4 - Schlafe, schlafe

Die Mittagssonne strahlte von einem wolkenlosen blauen Himmel. Vögel in den tiefgrünen Bäumen versteckt, zwitscherten dem schönen Tag ein Lied.

Eine Parkanlage mit vielen Spielgräten wurde von vereinzelten Kindern bevölkert. Erwachsene saßen am Rande verteilt auf Bänken oder lagen auf dem Rasen ausgestreckt. Sie schienen die letzten warmen Sonnenstrahlen genießen zu wollen.

Eine dunkelhaarige Frau stand an einem Holztisch und legte die Servierten zu den Tellern auf dem Tisch. Stolz richtete sie sich auf und betrachtete ihr Werk. Lächelnd drehte sie sich um: „Grace, Minnie May, Paul! Andy kommt ihr, das Essen ist fertig!" Sie schaute sich in der Umgebung um. Das Spielgelände für die Kinder war riesengroß. Gerne waren ihre Drei hier und tobten herum.

„Gleich Mum!" Ganz am anderen Ende zum Wald hin konnte sie ihre Kinder zusammen mit ihrem Mann erkennen. Sie schienen wieder auf Entdeckungstour zu sein und etwas Interessantes gefunden zu haben. Lächelnd sah sie ihnen aus der Entfernung zu, wie sie gebannt auf den Boden starrten.

Ein Kreischen ließ sie zusammen fahren. Minnie May, ihre Jüngste, schrie wie am Spieß und kam entsetzt auf sie zu gerannt.

„Kommt Kinder, wir gehen zurück."

„Aber Dad!"

„Nein Paul, komm." Der Mann legte einen Arm beschützend um die Schultern seiner Ältesten, mit der Anderen schob er seinen Sohn vor sich her.

Minnie May flog schluchzend in die schützenden Arme ihre Mutter. Verwundert drückte die Frau ihre kleine Tochter an sich und wartete erstaunt auf die restliche Familie.

„Wir haben eine Hand gefunden Mum." Paul war aufgeregt und wäre am liebsten wieder umgedreht und hätte sich den Gegenstand noch einmal genauer angesehen.

„Paul, es reicht! Minnie May hat schon Angst genug." Der Mann schob die Kinder zu der Holzbank. „Setzt euch. Ich werde die Polizei anrufen."

In einer Seitenstraße hielt ein weißer Lieferwagen. Die Tür der Fahrerseite öffnete sich und eine Gestalt in einem Blaumann gekleidet stieg pfeifend aus. Er öffnete die Schiebetür an der Seite und zog eine schwere Handwerkertasche hervor.

Weiter vor sich hin pfeifend ging er zur Hintertür des Hauses. Er klopfte. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Leises Gemurmel erfüllte die Luft, dann wurde die Tür weiter geöffnet und fiel hinter dem Handwerker schwer ins Schloss.

„Hallo Leute", ein braungebrannter Mann schob sich unter der Absperrung durch.

„Mike, endlich." Ein Sergeant trat auf den Neuankömmling zu.

„Wo ist sie?"

„Dort vorn." Der Sergeant wies auf eine Stelle am Rande des Waldes.

„Wer hat sie gefunden?"

„Ein Vater mit seinen Kindern. Wir haben seine Angaben schon aufgenommen. Die Eltern wollten die Kinder schnell von hier fortbringen."

„Ist gut Roy. Sie werden uns wahrscheinlich sowieso keine näheren Informationen über die Tat geben können." Gemeinsam gingen sie auf die Fundstelle zu.

„Aber heißt es nicht immer, dass der Täter zu seinen Opfern zurückkehrt? Das hast du uns doch erzählt."

„Stimmt. Aber warum hätte er die Leiche seinen Kindern zeigen sollen?"

Der Sergeant zog seine Schultern hoch. „Um ihnen zu zeigen, was passiert, wenn man nicht artig ist."

„Und warum jetzt schon?" Inspektor Mike Spencer wies auf die freigelegte Leiche. „Sie ist vielleicht zwei Tage tot. Wenn er noch länger gewartet hätte, dann hätte er doch wesentlich mehr davon gehabt."

Der Mann im Arbeitsanzug lehnte an seinem Wagen und zog genüsslich an seiner Zigarette. Interessiert ließ er dabei seine Augen über die Rückseite des Gebäudes schweifen. Die Fassade an der Vorderseite war wesentlich beeindruckender. Aber wer von den Gästen nahm schon den Hintereingang.

Nun ein Blick konnte nicht schaden. Er schlenderte die Straße entlang und blieb im Schatten des Gebäudes an der Ecke stehen. Einen Schritt weiter und er wäre in einer gänzlich anderen Welt.

Drei Personen saßen still in einem Büro und warteten. Endlich öffnete sich die Tür und ein Mann im weißen Kittel betrat den Raum. Er ging um den Schreibtisch herum und ließ sich auf dem Bürostuhl dahinter nieder.

„Nun Mr. Morgan, es sieht alles sehr gut aus. Die Gehirnerschütterung ist so gut wie abgeklungen. Was Sie jetzt brauchen ist einfach noch Geduld. Sie werden sehen, plötzlich werden Ihre Erinnerungen wieder da sein."

„Ich warte schon zwei Wochen." Morgan fühlte sich rastlos in seiner Haut. Er war bei Hotch und seiner Familie zwar gut untergekommen, aber ihm fehlte die Freiheit.

„Ich weiß, dass es nicht einfach ist. Aber mehr kann ich für Sie im Moment nicht tun. Gehen Sie an die frische Luft. Aber ruhen Sie sich zwischendurch noch aus… Das ist das Einzige was ich Ihnen verschreiben kann."

Wie sollte er seine Vergangenheit finden, wenn er nicht nach ihr suchen konnte. Morgan stand entnervt auf. Er brauchte jetzt frische Luft.

„Derek", Jessica, die zusammen mit Hotch ruhig neben ihm gesessen hat, ergriff seine Hand. Augenblicklich spürte Morgan, wie er innerlich ruhiger wurde. Dankbar lächelte er der jungen blonden Frau zu. Sie hatte ihm in den letzten Tagen so viel Halt gegeben.

„Ich brauche ein wenig Luft. Ich warte draußen."

„Okay." Jessica zwinkerte ihm leicht zu und zog ihre Hand zurück. Als Morgan den Raum verlassen hatte, beugte sich Hotch leicht in seinem Sitz vor.

„Doktor, welche Möglichkeiten gibt es ihm zu helfen sich wieder zu erinnern?"

„Gewohnte Umgebungen und Menschen. Tagesabläufe."

„Er kann aber nicht alleine in seiner Wohnung bleiben. Seine Schwester kommt erst in den nächsten Tagen."

„Du könntest mit Derek in seine Wohnung ziehen. Das Problem ist nur, dass du jederzeit zu einem neuen Fall gerufen werden könntest. Daher ist er bei uns besser aufgehoben."

„Jessica, ich lasse dich nicht mit Derek alleine. Wir arbeiten momentan nur vom Büro aus."

„Das ist doch Blödsinn, Aaron. Du und das Team, ihr werdet gebraucht. Derek ist sehr pflegeleicht. Wir kommen gut miteinander aus… Gemeinsam werden wir sein Leben wieder zurück in die richtige Bahn schieben."

„Nun komm schon Sophie!" Ein dunkelhaariger Mann stieg aus einem roten Ferrari California und warf die Schlüssel dem Parkwächter zu.

Die Frau auf der Beifahrerseite ließ sich Zeit. Sie schaute in den Spiegel hinter der Sonnenblende und überprüfte ihr Makeup. Ihr Spiegelbild anlächelnd strich sie sich durch die langen blonden Haare, die ihr locker ums Gesicht fielen.

Die Sonnenblende hochklappend, lächelte sie ihre Begleitung durch die Windschutzscheibe beruhigend an. Gemächlich stieg sie aus und schenkte auch dem Mann, der ihr höfflich die Tür offen hielt, ein warmes Lächeln.

„Seth, versuch dich zu beruhigen. Mit den größten Managern gehst du so professionell um… Heute triffst du doch nur meine Eltern."

„Eben!"

Gemächlichen Schrittes, die Hüften bewusst schwingend, betrat die junge Frau das Restaurant und lächelte amüsiert vor sich hin. Ihr Freund hingegen fuhr sich nervös über die dezente Krawatte, die auf seinen leichten beigen Sommeranzug abgestimmt war.

Von seinem Aussichtspunkt, der Gebäudeecke, konnte er die Ankunft dieser wunderschönen jungen Frau beobachten. Wie sie sich geschmeidig bewegte. Wie sie mit dem Jungspund spielte. Was für eine Frau!

Er spürte wieder diesen Drang in sich aufsteigen. Sie war genau die Richtige! Warum sollte er noch länger suchen? Besser konnte er seine Wahl nicht treffen.

Diesen Willen zu brechen würde ein riesiger Genuss werden.

Er ließ seine brennende Zigarette fallen, trat sie mit der Fußspitze energisch aus und verschwand im Schatten des Gebäudes.

Der Ober geleitete die jungen Leute zu ihrem Tisch. Das Ehepaar, das sie erwartete, erhob sich höflich, als sie die herankommenden Personen bemerkte.

„Mum", die junge Frau kam um den Tisch herum und drückte der Frau Anfang vierzig Küsschen auf die Wange.

„Hallo Sophie. Es ist schön dich mal wieder zu sehen."
„Ach Mum, ihr wisst doch, dass ich momentan mit diesem Film voll beschäftigt bin."

„Komm her meine Kleine, lass dich drücken." Zärtlich erwiderte die junge Frau die Umarmung ihres Vaters.

„Dad, Mum. Das ist Seth Powell. Er würde euch gerne kennenlernen. Seth, meine Eltern. Marilla und Anthony Barry."

„Schön, dass es endlich geklappt hat. Mr. Barry." Seth Powell hatte bisher ruhig im Hintergrund gestanden. Nun trat er vor und hielt Sophies Eltern freundlich lächelnd die Hand entgegen.

„Freut mich!" Sagte Mr. Barry nur. „Warum setzen wir uns nicht." Nachdem sie sich am Tisch niedergelassen hatten, wandte Mr. Barry seine volle Aufmerksamkeit wieder seiner Tochter zu. Seth kannte es schon, dass Sophie immer im Mittelpunkt stand, aber so herablassend war er noch nie behandelt worden.

„Sophie, deine Mutter hat recht. Du könntest dich wirklich öfter melden!"

„Ach Dad, fang bitte nicht schon wieder an…" Sie lächelte Seth neben sich verliebt an. „Außerdem bin nicht ich heute die Hauptperson, sondern Seth. Ihr wollt ihn doch bestimmt auf Herz und Nieren prüfen. So wie ihr es noch mit jedem meiner Freunde getan habt…"

„Sophie", ermahnte ihre Mutter und schaute sich verlegen im Restaurant um, aber niemand schien die harten Worte mitbekommen zu haben.

„Entschuldigt mich bitte einen Moment." Die junge Frau nahm lächelnd ihre kleine Handtasche, die sie neben sich auf den Tisch abgelegt hatte, zur Hand und erhob sich.

Seth, von dem seltsamen Gespräch völlig verwirrt, starrte sie entsetzt an. Sie konnte ihn doch jetzt nicht einfach alleine lassen!

Beruhigend spürte er ihre Hand auf seiner Schulter. Er wusste, sie vertraute ihm.

„Ach Dad, es gibt noch eine Neuigkeit, die du sicher noch nicht von deinen Freunden und Bekannten über Seth erfahren hast. Man hat ihm heute einen Job im Vorstand seiner Bank angeboten! Wie du siehst, ist er sehr wohl im Stande eine Familie zu ernähren!"

Ein befriedigendes Lächeln aufsetzend ging sie quer durch den großen Raum davon. Grüßte nach links und nach rechts, wo sie bekannte Gesichter an den Tischen ausgemacht hatte.

„Sam, da sind wir." Inspektor Spencer und sein Kollege Sergeant Roy Johnson hatten die Pathologie betreten und fanden die zuständige Ärztin, wie sollte es anders sein, tief über einer Leiche gebeugt vor.

„Hey ihr Zwei." Samantha Mortensen schaute nur kurz auf. Konzentriert fuhr sie mit einer Pinzette in ein kleines Loch in dem Leichnam vor sich. Vorsichtig zog sie einen kleinen Gegenstand aus dem Oberkörper und ließ ihn in eine Schale neben sich auf dem Beistelltisch fallen. Eine Kugel, erkannte Inspektor Spencer sofort. Wahrscheinlich Kaliber 9, aus einer Automatik. Gängiges Modell. Wenn die Ballistik die Spuren an der Kugel noch nicht in ihrer Datenbank hatte, konnte es schwer werden den Täter zu fassen.

„Du hast was über die beiden Frauenleichen herausgefunden?" Sergeant Johnson sprach das eigentliche Thema ihres Kommens an.

„Ja", Samantha Mortensen zog die blutigen Handschuhe aus und forderte die beiden Männer mit einer kurzen Handbewegung auf ihr zu folgen. „Ich konnte ihre Identitäten nachweisen. Es handelt sich bei dem ersten Opfer wirklich um Abigail Lynde. Das zweite Opfer ist Hannah Nielson. Die Zahnabdrücke passen."

Sie waren an den Kühlfächern für die Leichen angekommen. Samantha Mortensen zog schwungvoll eine der Laden heraus.

„Wie sieht es mit dem Todeszeitpunkt aus?" Inspektor Spencer hatte sich auf der gegenüberliegenden Seite der Barre gestellt und ließ seinen Blick über die Frauenleiche schweifen.

„Sie sind zu verschiedenen Zeiten getötet worden."

Überrascht sahen die beiden Polizisten sie an und warteten auf eine weitere Erklärung.

„Das erste Opfer", Mortensen wies auf den Körper vor sich, „wurde letzten Freitag zwischen 8p.m. und 10p.m. getötet. Miss Nielson hingegen lebte noch bis zum gestrigen Abend. Sie wurde in etwa dem gleichen Zeitfenster ermordet."

„Dann hat er die Leichen erst in der letzten Nacht beim Spielplatz verscharrt."

Mortensen sah den Sergeanten mitleidig an. „Nicht ganz Roy. Mrs. Lynde liegt schon länger dort."

„Also entsorgt er sein Opfer, bevor er das nächste holt." Johnson sah Anderson nachdenklich an. Er blinzelte und wandte sich dann wieder an die Pathologin „Wie sieht es mit der Todesursache aus?"

„Beide wurden definitiv brutal gequält und mehrfach vergewaltigt. Getötet wurden sie aber durch Ersticken… Dazu sind mir noch diese Striemen an beiden Körpern aufgefallen." Mortensen griff über die Leiche und hob den starren Körper an. Sie wies auf blutunterlaufende Male am Oberarm und dem Oberschenkel.

„Sind die Striemen auch auf der anderen Seite?" Anderson beugte sich hinab und suchte auf der anderen Körperhälfte.

„Ja. Beide Seiten." Bestätigte Mortensen und Sergeant Anderson nickte bestätigend zu seinem Chef hinüber.

„Gut, das sind doch schon mal Hinweise. Danke Sam." Damit verschwanden die Polizisten und die Pathologin ließ die Lade mit der Leiche wieder zurück in die Kühle gleiten.

Sophie Barry betrat die elegant ausgestattete Damentoilette. Hier hatte sich in der letzten Zeit nichts verändert. Noch immer lag dieser schwere süßliche Duft im Raum. Und wie üblich, in diesen eleganten Restaurants, waren noch weitere Damen anwesend, die sich eingehend um ihr Makeup kümmerten. Entschlossen ging auch sie auf eines der Waschbecken zu und kramte in ihrem kleinen Handtäschchen nach ihrem Lipgloss und dem Eyeliner.

„Sophie, Liebes." Eine ältere Dame in einem eleganten Sommerkleid kam auf sie zu. „Ich habe Sie ja schon so lange nicht mehr gesehen."

„Mrs. Miller, schön Sie wieder zu sehen." Ging Sophie Barry höflich auf das Gespräch ein. Doch ihre Gesichtszüge drückten ihren Missfall aus. Es war zwar heute noch recht warm, aber dieses alte Sommerkleid ging ja gar nicht.

„Ich habe schon Ihre Eltern vorhin begrüßt."

Sophies Lächelten war nur aufgesetzt, während sie nach einem Ausweg suchte.

„Ich war lange nicht in der Stadt. Da muss man die Zeit nutzen und alte Bekanntschaften auffrischen." Fuhr Mrs. Miller unbeirrt fort.

Sophie Barry öffnete den Wasserhahn. Das Geräusch des fließenden Wassers würde ein weiteres Gespräch in einer angemessenen Lautstärke unmöglich machen. Doch es kam kein Tropfen Flüssigkeit aus der Leitung. Sie öffnete den Hahn bis zum Anschlag, aber nichts geschah.

Verwundert ließ sie ihren Blick zu den Nachbarbecken schweifen. Auch hier schien es kein Wasser zu geben. Bereits zwei Frauen gaben lauthals ihre Entrüstung über so einen Zustand kund. Eine Dritte versuchte ihrem Hahn einen Tropfen Wasser zu entlocken, doch auch dieser blieb trocken.

Sophie fühlte sich plötzlich völlig benebelt. Dieser süßliche Duft stieg ihr widerlich in die Nase. Ihr Dad sollte den Eigentümer des Restaurants mal auf diese penetrante Situation aufmerksam machen.

Augenblicke später hatte sie Mühe die Augen offen zu halten. Sie sah noch wie Mrs. Miller neben ihr in sich zusammensackte und schwer mit dem Kopf auf den Boden aufschlug. Weiter hinten gingen auch die anderen Frauen in die Knie.

Was war hier los? Doch Sophie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr wurde schlecht. Sie wollte nur noch hinaus. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Auf leisen Sohlen betrat ein Mann den Raum. Er schob sich eine Sauerstoffmaske über Nase und Mund und legte ein Rohr neben der jungen Frau auf den Boden ab.

Minuten später verschwand er wieder so leise, wie er gekommen war. Er trug das Rohr auf seiner Schulter und spazierte pfeifend auf den hinteren Ausgang zu.

„Hey Dave." Hotchner trat in das Büro seines Kollegen. „Du wolltest mich sprechen?"

„Ja. Setz dich." Einladend wies Rossi auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Du warst mit Derek beim Arzt? Wie geht es ihm?"

Hotchner schüttelte nur stumm den Kopf. „Er erinnert sich an unwesentliche Kleinigkeiten, die er auch irgendwo aufgeschnappt haben könnte… Auf jeden Fall sind die Ärzte allesamt davon überzeugt, dass sein Gedächtnis wiederkommt. Sie sagen, dass sein Gehirn keine sichtbaren Schäden davongetragen hat. Die Amnesie ist nun einmal ein Schutzmechanismus unseres Körpers, der Zeit braucht."

Rossi nickte verstehend.

„Er braucht einfach weiterhin viel Ruhe."

„Weist du schon wann seine Schwester kommt?"

„Nein, nicht genau. Irgendwann in den nächsten Tagen. Wir haben gestern telefoniert. Mrs. Morgan geht es besser. Sarah kümmert sich jetzt um einen Flug."

Rossi strich sich nachdenklich über den graumelierten Bart.

„Nun aber zu dir Dave. Was beschäftigt dich?"

„Ich habe eben einen Anruf bekommen. Ein alter Bekannter aus Vancouver. Richard Anderson. Er ist Assistant Commissioner der kanadischen Mounties."

„Ein neuer Fall? Worum geht es?"

„Es geht eher um die Frage, ob wir im Moment einen neuen Fall übernehmen können."

„Jessica hat grünes Licht gegeben. Derek macht ihr keine Probleme. – Somit könnten wir Ihnen helfen. Hat dein Bekannter schon die nötigen Behörden benachrichtigt? Wir gehen hier über die Staatsgrenzen."

„Alles schon geklärt… Er wollte nur gerne unser Team bekommen."

„Dann lass uns starten…" Hotchner erhob sich. „Ich gebe den anderen Bescheid. In einer Stunde im Flugzeug."

„Möchtest du nicht wissen, worum es geht?" Hinderte Rossi seinen Kollegen zu gehen. Hotchner sah ihn nur fragend an.

„Eine Entführung. Die Tochter eines Industriellen."

„Würde sie davonlaufen?"

„Nein."

„Das reicht mir. Den Rest werden wir uns im Flugzeug ansehen…" Hotchner ging zur Tür. „Wir sollten auch Garcia mitnehmen. Vielleicht lassen sie uns ja in ihr System."

Ralph Waldo Emerson (amerikanischer Schriftsteller):

„Das Einmalige an einer Freundschaft ist weder die Hand, die sich einem entgegenstreckt, noch das freundliche Lächeln oder die angenehme Gesellschaft. Das Einmalige an ihr ist die geistige Inspiration, die man erhält, wenn man merkt, dass jemand an einen glaubt..."

„Hallo Aaron. Seit ihr unterwegs?" Jessica hatte das Telefonat in der Küche angenommen.

„Ja, wir sind gerade gestartet. Eine junge Frau wurde entführt. Wie kommt ihr klar?"

„Alles bestens. Mach dir keine Sorgen." Jessica spürte, dass ihr Schwager mit sich kämpfte. „Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben Aaron. Helft ihr lieber die junge Frau zu finden."

Sie hörte ihn tief einatmen am anderen Ende der Leitung.

„Okay… Was macht Jack?"

Jessica lachte vor sich hin. „Er liest Derek gerade ein Märchen vor. Dein Sohn ist sehr erfinderisch. Immer wieder fällt ihm etwas Neues ein, um Derek zu helfen."

Hotchner konnte sich seinen kleinen Sohn vorstellen, wie er da saß, mit dem schweren Märchenbuch auf dem Schoß und versuchte ein Wort nach dem anderen zu entziffern. Er spürte, wie ihn wohlige Wärme durchströmte. Derek war wirklich gut aufgehoben.

Der weiße Lieferwagen hielt vor einem vernachlässigten Holzhaus. Der Fahrer stieg aus und ging pfeifend um den Wagen herum. Er öffnete die Hecktür und zog ein Stück Plastikrohr heraus. Mit Schwung legte er sich das Rohr über die linke Schulter, gab der Wagentür einen Schubs und stieg die Stufen zur Veranda hinauf.

Die Agents der BAU hatten sich im Flugzeug verteilt und lauschten gebannt auf Rossis Worte.

„Heute Mittag wurde Sophie Barry aus einem Restaurant mitten in der Stadt entführte. Nach den bisherigen Kenntnissen wurde sie und vier weitere Frauen in den Waschräumen mit Gas außer Gefecht gesetzt."

„Wie geht es den anderen Frauen?" Fragte Garcia entsetzt.

„Es geht ihnen im Moment soweit ganz gut." Rossi ließ seinen Blick von Garcia über die anderen Agents gleiten. „Die Dosis des Chloroforms war so hoch, dass sie weggedämmert sind."

„Chloroform, oder Trichlormethan, wurde lange als Narkosemittel verwendet. Bis es in den Verdacht kam krebserregend zu sein." Begann Reid automatisch seine Kenntnisse mitzuteilen. „Eine farblose, nicht entzündbare, aber flüchtige Flüssigkeit mit süßlichem Geruch. Neben der Narkose kann es noch zu Herz-Lungen-Versagen kommen. Im schlimmsten Fall greift es das zentrale Nervensystem an und verursacht Nieren- und Leberschäden."

„Wie sind die Frauen mit dem Gas in Berührung gekommen?" Prentiss sah fragend zu Rossi hinüber, der ihr gegenüber saß.

„Die örtliche Polizei ist noch am Auswerten. Aber sie gehen davon aus, dass das Gas durch die Wasserrohre geleitet wurde."

„Wie das?" Prentiss schien das Verfahren doch sehr eigenartig.

„Er hat die Leitungen ausgetauscht."

„Das bedeutet, er hat handwerkliche Kenntnisse." Hotchner hatte dem Gespräch bisher nur halbherzig gelauscht. Seine Gedanken waren zu Hause.

„Gibt es schon Forderungen?" Frank führte die Gedanken der Kollegen in eine andere Richtung.

„Nein, bisher ist noch kein Schreiben eingetroffen oder ein Anruf erfolgt. Sie warten noch darauf." Erklärte Rossi.

„Gut." Gewohnheitsbedingt übernahm Hotchner das Kommando. „Garcia, wir bekommen Zugang zu ViCLAS."

„Die kanadische Verhaltensdatenbank für Gewaltverbrecher?... Wow, da wollte ich immer schon einmal herumstöbern." Garcia war begeistert. Die Teammitglieder lachten amüsiert. Garcia konnte ihre Gefühle einfach nicht verbergen.

„Aber nicht zu tief." Rossi hob drohend den Finger und lachend fuhr er fort: „Sonst war das dein Erster und Letzter Besuch bei ihnen."

„Nicht so eine klitzekleine Kopie von dem System?... Wäre bestimmt interessant… Was ich für Geld damit machen könnte!"

Die Stimmung, die in den letzten Wochen sehr gedrückt war, lockerte sich etwas. Selbst Hotchner ließ ein kurzes Lächeln auf seinem Gesicht erscheinen. Dann wurde er aber schnell wieder ernst. Der neue Fall brauchte ihre ganze Aufmerksamkeit.

„Wir bringen dich als erstes zum Revier. Kram alle Informationen über Sophie Barry aus, die du finden kannst. Verbindungen zur Familie und Freunden, zu Vereinen." Hotchner wandte sich an die nächsten Kollegen. „Reid, Prentiss und Frank. Ihr Fahrt zum Tatort und schaut euch dort um. Die Restlichen fahren zum Haus der Barrys. Vielleicht können die Eltern uns noch weitere Hinweise liefern… Ich nehme an eine Fangschaltung wurde bei ihnen bereits eingerichtet?" Er sah Rossi fragend an.

„Ja, sicher. Sie haben sofort ein Team aktiviert." Bestätigte Rossi. „Anderson wollte sich sofort melden, wenn etwas passiert."

Das Telefon klingelte. Morgan lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Augen geschlossen. Ruhig lauschte er ins Haus. Da kamen Schritte näher. Kurz darauf erschien Jessica eilig im Türrahmen zum Flur. Ihr Blick erfasste sofort, dass das Läuten des Telefons Morgan nicht aufgeweckt hatte. Sie schnappt sich den Hörer von der Station und verschwand in den Flur.

„Hallo", hörte er Jessicas Stimme hinter der Wand. Morgan setzte sich auf und lauschte auf die Worte, die gesprochen wurden. „Es geht ihm gut… Okay… Ja, wir sind da… Dann bis Morgen."

Leise kam Jessica zurück ins Wohnzimmer, um den Hörer zurückzubringen. Überrascht schaute sie zu Morgan hinüber. „Du bist wach?"

Morgan ließ die blonde Frau nicht aus den Augen. Jessica stellte den Hörer in die Ladestation und drehte sich zu ihm um. Besorgt sah sie ihn mit fragendem Gesicht an.

„Ist dir nicht gut?" Sie kam langsam näher.

Morgan hob seine Beine vom Sofa: „Setzt du dich einen Moment zu mir?"

„Sicher." Erleichtert legte sich ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Hast du mit Sarah telefoniert?"

„Ja. Sie kommt Morgen. Eurer Mutter geht es soweit wieder gut."

„Wie soll ich mich ihr gegenüber verhalten? Ich kenne sie doch gar nicht?"

Jessica konnte seine Angst verstehen. Leicht legte sie Morgan ihre Hand auf den Arm. „Vielleicht erkennst du sie ja sofort, wenn du sie siehst."

„Und wenn nicht?"

„Derek, sie weiß doch, dass du keine Erinnerung an die Vergangenheit hast. Sie wird es dir nicht übel nehmen, wenn du ihr nicht sofort begeistert um den Hals fällst. Sei einfach du selbst… Ich denke, ihr werdet sehr schnell gute Freunde werden."

„Danke."

Jessica nickte ihm aufmunternd zu.

„Aaron hat vorhin auch angerufen. Sie sind zu einem neuen Einsatz geflogen. Ich hoffe, dass ist für dich in Ordnung."

„Früher hätte ich mich wohl geärgert, wenn ich nicht mit dabei sein konnte, oder?" Morgan rieb seine Fingerspitzen aneinander.

„Ja, ich denke schon." Jessica hörte immer wieder gerne zu, wenn ihr Schwager von seiner Arbeit erzählte. „Aaron sagte mal, dass es wie eine Strafe für euch wäre, nicht helfen zu dürfen. – Erinnerst du dich an etwas?"

„Nur so ein Gefühl… Meine Fingerspitzen kribbeln."

„Ein gutes Zeichen." Jessica wartete noch einen Moment, dann erhob sie sich.

„Jess… Bleib bitte noch ein bisschen." Morgan ergriff ihr Handgelenk.

Verwundert sah sie zu ihm hinunter, tief in seine dunklen Augen, die sie fasziniert anstarrten. Nun durchfuhr sie ein leichtes Kribbeln, das sich in ihren Lippen zu bündeln schien.

Langsam beugte sie sich ihm entgegen. Zwei hastige Atemzüge weiter fand sie sich nahe an seinem Gesicht wieder. Sein angenehmer Geruch, der sich in den letzten Tagen schon im ganzen Haus ausgebreitet hatte, stieg ihr in die Nase und verwirrte ihre Sinne. Sie schien nicht mehr Herr ihres Körpers zu sein. Wie von unsichtbarer Hand geführt, berührten sich leicht ihre Lippen. Wie zarte Elfenflügel strichen sie übereinander.

Genauso leicht verspürte Jessica einen Lufthauch auf ihrer Wange. Dann die warme Haut. Sie schmiegte sich an die haltgebende Hand und spürte gleichzeitig, wie sich ihre Lippen trafen.

„Was gedenken Sie nun zu tun Commissioner? Haben Sie schon einen Verdächtigen?" Ein Mann im dunklen Mantel gehüllt stand nervös vor dem Schreibtisch eines leitenden Beamten der Staatspolizei.

„Bitte Mr. Barry, beruhigen Sie sich. Wir haben die BAU um Unterstützung gebeten. Sie sind auf dem Weg hierher."

„Sie meinen die Spezialeinheit aus Washington D.C.? Wann werden die hier eintreffen? Wenn es dann zu spät ist für meine Tochter?"

„Wir stehen die ganze Zeit über mit ihnen in Verbindung. Sie befassen sich in diesem Moment bereits eingehend mit den Fakten und wir versuchen alle Spuren auszuwerten."

„Ich möchte dabei sein, wenn Sie mit Ihnen sprechen."

„Mr. Barry…"

„Anthony", Mrs. Barry hatte die ganze Zeit mit gesenktem Kopf da gesessen und ihren Tränen freien Lauf gelassen. Jetzt mischte sie sich in das Gespräch ein. „Wir müssen dem Commissioner vertrauen."

„Ich kenne lieber das Was und das Wie. Anders wäre ich heute nicht einer der führenden Industriellen des Landes."

„Du kannst die Organisation der Polizei doch nicht mit deiner Firma vergleichen."

„Mrs. und Mr. Barry", Commissioner Robert Anderson erhob jetzt seine Stimme. „Wir werden Ihre Hilfe mit Sicherheit noch benötigen. Die Agents von der BAU werden Ihnen bestimmt Fragen stellen wollen. Und da es bis jetzt noch keine Forderungen von dem Entführer Ihrer Tochter gibt, bleibt uns nur die Möglichkeit die vorhandenen Spuren zu sichern und daraus Erkenntnisse zu ziehen… Haben Sie einfach ein wenig Vertrauen."

Anderson erhob sich. „Lassen Sie uns fahren. Wenn sich der Entführer meldet, sollten wir bei Ihnen zu Hause sein."

Sophie Barry erwachte. Ringsum sie herum war es stockdunkel. War es bereits Nacht? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Benommen wollte sie ihre Hand heben, um sich über das verschlafene Gesicht zu fahren. Doch sie konnte sie nicht bewegen. Energisch versuchte sie die Stellung eines ihrer anderen Gliedmaßen zu wechseln, doch sie rührten sich nicht den kleinsten Zentimeter.

Was war mit ihr passiert? Hatte sie einen Unfall und konnte sich daher nicht mehr bewegen?

Aber nein, sie spürte eindeutig, wie es in ihren Händen und Füßen kribbelte. Und sie spürte Schnüre, Seile, die sich bei jeder Bewegung in ihre Haut fraßen.

Immerhin schien sie die Lage ihres Kopf noch verändern zu können. Sie versuchte in alle Richtungen zu schauen. Vielleicht gab es ja irgendwo einen Hinweis, wo sie sich befand.

Doch nirgends war auch nur der kleinste Lichtschimmer zu sehen. Sophie merkte, wie sie Panik erfasste. Sie schloss ihre Augen und versuchte sich völlig auf ihren hastigen Atem zu konzentrieren.

„Jack schläft endlich." Jessica betrat das Wohnzimmer und setzte sich in einen der Sessel. „Die letzten Tage waren wirklich aufregend für ihn."

„Für mich auch. So ruhig, wie ich immer tue, bin ich in Wirklichkeit nicht."

„Du machst dir Sorgen. Das ist doch verständlich." Jessica schaute Morgan mitfühlend an. Und augenblicklich nahm er ihre Augen gefangen. Sie riss sich los und stand auf. Atemlos brachte sie hervor: „Möchtest du auch einen Kaffee?"

„Lauf nicht weg Jess! Bitte! Wir müssen reden." Morgan griff nach ihrer Hand. „Du bist heute Nachmittag einfach verschwunden."

Sekundenlang schien die Welt still zu stehen.

„Gut", Jessica wusste, dass es sein musste und setzte sich neben Morgan auf das Sofa. „Reden wir."

Sie schwiegen.

„Der Kuss hat nichts zu bedeuten." Brachte Jessica dann schließlich hervor.

„Was?" Entsetzt sah Morgan zu ihr hinüber. „Das meinst du nicht ernst."

„Derek, wir sollten es dabei belassen. Alles andere wäre… zu diesem Zeitpunkt… nicht richtig."

„Weil ich mich nicht erinnere?"

„Vielleicht hast du ja jemanden, der auf dich wartet."

„Nein", sagte er bestimmt, „das wüsste ich… Du bist mir wichtig."

„Du kennst die Welt da draußen doch gar nicht… Derek, warten wir es einfach ab, okay?"

„Das fällt mir schwer." Morgan starrte vor sich hin. „Ich habe momentan viel Zeit zum Nachdenken… Und bei einem bin ich mir ganz sicher: Ich warte und horche auf jeden deiner Schritte im Haus. Bist du nicht da, scheint die Zeit still zu stehen."

Jessica hatte seinen Worten gelauscht. Überrascht schaute sie ihn an. Ihre Blicke trafen sich.

„Ich liebe dich Jess… Und ich möchte dich gerne noch besser kennen lernen." Morgan nahm Jessicas Kopf in seine Hände und zog sie zu sich heran. Sie wehrte sich nicht. Entschlossen legte er seine Lippen auf ihre.

Ein anthrazitfarbener Chevrolet hielt vor dem Restaurant in der Innenstadt von Vancouver. Prentiss, Reid und Frank stiegen aus und gingen auf den Eingang zu.

„Ein Haus für Gäste mit viel Geld." Stellte Reid entschieden fest.

„Geld sagt aber nicht unbedingt etwas über den Menschen aus."

Wandte Prentiss ein.

„Richtig." Bestätigte Frank.

„Los Leute", forderte Prentiss ihre Kollegen auf. „Lasst uns den Ort des Geschehens besichtigen."

Im Inneren erwartete sie eine angenehme Atmosphäre. Frank sah sich fasziniert um. Wer hätte damit gerechnet, dass sie nicht nur die Vereinigten Staaten kennenlernen würde, sondern auch noch die Chance bekam einen Abstecher nach Kanada zu machen. Sie fühlte sich innerlich aufgeregt. Ihre Füße berührten wirklich die Erde von Kanada.

„Kann ich Ihnen helfen?" Ein adretter Mann, mit penibel gescheiteltem schwarzem Haar, kam auf sie zugeeilt. „Wir haben heute Abend geschlossen."

Prentiss nahm das Gespräch auf und erklärte: „Wir sind vom FBI." Sie zog ihren Ausweis. „Agent Prentiss. Meine Kollegen Agent Frank und Doktor Reid."

„Scott Wood… Wie kann ich Ihnen helfen? Unsere Polizei war schon da und hat das Geschäft zum Lunch völlig durcheinandergebracht. Heute Abend haben wir erst gar nicht geöffnet. Das gibt schlechte Schlagzeilen…"

Der Mann schien wirklich geknickt.

„Aber nur, wenn wir den Täter nicht schnappen. Wir könnten zum Beispiel dafür sorgen, dass Sie in der Presse erwähnt werden… hilfsbereit zur Seite gestanden…"

Der Mann brauchte nur Sekunden und lächelte Prentiss ergeben an. „Wo möchten Sie anfangen?"

„Am Tatort."

Sie folgten Wood zu den Toiletten. Und Reid begann die erste Frage zu stellen: „Wie wurde die Tat entdeckt?"

„Eine Frau schrie plötzlich wie am Spieß. Im ersten Moment habe ich gedacht, es wäre irgendwo etwas mit dem Essen nicht in Ordnung. Doch dann schrie sie nach Hilfe."

„Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?" Frank folgte Wood in die Damentoilette.

„Im Restaurant. Ich hatte gerade dem Konsul und seinen Gästen das Essen aufgetragen. – Ich bat die Gäste Ruhe zu bewahren und bin hierhin gelaufen."

„Wie sah die Situation hier im Raum aus?" Prentiss trat an einen der Waschbecken und besah sich den Hahn. Es schien ihr gespenstisch. Wenn sie diesen Hahn bewegte sollte plötzlich kein Wasser kommen, sondern Gas?

„Dort vorne lagen zwei Gäste. Einen Meter daneben eine weitere Frau." Wood drehte sich zur anderen Seite um. „Hier vorne lag Mrs. Miller. Eine sehr liebenswürdige alte Dame."

„Die Frau mit der schweren Kopfwunde."

„Richtig." Verwundert sah Wood Reid an. Der ließ sich aber nicht beirren und sprach an seine Kollegen gewandt weiter: „Wir müssen uns unbedingt die Fotos ansehen. Wenn die Frauen wirklich so gefunden wurden, wurden sie bewegt. Zumindest Mrs. Miller…" In Gedanken versunken zog er sein Handy hervor und wandte sich ab.

„Mr. Wood war an diesem Morgen irgendetwas anders als sonst?" Sprach Prentiss den Mann im eleganten schwarzen Anzug an.

„Nein, nicht das ich wüsste. Ich war die meiste Zeit aber im Restaurant, da bekommt man nicht alles mit, was in der Küche so passiert."

„Ist jemand aus der Küche anwesend, der auch heute Mittag da war?"

„Ja, ich konnte nicht alle nach Hause schicken. Sie werden schon die ersten Vorbereitungen für Morgen treffen."

„Na dann." Prentiss öffnete die Tür und ließ Wood den Vortritt hinaus. „Reid kommst du?"

Der junge Kollege hatte gerade sein Gespräch beendet und folgte ihnen aus der Tür.

„Mr. Wood, sind die Barrys eigentlich Stammkunden bei Ihnen?" Fragte Frank.

„Ja, könnte man so sagen. Sie kommen alle zwei Wochen einmal vorbei."

„Kommen Sie immer am gleichen Tag zur gleichen Zeit?"

„Nein, eher sporadisch. Es gibt keinen festen Tag bei ihnen."

Frank sah Prentiss neben sich an und versuchte die gewonnen Informationen in das Bild, was sie sich von diesem Fall gemacht hatte, einzufügen.

JJ, Rossi und Hotchner betraten das Haus der Barrys. Polizisten liefen hin und her. Gehetzte Anspannung lag über den Räumen. Das schien den Angestellten, der sie durch das Haus führte, nicht aus der Ruhe zu bringen. Interessiert ließen sie ihre Blicke über die neue Umgebung schweifen.

Der Angestellte führte sie in das helle Wohnzimmer. Die dunklen, vereinzelten Möbel bildeten einen geschmackvollen Kontrast zu der Umgebung.

Rossi fiel sofort die gehobene Ausstattung der Einrichtung auf. Hier war wirklich etwas zu holen. Also schien eine Entführung nicht gar so abwegig. Langsam, aber mit entschiedenen Schritten, näherten sich die Agents der Gruppe, die sich um den Tisch im Zimmer versammelt hatte.

Hotchner machte sich bemerkbar: „Guten Tag."

Augenblicklich hatten er und seine Kollegen die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden. Sekundenlang legte sich Stille über den Raum.

„David Rossi", Anderson kam ihnen erleichtert entgegen. „Gut, das ihr da seid."

„Robert", sprach Rossi den Commissioner an und schüttelte die dargereichte Hand. Dann wies er auf die Menschen neben sich. „Das sind zwei meiner Kollegen. Die Agents Aaron Hotchner und Jennifer Jareau."

Ein Mann, im maßgeschneiderten Anzug, erhob sich und trat zu ihnen. Den Agents war sofort klar, dass es sich bei diesem Herrn nur um den Eigentümer dieses Hauses handeln konnte. Und somit um den Vater der verschwundenen Frau.

„Mr. Barry", sprach Hotchner ihn an. Er hielt ihm seine Hand zur Begrüßung entgegen. Er sollte merken, dass sie sich bereits eingehend mit dem Fall beschäftigt hatten und helfen wollten.

„Was gedenken Sie jetzt zu tun Agent?"

Mr. Barry schien einer von der ganz empfindlichen Sorte zu sein. Rossi lass seine Körpersprache. Er erwiderte zwar den Händedruck, schien es aber nicht für nötig zu erachten, einen weiteren Gruß den Neuankömmlingen zu gewähren. Er war es gewohnt zu entscheiden und ließ sich nicht gerne hineinreden. Jetzt sollte er die ganze Sache anderen überlassen! Ein schweres Unterfangen.

„Wir würden Ihnen und Ihrer Frau gerne ein paar Fragen stellen. Wir möchten uns ein besseres Bild über Sophie machen."

„Aber wie wollen Sie dadurch den Entführer fassen?" Mrs. Barry sah zu ihnen auf. Sie hatte geweint, schien ihre Fassung aber soweit wiedergefunden zu haben. Frisches Makeup überspielte die gravierendsten Spuren der Ereignisse der letzten Stunden.

Die Agents sahen ihr offen entgegen und Rossi antwortete mit seiner rauen Stimme: „Für uns ist es wichtig mehr über das Verhalten und das Leben ihrer Tochter zu erfahren. Dadurch können wir eventuell die Spur des Täters aufnehmen. Denn wenn wir von einer Entführung ausgehen, dann ist er irgendjemanden aus dem Umfeld ihrer Tochter bestimmt aufgefallen. Er muss sie dann schon seit länger Zeit beobachtet haben."

„Außerdem kann es wichtig sein zu erfahren, wie ihre Tochter in bestimmten Situationen reagieren wird." Brachte Hotchner ein.

„Sie meinen: Überlebenswichtig?!" Wieder war es sekundenlang still.

„Mrs. Barry", versuchte JJ die Mutter zu beruhigen. „Es geht vielmehr darum, wie ihre Tochter mit der Situation der Entführung umgeht. Ist sie mental stark, oder wird sie leicht hysterisch."

„Meine Tochter lässt sich von niemanden etwas sagen. Sie bietet mir schon seit Jahren die Stirn." Mr. Barry sprach mit Inbrunst in der Stimme. Er schien stolz auf sein Kind.

„Benötigt ihre Tochter dringend Medikament oder dergleichen…" JJ stockte einen Moment und fügte die folgenden Worte beruhigend an: „Wir wollen Ihre Tochter finden! Und das lebend!"

Mrs. Barry nickte verstehend. „Sie ist aber kerngesund."

„Nicht ganz." Bemerkte eine männliche Stimme vom Fenster her. Ein klobiger heller Ohrensessel stand mit der hohen Lehne zu ihnen gewandt, aus dem sich ein junger Mann erhob. Er hatte sich so ruhig verhalten und den Gesprächen im Raum gelauscht, dass er den Agents bisher noch nicht aufgefallen war.

„Wer sind Sie?" Hotchner war nicht überrascht, dass sich noch jemanden zu Wort meldete. Oft konnten Angestellte und Freunde mehr Auskunft geben, als die eigene Verwandtschaft.

„Seth Powell. Ich bin Sophies Freund."

„Puuh", brachte Mr. Barry nur abfällig hervor. Er schien mit der Wahl seiner Tochter nicht einverstanden zu sein.

„Anthony, jetzt nicht", wies ihn seine Frau zurecht und wandte sich dann atemlos an den jungen Mann. „Sophie ist krank?"

„Nein, nur schwanger."

„Du hast ihr ein Kind angedreht!?" Mr. Barrys Augen funkelten, als er auf Seth Powell zuging.

„Mr. Barry." JJ ergriff ihn leicht am Arm. „Tun Sie jetzt bitte nichts, was sie später bereuen würden."

„Bereuen? Bei dem?" Er sah in JJ's Richtung, schien sie aber nicht wirklich war zu nehmen. Doch seine Wut verflog. Mit klaren Augen sah er JJ zum ersten Mal richtig an.

Ein Handy summte leise.

Hotchner zog seines hervor. Er warf einen Blick auf das Display und nahm das Gespräch an. „Reid, was gibt es? … Ja, verstehe…"

Der Agent unterbrach die Leitung und wandte sich an Anderson: „Commissioner, wurden an den Kleidungen der anderen Frauen in der Toilette Spuren gesichert?"

„Ja, wieso?" Hotchner sah sich einem Paar verwunderter Augen gegenüber.

„Sie sollten sich vorzugsweise mit den Spuren an Mrs. Miller beschäftigen. Die Kollegen sagen, dass der Täter sie bewegt haben muss."

„Gut, ich gebe es weiter."

„Tom", sprach Mr. Wood einen Mann in Kochkleidung an, der gerade einen Fleischbrocken zerkleinerte, „kannst du mal kommen."

Tom schaute auf und wischte sich betont langsam seine Hände an einem Handtuch ab. Dann kam er näher.

„Was gibt's?"

„Das sind Agents vom FBI. Sie haben noch einige Fragen zu dem Vorfall heute Mittag."

„Was habe ich damit zu tun?" Der Mann schien gehetzt, obwohl das Restaurant heute Abend geschlossen war. Ein Laden, der boomte. Bestimmt war es nicht einfach so viele Menschen möglichst schnell zufrieden zu stellen. Prentiss hatte in ihrem Leben schon ein, zwei peinliche Situationen in schicken Restaurants miterlebt. Sie hatte diese kleinkarierten Gäste nie wirklich verstehen können.

„Agent Prentiss." Stellte sie sich kurz vor. „Wir würden nur gerne wissen, ob irgendetwas anders war, als sonst. Ein anderer Lieferant als gewöhnlich… Jemand, der sich hier herumgetrieben hat und nicht in diese Räume gehört."

„Nein, da fällt mir nichts ein Agents, tut mir Leid… Kann ich jetzt weiter machen? Zwei Leute sind heute ausgefallen. Dadurch habe ich noch einiges mehr vorzubereiten."

„Natürlich. Vielen Dank, dass sie sich die Zeit genommen haben." Prentiss schaute dem Koch hinterher, der sich eiligst wieder entfernt.

„Dann gehen wir als nächstes zu der Stelle, an der das Wasser gekappt wurde." Schlug Mr. Wood vor. Prentiss nickte zustimmend.

„Ach Agents, da fällt mir doch noch jemand ein." Der Mann namens Tom kam ein Stück zurück.

„Ja?" Reid sah ihn fragend an.

„Heute Vormittag war ein Mann von der Wasserversorgung da. Er sagte, er müsse die Wasserleitungen kontrollieren. Das wäre Routinearbeit und Service am Kunden. In dieser Gegend sollen in der letzten Zeit häufiger Schäden an den Rohren festgestellt worden sein."

„Wie lange war er hier?"

„Ich weiß nicht. Ich habe keine Zeit hinter jedem hinterher zu laufen." Erbost sah er Reid an.

„Wissen Sie noch wie er ausgesehen hat? Oder von welcher Firma er kam?" Fragte Frank mit ruhiger Stimme. Tom schien nachzudenken, bevor er antwortete: „Er war etwas kleiner als ich. Er trug einen Blaumann und eine dicke schwere Handwerkertasche."

„Das bedeutet, er muss einen Lieferwagen fahren. Ein passendes Gefährt, um einen Menschen unentdeckt verschwinden zu lassen." Prentiss zog den nächsten Schluss aus den Informationen.

„Können Sie sich noch an sein Gesicht erinnern?" Versuchte Frank den Koch weiter auszuhorchen. Dieser schien einen Moment lang zu überlegen.

„Nein. Ein Baseballcape verdeckte es."

„Hat er nicht vielleicht einmal aufgeschaut?" Frank wollte jetzt nicht aufgeben.

Doch der Koch schüttelte den Kopf. „Er hat jeglichen Augenkontakt vermieden… In dem Stress heute Mittag ist mir das gar nicht weiter aufgefallen." Der Koch stockte kurz. „Aber er hatte auf der linken Wange einen Schatten."

„Ein Muttermal? Rund oder länglich?" Reid war in seinem Mediä.

Tom überlegte kurz. „Länglich. Aber es sah eher wie eine frische Wunde aus."

„Na, das ist doch etwas. Vielen Dank." Reid nickte dem Koch kurz zu und folgte den anderen hinaus.

„Hat der Entführer sich inzwischen gemeldet?" Rossi versuchte sich und seine Kollegen auf den neuesten Stand zu bringen.

„Nein, nichts. Es gibt keine Forderungen oder ein Lebenszeichen von Miss Barry." Informierte der Commissioner.

„Was ist Sophie für ein Mensch?" Fragend sah JJ von Marilla zu Anthony Barry. Dann sah sie Sophies Freund eingehend an.

„Sie war immer ein liebes Mädchen. Ruhig und besonnen." Überlegte Mrs. Barry.

„Das hat damals auch ordentlich Geld gekostet." Wandte ihr Mann ein.

Rossi, JJ und Hotchner wechselten Blicke. Das hieß nichts anderes, als das die Eltern ihr Kind nicht wirklich kannten. Sie hatten Sophie passend geformt. Die besten Informationen konnte ihnen wahrscheinlich Seth Powell liefern.

„Sophie war immer lieb und…"

„Ach, hör doch auf Marilla!"

Erneut rumorte Hotchners Handy. „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment." Hotchner zog sich zurück und nahm das Gespräch an.

Mr. Barry schien über die ständigen Störungen nicht gerade erfreut zu sein. Er schickte Hotchner einen bitterbösen Blick hinterher, bevor er sich weiter mit seiner Frau auseinandersetzte. –

„Garcia, hast du was gefunden?"

„Nein Chef. Es gibt nichts besonders im Leben von den Barrys. Ihr Vermögen hat Mr. Barry mit seinem Speiseeis gemacht und mit geschickten Anlagen an der Börse." Garcia war voll in Fahrt und Hotchner ahnte schon, dass jetzt ein dickes Aber kommen würde.

„Aber ich bin bei meiner Suche auf etwas anderes gestoßen… Etwas Unschönes."

„Was ist es?" Hotchner fühlte die Spannung in ihm ansteigen. Garcia hatte so eine unbewusste Art, die Geduld anderer auf die Probe zu stellen.

„Ich habe drei weitere Fälle gefunden, wo junge, blonde Frauen mit Gas betäubt wurden und verschwunden sind… Naja fast." Garcia holte tief Luft und Hotchner nutzte die Gelegenheit, um sie zu bremsen.

„Warte eben…" Er ging zurück ins Wohnzimmer und wandte sich in der Unruhe unauffällig an Rossi, JJ und Anderson und machte ihnen ein Zeichen ihm in den Flur zu folgen.

Schritte kamen näher. Sie halten laut in dem Raum wieder, in dem Sophie Barry lag. Doch woher die Schritte kamen, vermochte sie nicht auszumachen.

Eine Tür quietschte in den Angeln. Das Licht, was in die Dunkelheit fiel, blendete Sophie. Sie kniff ihre Augen vor Schmerzen zu. Doch genauso gerne wollte sie wissen, wo sie war und was sie hier machte. Also zwang sie sich ihre Augen zu öffnen.

Laut knallte die Tür zurück ins Schloss und wieder hatte sie die Dunkelheit gefangen genommen.

„Hallo… Hallo ist da wer?" Rief sie laut. Leises Schnaufen sagte ihr, dass sie nicht alleine in diesem Raum war.

„Wer sind Sie?"

Das Licht von fünf nackten Glühbirnen erhellte den Raum. Eine war links von ihr an der Wand, eine rechts. Jeweils eine an den Wänden zu ihren Füßen und an der Kopfseite. Sophie fühlte sich wie die Kreuzmitte, die die Lichtstrahlen bündelte.

Die fünfte Lichtquelle hing von der Decke direkt über ihre Körpermitte. Wo war sie hier nur hineingeraten?

„Hallo meine Schöne. Aufgewacht?" Sagte eine samtweiche Stimme zu ihr.

„Was wollen Sie von mir?"

„Sssch… Nicht so laut."

„Ich schreie so laut und so viel wie es mir gefällt!"

„Du bist ungezogen. Dafür werde ich dich bestrafen."

„Das wollen wir doch mal sehen." Sophie zog wieder wütend an den Fesseln. Doch sie bewegten sich nicht ein Stück. Langsam wurde sie still. Sie hörte Metall klirren und beißender Gestank nach offenem Feuer erfüllte ihre Nase. Was hatte der Mann vor? Unruhe überkam sie.

Der Mann, von dem sie bisher nur die Stimme gehört hatte, stöhnte leise auf. Ruhig bewegte er sich an das Fußende.

„Es ist so schade…"

Sophie schrie vor Schmerzen auf.

„Garcia, ich habe dich auf Laut gestellt…" Hotchner wandte sich an seine Kollegen. „Sie hat über die Familie nichts Ungewöhnliches gefunden. Dafür eine andere Spur… Erzähl es bitte noch einmal ausführlich."

„Gut…" Sie hörten Garcia tief Luft holen, dann sprudelte sie los: „Also, ich habe eine Spur von Gasanschlägen gefunden. Drei Frauen, etwa im gleichen Alter, blond, wurden mit Gas betäubt und entführt. Das heißt, bei dem ersten Anschlag in Abbotsford hat es nicht geklappt. Die Narkose war wohl zu schwach und sie hat sich gewehrt."

„Wann war dieser?" Rossi sprach in Richtung des Handys, das Hotchner in die Mitte der Runde hielt.

„Vor einem Monat… Das Schlimmste kommt aber erst noch." Die Agents kannten ihre Kollegin. Was jetzt kam war nicht angenehm.

„Das zweite Opfer Abigail Lynde verschwand letzte Woche Dienstag aus ihrer Wohnung in Mission. Hannah Nielson am Samstag von einer Raststätten-Toilette des Trans-Canada Highways 1 zwischen Abbotsford und Vancouver."

„Er traut sich immer mehr zu. Und nähert sich immer mehr der Öffentlichkeit. Jetzt in einem Nobelrestaurant auf Granville Island." Hotchner sah einen nach dem Anderen in der Runde an.

„Wahrscheinlich werden wir noch weitere Versuche in den letzten Wochen finden." Vermutete Rossi.

„Das ist möglich." Stimmte Garcia zu. „Meine Suchmaschinen laufen schon mit den entsprechenden Angaben. Reid wird bestimmt seine Route verfolgen wollen… Aber ich habe noch mehr herausgefunden."

Stille herrschte und Garcia fuhr fort: „Heute hat man die Leichen der beiden Frauen gefunden. Ich habe einen kurzen Bericht ausgegraben, der von der Polizeistation in Langley an die Hauptstelle in Vancouver weitergeleitet wurde."

„Langley", begann Anderson, „da müsste Inspektor Spencer die Leitung führen. Wir können uns sofort mit ihm in Verbindung setzen."

„Gut, melden Sie unsere Agents an…"Hotchner warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Gedanklich verteilte er die Aufgaben neu.

„Es ist schon spät. Dave, JJ, ihr fahrt augenblicklich los. Nehmt euch dort ein Zimmer. Ihr bleibt bis auf weiteres dort. Morgen früh schaut ihr euch als Erstes die Akten an."

„Reid meldet sich." Garcias Stimmer erklang aus dem Handy.

„Schalt ihn hinzu." Forderte Hotchner die Technikerin auf.

„Hallo Genie, wir sind mit Hotch verbunden."

„Das ist gut", schalte die junge Stimme augenblicklich durch den Lautsprecher. „Wir haben eine dürftige Beschreibung des Täters. Gut ein Meter fünfundsiebzig, dunkelbraune Haare. Er wird mit einem Lieferwagen unterwegs sein, denn er gab sich als Handwerker aus, der die Rohrleitungen kontrollieren sollte. Außerdem soll er eine längliche Wunde auf der linken Wange haben."

„Vielleicht hat sich eine der Frauen gewehrt." Rossi sah auf. Hotchner nickte. „Wenn ihr in Langley seid, dann sollten sie unbedingt als erstes die Fingernägel der beiden Frauen auf fremde DNA untersuchen."

„Komm JJ wir fahren." Rossi und JJ entfernten sich.

„Ich möchte jetzt nicht an Hotchs Stelle sein." Flüsterte JJ dem Altermittler zu.

„Ich auch nicht. Es wird nicht leicht sein den Barrys möglichst schonend von dem neuen Kenntnisstand zu erzählen." Rossi hielt JJ die Haustür auf und sie verließen das Haus.

Commissioner Anderson nahm zur gleichen Zeit sein Handy zur Hand und meldete die Ankunft der Agents in Langley. Während Hotchner seine Agents in dem Restaurant auf Granville Island von den neuen Vermutungen unterrichtete.

„Er geht sehr organisiert zu Werke und nimmt sich Zeit um seine Apparatur zu entfernen. Keine Spur, die auf den Täter hinweisen könnte." Reid hatte sich zu der Stelle hinuntergehockt, an der man festgestellt hatte, dass die Wasserleitung unterbrochen worden war.

„Und doch sagt es uns, dass er Erfahrung im Handwerk hat und sich auch mit Gas gut auskennt." Wandte Frank ein.

„Richtig." Stimmte Prentiss zu. „Lasst uns ins Polizeirevier fahren. Hotch wird bestimmt unsere Hilfe gebrauchen können."

Hotchner hatte sich an den Tisch im Wohnzimmer gesetzt und bat ruhig, aber eingehend die Anwesenden sich zu setzen.

„Bitte Mr. Barry, setzten Sie sich." Wenn er es schaffte, dass sich der Vater an den Tisch setzte, würde auch Seth Powell seinen Platz wählen. Er hatte sich schon mehrmals in ihre Richtung bewegt, wollte aber Mr. Barry nicht zu nahe kommen.

„Haben Sie unsere Tochter schon gefunden?" Mrs. Barry hatte sich ohne zu zögern Hotchner gegenüber niedergelassen. Sie klammerte sich an das Leben ihrer Tochter, während die beiden Herren ihren Hahnenkampf ausfechteten.

„Nein Mrs. Barry, leider noch nicht. Aber wir haben eine Spur gefunden."

„So erzählen Sie doch." Anthony Barry stützte seine Hände auf der Tischplatte ab und sah den Agent von oben herab böse an.

„Sie werden sich erst setzen. Und Mr. Powell auch." Hotchner blieb ruhig und schaute zu dem jungen Mann hin, der sich nicht traute näher an den Tisch zu kommen.

„Kommen Sie Seth, setzen Sie sich hier neben mich." Forderte Mrs. Barry den Freund ihrer Tochter auf. „Und du Anthony setzt dich gefälligst auch hin."

Hotchner fühlte sich unwohl. Er hätte JJ nicht mit wegschicken dürfen. Aber er hatte keinen anderen Agent zur Verfügung gehabt. Frank, er hätte sie sofort hierher mitnehmen sollen. Sie hatte so eine beruhigende Wirkung auf die Menschen um sie herum.

„Na schön", brummte Mr. Barry, als sich Seth Powell brav auf die andere Seite seiner Frau gesetzt hatte, und ließ sich geschlagen am Ende des Tisches nieder.

„Gut…" Hotchner sah die Menschen am Tisch der Reihe nach an. „Wir gehen nicht mehr von einer Entführung aus. Sophie scheint das Opfer eines Serientäters zu sein."

„Was erzählen Sie da!" Brauste Mr. Barry auf. „Das ist doch völliger Blödsinn. Ich habe noch nichts von einem hier in der Gegend gehört. Man hätte doch eine Warnung an die Bevölkerung ausgegeben."

„Mr. Barry…" Hotchner versuchte seine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen. „Die Verbindung wurde erst heute Morgen entdeckt."

„Was ist mit den anderen Opfern passiert?" Seth Powell schien besorgter um Sophie zu sein, als ihr Vater.

„Sie wurden heute Morgen in der Nähe eines Spielplatzes gefunden. Weitere Einzelheiten habe ich leider selber noch nicht. Daher habe ich die Agents Rossi und Jareau nach Langley geschickt."

„Sie waren tot, oder?"

Hotchner nickte bestätigend zu den Worten des jungen Mannes.

„Wie kommen Sie darauf, dass Sophie in die Hände dieses Perversen gefallen ist?"

Hotchner saß Mrs. Barry an und antwortete: „Weil sie in sein Schema passt. 20 bis 30 Jahre alt, blond. Der Täter verwendet Gas, um sie zu betäuben und fortzuschaffen."

Diese Begründungen schienen die Personen im Raum erstarren zu lassen. Der Agent konnte ihre Schmerzen nachvollziehen. Einen Entführer hätte man jeden Betrag für sein Kind gezahlt und hatte die Hoffnung es lebend wiederzubekommen. Aber das Ende der Opfer dieses Serienmörders stand fest. Die einzige Hoffnung bestand darin, dass der UnSub seine Opfer vielleicht nicht augenblicklich tötete. Aber um darüber Gewissheit zu bekommen, musste er erst einen Blick in die Obduktionsunterlagen werfen.

Anderson betrat den stillen Raum. Leise, als wollte er die Totenwache nicht stören, bewegte er sich zu Hotchner. „Der Wagen ist da. Wir können los."

„Sie wollen fort Agent Hotchner?" Mrs. Barry sah ihn über den Tisch hinweg verwundert an.

„Solange es noch Hoffnung gibt Sophie zu finden, werde ich nach ihr suchen. Das kann ich aber nur, wenn ich mit meinem Team zusammen den Täter aufspüre."

Mrs. Barry nickte verstehend.

„Wir lassen aber Beamte hier, falls sich doch noch jemand wegen einer Lösegeldforderung melden sollte… Durch diese Polizisten werden Sie auch immer auf dem Laufenden gehalten. Das verspreche ich Ihnen."

Hotchner wartete einen Moment, aber weitere Einwände schienen nicht erhoben zu werden. Er ließ die Familie nicht gerne alleine, aber er musste handeln.

Sophie Barry erwachte erneut. Diesmal war das Licht eingeschaltet. Und während sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnten, brannte sich eine Frage in ihren Kopf: Was war geschehen? Ein süßlicher, verbrannter Geruch erfüllte den Raum. Ihr wurde schlecht. Sie spürte, wie ihr Magen zu rebellieren begann. Dann kamen die Erinnerungen zurück und sie spürte die schmerzenden Fußsohlen. Dieser Irre hatte ihr die Füße verbrannt.

Jetzt konnte sie auch den Geruch zuordnen. Verbranntes Menschenfleisch. Der Brechreiz überwältigte sie. Doch bis auf ein wenig Gallenflüssigkeit, kam nichts aus ihrem leeren Magen.

„Da sind wir ja wieder." Die ruhige, fast sanfte Stimme erklang wieder in dem dunklen Raum. Erschrocken fuhr die junge Frau zusammen.

Eine kurze Berührung an ihrem Oberschenkel ließ sie zusammenfahren. Sie konnte ihre Beine bewegen! Zumindest mehr als zuvor. Er musste die Fesseln etwas gelockert haben.

„Dann können wir ja weiter machen."

Haut auf Haut! Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie völlig nackt in diesem kahlen Raum lag. Er musste sie in der Zeit ihrer Ohnmacht entkleidet haben. Ein fröstelnder Schauer lief ihr über die Haut. Angst, was nun als nächstes Geschah, erfasste sie. All ihre Sinne waren schlagartig geschärft. Jeder Laut, jeder noch so kleine Windzug würde ihr nicht entgehen.

Urplötzlich erschien sein Kopf in Sophies Blickfeld. Sie wollte ihm ihre Angst nicht zeigen. Daher sah sie ihren Peiniger direkt an. Ein schönes Gesicht, aber mit einer bereits verkrusteten Wunde auf der linken Wange.

Er hob langsam seinen Arm und Sophie konnte die Klinge eines Messers aufblitzen sehen. Erschrocken heftete sich ihr Blick auf die Klinge, die sich immer näher auf sie zu bewegte. Instinktiv versuchte sie sich klein zu machen.

„Bitte… nicht!" Bat sie flehentlich.

Es war früh am nächsten Morgen. Hotchner befestigte gerade eine Karte der Umgebung an einer Pinnwand, als die Tür aufging.

„Hey Hotch, da sind wir." Reid und seine Kolleginnen betraten das Headquarter-Polizeirevier.

„Gut… Wir müssen uns gleich um die Viktimologie der beiden ersten Opfer kümmern und sie dann mit Sophie Barry in Verbindung bringen." Er deutete auf die Karte. „Reid, dein Part. Versuche seinen Weg zu rekonstruieren. Garcia hast du noch weitere ähnliche Angriffe gefunden?"

„Eins, zwei." Garcia war sofort an den Tisch in der Mitte des Besprechungszimmers getreten und ließ ihren Laptop hochfahren.

„Gut, schaut nach, ob sie in das Profil unseres Täters passen." Wandte sich Hotchner an Reid und Garcia.

Ohne zu zögern machten sich die Beiden an die Arbeit.

Prentiss, Frank und Hotchner setzten sich unterdessen ans andere Ende des großen Holztisches und nahmen sich die Akten der beiden Frauen vor.

Zur gleichen Zeit wurden JJ und Rossi von einem jungen Deputy zu einem Büro geführt. Schon von außen konnten sie verschiedene Stimmen vernehmen, die sich angeregt unterhielten. Der Deputy klopfte und öffnete nach der Aufforderung die Tür.

„FBI-Agents, Sir."

„Lassen Sie sie herein Connor." Inspektor Spencer erhob sich aus seinem Stuhl und kam dem Besuch freundlich lächelnd entgegen.

„Inspektor Mike Spencer." Stellte er sich vor. „Mein Mitarbeiter Sergeant Roy Johnson."

„SSA David Rossi. SSA Jareau." Übernahm Rossi das Wort. „Es geht um die beiden Frauenleichen, die sie gestern Mittag gefunden haben."

„Anderson hat uns schon informiert. Sie suchen nach einer Vermissten." Rossi nickte bestätigend zu Johnsons Worten.

„Könnte diese Frau dem Opfertyp entsprechen?" JJ legte ein Foto von Sophie Barry auf den Schreibtisch und sah die Männer interessiert an.

„Ja", bestätigte Spencer. Er zog Fotos der Leichen aus einer Mappe hervor und legte sie neben das Foto der Vermissten.

„Das ist unser Mann. Jetzt müssen wir ihn nur noch finden." Teilte Rossi bestimmt mit. Er wandte sich an die einheimische Polizeigewalt. „Haben Sie schon weitere Untersuchungsergebnisse? Die Todesursache oder die Zeitpunkte des einsetzenden Todes?"

„Es gibt mittlerweile schon einige Erkenntnisse, ja." Bestätigte Spencer.

„Gut. Wir stellen eine Verbindung mit dem Team her JJ. Das sollten sofort alle hören."

JJ zögerte nicht lange und wählte Prentiss an.

„Meint ihr unsere Opfer haben überhaupt noch andere Gemeinsamkeiten? … Außer ihr Aussehen?"

„Durch irgendetwas sind sie ihm aufgefallen. Wir hatten mal einen, der suchte seine Opfer nach ihrem Geruch aus." Erklärte Prentiss Frank. „Wie kommst du darauf?"

„Weil Mr. Wood im Restaurant sagte, dass die Barrys zwar ab und zu kommen, es aber keine Kontinuität gibt. Entweder, er hat sie also wirklich ausspioniert oder sie ist ein reines Zufallsopfer. Er kam, sah sie und nahm sie einfach mit sich."

„Das Zufallsopfer würde auch besser zu einem Monteur passen." Stimmte Hotchner zu. „Wahrscheinlich hat er einfach auf der Lauer gelegen und hat Miss Barry spontan ausgewählt."

Ein Handyklingeln erklang dumpf. Prentiss zog ihres hervor und meldete sich. „Einen Moment JJ, ich stelle euch auf laut." Sie legte das Handy zwischen die Agents auf den Tisch.

„Ihr könnt loslegen." Forderte sie die Kollegen am anderen Ende auf, als sich Reid zu ihnen gesellt hatte.

„Wir sind uns sicher, dass wir den richtigen UnSub gefunden haben. Sophie passt genau in sein Beuteschema. Inspektor Spencer und Sergeant Johnson sind hier bei uns. Sie werden uns ihren derzeitigen Ermittlungsstand mitteilen… Inspektor." Rossis raue Stimme verstummte und eine angenehme, ruhige Stimme erklang durch den Lautsprecher.

„Okay… Beide Frauen wurden gefoltert, missbraucht und am Ende erstickt."

„Er braucht die Qualen." Unterbrach Prentiss die Ausführungen. „Er ist ein Sadist."

„Beide haben noch länger als 72 Stunden nach ihrer Entführung gelebt." Führte die Stimme am anderen Ende der Leitung weiter aus.

„Dann haben wir noch ungefähr zwei Tage um Sophie zu finden." Erklang Rossis Stimme aus dem Handy.

„Zumindest solange er sein Tempo nicht erhöht." Wandte Hotchner ein. „Es darf nichts nach draußen dringen Inspektor. Unser UnSub muss sich weiterhin wohl fühlen, ansonsten kann man nicht vorhersagen, wie er reagieren wird."

„Gut."

„Des Weiteren wurden noch Verletzungen an Oberarmen und Oberschenkeln gefunden, die sich nicht zuordnen lassen." Kam eine sehr dunkle Stimme durch das Handy.

„Wie sehen sie aus?" Fragte Reid sofort interessiert.

„Jeweils zwei parallele Striemen. Nicht tief."

Reid überlegte kurz. Dann sah er zu seinem Chef hinüber, der ihn die ganze Zeit beobachtet hatte.

„Ich würde mir die beiden Opfer gerne ansehen."

„Du hast eine Vermutung, wie er seine Opfer transportiert?" Reid sah überrascht zu Frank hinüber.

„Ja… Von den Toiletten bis zum nächsten Ausgang des Restaurant musste er sie unbemerkt wegschaffen."

„Gut, fahr mit Prentiss hin." Stimmte Hotchner zu.

„Die Leichen befinden sich in der Pathologie in Vancouver." Erklang Rossis Stimme.

„Dave, was meinst du? Er wird sein Versteck nicht hier zentral in der Stadt haben."

„Nein, außerhalb. Am besten kommt ihr her."

„Wir packen zusammen." Hotchner drückte das Handy aus und reichte es an Prentiss zurück. „Fahrt in die Pathologie. Wir sehen uns dann später in Langley."

Zusammen mit Reid machte sich Prentiss auf den Weg.

„Commissioner", wandte sich Hotchner an Robert Anderson, „kommen Sie mit hinaus?"

„Tut mir leid, aber ich habe noch mehr Fälle, die ich beaufsichtigen muss. Es wäre für mich eine große Entlastung, wenn sie mir diesen Fall abnehmen könnten."

„Gerne." Hotchner ergriff die dargebotene Hand zum Abschied. „Ich würde Garcia gerne hier lassen. Sie kann sie jederzeit über den aktuellen Ermittlungsstand auf den Laufenden halten."

„Gut. Sollten Sie irgendetwas gebrauchen, halten Sie sich an Spencer und Johnson."

„Jack!" Jessica zog den Schlüssel aus der Zündung des Wagens. „Jack, warte."

Sie ergriff ihre Tasche, die sie während der Fahrt auf der Rückbank verwahrt hatte, und stieg aus.

„Derek!" Hörte sie ihren kleinen Neffen schon durch das Haus rufen. „Wo bist du?"

Jessica eilte ihm nach ins Haus.

„Jack, pssst… Derek wollte sich hinlegen. Er hatte Kopfschmerzen." Jessica sprach mit leiser Stimme und Jack wurde bewusst, dass sie es wirklich ernst meinte.

„Ich bin hier Jack." Dereks Stimme erklang aus dem Wohnzimmer.

Jack schaute verwirrt zu seiner Tante hoch. Durfte er jetzt zu ihm, oder nicht?! Jessica lächelte ihn an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Lauf los. Aber nicht zu laut, okay?"

„Ja, sicher." Jack lachte zurück und lief dann den Flur hinunter und rechts in den großen Wohn- und Essraum.

„Hey Jack, wie war die Schule?" Derek hatte sich aufgesetzt und schaute dem Sohn seines Teamchefs entgegen.

„Ganz gut." Seine Stimme klang nicht gerade begeistert. „Die Zeit verging heute überhaupt nicht."

Auffordernd klopfte Morgan auf die Couch. „Komm setzt dich zu mir."

Aufgemuntert ließ Jack sich neben Morgan nieder.

„Was ist los? Warum warst du heute so unaufmerksam in der Schule?"

Jack zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht." Morgan schwieg und ließ ihm Zeit. Schließlich kamen die Gedanken nur so aus Jacks Mund geschossen. „Freust du dich auf Sarah? Sie will dir auch helfen, damit du dich wieder erinnerst… Ich freu mich schon auf den großen Flughafen mit den vielen Jumbos… Wir haben über Flugzeuge gesprochen. Und der dumme Max wollte mir einfach nicht glauben, dass Dad und du für das FBI arbeiten…" Leise gestand er. „Sie haben mich alle ausgelacht."

Jack war den Tränen nahe.

„Jack", Morgan legte seinem kleinen Freund eine Hand auf die Schulter, „eines Tages kommt der Moment, in dem du es ihnen beweisen kannst… Lass sie lachen. Du weißt, dass du die Wahrheit sagst… Es gibt doch da einen Spruch. Er fällt mir nicht ein, aber er würde jetzt genau hierher passen." Morgan legte seine Hand an die Stirn, schloss die Augen und versuchte in seinem Gehirn nach den richtigen Worten zu suchen.

„Wer zuletzt lacht, lacht am besten?"

Morgan öffnete überrascht seine Augen. Lächelnd sah er zu Jessica hinüber, die im Türrahmen des Wohnzimmers stand und dem Gespräch gelauscht hatte.

„Ja. Ja, ich glaube, so könnte er sich angehört haben."

Jack sah von einem Erwachsenen zum Anderen. „Ihr meint, dass ich irgendwann über Max lachen werde?"

„Ob du nun wirklich lachst, ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass du recht behalten hast." Jessica sah ihren Neffen ernst an. Sie wartete einen Moment, damit er die Worte begreifen konnte. Dann forderte sie die beiden auf: „Kommt, wir müssen langsam los, sonst ist das Flugzeug früher da als wir."

JJ und Rossi waren mit Johnson zu dem Fundort der beiden Frauenleichen gefahren und schauten sich um.

„Wie alt waren die Kinder?" Fragte JJ, die ihren Blick besorgt über den Spielplatz schweifen ließ.

„Der Älteste ist gerade elf… Gott sei Dank war ihr Vater bei ihnen und hat sie sofort weggebracht. Die beiden Mädchen haben sich erschreckt, als sie die Hand gesehen haben. Sie hielten es aber wohl für einen Scherz ihres großen Bruders."

„Mich würde interessieren, warum die Hand herausgeschaut hat." Begann Rossi.

„Vielleicht wurde unser UnSub von irgendetwas gestört."

„Wir gehen eher davon aus, dass der Wind das Laub und Gestrüpp bewegt hat. Beide wurden nämlich nicht mit Erde bedeckt." Brachte Johnson den aktuellen Ermittlungsstand ein.

„Dann wollte er, dass sie gefunden werden?!" JJ sah verwundert zu Rossi hin. „Das würde aber nicht zu einem Sadisten passen, oder?"

„Nein", stimmte Rossi zu. „Außer er ist noch dabei seine Vorgehensweise zu perfektionieren."

„Wir könnten Garcia die Suche ausweiten lassen. Vielleicht gab es im Land irgendwo ähnliche Fälle."

„Das erklärt aber noch immer nicht, wieso er sie nicht richtig verschwinden lässt." Johnson sah JJ fragend an. Sie lächelte ihm freundlich zu.

„Nein, das nicht. Aber er könnte seine Opfer ja auch sammeln, um sie später an einem ganz bestimmten Ort zu bringen."

„Frank, sobald wir da sind, müssen wir weiter an der Victimologie der beiden Opfer arbeiten. Je schneller wir ihr Leben kennen, desto eher können wir vielleicht Sophie finden." Begann Hotchner, als sie auf dem Weg nach Langley waren. Er schaute zu ihr hinüber.

„Okay." Sie sah ihrem Chef aufmerksam an. „Ich bin bereit."

„Ich möchte gerne, dass du dich alleine an eines der Opfer heranwagst. Wir müssen uns wirklich beeilen."

Frank nickte nur verstehend, als er seinen Blick kurz von der Fahrbahn löste und sie ansah.

„Du schaffst das." Frank runzelte leicht ihre Stirn. Glaubte er, dass sie es sich nicht zutraute? Oder trauter er ihr es nicht zu?

„Wenn ich nicht weiterkommen sollte und Hilfe brauche, werde ich Bescheid sagen."

„Gut." Hotchner lächelte leicht zu ihr hinüber, bevor er seine Konzentration wieder voll auf die Straße richtete. „Dieser Feierabendverkehr ist wirklich nervend."

„Ich wette, dass wir nicht sehr viel schneller da sind, wenn wir jetzt weiterfahren."

„Und was sollen wir stattdessen machen?" Erstaunt sah er seine Beifahrerin an.

„Nun, wenn wir uns eine halbe Stunde von der Straße zurückziehen und abschalten, würde erstens der Verkehr weniger werden und zweitens wären wir ausgeruht und damit leistungsfähiger."

Überrascht bemerkte sie, dass ihr Chef ihren Vorschlag anscheinend verwirklichen wollte. Er fädelte sich auf die rechte Seite hinüber. Dann sah sie das Schild für die nächste Ausfahrt. –

Langley.

Die Glastüren schoben auseinander und eine Welle von Menschen, große, klein, dicke, dünne, drängten in die Flughafenhalle. Einige verzogen nicht eine Mine und eilten weiter hinaus zu den Taxiständen. Businessmen.

Andere wurden lauthals von wartenden Menschen begrüßt und stürmisch umarmt. Die Lautstärke war innerhalb kürzester Zeit um ein vielfaches angeschwollen. Morgan nahm das Treiben fasziniert um sich war. Er dachte nicht mehr an den Grund, warum sie zum Flughafen gefahren waren. Sondern ließ die Atmosphäre auf sich wirken.

„Derek", sprach ihn eine dunkelhäutige Frau an.

Morgan schrak überrascht zusammen und starrte die fremde Frau vor sich nur wortlos an.

„Sarah?" Fragte Jessica vorsichtig. Als diese nickte, fuhr sie lächelnd fort: „Ich bin Jessica Brooks. Mein Neffe Jack."

„Ich freue mich, sie endlich kennen zu lernen."

„Oh, bleiben wir doch beim du. Das ist einfacher."

„Einverstanden… Ich soll Ihnen…"Sarah lächelte entschuldigend. „… euch danken, auch im Namen unserer Mutter. Ihr habt euch so lieb um Derek gekümmert."

„Das haben wir gerne gemacht, nicht war Jack." Jack nickte nur stumm. Er hatte den Worten zwischen der fremden Frau und seiner Tante fasziniert gelauscht.

„Nimmst du uns Derek jetzt weg?" Fragte er kleinlaut.

„Nein Jack. Ich möchte ihm nur helfen sich wieder zu erinnern."

„Jack, ich habe dir doch erklärt, dass Sarah und Derek noch bei uns bleiben. Solange sie wollen."

Jessica sah zu Derek hinüber. Seine Antwort konnte sie in seinen Augen lesen. Er wollte gar nicht fort.

Reid stand über Abigail Lynde gebeugt und schaute sich die Wunden genauer an.

„Es sind keine Wunden seiner Quälereien." Er hob einen Arm an und zeigte Prentiss die parallelen roten Striemen. „Zum Teil waren sie schon am verschorfen, als sie starb. Genauso, wie bei Hannah Nielson."

„Dann kannst du doch jetzt deine Vermutung preisgeben. Wie hat er sie fortgebracht?" Prentiss beugte sich über den Körper der jungen Frau und schaute sich die Wunden genauer an.

„Er steckt sie in ein Rohr. Für die Wasserleitungen in Gebäuden wird dieses Rohr etwas zu groß sein, aber welchem Leihen fiele das schon auf!"

„Würde das nicht bedeuten, dass er nur Frauen einer bestimmten Körpergröße und -bau auswählen kann?"

„Richtig." Nickte Reid. „Und wenn du dir diese beiden Opfer ansiehst und auch das Foto von Sophie. Alle drei sind nicht groß und von sehr schmalem Körperbau."

„Also haben wir es mit einem Handwerker zu tun. Wir sollten uns alle Sanitärgeschäfte in der Umgebung ansehen."

„Das wäre schon mal ein Ansatz." Stimmte Reid zu.

Sophie lag im Dunkel. Ihr Körper schmerzte. Wie konnte ein Mensch nur so krank sein. Krank, ein anderes passenderes Wort fiel ihr nicht ein.

Die ganze Zeit, in der er sie gequält und missbraucht hatte, hatte sie versucht stark zu sein und ihm nicht ihre Angst zu zeigen. Erst als er von ihr abließ und verschwand, konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie linderten etwas den Schmerz.

Nun lag sie da und konnte von weitem leise Musik hören. Wie viel Zeit war seit ihrem Verschwinden wohl vergangen? Ob irgendjemand nach ihr suchen würde?

Ihr Körper war müde, aber trotzdem wollte sie nicht schlafen. Sie wollte nicht schon wieder überrascht werden, weder von ihrem Peiniger noch von einem Retter, der sie in diesem unwürdigen Zustand vorfinden würde.

„Gib die Hoffnung nicht auf Sophie, noch bist du nicht verloren." Machte sie sich selber Mut. –

Währenddessen lag der Täter lächelnd über ihr auf dem Sofa und ging im Kopf die letzten Stunden durch. Er war sehr zufrieden mit seiner Wahl. Nur, dass sie nicht vor Schmerzen geschrien hatte, gefiel ihm nicht.

Abrupt setzte er sich auf. Erregt schlug er mit der Faust gegen die Wand. Sie sollte gefälligst schreien und betteln, dass es aufhörte. Er würde es ihr schon noch beibringen.

Entspannt fiel er zurück. Die Musik beruhigte ihn und irgendwann ertönte neben den weichen Klängen sein gleichmäßiges Atmen.

„Hey Jessica, gibt es etwas Neues bei euch? Was macht Derek?" Jessica spürte die Wärme des Mannes der neben ihr saß und sah ihm für einen Moment tief in die Augen.

„Ihm geht es besser. Er ist nicht mehr so müde."

„Aber erinnern kann er sich noch immer nicht, oder?"

„Nein." Sie löste sich von den fast schwarzen Augen, die sie intensiv musterten. Lachend sah sie die weiße Wand an: „Jack ist sehr erfinderisch. Er versucht mit allen Mitteln etwas zu finden, dass Derek weiterhelfen könnte… Du müsstest ihn erleben."

Hotchner zog verwundert seine Augenbrauen zusammen. Das hatte Jessica doch gestern schon erzählt. Verschwieg sie etwas?! Ihre Stimme schien ihm verändert. Was konnte zu Hause los sein?

„Wir haben heute Sarah vom Flughafen abgeholt. Sie hat sich bereits hingelegt. Sie ist völlig fertig."

„Dann hast du jetzt wenigstens Hilfe."

„Mach dir keine Sorgen Aaron. Wir haben hier alles im Griff!" Jessica spürte Morgans warme Hand auf ihrem Rücken und den leichten Schauer, den er verursachte. „Wie sieht es bei euch aus?"

„Es geht vorwärts. Wenn er bei seinem Muster bleibt, haben wir noch gut eineinhalb Tage, um das Mädchen lebend zu finden."

„Ihr schafft das!"

„Danke. Schlaft gut. Ich melde mich Morgen wieder."

„Mach das. Und versuch auch etwas zu schlafen."

„Ich versuch`s. Bye." Sie unterbrachen die Verbindung.

Ehe Jessica reagieren konnte, hatte Morgan sie schon in seine Arme gezogen und küsste sie.

„Die Abschürfungen dürften von einem Rohr stammen, in dem unser UnSub seine Opfer transportierte. Dadurch fällt er nicht weiter auf." Begann Reid am nächsten Morgen, als sich das Team mit den beiden ortsansässigen Verantwortlichen zu einer Besprechung zusammengefunden hatte.

„Wir haben Garcia gestern noch gebeten eine Liste von allen Handwerkern der näheren Umgebung zusammenzustellen." Vervollständigte Prentiss noch ihren gestrigen Arbeitsstand.

„Und davon gibt es nicht gerade wenige." Meldete sich Garcia über den Laptopbildschirm.

„Unser UnSub wollte sich im Restaurant doch die Wasserleitungen ansehen." Frank sah fragend quer über den Tisch zu Reid und Prentiss hinüber.

Prentiss nickte bestätigend und Frank fuhr fort: „Für Wasserleitungen in Gebäuden benutz man bei uns aber höchstens Rohre mit einem Durchmesser von rund 20 cm. Wie will er sie dort hineingesteckt haben?"

„Also suchen wir eine besondere Größe." Rossi sah schmunzelnd zu Frank hinüber. Er verstand augenblicklich worauf seine junge Kollegin hinaus wollte. „45, 50 cm brauchen wir doch bestimmt als Mindestmaß."

Sie hörten Garcia arbeiten. „Keine der Firmen hat in den letzten Monaten Rohre mit einem größeren Durchmesser als 21,39 cm geliefert bekommen."

„Schau nach Privatkäufern, Garcia." Meldete sich Hotchner zu Wort. „Dazu sollten die Rohre aus Kunststoff sein. Der Typ müsste ein Muskelprotz sein, wenn er das Rohr und zusätzlich sein Opfer darin tragen wollte."

„Okay…" Garcia tippte auf ihrer Tastatur herum, während sie weitersprach: „… ich nehme die umliegenden Baumärkte und alle, die Rohre verkaufen könnten. Durchmesser zwischen 40 und 60 cm. Länge?"

„Alle Opfer waren höchstens 1,50m, 1,55m." Half Reid weiter.

„Sagen wir eine Länge bis 1,70m. Kunststoff."

Stille legte sich über den Raum, während sie auf das Ergebnis der Suche warteten.

„Es gibt nur fünf Firmen, die überhaupt Rohre mit einem größeren Durchmesser verwenden."

„Schick uns die Adressen." Forderte Hotchner sie auf.

„Sind schon unterwegs."

„Nach den Angaben der Zeugen, fuhr er einen weißen Lieferwagen." Erinnerte Reid seine Kollegen.

Hotchner hatte unterdessen sein Handy hervorgezogen und öffnete die Datei. „Kennen Sie einen dieser Namen?" Er schob das Handy zu Johnson und Spencer hinüber und sah sie fragend an.

„Brady, die kenne ich. Sie sind hier aus Langley."

„Aber nicht Bob, Mike. Er ist einer deiner besten Freunde." Wandte Johnson ein.

„Er muss es ja nicht selber sein. Es könnte einer seiner Angestellten sein." Wandte Rossi ein.

„Die sind alle schon jahrelang bei Bob." Schüttelte Spencer erschüttert seinen Kopf. Dann kam ihm anscheinend ein Gedanke: „Außerdem sind ihre Fahrzeuge dunkelblau."

„Richtig." Stimmte Johnson seinem Vorgesetzten zu.

„Dann können wir ihn fürs Erste streichen." Übernahm Hotchner wieder das Wort. „Wir teilen uns auf. Jeder eine Adresse."

Prentiss stieg aus einem Polizeiwagen. Zusammen mit Johnson stand sie vor einem Baugeschäft für Tiefbau. Ruhig ließ sie ihren Blick über das Gelände vor ihr schweifen.

„Weiße Fahrzeuge scheinen sie zu haben." Stellte Johnson fest und deutete auf zwei große Lastwagen.

„Gehen wir hinein."

„Macht ihnen die Arbeit beim FBI Spaß?"

Verwundert sah Prentiss den Mann in der Mounty Uniform an. Dann lächelte sie. „Ja, es ist genau das, was ich immer machen wollte. Die Kollegen sind klasse. Alles fast perfekt… Und bei Ihnen? Wollten Sie immer zu den Mountys?"

„Es ist Familientradition. Schon mein Urgroßvater war einer… Das soll aber nicht heißen, dass ich nicht glücklich bin." Fügte Johnson schnell an.

Prentiss öffnete die Eingangstür zum Büro und verschwand im Inneren des Gebäudes. Schon im Flur kam ihnen eine Frau entgegen.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?" Fragte sie freundlich.

„Agent Prenitss vom FBI. Sergeant Johnson." Stellte Prentiss sie vor und erklärte sofort weiter: „Wir suchen nach einem weißen Lieferwagen."

„Lieferwagen?" Fragend sah die Frau Prentiss an. „Wir haben zwei PKW und mehrere LKW. Aber keinen Lieferwagen. Dafür sind unsere Arbeitsgeräte zu groß."

Intensiv beobachtete Prentiss die Frau. Sie schien sich nicht zu verstellen.

„Sehen sie hier, dieses Bild? Es wurde letztes Jahr zu unserem Firmenjubiläum aufgenommen. Das daneben zeiget den Fahrzeugpark von vor fünfzig Jahren, als der Vater unseres Chefs die Firma gegründet hat."

Das schien eindeutig. Kein Lieferwagen auf dem Bild. Prentiss dankte ihr freundlich für die Auskunft und zusammen mit Johnson verschwand sie wieder hinaus in die Sonne.

„Könnten wir uns den Wagen mal ansehen?" Hotchner und Frank saßen dem Chef der Firma Blythe-Sanitär in dessen Büro gegenüber.

„Sicher. Er steht draußen in der Garage." Mr. Blythe erhob sich und führte die beiden Agents hinaus.

„Wie viele Personen fahren normalerweise diesen Wagen?" Hielt Frank das Gespräch aufrecht, während sie dem Mann durch die Firma folgten.

„Sie fahren immer mindestens zu Zweit. Das Gewicht der Werkzeuge Ma'am, sie verstehen?"

Frank bemerkte den abfälligen Tonfall in seiner Stimme. Ging aber geflissentlich darüber hinweg.

„Könnte sich irgendjemand den Wagen ausleihen? Auch ohne, dass sie es bemerken würden?"

„Nein, niemals. Abends werden hier die Tore fest verschlossen. Und außerdem kontrolliere ich regelmäßig die Zählerstände der Fahrzeuge."

Ein Kontrollfreak. Hotchner wurde aufmerksam. „Wo waren sie gestern zur Mittagszeit Mr. Blythe?"

Verwundert drehte sich der Firmenchef zu den Agents um. „Verdächtigen Sie etwa mich?" Er erhob seine Stimme. „Was fällt Ihnen eigentlich ein. Ich versuche Ihnen zu helfen, und stattdessen verdächtigen sie mich?"

„Das ist eine reine Routinefrage Mr. Blythe. Normalerweise kein Grund sich so aufzuregen!" Frank sprach in ihrem ruhigen Tonfall und auch Mr. Blythe schien sich der Wirkung nicht entziehen zu können.

Langsam atmete er zweimal tief durch und ließ sich neben die Agents zurückfallen.

„Entschuldigen Sie. Immer, wenn ich mich nicht Herr der Lage fühle, werde ich laut…" Er lächelte entschuldigend. „Meine Frau darf es nicht wissen… Ich war mit meinen Angestellten gestern Mittag bei Sarah. Einem Imbiss hier in der Stadt. Ab und zu sollte man sich seinen Angestellten gegenüber großzügig zeigen. Dann nehmen sie es auch nicht so eng, wenn mal wieder Überstunden anstehen. Und meine Launen vergeben sie mir dann auch schneller."

Frank lächelte ihn verstehend an. „Sind noch einige ihrer Angestellten da, die ihre Aussage bestätigen könnten?"

„Ich muss mal eben schauen, ob noch jemand da ist." Er bog unerwartet nach rechts ab. Hotchner und Frank folgten ihm mit einigem Abstand.

„Hier sind wir nicht richtig!" Stellte Frank bestimmt fest.

„Nein", bestätigte Hotchner. „Aber wir werden uns trotzdem noch die Bestätigung seines Alibis holen."

An einer Tür, am Ende des Ganges wartete Mr. Blythe bereits auf sie. Hotchner ließ Frank höflich den Vortritt. Er war stolz auf seine Mitarbeiterin. Obwohl er sein Team lieber selber zusammenstellte, musste er doch zugeben, dass Frank eine wirkliche Bereicherung war.

Sarah Morgan hatte sich in der Wohnung ihres Bruders umgesehen. Er hatte viele Erinnerungen an seine Familie aufbewahrt. Eines der gerahmten Bilder nahm sie in die Hand und betrachtete die lachenden Menschen darauf.

„Boomer!" Ihr Finger fuhr über den Golden Retriever, der aufmerksam neben Derek saß und auf einen neuen Befehl wartete. Ihre Gedanken gingen in die Vergangenheit, die gemeinsame Kindheit.

Überrascht hob sie ihren Blick und blinzelte sich in die Wirklichkeit zurück. Sicher… Wie konnte sie es nur übersehen! Eilig verschwand sie aus dem Wohnzimmer und fand sich bald darauf in der Küche wieder.

Sie riss die Türen der Schränke auf und wurde schon im zweiten Fach fündig. Lächelnd griff sie in den Schrank und holte einen Napf und Hundefutter hervor. Und da vorne war wohl der Platz des Hundes. Nur die Hundedecke fehlte und sämtliches Spielzeug.

„Wie schaffst du es noch neben deinen Job einen Hund zu halten?" Verwundert sprach Sarah einfach in den Raum.

Jetzt wusste sie, wonach sie suchen musste.

„Und keiner ihrer Angestellten hat sich den Lieferwagen in den letzten zwei Wochen öfter ausgeliehen?" Spencer rieb sich enttäuscht über die Stirn. Irgendwie verliefen momentan alle Spuren im Sande.

„Nein, wie ich schon sagte, abends haben alle Fahrzeuge im Hof zu stehen."

„Könnten wir mal ihre Rohre sehen, die sie verwenden?" Reid hatte seine rechte Hand an den Riemen seiner Umhängetasche gelegt und schaute Mrs. Rice freundlich an.

„Das Lager ist da vorne."

Reid forderte sie mit einer Handbewegung auf vorzugehen. Zusammen mit Inspektor Spencer folgte er ihr. Hinter einer Tür, die in die benachbarte Halle führte, erstreckte sich ein riesiges Lager.

Mrs. Rice führte sie durch eine lange Reihe von Regalen, an deren Ende sich die Rohre stapelten.

„Bitte, das sind die Rohre."

Reid schlenderte langsam an den Rohren entlang. Enttäuscht schüttelte er seinen Kopf. Das passte nicht.

„Sind das alle Rohre, die sie benutzen?"

„Ja."

„Keine mit einem anderen Durchmesser?"

„Nein."

Reid versank in seinen Gedanken.

„Kann ich ihnen sonst noch etwas zeigen?" Mrs. Rice sah von Reid, der nicht reagierte, zu seinem Begleiter.

„Nein, danke. Ich denke, dass war fürs Erste alles." Spencer schenkte der Frau im mittleren Alter ein entschuldigendes Lächeln. „Ich hoffe, wir haben Sie nicht zu sehr aufgehalten."

„Ich habe heute Morgen von den beiden Mädchen in der Zeitung gelesen. Meine Kinder sind fast in demselben Alter. Als Mutter macht man sich einfach Sorgen."

„Was ja auch verständlich ist." Der Inspektor wandte sich an den FBI-Agent. „Doktor Reid… können wir fahren?"

Reid sah zu ihm hin und nickte kurz.

Zwei Stunden später traf das Team in der Polizeistation in Langley wieder zusammen. Auch JJ und Rossi hatten bei ihrer Firma keine verwertbaren Spuren gefunden.

„Das größte Problem ist, dass man für die Wasserleitungen entweder Rohre mit kleinerem Durchmesser in und um Gebäude verwendet. Oder Betonrohre mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter in den Hauptleitungen der Straßen verlegt." Reid brachte sein Problem vor, dass ihn schon die ganz Zeit beschäftigte.

„Dann müssen wir vielleicht in einer anderen Berufsspate suchen." Prentiss hatte sich angespannt auf dem Tisch abgestützt. Sie hatten, ob ihrer im Sande verlaufender Suche, unnötige Zeit verloren.

„Mr. Wood im Restaurant sagte nur, der UnSub hätte sich als Monteur ausgegeben." Half Frank weiter.

„Dann suchen wir also nach jemanden, der Rohre gekauft hat und kein Monteur ist." Garcias Stimme erklang aus dem Laptop. „In den letzten zwei Monaten waren das mehr als fünfzig Käufer."

Frank starrte vor sich hin. Sie hatte einen Gedanken, der ihren Kollegen wahrscheinlich nicht gefallen würde.

„Chloroform." Warf Hotchner ein. „Wir haben das Wesentliche vergessen."

Garcia nahm das Stichwort sofort in ihrer Suche mit auf. „Kein Treffer." Sie wedelte mit ihrem federgeschmückten Stift herum. „Wenn er verschiedene Kreditkarten benutzt hat, können wir nur noch durch den Vergleich der einzelnen Namen weiter kommen."

„Wir müssen die Liste noch erweitern." Frank zog die verwunderten Blicke ihrer Kollegen auf sich.

„Was meinen Sie?" Johnson, der gehofft hatte den Täter langsam einkreisen zu können, sah die Kluft zu ihm momentan eher größer werden.

„Wir gehen davon aus, dass er Kunststoffrohre benutzt. Aber was ist, wenn er andere benutzt. Zum Beispiel aus Aluminium. Auch ein sehr leichter Stoff."

„Aber wofür sollte er die Rohre dann verwenden?" JJ konnte sich nicht vorstellen, wofür man so viele verschiedene Rohre verwenden sollte.

„Zum Beispiel für Klimaanlagen. Besonders gerne verwendet in großen Hallen. Sporthallen." Rossi wies auf die Belüftungsanlage in der Polizeistation. Da diese nachträglich in das ältere Gebäude eingebaut worden war, verlief das Rohrleitungssystem hoch oben an den Außenwänden. Ein so gängiges Verfahren, dass es den Menschen schon als selbstverständlich erschien.

„Für die letzten zwei Monate gibt es acht Treffer." Meldete sich Garcia. „Davon haben zwei nur einen Meter gekauft."

„Wahrscheinlich für Reparaturarbeiten." Schloss Prentiss diese aus.

„Wer sind die anderen sechs?" Hotchner hatte die ganze Zeit schweigend, aber aufmerksam das Gespräch verfolgt.

„Firmenadressen. Aus allen Gegenden rund um Vancouver."

„Dann reduziere sie auf dieses Gebiet mit einem Radius von hundert Meilen." Reid hatte sich zu seiner Karte an der Wand umgedreht, in der er die vermeintlichen Entführungspunkte eingetragen hatte und den Fundort der beiden Frauen.

„Dann bleiben noch drei." Brachte Garcia hervor. „Aber… Moment mal… Ich habe hier einen Firmennamen, der erst vor einem Monat in das offizielle Register eingetragen wurde."

„Das könnte unser Mann sein. Was ist das für eine Firma?" Rossi wechselte, während er sprach einen Blick mit Hotchner.

„Für Klimaanlagen. Sie gehört einen Brad Glover."

„Was findest du über diesen Mann?" JJ war sich sicher, dass sich vor ihnen endlich eine heiße Spur auftat.

„Er war vorher in Port-Cartier gemeldet. Einem kleinen Ort an der Westküste von Kanada. Oh, … seine Frau starb vor einem halben Jahr. Und er wurde verdächtigt, sie geschlagen zu haben. Aber sie konnten ihn mangels Beweise nicht verurteilen."

„Garcia die Adresse." Hotchner stand eilig auf. „Und versuche noch mehr über ihn herauszufinden. Eventuell gibt es in der Umgebung von Port-Cartier noch weitere Fälle von Missbrauch."

„Du denkst der Tod seiner Frau ist der Stressauslöser?" Rossi hatte sich ebenfalls erhoben.

Hotchner nickte zustimmend. „Und er hat verstanden, dass er durch das Töten seine Spuren verwischen kann. Die Frauen können keine Aussage mehr machen."

Sarah Morgan hatte gerade das Haus betreten, als Jack die Treppe herunter kam.

„Jack", sprach sie ihn leise an und machte ihm ein Zeichen leise zu sein. Jack kam gutgelaunt näher und schaute verwundert zu Sarah hinauf.

Er mochte sie. Sie war lustig und kannte viele interessante Geschichten. Geschichten, die damals in ihrer Kindheit passiert waren und die Derek an seine Vergangenheit erinnern sollten. Aber bisher waren alle Versuche immer noch ohne Erfolg gewesen.

„Komm mal mit. Ich habe etwas gefunden, was uns vielleicht helfen könnte."

„Für Derek?" Fragend sah er Sarah erstaunt an.

Sarah nickte nur. Und gemeinsam verließen sie das Haus.

Am Ende der Auffahrt eröffnete sich ihrem Blick ein altes Haus im Stil einer Blockhütte. Nur waren ihre Ausmaße größer.

Ein Fahrzeug stand nicht vor dem Haus. Aber vielleicht wurde dieses in der Scheune neben dem Hauptgebäude versteckt.

Die Agents und die örtliche Polizei stiegen aus.

„Prentiss, der Schuppen." Prentiss nickte verstehend und winkte Frank ihr zu folgen. „Komm." Sie eilten davon.

„Rossi, Reid nach hinten." Die Agents verschwanden mit einigen Deputies um die Hausecke.

Hotchner zog seine Waffe und eilte zur Vordertür. Spencer und JJ folgten ihm.

Sie stellten sich auf beide Seiten der Tür auf. Hotchner nickte und Spencer trat mit seinem Fuß kräftig gegen das Schloss. Die Tür gab nach und sie drang ins Gebäude vor. „Polizei" rief Spencer dabei laut aus.

Aus dem hinten Teil des Hauses vernahmen sie gedämpfte Geräusche, die von den Kollegen stammen mussten. Zusammen mit Hotchner stieß Spencer in einen Raum vor. Die Ausstattung war sauber und ordentlich. Nichts deutete auf eine Gewalttat hin, die mit Sicherheit Blutspuren hinterlassen hätte.

Trotz der Größe des Hauses hatten sie es schnell durchsucht. Nirgends war auch nur der kleinste Hinweis auf seinen Bewohner.

„Nichts." Vermeldete Reid auf Hotchners fragenden Blick, als er zusammen mit Rossi und den Deputies auf die Kollegen trafen.

„Bei uns auch nicht. Keine Spur." Hotchner zog seine Augenbrauen zusammen. Hatten sie irgendwo einen Gedankenfehler in ihrem Profil?

Die Deputies sammelten sich etwas abseits um Sergeant Johnson. Leise unterhielten sie sich und warteten ungeduldig auf weitere Befehle.

Die Agents durchsuchten noch einmal sämtliche Räume. Vielleicht gab der Täter ihnen ja irgendeinen Hinweis auf sein Versteck. Es konnte irgendwo in dem nahegelegenen Wald sein.

Überrascht hatte er die Motorengeräusche in der Stille der Natur wahrgenommen. Versteckt hinter einen Baumstamm hatte er die vielen Menschen aus den Wagen steigen sehen, wie sie sich über das Gelände verteilt hatten und in seine Gebäude eindrangen.

Würden sie sein Versteck finden? … Nein! Er schmunzelte vor sich hin. So schlau werden sie nicht sein!

Und sein Opfer war sicher aufgehoben. Aber ein Risiko konnte er nicht eingehen. Er musste noch einmal zurück zum Haus und das Ventil öffnen.

Reid wunderte sich über die Raumaufteilung. Die Zimmergrößen passten nicht zusammen. Hier fehlte etwas. Aber wie kam man in den fehlenden Raum?

„Hat das Haus einen Keller?" Rossi stand im Nachbarzimmer und sprach Inspektor Spencer an.

„Da es hier im Haus keine Treppe gibt und wir draußen auch keinen Außeneingang gefunden haben, denke ich mal nicht."

„Treppe", murmelte Reid vor sich hin. Das war es! Er begann die mit dunkler Vertäfelung bedeckte Wand im Jagdzimmer nach Hohlräumen abzuklopfen. Die Wand hinter der Vertäfelung war eindeutig hohl. Doch wie ließ sich die Tür davor öffnen?

„Hotch, Rossi!" Rief er über seine Schulter hinweg ins Nebenzimmer. Kurz darauf hörte er näher kommende Schritte.

„Was ist?"

Reid klopfte nochmals gegen die Vertäfelung. Ohne weitere Erklärungen verstanden seine Kollegen. Ein Hohlraum!

„Hotch, wir haben den Lieferwagen gefunden. Der Motor ist kalt. Er müsste hier irgendwo sein. Oder er hat sich zu Fuß aus dem Staub gemacht."

Hotchner nickte verstehend und deutet mit einer Kopfbewegung auf die Öffnung in der Wand. Prentiss und Frank schauten neugierig hinein. Vor ihnen tat sich ein betoniertes Treppenhaus auf.

„Dave, wir gehen als erstes." Sie zogen wieder ihre Waffen und Rossi und Hotchner verschwanden durch die Tür.

Bis auf drei Deputies folgten nach und nach die Agents und Polizeibeamten in das dämmrige Licht.

Am Fuße der Treppe führten nur zwei Türen in angrenzende Räume. Anscheinend war nicht die ganze Grundfläche des Haus unterkellert.

Mit Fingerzeichen verständigten sich die Agents und teilten sich vor den Türen auf. Auf Hotchners Zeichen hin stürmten sie die Räume.

JJ, Prentiss, Spencer und Hotchner fanden sich einer dichten Wand tiefer Dunkelheit gegenüber. Prentiss trat über die Schwelle und suchte an der Wand nach einem Lichtschalter. Augenblicke später flackerten mehrere Leuchtstoffröhren an der Decke auf und zeigten ihnen die wirkliche Größe und den Inhalt des Raumes.

Eilig schauten sie sich um, aber nichts deutete auf ein Lebewesen hin. Prentiss schritt durch den Raum, am äußeren Ende stand ein meterhohes Regal. Vorsichtig stellte sie sich mit dem Rücken an die Frontseite und tastete sich in das Halbdunkel der Rückseite vor. Das einzige was sie aufschreckte, war eine Maus, die eilig den Rückzug durch ein kleines Loch in der Wand antrat. „Sauber."

Reid drehte den Knauf und stieß die zweite Tür auf, die laut in ihren Angeln quietschte. Zusammen mit Johnson, Rossi und Frank drangen sie in den Raum vor.

Ein dezentes Licht an der gegenüberliegenden Wand schaffte eine leichte Dämmerung in dem kleinen Raum. Und ließ sie die schemenhafte Silhouette eines liegenden Menschen auf einem Tisch erkennen.

Während Reid und Johnson den Raum nach dem Täter durchsuchten, eilten Frank und Rossi zu dem Opfer. Sie fanden eine nackte Frau vor, blutend. Rossi tastete augenblicklich nach ihrem Puls, der schwach, aber beständig war. „Sie lebt… Johnson, wir brauchen sofort einen Krankenwagen."

Frank hatte ein akkurat gefaltetes weißes Laken auf einem Stuhl entdeckt und holte es eilig herbei. Es war wohl als Leichentuch für Sophie gedacht gewesen, aber jetzt konnte es wesentlich bessere Dienste leisten.

Vom Fußende her zog Frank es über den gequälten Körper der jungen Frau. Erst, als Frank das Tuch über den Schultern gleiten ließ, wurde ihr bewusst, dass sie es geschafft hatten und Sophie Barry noch lebte.

Johnson hatte unterdessen den Lichtschalter betätigt. Das kalte Licht von fünf Glühbirnen erhellte den Raum.

„Wird sie die letzten Tage vergessen können?" Frank sah auf Sophie hinunter. Rossi schaute seine Kollegin an und folgte dann ihrem Blick.

„Jeder Mensch geht anders damit um. Nachdem, was wir von ihren Eltern und ihrem Freund gehört haben, ist sie stark."

Hotchner und Spencer erschienen in der Tür. Sie hatten den Funkspruch von Johnson nach einem Krankenwagen gehört.

Frank beugte sich zu Miss Barry hinunter und streichelte ihr sanft über die Wange: „Sophie… Sophie können Sie mich hören?" Sie schüttelte das Opfer leicht an der Schulter.

Langsam regte sich die junge Frau und schien ihr Bewusstsein wiederzuerlangen. „Bitte… bitte nicht." Leise erklang ihre Stimme und ihr Körper wollte sich den Händen entziehen.

„Psst… Sophie, beruhigen Sie sich. Sie sind gerettet." Verwundert öffnete das Opfer leicht ihre Augen, das grelle Licht blendete sie. Frank ließ ihr Zeit. Dann erklärte sie mit einem freundlichen Lächeln: „Ich bin Agent Susanne Frank vom FBI. Mein Kollege David Rossi. Wir haben Sie gesucht."

„Und gefunden." Erklang Sophie Barrys raue Stimme.

„Dave, könntest du Wasser besorgen? Ich denke Miss Barry könnte einen Schluck gebrauchen." Rossi nickte stumm und verschwand.

Hotchner trat langsam näher und gab den restlichen Kollegen im Raum ein Zeichen, sich dezent zu entfernen.

Er trat so an den Tisch, dass er ins Blickfeld von Sophie Barry erschien. „Agent Hotchner, ich leite das Team." Stellte er sich dem Opfer vor. „Wir werden ihnen jetzt die Fessel abnehmen, okay? Keine Angst."

„Was ist mit meinem Baby?" Brachte Sophie Barry mit brüchiger Stimme heraus.

„Das wird der Arzt im Krankenhaus gleich feststellen." Versuchte Hotchner sie zu beruhigen.

Frank trat einen Schritt vom Tisch zurück und schaute sich auf dem Boden um. Es waren zwar überall Spuren von Blut zu sehen. Aber wer konnte schon sagen, ob diese alle von Miss Barry stammten.

Sie wechselte einen ruhigen Blick mit Hotchner und schob sich wieder in das Blickfeld des Opfers.

„Es sieht hier nicht nach einer Fehlgeburt aus. Versuchen Sie ruhig zu bleiben. Momentan sollten wir davon ausgehen, dass es dem Baby gut geht."

Sophie Barry nickte verstehend. Ungeduldig wartete sie, bis Agent Frank ihren rechten Arm von den Fesseln gelöst hatte. Sie hob ihre zitternde Hand und legte sie vorsichtig auf ihren Unterbauch.

Es hatte sich noch keine Möglichkeit ergeben sich dem Haus zu nähern. Immer war einer der Mountys in seinem Blickfeld erschienen. Ob auf der Veranda oder hinter einem Fenster. Jetzt war auch noch ein Krankenwagen vorgefahren. Das konnte nur bedeuten, dass sie seine Anna gefunden hatten. Wenn er nicht bald an das Haus herankam, musste er so gehen, ohne seine Spuren zu verwischen.

Brad Glover setzte alles auf eine Karte. Wenn er es jetzt, bei dieser Ablenkung, nicht ans Haus heranschaffte, dann nie.

Im Schatten einer Baumreihe kam er nahe ans Haus heran. Nach wenigen Schritten war er an der Hauswand. Das Ventil befand sich an der vorderen Ecke. Er schob sich an der Wand entlang. Ein kurzer Handgriff.

Erleichtert schmunzelte er vor sich hin. Seine Verfolger würden bald Geschichte sein…

„Aber das Schwein ist uns durch die Lappen gegangen. Er kann unbekümmert weitermachen."

„Nein, kann er nicht." Beruhigte Hotchner Sergeant Johnson und schaute sich leicht angewidert, aber neugierig in dem großen, kahlen Raum um. „Wir kennen jetzt seinen Namen. Die DNA von den beiden ersten Opfern werden mit dem Abstrich von Miss Barry übereinstimmen."

„Auch wenn das Gericht seine Ehefrau nicht als Opfer anerkannt hat, für seine neuen Taten wird er büßen." Unterstützte Rossi seinen Kollegen. „Unsere technische Analystin ist schon auf der Suche in der DNA-Datei nach weiteren potentiellen Opfern."

Der Fall war für die BAU geklärt, der Täter erkannt. Hotchner fand diese Momente nicht als angenehm. Er sah es lieber, wenn sie den Täter gefasst hatten und sicher verwahrt wussten. Trotzdem blieb er ruhig, als er weitererklärte: „Mr. Glover ist bereits auf allen Fahndungslisten vermerkt. Er wird sich nicht lange im Dunklen verstecken können. Sein Trieb wird ihn wieder ein neues Opfer suchen lassen." –

Prentiss wühlte sich unterdessen durch Kartons die etwas abseits von der Gruppe standen. Vielleicht konnten sie einen Hinweis über den Verbleib des Typen finden. Aufmerksam hob sie den Kopf und schaute verwundert zu Frank hinüber, die nur wenige Meter weiter stand: „Sue?"

Frank drehte sich leicht zu ihr hin und fast gleichzeitig atmeten sie tief ein. Irritiert wechselten sie einen Blick. Frank verstand Prentiss Frage in ihrem Blick und nickte zustimmend.

„Hotch!" Unterbrach Prentiss gehetzt das Gespräch zwischen ihren Kollegen, Inspektor Spencer und Sergeant Johnson. Noch bevor die Männer reagieren konnten, sprach sie schon weiter: „Gas… Riechst du das?"

Hotchner hatte anscheinend bisher noch nichts wahrgenommen. Doch mit dem nächsten Atemzug roch auch er den leichten süßlichen Duft des Chloroforms. Aktiv werdend, trieb er sein Team zur Eile an: „Los, alles raus hier!"

Reid und JJ hatten sich ebenfalls in dem großen Raum verteilt und durchsuchten ihn nach möglichen Hinweisen. Auf Hotchners Ruf hin begannen sie zu laufen und trafen mit den Anderen an der dicken Eisentür zusammen.

„Was ist?" Fragte Reid.

„Gas!" Kam die kurze Erklärung von Rossi.

„Versucht so wenig wie möglich zu atmen." Reid hob seinen Arm vor Nase und Mund.

„Raus!" Hotchner wartete neben der Tür, bis Einer nach dem Anderen im Flur verschwunden war. Dann eilte er hinterher, die Treppen hinauf.

Hier im Treppenhaus wurde der Gestank noch intensiver. JJ fühlte sich schwindelig. Verängstigt griff sie nach dem Treppengeländer.

„JJ, ist dir nicht gut?" Frank ergriff ihre Kollegin bei den Schultern.

„Lauf weiter Susanne. Ich kümmere mich um sie." Hotchner schob Frank weiter die Treppe hinauf. „Los raus hier."

Hotchner ergriff JJ, die Mühe hatte ihre Augen offen zu halten.

Rossi und Prentiss waren bereits am Ausgang des Geheimganges angekommen. Die alte Falltür aus Holz hatte wohl einen Mechanismus eingebaut, der die Tür automatisch wieder verschloss. Sie ließ sich nicht öffnen.

Prentiss trat zurück und versetzte dem Schloss einen gezielten Tritt. Zersplitternd flog die Tür auf und schepperte dumpf gegen die Außenwand.

Die Teammitglieder und die beiden Mountys hetzten heraus, weiter ins Freie und zogen tief die frische Luft ein. Hustend verstreuten sie sich über das Gelände. Es dauerte geraume Zeit, bis sie die Wirkung des Gases nicht mehr spürten und wieder einigermaßen klar denken konnten.

Rossi sah sich um. Augenblicklich wurde ihm klar, dass nicht alle Kollegen draußen waren. „Wo ist JJ? ... Und Hotch!"

Frank, die noch immer mit vorgebeugtem Oberkörper dastand und den Brechreiz zu unterdrücken versuchte, schaute zurück. Alles um sich herum vergessend, lief sie zurück zum Haus.

„Susanne, bleib hier." Reid erwischte sie gerade noch am Arm und hielt sie zurück.

„Aber… ich habe nicht mehr auf sie geachtet… JJ konnte nicht weiter."

Derek Morgan hatte sich ins Gästezimmer im ersten Stock zurückgezogen. Es fiel ihm nicht leicht Sarahs Anwesenheit zu akzeptieren. Sie war nett und wirklich bemüht ihm seine Vergangenheit wieder näher zu bringen. Aber bisher hatte sie keinen Erfolg.

Erschöpft legte er seinen Kopf gegen die kühlende Fensterscheibe. Er würde sich gerne wieder erinnern. Endlich Klarheit in sein Leben bringen und Jessica glaubhaft versichern können, dass er sich sein Leben nicht mehr ohne sie vorstellen konnte.

Draußen bellte lebhaft ein Hund. Immer näher schien das Gebell zu kommen. Dann sah er Jack. Der Junge lachte ausgelassen. Mit großen Sprüngen kam ein Hund auf ihn zu und sprang wild um ihn herum. Jack holte aus und warf einen Ball soweit er konnte in den Garten. Der Golden Retriever raste kläffend hinterher und packte den Ball. Schwanzwedelnd kam er zu Jack zurück und legte den Ball brav vor seinen Füßen nieder.

„Boomer… Boomer!" Morgan verließ eilig das Zimmer.

„JJ lass los! Wir müssen hier raus." Doch Agent Jarreau klammerte sich an dem Geländer fest. Mühsam musste Hotchner Finger für Finger lösen.

Der Teamchef spürte, wie ihn ebenfalls die Müdigkeit überkam. Es wurde Zeit hier zu verschwinden!

Endlich hatte er es geschafft. Er legte sich JJs Arm um die Schultern, und zog sie weiter die Treppen hinauf.

Doch JJ hing wie ein schwerer Sack an seinem Hals. So kamen sie nicht vorwärts. Kurzerhand nahm er die zierliche JJ auf den Arm und eilte weiter.

Die Müdigkeit erfasste immer mehr seinen Körper und das würgende Gefühl des Brechreizes wurde unerträglich.

Noch drei Stufen. Da vorne strahlte das helle Tageslicht durch die Tür.

Zwei Stufen, eine. Gleich waren sie draußen.

Wankend trat Hotchner aus dem Treppenhaus. Nur noch wenige Schritte, dann waren sie an der frischen Luft. Seine Augenlider ließen sich nicht mehr öffnen, sie waren zu schwer. Aber seine Beine trugen sie einfach weiter geradeaus. Er hörte Reids Stimme und versuchte ihr zu folgen. Plötzlich spürte er die klare reine Luft in seinen Lungen. Tief atmete er ein.

Als ihm jemand JJ abnahm, versagten seine Muskeln und er ließ sich einfach hustend auf die Knie fallen.

Rossi trug JJ runter auf den Rasen. Reid lief um ihn herum und versuchte ihm zu helfen. Sirenengeheul kam näher.

Prentiss und Frank packten sich Hotchner, der zu würgen begann und zogen ihn weiter fort von der Tür. Über das Geländer gebeugt übergab er sich.

„Ein Gutes hat dieser Angriff. Glover kann noch nicht allzu weit sein!" Rossi sah Spencer auffordernd an.

„Wir werden sofort Straßensperren errichten und den Wald durchkämmen."

„Derek", Jessica kam gerade durch die Küchentür in den Flur, als Morgan die Treppe hinuntereilte. „Was ist passiert?" Doch er antwortete ihr nicht und stürzte durch die Eingangstür nach draußen. Besorgt folgte ihm Jessica.

Draußen kniete Derek in der Mitte des Rasens und streichelte einen ihr fremden Hund. „Boomer… Boomer, alter Kumpel, dass ich dich wieder habe." Der Hund schien ebenfalls erfreut Derek zu sehen. Halb japsend, halb bellend sprang er um ihn herum. Seine Rute bewegte sich dabei freudig hin und her.

Sarah Morgan stand lachend am Fuße der Verandatreppe und beobachtete ebenfalls die freudige Begrüßung.

„War das deine Idee Sarah?" Jessica fühlte sich verwirrt. Jeden Tag, ja jede Minute, hatte sie darauf gewartet, dass sich Derek wieder erinnern konnte. Und jetzt..., jetzt hatte sie einfach nur Angst.

„Ich habe gehofft, dass Boomer vielleicht helfen könnte." –

„Kannst du dich jetzt wieder erinnern?" Jack war zu Morgan gelaufen.

„Ja Jack. Es kommt alles wieder." Lachend sah er seinen kleinen Freund an. „Danke, Jack! ... Aber woher wusstest du von Boomer?"

„Sarah hat ihn mitgebracht." Jack zeigte zur Veranda.

Morgan drehte seinen Kopf in die angewiesene Richtung. Seine Schwester stand dort und lachte freudig erregt. Dann wanderten seine Augen zu Jessica hoch, die ihm einen unsicheren Blick zuwarf.

Befreit lachend stand er auf und ging auf das Haus zu. Während Boomer um ihn herumsprang, ließ er Jessica nicht aus den Augen. Sie hatte ihren Blick gesenkt und wandte sich der Eingangstür zu.

Mit wenigen Schritten sprang Morgan die kurze Treppe zu ihr hoch und hielt sie am Arm zurück. So nah in ihrer Nähe konnte er ihre Angst spüren. Für sie wurde nun die Ungewissheit zur Wahrheit.

Zärtlich zog Morgan sie in seine Arme. Er bettete ihren Kopf an seine Schulter und gab ihr Halt.

„Jessica, ich liebe dich. Es gibt niemanden sonst, dem ich mein Herz schenken möchte."

Langsam hob sie ihren Blick. „Bist du dir da ganz sicher?"

Morgan nickte bestimmt. „Ja." Seine Stimme klang voll und fest.

Hotchner und Rossi standen auf dem Krankenhausflur vor dem Wartezimmer und unterhielten sich leise über die letzten Stunden, als ein Herr im weißen Kittel zu ihnen trat.

„Agent Hotchner, ihrem Team geht es soweit gut. Keiner hat ernsthafte Schäden davon getragen."

„Danke Doktor, das sind gute Neuigkeiten." Er wandte sich an seinen Kollegen: „Dann können wir Spencer bei der Suche nach Glover unterstützen."

„Moment. Sie brauchen alle Ruhe. Die Spuren des Chloroforms wurden noch nicht restlos abgebaut."

„Hotch", Rossi blieb ruhig. „Doktor Morlock hat recht. Wir würden uns alle in Gefahr begeben. Inspektor Spencer und seine Kollegen sind auf seiner Fährte. Sie werden ihn schon fassen."

Hotchner schien zu überlegen, nickte dann aber einsehend: „Fahren wir ins Hotel."

Marcus Tullis Cicero (römischer Politiker und Philosoph):

„Anteilnehmende Freundschaft macht das Glück strahlender und erleichtert das Unglück."

Über den Fluggastraum hatte sich mittlerweile Stille gelegt. Die Agents hatten sich verteilt und versuchten die Geschehnisse der letzten Tage zu verarbeiten.

Rossi sah auf, als er plötzlich eine Stimme, zwar leise, aber doch gut verständlich vernahm. Hotchner kam hinter dem Vorhang zur Bordküche hervor, das Handy am Ohr: „In drei Stunden… Gut, bis gleich."

„Ist was passiert?"

„Nein", Hotchner schüttelte leicht seinen Kopf und setzte sich Rossi am Tisch gegenüber. Er fühlte, wie sich die Erleichterung in seinem Körper ausbreitete.

Sie unterhielten sich über die letzten Tage. Und wie knapp sie dem Giftanschlag von Brad Glover entkommen waren. Am nächsten Morgen hatte die Agents im Hotel die Nachricht erreicht, dass Brad Glover in den frühen Morgenstunden gefasst worden war. Auf Inspektor Spencers Bitte hin, waren die BAU-Mitglieder ins Revier gefahren, um an der Befragung des Gefangenen teilzunehmen.

Mittags hatten sie sich dann von den Vancouver Beamten verabschiedet und den Rückflug angetreten.

Es war bereits dunkel, als das Flugzeug in Quantico landete. Als es auf seiner Parkposition zum Stillstand gekommen war, packten die Agents ihre Taschen. Sie waren erschöpft und wollten einfach nur in die Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände. Die Tür hinter sich schließen und alles Unangenehme draußen lassen.

Doch Hotchner hielt sie auf: „Leute, wenn ihr jetzt hinausgeht, dann erwartet euch eine Überraschung."

Die Agents wechselten verwunderte Blicke. Nur Rossi saß noch entspannt in seinem Sitz und schien schon zu wissen, oder vielleicht ahnte er es auch mehr, was sie draußen erwartete.

Prentiss nahm ihre Tasche und ging zur Tür. Energisch betätigte sie den Öffnungsmechanismus. Doch da draußen, in der Dunkelheit, war nichts.

Die Turbinen erstarben, als sie ausstiegen.

„Hotch, was soll das für eine Überraschung sein?" JJ sah sich genauso verwundert wie ihre Kollegen auf dem Flugfeld um.

„Geduld. Sie werden sich etwas verspätet haben."

„Nein, haben wir uns nicht." Eine Person kam unter dem Flügel auf sie zu. „Die Sicherheitsleute haben uns nur unnötig aufgehalten."

„Derek!" Garcia traute ihren Augen nicht. „Geht es dir wieder besser?"

„Ja, Zuckerschnute. Zumindest kann ich mich wieder erinnern."

Garcia sagte nichts weiter, sondern schlang ihre Arme einfach um seinen Hals und drückte ihn herzlich.

Während sich die Kollegen um Morgan scharrten, standen Hotchner und Rossi etwas abseits. Jessica, Sarah und Jack mit Boomer waren zu ihnen getreten.

„Dad, schau mal." Jack hatte alle Mühe Boomer zu halten. Der Hund hatte viele fremde Gerüche aufgenommen und wollte sie gerne verfolgen.

Hotchner ging neben seinen Sohn in die Knie und lockte den Hund zu sich heran. Begeistert kam dieser auch gleich schwanzwedelnd angelaufen und ließ sich ausgiebig begrüßen.

„Wie wäre es, wenn ihr alle zusammen noch etwas trinken geht? Jack und ich fahren schon mal vor nach Hause."

„Aber Dad!" Widersprach sein Sohn.

„Gute Idee. Gegen ein, zwei Runden kann niemand etwas einwenden." Stimmte Prentiss dem Vorschlag begeistert zu.

„Morgen ist Schule Jack." Hotchner zwinkerte Jack verschwörerisch zu. „Aber wir könnten ja noch ein bisschen mit Boomer spielen."

„Aaron, geh du mit. Ich kümmere mich um Jack." Jessica stand plötzlich neben ihm. Er sah zu ihr hoch, ihren verlegenen Blick. Dann suchte er Morgan, der in der Traube von Menschen stand und verständnislos zu ihnen herüber sah.

Hotchner erhob sich. „Nichts da. Du hast dich die ganze Zeit um Derek und Jack gekümmert. Jetzt hast du dir einen schönen Abend verdient." Er drückte ihr einen leichten Kuss auf die Wange. „Geh und hab einen schönen Abend."

Jessica bewegte sich nicht von der Stelle.

„Jess, du musst auch mal an dein weiteres Leben denken. Du kannst nicht immer nur für Jack und mich da sein."

Überrascht sah Jessica ihren Schwager an.

„Wirklich, es ist in Ordnung. Ich verstehe dich. Und ich freue mich für euch."

Morgan kam zu ihnen herüber. Wie selbstverständlich legte er seinen Arm um Jessicas Schultern. „Danke Hotch."

Hotchner nickte nur leicht mit dem Kopf. „Nun verschwindet aber."