3 – Unsichtbares Reich (Invisible Empire)
Der volle Mond trat hinter den dunklen Wolken hervor und erhellte die Hauptstraße von Arkadelphia, einer Kleinstadt in Arkansas. Die nächtlichen Straßen lagen verlassen da. Nur ein gedämpftes Gemurmel drang durch die Nacht, das aus den Pubs weiter oben kam. Friedlich schien die Nacht zu vergehen, bis eilige Schritte auf nassen Asphalt die Ruhe durchbrachen.
Ein junger Mann kam aus einer der Seitenstraßen gerannt. Gehetzt schaute er mit angsterfüllten Augen über seine Schulter zurück. So schnell er konnte rannte er auf die gedämpften Geräusche zu. Dort hinten war er in Sicherheit.
Schon schoss eine weitere Person um die Ecke, ganz in weiß gekleidet. Nur die Augenpartie war sichtbar. Im vollen Tempo nahm dieser die Verfolgung auf.
Der mit kurzen Hosen und T-Shirt bekleidete Mann fühlte Hoffnung in sich aufsteigen. Bald hatte er die rettenden Pubs erreicht.
Doch die Hoffnungen des jungen Mexikaners zerplatzten je. An der nächsten Kreuzungsecke sprang ihm eine weitere Person, wieder ganz in weiß gekleidet, in den Weg. Erschrocken blieb er abrupt stehen. Schwer atmend wandte er sich um und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Die Weißgekleideten kamen langsamen Schrittes auf ihn zu. Ein leises Kichern war zu hören. Dann drangen nur noch die entfernten Geräusche des nächtlichen Städtchens zu ihm hinüber. Es blieb ihm nur die eine Möglichkeit, die kleine dunkle Seitengasse, die sich zu seiner Rechten öffnete. Die einzige Chance seinen Verfolgern zu entkommen. Entschlossen begann er erneut zu rennen.
Die zwei Verfolger kamen heran, sahen sich ohne ein Wort zu sprechen an und folgten dem Mann langsam in die dunkle Straße.
Eine viertel Stunde später traten zwei weiß gekleidete Menschen aus derselben Seitenstraße und gingen schweigend nebeneinander her. Sie zogen die weißen Tücher von ihren Gesichtern und ließen die Kapuzen von den Köpfen rutschen.
Als hätte diese Veränderung auch die Menschen ausgewechselt, begannen sie miteinander zu reden und schienen gemeinsam auf einer ausgelassenen Kneipentour zu sein. Gut gelaunt verschwanden sie hinter der Tür des ersten Pubs der ihren Weg kreuzte.
Leichtes Stöhnen war nur noch auf der nächtlichen Straße zu hören. Ein Blick in die kleine Seitenstraße erfasste den Auslöser. Der junge dunkelhäutige Mann lag mitten auf der Straße, seine Arme im rechten Winkel zum Körper, die Beine lang ausgestreckt. Ein letzter Atemzug, dann wurden seine verängstigten Augen starr.
„Ja Agent Blair. Ich werde es sobald als möglich mit dem Team besprechen, und ihnen dann über unseren Beschluss Bescheid geben." Agent Jennifer Jareau saß an ihrem Schreibtisch, von vielen Akten umringt und sprach ruhig ins Telefon. „Schicken sie mir noch die neuen Ergebnisse, die sie von der Gerichtsmedizin bekommen haben. Und denken Sie bitte auch an die Berichte der anderen Vorkommnisse. Wir werden sie Analysieren und prüfen, ob wir es hier eventuell mit dem gleichen Täter zu tun haben… Gut. Wir werden uns in der Zeit schon mal die anderen Fakten ansehen… Ja, ich melde mich dann." JJ legte den Hörer auf. Sie fuhr sich mit der Hand über die übermüdeten Augen. Dann griff sie zu ihrem Handy und wählte ihren Chef an.
„Aaah!" Ein schriller Schrei durchschnitt die nächtliche Stille.
Entsetzt schaute eine junge Frau auf den Mann am Boden nieder. Sie spürte innerlich, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte. Dazu war die Blutlache die ihn umgab viel zu groß und seine Gesichtsfarbe war gräulich. Die Augen starrten in den wolkenreichen Himmel.
Den Würgereiz unterdrückend, eilte sie zum Ende der Straße. Hier zog sie das Handy aus der Tasche und wählte den Notruf.
„Notrufzentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?" Eine freundliche Stimme hatte das Gespräch angenommen. Diese wirkte sich augenblicklich beruhigend auf die Anruferin aus und ihre Stimme, von der sie meinte, sie könnte ihr versagen, brachte die schlimmen Worte hervor: „Ich habe eine Leiche gefunden. Zumindest sieht er ganz danach aus."
„Können Sie mir sagen, wie sie heißen und wo Sie die Leiche gefunden haben?"
„Mein Name ist Dora Harrison. Ich befinde mich an der Ecke Caddo Street und South Peake Street."
„Mrs. Harrison, bleiben Sie bitte dort. Ich schicke Ihnen sofort meine Kollegen vorbei."
Schon kurz darauf konnte die junge Frau die Sirenen in der Ferne vernehmen.
„Hey, da seid ihr ja wieder", Prentiss sah auf, als ihre Kollegen Frank und Morgan durch die Glastür traten.
„Guten Morgen Emily. Gab es etwas Besonderes?" Derek Morgan ließ sich auf der Tischplatte seines alten Schreibtisches nieder und sah Prentiss gut gelaunt an. Susanne Frank setzte sich derweil an den besagten Schreibtisch, ihrem neuen Arbeitsplatz.
„Nein, bis gestern Abend nicht! Ein paar Anfragen zur Profilerstellung, das Übliche halt… Und wie war euer Lehrgang?"
„Sehr interessant." Frank lehnte sich entspannt zurück. „Ich habe jedes Wort aufgesogen."
Die Drei lachten trotz der frühen Morgenstunde ausgelassen.
Prentiss Blick ging zurück zur Tür. Sie sah ihren Chef mit JJ im Flur vor den Aufzügen stehen und anscheinend in einem ernsten Gespräch vertieft.
„Das sieht mir nach einem fiesen neuen Fall aus." Schloss Prentiss aus den Gesichtsausdrücken der beiden Kollegen.
„Ja", stimmte Morgan zu, „sie haben gestern Abend noch telefoniert. Es muss wirklich dringend sein, wenn er das Meeting für 6a.m. ansetzt.
Wir sind deshalb auch nicht mehr durchgefahren, sondern haben noch einen Zwischenstopp für die Nacht eingelegt."
SSA Aaron Hotchner betrat mit seiner Tasche in der Hand das Großraumbüro und kam zu ihnen herüber. Er nickte Prentiss zur Begrüßung kurz zu und begann dann ohne Umschweife mit der Arbeit: „JJ bekommt noch einige Informationen über den neuen Fall herein. Wir treffen uns dann gleich im Besprechungszimmer." Hotchner ging weiter zu seinem Büro, als er sich nochmals zu ihnen umdrehte. „Weiß das restliche Team über den frühen Termin Bescheid?"
„Ja, sie sollten jeden Augenblick hier auftauchen." Beantwortete Prentiss die Frage.
Als Jennifer Jareau das Besprechungszimmer des Teams betrat, saßen ihre Kollegen schon um den ovalen Holztisch verteilt.
„Hey JJ, was gibt es so Dringendes?" Morgan schaute ihr interessiert entgegen.
Diese legte die Mappe mit den Unterlagen auf den Tisch und begann den neuen Fall zu erläutern: „Agent Blair aus der Außenstelle in Little Rock, Arkansas bittet uns um Hilfe. In der Umgebung der Kleinstadt Arkadelphia passiert zurzeit Ungewöhnliches. Sie hätten gerne eine Einschätzung von uns.
Es begann vor zwei Monaten mit einer Brandstiftung im Außenbereich. Eine Scheune voller Stroh wurde in Brand gesetzt."
Die blonde Agentin nahm die Fernbedienung für den großen Bildschirm an der Wand zur Hand und ließ die Bilder zu dem Brand aufleuchten. Während sie weitersprach erschienen die passenden Bilder zu den Vorgängen.
„Es folgten zwei Straßenkämpfe. Beim ersten Mal wurde Ben Slights, ein fünfundvierzigjähriger Afroamerikaner, verprügelt. Er wurde mit diversen Knochenbrüchen und Platzwunden, die den Ermittlungen nach von einem stumpfen Gegenstand stammen, ins Krankenhaus eingeliefert. Zu dem Täter kann er keine Angaben machen, denn er wurde hinterrücks überfallen und schon mit dem ersten Schlag zu Fall gebracht.
Beim zweiten Überfall ging es nicht so glimpflich ab. Mia Price, dreiunddreißig, wurde zu Tode geprügelt. Bei ihr konzentrieren sich die Schläge hauptsächlich auf den Kopf. Nach dem Obduktionsbericht waren schon die ersten Schläge tödlich. Sie hat nicht lange gelitten."
„Er lernt von Tat zu Tat dazu." Rossi lehnte sich vor und zog das Foto des ersten Opfers aus der Mappe. Er hatte lieber etwas in der Hand als nur die Bilder an der Wand. Reid, dem es genauso erging, brachte sich in das Gespräch ein:
„Aber warum sollte er von Brandstiftung zum persönlichen Angriff übergehen? Da scheint mir kein Zusammenhang zu bestehen. Ich denken, wir haben es mit zwei verschiedenen Tätern zu tun."
Prentiss nickte zustimmend, wandte aber ein: „Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass sich in einer Kleinstadt gleich zwei Serienmörder herumtreiben. Außerdem kann es für den Brand auch noch andere Gründe geben."
„Es geht noch weiter…" JJ brachte ein neues Bild auf den Schirm. „Hier wurde vor einer Woche das Wohnhaus einer Farm angezündet. Mitten in der Nacht wurden vier Molotow-Cocktails durch die Fenster geworfen. Das Haus muss innerhalb von Minuten in Brand gestanden haben. Die Bewohner, die angloamerikanische Familie Abbott, wurde im Schlaf überrascht. Keiner konnte gerettet werden. Kate und David, die Eltern und ihre Kinder Ashley und John. Sie waren acht und sechs Jahre alt."
Entsetzte Stille legte sich über dem Raum. Alle warteten, dass JJ mit ihrem Bericht fortfuhr.
Doch Hotchner unterbrach die Stille: „Heute Nacht haben sie das nächste Opfer in einer Straße gefunden. Mexikaner, um die Zwanzig. Weitere Informationen bekommen wir noch."
„Agent Blair und Sheriff Warren konnten bisher noch keine Spuren finden, die sie den Tätern näher gebracht hätten." Übernahm JJ wieder das Wort. „Die Zeiträume zwischen den Verbrechen werden immer kürzer. Es bricht langsam Panik unter den Einwohner aus. Die Ersten stehen kurz davor die Stadt zu verlassen."
„Dann sollten wir uns beeilen!" Morgan sprach sehr bestimmt. „Eine Wochen ist es her, dass der letzte Brand war?" JJ nickte nur auf seine Frage. „Haben wir Angaben über die einzeln Zeiträume zwischen den Taten?"
„Nicht wirklich. Momentan ist man sich noch nicht einmal sicher, ob die Verbrechen überhaupt etwas miteinander zu tun haben. Das FBI wurde nach dem ersten Mord eingeschaltet. Die letzten Ermittlungen laufen noch."
Die Teamkollegen wechselten untereinander teils ratlose Blicke. Bis Hotchner entschieden die Fotos aus der Mappe zur Hand nahm und sie vor sich ausbreitete. Er schob sie hin und her.
„Es gibt zwei Möglichkeiten:
Entweder haben wir es hier mit einem Täter zu tun, der seine Mordvariante noch nicht gefunden hat. Oder es gibt zwei Täter, die ihr Unwesen treiben."
„Was ist, wenn es sich um eine Bande handelt?" Frank starrte auf die Fotos.
„Das wäre eine dritte Möglichkeit."
„Obwohl Gangs eigentlich immer nach demselben Muster agieren. Sie spielen sich aufeinander ein und jeder weiß was er zu tun hat." Meldete sich Morgan zu Wort.
„Also denkst du, wir könnten die Gang ausschließen?" Frank sah ihren Kollegen quer über den Tisch hinweg an.
„Ja, ich denke schon. Ich bin in Chicago aufgewachsen und weiß wie die Gangs agieren, die die Straßen unsicher machen."
„Wir sind aber hier in einer Kleinstadt und dazu im Süden des Landes."
„Da hat Susanne recht. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Freundschaften laufen dort anders ab." JJ stimmte Frank zu.
„Es bringt nichts… Egal, was uns dort erwartet, sie brauchen Hilfe!" Hotchner erhob sich. „Lasst uns aufbrechen, wir können im Flugzeug weitermachen."
Der neue Tag war angebrochen. Die Sonne war gerade über den Horizont gestiegen, als in der Seitenstraße in Arkadelphia schon hektische Betriebsamkeit herrschte. Polizisten wimmelten überall herum und versuchten Spuren des Täters zu sichern.
Ein großer, kräftiger Mann im hellgrauen Anzug trat mit einem Uniformierten in die Straße.
„Das ist jetzt schon der dritte Mord in fünf Wochen Jeff. Es wird Zeit, dass deine Kollegen aus Quantico kommen und dieses Schwein schnappen… Obwohl ich mir nicht sicher bin, wie sie überhaupt eine Spur von ihm finden wollen. Niemand scheint den Mörder bei seinen Taten zu beobachten. Es ist, als wäre er ein Geist."
„Ich habe sie schon über das neue Opfer unterrichtet. Sie sind unterwegs und werden bald landen. Ich habe ihnen gesagt, dass wir uns hier am Tatort treffen… Anscheinend ist die BAU auch der Ansicht, dass wir es hier mit einem Serienmörder zu tun haben." Der hellhäutige Hüne sah beruhigend auf den afroamerikanischen Sheriff der Kleinstadt hinunter.
„Ehrlich gesagt bin ich immer noch skeptisch."
„Paul hab vertrauen. Vielleicht schaffen wir es mit ihrer Hilfe." Agent Blair fuhr sich mit der flachen Hand über seinen fast kahlen Kopf. „Wir tappen doch noch immer völlig im Dunkeln. Nicht die kleinste Spur."
Christa Schyboll:
"Lüge – du bist nicht der Gegenpart der Wahrheit, sondern nur ihre Variante von Blindheit, Irrtum und Angst."
„Hey Leute, wacht auf, wir landen in einer halben Stunde." Hotchner der die meiste Zeit des Fluges dazu benutzt hatte, sich Gedanken über den neuen Fall zu machen, öffnete seine Augen und sah auf. JJ kam aus der Bordküche. Sie brachte ein Tablett mit frisch duftenden Kaffee zum Tisch und stellte es ab.
„Hier", sie schob Hotchner ein mit Schreibmaschine getipptes Fax hin.
„Was ist das?"
„Die ersten Angaben zum neuen Opfer."
Die Teammitglieder hatten das Gespräch verfolgt und versammelten sich nun nach und nach um den Tisch. Während Hotchner das Schreiben las, griff sich Reid als erstes eine Tasse mit dem dampfenden Kaffee und setzte sich.
Frank hingegen, die so saß, dass sie ihren Chef im Blick hatte, las in aller Ruhe bis zum nächsten Absatz ihres Buches. Leise ließ sie es zuklappen und in ihrer Tasche verschwinden.
Rossi, der einen Sitz vor ihr saß, ergriff sich ebenfalls eine der Tassen und lehnte sich entspannt zurück.
„Heute Morgen haben Sie Ruben Hermandez in einer Seitenstraße gefunden. Sein Körper wurde mit mehreren Messerstichen massakriert. Sie haben ihn in die Pathologie gebracht, um die genaue Todesursache zu untersuchen."
„Sonst gibt es keine Hinweise?" Morgan hatte sich neben Hotchner niedergelassen.
„Nein."
„Guten Morgen!" Garcias Stimme kam aus dem Laptopbildschirm.
„Hey süße Maus, was liegt an?" Morgan sah die technische Analystin des FBIs auf dem Bildschirm erscheinen.
„JJ hat mich um Informationen über einen Ruben Hermandez gebeten. Nun… hier kommen sie:
Er ist… er war neunzehn und auf der Henderson State Universität in Arkadelphia eingeschrieben. Er hat sich besonders für Naturwissenschaften interessiert, war Mitglied des Astronomieclubs und ein begeisterter Leichtathlet."
„Okay", Hotchner überlegte kurz, „Morgan, Rossi ihr fahrt zur Universität und schaut euch dort um. Nehmt Frank mit. Wir anderen sehen uns den Tatort an."
„Agent Blair?"
„Ja?" Der große kahlköpfige Mann drehte sich um.
„Agent Jarreau von der BAU. Wir haben gestern telefoniert."
Nicht gerade beeindruckt musterte Blair die junge Agentin. Er faste sich aber schnell und hielt ihr höflich die Hand hin. „Freut mich. Gut das sie kommen konnten. Wie sie sehen, brauchen wir dringend Hilfe."
„Darf ich Ihnen einen Teil des Teams vorstellen? Agent Hotchner, der Teamleiter, Agent Prentiss und Doktor Reid." Blair erwiderte den kräftigen Händedruck von Hotchner zur Begrüßung.
„Was haben Sie herausgefunden Agent Blair?" Hotchner ging langsam auf den Tatort zu. Die Umrisse eines menschlichen Körpers waren mit Kreide auf den Asphalt gemalt worden.
„Nicht wirklich viel. Es gibt nichts, was auf den Täter schließen lässt. Keine Fußspuren. Die Kleidung und der Leichnam werden noch untersucht. Vielleicht haben wir Glück und finden diesmal etwas." Hotchner merkte, dass der Mann neben ihm langsam am verzweifeln war.
„Haben Sie Fotos hier? Vielleicht können sie uns schon weiterhelfen."
„Ja", Blair winkte einen der Deputys heran und nahm die Beweisakte zur Hand.
Reid bewegte sich unterdessen um den Tatort herum und blieb zu den Füßen des imaginären Toten stehen.
„Lag Hermandez wirklich so da? Ich meine, als Kreuz. Mit geraden Beinen und ausgestreckten Armen?"
„Ja", kam eine Stimme aus dem Hintergrund. Erschrocken fuhren die Agents und Blair herum.
„Paul, du sollst dich nicht immer so anschleichen." Missbilligend sah der FBI-Agent den Sheriff an. „Agents, das ist der zuständige Sheriff für diese Stadt, Paul Warren."
Der Sheriff ließ sich nicht ablenken und fragend sah er Reid an: „Was sagt Ihnen das?"
„Nun", Reid führte ruhig seine Entdeckung aus, „er wurde mit Absicht so hingelegt. Wenn jemanden Verletzungen zugeführt werden, besonders in den Bauchbereich, würde er sich wie ein Fötus zusammenrollen, weil es die Schmerzen etwas lindert. Er würde seine Arme schützend davor halten."
Reid drehte sich um. „Die Füße zeigen nach Süden… Was soll das bedeuten? Hat es überhaupt eine Bedeutung?"
„Ich denke schon Reid. Der Täter hätte ihn ja einfach so liegen lassen können, wie er gefallen ist. Aber sieh dir die Blutspuren an. Er wurde etwas über den Boden geschleift." Prentiss deutete auf die Blutlache, die sich rechts von dem Fundort ausgebreitet hatte. Sie ging in die Hocke und schaute sich den roten Fleck etwas genauer an.
„Auf welche Uhrzeit hat der Mediziner den Todeszeitpunkt geschätzt?" Hotchner sah die beiden örtlichen Gesetzesvertreter mit seinem hochkonzentrierten Gesicht an. Seine dunklen Augenbrauen waren zusammengezogen.
„Zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht."
„Hotch", unterbrach Prentiss das Gespräch, „kannst du dir das hier mal ansehen?!"
Hotchner hockte sich neben seine Kollegin, Blair und Warren umstellten den Blutfleck.
„Mmh… Ein kleiner Teil eines Schuhabdruckes? Aber dann müsste es Spuren dazu in der Umgebung geben."
„Es sei denn, er hat es bemerkt und seinen Schuh ausgezogen, oder das Blut abgewischt."
Hotchner nickte zustimmend zu Prentiss Ausführung. Er sah zu den örtlichen Ermittlern auf. „Könnten Sie diesen Abdruck aufnehmen. Er ist zwar ziemlich klein, aber vielleicht kann unsere Analystin doch noch etwas über ihn herausbekommen. Für die Schuhgröße wird der Ausschnitt aber wohl zu klein sein."
Währenddessen bremste Morgan den schwarzen SUV vor der Universität ab. Sie stiegen aus und Rossi deutete kurz auf ein Schild, das den Weg zum Sekretariat wies.
„Entschuldigen Sie, junger Mann." Morgan hielt einen Studenten auf, der eilig an ihnen vorbei wollte.
„Was?" Kam die kurze Antwort und die Agents nahmen die Veränderung im Gesicht des Studenten war. Er sah Morgan genauer an und musterte ihn von oben bis unten. Dann wandte er sich an Rossi und Frank: „Ich bin spät dran… Aber wie kann ich Ihnen behilflich sein?"
„Kennen Sie einen Ruben Hermandez? Er soll auf diese Uni gehen." Rossi sah den Fremden interessiert an.
„Ja, hier kennt jeder jeden. Ich weiß aber nicht, welchen Kurs er gerade hat. Da müssten Sie sich schon im Sekretariat erkundigen."
„Danke, das werden wir machen." Rossi lächelte.
„Sind Sie zufällig mit Ruben befreundet?"
Der junge Mann verzog angewidert sein Gesicht: „Sehe ich so aus?" Herablassend sah er Morgan an.
„Wie würden Sie Ruben den beschreiben?" Frank mischte sich ein.
„Wieso wollen Sie soviel über Ruben wissen? Wer sind Sie überhaupt?"
Rossi zog seine Marke. „Verhaltensanalyseeinheit des FBI. Ich bin Agent Rossi. Meine Kollegen Morgan und Frank…" Er ließ dem Jungen einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten. „Dürfen wir auch Ihren Namen erfahren. Es lässt sich leichter miteinander reden."
Zögernd, als müsste er lange über die Frage nachdenken, antwortete er: „James Carter."
„Gut, James Carter. Wie sieht es aus, … können Sie eine Angabe zu der Frage machen?"
„Ruben ist ruhig und unauffällig. Wir hatten einige Kurse zusammen in der High School, aber mehr weiß ich nicht über ihn… Was hat er denn angestellt, dass Sie so viel über ihn wissen möchten?"
„Nichts…", gab Morgan spitz zur Antwort. „Er ist heute Nacht ermordet worden und wir möchten gerne wissen, wer das war!"
Die Nachricht schien ihn nicht gerade zu verwundern. Seine Augen blitzten erfreut auf. Dann wurden sie wieder dunkel.
„Ich denke, ich kann Ihnen da leider nicht weiterhelfen. Wenn Sie mich dann jetzt entschuldigen würden."
„Bitte." Rossi entließ ihn.
James Carter schien wie auf Watte zu gehen und es auf einmal nicht wirklich eilig zu haben. Die Agents wechselten erstaunte Blicke.
„Was habt ihr herausgefunden?" Hotchner saß mit seinem Team in einem kleinen Raum in der Polizeistation. Sheriff Warren und Agent Blair hatten sich zu ihnen gesellt und warteten nun gespannt auf die ersten Erkenntnisse. Erstaunt hatten sie Blicke ausgetauscht, als ihnen noch die drei weiteren Agents vorgestellt wurden. Dass die BAU gleich mit sieben Agents anrücken würde, damit hatten sie nicht gerechnet.
„Wir haben uns mit dem Professor von Ruben Hermandez unterhalten. Er hat ihn als ruhigen und wissbegierigen jungen Menschen beschrieben. Der Professor wollte Ruben unterstützen, damit er im nächsten Jahr für eine New Yorker Uni ein Stipendium bekommt. Seine Interessen bezogen sich auf die Naturwissenschaften, besonders die Astronomie, genau wie Garcia schon herausgefunden hatte." Morgan brachte den Inhalt der Gespräche an der Uni in wenigen Worten wieder. Rossi ergänzte:
„Nach der Aussage des Professors haben die Beiden die Sache mit dem Stipendium noch nicht publik gemacht. Also gibt es hier keinen Grund für Neid."
„Merkwürdig war nur James Carter, ein Student. Wir trafen ihn vor der Uni und…" Frank suchte nach den richtigen Worten, während Hotchner aufhorchend sie interessiert musterte.
„Er hat Ruben genauso beschrieben wie der Professor." Morgan schaltete sich ein.
„Das meine ich nicht… das weißt du ganz genau!" Frank sah Morgan böse an.
„Frank hat recht. Wir dürfen sein Verhalten nicht unbeachtet lassen." Rossi stimmte seiner Kollegin zu. „Er war rassistisch. Nicht nur mit Worten, sondern mit seiner Körperhaltung, mit seinen Blicken. Am liebsten wäre er auf Dereks Fragen gar nicht eingegangen."
„Er war nicht erschrocken, als wir ihm von Rubens Tod erzählten…" Frank lehnte sich leicht vor. „Er hatte es plötzlich nicht mehr eilig zu seiner Vorlesung zu kommen. Ein leichter beschwingter Gang." Sie sah Hotchner direkt an. Sie wollte, dass er verstand, was sie mit ihren Worten meinte.
Hotchner wandte sich an Blair und Warren. „Kennen Sie diesen James Carter?"
„Sicher… Hier fällt es auf, wenn ein Fremder durch die Stadt geht." Sheriff Warren hatte sich an ein Regal im hinteren Teil des Zimmers gelehnt. „Ich kenne ihn nicht gut. Er ist polizeilich noch nie negativ aufgefallen."
„Wenn er so weiter macht, wird er es früher oder später." Rossi prophezeite den beiden örtlichen Beamten die mögliche Zukunft des jungen Mannes.
„Wir sollten Carter nicht aus den Augen verlieren. Garcia kannst du ihn mal durchleuchten?" Wandte sich Hotchner an den Laptopbildschirm, der in der Mitte auf dem Tisch stand.
„Geht klar Chef!" Erklang Garcias Stimme durch den Lautsprecher.
„Gut." Hotchner schloss damit das Thema und reichte an Rossi ein Foto des Leichnams weiter. „Ruben Hermandez' Körper wurde platziert. In Form eines Kreuzes."
„Dieses Verhalten ist neu." Prentiss schaltete sich ein.
„Seine Füße zeigten nach Süden. Was auch immer das bedeuten soll." Reid brachte den nächsten Punkt an.
„Ein Nachahmungstäter?" Rossi sah auf und reichte das Foto an Morgan weiter.
„Das glaube ich nicht. Wir sollten uns in zwei Teams aufteilen und erstmal davon ausgehen, dass es sich um zwei verschiedene Täter handelt." Hotchner sah Einen nach dem Anderen seines Teams an.
Reid stand auf und trat an die Tafel, die provisorisch in den Raum gestellt worden war: „Mir ist noch etwas aufgefallen, was wir bedenken sollten." Er nahm ein Stück Kreide und schrieb die verschiedenen Daten mit den entsprechenden Verbrechen auf.
„Was auffällt…" er suchte sich drei andere Farben aus der Kreideschale und begann die Wochentage in gelber Farbe vor die Daten zu schreiben. „Bis auf die letzte Tat, wurden alle Verbrechen Freitags-, Samstags- oder Sonntagsnacht verübt. Entweder sind unsere Täter in der Woche nicht in der Stadt, oder irgendetwas anderes hält sie davon ab."
„Das würde bedeuten, dass zumindest einer hektischer wird und wir höchstens zwei Tage haben, um die Profile zu erstellen." Frank war der Ausführung gebannt gefolgt. Nickend stimmte Reid ihrer Aussage zu und nahm dann die rote und blaue Kreide und unterstrich die einzelnen Taten mal in der einen mal in der anderen Farbe. „Dazu finde ich es merkwürdig, dass sich ihre Taten nicht überschneiden. Schlägt der eine an dem einen Wochenende zu, hält sich der Andere zurück. Kommunizieren sie miteinander?"
„Gut beobachtet Reid…" Hotchner war aufmerksam den Ausführungen gefolgt.
„Du meinst so eine Geschichte, wie die beiden Mörder in St. Louis / Missouri, die sich über Zeitungsannoncen verständigten?" Morgan kam der Fall von vor fünf Jahren in den Sinn.
„So etwas in der Art, ja."
„Okay Reid, verfolge diese Spur weiter…" Hotchner stockte bevor er weitersprach. „Obwohl diese Theorie nicht zu ihm passt. Unser UnSub ist nicht organisiert. Er handelt anscheinend zwar nicht aus dem Effekt, denn dann würde er öfters zuschlagen, aber…"
„…der Tathergang und die Tötungsart variierten von Mal zu Mal." Ergänzte Rossi bestimmt. „Unser Täter ist noch reichlich jung."
„Wie jung?", Rossi spürte die interessierten Blicke des Sheriffs auf sich ruhen und schaute ihn direkt in die Augen.
„Um die Zwanzig." Dem Sheriff fiel die Kinnlade herunter.
„Sie meinen, er könnte auch noch jünger sein?"
Rossi nickte nur als Antwort.
„Okay, machen wir weiter… Reid, versuche es, vielleicht kannst du irgendwo eine Spur finden." Hotchner wandte seinen Blick von Reid auf Sheriff Warren und Agent Blair. „Gab es große Traueransammlungen an den Tatorten oder Gedenkgottesdienste?"
„Ja, bei den Abbotts. Viele sind hinausgefahren und wollten sich die Reste des Hauses ansehen. Dabei haben sie dann Blumen und Kuscheltiere abgelegt. Die Initiative ging dabei hauptsächlich von der Schule und den Mitschülern aus."
„Damit gab es die Möglichkeit für den Täter zurückzukehren." Warf Prentiss ein. JJ ergänzte: „Und bei den Anderen war er vielleicht unter den Trauergästen beim Begräbnis."
„Wir müssen herausfinden, warum sie morden." Hotchner schaute das Team an. „Rossi, Morgan und Frank übernehmen das Profil des Straßenmörders. Prentiss, wir werden uns mit den Bränden auseinandersetzen. JJ und Reid helfen, wenn sie Zeit erübrigen können."
Nickend standen die Teammitglieder auf und machten sich an die Arbeit.
„Nachdem was wir bisher über die Taten zusammengetragen haben, sollte der Brandstifter an diesem Wochenende wieder zuschlagen." Rossi hatte sich neben Hotchner an den Schreibtisch niedergelassen.
„Außer, sie haben mitbekommen, dass wir hier sind." Hotchner hatte den Stift aus der Hand gelegt und sich entspannend auf seinem Stuhl zurückgelehnt. „Vielleicht versuchen sie uns zu verwirren."
„Auf welchen Bereich der Stadt sollen wir uns dann konzentrieren?"
„Schwer zu sagen… Die Brände können im großen Umkreis um die Stadt irgendwo gelegt werden."
„Hingegen haben wir die Überfälle in den Straßen auf bestimmte Gebiete einschränken können. Er schlägt nicht in den reichen und hell erleuchteten Bereichen zu. Wie in jeder Stadt sind ihm anscheinend die dunklen Ecken lieber."
„Gut, machen wir für heute Schluss, Dave." Hotchner stand auf und nahm sein Sakko von der Stuhllehne. Zusammen gingen sie in Richtung Ausgang.
„Mit den vorläufigen Profilen sollten die örtlichen Beamten es leichter haben, sich auf die möglichen Täter zu konzentrieren."
„Genau… Ich habe Sheriff Warren schon über unser weiteres Vorgehen informiert. Er hat sämtliche Einsatzkräfte mobilisiert."
„Dann lass uns jetzt verschwinden." Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.
Hotchner betrat den Essbereich des Hotels, das sie bezogen hatten. Mit einem schnellen Blick hatte er die Situation erfasst und die Teammitglieder an einem Tisch in der Mitte des Raumes entdeckt. Entschlossen trat er an sie heran: „Guten Morgen."
„Morgen." Kam die Erwiderung mehrstimmig.
„Leute, es tut mir leid, dass ich euch drängen muss, aber beeilt euch bitte mit dem Frühstück. Es gab bereits das nächste Opfer. Agent Blair erwartet uns vor Ort."
Überraschte Blicke wurden über den Tisch hinweg ausgetauscht, während sich Hotchner einen Stuhl heranzog und sich zu seinen Kollegen setzte. Eine aufmerksame Kellnerin kam an ihren Tisch: „Kaffee?" Fragte sie kurz. Hotchner nickte sie lächelnd an. Sie füllte einen Becher und stellte ihn vor dem Agent auf den Tisch.
„Danke." Nickend nahm sie den Dank entgegen und verschwand so schnell und leise, wie sie aufgetaucht war.
„Aber das passt nicht in das bisherige Profil." Reid fand als Erster seine Sprache wieder.
„Brand oder Straße?" Morgan sah Hotchner aufmerksam an.
„Beides." Gab dieser knapp Auskunft. Vorsichtig nippte er an den Kaffee. „Das Opfer wurde diesmal auf offener Straße verbrannt."
„Morgen Agent Blair", Morgan grüßte den FBI-Agent der Außenstelle. „Haben Sie schon etwas für uns?"
Nickend begrüßte Blair die eintreffenden BAU-Agents. Er sah in einen kleinen Notizblock: „Nach dem Gerichtsmediziner handelt es sich um eine Frau im Alter zwischen zwanzig und dreißig." Er hob das Laken, welches das Opfer bedeckte. „Der Täter hat versucht sie zu verbrennen, doch wie sie selber sehen können, sind nur vereinzelte Teile des Körpers verbrannt. Sie wird wohl nicht schwer zu identifizieren sein."
„Der menschliche Körper brennen nicht so leicht. Das Feuer müsste mindestens 45°C heiß sein, um wirkliche Schäden zu verursachen. Ab 60°C wird es dann gefährlich. Um einen Menschen anzustecken und vollständig zu verbrennen, werden daher gerne Brandbeschleunigern verwendet." Tat Reid sein Wissen kund.
„Diesmal wurde die Leiche nicht in Kreuzform oder in eine bestimmte Himmelsrichtung postiert." Prentiss bewegte sich langsam über die Straße.
„Woran ist sie gestorben? Er hat sie doch wohl nicht lebendig angezündet?" Frank sah Agent Blair entsetzt an.
„Wahrscheinlich nicht. Sie hat eine gezielte Stichwunde im Herzbereich und zwei weitere im Rücken. Der Gerichtsmediziner schätzt, dass sie vorher bereits tot war."
„Heißt das jetzt, dass die Täter zusammen auf die Jagd gehen?" Stille legte sich über den Tatort. Prentiss hatte die Frage laut ausgesprochen, die allen in den Sinn gekommen war.
„Oder es ist nur ein Täter und er wollte feststellen, ob der Rausch doppelt so stark wird, wenn er sein Opfer danach noch ansteckt." Wandte Morgan ein.
„Bleibt noch die Frage, warum der Typ schon heute Nacht zugeschlagen hat!" Reid legte überlegend seine Hand ans Kinn.
„Agent Blair, ist in dieser Woche irgendetwas Besonderes in der Stadt los? Irgendetwas was anders ist?"
„Nein, nicht das ich wüsste." Er schüttelte leicht seinen Kopf.
„Oh doch!" Mischte sich Sheriff Warren ein. Neugierig richtete sich die Aufmerksamkeit der Ermittler auf ihn.
„Was ist es?"
Der Sheriff fixierte Rossi, dann antwortete er: „Kirmes. Es ist nicht viel los in Arkadelphia, daher freuen sich alle auf die jährliche Abwechslung."
„Wann beginnt die Kirmes?" Reid erhoffte sich den nötigen Hinweis aus der Antwort.
„Sie hat Gestern Abend begonnen… Es ist an allen Tagen völlig überfüllt. Viele der Farmerfamilien kommen extra das ganze Wochenende in die Stadt… Es ist der Höhepunkt im Jahr, wo man seine Freunde und Bekannte wiedersieht."
„Sämtliche Fabriken, Geschäfte, Schulen haben heute wahrscheinlich geschlossen, oder sind nur in Notbesetzung." Vermutete Hotchner.
„Richtig." Sheriff Warren nickte.
Rossi tauschte einen Blick mit Morgan und Hotchner. „Die Schausteller können wir ausschließen. Dafür sind die ersten Morde schon zu lange her."
„Sheriff, es gibt schon wieder eine Leiche?" James Carter trat zu den Agents. „Langsam nimmt das aber überhand."
„Mr. Carter, Sie befinden sich hier an einem Tatort… Bitte halten Sie Abstand." Morgan spürte den feindseligen Blick, der ihn streifte.
„Oh, der FBI-Typ von gestern. Haben Sie ihren Job nicht richtig gemacht? Oder warum liegt hier die nächste Leiche?"
Der junge Mann, ganz in weiß gekleidet, zog Hotchners Aufmerksamkeit auf sich. Dieser herablassende Tonfall, den er dem Sheriff und jetzt auch Morgan gegenüber gebrauchte, gefiel ihm nicht. Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte er Carter.
„Was meinen Sie von meiner Arbeit zu wissen?" Morgan blieb ruhig und Hotchner ließ ihn gewähren. Langsam schob er sich neben seinen Kollegen und verfolgte aufmerksam das Gespräch.
„Nun, das kann doch wohl jeder sehen, dass Sie versagt haben. Ihr FBI-Leute seid doch immer so stolz auf euch. Könnt ihr den Mörder diesmal nicht stellen?"
„Ich weiß nicht von wem Sie das haben." Morgan blieb äußerlich ruhig, doch seine Kollegen spürten, wie sich langsam Rage in ihn hochwühlte.
„Es steht doch immer in den Zeitungen: ‚Wir haben diesen Täter erwischt. Wir haben jenen Täter erwischt. '
Nur hier bei uns, seid ihr anscheinend zu blöd!"
Morgan hatte seine Hände zu Fäusten geballt und trat auf James Carter zu.
„Derek", Hotchner ergriff seinen Kollegen an den Oberarmen und zog ihn von dem Gegner weg, „komm mit, das bringt doch nichts."
Nur widerwillig trat der Agent den Rückzug an. Rossi und Reid verstellten dem Angreifer die Sicht.
„Oh, ein kleines Baby… Ist er nicht mannhaft genug sich zu stellen?" Morgan wollte zurück, doch Hotchner hatte mit seinem Ausbruch gerechnet und umklammerte mit einer schnellen Bewegung den Brustkorb seines Agents.
„Hotch lass mich los!" Prentiss und Frank waren Hotchner zur Hilfe gekommen und packten, den kämpfenden Morgan, an den Schultern.
„Komm schon Derek", Frank griff nach seinem Kinn. „Sieh mich an!" Nur zögernd folgte er dieser Aufforderung und nach einigen endlos scheinenden Sekunden wurden seine Augen wieder sanfter, die Wut verflog. Ohne weiteren Widerstand zu leisten ließ er sich von Frank und Prentiss aus der Schusslinie des Provokateurs führen.
Hotchner trat unterdessen neben seine Kollegen. Rossi nahm mit seiner ruhigen rauen Stimme das Gespräch auf: „Turnt sie so etwas an? Hilft das heute Abend bei ihrer Freundin? … Stehen sie so unter dem Pantoffel?"
Verblüfft starrte der junge Mann die Wand von Menschen an. Seine Augen verengten sich und Wut quoll aus ihnen hervor. Er atmete einige Male tief durch und die Agents warteten gespannt auf seine nächste Reaktion.
Stumm drehte sich der junge Mann um und ging davon. „Blutsverräter!" Wütend schrie er das Wort in die Luft.
Das Team saß in der Polizeistation zusammen und besprach die nächsten Schritte. „Wir müssen uns mit den weiteren Ermittlungen beeilen." Rossi sprach die Gedanken des Teams aus. „Wir können nicht davon ausgehen, dass die junge Frau das einzige Opfer an diesem Wochenende bleibt."
„Daher werden wir uns wieder aufteilen. Wir müssen versuchen uns ein Bild über die Opfer zu machen. Wir befragen Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Vielleicht sind wir heute Abend schon schlauer und können den Täterkreis etwas eindämmen." Hotchner schaute auf die Tafel, die ihm gegenüber stand und verteilte die daraufstehenden Namen gedanklich an das Team.
„Gut, Garcia hat vielleicht schon Informationen über unsere Opfer gefunden. Reid übernimmt Ben Slight. Prentiss Mia Price und Morgan und Frank übernehmen die Familie Abbott. David, wir werden uns noch mal mit den Brandstiftungen befassen. Sobald das neue Opfer identifiziert ist, werden wir uns auch mit ihr befassen."
Sie verteilten sich im Raum und machten sich an die Arbeit.
Frank setzte sich neben Morgan, der schon Garcia über den Laptop anrief.
„Hallo Zuckerschnute…" Morgan grinste das Gesicht im Laptop an.
„Hey ihr Süßen, wie kann ich euch helfen?"
„Hast du schon brauchbare Informationen über unsere Opfer in deinem Superspace gefunden?"
„Ja, ist schon bei euch auf dem Rechner. Aber ich sage euch schon vorweg, dass sie nicht gerade ungewöhnlich lebten. Mal eine Anzeige wegen eines Diebstahls als Jugendlicher, das war es dann aber auch schon."
„Es sind aber momentan unsere einzigen Anhaltspunkte, denen wir nachgehen können. Vielleicht gibt uns ja irgendeine Gemeinsamkeit Aufschluss über die Täterprofile."
„Na dann viel Glück. Sagt bescheid, wenn ihr Hilfe benötigt."
„Danke, machen wir."
Morgan druckte die Seiten, die Garcia zusammengestellt hatte aus und verteilte sie an die Kollegen. Leise machten sie sich an die Arbeit.
„Was meinst du, ob es gut wäre sich an der Basic School mal über die Familie Abbott zu erkundigen? Die Lehrer können uns wahrscheinlich am leichtesten Auskunft über die Familienverhältnisse geben." Frank sah Morgan erschöpft an. Sie saßen nun schon Stunden über die Papiere ohne wirklich ein Ergebnis erarbeitet zu haben.
„Das scheint mir momentan auch bald die einzige Möglichkeit wenigstens etwas über die Charaktere der Opfer zu erfahren. Komm." Morgan stand auf und ging zu Rossi und Hotchner hinüber. Frank folgte ihm.
„Hey, habt ihr etwas gefunden?" Rossi sah zu den beiden Kollegen hoch.
„Nicht wirklich." Morgan stützte sich auf der Tischplatte ab. „Wir würden gerne mit den Lehrern der Kinder reden. Eventuell wissen sie auch etwas über die Eltern."
„Ist gut", Hotchner hatte sich auf seinen Stuhl zurückgelehnt.
„Hotch, wie wäre es, wenn du mit ihnen fährst? Ihr könntet euch über Laura King informieren."
„Ist Laura das letzte Opfer?" Frank konnte den Namen mit keinem anderen Menschen in Verbindung bringen.
„Ja", nickte Rossi, „der Name kam gerade herein. Sie soll an der Schule als Lehrerin gearbeitet haben. Mehr wissen wir aber auch noch nicht."
„Das schaffen die beiden auch alleine Dave. Wir werden uns jetzt mit Miss Kings Lebenslauf befassen."
„Ist nicht… Du fährst mit. Garcia und ich werden das auch alleine schaffen."
„Na gut." Hotchner gab sich geschlagen und stand auf. „Dann lasst uns fahren."
„Rossi, ich finde nichts, warum gerade Mr. Slights das Opfer wurde." Ried ließ sich neben den erfahrenden Profiler auf den Stuhl sinken.
„Ich finde auch nichts." Rossi sah auf.
„Mir kommt es so vor, als wenn die Opfer alle rein zufällig ausgewählt worden sind… Wie sagt man so schön: Sie waren alle zur falschen Zeit am falschen Ort."
„Dem stimme ich zu. Und ich denke alle weiteren Bemühungen in diese Richtung werden zum gleichen Ergebnis führen."
Rossi winkte Prentiss und JJ zu sich.
„Wir müssen ganz anders an die Sache herangehen. Lasst uns einfach mal etwas herumspielen… Was zwingt den Täter zu seinen Taten? Warum mal Feuer, mal Schläge, mal das Messer?"
Frank, Hotchner und Morgan stiegen aus. Der schwarze SUV glitzerte in der glühenden Nachmittagssonne.
Zielstrebig gingen sie auf das Schulgebäude zu. Ruhig lagen die grünen Außenanlagen heute da, die die jungen Schüler ansonsten zum Spielen und Toben benutzten. Hotchner fühlte Wärme seinen Körper durchströmen. Er dachte an Jack. Hier hätte sich sein Sohn auch wohlgefühlt. Es war ein kleines Paradies.
„Hotch", Morgan wies zum Eingang. Ein Mann in den Vierzigern trat aus der Glastür. Nickend verständigten sie sich und gingen auf den Mann zu. Dieser schien überrascht und sprach die Fremden an: „Kann ich ihnen helfen?"
„Agent Morgan, FBI", Morgan hielt dem Mann seinen Ausweis hin und stellte seine Kollegen vor: „Die Agents Frank und Hotchner."
„Ich bin Sam Finney. Ich bin der Konrektor diese Schule. Ich habe schon gehört, dass das FBI in der Stadt ist."
„Wir wollten mit den Lehrern der Kinder Abbott sprechen." Begann Frank und Hotchner ergänzte: „Und wir brauchen Informationen über Miss King. Sie arbeitete an dieser Schule als Lehrerin!?"
„Ja", die Überraschung im Gesicht von Mr. Finney schien echt. „Sie ist sehr… Was ist mit ihr? Sie sprechen von ihr in der Vergangenheit."
„Miss King ist in der letzten Nacht überfallen worden. Sie hat es leider nicht überlebt."
Entsetzt schaute Mr. Finney von Einem zum Anderen. Langsam, jedes Wort betonend kam seine Sprache wieder: „Das kann nicht sein!"
„Warum nicht?" hakte Hotchner sofort hinterher. „Standen Sie sich näher?"
„Was? … Äh… nein." Er wischte sich über die Stirn, die vor Schweiß nur so glitzerte. „Laura war in der Schule sehr arrangiert."
Ein surrendes Geräusch erfüllte urplötzlich die Luft. Die Agents horchten auf. Dann war es wieder verschwunden.
„Sie hat ihre ganze Freizeit für die Schule geopfert."
„Autsch!" Morgan fasste sich an den Rücken und drehte sich um. Sein Blick erfasste sofort den großen Kieselstein, der vor ihm auf dem Boden lag und schaute hoch. Hotchner und Frank sahen Morgan verwundert an und folgten seinem Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort stand ein Junge, zwölf, vielleicht vierzehn. Ein kurzes Lächeln umspielte die Lippen des Jungen, bevor er die Schnur seiner Schleuder fallen ließ und davonrannte.
Morgan startete sofort und lief hinter ihm her.
„Derek, bleib hier." Doch diesmal konnte ihn Hotchner nicht mehr packen und zurückhalten. Resigniert sah er Frank an. „Los, wir müssen hinterher."
„Wenn wir noch weitere Fragen haben sollten melden wir uns, Mr. Finney." Frank schenkte dem Lehrer ein entschuldigendes Lächeln und lief hinter ihren Kollegen her.
Morgan war erstaunt. Eigentlich hätte es für ihn ein leichtes sein müssen diesen Jungen einzuholen. Stattdessen hatte er das Gefühl, als wenn er mit ihm spielte.
Sie liefen im Zickzack durch die Straßen. Und jedes Mal, wenn er den Jungen eigentlich aus den Augen verloren haben müsste, war er immer noch in seinem Blickfeld. Ein komisches Gefühl machte sich in seinem Bauch breit. Irgendetwas stimmte hier nicht. Der Junge spielte mit ihm Katz und Maus… Seine Alarmanlage schrillte. Er blieb stehen und sah sich um. Irgendwie fehlte ihm die Orientierung. Instinktiv warf er einen Blick auf seine Uhr, 6,34p.m., dann zur Sonne, die sich langsam dem Horizont näherte. Demnach musste er sich irgendwo im nordwestlichen Stadtgebiet aufhalten.
Hier waren die Gassen schmal und dunkel. Ein typischer Tatort für die Morde, die das Team versuchte aufzuklären.
Morgan drehte sich um und machte sich auf den Weg zurück in die Innenstadt. Plötzlich tauchten vor ihm zwei vermummte Personen auf. Ihre weiße Kleidung wurde von der untergehenden Sonne grell reflektiert. Morgan kniff geblendet seine Augen zusammen.
Frank und Hotchner liefen hinter Morgan her, doch bald hatten sie ihren Kollegen und den Jungen in dem Straßengewirr verloren. Hotchner blieb stehen.
„Es hat keinen Sinn. Wir werden sie hier nie finden."
„Vielleicht hat Derek den Jungen ja schon und bringt ihn auf einen anderen Weg zum Wagen zurück."
„Dann lass uns zurückgehen." Hotchner ließ seinen Blick in die fragliche Richtung schweifen in der Morgan verschwunden war. „Wir müssen uns endlich voll auf den Fall konzentrieren."
Schweigend gingen sie nebeneinander her. Frank fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Nervös schaute sie sich immer wieder um.
„Was ist?" Hotchner hatte ihre Unruhe bemerkt.
„Ich weiß nicht. Ich mache mir nur Sorgen um Derek. Da stimmt etwas nicht."
„Wir sind gleich am Wagen. Vielleicht steht er schon daneben und wartet auf uns."
Sie eilten weiter.
„Glaubst du das wirklich?"
Hotchner stockte. Ehrlich antwortete er: „Nein."
„Irgendetwas stimmt in dieser Stadt nicht. Entweder wissen der Sheriff und Agent Blair nichts davon, oder sie wollen es nicht sehen." Sie traten um die Hausecke und sahen ihren schwarzen SUV alleine am Straßenrand stehen. Keine Spur von Morgan.
„Du meinst den Vorfall von Gestern?!"
„Auch…" Frank schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein.
Am Wagen angekommen, zog Hotchner sein Handy hervor und drückte die Kurzwahltaste, um Morgan zu erreichen. Langsam ging er um den Wagen herum und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Doch wer ihn hinterher fragen sollte, was ihm aufgefallen war, so hätte er kein Detail angeben können.
Frank lehnte sich an den SUV und rieb sich mit der Hand über die Schläfe. „Was ist, wenn die Angriffe auf Derek und unser Fall zusammenhängen. Was ist, wenn sie Jagd auf Dunkelhäutige machen."
„Er meldet sich nicht." Hotchner beendete das Gespräch. „Wie meinst du das?"
„Alle Opfer waren Afroamerikaner oder Mexikaner. Carter hatte es gestern nur auf Derek abgesehen. Gegen uns anderen hat er nicht ein schlechtes Wort verloren. Das begann schon, als wir ihn vor der Uni kennengelernt haben. Er hat Derek immer getreten, indem er auf seine Fragen nur abschätzig geantwortet und ihn von Oben herab behandelt hat."
„Blutsverräter… Damit hat er uns gemeint. Wir haben uns für Derek eingesetzt." Frank nickte bestätigend zu den Worten ihres Chefs.
Eilig stellte er eine neue Verbindung mit dem Handy her.
„Garcia…" Frank beobachtete Hotchner. Er schien den Redeschwall der technischen Analystin zu unterbrechen. „Du musst Dereks Handy orten… Sofort!"
Hotchner stellte die Freisprechanlage an und Frank war klar, was sie nun zu tun hatte. Sie nahm ihrerseits ihr Handy hervor und wählte Prentiss' Nummer.
Morgan spürte den Atem von weiteren Personen in seinem Nacken. Ein kurzer Blick über die Schulter bestätigte seine Ahnung. Er war umstellt. Wenn er es richtig erfasst hatte, befanden sich hinter ihm drei weißgekleidete Menschen. Fünf gegen eins, nicht gerade fair.
„Was wollt ihr von mir?" Durch ein Gespräch könnte er eventuell mehr Zeit für sich herausschinden. Hoffentlich sprangen sie darauf an und Hotch und Susanne waren irgendwo in der Nähe.
Ein leises Kichern war die einzige Antwort die er bekam. „Los Ben. Dies ist deine Aufgabe. Du willst doch zu uns gehören, dann musst du es auch beweisen!" Der Typ zog einen Baseballschläger hinter seinen Rücken hervor und hielt ihn schlagbereit in den Händen.
Morgans Handy surrte an seinem Gürtel. Er konnte jetzt keine Störungen gebrauchen und ließ es klingeln. Seine Sinne fixierte er auf das Hier und Jetzt.
„Los Ben", meldete sich die zweite Gestalt vor ihm zu Wort. Morgan spürte ein leichtes Kribbeln seinen Rücken hinunterkrabbeln. „Der Typ ist eine absolute Lusche. Er versteckt sich gerne hinter seinen Kollegen."
„Das glaubst aber auch nur du, James Carter." Morgan war nicht überrascht, dass die Augen des Angreifers nur belustigt aufblitzten.
‚Du willst einen Anderen die Schuld geben?' Morgan drehte sich um. ‚Für diese Tat wirst du und dein vorlauter Kumpane die Verantwortung übernehmen!'
Morgan griff automatisch an seinen Pistolenhalfter. Sie einzusetzen wäre nicht richtig. Die Situation würde eskalieren. Er konnte nicht gleichzeitig in zwei Richtungen schießen. Doch eine Chance blieb ihm, er zog die Waffe.
„Seht mal, er meint wohl uns mit seiner Waffe einschüchtern zu können!" Die Peiniger zogen den Kreis um Morgan enger. „Los Ben… Du bekommst nie wieder das Glück einen FBI-Mann zu töten!"
Den Menschen, den Morgan für Ben hielt, trat einen Schritt zurück. Wieder spürte Morgan das Surren des Handys.
„Was?"
„Die würden mir die Todesstrafe geben, wenn ich das mache." Verteidigte sich Ben. Nach seiner Stimme zu urteilen schien er noch sehr jung zu sein.
„Dazu müssen sie dich erstmal erwischen… Los Mann, wir können nicht ewig warten." Erklang erneut die befehlende Stimme in Morgans Rücken.
„Hey Susanne. Was gibt es?" Meldete sich Prentiss kurz darauf. Frank stellte auch ihr Handy auf laut und begann erst dann zu reden: „Wir haben Derek verloren. Garcia versucht ihn schon zu orten. – Hör zu Emily: Ihr müsst die Profile zusammenarbeiten… Die Taten hängen zusammen. So wie es aussieht, werden sie allerdings von zwei Personen ausgeführt."
Hotchner verfolgte das Gespräch und ergänzte: „Wir nehmen an, dass es sich wahrscheinlich um rassistische Hintergründe bei den Taten handelt. Vielleicht ein kleiner Ku-Klux-Klan." Frank sah erstaunt Hotchner an. Die gab es noch?
„Ich habe ihn." Garcia zog augenblicklich die Aufmerksamkeit auf sich.
„Wo ist er?"
„In der North Clark Street. Er bewegt sich nicht."
„Vielleicht hat er den Jungen ja doch noch geschnappt." Hoffnungsvoll sah Frank ihren Kollegen an.
„Ich versuche schon die ganze Zeit ihn anzurufen. Aber er nimmt nicht ab."
„Gut Garcia, versuch es weiter. Wir machen uns auf den Weg." Hotchner unterbrach die Verbindung nach Quantico.
„Prentiss, Reid soll sich an das neue Profil machen. Ihr anderen kommt zur North Clark Street. Wir müssen Morgan finden."
Ein tiefer Seufzer. „Na gut", klein beigebend hörte Morgan die aggressiver werdende Stimme in seinem Rücken, „dann werde ich es diesmal eben noch einmal selber machen." Er schlug sich anscheinend mit dem Baseballschläger in die flache Hand.
Morgan hob seine Pistole, hielt sie gerade in die Luft und feuerte einen Schüsse ab. Panik ergriff die drei Peiniger vor ihm. Sie machten auf dem Absatz kehrt und liefen davon. Morgan drückte noch zwei weitere Male ab, dann wurde es schwarz vor seinen Augen.
Im nächsten Moment hörten sie einen Schuss durch die Straßen hallen. Zwei weitere folgten kurz darauf. Entsetzt sahen sich die Agents an.
„Waren das Schüsse?" Rossis Stimme erklang durch die Leitung.
„Ja… Beeilt euch!" Hotchner und Frank liefen zum Wagen und sprangen hinein. Mit heulender Sirene schoss der Wagen davon.
Morgan bewegte langsam seinen Kopf. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn. Stöhnend verzog er sein Gesicht und hob seine Hand. Vorsichtig betastete er seinen Hinterkopf. Warmes Blut lief ihm über die Finger.
„Ja, Garcia", Frank nahm nach dem ersten Klingeln das Gespräch entgegen und schaltete sogleich auf Laut.
„Dereks Handy sendet kein Signal mehr. Irgendetwas ist mit ihm passiert!" Hysterisch erklang die Stimme der technischen Analystin durch die Leitung.
Hotchner beschwichtigte Frank mit einer Geste, nichts zu sagen. Doch Frank schüttelte nur leicht den Kopf und sah ihn fragend an.
„Garcia", Hotchner räusperte sich leicht. „Wir haben Schüsse gehört."
„Was?" Kam entsetzt die Antwort.
„Das muss aber nichts bedeuten." Obwohl Frank sich nicht so fühlte, schaffte sie es doch ruhig zu sprechen. „Wir sind gleich da. Bitte mach dir keine Sorgen. Ihm wird schon nichts passiert sein."
„Gebt ihr mir bitte sofort bescheid, wenn ihr etwas Genaueres wisst?" Garcias Stimme überschlug sich leicht.
„Ja, ich verspreche es dir." Frank kappte die Leitung.
Schwankend kam Morgen auf die Füße. Mit dem Arm wischte er sich über die rechte Schläfe und verwischte das Blut, das ihm am Gesicht hinunterlief.
Seinen Kopf haltend, stand Morgan aufrecht da und schaute irritiert die Straße hoch und runter. Ihm war schlecht und die Bilder vor seinen Augen verschwammen.
Wo war er? Was machte er hier?
Er benötigte Hilfe! Entschlossen entschied er sich für eine Richtung und schleppte sich davon.
Prentiss bog in die Straße, in der Morgans Handy zuletzt geortet worden war. Zusammen mit Rossi und JJ starrten sie auf die Szenerie vor sich. Doch nichts Besonderes schien sich in der Straße zugetragen zu haben. Keine Spur von ihrem Kollegen.
Sie stoppten und stiegen aus.
„Hier ist nichts." Prentiss stand mit JJ vor dem Wagen und drehte sich um die eigene Achse.
Rossi ging weiter in die Straße hinein, als der zweite SUV eintraf. Frank und Hotchner gesellten sich zu den Kollegen.
„Garcia hat sein Handysignal verloren." Brachte Hotchner die Teammitglieder auf den neuesten Stand.
„Kein Wunder." Rossi wies auf den Boden zu seinen Füßen. „Das sollte Morgans Handy gewesen sein."
Hotchner war schnell bei ihm und beugte sich hinunter. „Es wurde gewaltsam zertreten…" Er sammelte die Trümmer zusammen und erhob sich. „Was ist hier passiert? Wo ist Derek?"
JJ hockte sich vor einen kleinen dunklen Flecken auf dem Asphalt und berührte ihn. Rot leuchtete die Flüssigkeit auf ihrer Fingerspitze. „Blut!", JJ sah zu ihren Kollegen hinauf.
„Aber nicht von Schusswunden." Schloss Rossi aus. „Dann wären hier überall Spritzer verteilt."
Prentiss war die Straße weiter hinuntergegangen. „Es gibt keine Blutspur. Sie haben ihn nicht weggebracht."
„Dann hat Derek die Schüsse wohl selber abgegeben." Frank brachte sich ein.
„Hier ist seine Pistole." Hotchner zog die Waffe unter Pappkartons hervor. Er öffnete das Magazin. „Drei Patronen fehlen…"
„Wenn es die Täter sind, die wir suchen, benutzen sie Messer oder stumpfe Schlagwerkzeuge."
Hotchner sah zu Frank hinüber. „Das würde bedeuten, Sie haben ihn niedergeschlagen. Durch den Aufprall fiel ihm die Pistole aus der Hand und rutscht über den Asphalt."
„Das gleiche wird mit dem Handy passiert sein." Führte Rossi den Gedankengang weiter. „Sie haben das Handy zerstört und sind dann auf und davon. Sie konnten es nicht darauf ankommen lassen, Zeit mit der Suche nach der Waffe zu…"
„Hey, wen haben wir den hier." Prentiss unterbrach ihre Kollegen in ihrer Rekonstruktion des möglichen Tathergangs und zog ein Stück Pappkarton zur Seite. „Kommen Sie doch bitte mal heraus."
Ein Mann, unrasiert, in alten, abgerissenen Klamotten, kroch rückwärts aus einem Kartonberg hervor. „Heute hat man in seinem Heim ab überhaupt keine Ruhe!" Motzte dieser.
„Ich bin Agent Emily Prentiss. Meine Kollegen und ich sind von der Verhaltensanalyseeinheit des FBI..."
„Mich nennen die Leute Joe."
Prentiss lächelte dem Fremden verstehend an. „Was meinen Sie damit, dass Sie keine Ruhe bekommen?"
Die Teammitglieder fanden sich um Joe und Prentiss ein.
„Ach, eben machten hier einige Jungs Radau."
„Wir suchen einen Kollegen von uns. Er muss eben hier gewesen sein." Hotchner mischte sich in das Gespräch ein.
„Ist das so ein dunkelhäutiger, mit fast blanken Schädel? Durchtrainierte Körper?" Joe sprach langsam und lallend. Seine Fahne ließ ein schnelles Urteil zu.
„Ja. Haben Sie ihn gesehen?" Hotchner ignorierte den Geruch des Mannes und trat näher an ihn heran.
„Die Jungs haben ihn in die Mangel genommen..." Joe zog eine kleine Flasche aus seiner Jackentasche und öffnete sie. Einen tiefen Schluck nehmend schaute er die Gruppe vor ihm mit glasigen Augen an. Seine Ungeduld unterdrückend, wartete Hotchner, dass Joe endlich von alleine weiter sprach. „Ich hatte mich zu einem kleinen Schläfchen in mein Heim zurückgezogen, als ich urplötzlich von einem lauten Knall geweckt wurde. Ich dachte schon, ich hätte nur geträumt, als sich das Geräusch zwei Mal kurz hintereinander wiederholt."
„Die Schüsse." Rossi brachte mit den zwei Worten das Gesagte auf den Punkt.
„Ja, so hörte es sich an." Bestätigend nickte der Fremde.
„Was passierte dann Joe?" Hotchner versuchte ihn nicht zu drängen, aber die Zeit lief.
„Ich habe einen dumpfen Schlag gehört, es schepperte. Da habe ich durch meine kleine Luke hinausgeschaut." Er drehte sich um und zeigte auf eine kleine Lücke zwischen den Kartons. „Zwei Jungs standen bei ihrem Kollegen, mindestens zwei Andere liefen davon…" Er hob die Flasche erneut an den Mund. Genussvoll ließ er die Flüssigkeit durch seine Kehle rinnen.
„Kennen Sie die Jungs, haben Sie sie zuvor schon mal gesehen?"
„Nee", schüttelte Joe den Kopf, „daran würde ich mich bestimmt erinnern."
„Wieso?"
Joe sah Prentiss leicht genervt an. „Weil sie ganz weiß waren. Ich konnte nur ihre Augen sehen."
„Sie meinen, die Jungs waren weiß gekleidet?"
„Ja, das sag ich doch!"
„Das würde unseren Verdacht bestätigen." Frank sprach leise vor sich hin. Doch Hotchner hatte sie gehört und schaute sich verwundert zu ihr um. Dann verstand er plötzlich was sie meinte. „Carter."
Frank nickte nur bestätigend.
„Joe, und was ist mit unserem Kollegen passiert?" Rossi nahm das Gespräch jetzt an sich. ‚Warum haben Sie ihm nicht geholfen?' hätte er am liebsten noch angefügt. Aber damit hätte er Joe nur verschreckt und wahrscheinlich keine schlüssigen Antworten mehr bekommen.
„Ich habe überlegt, ob ich nicht heraus kriechen sollte, aber dann bewegte er sich und stand auf."
„Wo ist er hingegangen?"
„Er ging dort hinunter." Joe drehte sich halb um und deutete die Straße hinunter. „An der Ecke ist er, glaube ich, nach rechts abgebogen."
„So, glauben Sie!" Hotchner entfernte sich einige Schritte von der Gruppe und überlegte einen Moment.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe Joe. Sie haben uns sehr weitergeholfen." Prentiss verabschiedete sich höflich von ihrem Zeugen. Während die Anderen Hotchner folgten. „Wenn wir noch weitere Fragen haben sollten, können wir Sie dann hier finden?"
„Meistens ja." Damit ging Joe stöhnend runter auf die Knie und krabbelte zurück in sein Heim.
„Warum ist Derek nicht in die Stadt gegangen, um sich Hilfe zu holen? Er ist keine dreißig Schritte von der Hauptstraße entfernt." JJ verstand das Verhalten ihres Kollegen nicht. Hotchner sah von JJ zu Rossi. Dessen ernstes Gesicht ließ ihn böses ahnen.
„Rossi, Prentiss. Holt euch James Carter zum Verhör… Wir anderen durchkämmen die Straßen und werden uns auf die Suche nach Derek machen. Garcia soll die Krankenhäuser durchtelefonieren. Vielleicht hat ihn schon jemand gefunden."
Der Gesuchte stand gegen eine Mauer gebeugt und übergab sich. Der beißende Gestank der Magensäure durchsetzte die Luft. Stöhnend erhob sich Morgan zu seiner vollen Körpergröße und schaute sich ermattet um. Er hatte keine Ahnung wo er sich befand.
In der Nähe stand eine Mülltonne am Bordstein. Er ging zu ihr und ließ sich stöhnend in ihrem Schatten auf dem Bordstein nieder. Ratlos verbarg er sein Gesicht in den Handflächen.
Prentiss und Rossi hielten vor dem Wohnheim in dem James Carter untergebracht war. Ein Polizeiwagen stand bereits davor und Sheriff Warren und zwei Deputys warteten schon auf sie.
Gemeinsam eilten sie die Stufen hinauf zur Eingangstür.
Hotchner, JJ und Frank hatten sich aufgeteilt und eilten durch die parallel angelegten Straßen.
‚Wieso gehst du in diese Richtung und nicht auf direkten Weg in die Stadt? Verfolgst du trotz deiner Verletzung die Täter?' Franks Gehirn durchspielte alle Möglichkeiten.
Sie wartete an der Querstraße auf Hotchners Zeichen das nächste Straßenstück zu durchsuchen. Da erschien er in ihrem Blickfeld. JJ und er schienen auch keinen Hinweis auf Morgan gefunden zu haben, denn er gab das Zeichen für den nächsten Abschnitt.
Eiligst setzten sie sich wieder in Bewegung.
Eine einzelne nackte Glühbirne an der Decke warf ihren spärlichen kalten Lichtschein in einen Raum hinab. Seine Ausmaße mussten groß sein, denn das Licht schaffte es nicht alle vier Wände zu beleuchten.
„Was hast du getan!?" Ben stand wütend vor James und schlug mit seinen Fäusten auf dessen Brust ein. Das ihm Tränen die Wangen hinunterliefen bemerkte er gar nicht.
Der junge Mann packte die Handgelenke des Jungen und hielt diese fest umklammert. Sein Gesicht war hart vor Wut.
„Baby", sagte er nur und stieß Ben in die Ecke. Seine Gesichtszüge entspannten sich und ein selbstgefälliges Lächeln erfüllt ihn. „Das war genau der richtige Kick heute."
Locker setzte er sich zu den Anderen an einen runden Holztisch der mittig unter der Glühbirne stand. „Wer ist als Nächstes dran? Hat einer einen Vorschlag?" James sah in die Gesichter der anderen Jungs. Doch bis auf Paul schien keiner an eine weitere Gewalttat zu denken.
„Wir müssen damit aufhören. Angst und Schrecken zu verbreiten ist etwas anderes, als… als töten!" Sean, einer der Jüngeren, wagte es seine freie Meinung zu äußern.
Wutentbrannt schlug James seine Faust auf die Tischplatte. Überrascht von seiner heftigen Reaktion schreckten alle anderen im Raum nervös zusammen. Ben verkroch sich verängstigt noch tiefer in die Dunkelheit der Ecke.
Feuerflammen schienen aus James Augen zu schießen. Entnervt sprang er auf und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Dunkelheit.
„Frank?" erklang Hotchners Stimme über Funk in Susanne Franks Ohr. Sie öffnete gerade mit viel Schwung eine Mülltonne. „Hast du eine Spur gefunden?"
Trotz des angebrochenen Abends war es noch reichlich warm. Angewidert verzog sie über den Gestank der ihr entgegenschlug das Gesicht. Sie schloss den Deckel wieder und wischte sich mit dem kurzen Ärmel ihres Shirts übers Gesicht. Erst dann hob sie das Mikrophon an die Lippen. „Bisher nicht. Ich habe hier nur eine Ansammlung von Mülltonnen."
„Sollen wir dir helfen?" Frank vernahm JJ's Stimme in ihrem Ohr.
„Nein, das ist nicht nötig. Ich bin gleich durch."
Sie ging zur nächsten Tonne, öffnete sie und ließ, nach einem Blick hinein, den Deckel scheppernd wieder zufallen. Auch in dem Spalt zwischen Tonnen und Wand befand sich kein Körper, der einem Menschen ähnlich gewesen wäre.
Einerseits erleichtert Morgan hier nicht gefunden zu haben, eilte sie zum Ende der Straße. Doch andererseits mussten sie ihn unbedingt finden.
An der Kreuzung angekommen, sah sie nach links und rechts in die Seitenstraßen. Auch hier gab es keinen Hinweis auf Morgans Verschwinden.
Sie gab Hotchner das Zeichen für den nächsten Abschnitt und eilig setzten sie ihre Suche in den Straßen Arkadelphias fort.
Lauschend standen sie einen Moment vor der Zimmertür von James Carter bevor Prentiss klopfte. Stille hinter der Tür. Anscheinend rührte sich nichts im Raum.
Prentiss klopfte erneut. „FBI – James Carter öffnen Sie die Tür!"
Kein Ton war zu hören. Vorsichtig drehte sie am Türknauf. Die Tür gab nach und innerhalb von Sekunden waren die beiden Agents mit der örtlichen Polizei ins Zimmer vorgedrungen.
Der Raum war leer. Bis auf ein Bett, einen Schrank und einem Schreibtisch am Fenster, war das Zimmer sehr sparsam eingerichtet.
Kein Bild an der Wand, kaum Farbe.
Morgan sah auf, als er näher kommende Schritte auf dem Asphalt hörte.
„Derek?!", ein Mann in dunklen Anzugshosen, mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und einen Waffengurt um den Schultern stand plötzlich vor ihm.
Morgan schaute sich verwundert um, sah aber kein anderes Lebewesen.
„Frank, JJ ich habe ihn gefunden!" Der fremde Mann sprach in die Uhr an seinem Handgelenk. Langsam näherte er sich und ging vor ihm in die Hocke.
„Derek, was ist passiert? Wir haben dich aus den Augen verloren." Hotchner spürte wie sich seine innere Anspannung etwas legte.
„Meinen Sie mich? Bin ich Derek?" Morgan überlegte und horchte in sich hinein. „Wer sind Sie?"
Hotchner brauchte einen Augenblick, um die neue Situation voll zu erfassen. „Aaron Hotchner. Ich bin vom FBI… Erlaubst du, dass ich mich neben dich setze?"
Morgan nickte zögernd und Hotchner ließ sich auf den Bordstein nieder. Als erstes hielt er ihm eine Wasserflasche hin. „Hier, möchtest du einen Schluck trinken? Es ist heute sehr heiß."
„Ja bitte." Dankbar nahm Morgan die Flasche entgegen, öffnete den Verschluss und ließ das Wasser durch seine Kehl rinnen. Endlich verschwand dieser säuerliche Geschmack aus seinem Hals.
„Du kannst dich an nichts mehr erinnern?" Hotchner begann vorsichtig das Gespräch.
„Nein… Ich weiß nichts… Nicht wer ich bin, wo ich bin! … Wissen Sie das?"
Hotchner nickte auf den fragenden Blick: „Du bist Derek Morgan. Aufgewachsen in Chicago. Seit acht Jahren bist du in meinem Team der Verhaltensanalyseeinheit des FBI in Quantico."
JJ und Frank hatten sich am Anfang des Straßenabschnittes getroffen und kamen langsam näher. Morgan sah kurz zu ihnen auf, versuchte aber mit seinen Gedanken bei dem Gespräch zu bleiben. „Was mache ich da?"
„Wir jagen Serienkiller, Vergewaltiger, Psychopaten… Wenn die örtlichen Verantwortlichen nicht mehr weiter wissen, rufen sie uns."
Morgan hob staunend seine Augenbrauen. „So etwas mache ich? ... Und, bin ich gut in meinem Job?"
„Ich würde fast sagen, du bist mit der Beste den das FBI je hatte."
„Was machen wir jetzt?" Sheriff Warren hatte seine Waffe weggesteckt. Kopfschüttelnd bewegte er sich langsam durch den Raum. Er konnte wohl noch nicht verstehen, dass es Menschen in seiner Stadt gab, die solche Taten vollbringen konnten.
„Wir werden Carters Leben auf den Kopf stellen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Hinweis, wo er sich versteckt halten könnte oder wer seine Komplizen sind." Mit einem Blick verständigte sich Rossi mit Prentiss.
„Dann bleibe ich mit den Deputies hier. Mal sehen, was er uns hier für Spuren liefert." Prentiss Blick huschte nochmals durch den Raum. „Lange wird es bestimmt nicht dauern. Ich komme dann später nach."
„Vielleicht hat er ja woanders noch ein Zimmer gemietet." Sprach Sheriff Warren einen seiner Gedanken aus.
„Sie könnten sich überall verstecken… Ein Raum, der in Verbindung mit einem seiner Partner steht. Da wir keinen Namen wissen, wird es schwer irgendwo anzusetzen."
„Vielleicht versuchen sie zu flüchten! Sollten wir da nicht schleunigst die Straßen um Arkadelphia absperren. Kein Fahrzeug kommt mehr heraus ohne durchsucht zu werden!"
„Das ist sehr unwahrscheinlich", mischte sich Prentiss ein. „Hier ist Carters Revier und er geht nicht davon aus, dass wir wissen, wer der Täter ist."
„Prentiss hat recht. Carter fühlt sich hier sicher. Er plant wahrscheinlich schon seine nächste Tat… Es kommt alles auf seinen Partner an. Wenn er es schafft Carter von einer Flucht oder einer Änderung seiner Pläne zu überzeugen, schnappen wir ihn hier nicht mehr!"
Morgan wurde auf einer Trage in einen Krankenwagen geschoben. Hotchner hatte sich nicht eine Sekunde von seiner Seite bewegt. Sein Kollege brauchte jetzt eine Person, der er vertrauen konnte, die für ihn da war.
„Fahren Sie mit ins Krankenhaus?" Wandte sich einer der Sanitäter an Hotchner.
„Ja, ich muss nur eben mit meinen Kollegen sprechen. Es dauert nicht lange."
Ein kurzes Nicken und Hotchner ging zu JJ und Frank hinüber.
„Wie geht es ihm?" JJ schaute zu Morgan hinüber, der mit geschlossenen Augen auf der Trage lag und sich anscheinend seinem Schicksal ergab.
„Sie müssen ihn erst noch untersuchen." Hotchner war JJ's Blick zum Krankenwagen gefolgt, wandte sich jetzt aber zu ihnen um. „Ich fahre mit ins Krankenhaus. Kann ich euch alleine zurück zum Wagen gehen lassen?"
„Sicher Hotch." Unterbrach JJ ihn augenblicklich.
„Vielleicht läuft diese Gang noch hier in der Gegend herum."
„Keine Sorge. Wir schaffen das schon."
Die Frauen konnten ihm seine Erleichterung ansehen. „Beeilt euch. Es wird bald dunkel. Irgendetwas Unheimliches geht von dieser Gegend aus."
„Jetzt mach uns nicht noch Angst." JJ lachte ihn aufmunternd an.
„Du meldest dich aber, wenn du etwas Neues weißt, ja?" Fragte Frank Hotchner geradeheraus. Am liebsten wäre sie auch mit ins Krankenhaus gefahren.
„Versprochen." Hotchner sah seine Kollegen offen an. Dann drehte er sich um und stieg in den Krankenwagen.
Frank und JJ warteten noch, bis sich der Krankenwagen in Bewegung gesetzt hatte und machten sich dann auf den Weg zurück zum SUV.
„Hotch macht sich große Sorgen um Derek, oder?" Frank begann das Gespräch.
„Er hat die Verantwortung für das Team. Auch wenn einer von uns eigenmächtig handelt, muss Hotch sich dazu äußern. Besonders schwierig wird es, wenn es schlimm ausgeht."
„So wie jetzt."
„Ja… Hotch kann sich schon auf viele lange Verhöre gefasst machen… Dich werden sie auch befragen."
Frank schwieg einen Moment. „Kannst du mir einen Rat geben, wie ich mich am Besten verhalte?"
„Sag die Wahrheit. Lass dich nicht in die Enge treiben und zu einer Aussage zwingen, die du so nicht machen möchtest."
Still gingen sie nebeneinander her.
„Aber Direktor Sanders ist noch nicht lange im Amt. Ich habe keine Ahnung, wie er in dieser Sache agieren wird. Seine Vorgängerin war da ganz schön schwierig. Aber Hotch und Rossi haben ihr die Stirn geboten. Selbst die Anderen haben sich erfolgreich gegen sie gewehrt.
Weißt du Susanne, in Wirklichkeit sind wir eher eine große Familie, wo jeder auf den Anderen aufpasst und sich Sorgen macht."
„Das habe ich schon bemerkt." Frank und JJ lächelten sich verstehend an. Dann ging jede ihren eigenen Gedanken nach. Nur noch das Klappern ihrer Schuhsohlen auf dem Asphalt war zu hören und die entfernten Motorengeräusche der belebteren Straßen.
„Legt euch jetzt schlafen." Carter wies in die Ecke, wo sich eine Lage Matratzen befand.
Müde und entsetzt von den Erlebnissen des Tages befolgten die drei Jüngeren augenblicklich den Befehl. Paul und James setzten sich wieder an den Tisch und beratschlagten, wie es weitergehen sollte.
Rossi hatte sich in einen der Verhörräume zurückgezogen und den Bericht über James Carter auseinandergepflückt. Demnach war er in Arkadelphia geboren und aufgewachsen. Als er ungefähr zwölf war, zogen seine Eltern fort. Carter blieb zurück und wuchs seit dem auf der großen Plantage seiner Großeltern auf. Der Großvater starb vor drei Jahren, die Großmutter vor einem. Carter war seitdem hier in Arkadelphia an der Universität.
Es klopfte leise an der Tür. Gespannt hob er den Kopf und vergaß augenblicklich alles um sich herum: „JJ – gibt es Neuigkeiten?"
„Wir haben Derek gefunden", begann diese sofort zu sprechen und spürte Rossis volle Aufmerksamkeit auf sich ruhen. Sie schloss die Tür hinter sich und ging auf ihren Kollegen zu. „Er hat eine tiefe Kopfwunde und kann sich an nichts mehr erinnern." Sie ließ sich ihm gegenüber am Tisch nieder.
„Schade, er hätte die entscheidenden Hinweise auf die Mittäter liefern können." Rossi wies mit dem Kinn auf die Papiere vor ihm.
„Dave, Derek kann sich an gar nichts mehr erinnern… Er weiß nicht mehr, wer er ist!"
„Amnesie?"
„Hotch ist mit ihm auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Ärzte müssen ihn erst noch untersuchen."
„Das ist nicht gut." Rossi fuhr sich mit der Hand über seinen Bart. „Schon alleine für Derek müssen wir diese Kerle finden."
Die Nacht ging voran. Das Licht in dem eh schon dunklen Raum war gelöscht und nur die gleichmäßigen Atemgeräusche waren in der Stille zu vernehmen.
Ein erster heller Schimmer leuchtete durch das vernagelte Fenster. Leises Rascheln durchbrach die gedämpften Geräusche der Nacht. Eine Gestalt erhob sich von dem Matratzenlager und lauschte angespannt durch die Dunkelheit. Leise schlich sie sich davon.
Die Agents Reid, Jarreau, Frank und Rossi saßen still um den Tisch im Revier. Der neue Tag war angebrochen und nach unruhigen Nächten hatten sie noch immer keine Idee, wie sie den Tätern auch nur einen Schritt näher kommen konnten.
„Hat die Spurensicherung in Carters Zimmer etwas gebracht?" Rossi sah Prentiss hoffnungsvoll an, als sie zu ihnen an den Tisch trat.
„Nein", sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Die Kollegen haben zwar verschiedene Abdrücke gefunden. Aber sie sind im System nicht gespeichert."
Prentiss setzte sich zu ihnen an den Tisch. „Habt ihr schon Neuigkeiten von Hotch und Morgan?"
„Nein", Rossi stützte seine Unterarme auf den Tisch und starrte an die gegenüberliegende Wand. Still brüteten sie vor sich hin. Sie bemerkten nicht, wie sich die Reviertür öffnete und Hotchner mit einem Jungen hereintrat. Aufmunternd lächelte er diesen an und legte ihm seine Hand beruhigend auf die Schulter. Mit dezentem Druck dirigiert er ihn zu dem Tisch der Kollegen.
JJ sah hoch und reagierte als Erste. „Hotch!" Sie wartete einen Moment und ließ ihn näher herantreten. „Wie geht es Derek?"
Hotchner lächelte beruhigend. „Soweit ganz gut. Er steht aber noch mindestens 36 Stunden unter Beobachtung."
„Er erinnert sich aber noch nicht wieder, oder?" Reid war besorgt. Hotchner schüttelte seinen Kopf und Reid fuhr fort: „Man geht davon aus, das eine retrograde Amnesie bis zu 25 Tage dauern kann. Bevor man von bleibenden Schäden…"
Hotchner unterbrach Reids Vortrag: „Die Ärzte sind sehr optimistisch. Die bisherigen Untersuchungen haben keine Verletzungen am Gehirn ergeben." Er zog einen Stuhl vom Tisch und deutete seinen Begleiter an sich zu setzen.
„Ist das nicht…" Begann Frank atemlos und Hotchner vollendete den Satz: „… der Junge von gestern. Stimmt."
Verwundert schauten sich die restlichen Agents an. Sie hatten von Frank zwar einen kurzen Überblick von den Geschehnissen des gestrigen Tages erhalten, aber dieser Knabe schien doch noch reichlich jung zu sein.
„Hat jemand Ben gesehen?" James kam zurück in die Dunkelheit. „Draußen konnte ich ihn nirgends finden."
„Das Baby… Wahrscheinlich verkriecht er sich wieder bei seinen Tieren."
„Paul!" James Stimme wurde hart. „Wenn er uns verrät…" Er begann hin und her zu gehen.
„Das wird er nicht. Du wirst sehen, er ist bald wieder da." Paul versuchte ihn zu beschwichtigen. Er hatte James gesehen, wie er agieren konnte, wenn er seine Wut nicht mehr unter Kontrolle hatte.
„Ich habe Ben im Krankenhaus getroffen. Er wollte sich nach Derek erkundigen." Der Junge saß mit gesenktem Kopf da und sprach kein Wort.
„Kannst du uns sagen, wo wir James Carter finden?" Rossi sprach ruhig. Er wusste, dass Ben nicht durchweg schlecht war. Sonst hätte er sich keine Sorgen um ihren Kollegen gemacht. Mit etwas Einfühlung und Überredungskunst konnte man ihn sicherlich zu einer Aussage bringen.
Doch der Junge schwieg. Er war verängstigt. Es waren einfach zu viele Menschen um ihn herum, die gespannt auf ein Wort von ihm warteten.
Hotchner gab den anderen ein Zeichen, sich zu entfernen. Nur Rossi blieb sitzen und ließ seinen Blick auf den Jungen ruhen.
„Ich besorge uns was zum Essen." Paul ging in Richtung Eingang davon.
„Glaub ja nicht, dass du dich auch verdrücken kannst."
„Hey, was denkst du von mir?" Paul hatte sich umgedreht und funkelte James nun seinerseits wütend an.
„Beweise es. Sei in spätestens einer viertel Stunde wieder zurück."
„Halbe Stunde... Bei uns ist es noch Sitte gemeinsam am Frühstückstisch zu sitzen." Paul war es leid, er drehte sich um und ging. Immer wieder verlangte James Beweise. Er hatte ihm seine Freundschaft doch nun schon oft genug bewiesen.
„Gut!" Brüllte James ihm hinterher. „Aber dann bist du zurück!"
„Ben", begann Hotchner ruhig das Gespräch und setzte sich neben den Jungen auf den Stuhl. „Du hast gesehen, wie man unseren Kollegen gestern verletzte, nicht wahr?"
Der Junge schien teilnahmslos. Doch Rossi verstand sofort, welche Vorgehensweise sein Kollege gewählt hatte und blieb still.
„Du kannst uns vertrauen Ben…" Hotchner legte ihm leicht seine Hand auf die Schulter. Eine Berührung, die Ruhe übertragen sollte. „Hast du James gesagt, dass du es nicht gut fandst? Ist er da wütend geworden?"
Ben hob langsam sein Gesicht und schaute Hotchner offen an. Er nickte leicht.
Rossi sah woraus der Teamchef dieses geschlossen hatte. Bens Gesicht wies Spuren von Blut auf. Wahrscheinlich war Carter handgreiflich gegen ihn geworden.
„Ben, du musst uns sagen, was du weißt. Wir müssen James schnell finden, bevor er sich sein nächstes Opfer sucht!"
„Sie halten sich in einem Bunker versteckt."
„Wie viele seit ihr?"
„Fünf."
„Und James ist der Anführer?"
Ben nickte.
„Kannst du uns sagen, wo sich dieser Bunker befindet?" Rossi mischte sich ein.
Tief atmete der Junge ein. Doch statt einer Antwort wurden seine Lippen schmaler. Angst ließ ihn den Mund zusammenpressen.
Sie hatten ihm gedroht!
„Wir können dich vor James und den Anderen beschützen. Du brauchst keine Angst mehr vor ihm zu haben."
Ben reagierte noch immer nicht auf Rossis Worte. Er starrte nur mit leerem Blick vor sich hin.
Rossi wechselte einen besorgten Blick mit seinem Kollegen. Der Junge brauchte Zeit. Zeit, um Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Zeit, um zu verstehen, dass sie ihm helfen wollten. Zeit, die sie nicht hatten.
„Der Bunker… der Bunker befindet sich bei Pauls Eltern auf der Plantage. Er und James haben ihn vor einigen Wochen entdeckt." Die Worte flossen, erstmal begonnen, nur so aus dem Jungen hinaus.
„Kennst du den Nachnamen von Paul?"
Ben zögerte einen Moment, schüttelte dann aber nur leicht den Kopf.
„Ist er in etwa so alt wie James?"
Verschüchtert schaute Ben von Einem zum Anderen. „Ja, sie sind beide schon auf der Uni."
Hotchner nahm sein Handy heraus und entfernte sich einige Schritte vom Tisch. „Garcia,…"
„Wie geht es Derek?"
„Es geht ihm soweit gut. Er hat die Nacht gut überstanden."
„Wie geht es jetzt weiter mit ihm. Ich meine, wenn er sich nicht wieder erinnern sollte? Wenn…"
„Garcia, stopp!" Streng unterbrach sie Hotchners Stimme. Wurde augenblicklich aber wieder sanfter. „Wir werden darüber in aller Ruhe reden, ich verspreche es dir, aber…"
„Aber jetzt müssen wir erst diesen Mistkerl fassen und ihn für ewig in das tiefste Verließ der dunkelsten Burg im Niemandsland einsperren und den Schlüssel verlegen. Schieß los…" Gespannt wartete sie mit den Fingern auf der Tastatur, um sofort zu reagieren.
Hotchner konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Garcia hatte es noch nie gut weggesteckt, wenn einem aus dem Team etwas zustieß. Dann lief sie zur Höchstform auf. Und gerade jetzt bei Morgan…
„Okay, wir suchen einen Paul. Er ist an der Universität eingeschrieben, seine Eltern besitzen hier eine Plantage."
„Klein Moment, den haben wir gleich…" Garcia tippte und schon kam die Antwort. „Paul Clay, neunzehn. Studiert Geschichte und Literatur. Lebt noch zu Hause bei seinen Eltern, Grace und Charlie."
„Wir brauchen die Adresse. Und kommst du eventuell auch an Bunkerpläne der Umgebung?"
„Ein Versuch ist es wert… Ich schicke euch alles aufs Handy. Garcia Ende."
Hotchner sah zu seinen Kollegen hinüber: „Okay Leute, los geht's." Hektik kam im Revier auf. „JJ, bleibst du bei Ben und kümmerst dich um ihn?"
JJ nickte nur und ging zum Tisch, während es im Großraumbüro der Polizei leerer und deutlich ruhiger wurde.
Die Polizeiwagen und die beiden SUV hielten nach rascher, holpriger Fahrt über Feldwege vor dem Eingang zum Bunker.
Sie sprangen aus den Wagen und machten sich bereit zu stürmen. Hotchner nickte und Rossi trat vor. Er klopfte an die verfallende Holztür. Das Geräusch von lauten Stimmen, das zuvor noch aus dem Erdinneren drang, verstummte.
Rossi klopfte erneut. „FBI – James Carter öffnen Sie die Tür! Wir wissen, dass Sie da sind!"
Kein Ton war zu hören.
„Wir sind gezwungen gewaltsam einzudringen, wenn sie nicht gleich öffnen!"
Langsam wurden Schritte lauter, die sich der Tür näherten. Kurz darauf wurde die Verriegelung an der Tür zurückgezogen. Prentiss drückte von außen dagegen, schob die Türflügel weit auf und drängte, gefolgt von den Kollegen, ins Dunkle vor.
„Was fällt Ihnen ein, hier einfach so einzudringen?" Paul Clay hatte die Tür geöffnet und zog sich nun langsam rückwärts zurück in den Raum. Die beiden Freunde von Ben saßen verschüchtert in der Ecke auf dem Matratzenlager und schauten mit ängstlichen Augen den grellen Lichtern der Polizeigewalt entgegen.
Was waren diese Agents doch dumm! Carter grinste vor sich hin. Dachten sie wirklich, er würde sich einfach so gefangen nehmen lassen, wie diese dummen Jungs da vorne?
Niemals! Aber ihre Verhaftung verschaffte ihm einen Vorsprung.
Die Polizei würde ihn nie fassen. Er kannte seinen Weg hier heraus. Wie oft hatte er ihn in den letzten Wochen schon benutzt!
Auf leisen Sohlen eilte er weiter durch die Dunkelheit.
Die BAU-Agents hatten die Situation im Raum sofort erkannt. Carter war nicht zu sehen. Hotchner gab Rossi ein Zeichen und gemeinsam eilten sie nach links in die Dunkelheit des Bunkers.
„Bleiben Sie stehen Mr. Clay. Nehmen Sie die Hände hoch." Fuhr Prentiss den jungen Mann an. „Ich will ihre Hände sehen, sofort!"
Unzählige Deputies mit gezogenen Waffen drangen in den Bunker ein. Es war vorbei! Langsam hob der junge Mann seine Hände.
Der Bunker war groß. Er bestand aus mehreren Räumen, kleinen Schlafkammern, in die man sich zurückziehen konnte.
Rossi drückte eine dieser Türen auf und drang mit gezogener Waffe in den Raum vor. Nichts. Hotchner hatte sich unterdessen den nächsten Raum vorgenommen. Aber auch er fand nichts.
Sie nahmen sich die nächsten Räume vor. Nichts.
Carter konnte zwei Lichterkegel am Anfang des Bunkers erkennen. Sie schienen die Schlafräume zu inspizieren. Wenn sie in diesem Tempo weiter suchten, konnte er, noch bevor sie hier fertig waren, schon auf der anderen Seite der Erde sein.
Leise schlich er weiter. Hier um die Ecke. Noch gute zehn Meter, dann ging es durch das Lüftungsrohr an die Oberfläche.
Rossi schüttelte seinen Kopf. Nichts. Carter musste sich hier aufs Genauste auskennen.
Da ein Geräusch. Die beiden Agents sahen sich an.
„Blech." Flüsterte Rossi. „Das Rohr."
Hotchner nickte zustimmend.
Sie schlichen mit dem Rücken an der kühlen Wand weiter. Als die Mauer zu Ende war, stoppten sie. Angespannt traten sie gleichzeitig mit gezogenen Waffen in den neuen Gang und suchten ihn nach einem Lebewesen ab. Doch nichts rührte sich, der Gang war leer.
Bis auf das dämmrige Licht. Das Tageslicht, das durch das Lüftungsrohr drang. Wieder war ein leises Scheppern zu hören. Ein Schatten im Rohr! Die Beine, die sich energisch das Blech hochschoben.
Sie traten an die Öffnung der Röhre. „Carter bleiben sie stehen! Lassen Sie sich ganz langsam wieder hinunter!" Hotchner rief den jungen Mann an. Seine Stimme halte verzerrt durch den schmalen Ausgang.
Doch Carter war schon am Ende der Röhre angekommen. Er lachte höhnisch zu ihnen hinunter und zog sich aus der Öffnung.
„Willst du hinter ihm her?" Rossi sah seinen Kollegen skeptisch an.
„Nein, danke." Sie steckten ihre Waffen in die Holster. „Wir warten ab."
Carter freute sich, beschwingt von seinem Sieg, schwang er seine Beine aus der Öffnung. Ein Blick zurück ins Rohr, zeigte ihm, dass die Agents die Verfolgung wohl aufgegeben hatten. Es bestätigte seine Meinung zu der Staatsgewalt des Landes.
Frank und Reid standen mit gezogenen Waffen in seinem Rücken.
„Mr. Carter!" Reid sprach ihn an. „Nehmen sie die Hände hoch."
Carter drehte sich langsam um und ließ dabei seinen Blick über die Umgebung schweifen. Plötzlich brach er nach links aus. Doch Frank sprang ihm in den Weg und brachte ihn zu Fall. Zusammen kullerten sie einen kleinen Hügel hinunter. Frank hatte sich als Erste wieder gefasst und überwältigte Carter. Der versuchte sich zu befreien. Sie rangen miteinander.
„Lassen Sie es gut sein Carter." Reid stand plötzlich neben ihnen und hielt die Mündung seiner Waffe auf den jungen Mann zu seinen Füssen gerichtet. James Carter musste einsehen, dass es keine Fluchtmöglichkeiten mehr gab. Blieb also nur zu reden. Er hielt ihnen ergeben die Handflächen entgegen.
„Warum wollen Sie mich verhaften? Sie müssen mir erst einmal einen guten Grund nennen!"
„Muss ich nicht!" Frank ließ sich nicht von diesem jungen Mann provozieren. Sie stand auf, zog ihn hoch auf die Füße und legte ihm Handschellen an.
„Hotch, wir haben Carter. Wir kommen zurück." Meldete Reid über Funk.
„Verstanden." Kam die Antwort über den Ohrstöpsel.
Sean und Tim hatten Agent Blair, dem Sheriff und seinen Kollegen keinerlei Schwierigkeiten gemacht.
Zusammen mit Paul Clay waren sie in Handschellen gelegt worden und wurden bereits in die Streifenwagen gesetzt, als Reid und Frank zu den Kollegen stießen.
Während sie ihren Gefangenen an die Deputies weiterreichten, sammelte Hotchner seine Kollegen um sich.
„Was werfen Sie uns eigentlich vor?" Carter zog seinen letzten Trumpf.
Rossi sah zu ihm hinüber und erklärte: „Alle Anwesenden sind wegen Brandstiftung und mehrfachen Mordes verhaftet… Außerdem geht es um einen Bundesbeamten… Ob wir in diesem Fall nur über einen tätlichen Angriff oder über mehr reden, wird sich erst noch herausstellen."
Damit wurde Carter die Tür vor der Nase zugestoßen.
„Kann ich euch das Verhör überlassen? Ich würde gerne ins Krankenhaus fahren und nachsehen wie es Derek geht."
„Sicher Aaron, wir kümmern uns darum." Rossi legte sich gedanklich schon eine Strategie zurecht. „Wir brauchen Geständnisse. Solange sich Derek an nichts erinnert, haben wir keinerlei Beweise."
„Agents, sehen Sie, was wir gefunden haben!" Blair kam mit einem Baseballschläger aus der Dunkelheit des Bunkers. „Es sind Blutspritzer auf dem Holz und bestimmt auch eine ganze Menge Fingerabdrücke."
„Mr. Carter", Rossi sah auf den Anführer der Gang hinunter. Sie befanden sich in einem Verhandlungsraum der Polizeistation. Carters Hände ruhten entspannt auf dem Tisch vor ihm. Er schien nicht im Geringsten nervös.
„Wo waren sie gestern zwischen 6 und 7p.m.?"
„Mit meinen Freunden zusammen. Das können alle bestätigen."
„Oh, davon bin ich überzeugt, dass Sie mit allen zusammen waren." Der Agent lehnte entspannt an der Spiegelscheibe des Raumes. „Und wo waren Sie genau?"
„Wir waren auf meiner Bude." ‚Gelogen!' Rossi wusste es sofort. Er lass es aus dem Verhalten des Verdächtigen, der sich betont locker gab und jeglichen Blickkontakt vermied.
Rossi kam langsam auf den Tisch zu. Ruhig zog er den freien Stuhl unterm Tisch hervor und ließ sich nieder.
Carter, der sein Gesicht von Rossi abgewendet hatte, beobachtete alle Bewegungen seines Gegners aus den Augenwinkeln. Hoffte er wirklich, ein so erfahrener Agent würde ihm diese Lüge abkaufen?
„Das war gelogen."
„Ich habe nichts gemacht. Was Sie mir da unterstellen, kann doch nicht ihr Ernst sein?", fuhr der junge Mann auf.
„Sie sind noch jung Carter. Wenn Sie geständig sind, kann das strafmildernd vor Gericht gegen Sie verwendet werden."
Keine Regung spielte sich auf dem Gesicht des jungen Mannes wider. Und Rossi wurde klar, dass diese Morde keine jungendlichen Phantasien entsponnen waren. Irgendwann wäre diese Bombe, James Carter, explodiert. Früher oder später hätte er angefangen zu quälen und zu töten. Auf irgendeine Art und Weise.
„Gut Sean", Prentiss betrat ein kleines Büro in der Polizeistation, in dem einer der jüngeren Verdächtigen verhört werden sollte. Reid folgte ihr durch die Tür und schloss sie sorgfältig hinter sich. Entspannt lehnte er sich an die Wand neben der Tür.
„Du weißt, dass ihr unseren Kollegen verletzt habt." Prentiss setzte sich hinter den Schreibtisch und sah den Jungen freundlich, aber bestimmt an.
„Kannst du mir sagen, wer zugeschlagen hat?!"
Sean saß nur da, das Gesicht gesenkt und reagierte nicht.
„Wie oft habt ihr zugeschlagen?"
Noch immer rührte sich der Junge nicht.
„Sean", Reid kam näher und setzte sich auf eine Ecke des Tisches, „man verpfeift seine Freunde nicht… Aber bei den Taten, die ihr begangen habt, geht es nicht mehr um Spiel und Spaß. Ihr habt Menschen umgebracht."
„Ich habe niemanden getötet!" Waren die ersten Worte, die der Junge leise herausbrachte.
„Wer hat unseren Kollegen so zugerichtet Sean?" Reid wartete auf eine Regung. „Wir müssen seiner Familie, seiner Mutter sagen, dass ihr Sohn krank ist."
Schniefend schaute Sean auf. Sein Gesicht war mit Tränenspuren überseht. „James hatte den Schläger in der Hand. Aber ich habe nicht gesehen, ob er zugeschlagen hat. Als der erste Schuss fiel sind wir weggelaufen."
„Wer ist wir?" Prentiss hatte sich interessiert leicht über den Tisch gebeugt.
„Ben, Tim und ich."
„Gut, was ist mit den anderen Morden?"
Sean sah Prentiss mit großen Augen an. „Ich war am Donnerstag das erste Mal dabei. James und Paul haben erzählt, sie hätten immer ganz viel Spaß, wenn sie unterwegs sind. Sie habe Scheunen angezündet und Menschen Angst eingejagt. Ich wollte auch mal dabei sein."
„Sie haben Brände gelegt. Auch in der näheren Umgebung von Arkadelphia?" Der Kleine nickte nur bestätigend zu Reids Frage.
Prentiss übernahm wieder die Befragung: „Sean, weißt du, ob Ben oder Tim schon mal eher mit den Beiden losgezogen sind?"
„Nein, … ich meine, sie waren bei der Frau auch das erste Mal dabei. Sie waren genauso entsetzt wie ich."
„Warum bist du dann weiter mitgegangen, wenn es dir nicht gefallen hat, was sie machen?" Reid versuchtem dem Jungen gegenüber freundlich zu bleiben. Er war auch nur ein Opfer von James Carter.
„Weil sie gesagt haben das ich muss!" Schniefend fuhr sich der Junge mit dem weißen Hemdsärmel übers Gesicht.
„Haben sie euch gedroht?"
Sean nickte stumm.
Rossi wechselte seine Vorgehensweise: „Was meinen Sie Mr. Carter, ob ihre Großeltern wohl stolz auf ihre Taten wären?"
Eine kurze Regung um die Augen versichertem dem Agent, dass er auf dem richtigen Weg war.
„Was hätte ihre Oma dazu gesagt? Würde sie sich nicht vor Entsetzten im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, was Sie den Menschen hier auf Erden antun?"
Carter zeigte keine weitere Regung. Anscheinend war ihm die Meinung seine Großmutter nicht wirklich wichtig. Damit war klar, dass der Großvater seine wichtigste Bezugsperson gewesen war.
Tief ausatmend erhob sich Rossi und ging zur Tür. Er warf noch einen kurzen Blick auf den Täter und ging hinaus. Ihm war klar, dass man die Menschheit vor diesem jungen Mann bewahren musste. Anscheinend war er von seinem Großvater zu einem Rassisten erzogen worden. Schwarze oder dunkelhäutige Menschen waren nichts wert. Dann kamen die Frauen, die auch weit unter dem großen weißen Mann standen.
„JJ!" Prentiss sah ihre Kollegin gerade aus einem der Büros kommen und ging zu ihr hinüber. „Wie sieht es aus?"
„Ben liefert schon ziemlich harte Details. Carter und Clay haben vor den Jungen mit ihren Taten angegeben. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was er erzählt hat, dann gehören die Beiden für immer hinter Gittern.
Der arme Junge. Ich fürchte, er wird diese Bilder nie wieder vergessen können." Jareau richtete ihren ernsten Blick auf die Glasscheibe und beobachtete die Personen in dem Raum dahinter. „Wahrscheinlich wird er nicht um professionelle Hilfe herumkommen… Er tut mir so leid Emily."
Prentiss legte ihrer Kollegin beruhigend eine Hand auf die Schulter: „Möchtest du auch einen Kaffee?"
JJ nickte. „Ich wollte uns gerade welchen besorgen." Sie gingen in den kleinen Raum, der mit Küchenutensilien ausgestattet war und bedienten sich.
„Sean sagt, dass Carter und Clay die drei Jüngeren zu der letzten Unternehmung gezwungen haben." Prentiss lehnte mit einer Tasse Kaffee in der Hand an der Arbeitsplatte und nahm das Gespräch wieder auf.
„Das kann man so auch aus Bens Worten lesen." Bestätigte JJ. Sie war erstaunlich still und in sich gekehrt. „Dann will ich mal. Susanne und Ben warten auf ihre Getränke… Sie hat im Übrigen wirklich ein Händchen für Kinder."
Prentiss lächelte JJ verstehend an. Sie hatte auch das Gefühl, als wenn sie Frank schon immer gekannt hätte.
„Ich schaue mal wie weit Rossi ist. Vielleicht kann er noch Hilfe gebrauchen. Ansonsten nehme ich mir dann Tim vor."
„Mach das." JJ verschwand wieder im Vernehmungsraum und ließ Prentiss allein zurück.
Rossi stand hinter der Spiegelscheibe und beobachtete James Carter. Der junge Mann bewegte sich kaum, er schien sich ganz in sein Innenleben zurückgezogen zu haben.
Jetzt hätte er gerne eine Meinung von Hotchner oder den anderen Kollegen bekommen. Früher hätte er es sich nie eingestanden, aber man konnte sich wirklich daran gewöhnen im Team zu arbeiten. Es erweiterte die Sicht.
Prentiss trat ein. Endlich jemand, mit dem man sich austauschen konnte.
„Sean hat jetzt auch geredet. Demnach müssen James und Paul die Taten begannen haben. Auch die Brände in der Umgebung.
Die drei Jüngeren sollen erst bei Laura King das erste Mal dabei gewesen sein. Sean hat es nicht gefallen. Ben auch nicht. Daher haben sie die Jüngeren wohl beim letzten Angriff gezwungen mitzugehen."
„Das sind wichtige Informationen. Ich glaube, dann weiß ich, wie ich ihn zum Geständnis bringe… Ich muss unbedingt Reid etwas fragen." Rossi ging zur Tür, die in den Flur führte. Dort drehte er sich aber noch einmal zurück in den Raum. „Haben die Jungs was gesagt, wie sie mit Carter in Kontakt gekommen sind?"
„Durch den Sportverein. Kampfsport. Carter und Clay haben wohl mit ihren Unternehmungen geprahlt."
Rossi nickte verstehend, schlug mit der Fallmappe leicht gegen den Türrahmen und verschwand.
Hotchner trat aus dem Krankenzimmer und zog die Tür hinter sich leise ins Schloss. Die weißen Wände ließen die Umgebung kühl und steril erscheinen. Es schüttelte ihn leicht.
Erst dann kam er in die Wirklichkeit zurück und die Stimmen und die Farbe der Umgebung fanden Zugang zu seinem Inneren.
„Alles in Ordnung Sir?" Eine Schwester, die er schon bei Morgan im Krankenzimmer gesehen hatte, kam an ihm vorbei und sah ihn aufmerksam an.
„Ja, bestens."
„Sie sollten sich etwas ausruhen." Sagte sie nur über die Schulter hinweg. Sie eilte weiter den Flur entlang und verschwand hinter einer der vielen Türen.
Hotchners Blick war ihr gefolgt. Er wollte sich nicht ausruhen! Dafür hatte er noch zu viel zu erledigen. Mit wenigen Handgriffen hatte er sein Handy am Ohr und wartete auf die Verbindung.
„Aaron Hotchner. Guten Abend… Ihm geht es soweit gut. Wir können ihn Morgen mit zurück nach Washington nehmen." Er lehnte sich mit einer Schulter an die Wand und wischte sich ermattet über die Augen.
„Oh, das tut mir leid. Aber ihr geht es schon wieder besser? ... Gut… Nein Sarah, das ist wirklich kein Problem! Ich werde ihn solang mit zu mir nehmen… Wirklich, er stört uns nicht… Sicher, Sie können sich jederzeit melden… Bye Sarah."
Ohne inne zu halten wählte er gleich die nächste Nummer hinterher.
„Jack, wie geht es dir?" Hotchner lebte auf. Jack schien in den letzten Tagen viel erlebt zu haben. Er plapperte ohne groß Luft zu holen. Über das Gesicht von seinem Vater legte sich ein Lächeln.
„Morgen bin ich wieder zu Hause Jack, dann erzählst du mir alles ausführlich, versprochen?! … Gut. Kannst du mir bitte Tante Jessica geben? …" Hotchner wartete, dann sprach jemand am anderen Ende der Leitung.
„Hey Jessica. Ich habe da eine Bitte…"
„Hatte ihr Großvater die Idee mit dem Kampfsport?" Rossi setzte sich wieder auf den Stuhl am Tisch und sah Carter dabei interessiert an.
„Wir beide. Er hat mir das Meiste selber beigebracht."
„Und dann sind Sie, als Sie an der Universität waren, dem Verein beigetreten?"
„Nun, wieso sollte ich mein Wissen nicht weitergeben. Es ist wichtig, dass sich ein richtiger Junge wehren kann." Carter war richtig redselig.
„Und was ist mit ihren Eltern? Haben die den Kampfsport gutgeheißen?"
Bei dem Wort ‚Eltern', veränderte sich augenblicklich das Verhalten des jungen Mannes. Sein Gesicht wurde starr, eine Maske schien seine ganzen Regungen zu verstecken. Er setzte sich gerade auf und spannte seine Muskeln an. Gerade, als ob er im nächsten Moment einen Angriff erwartete.
„Soweit ich weiß, sind Ihre Eltern nicht tot. Warum sind Sie dann aber bei Ihren Großeltern aufgewachsen?"
Carter schwieg. Über dieses Thema wollte er wohl nicht sprechen.
„Ist es nicht so, dass ihr Großvater beide von der Plantage verjagt hat? Ihr Vater, sein Sohn, sollte sich von ihrer Mutter trennen, denn der Großvater wollte Ihre Mutter nicht länger auf seinem Grund dulden. Ihr Vater hat aber zu ihr gehalten und ist lieber mit ihr fortgegangen, als sich von ihr zu trennen."
Hass erfüllte Carters Gesicht und sprach auch aus seinen Worten: „Er hätte es besser getan… Sie war ein Mischling. Geboren von einer Sklavin."
„Viele Menschen haben heute einen schwarzen und einen weißen Elternteil."
„Das sollte untersagt werden!" Carter sprach überzeugt.
Jetzt sprach nicht der Junge, sondern der Großvater. Das wurde Rossi klar, als er die Benutzung der älteren Worte hörte.
„Seit ich denken kann, habe ich jeden Nachmittag auf der Plantage meiner Großeltern verbracht. Ich habe meine ganzen Ferien bei ihnen verbracht. Dad wollte es so…" Carter kam langsam aus seiner Reserve, denn seine Stimme erhob sich.
„Dann sind ihre Eltern fortgezogen. Warum sind Sie nicht mitgegangen? Wollten Ihre Eltern Sie nicht?" Versuchte Rossi den jungen Mann weiter zu provozieren.
„Doch, sie wollten… Ich habe mich entschieden ganz bei meinen Großeltern zu bleiben…"
„Mit zwölf Jahren?" fragte Rossi erstaunt.
Carter nickte selbstbewusst: „Richtig!"
„Ich nehme an, Sie haben schon vorher in Ihrer Freizeit viel mit ihrem Großvater unternommen?"
Carter wurde wieder ruhiger. „Grandpa hat mir alles beigebracht. Fischen, Rad fahren, reiten, jagen…"
Rossi nickte verstehend. In seiner Kindheit gab es auch mal so eine Zeit, an die er sich immer gerne zurückerinnerte.
„Sie haben auch ein Viertel Sklavenblut in Ihren Adern. Wie fand das Ihr Großvater?"
Wut stieg kurz in Carter auf. Rossi spürte, wie sich der Mensch vor ihm wandelte. Es war, als ob nun eine ältere Generation vor ihm saß. „Das reine Blut ist mächtiger in mir. Man sieht es mir nicht an."
Diese Sätze hatte Carter immer wieder in seiner Kindheit zu hören bekommen. Sie hatten sich in sein Bewusstsein eingehämmert.
„Nur, dass es heutzutage in unserem Land die Gleichheit vor dem Gesetz gibt. Ihr Großvater hat eine ganz andere Zeit kennengelernt. Er hätte besser daran getan, Ihnen nicht seine Ansichten einzubläuen."
Rossi lehnte sich entspannt zurück und ließ seinem Gegenüber einen Moment Zeit über das Gesagte nachzudenken.
„Gut Carter", Rossi strich sich ergeben über seinen graumelierten Bart. „Ich gebe Ihnen noch eine letzte Chance. Wir haben bereits zwei Geständnisse. Und die anderen Beiden werden bestimmt auch nicht schweigen."
Endlich schien Carter eine wirkliche Regung zu zeigen.
„Ich habe es meinem Großvater versprochen." Die Barriere war gebrochen. Rossi stellte sich auf eine ausführliche Aussage ein. Er wartete und ließ ihm Zeit für die nächsten Worte.
„Er hatte sich so gewünscht, dass es wieder so wie früher wurde. Wir haben damals einen geheimen Ku-Klux-Klan gegründet. Aber nachdem die Polizei einige Vereinigungen in der Nachbarschaft erwischt und untersagt hatte, schieden immer mehr von unseren Anhängern aus dem Invisible Empire aus… Sie wollten keine Schwierigkeiten!" Für einen Moment kam wieder die Wut in Carter hoch.
„Sie studieren Geschichte?"
„Ja, besonders die Sklaverei und…" Carter stockte.
„Die Gründung des Ku-Klux-Klans." Vollendete Rossi. Der junge Mann nickte. „James… Haben Sie diesen Namen von ihrem Großvater bekommen?"
„Ja, er hat sich durchgesetzt."
„Nach dem Mitbegründer James R. Crowe?"
Beeindruckt neigte Carter seinen Kopf leicht zur Seite.
„Sie kennen sich aus?" Jetzt hieß es Theaterspielen. Ohne Reid hätte Rossi nicht so eine schnelle und ausführliche Einweisung in das Thema bekommen.
„Auskennen ist vielleicht übertrieben. Ich bin nicht mit der Sklaverei aufgewachsen. Ich komme aus dem hohen Norden. Aber die amerikanische Geschichte war zu der Zeit wirklich interessant."
„Ja, das kann man wohl sagen." Carter begann zu schwärmen, obwohl er nie diese Zeit erlebt hatte. „Und deshalb müssen wir wieder zum Alten zurückkehren!"
„Waren Paul und die anderen Jungs der Grundstein für einen neuen Klan?"
„Sie haben nie verstanden, worum es wirklich ging. Sie wollten alle nur ihren Spaß haben." Carter verachtete die Mitglieder seines Klans.
„Es wäre gut, wenn wir eine Liste anfertigen könnten, in der wir alle Ihre Taten aufführen. Je mehr sie dem Richter entgegenkommen, umso geringer könnte die Strafe ausfallen."
Nur widerwillig nickte Carter nach einige Sekunden. Er war immer noch davon überzeugt das Richtige getan zu haben. Rossi war klar, dass Carter in psychologische Behandlung musste. Vielleicht konnten sie ihm noch helfen, seine Ansichten zu ändern. Auch seine Eltern könnten eine große Hilfe sein. Aber das konnte erst die Zukunft zeigen.
„Aaron, endlich", Rossi schaute von dem Bericht der Vernehmung auf. „Wie geht es Derek?"
Hotchner ließ sich auf dem Stuhl gegenüber am Tisch nieder. Er fühlte sich müde und zerschlagen. „Körperlich ist er okay."
„Aber keine Erinnerungen?"
Hotchner schüttelte ergeben den Kopf. „Er kennt sich nicht, geschweige denn uns."
„Was machen wir jetzt?"
„Der Arzt ist sehr zuversichtlich, dass es nur eine vorübergehende Amnesie ist. Wir brauchen einfach Geduld." Hotchner fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich habe mit Dereks Schwester gesprochen. Mrs. Morgan hatte einen Nervenzusammenbruch. Sarah möchte sie noch nicht alleine lassen. Aber sobald es geht, kommt sie nach Washington. Sie will ihm helfen sich wieder zu erinnern."
Betreten schwiegen die beiden Agents eine Weile. Dann wechselte Hotchner das Thema: „Wie sieht es in unserem Fall aus? Habt ihr etwas aus Carter herausbekommen?"
Rossi lehnte sich entspannt im Stuhl zurück. „Kann man wohl sagen… Die Jungen sind schnell weich geworden und haben alles erzählt, was sie wussten. Carter und Clay haben aber inzwischen auch ihre Taten eingestanden. So wie es aussieht, sind die Älteren noch für mehrere Taten in der näheren Umgebung verantwortlich. Sheriff Warren wird die alten, ungeklärten Akten heraussuchen und vergleichen."
„Gut, dann hätten wir diesen Fall also beendet." Hotchner stand auf und wandte sich zur Tür. „Wir fliegen dann Morgen früh, sobald der Arzt Derek entlassen hat."
„Ich werde es an die Anderen weitergeben." Rossi schaute kurz auf den Bogen Papier, der vor ihm lag. „Aaron, gehst du wieder zurück ins Krankenhaus?"
Hotchner drehte sich zu seinem Kollegen um. „Ja, das hatte ich vor. Warum?"
Rossi hob leicht die Schultern. „Nur so."
„Was?" Hotchner, neugierig geworden, kam einige Schritte zurück ins Zimmer.
„Du brauchst dir keine Vorwürfe machen. Du hättest es wahrscheinlich nicht verhindern können. Derek kommt schon wieder in Ordnung. Du solltest ihm den Schlaf gönnen und dir auch."
„Ich habe ihm versprochen, dass ich komme und ihm so viel wie möglich aus den letzten Jahren erzähle."
Joseph Conrad:
"Der Glaube an eine übernatürliche Quelle des Bösen ist unnötig. Der Mensch allein ist zu jeder möglichen Art des Bösen fähig."
Hotchner fuhr Morgan im SUV zum Flughafen. Dieser schaute sich neugierig die Umgebung an, durch die sie fuhren. Sein Kopf dröhnte noch leicht, die Wunde pochte. Und doch konnte er sich an nichts erinnern. Er fasste nach dem Pflaster an seinen Hinterkopf. Gähnende Leere schien sich darin breitgemacht zu haben.
In der Nacht waren ihm Zweifel gekommen: Wem konnte er vertrauen. Momentan ließ er sich voll auf das ein, was Hotch sagte. Stimmte es, dass er zu diesem Team gehörte?
Am Flughafen angekommen stiegen sie aus und Hotchner holte die Taschen aus dem Heck. Langsam gingen sie auf das Flugzeug am Hangar zu.
Morgan fühlte sich nervös. Er kannte die vielen Leute nicht, die vor dem Flugzeug warteten. Doch… da standen die beiden Frauen von vorgestern. Aber die anderen Gesichter waren ihm alle fremd.
„Kommt, lasst uns einsteigen." Hotchner dirigierte Morgan zur Gangway und ließ ihm den Vortritt hinauf.
„Hast du mit seiner Familie gesprochen?" JJ stieg hinter ihnen die Treppe hinauf.
„Ja… Seine Schwester kommt, so schnell es geht…" Hotchner drehte sich, oben angekommen, zu seinen Kollegen um: „Bis dahin, kommt er mit zu mir."
Sie verschwanden im Bauch des Flugzeuges, die Tür wurde geschlossen.
„Derek, wenn du willst, kannst du dich dort hinlegen. Du solltest dich etwas ausruhen."
Morgan nickte nur dankbar zu Reids Worten und machte es sich auf der langen Sitzreihe gemütlich. Er rollte seine Jacke zusammen und schob sie unter seinen Kopf. Sie starteten und Morgan fühlte langsam die Angespanntheit aus seinem Körper fließen.
Eine Stunde verging, man redete leise miteinander, las oder versuchte zu schlafen. Als Morgan sich plötzlich erhob. Er stand auf und ging zu den Menschen, die sich am Tisch versammelt hatten, hinüber.
„Darf ich mich zu euch setzen?"
„Ja, sicher." Prentiss rutschte hinüber ans Fenster und machte ihm ihren Sitz frei.
„Worüber redet ihr gerade?"
„Wir sprachen gerade über die fünf Täter, die wir gefasst haben." Reid schien ganz in das Gespräch vertieft zu sein.
„Die Fünf, die mich niedergeschlagen haben?!"
„Ja", bestätigte Frank zögernd, die neben Reid am Fenster saß.
„Am Besten redet ihr einfach weiter, so als wäre ich nicht hier. Vielleicht kommt meine Erinnerung dann ja zurück."
„Das wird wohl noch etwas dauern." Reid sah ihn ernst an.
„Spencer, verschreck Derek doch nicht noch." Frank legte dem Kollegen ihre Hand auf den Arm und wandte sich an Morgan.
„Du kennst uns ja noch gar nicht: Ich bin Susanne Frank und komme aus Deutschland. Ich bin für ein Jahr bei euch, um eure Vorgehensweise zu erlernen."
Dankbar lächelte Morgan ihr zu. Sie schien nett zu sein.
„Emily Prentiss. Wir arbeiten seit fünf Jahren zusammen."
„Okay. Dann musst du Spencer Reid sein. Hotch hat mir von euch erzählt. Aber leider fällt mir nicht mehr zu euch ein, als die Hinweise, die Hotch mir gegeben hat."
Hotchner hatte die ganze Zeit gespannt dem Gespräch gelauscht und lehnte sich jetzt beruhigt in seinen Sitz zurück, um einige Stunden des fehlenden Schlafes der letzten Nacht nachzuholen.
„Ich möchte euch aber nicht stören Hotch. Du kannst mich auch einfach bei mir zu Hause absetzen."
„Rede keinen Blödsinn." Hotchner schloss die Tür seines Hauses auf. „Komm rein." Er ließ Morgan den vortritt und schloss die Tür hinter sich. „Du würdest dich in der Stadt nicht zurechtfinden. Glaub mir, es ist besser, wenn du erst einmal hier bleibst. Okay?"
Morgan nickte.
„Dad!" Sie hörten Jack eher, als dass sie ihn sahen.
„Da musst du nun durch." Hotchner lachte seinen Kollegen aufmunternd an und stellte seine Tasche neben dem Sideboard im Flur ab.
Jack kam die Treppe heruntergesprungen und blieb neugierig schauend stehen.
„Was ist los? Heute keine stürmische Begrüßung?" Hotchner lächelte entspannt. Jack lachte auch, lief ihm entgegen und warf sich in die ausgebreiteten Arme.
„Wo ist Tante Jessica?"
„In der Küche."
„Nein, ich bin schon hier." Eine junge Frau mit schulterlangen, gewellten blonden Haaren trat aus einer Tür am anderen Ende des Flures.
„Derek, das sind Jack und Jessica. Sie werden in der nächsten Zeit für dich da sein."
„Solange, bis ich mich wieder erinnere." Stellte Morgan bestimmt fest.
„Richtig." Hotchner zwinkerte seiner Schwägerin verschwörerisch zu. „Kommt, lasst uns ins Wohnzimmer gehen."
