierung einmal in Unruhe geraten und heute könntet ihr…"

„Ach was, die stecken das alle schnell weg. Sie wissen, dass du beim nächsten Fall wieder die Leitung übernimmst." Morgan schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Und du weißt, dass wir dich nie hätten gehen lassen… Und wenn du den Job doch angenommen hättest, hätten wir dich spätestens in diesem Fall mit einbezogen."

Entspannt lächelten sie sich an.

„Danke…" Morgan wollte schon zurück in den Fluggastraum treten, als Hotchner ihn am Arm zurückhielt. „Warte… Ich habe doch jetzt mehr Zeit. Ich werde mich verstärkt um Frank kümmern. So kann ich mir am schnellsten ein Bild von ihr machen."

„Gut… siehst du, es hat auch gute Seiten. Vielleicht sollte es einfach so sein."

Das Team hatte sich unterdessen mit den Berichten befasst. Aber ihre Aufmerksamkeit war mehr auf den hinteren Teil des Flugzeuges gerichtet, als auf die Texte.

Als nun Hotchner und Morgan befreit lachend hinter dem Vorhang hervortraten, taten sie beschäftigt. Nur Rossi sah ihnen entspannt entgegen.

„Was haben wir?" Morgan stützte sich auf die Lehne der Sitze und wartete. Hotchner legte ihm kurz seine Hand auf die Schulter, während er sich an ihm vorbei schob und sich in die Runde der Ermittler setzte.

„Vielleicht sollte ich meine Ausfertigung erst noch zu Ende bringen." JJ, die auf dem Sitz saß, hinter dem Morgan stand, sah zu ihm hoch. Dieser nickte ihr auffordernd zu.

„Es ist leider eben völlig untergegangen, aber es gibt einen Unterschied zum Reaper. Er schlägt zwar auch ausschließlich auf der Straße zu, aber er nimmt nur Fußgänger und Radfahrer. Das heißt bis auf das letzte… entschuldigt, vorletzte Opfer. Hier hat er sich zum ersten Mal an ein Auto herangewagt… Der Reaper hingegen hat zuletzt sogar einen gut besetzten Bus überwältigt." JJ warf einen Blick auf ihre Notizen. „Und es waren bisher auch nur einzelne Opfer, keine Pärchen."

„Ein Nachahmungstäter." Hotchner war sich ganz sicher. „Dem Reaper hat es fasziniert zu sehen wie der Partner leidet, während er langsam den Anderen folterte und tötete."

„Außer er kann nicht mehr zwei Opfer in Schacht halten." Wandte Prentiss ein, bereute ihre Aussage aber sofort.

„Moment… Ich wollte es euch eigentlich nie sagen, aber irgendwie habe ich damals wohl geahnt, dass es eines Tages einen Nachahmungstäter geben könnte." Rossi hatte die Aufmerksamkeit seiner Kollegen. „Foyet wurde verbrannt. Ich war dabei und habe mich davon überzeugt, dass es wirklich seine Leiche war. Es ist definitiv nicht der echte Reaper!"

Stille legte sich sekundenlang über den Fluggastraum.

„Gut, dann wäre dieses Thema ja endlich geklärt." Morgan wechselte mit Rossi einen zufriedenen Blick. „Also lasst uns unseren UnSub einkreisen… Was wissen wir bisher."

„Die Opferwahl ist rein vom Äußeren nicht gleich. Wir haben mit dem neuen Opfer zwei Frauen und drei Männer im Alter zwischen 23 und 64 Jahren." Begann Prentiss und JJ fuhr fort: „Die eine ist Witwe, dann haben wir zwei Familienväter und einen Single. Das neue Opfer soll Studentin sein. Das einzige was sie verbindet, ist das sie ausschließlich Weiße sind."

Garcia erschien auf dem Bildschirm: „Entschuldigt, wenn ich euch unterbreche. Ich habe mich mit Foyet beschäftigt. Er war nur einen Tag in Einzelhaft, nachdem wir ihn das erst Mal gefasst hatten. Da hatte er nur Kontakt zu den Wärtern."

„Und du hast sie alle schon überprüft!?"

„Sicher doch, Chef!" Morgan schenkte ihr eine Grimasse durch die Webcam. „Alle haben ein Alibi. Sie hatten Dienst oder sind in andere Staaten gezogen. Es gibt keine Flugtickets oder Bankverbindungen, die sie mit der Gegend um Green Bay in Verbindung bringen würde."

„Gute Arbeit Garcia… Du könntest als nächstes schon einmal Informationen über die Opfer ausgraben."

„Ist gut, bis dann." Schwups war die blonde Frau wieder vom Bildschirm verschwunden.

„Dann fahre ich mit Prentiss, Rossi und JJ zum Tatort." Morgan begann das Team in Gruppen einzuteilen.

„Ich versuche die Wege der einzelnen Opfer nach zu vollziehen. Vielleicht schneiden sie sich ja in irgendeinem Punkt."

„Gut, dann werden dich Hotch und Frank ins Revier begleiten. Ihr beginnt schon mit der Victimologie unserer Opfer."

Sie machten sich fertig zur Landung. Spannung legte sich über den Fluggastraum. Sobald sie aus diesem Flugzeug ausstiegen, begann wieder die Suche nach einem neuen kranken Menschen.

Die Fundstelle der jungen Frau war mit gelbem Absperrband der Polizei vor Schaulustigen gesichert.

Viele Anwohner standen in Grüppchen zusammen und unterhielten sich fassungslos über den Vorfall in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. War man den nun nicht mal mehr in seinem eigenen kleinen Viertel sicher? Man wohnte doch in keiner Millionenstadt, wo Kriminalität zum Alltag gehörte. Dieser schreckliche Kerl musste doch endlich zu fassen sein!

Ein schwarzer SUV hielt vor der Absperrung und Morgan, Rossi, JJ und Prentiss stiegen aus. Augenblicklich nahmen sie die vielen Augenpaare war, die sie interessiert, teilweise erleichtert anstarrten.

„Er macht den Menschen Angst." Prentiss ließ ihren Blick über die Leute schweifen. Auch die Anderen hatten die Umgebung in Augenschein genommen und Rossi ergänzte: „Das ist kein Wunder. Wer würde sich nicht ängstigen, wenn man von einen Tag zum Nächsten nicht mehr ohne Gefahr auf die Straße gehen kann."

„Man hat Angst um seine Lieben und möchte die Kinder möglichst gar nicht mehr alleine hinaus lassen. Selbst tagsüber nicht." Die Kollegen konnten, obwohl sie keine eigenen Kinder hatten, JJ's Worte nachvollziehen.

Sie schlüpften unter der Absperrung hindurch und gingen auf den Sheriff der Stadt zu. Auch den Polizisten war ihre Ankunft nicht entgangen und gespannt sahen sie ihnen entgegen. Sheriff Bennet kam auf die Agents zu und begrüßte jeden per Handschlag, während Morgan sich und die Kollegen vorstellte.

„Sheriff Marc Bennet." Stellte sich der befehlshabende Mann vor. „Ehrlich gesagt, habe ich mit mehr Leuten vom FBI gerechnet."

„Unsere Kollegen sind schon vorgefahren ins Revier. Sie werden sie später kennenlernen, Sheriff Bennet." Morgan schaute über dessen Schulter zum Tatort. „Was können Sie uns schon über den Tathergang sagen?"

„Ein einzelner gezielter Schnitt. Den Blutspuren nach, hat er ihr dort auf dem Gehweg die Kehle durchgeschnitten und sie dann in dem kleinen Wäldchen des Meyer Parks niedergelegt." Sie machten sich auf den Weg zum Fundort der Leiche. „Wir haben den Leichnam noch nicht abtransportiert, wir wollten auf Sie warten. Nach der bisherigen Schätzung des Arztes soll ihr Tod etwa zwischen halb elf und halb eins heute Morgen eingetreten sein."

Morgan entfernte sich einige Schritte von der Gruppe und hockte sich zu der Blutspur nieder. Die Tropfen schienen sich in einem gleichmäßigen Rhythmus über den Rasen zu verteilen.

„Wie groß und schwer ist das Opfer Sheriff?" Morgan stand wieder auf und verfolgte die Spur zurück zur Straße.

„Ich würde Dorothy McPherson auf gute 1,60m und 55 Kilo schätzen." Gespannt behielt der Sheriff Morgan im Auge.

„Dann müsste der Täter mindestens 1,75m groß sein, um sie tragen zu können."

„Es sei denn, er macht Kraftsport", wandte Prentiss ein.

Rossi ergänzte: „Wir müssen uns erst noch die anderen Opfer und die Tathergänge genauer ansehen, bevor wir uns da festlegen können."

Morgan war am Gehweg angekommen und besah sich den Blutfleck des Opfers. Er versetzte sich in den Täter und versuchte den Tathergang nachzustellen.

„Ich stehe hier und habe meine Tat vollbracht. Ich lasse mein Opfer auf den Boden fallen, warum? Sie liegt einige Zeit zu meinen Füßen. Ich muss aufpassen, dass ich keine Spuren in dem Blut hinterlasse. Will ich schon gehen oder habe ich die Hände nicht frei? ... Egal, ich nehme mein Opfer auf und bringe sie in den Park… Irgendetwas passt nicht…" Morgan kam wieder zurück zu seinen Kollegen und gemeinsam folgten sie dem Sheriff ins Wäldchen.

Als Hotchner, Reid und Frank das Polizeirevier betraten schien auch hier ein allgemeines Durchatmen durch die Belegschaft zu gehen. Sie konnten merklich spüren, wie sich die Stimmung der Menschen hob. Anscheinend war man froh, endlich Hilfe bei diesen Morden zu bekommen.

Kurz vor der Landung hatte Morgan Frank die Anweisung gegeben, sich während des Falls an Hotchner zu halten. Zusammen sollten sie sich um die Victimologie der Opfer kümmern und versuchen durch Gemeinsamkeiten ein Bild des Täters zu erstellen.

So setzten sie sich an einen der Schreibtische in dem Bereich des Revieres, der ihnen zugewiesen worden war und versuchten alles über die Opfer herauszubekommen und miteinander zu vergleichen.

Hotchner zeigte Frank, wie sie an die Erstellung der Profile am besten heranging. Auf welche Bereiche sie sich besonders konzentrieren sollte und wie sie die Informationen, die sie mit Garcias Hilfe aus dem Internet holten, auswerten konnte. Frank war mit Feuereifer dabei und Hotchner stellte feste das sie schnell die Art und Weise begriff und die Zusammenhänge erkannte.

Schon lange hatte er sich nicht mehr mit so viel Spaß an diese Aufgabe gemacht. Es war nicht einfach, die persönlichsten Geheimnisse eines Menschen auszugraben und zu verstehen. Oft stießen sie an ihre Grenzen. Doch er konnte kein Mitglied des Teams von dieser Aufgabe ausschließen. Sie konnten diese schwierigen Aufgaben nur immer wieder neu verteilen.

Frank stellte aber auch ihrerseits einiges an der Vorgehensweise in Frage. Sie diskutierten über mögliche Änderungen und Verbesserungen, verloren dabei ihr Ziel, die Opferfrage, aber nicht aus den Augen.

Unterdessen erbat sich Reid von den Angestellten eine Übersichtskarte der Gegend, um etwas über die Tatorte, die letzten Bewegungen der Opfer und ihre Gemeinsamkeiten herauszufinden.

Neben der Karte hatte er die Fotos der Opfer in chronologischer Reihenfolge geheftet, sie mit Namen und Daten versehen.

Tief in seiner Gedankenwelt verschwunden versuchte er das Suchgebiet des möglichen Täters einzuengen. Er spielte alle Möglichkeiten der Tathergänge die ihm in den Sinn kamen durch, um sie mit der Karte zu vergleichen.

„Sie wurde drapiert." Rossi trat nahe an die Leiche heran. „Die Hände auf der Brust gefaltet, eine Margerite in den zusammengelegten Händen. Wahrscheinlich aus der näheren Umgebung."

Prentiss sah sich in dem Wäldchen um: „Dort stehen Margeriten. Bei diesem Erdboden sollte er irgendwo eine Spur hinterlassen haben." Sie schaute einen Deputy an, der mit der Aufnahme des Tatortes beschäftigt war. „Wir haben nichts gefunden, nicht mal den Schuhabdruck eines Kindes… "

„Das haben wir schon geklärt. Der Park ist gestern erst gesäubert worden." Sheriff Bennet mischte sich ein. „Wahrscheinlich purer Zufall."

„Aber sollten wir doch noch Spuren finden, könnten wir also davon ausgehen, dass sie von unserem Täter sind."

„Richtig Agent Prentiss, das wird wohl so sein." Prentiss erwiderte das Lächeln des Sheriffs. Der Mann musste ein gutes Namensgedächtnis haben.

„Die einzige Spur, die wir gefunden haben, ist von einem Fahrrad. Sie führen direkt dort vorne zwischen den Bäumen durch bis zur Straße." Der Deputy wies auf die Bäume vor ihnen.

Morgan war sofort aufmerksam geworden. Er ging auf die Stelle zu, auf die der Deputy gewiesen hatte. „Von hieraus sehe ich die größere Straße einige Blocks weiter…" Er schwieg einen Moment und kam dann zurück. „Unser UnSub könnte auch kleiner sein. Er hat das Opfer mit dem Fahrrad hierhin transportiert. Das würde auch die gleichmäßige Blutspur erklären. Wahrscheinlich finden wir parallel dazu noch die Eindrücke der Reifen."

„Männer… kümmert euch bitte darum." Einer der Deputys sah den Sheriff aufmerksam an, als dieser auf die Reifenspuren und die Blutspur wies.

„Ja Sir."

Rossi hatte sich unterdessen zu Dorothy hinuntergehockt und sah sich den Messerschnitt an. „Unser UnSub hat sie von hinten gepackt. Und nach dem Verlauf des Schnittes zu urteilen, haben wir es mit einem Rechtshänder zu tun, der größer als unser Opfer war. Der Schnitt ist ohne Zögern durchgeführt worden. Nach den Berichten waren die Ersten etwas zögerlich, er hat beim Ersten sogar abgesetzt. Er perfektioniert sich."

„Aber doch scheint er diesmal Reue zu empfinden." Morgan wandte sich an Bennet. „Nach den Fotos, die Sie uns geschickt haben, wurden die anderen Opfer nicht so hingelegt?!"

„Nein, überhaupt nicht. Sie lagen so, wie sie gefallen waren."

„Was ist dann an Dorothy anders?" Rossi schaute über die Leiche hinweg zu Morgan hoch.

„Was hat er zurückgelassen, das sie eindeutig dem letzten Opfer zuschreiben können?" JJ erinnerte an eine der wichtigsten Fragen in diesem Fall.

„Den kleinen Schlüsselanhänger", erklärte Sheriff Bennet. Er nahm eine Beweismitteltüte hoch und reichte sie an JJ weiter. „Er hat ihn ihr unter die gefalteten Hände gelegt. Daher wussten wir auch sofort, dass wir diesen Mord auch unserem Täter zuschreiben konnten. Alan Kaplan war mit seinem Wagen unterwegs, einem Lincoln. Sein Schlüsselbund fehlte."

„Das ist das Logo des Lincoln", bestätigte JJ die Vermutung des Sheriffs.

„Wir haben es noch nicht überprüft, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Schlüssel zu seinem Wagen passt."

„Was ist das hier?" JJ hatte sich den Inhalt der Tüte genauer angesehen. „Eine Krawattennadel?"

„Sie war an dem Anhänger befestigt. Wir hoffen, dass sie ebenfalls Mr. Kaplan gehörte und nicht einem weiteren Opfer."

„Das würde nicht zu seinem Schema passen", wandte Morgan ein. „Jemand muss mit Mrs. Kaplan reden. Vielleicht erkennt sie die Nadel wieder."

„Pat, wenn ihr hier fertig seid, fahrt ihr bitte bei ihr vorbei und zeigt ihr die Krawattennadel." Der Sheriff sprach einen der Deputys persönlich an.

„Geht klar Sir."

„Gut, dann lasst uns herausfinden was er mitgenommen hat! Was fehlt bei ihr?" Morgan beugte sich über das Opfer.

„Keine weißen Spuren an Fingern, Handgelenken oder am Hals. Also kein Schmuck." Rossi hatte sich einen Latexhandschuh übergezogen und vorsichtig die Leiche untersucht.

„Die Schuhe sind noch da. Pullover, Jeans… Er wird sie ja nicht ausgezogen haben, oder?"

Rossi schüttelte seinen Kopf zu JJ's Worten. „Nein, dann wären ihre Sachen blutverschmierter."

Prentiss Gedanken hatten sich die ganze Zeit um Sheriff Bennet gedreht, erst jetzt schaltete sie sich wieder aktiv in die Ermittlungen ein. „Und so viel Zeit hatte er auch nicht. Zu dieser Uhrzeit musste er bei dem schönen Wetter immer noch mit vereinzelten Menschen rechnen. Zumal ihm diese Gegend wahrscheinlich unbekannt ist."

„Wir hätten Hotch mit hierher nehmen sollen. Er kennt ihn am besten. Ihm wäre wahrscheinlich sofort aufgefallen, was fehlt."

„Ich nehme an, dass Hotch ist ein Kollege von ihnen ist?!" Der Sheriff sah Morgan an. „Aber wen kennt er besser?"

„Es ist ein Vergleich mit einem anderen Serienmörder. Wenn wir nicht genau wüssten, dass er seit zwei Jahren tot ist, könnte man ihm im ersten Moment diese Taten zuordnen. Natürlich gibt es beim näheren Hinsehen Abweichungen."

„Die Pathologie ist gleich im Nachbargebäude vom Revier. Vielleicht könnte ihr Kollege mal hinübergehen und sich dort Dorothy McPherson ansehen."

„Das macht er bestimmt… Seine Trophäe kann uns eventuell auch einen Hinweis auf das nächste Opfer oder den nächsten Tatort geben."

„Und was ist, wenn er sich hier doch auskennt?" JJ brachte die Kollegen wieder zurück zum Täter.

„Dann würde er sich normalerweise auf einige wenige Gebiete beschränken. Er hat bisher immer in verschiedenen Teilen der Stadt zugeschlagen, einmal sogar in einem Nachbarort." Wandte Prentiss ein. Doch JJ spann ihren Gedanken weiter: „Außer er benutzt die Woche, um sein nächstes Opfer zu finden und auszuspionieren."

„Ich denke er agiert spontan." Mischte sich Rossi ein und erhob sich. „Nach den Tathergängen muss er schnell und ohne große Vorplanung vorgegangen sein. Was bedeutet: Er kann sich nicht eine ganze Woche zurückhalten, um genau an dem einen Tag zuzuschlagen."

„Er wird sie eventuell eine Zeit lang verfolgen, aber dann unweigerlich zuschlagen." Stimmt Morgan seinem Kollegen zu.

„Was ist mit einer Tasche? Vielleicht fehlt etwas von ihrem Inhalt!" JJ sah zum Sheriff. Dieser schüttelte nur den Kopf. „Die Papiere sind da, Geld, Schlüssel."

„Darf ich mal einen Blick hineinwerfen? Ich weiß wahrscheinlich eher, was eine Frau alles in ihrer Tasche aufbewahrt." Prentiss schaute vom Sheriff zum Deputy und zurück. Bennet gab seinem Kollegen ein Zeichen, der das Beweismittel aus einer Plastiktüte zog und sie Prentiss hinhielt. Diese zog ein Paar Latexhandschuhe aus ihrer Kostümjacke und nahm die beigefarbene Stofftasche entgegen. Vorsichtig durchwühlte sie den Inhalt.

Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als Prentiss, JJ, Rossi und Morgan mit Sheriff Bennet das Polizeirevier betraten. Ihnen schalte das Durcheinander vieler leiser Stimmen und lautes Gelächter entgegen. Überrascht fanden sie ihre drei Kollegen lachend um einen Tisch sitzend vor.

„Ich habe Hotch noch nie so befreit lachen gehört? Und das während so wichtiger Arbeit?" Prentiss wechselte einen verständnislosen Blick mit JJ. Diese zog nur kurz ihre Schultern hoch, sagte aber nichts und folgte den anderen Beiden in den Raum.

Das Gemurmel in der Polizeiwache verstummte binnen Sekunden. Während die FBI-Agents ihre nahenden Kollegen noch gar nicht wahrgenommen hatten und Reid munter weiter redete, wandten sich die örtlichen Polizisten neugierig den Leuten zu, die mit ihrem Chef zusammen die Diensträume betraten. Erst jetzt bemerkte Reid die Bewegungen an der Tür und sah auf. Entschlossen brachte er seine Ausführung zu Ende, bevor er seine Kollegen begrüßte: „Hey Leute!"

Hotchner und Frank sahen erschrocken auf. Sie waren so sehr in das Gespräch vertieft gewesen, dass sie alles um sich herum ausgeblendet hatten.

„Darf ich Ihnen das restliche Team vorstellen Sheriff: Doktor Reid und die Agents Frank und Hotchner. Das ist Sheriff Bennet, der Leiter des Reviers."

„Sheriff", Hotchner fasste sich schnell, erhob sich und erwiderte den warmen Händedruck. „Die Morde sind aber nicht alle in Ihrem Bezirk passiert?!"

„Nein, nur der Letzte. Aber da ich mich so dafür eingesetzt habe, dass man Sie rief, soll ich mich nun auch um Sie kümmern."

Hotchner konnte nur Wärme in den Augen ihm gegenüber lesen, keine abwehrende Haltung, sondern Achtung vor ihrer Arbeit.

„Wir helfen gerne." Hotchners Blick wechselte zu seinen Kollegen. Auch wenn er jetzt ernster war, behielt sein Gesicht doch die entspannten Züge und die leuchtenden Augen.

„Wir sollten für heute Schluss machen. Morgen fassen wir dann unsere bisherigen Kenntnisse zusammen." Morgan ließ, während er sprach, seinen Blick durch das Polizeirevier schweifen und wandte sich anschließend an Hotchner und Frank. „Wie weit seit ihr mit der Victimologie?"

„Wir sind gut vorangekommen." Antwortet Hotchner kurz.

„Gut, dann machen wir uns Morgen als erstes alle darüber her. Wir sollten uns auch die anderen Tatorte noch ansehen und mit der Vermieterin von Dorothy McPherson sprechen. Eventuell lässt sie uns einen Blick in ihr Zimmer werfen… Schauen wir, wie weit wir kommen. Vielleicht können wir uns abends schon ein erstes Bild von dem Typen machen."

„Habt ihr herausgefunden was unser UnSub mitgenommen hat?"

„Nein, leider nicht." Morgan sah Reid direkt an.

„Vielleicht könnten Sie einen Blick auf die Leiche werfen Agent Hotchner. Ihre Kollegen sagten, sie hätten ein Gespür dafür." Überrascht sah Hotchner den Sheriff an. „Klar, kann ich machen. Wo ist sie?"

„Im Nebengebäude."

„Gut, gehen wir hinüber." Dabei wandte er sich an Frank und forderte sie mit einem Kopfnicken auf ihm zu folgen. Morgan und der Sheriff schlossen sich ihnen an.

„Fahrt schon mal vor ins Hotel. Wir kommen gleich nach." Wandte Morgan sich von der Tür her an seine Kollegen und verschwand.

Still gingen sie den mit Neonlicht erhellten kahlen Flur entlang. Die Treppe zuvor hatte sie in den Keller der Pathologie geführt und nun zu den Kühlkammern mit den Leichen.

Als sie um eine Ecke bogen kam ihnen der Deputy vom Tatort entgegen und ein weiterer Beamter.

„Pat, wo habt ihr sie abgelegt?" Sprach der Sheriff einen seiner Kollegen an.

„In der Fünf." Dabei hielt der Deputy dem Sheriff einen Schlüssel hin. „Doktor Bell wird sie sich Morgen als erstes ansehen."

„Danke." Sie gingen weiter. Frank sah die große blaue Nummer eins auf der weißen Tür zu ihrer Linken. Rechts folgte die Nummer zwei. Sie zählte die Zahlen mit hoch, bis sie die fünfte Tür erreichten.

Der Sheriff schloss die Tür auf. Ein kaltes grelles Licht leuchtete auf, als er den Schalter neben der Tür betätigte und sie den Raum betraten.

Leicht erschauernd ob der Kälte schaute sich Frank um. In der Mitte des kleinen Raumes stand eine fahrbare Trage mit einem langen weißen Leinentuch bedeckt. Die Konturen ließen auf eine menschliche Leiche darunter schließen. Bis auf ein Spülbecken und eine Ablagefläche an der linken Längsseite, war der weiße Raum ansonsten leer.

„Es gibt keine Spuren, die auf irgendeinen Schmuck hindeuten." Begann Morgan ihren Ermittlungsstand bezüglich des fehlenden Gegenstandes. Sheriff Bennet nahm das Laken hoch und entblößte Dorothy McPherson.

„Kleidung und Schuhe sind da. Emily konnte auch nichts feststellen, was aus ihrer Tasche fehlen könnte." Fuhr Morgan in seiner Erklärung fort.

„Also wurde er entweder gestört und hatte keine Zeit mehr." Begann Frank die Möglichkeiten aufzuzählen. „Es ist ein anderer Täter, oder er, was sehr unwahrscheinlich ist, hat seine Taktik geändert… Vielleicht erfüllt ihn die Mitnahme eines Gegenstandes nicht mehr."

„Die Vorgehensweise passt eindeutig zu unserem Täter. Außer, dass er diesmal wahrscheinlich Reue verspürt hat. Er hat die Leiche drapiert… Außerdem wurde der genaue Tathergang noch nicht veröffentlich, daher sollte ihn kein anderer kennen." Wandte Morgan ein.

„Er würde auch nicht auf seine Trophäe verzichten. Wenn er gestört worden wäre, hätte er sich versteckt und wäre später nochmal zurückkehren." Hotchners Stimme klang leise, während er sich über die Leiche gebeugt hatte und sie sich genauer ansah. „Außerdem hätte er nicht das Schlüsselbund von Alan Kaplan zurückgelassen… Nein, er hatte Zeit… Und er hat etwas mitgenommen."

Hotchner ging langsam um die Barre herum und blieb am Fußende stehen. Er versuchte sich über die Entfernung einen Gesamteindruck zu machen.

„Sie wollen Morgen zu den anderen Tatorten?" Sheriff Bennet schaute Morgan über die Barre hinweg fragend an.

„Ja, es würde uns weiterhelfen… Macht das Probleme? Mit den anderen Bezirken?"

„Nein. Wir sind alle froh, wenn wir diesen Kerl endlich stellen können. Ich werde meinen Kollegen morgen früh Bescheid geben." Hotchner, von den restlichen Personen im Raum beobachtet, ging an der anderen Seite der Barre wieder vor zum Kopf. Er winkte Frank zu sich.

„Vielleicht können ja auch einige an die Tatorte kommen und die Situationen vor Ort nachstellen…" Sheriff Bennets Stimme wurde immer langsamer und gedehnter. Seine volle Aufmerksamkeit war nun wieder auf Hotchner gerichtet.

„Wir heben ihren Oberkörper langsam hoch, als würde sie aufrecht stehen." Frank nahm sich ein paar Handschuhe und befolgte Hotchners Worte. Gemeinsam brachten sie Dorothy McPherson in eine senkrechte Haltung.

„Dachte ich es mir doch." Hotchner schien etwas gefunden zu haben. Er wandte sich an Frank: „Hältst du sie einen Moment?"

Langsam trat er einen Schritt zurück. Mit einem wissenden Lächeln hob er einige Strähnen ihrer Haare aus ihrem Gesicht und hielt sie seitlich an ihren Kopf.

„Sie trug eine Haarspange!"

Neugierig traten Morgan und Bennet vor.

„Die Haare haben ihre Form beibehalten. Man kann eindeutig die Spuren der Haarspange ausmachen."

„Richtig, jetzt sehe ich es auch." Sheriff Bennet schien es nicht fassen zu können, dass sie das fehlende Stück wirklich gefunden hatten.

„Du kannst sie wieder hinunter lassen, Frank." Frank befolgte Hotchners Worte und lauschte dabei dem Gespräch der Männer im Raum.

„Nach ihrem Bericht war Dorothy gestern Abend Babysitten?!"

„Ja, bei den Millers in der Crooks Street."

„Wir sollten sie Morgen auch befragen. Vielleicht hat die Familie irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt."

„Dann lasst uns jetzt Schluss machen. Morgen wartet wieder viel Arbeit auf uns." Die Männer drehten sich zur Tür um.

„Entschuldigt, wenn ich euch noch kurz aufhalten muss, aber ich würde sagen es waren zwei Spangen. Seht ihr, hier, auf der anderen Seite am Kopf befindet sich die gleiche Verformung der Haarsträhnen… Es waren auch keine Klippspangen, sondern eine ältere Form, bei der sich der Mittelsteg bewegen lässt."

„Wie kommst du darauf?" Morgan kam näher heran und besah sich die Stellen.

„Siehst du diesen großen Bogen, den die Haare machen? Bei einer Klippspange wären es zwei kleine Wellen, diese große Welle bekommst du nur durch diese alten Spangen. Ich mache euch eine Skizze, wie sie ungefähr ausgesehen haben könnten."

„Mach das." Morgan schien beeindruckt von ihrer Beobachtungsgabe und Hotchner nickte ihr bestätigend zu.

Frank betrat endlich das Hotelzimmer. Sie fühlte sich erschlagen. Auch wenn ihr die heutige Arbeit sehr viel Spaß bereitet hatte, das Tempo, das Hotchner vorlegen konnte, hatte es in sich. Erschöpft ließ sie sich auf das Bett fallen. Sie glaubte sofort einzuschlafen, aber dann kamen ihr die Erlebnisse des frühen Morgens wieder ins Gedächtnis. War das wirklich erst heute Morgen gewesen? Vor gut fünfzehn Stunden? Ihr kam es vor wie eine Woche.

Sie brauchte Gewissheit!

Mit neuer Kraft nahm sie ihr Handy zur Hand und stellte eine Verbindung mit JJ und Prentiss her.

„Entschuldigt, wenn ich euch so spät noch störe… Könntet ihr noch kurz zu mir herüber kommen?" Es blieb still an den anderen Enden der Leitung.

„Was ist passiert?" Prentiss Stimme war zu hören. „Bist du gerade erst gekommen?"

„Ja… Ich habe da noch einige Fragen zu heute Morgen! ... Es dauert auch bestimmt nicht lange."

„Sicher kommen wir. Wir sind gleich da." JJ kappte die Leitung und war verschwunden. Dann hörte Frank nur noch ein gleichmäßiges Piepen aus dem Lautsprecher.

„Was war das heute Morgen? Könnt ihr mir das bitte etwas näher bringen?" Frank hatte ihre beiden Kolleginnen gerade ins Zimmer eingelassen, als es auch schon aus ihr heraussprudelte.

„Dieser Fall wird wirklich nicht einfach für Hotch." Prentiss sah ernst aus. Frank meinte ihre Kollegin schon so weit zu kennen, dass sie deren Stimmungen erkennen konnte.

Inzwischen war sie JJ zum Bett gefolgt und setzte sich. Prentiss stellte einen Stuhl ihnen gegenüber und ließ sich nieder.

„Ich habe mir die Zunge fusselig geredet. Aber Strauss blockte alle Gegenargumente sofort ab. Zumal die anderen Teams gerade auch alle unterwegs sind." JJ atmete schwer aus. „Ich hatte gehofft, dass es ihn weniger stark mitnehmen würde… Da habe ich mich wohl geirrt."

Prentiss nickte bestätigend. „So ein Erlebnis wird man wahrscheinlich nie richtig vergessen. Man verdrängt es bis es irgendwann wieder hervorbricht. Meistens stärker als zuvor."

Frank, die keine Ahnung hatte, worüber sich ihre Kolleginnen unterhielten, hatte mit den Augen das Gespräch verfolgt und runzelte nicht verstehend ihre Stirn. „Könntet ihr jetzt bitte mal Klartext reden?"

„Keine schöne Geschichte." JJ schüttelte traurig ihren Kopf.

„Kennst du den Reaper? Hast du schon mal von ihm gehört?"

„Ja, sicher Emily. Den hat das FBI doch vor gut zwei Jahren gefasst…" Frank überlegte. „Hat er nicht einen der Agents bedroht?"

„Bedroht ist wohl nicht das richtige Wort. Der Reaper hat versucht ihn mental zu erledigen." Prentiss rutschte auf ihren Sitz vor und ihre starre Körperhaltung ließ Frank vermuten, dass es sie alle immer noch beschäftigte. „Wir haben alles nur Erdenkliche unternommen. Doch schließlich hatte der Reaper es doch geschafft Haley und Jack in seine Gewalt zu bekommen. Hotch hat Jack retten können, aber für seine Ex-Frau war es zu spät."

„Hotch?... Du meinst er hat den Reaper überwältigt?" Franks entsetzter Blick wechselte zwischen JJ und Prentiss hin und her.

„Ja…" bestätigte JJ. „Danach war er noch mehr zwischen seinem Beruf und Jack hin und her gerissen."

„Aber er hat es geschafft. Und mit Jessicas Hilfe, meistern die Beiden ihren Alltag."

Sie saßen noch einige Zeit zusammen und berichteten Frank ausführlich von den Vorkommnissen zwischen Hotchner und dem Reaper.

„Mr. Miller können Sie sich noch in etwa erinnern wie spät es war, als Miss McPherson am Dienstagabend ging?" Rossi saß entspannt zurückgelehnt in einem Ledersessel und schaute den Mann im gegenüber einschätzend an. Mitte Vierzig, maßgeschneiderter Anzug, dazu eine passende Seidenkrawatte.

Er schien angestrengt zu überlegen, dabei legte er seine Stirn leicht in Falten. Dann sah er auf: „Ich bin gegen 8.30p.m. nach Hause gekommen… David, mein Sohn, lag schon im Bett… Wir haben zusammen in sein Zimmer geschaut… und dann hat mir Dorothy noch bei einer Tasse Kaffee von ihrem Nachmittag erzählt. Wie viel Spaß sie miteinander hatten… Ich schätze mal es war kurz vor 9.30p.m. Ja, ich habe im Fernsehen die Nachrichten verfolgt."

Prentiss hatte sich in dem Wohnzimmer der kleinen Familie umgesehen und dabei den Ausführungen Mr. Millers gelauscht. Jetzt kam sie an den Tisch und setzte sich in den zweiten Sessel. Sie lehnte sich vor und fragte: „Ging Dorothy immer alleine nach Hause?"

Mr. Millers Blick legte sich auf Prentiss und sie konnte die tiefe und ehrliche Trauer in seinen Augen lesen.

„Ja… Bisher ist in dieser Stadt auch noch nie etwas dermaßen Schreckliches passiert. Sicher, es gibt auch bei uns Stadtteile in denen es vermehrt Straftaten gibt. Aber nicht hier…" Er senkte den Kopf und fasste sich an die Stirn. Er schien es immer noch nicht glauben zu können und versuchte seine aufsteigenden Tränen zu verbergen.

„Ich fühle mich schuldig..."

„Warum?" Mitfühlend versuchte Prentiss das Gespräch wieder in Gange zu bekommen, als Mr. Miller nach seiner Andeutung verstummt war.

„Ich habe Dorothy gerade an diesem Abend angeboten sie nach Hause zu fahren. Das habe ich sonst noch nie getan. Es hätte auch nur ein paar Minuten gedauert, aber sie lehnte ab… Hätte ich auf mein Gefühl vertraut und darauf bestanden, wäre sie noch am Leben."

„Das kann keiner mit Bestimmtheit sagen Mr. Miller." Rossi hatte ihm interessiert gelauscht. „Der Täter schien sich Miss McPherson ausgesucht zu haben. Ob an dem Abend spontan, oder schon vorher, können wir noch nicht genau sagen. Aber irgendwann hätte er zugeschlagen. Wenn nicht am Dienstag, dann vielleicht Heute oder Morgen."

„Hat sie etwas bemerkt? Fühlte sie sich beobachtet?" Mr. Miller hob nur leicht seine Schulter zu Prentiss Worten. „Sie hat also nichts Derartiges erwähnt?"

„Nein."

Rossi erhob sich aus seinem Sessel. „Gut, dann wäre es das fürs Erste. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, zögern Sie nicht uns anzurufen."

Prentiss zog eine Visitenkarte aus ihrer Jackentasche und reichte diese an den Hausbesitzer weiter. „Vielleicht macht Ihr Sohn David ja irgendwann eine unbewusste Äußerung. Jede Kleinigkeit kann uns dem Täter einen Schritt näher bringen."

„Ist gut." Mr. Miller folgte seinem Besuch zur Haustür und verabschiedete sie höflich.

„Okay, was steht nochmal genau in der Akte. Wo wurde die Leiche von Alan Kaplan gefunden?" Hotchner hatte den schwarzen SUV auf einem großen Parkplatz am Riverview Drive abgestellt und stieg aus. Frank stand augenblicklich neben ihm und öffnete die Akte in ihrer Hand.

Sie waren quer durch die ganze Stadt gefahren und befanden sich jetzt am Duck Creek, der schon zum Nachbarort Howard im Nordosten von Green Bay gehörte.

„Nach der Skizze muss es hier auf dem Parkplatz gewesen sein. Dort vorne in dem Bereich." Frank wies Richtung Süden. „Zum Howard Memorial Park hin."

Schweigend gingen sie auf die Stelle zu.

„Dort sind noch Markierungen auf dem Boden." Hotchner war sich sicher den Tatort gefunden zu haben. Er stellte sich Mitten in die gekennzeichnete Fläche und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen.

„Also Tagsüber hätte unser UnSub hier nicht zuschlagen können. Hier ist viel zu viel Betrieb mit der großen Straße."

„Man hat Mr. Kaplan in seinem Auto sitzend vorgefunden. Sein Oberkörper war vorgebeugt. Die ersten Besucher des Parks sagten aus, sie hätten gedacht er würde schlafen. Bis ein Bekannter von Mr. Kaplan das Auto erkannte und sich verwundert dem Auto näherte. Er sah das Blut auf dem Armaturenbrett und verständigte augenblicklich die Polizei."

„Gut, die Frage lautet: Warum hat er hier gehalten? Es sind nur einige Straßen bis zu seiner Wohnung."

Frank schwieg und ließ die Atmosphäre der Gegend auf sich wirken.

„Keine Vermutungen?" Hotchner sah sie fragend an.

„Doch… Entweder, er mochte den Park und er hat angehalten, um ein wenig abzuschalten und sich die Füße zu vertreten…"

„Oder?" Fragte Hotchner, als Frank zögerte.

„Oder", wiederholte Frank, „er könnte zum Beispiel einen Anhalter mitgenommen haben, den er hier abgesetzt hat. An der vielbefahrenden Straße hätte dieser wahrscheinlich eine schnellere Möglichkeit gefunden weiter zu kommen, als in einer reinen Wohnsiedlung."

„Jason Norton", Morgan hatte die Akte des dritten Opfers geöffnet und durchblätterte die Seiten. „Er war 35 und Familienvater."

„Zwei Söhne, zwölf und vierzehn. Verheiratet mit Nancy seit März 1987." Leierte Reid den Inhalt der Akten herunter.

„Schon gut…" Morgan schloss die Mappe und schaute sich in dem modern eingerichteten Optikergeschäft um. Durch die Türglocke herbeigerufen, erschien ein Angestellter und sprach sie an: „Kann ich Ihnen helfen?"

„FBI", Morgan hatte seine Marke gezogen. „Agent Morgan, Doktor Reid. – Haben Sie Mr. Norton gefunden?"

„Nein, das war mein Chef. Er ist aber momentan nicht da." Sichtlich erschüttert starrte der Mann, in Erinnerung an die Aufregungen vor gut zwei Wochen, vor sich hin.

„Mr. Norton war hier angestellt. Ein Kollege von ihnen?"

Der Mann nickte. „Er hatte die Spätschicht an diesem Abend."

„Planmäßig?" Fragend hatte Reid seine Stirn leicht hochgezogen. „Oder hat er öfter am Abend gearbeitet als andere?"

Der Mann schüttelte seinen Kopf. „Er war dran. Jason hat es gehasst so lange zu arbeiten. Er war abends lieber bei seiner Familie."

„Danke für die Auskunft. Dürfen wir uns hier noch ein wenig umsehen? Wir versuchen den Tathergang nachzuvollziehen."

„Natürlich." Der Angestellte zog sich nervös zurück, blieb aber im Laden. Wahrscheinlich hatte der Geschäftsinhaber seine Mitarbeiter instruiert, keine Fremden unbeaufsichtigt im Laden zu lassen.

„Dann war er ein zufälliges Opfer. Wenn einer der anderen Angestellten im Laden gewesen wären, hätte unser UnSub wahrscheinlich gar nicht zugeschlagen."

Morgan wiegte die Worte in seinen Gedanken ab. „Ich denke, es hätte Mr. Norton dann auf seinem Weg nach Hause erwischt. Er scheint sich seine Opfer vorab schon auszusuchen."

Morgan sah keinen Bedarf mehr sich in diesem Laden aufzuhalten und ging zur Tür. „Komm. Vielleicht haben die Anderen etwas Neues herausgefunden."

Sie nickten dem Angestellten einen kurzen Gruß zu und verließen das klimatisierte Geschäft.

„Mrs. Robbins?", fragend sah Rossi die ältere Frau an, die ihm auf sein Klopfen hin, ängstlich die Haustür einen kleinen Spalt weit öffnete.

„Ja?!", fragte sie vorsichtig zurück.

Prentiss hob ihre Marke hoch und Rossi stellte sie vor: „Agent Rossi und Agent Prentiss. Wir sind von der Verhaltensanalyseeinheit des FBI und würden Ihnen gerne ein paar Frage zu Dorothy McPherson stellen."

„Oh, das arme Kind." Entfuhr es der Frau und schloss die Tür. Erstaunt wechselten die beiden Agents einen Blick und Rossi hob schon die Hand, um ein weiteres Mal an die Tür zu klopfen, als diese urplötzlich weit geöffnet wurde.

„Kommen Sie herein. – Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Dorothy tot sein soll. Wer tut unschuldigen Menschen so etwas an?" Mrs. Robbins schien keine Antwort auf ihre Frage zu erwarten. Sie verschloss hinter ihnen die Haustür sorgfältig und führte sie den Flur entlang ins Wohnzimmer. „Man traut sich ja nicht mal mehr am helllichten Tage auf die Straße, ohne sich ständig nach seinen Verfolgern umzusehen."

„Machen Sie sich keine Sorgen Mrs. Robbins. Wir werden diesen Kerl schon fassen." Prentiss versuchte möglichst ruhig und sicher zu erscheinen, um der älteren Frau Sicherheit zu vermitteln.

Nachdem die Agents auf dem alten, geblümten Sofa Platz genommen und höflich das Angebot eines Kaffees abgelehnt hatten, begannen sie mit ihrer Befragung:

„Seit wann wohnte Miss McPherson schon bei Ihnen?"

Mrs. Robbins sah den leicht ergrauenden Agent an und schien über die Frage nachzudenken. „Nächste Woche wären es jetzt drei Jahre gewesen. Sie ist hier an der Uni eingeschrieben… Sie war so ein liebes Mädchen. Oft hat sie bis tief in die Nacht hinein für die Prüfungen gelernt und ist mir oft im Haushalt zur Hand gegangen. Wissen Sie, ich werde langsam alt und nicht alle Arbeiten gehen mir heute noch leicht von der Hand. Dorothy wird mir sehr fehlen!"

„Hat sie Ihnen gegenüber erwähnt, dass sie sich verfolgt fühlte?" Mrs. Robbins schüttelte ihren Kopf zu Prentiss Worten.

„Was ist mit Freunden? Hat sie hier in den drei Jahren jemand besucht?"

Wieder schüttelte sie nur den Kopf.

„Haben Sie noch mehr Zimmer vermietet?" Fragte Rossi weiter.

„Nur noch eins. Mandy ist aber nicht viel hier. Sie hat einen Freund und da ich hier keinen Männerbesuch nach 8p.m. dulde, kommt sie höchstens noch zum Schlafen nach Hause. Diese jungen Menschen von heute haben einfach keinen Anstand mehr."

Darauf nicht weiter eingehend stellte Prentiss fest: „Dann haben sich Mandy und Dorothy auch nicht gut gekannt?!"

„Wenn Mandy da war, gingen sie zusammen morgens zur Uni. Ich weiß nicht, wie weit sie sich miteinander angefreundet haben."

„Gut", Rossi holte sich die Aufmerksamkeit von Mrs. Robbins zurück. „Wäre es möglich, dass wir noch einen Blick in Miss McPhersons Zimmer werfen könnten."

„Aber sicher!" Mrs. Robbins erhob sich augenblicklich.

Während die Agents ihr durch den langen, schmalen Flur folgten sahen sie sich interessiert, aber distanziert im Haus um. Die ältere Frau öffnete die letzte Zimmertür auf der linken Seite und ließ ihren Besuch eintreten.

Das Zimmer war äußerst sauber. Nirgends war auch nur eine Fluse auf dem Boden zu finden. Bücher standen im Regal oder lagen sauber gestapelt auf dem Schreibtisch unter dem Fenster. Das Bett an der gegenüberliegenden Wand war akkurat gemacht.

Prentiss und Rossi wanderten langsam durch das Zimmer. Es machte den Eindruck, als wenn es unbewohnt wäre.

„Hier ist nichts persönliches, kein Foto." Prentiss wunderte sich über die Ausstattung. „Hotch hat nichts davon gesagt, dass Dorothy keine Familie mehr hat."

Verwundert sahen die Agents zu Mrs. Robbins, die an der Tür stehen geblieben war. „Oh doch, sie hat eine Familie. Sonst stand dort auf dem Schreibtisch auch immer ein Foto aus ihrer Kindheit. Ich habe es oft betrachtet, weil die Familie so fröhlich darauf lachte."

Prentiss setzte sich auf den Schreibtischstuhl und zog vorsichtig an der Schublade unter der Tischplatte. Sie war verschlossen.

„Aber Dorothy hat mir erzählt, dass sich ihre Eltern getrennt hatten, kurz nach dem Sommer in dem das Foto entstanden war. Sie blieb bei ihrer Mutter. Hat aber auch Kontakt zum Vater."

Prentiss drehte sich zu der Vermieterin um und versuchte ihren Redeschwall möglichst höflich zu unterbrach: „Gibt es für dieses Schloss noch einen Zweitschlüssel?"

„Nein… Und Dorothy wird den anderen mitgenommen haben."

„An ihre Sachen kommen wir aber im Moment nicht heran." Wandte Prentiss ein und sah zu ihrem Kollegen hoch. Dieser nickte zustimmend. Prentiss zögerte nicht lange und zog zwei Haarnadeln aus ihrer Jackentasche. Mit einem leisen Klick gab das Schloss nach und sie konnte die Lade herausziehen.

Überrascht zog sie ihre Augenbrauen hoch. Der Rahmen mit dem Foto lag dort. Direkt daneben ein Stapel Briefe und ein kleines Büchlein, das mit einem Schloss vor neugierigen Blicken schützen sollte.

„Wir sollten die Sachen vorsichtshalber mitnehmen. Vielleicht steht in ihnen etwas, was auf unseren Täter verweist."

„Aber, das ist doch Dorothys Privatsphäre."

Rossi hatte Prentiss über die Schulter geschaut und richtete sich jetzt auf. Selbstbewusst wandte er sich um. „Wir werden die Schriftstücke ihren Eltern zurückgeben Mrs. Robbins. Sie haben mein Wort. Aber gerade Tagebucheintragungen der letzten Zeit könnten Hinweise auf den Täter liefern."

Prentiss steckte die Funde aus der Schublade in Plastiktüten und erhob sich. „Der Inhalt wird vertraulich behandelt. Es werden nicht viele Personen in ihrer Privatsphäre herumschnüffeln. Und sie werden auch nur das für den Fall wichtige weitergeben."

„Ja dann", ergeben seufzte die ältere Frau auf. „Schließlich wollen wir alle, dass dieser Kerl für seine Taten bestraft wird… Wie ist es nur möglich, dass er noch frei herumläuft?!"

Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und verließ den Raum.

Die Agents wechselten einen erstaunten Blick und folgten ihr auf den Flur hinaus zur Tür.

„Hallo." Ein großer, sportlicher Mann stand plötzlich vor Prentiss im Polizeirevier und schaute sie mit großen Augen interessiert an. „Ich wusste gar nicht, dass mein Bruder eine neue Mitarbeiterin hat. Noch dazu so eine bezaubernde!"

Prentiss kannte solche Typen schon zur Genüge. Scheinbar leicht geschmeichelt ging sie auf seine Anmache ein. „Wenn Sie mir verraten, wer ihr Bruder ist, dann kann ich ihm ja mal die Leviten lesen."

„Oh, Sie kennen ihn bestimmt. Er ist hier der Chef."

„Sie meinen Sheriff Bennet?!" Prentiss tat erstaunt, doch die verwandtschaftliche Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern war nicht zu übersehen.

Er hielt ihr seine Hand zur Begrüßung hin: „Mein Name ist Jeff. Jeff Bennet." Prentiss wollte nicht unhöflich erscheinen und erwiderte den Händedruck. „Emily Prentiss."

„Was verschlägt eine so schöne Frau in den hohen Norden? Nach ihrem Akzent sind sie nicht aus dieser Gegend."

„Gut erkannt… Ich würde mal meinen, dass es die Arbeit war." Dabei deutete sie auf ihre Marke am Gürtel.

„Oh…"

„Emily", Rossi kam durch die Eingangstür und sah sie fragend an. „Wir müssen los. Es wird Zeit."

„Ich komme." Sie sah Jeff Bennet entschuldigend an. „Ich muss los. Vielleicht sieht man sich in den nächsten Tagen ja nochmals wieder."

Im Hinausgehen schenkte sie ihm noch ein fröhliches Lächeln und verschwand.

Jeff Bennet sah ihr nach. Seine Augenlieder verengten sich und die Gedanken in seinem Gehirn überschlugen sich.

Mittlerweile ging der Tag zu Ende. Die Dunkelheit legte sich über die Stadt. Das Team der BAU hatte sich in Gruppen aufgeteilt und mit den örtlichen Polizisten über die von Reid eingegrenzten Gebiete verteilt. Man hoffte, solange der Täterkreis noch nicht weiter eingedämmt werden konnte, einen möglichen Mord durch verstärkte Polizeipräsenz auf den Straßen zu verringern.

Die Zeit schritt voran.

„Hier ist ja überhaupt nichts los." Reid lehnte sich durch das geöffnete Seitenfenster und ließ seinen Blick über die schlafende Wohngegend schweifen.

„Die Einwohner werden vorsichtig sein und sich in der Dunkelheit in ihren Häusern und Wohnungen verschanzen." Prentiss, die den SUV langsam über den Asphalt rollen ließ, behielt die gegenüberliegende Straßenseite im Auge.

„Hast du den Eindruck, dass dieses Gebiet doch nicht in deine Auswahl passt?"

„Oh, keineswegs." Reid lehnte sich zurück in seinen Sitz. „Wir haben nur noch nicht genügend Hinweise, um das Suchgebiet weiter einzugrenzen!"

„Also wartest du auf ein nächstes Opfer, um mehr über den Täter herauszufinden?"

„Nein… aber uns fehlt noch ein wichtiger Baustein, um ihm auf die Schliche zu kommen."

„Ich wollte mich noch bedanken, dass du dir so viel Mühe mit mir gibst." Frank sah zu Hotchner hinüber, der hinter dem Steuer saß.

„Es ist ja auch in unserem Interesse, wenn wir von deiner Hilfe profitieren können." Hotchners ließ die dunkle Umgebung um sie herum nicht aus den Augen. „Außerdem passte es gerade, da Morgan diesen Fall leiten muss."

„Trotzdem müsstest du es nicht tun."

„Das stimmt… Aber es macht Spaß!" Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er kurz zu seiner Beifahrerin hinüber sah.

„Es ist vor allem wichtig, dass wir dir vertrauen können. Du kannst dich andersherum voll darauf verlassen, dass das gesamte Team hinter dir steht."

Frank spürte, dass ihm dieses Thema wichtig war. Daher ließ sie seine Worte in ihrem Kopf nachklingen.

„Und einen Grundsatz solltest du dir noch merken: Wir erstellen keine Profile über unsere Teammitglieder."

„Jeder hat ein Recht auf Privatsphäre."

„Richtig."

„Okay… Eigentlich bin ich ja schon froh, wenn ich mich erst einmal in die Täter hineinversetzten kann."

„Du hältst dich ganz gut… Erzählst du mir etwas über Deutschland?"

Überrascht schaute Frank ihn an. Er war der Einzige aus dem Team, der ihr bisher noch keine privaten Fragen gestellt hatte. „Aber nicht, dass du jetzt ein Profil über mich beginnst." Sie lachte leise vor sich hin. „Was möchtest du wissen?"

Hotchner zog seine Schulter hoch. „Wie bist du aufgewachsen? ... Ich will nicht neugierig erscheinen", versuchte er zu erklären, als er merkte, dass Frank zögerte.

„Ich bin mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester in einem kleinen Ort aufgewachsen."

„Kann man seine Größe mit Green Bay vergleichen?"

Ohne zu zögern verneinte Frank dieses. „Sie werden hier doch bestimmt über 100.000 Einwohner haben, oder?"

„Ja, ungefähr."

Amüsiert schüttelte sie leicht ihren Kopf: „Dann wären wir schon längst eine Stadt… Wir sind bei rund 16.000."

„Im Moment sind es dann nur noch 15.999… Du fehlst in ihrer Zählung."

Sie lachten ausgelassen über seinen Kommentar.

Prentiss und Rossi betraten das Polizeirevier. Die meisten Teammitglieder standen bereits zusammen und tauschten die Neuigkeiten des vergangenen Tages aus.

„Hey, da seid ihr ja." Morgan hatte sie sofort entdeckt und herangewunken. „Dann lasst uns zusammentragen was wir bisher über den Täter wissen."

„Er schein organisiert." Begann Reid. „Wie sollte er es sonst anstellen, immer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zu zuschlagen. Andererseits hat er beim letzten Opfer einen Tag früher gemordet und seine Tathergänge variieren völlig."

„Vielleicht ist er so jung, dass er noch ausprobiert welche Art des Tötens ihn am meisten befriedigt." Warf Prentiss ein.

Reid hatte ihr zwar zugehört, sprach aber seine Gedanken weiter aus: „Das bedeutet: Entweder hat ihn jemand oder irgendetwas aus der Bahn geworfen und er wird hektisch. Oder er ist doch nicht organisiert und kann nur in dieser einen Nacht zuschlagen."

„Wie ein Freigänger. Diese sind aber zu so späten Stunde nicht mehr unterwegs. Er müsste sich längst wieder zurück gemeldet haben." Wandte Rossi ein, schien aber nicht gar so von diesem Gedankengang abgeneigt zu sein.

„Wer bekommt eine Nacht in der Woche frei? Gibt es Berufe, die in diese Sparte passen?" Frank sah in die Runde. „Das wären doch nur Ärzte, Pflegepersonal…"

„Selbst unter Einfluss von Drogen passen diese Berufsgruppen nicht in das Schema."

Hotchner nickte zustimmend zu Morgans Worten. „Aber was wäre, wenn er in einer Anstalt oder Heim lebt…" Dabei sah Hotchner zu Prentiss hinüber. Immer klarer sah er ein Bild in seinem Kopf. „Vielleicht kann er in dieser einen Nacht für ein paar Stunden verschwinden. Vielleicht nimmt es die Aufsicht in dieser Nacht mit seinen Pflichten nicht so ernst."

„Ein jüngerer Täter passt auch besser zu den Morden."

„Das ist ja alles gut und schön." Mischte sich Sheriff Bennet in das Gespräch ein und unterbrach Morgan. „Sollen wir jetzt sämtliche Einrichtungen durchsuchen?"

„Nein, dafür ist es noch zu früh." Beschwichtigte Morgan ihn. „Erst müssen wir sicher sein, das wir richtig liegen. Und dazu müssen wir das Verhalten des Gesuchten noch weiter eingrenzen." Er wandte sich wieder an die versammelten Menschen: „Was haben wir noch?"

Prentiss hielt die Plastiktüte hoch. „Das Tagebuch und die Briefe des letzten Opfers sind von der Spurensicherung zurück. Wenn unser UnSub seine Morde plant, könnten wir vielleicht einen Hinweis in den Aufzeichnungen finden."

Morgan nickte. „Dann setzt euch gleich daran."

„Frank hat eine ungefähre Zeichnung der Haarspange, die er Dorothy McPherson entwendet hat, angefertigt." Hotchner forderte Frank mit einem Kopfnicken auf, die Zeichnung dem Team zu zeigen. Wortlos ging sie von Hand zu Hand. Eine normale, wenn auch alt aussehende Spange.

JJ kam von draußen herein und trat zu ihnen. Interessiert schaute sie Prentiss über die Schulter: „Gut getroffen. Sie sieht aus, als wäre sie real und man könnte sie wirklich ergreifen." Sie schaute auf und lächelte zu Frank hinüber. Dann wurde sie ernst und schaute nochmals auf die Zeichnung. Sie streckte ihre Hand nach dem Stück Papier aus: „Kann ich die Zeichnung mal bekommen?!"

Verwundert gab Prentiss den Zettel weiter. Doch JJ gab keine Erklärung ab, sondern trat an den Schreibtisch und zog die Fallmappe zu sich heran. Geschickt zog sie einen Stapel Fotos heraus und verteilte sie vor sich auf dem Tisch. Reid trat neben sie und verfolgte ihr tun.

„Seht euch das an!" Stieß sie atemlos aus.

Neugierig umringte das Team die Fotos. JJ fuhr die Form der Spange mit dem Finger nach. Dann den Schlüsselanhänger und die Gravur auf der Krawattennadel des vierten Opfers Alan Kaplan. Sie zog die Fotos vom zweiten Tatort hervor und verdeutlichte das gleiche Symbol auf dem Siegelring und des Verschlusses an der Armbanduhr.

Reid sprach die Gedanken aller laut aus: „Diese Form hat irgendeine Bedeutung für ihn. Wahrscheinlich eine Erinnerung aus der Kindheit."

„Und es müssen immer Zwei sein. Aber nicht unbedingt ein Pärchen." Stellte Frank fest.

„Zwei?" Reid bezweifelte diese Aussage. „Vom dritten Tatort wurde nur die Brille entwendet und auch nur diese beim nächsten Opfer gefunden."

JJ zog das Bild der Brille aus dem Stapel hervor. Auch ohne, dass sie die Kollegen auf die Form der Brillenbügel aufmerksam machte, waren sich alle bewusst, dass sie einen großen Schritt auf den Täter zugetan hatten.

„Gut gemacht JJ." Morgan zwinkerte ihr verschwörerisch zu und wandte sich dann an Sheriff Bennet: „Jetzt können wir die Leiter der Anstalten von seinem Tick erzählen. Irgendjemand wird ihn erkennen."

Er sah Hotchner an: „Garcia soll uns eine Liste zusammenstellen." Dieser nickte verstehend, zückte sein Handy und entfernte sich etwas von der Gruppe.

„Reid konntest du die Suchgebiete noch weiter eingrenzen?" Morgan wandte sich seinem Kollegen zu.

„Ja, aber ich sollte die neuen Erkenntnisse noch einfließen lassen… Ich denke, er wird kein Fahrzeug haben. Somit wäre er auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Zum Gehen sind die Tatorte zu weit auseinander."

„Vielleicht fährt er ja per Anhalter." Warf Frank ein. „Wir kamen zu dieser Überlegung, als wir uns den Tatort des vierten Opfers angesehen haben."

„Oder er benutzt ein Fahrrad." Schaltete sich Prentiss ein. „Es wurden bei Dorothy McPherson frische Reifenspuren gefunden."

„Am Auto wurden frische Schrammen im Kofferraumbereich entdeckt. Vielleicht haben sie das Fahrrad transportiert."

„Du meinst er hat eine Panne vorgetäuscht?!" Prentiss sah Frank interessiert an. Doch diese zuckte nur mit den Schultern und antwortete wage: „Wäre doch möglich."

„Es könnte alles möglich sein. Lasst uns sehen, ob wir näher an ihn herankommen." Morgan beendete die Diskussion und das Team machte sich an die Arbeit.

„Diese Briefe lesen sich wie Liebesbriefe." Rossi ließ verwundert den Zettel in seiner Hand sinken und sah zu Prentiss hinüber, die sich ihm gegenüber am Tisch niedergelassen hatte. Eifrig blätterte diese im Tagebuch von Dorothy McPherson.

„Benutz der Schreiber die Initialen S.M. ?"

„Ja. Steht auch etwas über ihn in dem Buch?"

Prentiss nickte. „Es geht ständig um ihn. Aber kein Anzeichen wer er ist."

Rossi nahm den nächsten Brief aus seinem Umschlag und vertiefte sich erneut in die Lektüre.

Garcia saß vor ihren Computern und erstellte die Liste, die Hotchner angefordert hatte. Zufrieden lehnte sie sich einen Moment zurück, dann drückte sie die Kurzwahltaste zu seinem Handy und wartete.

Augenblicke später meldete er sich schon.

„Hey Garcia. Hast du etwas gefunden?"

„Ja Chef." Garcia holte tief Luft, um mit ihren Erklärungen loszulegen, als Hotchner sie unterbrach.

„Das lass Morgan nicht hören."

Erstaunt blinzelte Garcia einige Male mit den Augenlidern. Er hatte sie völlig aus dem Konzept gebracht. Aber sie wäre nicht Garcia, wenn sie nicht eine schnelle Antwort parat gehabt hätte.

„Ich mag ihn… Aber du bist und bleibst unser Chef!"

Hotchner konnte die Ernsthaftigkeit in ihren Worten hören.

„Danke." Er wollte ihr damit zeigen, dass er verstand. Dann wurde er ernst: „Ich stelle dich jetzt auf laut. Wie viele hast du gefunden?"

„Es gibt drei Krankenhäuser, 5 Kinderheime und 25 Pflegefamilien mit mehreren Kindern."

„Er wird nicht in seinem Viertel morden. Damit könnten wir die Gebiete ausschließen, die sich in der unmittelbaren Umgebung zu den fünf Morden befinden."

Sie hörten Garcias Finger über die Tastatur fliegen.

„Es bleiben noch immer 18 Einrichtungen." Kam Garcias Stimme durch den Lautsprecher.

„Kommst du an die Daten der Kinder?" Fragte Frank.

„Sicher."

„Dann können wir die Mädchen ausschließen."

„Und alle unter fünfzehn Jahren." Warf Hotchner ein.

„Ich habe acht Namen."

„Würde es etwas bringen, wenn man berücksichtig, dass er wahrscheinlich in psychologischer Behandlung ist oder war?" Frank sah Hotchner fragend an.

„Nicht unbedingt. Es kann sein, dass er bislang nicht negativ aufgefallen ist. Und erst ein Erlebnis aus jüngster Zeit ihn zu seinen Taten zwingt."

„Also lassen wir die Liste so und ich schicke sie euch herüber."

„Genau. Danke Garcia."

„Schon gut." Klick, war die Leitung unterbrochen.

„Da…" Prentiss sah hoch. „Sam", sagte sie nur. Doch Rossi verstand nicht.

„S.M. … Sam Miller."

„Wir sollten ihm nochmals einen Besuch abstatten." Rossi und Prentiss standen eiligst auf und verschwanden aus dem Polizeirevier.

Wenig später hielten sie vor dem Haus, das sie gestern bereits besucht hatten und klopften an der Vordertür.

Es blieb verdächtig still, bis sie endlich herannahende Schritte hörten.

Sam Miller öffnete die Tür: „Agents, haben Sie schon etwas über den Mörder von Dorothy herausgefunden?"

Obwohl Mr. Miller versuchte normal zu erscheinen, erkannten die Profiler sofort, dass er trauerte. Der Tod des Kindermädchens hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen.

„Könnten wir bitte im Haus weiterreden Mr. Miller?!" Rossi wollte nicht, dass unerwünschte Ohren das nun folgende Gespräch mit anhörten. Was zwischen diesen beiden Menschen geschehen war, ging niemanden sonst etwas an.

Als sie im Wohnzimmer Platz genommen hatten, begann Rossi ohne zu zögern: „Wie lange ging das schon zwischen Miss McPherson und Ihnen?"

Verwundert schaute der Hausherr den Agent an. „Was meinen Sie?"

„Wir haben diese Briefe im Schreibtisch von Dorothy gefunden. Sie sind alle mit S.M. unterschrieben." Prentiss legte die Umschläge ausgebreitet auf den Tisch.

Erstaunt ergriff Mr. Miller einen. „Ja, die sind von mir. Aber… wie kommen sie in Dorothys Hände?" Er schien verstört. Prentiss und Rossi ließen ihm Zeit.

Auflachend sah er hoch. „Dorothy hatte mich überredet auf eine Anzeige in der Zeitung zu antworten. Sie machte es auch… Sie hat aber nie erwähnt, dass sie selber auch Anzeigen aufgibt."

„Hat Sie die Namensähnlichkeit denn nicht verwundert?"

„Nein… Es gab eine Bedingung in der Anzeige: Keine realen Namen, nur Abkürzungen oder Phantasienamen."

„Daher wurden die Briefe auch Postlagernd verschickt."

Mr. Miller nickte bestätigend zu Rossis Worte. „In den Briefen war sie für mich immer Doro… Dorothy hasste diesen Namen. David hatte sie es sehr schnell abgewöhnt sie so zu nennen."

Verwundert wechselten die Agents einen Blick. Mr. Miller schien beiden ehrlich mit seinen Aussagen zu sein. Aber schließlich konnten sich viele Menschen auch sehr gut verstellen.

„Jetzt verstehe ich auch so einiges." Mr. Miller war aufgesprungen und ging im Zimmer hin und her. „An manchen Stellen in ihren Briefen hatte ich das Gefühl, als wenn sie schon mal in meinem Haus war und sich völlig auskannte. Andererseits ließ sie sich zu keinem persönlichen Treffen überreden. Sie wollte noch nicht einmal telefonieren."

Wenn das gespielt war, dann war Mr. Miller ein Meister seines Fachs. Diese Spur konnten sie als Sackgasse abhaken.

„Derek, kannst du ihm nicht Einhalt gebieten." Prentiss stand mit ihrem Kollegen an der Tür der Polizeistation und wies mit dem Kopf in Richtung Arbeitsbereich. Morgan folgte ihrem Blick und verstand die Anspielung nicht.

„Was meinst du?"

„Sie sitzen nun schon den ganzen Tag ohne Pause über den Papieren. Susanne braucht eine Pause, ansonsten kannst du sie heute Nacht vergessen…"

JJ kam zu ihnen und verfolgte ihr Gespräch.

„Ach, du kennst doch Hotch. Er wird schon darauf achten, dass sie noch genügend Zeit zum Abschalten haben, bevor es auf die Straße geht."

„Wenn du meinst…" Prentiss versuchte sich zu entspannen, doch ihre Gesichtszüge spiegelten eine andere Meinung wieder.

„Drei Tage hintereinander?!...Passt auf, dass ihr Susanne nicht vergrault. Sie ist nicht darauf angewiesen diesen Job hier gut zu machen. In Deutschland hat sie ihre Arbeitsstelle." JJ versuchte ihre Stimme möglichst beiläufig klingen zu lassen. Und doch konnten die beiden Frauen Morgan aufhorchen sehen. JJ hatte in die richtige Schiene geschlagen. „Es wäre eigentlich schade, wenn sie frühzeitig wieder verschwinden würde… So kurz sie auch erst bei uns ist: Ich finde sie schon jetzt sehr sympathisch und sie passt super ins Team."

„Okay, okay…" Morgan grinste seine Kolleginnen verstehend an. „Ich werde versuchen sie zu unterbrechen."

JJ und Prentiss schauten Morgan neugierig hinterher. Wie er wohl Hotchner von der Notwendigkeit einer Pause überzeugen wollte?

„Susanne, Hotch, es wird Zeit für eine Pause." Morgan war zu ihnen getreten. „Ich denke nicht, dass du noch mehr in Susannes Kopf hineinbekommst. Sie muss ihre heutige Lernstunde erst einmal verarbeiten."

Überrascht schaute Hotchner auf.

„Ich weiß, dass du von uns allen immer viel verlangst. Aber irgendwann ist auch mal Schluss."

„Spätestens Morgen Nacht wird er sein nächstes Opfer finden."

„Wahrscheinlich. Aber es bringt nichts, wenn wir uns nicht mehr konzentrieren können. Du weißt, wie oft wir unser Profil kurzfristig um kleine Details ändern müssen. Wie soll das gehen, wenn wir nicht mehr richtig denken können?"

„Gut… Schluss für heute." Geschlagen erhob Hotchner die Hände.

„Wir haben noch zwei Stunden bis wir das Profil bekannt geben und wieder auf Streife gehen. Bis dahin sollten wir uns noch etwas Abwechslung suchen und etwas Essen." Begeistert bekam Morgan Zustimmung von seinen Kollegen.

„Agent Morgan", Sheriff Bennet rutschte von seinem Barhocker und kam auf den Eingang es kleinen gemütlichen Restaurants zu.

„Haben Sie schon mehr herausgekommen?"

„Nein, leider scheint ihn noch keiner zu kennen." Morgan sprach nicht zu laut und schaute sich aufmerksam um.

Das Team war grüßend an den Sheriff vorbeigegangen und hatte sich einen Tisch in der hintersten Ecke des Lokals ausgesucht.

„Kommen Sie doch zu uns an den Tisch, Sheriff." Lud Morgan ihn ein.

„Gerne. Es sei denn sie haben ein Problem, wenn ich meinen Bruder dazu bitte." Sheriff Bennet wandte sich halb um zum Tresen und wies auf einen Mann, der ihm fast wie aus dem Gesicht geschnitten war.

„Natürlich nicht." Morgan lächelte dem fremden Mann offen entgegen und begrüßte ihn per Handschlag.

„Derek Morgan."

„Jeff Bennet." Stellte sich dieser vor.

„Sind sie auch im Polizeidienst?" Fragte Morgan, als sie sich auf die letzten freien Plätze am Tisch niederließen.

„Nicht ganz", bekannte er lächelnd, „das wäre nichts für mich. All diese vielen Vorschriften und die ganze Schreibarbeit."

„Was machen Sie dann?" Prentiss mischte sich in das Gespräch ein. Mit einem vertrauten Lächeln sah Jeff Bennet sie an: „Ich haben eine Detektei."

„Und davon können Sie leben?"

„Wenn man sich einen Namen gemacht hat, dann schon." Entgegnete er.

Entspannt verbrachten sie die nächste Stunde zusammen und vergaßen für diesen Moment den Fall, den sie in Green Bay zu lösen hatten.

„Fangen wir an." Morgan hatte sich an einen Schreibtisch im Polizeirevier gelehnt und ließ seinen Blick langsam über die versammelten Menschen schweifen.

„Unser UnSub wird zwischen fünfzehn und zwanzig Jahre alt sein. Wahrscheinlich lebt er in einer Pflegefamilie oder Heim. Wo er sich tagsüber frei bewegen kann, aber nur in dieser einen Nacht in der Woche die Möglichkeit hat unentdeckt zu entwischen."

„Was auch bedeuten kann, dass er aus irgendeinem Grund eventuell alleine zu Hause ist." Mischte sich Rossi ein.

Prentiss fuhr fort: „Er bewegt sich wahrscheinlich mit einem Fahrrad durch die Gegend. Zum Beispiel durch das Vortäuschen einer Panne versucht er mit dem Opfer ins Gespräch zu kommen. Es ist dunkel und er braucht dringend ihre Hilfe."

„Gehen Sie bitte vorsichtig auf ihn zu. Wir gehen davon aus, dass ihm in der letzten Zeit etwas psychisch aus der Bahn geworfen hat. Sollten Sie sich nicht sicher sein, warten Sie bis Verstärkung eingetroffen ist."

Morgan wartete bis Hotchner geendet hatte und erklärte das weitere Vorgehen: „Da er das letzte Mal einen Tag eher zugeschlagen hat, werden wir auch in dieser Nacht wieder bis gegen 2a.m. patrouillieren… Viel Glück."

Damit entließ er die Truppe.

„Wie kommt Reid darauf, dass er diesmal auf der westlichen Seite des Fox River zuschlagen wird?" JJ wartete schon am SUV, als Morgan aus dem Hotel trat. Sie hatte eine Stadtkarte auf der Motorhaube ausgebreitet und sich die Gegend, durch die sie heute Abend Streifen fahren sollten, angesehen.

Er trat neben sie und beugte sich über die Karte.

„Weil er immer im Wechsel einmal östlich und einmal westlich vom Fluss zugeschlagen hat." Dabei zeigte er zum Beweis auf die fünf dick gezeichneten Kreuze und Zahlen auf der Karte.

„Okay, das leuchtet ein."

„Dann lass uns fahren." Morgan ging um den Wagen herum.

JJ zog die Karte vom Auto und stieg ebenfalls ein.

Die Nacht verlief ruhig.

Am nächsten Morgen hatten sie die verdächtigen Jugendlichen untereinander aufgeteilt und sich nochmals über das Verhalten des Täters ausgetauscht, bevor sie die Listen abarbeiteten.

Eine Frau im mittleren Alter war dabei ihre Einkäufe im Auto zusammenzupacken, um sie ins Haus zu tragen, als sie hinter sich Schritte die Auffahrt hinaufkommen hörte. Durch die vielen Morde in der Stadt verängstigt, blieb sie nervös beim Auto stehen und wandte sich den unbekannten Besuchern zu.

„Guten Morgen." Freundlich grüßte Prentiss schon von weitem. „Sind sie Mrs. Cowles?"

„Ja. Wie kann ich Ihnen helfen?" Fragte diese mit verwunderter Stimme.

„Agent Prentiss. Mein Kollege Agent Rossi. Wir sind vom FBI." Prentiss und Rossi zeigten ihr die Dienstmarken.

„Es geht um Anthony Gillis. Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu ihm stellen."

„Hat er etwas angestellt?" Entsetzt sah sie die beiden Agents an.

„Das wissen wir noch nicht." Schränkte Prentiss ein. „Wie verhält sich Anthony? Kommt er gut mit anderen Menschen aus? Oder ist er verschlossen und hat keine Freunde?"

„Nein, nichts dergleichen. Er hat viele Freunde und liebt den Sport. Er spielt in der Schule Basketball. Sie haben ihn für ein Sportstipendium vorgeschlagen."

„Speziell in den letzten zwei Monaten hat er sich nicht verändert?"

Überlegend scharrte Mrs. Cowles vor sich hin. Dann schüttelte sie über Rossis Worte den Kopf. „Nein. Würde ich nicht sagen."

„Dann entschuldigen Sie bitte die Störung Mrs. Cowles. Hoffentlich bekommt Anthony das Stipendium." Prentiss strich den Namen des Jungen von ihrer Liste.

Mit einem Kopfnicken verabschiedete sich Mrs. Cowles freundlich von ihnen. Doch die Agents spürten ihren Blick im Rücken, während sie zurück zum SUV gingen, der am Straßenrand parkte.

Frank und Hotchner verließen ein Wohnhaus in einer reinen Wohnsiedlung. Ernüchtert strichen auch sie einen Namen auf ihrer Liste und machten sich auf den Weg zur nächsten Adresse.

Morgan, Reid und Sheriff Bennet erging es nicht anders. Das war jetzt schon die dritte Anlaufstelle, wo sie nur ein Kopfschütteln bekommen hatten. Sicher gab es teilweise Probleme mit den Kindern, aber keines kapselte sich von seiner Umwelt ab.

Doch noch waren die Listen nicht abgearbeitet. Noch konnten sie den Täter unter den restlichen Namen finden.

Der Tag schritt voran.

„Ich habe das Gefühl, als wenn wir irgendetwas übersehen. Er muss doch irgendwie zu fassen sein!" Hotchner stand müde vom Schreibtisch auf und ging hinüber ans Fenster. Still stand er nur da und starrte hinaus.

Frank lehnte sich in ihren Stuhl zurück und schloss für einen Moment die Augen. Tief durchatmend kam ihr ein Gedanke: „Wir haben uns mit einem Detail noch nicht beschäftigt."

Hotchner drehte sich aufhorchend zu ihr um und sah sie mit einem fragenden Blick an.

„Warum hat er sich bei Dorothy so eine Mühe gemacht. Bei den Anderen war es ihm völlig egal wie sie auf dem Boden lagen." Frank stand auf und trat an die Wandtafel mit den Fotos der Opfer. „Mr. Firestone wurde sogar mit dem Gesicht auf den Boden vorgefunden. Die Fingerabdrücke, die an seiner Kleidung gefunden wurden, konnten alle zugeordnet werden. Also muss er so gefallen sein."

„Richtig." Hotchner trat neben seine Kollegin. „Also empfindet er Reue."

Schweigend standen sie da. Doch während Frank sich weiter mit den Fotos beschäftigte und nach irgendwelchen weiteren Hinweisen suchte, ließ Hotchner seinen Gedanken freien Lauf. Er spürte, wie der dem Täter näher kam.

„Ich hab's!"

„Was?" Morgan hatte das Revier betreten und kam zu ihnen herüber.

„Wir müssen heute Abend jemanden am letzten Tatort platzieren. Er kommt zurück und wird Dorothy besuchen."

„Wie kommst du darauf?"

„Er trauert. Dorothy erinnert ihn an jemanden."

„Aber er wird deswegen jetzt nicht mit dem Morden aufhören, oder?" Frank sah die beiden Männer über den Tisch hinweg fragend an.

„Nein", schüttelte Morgan seinen Kopf. Dann wandte er sich wieder an Hotchner: „Wie kommst du darauf?"

„Er bleibt in seinem Rhythmus, oder besser gesagt, er wird noch nicht hektisch. Stattdessen nimmt er sich Zeit für sein Opfer."

„Das würde aber bedeuten, dass er nicht versteht oder weiß, dass wir nach ihm suchen."

„Richtig… Er wird in seiner eigenen Welt leben."

„Oder er ist ein Obdachloser, der unserer Aufrufe an die Öffentlichkeit nicht mitbekommen hat."

Hotchner wiegte Franks Worte in seinen Gedanken ab. „Möglich… Aber ich glaube es nicht… Wir werden uns heute Abend in der Goodell Street auf die Lauer legen."

Morgan war noch immer nicht wirklich überzeugt. Aber da sie noch immer keine Spur von dem Täter hatten, konnte es nicht schaden, wenn sich die Beiden dort umsahen. Nickend gab er also sein Okay zu dem Vorhaben.

„Wie viele habt ihr schon kontrolliert?"

„Wir mussten alle Namen streichen. Es passte keiner in das Profil." Antwortet Frank. „Irgendwie war ich auch froh darüber. Der Gedanke, dass einer von ihnen töten könnte, war unerträglich."

„Weil wir sie teilweise persönlich kennen lernen konnten." Wandte Hotchner ein.

Frank nickte zustimmend.

„Wir haben noch einen Namen auf der Liste. Da es schon sehr spät ist, werden wir anschließend sofort durch die Straßen patrouillieren."
„Hast du schon etwas von Rossi und Prentiss gehört?" Fragte Hotchner.

„Sie hatten noch zwei Adressen. Wenn sie durch sind, werden sie sich melden… Ich hoffe nur, dass es noch einer von den letzten Dreien ist."

Es war bereits dunkel, als ein SUV die East Mason Street hinunterfuhr und in die Goodell Street einbog. An der Ecke zur Chicago Street hielt er am Straßenrand und sein Motor erstarb.

„Von hier aus können wir die Gegend am besten überblicken." Hotchner schob seinen Sitz etwas zurück und machte sich auf eine längere Wartezeit gefasst. Lange sprach keiner ein Wort, bis Hotchner die Stille unterbrach.

„Was hat dich zur Polizei getrieben?"

„Alte Familientradition… Mein Dad ist Polizist. Sein Vater ebenfalls… Meine Schwester ist dabei…"

„Und macht es dich glücklich?"

„Glücklich? … Darüber habe ich noch nie richtig nachgedacht…" Franks Blick starrte in die von den Straßenlaternen erhellte Umgebung. „Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen!"

Morgan lehnte an der Motorhaube des Streifenwagens und war mit Sheriff Bennet in ein Gespräch vertieft.

„Wie lange können Sie noch bleiben und uns bei der Suche unterstützen?" Morgan hörte den ängstlichen Klang in der Stimme des Sheriffs.

„So lange, wie wir uns sicher sind, dass er noch in der Gegend ist und wir ihn finden können." Morgan nippte an den Becher mit Kaffee in seiner Hand.

„Die Kollegen geben uns noch zwei Nächte, dann wollen sie die Suche abblasen. Sie vermuten, dass er aufgehört hat."

„Aufgehört hat er nicht", schüttelte Morgan bestimmt seinen Kopf. „Er kann nicht mehr aufhören… Lassen Sie uns weiterfahren. Vielleicht finden wir ja heute Nacht einen weiteren Hinweis auf ihn."

Sie stiegen wieder in den Polizeiwagen und fuhren die Straße hinunter.

„Ja, Bobby bleibt lieber alleine. Er kann sich stundenlang in seinem Zimmer beschäftigen." Ein älterer Mann, mit ergrauten Haaren, stand den Agents Rossi und Prentiss gegenüber.

„Hat er sich in den letzten Wochen verändert." Rossi wechselte einen kurzen Blick mit seiner Kollegin.

„Er ist aggressiver."

„Haben sie eine Ahnung warum? Was der Auslöser war?" Mr. Whipple verneinte, schien sich aber nicht recht wohl in seiner Haut zu fühlen.

„Was ist passiert Mr. Whipple? " Rossis Stimme schlug einen schärferen Ton an.

„Naja", wandte sich der Mann, „Bobby konnte stundenlang in seinem Zimmer sitzen und zwei Haarspangen anstarren. Angeblich sind sie von seiner Mutter." Prentiss und Rossi wechselten einen wissenden Blick, ließen den Mann aber in Ruhe zu Ende erzählen. „Er hat sie ständig mit sich herumgetragen. Ich war es leid und habe sie ihm weggenommen. Er sollte endlich zu einem richtigen Mann werden."

„Was wissen sie über seine Mutter?" Prentiss spürte, dass sie dem Täter einen gewaltigen Schritt näher gekommen waren.

„Miss Rice konnte nicht für ihn sorgen. Sie war noch viel zu jung. Nach gut zwei Jahren hat das Jugendamt eingegriffen und hat die beiden getrennt.

Sie wollte ihn aber nicht zur Adoption freigeben. Daher wurde er von einem Heim ins nächste gesteckt. Bis er vor drei Jahren zu uns kam."

„Hat Bobby je versucht sie zu finden?" Erstaunt verfolgte Prentiss die Lebensgeschichte des Jungen.

„Nicht das ich wüsste. Man hat ihm irgendwann gesagt, dass sie verstorben wäre und er keine anderen Verwandten mehr habe."

„Wo können wir Bobby finden? Ist er zu Hause?" Rossi schaltete sich wieder ein.

„Nein, er ist noch beim Sport. Ich halte die Kinder dazu an. So kommen sie mehr mit anderen Menschen in Kontakt."

„Können Sie uns noch sagen, wo er jetzt gerade ist?"

„Sicher, er ist an der West High School. Er hat Spaß am Baseballspielen. Es ist das Einzige, womit ich ihn aus dem Zimmer locken kann.

Was hat Bobby angestellt, dass ihn das FBI sucht?"

Rossi hätte es ihm lieber erspart: „Wir verdächtigen ihn des Mordes an fünf Menschen."

„Mord? … Aber wieso?"

„So wie es aussieht sucht er sich Ersatz für die weggenommenen Haarspangen seiner Mutter." Prentiss versuchte ihn dezent darauf hinzuweisen, dass er indirekt auch Schuld an den Taten seines Schützlings war.

„Vielen Dank Mr. Whipple." Verabschiedete sich Rossi kurz von dem Mann und wandte sich an Prentiss. „Wir müssen ihn unbedingt finden."

Sie gingen den Weg durch den Vorgarten zur Straße hinunter, als Rossi anhielt, sich umdrehte und den älteren Herrn erneut ansprach: „Mr. Whipple! Eine Frage hätte ich da noch."

Eilig kam er einige Schritte zurück. „Was machen sie normalerweise am Dienstagabend?"

Verwundert starrten Rossi ein paar erstaunte Augen an. „Ich treffe mich mit einigen Nachbarn zum Poker."

„Wer bleibt dann bei den Kindern?"

„Mein Neffe. Er verdient sich etwas für seine Ausbildung dazu."

„Danke." Rossi nickte und eilte mit Prentiss zurück zum SUV.

„Dann hat Bobby die Gegenstände der Opfer als Ersatz für die Haarspangen seiner Mutter mitgenommen. Sie hatten eine ähnliche Form."

„Richtig", stimmte Rossi zu. „Nur die Gegenstände konnten die Erinnerung nicht ersetzten. Jedes Mal war er auf der Suche nach ‚richtigeren' Duplikaten."

„Das könnte bedeuten, dass er nicht weiter töten wird!"

„Und Hotch wahrscheinlich recht behält und Bobby zurückkehrt um zu trauern." Eilig stiegen sie in den Wagen und fuhren mit quietschenden Reifen davon.

„Und was hat dich zu diesem Beruf gebracht?"

Lange hatten sie schweigend die Gegend beobachtet. Nun schaute Hotchner verwundert zu Frank hinüber. Dann begann er zu erzählen: „Ich habe als Staatsanwalt am Gericht in Seattle gearbeitet. Mir war es nicht genug, die Täter einfach zu bestrafen. Ich wollte sie selber fangen und versuchen Opfer zu retten… Ich will es immer noch."

„Dann bist du eigentlich ein Jurist?!"

„Ja… Und gerade das macht unser Team so einzigartig. Jeder hat sein Spezialgebiet."

Plötzlich erklang ein Knacken im Funk und Prentiss aufgeregte Stimme war zu hören: „An alle Einheiten. Wir verfolgen einen verdächtigen Radfahrer. Wir sind auf der South Webster Avenue auf Höhe des Sankt Vincent Hospital."

Ruhig lauschten sie auf die Worte über den Äther.

„Wir schließen zu euch auf. Behaltet ihn im Auge, nicht eingreifen."

Frank erkannte Morgans Stimme und schaute zu Hotchner hinüber. Dieser machte aber keine Anzeichen sich in die Verfolgung einzuschalten.

„Er kommt zu uns." War das einzige was er dazu sagte.

„Wir überqueren die East Mason Street." Prentiss Stimme erklang erneut über den Funk.

„Komm schon", leise entfuhren Hotchner die Worte. Er wollte sich nicht getäuscht haben. Nicht dieses Mal!

Die Sekunden verstrichen endlos langsam.

„Wir sind an der Chicago Street vorbei."

„Das kann nicht unser Täter sein." Hotchner schlug mit seiner Hand enttäuscht aufs Lenkrad.

„Jetzt biegt er rechts in die Crooks Street." Morgans Stimme erscholl durch das Funkgerät. „Hotch wir kommen auf euch zu."

Langsam nahm Hotchner das Mikrophon zur Hand: „Verstanden."

Er öffnete die Tür und stieg aus. „Komm. Wir verstecken uns im Wäldchen." Überrascht folgte ihm Frank im kurzen Abstand.

„Wir werden ihm Zeit lassen. Vielleicht gibt er uns einen Hinweis für den Grund seiner Taten."

„Okay." Blind folgte sie seinen Anweisungen und schlug sich auf ein Handzeichen hin einen Weg ins Gebüsch.

„Noch zwei Blocks." Ertönte Morgans Stimme in ihrem Ohr. „Wir lassen uns etwas abfallen."

„Verstanden." Erklang kurz darauf die Bestätigung von Hotchner.

Frank versuchte sich auf die Umgebung zu konzentrieren und jedes Geräusch zu erfassen. Ihre Nerven und Muskeln spannten sich an. Bis sie endlich ein leises Rauschen durch die Nacht hörte. Die Reibungen von Reifen auf Asphalt. Sie entspannte sich. Nun wusste sie, von wo der mögliche Täter auf sie zukam.

„Er kommt." Hotchners geflüsterte Stimme erklang.

„Ja, ich höre ihn." Antwortete Frank ebenso leise.

Das Surren des Fahrrades verstummte. Sekunden später trat eine dunkle Gestalt in ihr Blickfeld. Gespannt beobachteten die beiden Agents ihren vermeidlichen Täter.

Er blieb stehen und bückte sich. Es dauerte einen Moment bis Frank erkannte, was er tat… Er pflückte Blumen. Dann ging er weiter und kniete sich an der Stelle wo man Dorothy gefunden hatte nieder.

„Mummy, endlich habe ich dich wiedergefunden…" Hotchner gab Frank ein Zeichen und langsam näherten sie sich mit gezogenen Waffen dem Täter. „Warum hast du mich nur alleine gelassen. Ich habe dich so vermisst!"

„FBI", sprach Hotchner die Person vor sich an, „heben Sie langsam ihre Hände."

Erschrocken zuckte der Schatten vor ihnen zusammen und ließ die Blumen zu Boden fallen.

„Ich will die Hände sehen."

„Mummy", schrie der Junge plötzlich auf. „Sie wollen mich schon wieder wegbringen. Bitte lass es diesmal nicht zu! Bitte!"

Einen Moment zögerte Hotchner, dann steckte er seine Waffe ein und näherte sich langsam dem am Boden knienden Jungen.

„Steh auf", seine Stimme erklang plötzlich weicher aber bestimmend. Er griff nach seinem Arm und zog ihn auf die Füße.

„Arme hoch!" Routiniert durchsuchte er den Jungen nach möglichen Waffen ab, und legte ihm schließlich Handschellen an.

Die Tür ging auf und Morgan betrat den Raum.

„Garcia hat Bobbys Mutter gefunden. Rossi und Reid sind schon unterwegs, um sie zu holen."

Hotchner stand vor der Fensterscheibe und beobachtete den in sich zusammengesunkenen Jungen.

„Was meinst du, wie lange er bekommt?"

Hotchner zog seine Augenbrauen hoch und atmete tief durch. „In Wisconsin kannst du schon als Zehnjähriger für Mord zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden."

„Vielleicht bekommt er einen milden Richter, der die Umstände seiner Taten wenigstens versucht zu verstehen."

„Möglich… Darum habe ich Garcia auch auf Miss Rice angesetzt. Eventuell kann sie positiv auf ihren Sohn einwirken und damit eine Wiederaufnahme in einigen Jahren ermöglichen."

Goethe:

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide."

„Morgen", Morgan ließ seine Reisetasche neben denen seiner Kollegen in der Lobby des Hotels fallen und trat zu den bereits wartenden. „Morgen." Kam es vielstimmig zurück.

„Können wir aufbrechen? Alle soweit da?"

„Rossi kommt sofort. Er hat einen Telefonanruf bekommen." JJ deutete auf den Mann, der mit dem Rücken zu ihnen stand und in sein Handy sprach.

„Und wo ist Hotch?" Frank, die auch kurz zuvor erst eingetroffen war, fehlte ihr Teamleiter. Sie hatten die meisten Stunden in den letzten Tagen zusammen verbracht und langsam gewöhnte sie sich an ihn.

„Er ist an die Luft gegangen." Prentiss wandte sich direkt an Morgan. „Er schien mir sehr nachdenklich."

„Lasst uns fahren." Morgan winkte Rossi, das sie aufbrechen wollten. „Ich hole Hotch."

Draußen löste er sich von dem Tross seiner Kollegen und ging auf Hotchner zu, der etwas abseits mitten auf dem Rasen des Hotelvorgartens stand und an den Stamm der schattenspendenden Eiche lehnte.

„Hotch?!" Morgan sprach ihn schon von weitem an. Doch dieser reagierte nicht auf seinen Zuruf. „Aaron, kommst du? Wir wollen los." Er berührte ihn sacht am Arm und holte ihn dadurch in die Wirklichkeit zurück.

Obwohl er nicht ein Wort von Morgan bewusst gehört hatte, konnte er sich denken, was er wollte. Im Hintergrund sah er seine Kollegen mit ihren Taschen zum Wagen gehen. „Ich komme."

„Was ist mit dir?" Morgan blieb neben ihm stehen und starrte ebenfalls in die Luft.

„Nichts." Hotchner wollte sich umdrehen und gehen.

„Warte, lass uns reden." Morgan hielt ihn zurück. „Dieser Fall hat dich an den Reaper und Haley erinnert. Du hast deine Gedanken während der Ermittlungen verdrängt. Nun brechen sie umso stärker hervor."

„Schon…" Geschlagen gab Hotchner seine Gegenwehr auf. Morgan würde ihn nicht gehenlassen, bis sie miteinander gesprochen hatten. Resignierend begann er seine Gedanken mitzuteilen: „Der Gedanke an Haley schmerzt aber nicht mehr so sehr. Sie wird immer ein wichtiger Bestandteil in Jacks Leben sein. In meinem Leben."

„Vielleicht war es gut, dass wir uns um diesen Fall gekümmert haben."

„Vielleicht." Stimmte Hotchner unsicher zu. Er wusste es selber nicht. Irgendetwas hatte sich in seinem Leben verändert. Nur was, das vermochte er nicht zu sagen. Im Moment noch nicht. Er fühlte sich leichter, aber gleichzeitig verwirrte es ihn. Hatte er diese Leichtigkeit schon je einmal gespürt? Als Kind vielleicht? Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen. In seinen Grübeleien war er eben so weit gekommen, dass er den Grund für diese Veränderung in der nahen Zukunft unbedingt herausfinden musste.

Würde es so schnell, wie es in sein Leben getreten war, auch wieder von alleine verschwinden? Oder durfte er es behalten? Wenn ihn jemand fragen würde, wie es sich anfühlte? Als Erstes würde ihm das Wort ‚berauschend' über die Lippen kommen.

Tief sog er die Luft des frühen Morgens in seine Lungen. „Ist die Luft nicht herrlich? So erfrischend und sauber… Manchmal frage ich mich, ob ich das Jack antuen kann?!"

„Was?"

„In einer großen miefigen grauen Stadt aufzuwachsen. Vielleicht sollte ich mich in einen kleinen Ort versetzen lassen. Ich hätte mehr Zeit für ihn und er würde gesünder aufwachsen."

Morgan war erstaunt. Er hatte nicht mit diesem Thema gerechnet.

„Ich habe keine Kinder, darüber musst du mit JJ reden. Aber ich denke, so grau ist D.C. nun auch nicht. Wenn ich bedenke, wie der Bezirk in Chicago aussieht, wo meine Geschwister und ich aufgewachsen sind. Und geschadet hat es uns auch nicht…

Dazu ist der Vorort in dem ihr lebt doch noch sehr grün. Wenn Jack etwas entbehrt, dann ist das die Liebe seiner Mutter." Morgan schmunzelte leicht vor sich hin. „Obwohl Jessica ihm ihre ganze Liebe als Tante schenkt… Und ich glaube auch, dass Jack sehr stolz auf dich ist. Wer kann schon von seinem Vater behaupten: Er arbeite beim FBI?"

Hotchner zog leichte seine Schulter hoch.

„Du würdest ihn aus seiner gewohnten Umgebung reißen. Er müsste sich neue Freunde suchen. Haleys Grab ist in D.C. … Was ist mit deinem Job? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du etwas anderes machst, als mit uns Verbrecher zu jagen. Das Team ist gut und das ist hauptsächlich dein Verdienst… Du siehst, es gibt so viele Gründe es nicht zu tun!"

„Es war ja nur so ein Gedanke. Du wolltest es wissen! ... Komm."

Hotchner legte seine Hand auf Morgans Schulter und lachend gingen sie zu den beiden SUV wo ihre Kollegen schon auf sie warteten.