5 - Ein ruhiger Samstagnachmittag
Die Sonne schien noch immer warm vom blauen Himmel. Doch vereinzelt leuchteten die ersten Blätter an den Bäumen in Gelb und Rot. Der Herbst begann seine Arme langsam über das Land auszustrecken. Und deutete damit unmissverständlich das Ende des Jahres an. Ein Jahr in dem viel passiert war bei der BAU.
Aaron Hotchner stand am Fenster in seinem Büro und schaute hinaus. Er fühlte sich müde und ausgebrannt. Sie hatten in diesem Jahr schon jetzt mehr Fälle bearbeitet als in den vergangenen Jahren. Woran lag das? Gab es heute mehr Gewaltverbrechen als früher?
Auf jeden Fall wuchsen die Anfragen für das Team gewaltig…
Es klopfte. Hotchner fuhr aus seinen Gedanken hoch und drehte sich halb zur Tür um. Als er den Menschen, der im Türrahmen stand, erkannte, legte sich ein Lächeln über sein Gesicht.
„Derek…" Erfreut stand er auf und ging auf seinen Kollegen zu. „Du siehst besser aus!" Mit einer Handbewegung zu der kleinen Ledersitzgruppe, lud er ihn ein, sich zu setzen.
„Danke", Morgan schien erfrischt und lächelte munter zurück. „Alles wieder okay. Ich darf wieder arbeiten und wollte mich zum Dienst zurückmelden."
Morgan hatte sich auf der Couch an der Wand niedergelassen und wartete entspannt auf eine Reaktion seines Teamleiters, der sich einen der Besucherstühle herübergezogen hatte.
„Das ist gut. Du fehlst uns im Team." Morgan konnte die Aufrichtigkeit der Worte in Hotchners Gesicht lesen. „Der Arzt hat dich gesundgeschrieben?"
„Ja", Morgan reichte Hotchner einen Umschlag über den Tisch, den er bisher unauffällig in der Hand gehalten hatte. „Ich habe alle Forderungen von Direktor Sander erfüllt, um meinen Dienst wieder aufnehmen zu können."
„Dann sei uns herzlich willkommen." Hotchner lachte ihn offen an.
„An welchem Fall seid ihr momentan?"
„Noch nichts Konkretes."
„Dann werden wir Morgen sehen was anliegt."
„Du wolltest nur sicherstellen, dass wir dich mitnehmen, wenn wir in den nächsten zwölf Stunden angefordert werden, stimmt's?" Hotchner lehnte sich entspannt zurück.
Morgan lachte auf. „Du hast mich durchschaut!" Dann wurde er ernster. „Fahr nach Hause Aaron. Jack wartet auf dich und du brauchst mal wieder mehr Abstand… Ab Morgen werde ich dir wieder Arbeit abnehmen."
„Ab Morgen… Wie steht es zwischen Jessica und dir?"
Morgan schaute Hotchner schweigend an. Er spürte, dass sein Gesprächspartner das Thema wechseln wollte. Aber auch, wie wichtig ihm diese Frage war.
„Ich habe mich in den letzten Wochen oft gefragt, wie ich sie in den ganzen Jahren so übersehen konnte."
„Es hat dich also erwischt?"
„Uns beide. Es ist…, als wenn man nicht mehr vollständig wäre, wenn der Andere nicht da ist."
„Das ist gut so." Hotchner nickte verstehend und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht.
„Was ist los?" Fragte Morgan gerade heraus.
„Nichts. Alles gut… Nur etwas müde."
„Dann mach Feierabend. Jack und Jessica warten bestimmt schon zu Hause auf dich." Morgan erhob sich und ging zur Tür.
„Sie werden auf den Weg nach Hause sein, ja." Hotchner hatte einen Blick auf seine Uhr geworfen. „Ich muss nur noch einen Bericht zu Ende schreiben. Und dann wollte Direktor Sanders noch mit mir sprechen."
„Dann beeile dich…" Morgan erhob sich. „Ich werde noch etwas zu den Anderen gehen."
„Mach das. Sie werden sich freuen, dass du wieder dabei bist."
Morgan zog die Tür hinter sich ins Schloss. Hotchner blieb alleine zurück. In Gedanken ging er das Gespräch nochmals durch…
Die letzten Strahlen der Dämmerung ließen den westlichen Himmel in den unterschiedlichsten Blautönen erstrahlen. Die ersten Sterne blickten vom Osten her auf die Erde hinab. Unten, aus dem Tal, erhellten die Millionen Lichter der Metropolenstadt Los Angeles die Umgebung. Und von der gegenüberliegenden Stadtseite leuchtete der HOLLYWOOD-Schriftzug herüber. Auch wenn der Lärm aus den Straßen der Stadt als leichtes Hintergrundgeräusch die Luft durchdrang, so fühlte man doch die Ruhe der einbrechenden Nacht, die sich über die Natur legte.
Eine Bewegung zwischen den Büschen am Straßenrand. Ein Schatten. Schnell bewegte sich dieser an einer Mauer entlang, die ein Grundstück umgab. Er schwang sich hinüber. Und doch lag er immer noch auf der Wand. Erneut zog er sich hoch und verschwand dann im Dunkeln des Gartens.
Dann erschien er auf der hellen Hauswand und schob sich immer näher an die Hintertür. Wer genau lauschte, konnte das leise Ritzen eines Glasschneiders hören.
Sekunden später war der Schatten im Haus verschwunden.
Morgan hatte nach dem Gespräch mit Hotchner nur Frank in dem Großraumbüro angetroffen. Der Rest war unterwegs. So hatte er sich auf die Tischplatte seines alten Schreibtisches im Großraumbüro gesetzt und unterhielt sich mit seiner Kollegin.
„Hallo Derek." Überrascht rutschte dieser von der Tischplatte. Als er sah, wer vor ihm stand, wurden seine Gesichtszüge weicher.
„Hey Jack, Kumpel." Er hielt dem sechsjährigen seine Hand hin und der Junge klatschte kräftig hinein.
Frank beobachtete lächelnd den Umgang ihres Kollegen mit dem Kleinen.
„Was machst du hier? Hotch hat gar nicht gesagt das du vorbeikommst."
„Aaron weiß ja auch nichts davon." Eine junge blonde Frau stand plötzlich hinter Jack und schaltete sich in das Gespräch ein. „Ich hoffe, wir stören nicht gerade."
„Nein, gar nicht. Schön dich zu sehen… Wie geht es dir?" Morgan trat zu ihr und drückte ihr einen leichten Kuss auf die Lippen.
„Danke, ganz gut… Wir wollten auch nicht lange stören. Aber Jack will unbedingt etwas mit Aaron besprechen. Es ist wohl sehr wichtig. Er kann nicht bis heute Abend warten."
Ernst nickte Jack zu den Worten seiner Tante.
„Und man weiß ja auch nie, ob er überhaupt nach Hause kommt." Morgan zwinkerte ihr verschwörerisch zu und warf einen Blick hinauf ins Büro seines Chefs. „Momentan ist er am Telefonieren. Aber es kann nicht mehr allzu lange dauern." Er lächelte den enttäuschten Jungen an und fuhr ihm tröstend durch das dunkelblonde Haar.
„Hallo Susanne." Grüßte Jessica Brocks die Kollegin ihres Schwagers.
„Hallo Jessica. Schön dich mal wieder zu sehen."
„Ja, finde ich auch." Jessica erwiderte das offenherzige Lächeln.
Mit großen Augen verfolgte Jack den kurzen Monolog zwischen den beiden Frauen. Gesehen hatte er diese blonde Frau schon vor einigen Wochen auf dem Flughafen, aber er kannte sie nicht.
Morgan verfolgte den interessierten Blick des Jungen und schmunzelte leicht vor sich hin. „Hast du schon unser neues Teammitglied kennengelernt, Jack?"
Mit großen Augen schüttelte Jack seinen Kopf.
„Nein?!... Dann kommt. Ich stelle euch vor." Frank stand auf.
„Susanne, das ist Jack Hotchner. Und das ist Susanne Frank aus Deutschland. Sie bleibt ein Jahr bei uns und schaut uns über die Schulter."
„Und packt auch mit an." Ergänzte Frank lachend.
„Auch das!" Stimmte Morgan zu.
Frank reichte dem Jungen die Hand. „Es freut mich dich kennen zu lernen Jack."
Erst schaute Jack Frank mit zusammengezogenen Augenbrauen an und Frank musste sofort an ihren Teamleiter denken. Diese Ähnlichkeit war beeindruckend. Doch dann entspannte sich das Kindergesicht und lächelnd zupfte er ihr am Ärmel. Sie beugte sich leicht zu ihm hinunter.
„Darf ich mich mal an deinen Schreibtisch setzen Susanne. Ich möchte nämlich auch mal zum FBI."
„Sicher darfst du dich setzen." Frank hielt die Lehne des Bürostuhles fest, damit er nicht plötzlich davonrollte, als Jack hinaufkletterte. Sie schob ihn an den Tisch und stolz strahlte das Kindergesicht.
Weitere Stimmen erfüllten plötzlich den Raum, als Prentiss und Reid durch die Glastür eintraten.
„Dann gehen wir doch morgen Abend ins Kino und schauen uns den Film an." Schlug Reid seiner Kollegin gerade vor.
„Da bin ich dabei. Ich habe ihn auf Russisch noch nicht gesehen. Dabei sagt man, dass er im Original am besten ist."
Sie waren bei ihren Kollegen angekommen und begrüßten erfreut den unerwarteten Besuch.
Das schmiedeeiserne Tor öffnete sich lautlos und ein Wagen fuhr vor das Haus. Den Motor laufen lassend stieg ein Mann aus und verschwand eilig im Haus.
Hastig, aber genauso leise und unbemerkt, wie der Schatten ins Haus verschwunden war, erschien er kurze Zeit später wieder an der Hintertür und zog sie leise hinter sich ins Schloss.
Er huschte durch den Garten von Baum zu Baum. Der erste Teil schwang sich über die Mauer und nahm einen in einer Decke eingeschlagenen Gegenstand von seinem Partner entgegen. Dieser folgte über die Mauer zurück auf die Straße und wie ein Schatten verschwanden sie in der Dunkelheit der Nacht.
Hotchner saß über eine Fallmappe gebeugt, als es an seiner Bürotür klopfte. Ohne aufzusehen sprach er: „Komm rein."
Jack trat ein und ging um den Schreibtisch seines Vaters herum. Hotchner blickte auf und schaute zur Tür. Erstaunt zog er seine Augenbrauen zusammen. Hatte er sich getäuscht und sich das Klopfen nur eingebildet?
„Dad." Hotchner fuhr zusammen. Erstaunt, als sähe er einen Geist vor sich, sah er seinen Sohn an. Dann lächelte er.
„Jack, was machst du hier?" Hotchner rollte mit seinem Stuhl etwas vom Schreibtisch ab, hob den Jungen hoch und setzte ihn auf seinen Schoß. Mit einem Blick aus der großen Fensterscheibe, die ihm eine Sichtverbindung mit seinen Agents im Großraumbüro ermöglichte, konnte er Jessica sehen, die ihm kurz zuwinkte.
„Schön, das du mich mal besuchen kommst Jack." Hotchner spürte, dass etwas den Jungen beschäftigte. „Was gibt es?"
„In der Schule reden wir über die Berufe unserer Eltern. Und wir sollten euch fragen, ob nicht einige ihre Arbeit vor der Klasse vorstellen könnten."
Hotchner spürte, dass es Jack sehr wichtig war.
„Wann soll das denn sein? Du weißt, dass wir viel unterwegs sind."
„In zwei Wochen, am 28. … Bitte Dad, sag ja!"
Hotchner blätterte in seinem Kalender auf dem Tisch. „Noch alles frei. Siehst du?!" Er nahm einen Stift zur Hand und trug den Termin ein.
„Ich muss allerdings erst mit dem Direktor Rücksprache halten."
„Bitte Dad…" Jack schien enttäuscht. Hotchner griff seinem Sohn unter das Kinn und schaute ihn fragend an.
„Sie glauben mir nicht, dass du für das FBI arbeitest."
„Deine Mitschüler?"
Jack nickte mit Tränen in den Augen. Hotchner strich ihm tröstend über die Wange.
„Ich werde kommen! Ich verspreche es dir!"
Die dunkle Nacht lag über dem Wohngebiet des Vorortes San Gabriel. Mike Flynn schaltete seine Nachttischlampe an und erhob sich.
Müde schlurfte er aus dem Zimmer.
„Mike, wo willst du hin?" Erklang die Stimme seiner Frau aus dem Schlafzimmer.
„Nur einen Schluck trinken."
Ein dumpfer Knall. Ein Krachen.
„Mensch Mike, mach dir Licht an!" Entnervt rief sie ihren Mann hinterher.
„Mike?!" Normalerweise kam immer ein Kommentar. Nur heute nicht.
Stattdessen hörte sie rumoren im Wohnzimmer. Da war doch noch jemand anders im Haus!
Schlagartig hellwach, schwang sie ihre Beine aus dem Bett und eilte zur Tür.
„Mike."
Da lag er. Im Wohnzimmer. Blut sickerte aus einer Wunde an seinem Kopf und breitete sich schnell unter seinem Körper zu einer Lache aus.
Kurz darauf wurde die Nachtruhe der Nachbarschaft je von den anrückenden Hilfskräften gestört. In immer mehr Häusern erhellte Licht die Fenster. Viele kamen im Bademantel hinaus und schauten verwundert auf das große Aufgebot der Polizei- und Rettungswagen.
Agent Jareau startete den Bildschirm an der Wand im Besprechungszimmer und verteilte die Mappen des nächsten Falles auf dem runden Tisch in der Mitte des Raumes, als Prentiss und Morgan eintrafen.
„Hey Derek", sie kam lächelnd zu ihm hinüber und nahm ihn liebevoll in den Arm, „ich habe schon gehört das du wieder am Bord bist. Wie geht es dir?"
„Alles wieder beim Alten. Ihr werdet sehen, dass ich mich nicht verändert habe."
„Dann bin ich mal auf deine Statistiken gespannt." Prentiss hatte sich bereits an den Tisch gesetzt und die Mappe vor sich geöffnet.
Morgan verzog ungläubig für einen Moment das Gesicht. Dann wurden seine Augen schmal. „Was meinst du mit Statistiken? Das ist Reids Bereich. Nicht meiner!"
Spencer Reid betrat gerade als sein Name fiel den Raum. „Was ist mein Bereich?"
„Nichts." Prentiss lachte Reid entwaffnend an. Dann schaute sie zu Morgan. „Ich wollte dich doch nur testen."
Morgan war das auch mittlerweile klar geworden. Betont locker setzte er sich neben Prentiss. „Habe ich deinen Test bestanden?"
„Zumindest reagierst du wie der alte Morgan." Prentiss hatte sich entspannt zurück auf ihren Stuhl gelehnt und zwinkerte ihm vertrauensvoll zu. Morgan verstand. Sie waren wieder ein Team.
Langsam füllte sich der Raum. Als Letzter eilte Hotchner herein und schloss die Tür hinter sich: „JJ, wir können starten."
Augenblicklich legte sich Stille über den Raum und JJ begann die Informationen die sie bekommen hatte an das Team weiter zu geben.
„In den letzten zwei Nächten wurden in Los Angeles Einbrüche verübt. Zwei bis drei pro Nacht."
„Bei Prominenten? Die sichern ihre Anwesen doch bis unter die Hutschnur." Morgan schaute überrascht zu JJ hoch.
„In Hollywood würde man sie wohl zur Mittelschicht zählen."
„Was wurde gestohlen?" Rossi schien interessiert.
„Das ist es ja, Kleinigkeiten. Hier kleinere Geldbeträge, dort etwas Schmuck oder Silber. Sie verwüsten nur ein Zimmer und das so, dass es den Ermittlern schwer gemacht wird eine Spur zu finden."
„Wofür brauchen sie unsere Hilfe?" Fragte Prentiss in den Raum.
„Gestern gab es einen Toten. Sie haben Angst, wenn es in diesem Tempo weiter geht, dass es mehrere Opfer geben könnte und Panik ausbricht."
„Das Opfer ist der Regisseur Mike Flynn." Hotchner wies auf ein Foto, dass die Leiche eines Mannes zwischen vierzig und fünfzig zeigte.
„Mike Flynn. Er hat ‚Das Ungeheuer schlägt zu' und ‚Wieder eine Bestie' gedreht. Keine guten Filme. Die Medienwelt ist der Meinung, er ist zu altbacken und…", Reid hatte sein Gedächtnis nach dem Namen durchforstet, wurde jetzt aber von Hotchner unterbrochen.
„Das L.A.P.D. geht davon aus, dass Mr. Flynn den Einbrecher überrascht hat. Er wurde klassisch mit einem Buchbeschwerer aus dem Regal von hinten erschlagen."
Reid kramte in seiner Mappe herum und zog einen Stapel Fotos daraus hervor. Betont langsam schaute er sich Foto für Foto die Tatorte näher an. „Lassen sie das Gebäude für uns abgesperrt? Ich würde mich dort gerne mal selber umsehen."
„Was hast du entdeckt?" Rossis Blick fiel über die Schulter seines jungen Kollegen auf die Fotos.
„Ich würde sagen, es handelt sich um mindestens zwei Täter." Reid wies auf einzelne Fotos, die verschiedene Wohnungen zeigten. „Es sind zwei ganz verschiedene Vorgehensweisen der Verwüstung."
„Es gibt noch mindestens zwei weitere Häuser, in denen noch nichts verändert wurde." Offenbarte JJ weiter.
„Dann gib Captain Lawson Bescheid, dass sie die Tatorte noch nicht wieder freigeben. Vielleicht fällt uns noch etwas Besonderes ins Auge." Hotchner sah in die Runde. „Auf geht's. In einer halben Stunde fliegen wir."
Konfuzius sagte einst:
„Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich."
Morgan ließ den SUV vor der Central Police Station in eine Parklücke rollen. Augenblicklich gingen die Türen auf und die Insassen stiegen aus.
Das Personal der Polizeiwache, das vor der Tür stand, hatte den Wagen sofort entdeckt.
„Captain Lawson?" Hotchner trat auf einen uniformierten Mann zu, der vor der Central Police Station stand und seinen Kollegen letzte Anweisungen gab.
Auch der Captain hatte sie schon entdeckt und drehte sich jetzt zu dem Team des FBI um: „Ja… SSA Hotchner, wären die Umstände dieses Wiedersehens nicht so beunruhigend, würde ich ehrlich sagen, dass ich mich freue Sie wieder zu sehen."
„Lawson… Beim letzten Mal waren Sie noch Lieutenant. Ich erinnere mich." Hotchner ergriff wirklich erfreut die dargebotene Hand.
„Das Team kennen Sie wohl noch." Hotchner hatte sich zu seinen Kollegen umgedreht.
„Sicher… Agent Morgan." Nach und nach begrüßte er auch JJ und Prentiss. „Aber es fehlen noch einige in der Runde. Oder sind euch auch Stellen gestrichen worden? Ich vermisse euer Genie."
„Die sind schon direkt zu einem der Tatorte gefahren. Sie treffen sich dort mit einem Detective Harris." Erklärte JJ.
Lawson nickte verstehend. „Dann sollten wir hineingehen. Die Ergebnisse zum Mord an Mike Flynn sind eben gekommen. Ich hatte aber noch keine Zeit sie mir anzusehen."
„Wir würden uns gerne erst den anderen Tatort ansehen." Wandte Morgan ein. Es ist wichtig die Gemeinsamkeiten zu finden."
„Gut, dann fahren wir erst zu den Grants."
Während die restlichen Agents mit Captain Lawson in den SUV stiegen, verschwand JJ durch die Glastür ins Gebäude.
„Hallo, Sie müssen die Leute vom FBI sein, richtig?!" Rossi nickte nur, als der Uniformierte, der vor dem Haus des Regisseurs gewartet hatte, schon weitersprach. „Detective Harris. Ich soll Ihnen den Tatort zeigen."
„SSA Rossi, SSA Frank und Doktor Reid." Stellte der Altermittler die Teammitglieder vor. „Können wir dann hineingehen?"
„Natürlich!" Eilig zog der Detective den Hausschlüssel hervor und öffnete die Tür. Sobald sie im Haus waren drückte er die Kombination an der Alarmanlage, um diese zu entschärfen.
„Waren Sie auch hier als der Raub aufgenommen wurde?" Reid betrachtete interessiert die Wohnungseinrichtung. Gehobener Mittelstand, schätzte er.
„Ja, ich war einer der Ersten hier. Darum soll ich Ihnen ja auch behilflich sein." Er führte die Agents den hellen Flur entlang in einen großen offenen Wohnbereich.
„Aber gehören Sie nicht zur Central Police Station?!"
„Das ist richtig. Nur durch die vermehrten Einbrüche in dieser Gegend, wurden von allen Revieren Kollegen abgestellt, um die Streifen zu verstärken." Während Harris auf Rieds Frage antwortete, schaute Frank bewundernd durch die großen Panoramafenster. Diese Aussicht konnte sich sehen lassen. Vor ihr erstreckte sich das Herz von L.A.
Rossi war ihrem Blick gefolgt und lächelte verstehend vor sich hin. „Bei klarem Wetter sollte man von hier aus den Hollywood-Schriftzug sehen können. Er liegt genau auf der anderen Seite der Stadt."
Dann wandte er sich wieder dem Fall zu und sah den Polizisten an: „Wurde seit dem Überfall irgendetwas verändert?"
„Nein. Da die Besitzer gerade auf Reisen sind, konnten wir vereinbaren, dass die Angestellten für die nächsten zwei Wochen frei bekamen." Die Agents folgten dem Detective einen weiteren Flur entlang, bis er an einer Tür stoppte, die Versiegelung öffnete und die Tür aufstieß.
Erstaunt verzogen die Agents ihre Gesichter. So wie das restliche Haus aufgeräumt und sauber aussah, so groß war die Unordnung in diesem Raum.
„Was ist hier durchgefegt? Ein Wirbelsturm?" Frank zog einen Latexhandschuh aus ihrer Tasche und versuchte sich einen Weg durch das Chaos zu bahnen.
Reid schien weniger erstaunt. Er sah vielmehr seine Vermutungen bestätigt. „Es waren mindestens zwei Täter! Auf dieser Seite wurden die Sachen einfach wahllos aus den Schränken gerissen, die Kissen und Decken vom Bett mit einem Messer zerschnitten." Er drehte sich zur anderen Zimmerseite um. „Dort macht sich jemand die Mühe, öffnet die Schubladen und durchwühlt sie. Die Kissen sind noch heile."
Rossi nickte zustimmend und wandte sich dann an den Detective, der neben ihm abwartend stand: „Wie sind die Täter ins Haus eingedrungen?"
„Sie haben die Alarmanlage kurzgeschlossen und sind dann über das Garagendach durch das Fenster im Nebenzimmer."
„Sehen wir uns das Fenster an." Rossi folgte Harris hinaus.
Im Nachbarzimmer deutete Harris auf das linke Fenster. Rossi öffnete es und betrachtete die kleine beschädigte Stelle am unteren Fensterrahmen. Das Fenster war mit einem einfachen Schraubenzieher aufgehebelt worden. Sein Blick schweifte über die Situation draußen vor dem Fenster. Das Garagendach zu erklimmen schien nicht allzu schwer und der weitere Weg ins Haus war ohne Alarm ein Klacks.
„Das waren eindeutig Profis." Der Altermittler schloss das Fenster wieder und schaute sich im Zimmer um.
„Ein Gästezimmer." Erklärte Harris.
Rossi fuhr sich nachdenklich mit der Hand über seinen graumelierten Bart: „Was mich nur etwas wundert: Woher wussten die Einbrecher, dass sich das Gesuchte im Nachbarzimmer befand? Und wieso verwüsten sie nicht das ganze Haus?"
Rossi und Harris gingen zurück zu den Anderen. „Habt ihr noch etwas gefunden?"
„Nichts, was wir nicht schon vorher wussten. Vielleicht bringt uns ein Vergleich mit den anderen Tatorten neue Erkenntnisse." Reid hob resignierend die Schultern.
Morgan und Prentiss betraten das Büro von Alexander Grant. Ein Chaos breitete sich vor ihnen aus. Sämtliche Gegenstände und Papiere waren vom Schreibtisch gefegt worden. Seine Oberfläche schien als einzige sauber und aufgeräumt.
Selbst die Ordner waren aus den Regalen gerissen worden und es schien, als habe sich der Täter richtig Mühe gegeben, diese bis aufs letzte Blatt zu leeren.
Die beiden Agents wechselten einen kurzen Blick, als sie die energische Stimme von Mr. Grant aus dem Wohnzimmer vernahmen. Der Hausherr schien völlig außer sich über die mangelnde polizeiliche Arbeit zu sein. Er konnte wohl nicht akzeptieren, dass der oder die Täter noch nicht geschnappt waren.
Langsam suchten sich Morgan und Prentiss einen Weg durch das Chaos.
„Reid hat recht: Es sind mindestens zwei Täter." Morgan ging in die Hocke und nahm einige Papiere in die Hand. „Wenn er irgendein bestimmtes Papier gesucht hat, wird es schwer herauszufinden welches!"
Prentiss stand mitten im Raum und wartete bis ihr Kollege geendet hatte: „Morgan, schau mal das Bild!" Sie deutete an die rechte Wand.
Morgan erhob sich und trat vor das Bild, das schief an der Wand hing.
„Wie selbstverständlich ist es, dass die Täter rein zufällig an das Bild gestoßen sind?"
„Eher unwahrscheinlich. Das Sideboard darunter verhindert den Zufall." Morgan hob das Bild leicht an.
„Meinst du sie haben nach einem Safe gesucht?"
„Eher nicht." Morgan schüttelte entschieden den Kopf. „Das würde dieses Chaos nicht erklären… Es sei denn…" Tiefe Stille legte sich über das Büro.
„Es sei denn?!", versuchte Prentiss die Vermutung aus ihren Kollegen zu locken.
Morgan drehte sich in den Raum und vollendete den Satz: „Dieses ganze Papierchaos ist nur die Ablenkung von dem Eigentlichen, was sie suchten."
„Das würde auch erklären, warum die Täter nur einen Raum verwüsten." Schlussfolgerte Prentiss.
Im Polizeirevier zurück zog Reid sich als erstes die Fallakten heran und durchblätterte sie. „Wohnzimmer, Schlafzimmer, Arbeitszimmer!" Er sah auf und seine Kollegen an: „Was suchen die Täter, wenn sie diese verschiedenen Räume durchwühlen?"
Morgan legte ein Foto vor Reid auf den Tisch. „Hast du dieses Bild schon einmal gesehen?"
„Aber sicher! Das ist ‚A still Afternoon of a Saturday' von Zhaoming Wu. Aber leider nicht das Original."
„Hast du das Bild in den anderen Häusern gesehen?"
Reid überlegte, während Frank und Rossi ihm über die Schulter schauten. „Im Schlafzimmer hing kein Bild an der Wand. Aber ich habe es auf einem Foto gesehen, welches zu einem anderen Tatort gehört." Er durchwühlte den Bilderstapel. „Hier!"
„Wir haben aber an der gegenüberliegenden Wand vom Bett einen Nagel in der Wand gefunden. Diesen hätten die Eigentümer doch bestimmt entfernt, wenn er nicht mehr benötigt würde." Wandte Frank ein. „Und das Bild hätte dort wunderbar hingepasst."
„Wurden die Einbrecher in dem Haus nicht von den Eigentümern gestört?" Mischte sich Hotchner in die Überlegungen ein. „Vielleicht haben sie das Bild deshalb mitgenommen."
„Dann müssen wir herausfinden was es mit diesem Bild auf sich hat." Schlussfolgerte Prentiss. „Eventuell wurde es erst in letzter Zeit gekauft."
„Das würde dann wirklich bedeuten, dass diese ganzen Verwüstungen nur zur Ablenkung veranstaltet worden sind?" Captain Lawson konnte die neue Richtung, die der Fall nahm, noch nicht verarbeiten.
„Warum hast du ihn getötet?" Die entsetzte Stimme erklang in der Dunkelheit.
„Sei leiser." Der Schatten an der Wand blieb stehen. „Ich dachte, dass hätten wir mittlerweile geklärt. Aber nochmal, zum mitschreiben: Es war keine Absicht."
„Du darfst so etwas nicht noch einmal machen. Sie werden uns dafür bestrafen." Erklang die erste Stimme nun im Flüsterton.
„Dafür müssen sie uns erst einmal fassen. Und du weißt, was auf dem Spiel steht, wenn wir es nicht finden."
„Ja."
„Perfekt, dann lass uns nun loslegen. Versuch dich zu konzentrieren."
Am nächsten Morgen stand Prentiss vor der Zimmertür ihrer Kollegin und klopfte. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und Frank trat heraus.
„Guten Morgen."
„Wie siehst du denn aus Susanne?" Prentiss war wirklich entsetzt.
„Wieso?" Frank sah sie mit müden Augen verständnislos an.
„Hast du mal in den Spiegel geschaut? Wie lange habt ihr gestern noch über den Unterlagen gebrütet?"
„Ein wenig." Ging Frank kurz auf die Frage ein und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
„Das kann so nicht weitergehen. Du brauchst auch deinen Schlaf."
„Ich habe aber noch so viel zu lernen." Frank schien sich mit den Worten selber mehr Mut machen zu wollen, als Prentiss die Situation zu erklären. „Und ein Jahr geht so schnell vorüber…"
„Trotzdem solltest du mit Hotch darüber sprechen. Sag ihm, dass du so nicht mehr weitermachen kannst! Er brummt dir zu viel Arbeit auf."
‚Du hast ja recht Emily… Ich habe ja selber schon überlegt alles hinzuschmeißen.
Einerseits streikt mein Körper langsam. Andererseits möchte ich es aber allen beweisen das ich als Profilerin arbeiten kann. Vor allem mir selbst.'
Bestimmt wischte Frank die Einwände von Prentiss mit einem Wink fort. „Komm, die Anderen werden schon warten."
Am späten Vormittag saß das Team mit Captain Lawson und weiteren L.A.P.D.-Angestellten zusammen und besprach ihre Ergebnisse.
Detective Harris trat hinzu: „Die Beamten sind zurück. Alle Spuren deuten darauf hin, dass der Einbruch in der letzten Nacht auf das Konto derselben Täter geht. Wieder wurde nichts gestohlen, bis auf das Bild. Es war ihnen wohl zu gefährlich es vor Ort zu untersuchen."
„Den Bewohnern ist diesmal nichts passiert?" fragend sah Lawson zu seinem Beamten hoch.
„Nein, sie waren nicht zu Hause. Ihnen sind die Einbruchspuren erst heute Morgen aufgefallen."
„Dann ist die Spur, der wir nachgehen, richtig. " Aaron Hotchner hatte gespannt dem Bericht gelauscht. „Was wissen wir?"
„Wir haben alle Betroffenen nach dem Bild befragt." Begann Morgan. „Sie sind sich alle bewusst, dass sie eine Fälschung gekauft haben."
„Außerdem wurden alle Bilder innerhalb des letzten halben Jahres gekauft. Alle beim gleichen Händler: Raumausstattung Liang." Führte Frank die Erklärung des Ermittlungsstandes weiter.
„Okay. Nehmt Prentiss mit und fühlt dem Inhaber auf den Zahn. Er muss uns unbedingt noch die Namen der weiteren Käufer mitteilen." Hotchner wandte seinen Blick auf den Bildschirm des Laptops der mittig auf dem Tisch stand. „Garcia, wer ist der Eigentümer und was hast du über ihn?"
Garcia hatte gespannt das Gespräch verfolgt, nun flitzten ihre Finger über die Tastatur: „Liang Jin ist Antiquitätenhändler. Der Laden ist schon in der 3. Generation im Besitz der Familie und noch nie ist er negativ aufgefallen… Hey, hier ist etwas… Vor vier Wochen wurde ein Einbruch in dem Laden gemeldet."
„Was wurde gestohlen?" Rossi fokussierte gespannt Garcias Gesicht auf dem Bildschirm.
„Nichts!"
„Gar nichts?" Fragte Rossi nochmals erstaunt nach.
„Mr. Liang konnte nichts finden. Alles wurde durchwühlt, der Laden, der Lagerraum und das Büro." Garcia schaute auf und hob entschuldigend die Schultern.
Die Agents wechselten einen verstehenden Blick. „Das bedeutet sie haben nicht gefunden wonach sie suchten." Begann Prentiss das Resümee.
„Doch, das haben sie." Wandte Hotchner ein und Morgan erklärte: „Sie haben sich die Liste der Käufer besorgt. Woher sonst sollten sie wissen in welche Häuser sie einbrechen müssen."
„Dann besorgen wir uns auch diese Liste." Prentiss wartete nur auf ein kurzes Nicken von Hotchner und stand auf. Zusammen mit Morgan und Frank verschwand sie aus dem Blickfeld des Teams.
„Mr. Liang", fragend ging Morgan auf den Mann im Antiquitätenladen zu. Dieser drehte sich um und nickte erstaunt. Die Agents hatten mittlerweile ihre Ausweise gezückt und hielten sie dem Eigentümer entgegen.
„Agent Prentiss. Meine Kollegen Frank und Morgan. Wir sind vom FBI und hätten Ihnen gerne einige Fragen zu dem Einbruch bei Ihnen gestellt."
„Ich hatte angenommen, das wäre abgeschlossen. Zumal nichts gestohlen wurde." Mr. Liang sah verwundert von einem Agent zum Anderen.
Morgan überging diese Anmerkung und hielt ihm sein Handy vor die Nase: „Sie kennen dieses Bild?"
„Ja… ‚A still Afternoon of a Saturday' von Zhaoming Wu. Ich habe noch einige Kopien von dem Bild."
„Sie haben das Bild im letzten Jahr oft verkauft." Mr. Liang sah Frank verwundert an. „Richtig. Es ist ein sehr beliebtes Motiv. Zhaoming versteht es scheinbare Gegensätze zu außergewöhnlichen, harmonischen Bildkompositionen zu vereinen. Er lässt Bilder entstehen, die…"
Morgan unterbrach die Ausführung über den Maler: „Mr. Liang wir brauchen die Liste der Käufer."
„Sie wissen alle, dass es nur Kopien sind. Wenn auch wirklich gute. Man muss schon sehr viel Erfahrung haben, um den Unterschied zu bemerken…"
„Darum geht es nicht Mr. Liang. Es werden Einbrüche verübt, die eventuell speziell ihre Käufer betreffen. Wir müssen die Listen vergleichen und gegebenenfalls ihre restlichen Kunden warnen." Frank schaffte es endlich den Mann für längere Zeit zu unterbrechen. Da er noch immer keine Anstalten machte ihnen zu helfen, fügte Prentiss hinzu: „Es gab bereits einen Toten."
„Ja, ja. Kleinen Moment, ich hole die Unterlagen." Nervös verschwand der Inhaber im Nebenzimmer welches er als Büro benutzte.
Frank sah sich im Laden um. Dort hinten standen noch mehrere Kopien des gefragten Bildes auf dem Boden. Langsam schlenderte sie hinüber, nahm eines der Bilder zur Hand und schaute es sich interessiert an. Die Farben nahmen sie gefangen und sie hatte das Gefühl in dem Motiv des Bildes zu verschwinden. –
Als Mr. Liang nach einigen Minuten zurück kam überreichte er Prentiss und Morgan ein Blatt Papier.
„Danke", lächelte Prentiss den Ladeninhaber höflich an, als sie die Liste endlich in den Händen hielt.
„Wie viele Kopien hatten Sie von diesem Bild?" Mr. Liang sah Morgan verwundert an: „Insgesamt Fünfzehn. Bei diesem Kauf hatte ich ein wirklich glückliches Händchen." Er war sichtlich stolz auf seine getätigten Geschäfte.
„Wie viele haben Sie noch?"
„Drei." Kam die ungewöhnlich kurze Antwort.
„Woher kommen die Kopien?" Fragend trat Frank wieder zur Gruppe.
„Aus Mexiko. Ich habe da eine wirklich gute Druckerfirma an der Hand."
„Wie heißt die Firma?" Morgans Interesse war wieder geweckt.
„Art-Printing in Mexiko Stadt."
„Aber auf der Verpackung dort hinten stand eine ganz andere Stadt." Verwundert runzelte Frank leicht ihre Stirn.
„Das Hauptbüro ist in Mexiko Stadt. Die Druckerei ist in Chihuahua." Erklärte Mr. Liang eilig die Verhältnisse.
„Vielen Dank." Prentiss hatte genug gehört. „Sollten wir noch weitere Fragen haben melden wir uns." Gemeinsam mit ihren Kollegen wandte sie sich zur Tür.
„Mexiko." Murmelte Morgan vor sich hin. Er öffnete die Ladentür und ließ seinen beiden Kolleginnen den Vortritt. „Wie groß ist unsere Chance es mit Schmuggelware zu tun zu haben?!"
„Für Statistiken ist Reid zuständig. Da musst du schon ihn fragen." Alle drei lachten befreit zu Prentiss Worten. Die Glastür schlug hinter ihnen zu und es wurde wieder still im Laden.
Schon beim ersten Durchblick der Liste konnten Namens- und Adressengleichheiten mit den bisherigen Tatorten festgestellt werden. Garcia konnte bald einen weiteren Einbruch aus dem vergangenen Monat der Liste zuordnen.
Blieben noch sechs Adressen. Sechs potentielle Haushalte, die in der nächsten Zeit das Ziel eines gut organisierten Einbruchs werden würden. Während Prentiss und Frank sich in den Norden von L.A. aufmachten, übernahmen Morgan und Rossi den Westen der Großstadt.
Prentiss lenkte den SUV hinter einen Lieferwagen an den Straßenrand. Frank und sie stiegen aus.
„Dann wollen wir mal wieder." Prentiss ließ ihren Blick über die Umgebung streifen. „Das ist unsere dritte Adresse, oder?"
„Ja. Dann bleibt nur noch eine." Frank folgte ihr mit einem kleinen Zettel in der Hand.
„Das ist gut." Prentiss wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Mir ist nach einer schönen erfrischenden Dusche."
„Wird das hier irgendwann auch mal kühler? Ich habe das Gefühl, als gäbe es hier nur Sommer." Sie gingen den Fußweg zum Haus hinauf.
„Der Wind kommt momentan aus der Wüste. Er bringt diese Wärme hierher. Meistens kommt er vom Pazifik, dann hält man es hier ganz gut aus. Aber keine Sorge. Es wird schon noch kälter. Vermisst du sie etwa?"
Zwei Männer in blau-grauen Overalls kamen ihnen vom Haus her entgegen, grüßten und gingen an ihnen vorbei zum Lieferwagen. Prentiss folgte ihnen mit den Augen.
„Die Kälte?!... Nee, bestimmt nicht." Frank betrat die überdachte Terrasse und war froh über den Schatten, den die Überdachung spendete.
Prentiss klopfte an die Haustür.
„Was ist denn nun schon wieder." Erklang eine aufgebrachte weibliche Stimme von innen. Die Agents tauschten einen erstaunten Blick aus und warteten. Die Tür wurde aufgerissen. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass es mir heute nicht passt…"
Ein erstauntes Paar Augen blickte sie an.
„Mrs. Watkins? Wir sind vom FBI." Prentiss hielt ihren Ausweis der Frau hin. „Agent Prentiss, Agent Frank. Wir müssten dringend mit Ihnen reden."
„Ich bin vor zwei Stunden gerade aus dem Urlaub wiedergekommen. Eigentlich würde ich mich heute lieber über einen ruhigen Ausklang des Tages freuen."
„Es wäre wirklich wichtig Ma'am… Es dauert auch nicht lange." Versuchte Frank die ältere Frau zu überzeugen. Frank schätzte sie auf Anfang bis Mitte sechzig.
„Na schön, kommen Sie herein."
Die Agents folgten Mrs. Watkins ins Haus und saßen bald im klimatisierten Wohnzimmer.
„Mrs. Watkins, Sie haben vor einiger Zeit das Bild ‚Ein ruhiger Samstagnachmittag' gekauft." Begann Prentiss die Unterhaltung.
„Ja, ich sehe mich gerne bei Mr. Liang um. Er hat sehr schöne Stücke."
Prentiss lächelte sie verstehend an und fuhr fort: „Leider ist es so, dass irgendjemand auf der Suche nach diesen Bildern ist. Es wurde schon in mehreren Wohnungen und Häuser eingebrochen."
„Da Sie heute erst wiedergekommen sind, haben Sie irgendwelche Einbruchspuren gefunden?"
Ungläubig ließ Mrs. Watkins ihren Blick von Prentiss nach Frank wandern. „Nein. Es ist alles unbeschädigt."
„Könnten wir uns das Bild dann einmal ansehen?" Frank sah Mrs. Watkins freundlich lächelnd an.
„Ja, sicher. Ich habe es hier gleich um die Ecke hängen." Mrs. Watkins stand auf und betätigte einen Lichtschalter auf dem Weg in den dunklen Flur. Eine Lampe war so eingestellt, dass sie das Bild voll erhellte.
„Ein wirklich schönes Bild." Setzte Prentiss an. „Können wir es kurz von der Wand nehmen? Oder ist es noch zusätzlich gesichert?"
„Nein, so wertvoll ist es nun auch wieder nicht." Mrs. Watkins schien das Ausmaß der Aussagen der beiden Agents erst jetzt völlig bewusst zu werden. „Aber wer macht so etwas? Es ist wirklich nicht viel wert."
Frank hatte inzwischen das Bild heruntergehoben und auf dem Boden abgesetzt.
„Wir vermuten, dass es sich um Schmuggelware handelt. Die Bilder wurden in Mexiko gefertigt und in die USA importiert." Prentiss versuchte ruhig zu sprechen, um die ältere Frau nicht gänzlich zu verschrecken.
„Ich glaube wir haben das richtige Bild gefunden Emily… Schau." Frank deutete auf die Rückseite der Leinwand. Im Gegensatz zu den vorherigen Bildern, befand sich hier eine zusätzliche weiße Leinwand, die den Holzrahmen auf die das Bild aufgespannt war, verdeckte.
„Ein doppelter Boden?" Prentiss bekam ein bestätigendes Nicken ihrer Kollegin. „Dann sollten wir Hotch Bescheid geben."
„Müssen Sie mein schönes Bild jetzt mitnehmen?" Mit ängstlichen Augen schaute Mrs. Watkins Prentiss an.
„Nein. Wir würden es gern hier hängen lassen. Sie bekommen Ermittler abgestellt, die ihr Haus im Auge behalten." Prentiss hatte ihr Handy bereits in der Hand und wählte ihren Chef an. „Hotch, wir haben es gefunden…" sprach Prentiss ins Handy und entfernte sich etwas von ihrer Kollegin und Mrs. Watkins.
„Mrs. Watkins, Sie müssen nicht hier bleiben. Sie können auch solange in ein Hotel ziehen." Versuchte Frank die verstörte Frau zu beruhigen „Die Kollegen der örtlichen Polizeistation und unser Team werden sich um die Einbrecher kümmern."
Mrs. Watkins war sichtlich erleichtert über die Ausweichmöglichkeit. Mit leicht belegter Stimme fand Sie endlich ihre Sprache wieder: „Ich würde gerne ins Hotel gehen."
Frank lächelte Mrs. Watkins freundlich an. „Dann packen Sie in Ruhe einige Sachen zusammen. Wir werden Ihnen Kollegen schicken, die Sie an einen sicheren Ort bringen."
Mrs. Watkins hatte die Anweisungen von Agent Frank mit ängstlich geweiteten Augen verfolgt und nickte jetzt nur als Zeichen, dass sie verstanden hatte.
„Was wollten eigentlich gerade die Monteure bei Ihnen?" Frank fielen die beiden Männer ein und versuchte Mrs. Watkins von ihren düsteren Gedanken abzulenken.
„Eine Heizungsfirma. Sie wollten die Heizungen in jedem Raum prüfen."
Prentiss gesellte sich wieder zu ihnen. „Prüfen? Wieso?"
Der Schock, dass sie Ziel eines Einbruchs werden könnte, saß bei Mrs. Watkins noch tief. Deshalb sah sie verwundert von Prentiss zu Frank.
„Sie sagten, sie wären vom Staat Kalifornien beauftragt worden… Ich habe nicht weiter nachgefragt."
„Wir müssen jetzt gehen Mrs. Watkins." Prentiss reichte ihr zum Abschied die Hand.
„Die Kollegen werden Sie dann abholen. Machen Sie sich keine Sorgen." Frank verabschiedete sich ebenfalls von der älteren Frau. Dann verließen die beiden Agents das Haus.
„Wir machen den Menschen durch unsere Ankündigung auf einen möglichen Einbruch ganz schön Angst." Prentiss hatte sich noch einmal zum Haus umgedreht und starrte die Tür entschuldigend an.
„Emily", Frank war langsam weiter den Weg hinunter gegangen, „irgendwie lässt mich der Gedanke an die Monteure nicht los."
Prentiss holte auf und fragte: „Was meinst du?"
„Heizungsmonteure bei dieser Wärme… Sie müssen in jeden Raum des Hauses…"
„Sie schauen sich im Haus um", Prentiss verstand worauf ihre Kollegin hinaus wollte. „Sie kundschaften alles aus. Die Einstiegsmöglichkeiten. Und darum verwüsten sie auch nur ein Zimmer."
Sie waren am SUV angekommen, als Prentiss erneut ihr Handy hervorzog und die Kurzwahltaste für Garcia drückte.
„Hallo Emily."
„Hey Garcia." Prentiss hatte auf laut gestellte. „Könntest du für uns bitte mal eine Heizungsfirma überprüfen?"
„Sicher. Wie heißt sie?" Ihre Finger bearbeiteten bereits die Tastatur.
„Sloane." Brachte sich Frank ein. „S. Sloane stand auf dem Wagen."
Es dauerte einen Moment, dann erklang Garcias Stimme erneut: „Simon Sloane. Heizungszubehör."
„Hast du eine Adresse für uns?" Prentiss übernahm die Leitung.
„1, Martin Road. Das liegt im Nordosten der Stadt."
„Gut, wir fahren direkt dorthin. Gibst du bitte den Anderen Bescheid?"
„Mach ich."
Prentiss kappte die Verbindung und schob das Handy zurück in die Tasche. Mit einem Nicken verständigte sie sich mit Frank, die bereits die Tür des SUV geöffnet hatte und einstieg.
Hotchner stand an einem Schreibtisch im Büro der Polizeistation und durchsuchte nochmals die Unterlagen des aktuellen Falls, als sein Handy sich bemerkbar machte. „Hey, Garcia. Hast du etwas Neues gefunden?"
„Nein. Aber Emily hat sich gerade gemeldet. Sie haben eine Spur zu einer Heizungsfirma."
„Eine Heizungsfirma?"
Rossi und Morgan traten gerade passend durch die Tür des Besprechungszimmers, um die letzten Worte zu hören.
„Ja, ich soll euch Bescheid geben, damit ihr dazu kommt. Die Adresse habe ich euch schon geschickt."
„Okay, danke."
Garcia hatte die Leitung schon wieder unterbrochen. Während Hotchner seine nächsten Schritte durchdachte.
Er musste sich erst absichern, bevor er Alarm gab. Sein Handy wählte bereits Prentiss Nummer.
„Gibt es weitere Hinweise auf die Täter?" Morgan sah Hotchner gespannt an. Doch dieser hob nur ahnungslos seine Schultern.
„Hotch… Wir fahren zu der Adresse der Heizungsfirma." War Prentiss Stimme durch die Lautsprecher zu hören.
„Wie kommt ihr auf diese Verbindung?", fragte er knapp ins Handy.
„Bei Mrs. Watkins waren vor uns Monteure dieser Firma. Angeblich sind sie vom Staate Kalifornien dazu beauftragt worden, sämtliche Heizungen zu überprüfen. Wobei sie in jedes Zimmer schauen müssen."
„Ihr meint, sie spähen die Häuser für die kommende Nacht aus?" Rossi hatte interessiert zugehört.
„So in etwa." Gab Prentiss zurück.
„Gut wir kommen. Wartet auf uns." Hotchner unterbrach die Verbindung und gab kurz und knapp seine Anweisungen: „Morgan, wir fahren sofort los. Dave, du trommelst den Rest des Teams zusammen und sagst Captain Lawson Bescheid. Und beeilt euch!"
Die Sonne brannte noch immer heiß von dem wolkenlosen Himmel, als Prentiss den SUV durch den abendlichen Verkehr fädelte und Frank scheinbar ihre Aufmerksamkeit auf der Millionenstadt ruhen ließ.
Seit dem Telefonat mit Hotchner, hatten die beiden Agents kein einziges Wort mehr gewechselt. Doch jetzt unterbrach Frank die Stille: „Emily, ich weiß, das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, aber ich bin am Überlegen…" Sie stockte.
Prentiss spürte, dass ihrer Freundin das Gespräch sehr wichtig war. Und doch wusste Frank anscheinend nicht, wie sie beginnen sollte. „Lass es raus Sue. Dann geht es dir besser."
Frank suchte nach den passenden Worten: „Weißt du noch wovon wir heute Morgen gesprochen haben?" Emily nickte nur stumm, während sie den Wagen auf die Überholspur lenkte.
„Mir geht seit einigen Tagen ein Gedanke durch den Kopf, der mich nicht mehr loslässt… Ich denke, ich werde das Jahr abbrechen."
„Was? Warum?" Prentiss sah verwundert zu ihr hinüber. „Wo du dich gerade eingelebt hast? … Das Arbeiten mit dir macht wirklich sehr viel Spaß!" Prentiss Blick wanderte zwischen der Straße und ihrer Freundin auf dem Beifahrersitz hin und her.
„Weißt du, was Hotch letztens zu Rossi gesagt hat?"
Frank schüttelte ahnungslos ihren Kopf, „Nein, was?"
„Er sagte, dass nicht nur du viel von uns lernen könntest, sondern dass es sich hier um einen gegenseitigen Informationsaustausch handelt."
Frank freute sich über die Worte ihrer Freundin. Doch zugleich spürte sie wieder diese Kraft in ihrem Inneren. Eine Kraft die sie nur noch tiefer in einen Strudel hinein zog…
Die Agents hatten mittlerweile die Adresse erreicht. Emily Prentiss lenkte den SUV an den Straßenrand und stoppte. Sie drehte sich ihrer Beifahrerin zu und bat im ruhigen Ton: „Bitte überleg dir diesen Schritt noch einmal Sue. Und sprich Hotch endlich auf die vielen Arbeitsstunden an. Du wirst sehen, wenn du genügend Ruhe bekommst, wird es noch eine schöne Zeit."
Frank nickte zustimmend, war aber gedanklich schon wieder bei dem aktuellen Fall. Sie deutete auf das Betriebsgelände auf der anderen Straßenseite. „Da steht der Lieferwagen."
Ein mit Holzplanken blickdicht vernagelter Zaun umgab das Gelände. Nur das Eingangstor aus Maschendraht ließ sie einen eingeschränkten Bereich des Grundstückes überblicken.
Prentiss zog ihr Handy hervor und wählte Hotchner an. Als das Gespräch entgegengenommen wurde, stellte sie augenblicklich auf laut.
„Emily, wo seid ihr?"
„Wir sind am Grundstück. Der Lieferwagen steht davor."
„Gut wartet auf uns. Wir sind gleich da."
„Da Emily, die beiden Typen von eben kommen heraus." Frank hatte sich vorgesetzt, um das Gelände genauer in Augenschein nehmen zu können. „Die wollen weg."
„Hat Garcia schon etwas mehr über die Firma herausbekommen?" Prentiss hatte sich wieder dem Telefonat zugewandt.
„Es ist eine Scheinfirma. Sie läuft auf einen gewissen Justus Smith. Er ist Deutscher und lebt seit fünf Jahren in den Staaten. Der Zweite muss ein Helfer sein."
„Mexikaner würde ich schätzen." Prentiss behielt während des Telefonates den Lieferwagen im Auge.
„Wir können sie nicht festhalten." Frank wechselte einen Blick mit ihrer Kollegin. „Wir haben keine Beweise gegen sie. Also können wir sie nur beobachten und heute Nacht eventuell auf frischer Tat fassen."
„Vielleicht finden sich ja Beweise in der Fabrikhalle?" Überlegte Prentiss laut.
„Dann entwischen sie uns aber." Wandte Frank ein.
Der Lieferwagen war mittlerweile an den Zaun herangefahren.
„Was ist bei euch los?" Die beiden Agents hörten Hotchners Stimme durch das Handy. „Prentiss!"
Der dunkelhäutigere Mann auf dem Beifahrersitz stieg aus und wollte das Tor öffnen. Als er auf einen Ruf seines Kumpanen schnell wieder einstieg und sie anscheinend heftig gestikulierend miteinander sprachen.
Dann ging alles sehr schnell. Der Lieferwagen setzte sich rückwärts in Bewegung und hielt mit quietschenden Bremsen vor dem großen Tor.
„Haben sie uns entdeckt?" Frank sah erstaunt zu Prentiss hinüber.
„Ich weiß nicht… Schau mal. Was machen die da?"
Die beiden Männer eilten in die Halle und kamen kurz darauf mit viereckigen Gegenständen zurück. Die gestohlenen Bilder! Die Männer verschwanden hinten in den Lieferwagen, bevor sie erneut zurück in die Halle eilten.
„Die haben Lunte gerochen. Die wollen weg." Prentiss öffnete bereits die Fahrertür. „Los, die schnappen wir uns."
„Prentiss! Frank! Wir sind gleich da. Macht keinen Allein…" Prentiss hatte die Verbindung unterbrochen, steckte das Handy weg und zog routiniert ihre Waffe.
Frank sprang ebenfalls aus dem Wagen und eilte Prentiss hinterher. Diese hatte bereits den Zaun erreicht und öffnete mit geschicktem Handgriff das Tor.
Prentiss hob ihren Zeigefinger an die Lippen. Sie wollte den Überraschungsmoment für sich nutzen. Frank nickte, dass sie verstanden hatte und folgte ihrer Kollegin mit gezogener Waffe über das Betriebsgelände.
Langsam schoben sie sich an dem weißen Lieferwagen entlang zum Heck. Prentiss spähte vorsichtig um die Wagenecke.
Der Dunkelhäutigere der beiden Männer trat gerade mit einer großen Reisetasche aus der Halle und kam keuchend auf sie zu.
„Nun beeil dich schon José!" Der größere Hüne, mit weiß-blonden kurzen Haaren lief an ihm vorbei und verschwand in der Halle.
Prentiss drehte sich zu Frank und deutete ihr ihre Beobachtungen. Sie einigten sich darauf, den Ersten zu überwältigen, wenn er wieder zurück in die Halle gehen wollte. Und auf den Zweiten wollten sie warten, bis er wieder heraus kam und von der Helligkeit des Tages geblendet wurde.
Leise schlichen sie hinter den Mann her zum Eingang. Eine Links, die Andere Rechts. Gerade als er durch das Tor schlüpfen wollte, packte ihn Prentiss an der Schulter und hielt ihm ihre Waffe an den Kopf. „Ganz ruhig, dann passiert Ihnen auch nichts!" Flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Gib Gas Derek, irgendetwas stimmt bei den beiden nicht!"
Das ließ sich Morgan nicht zweimal sagen und drückte das Gaspedal durch. Mit quietschenden Reifen lenkte er den SUV um die nächste Kurve, hinein in die Zielstraße.
Der Mann reagierte unter Prentiss Angriff anders als erwartet und begann laut nach seinen Kumpanen zu rufen. „Jus, es ist eine Falle! Lauf!"
José wand sich aus Prentiss Griff und schaffte es sich zu befreien. Geschickt schlüpfte er durch den Spalt in der Wand und verschwand in der Dunkelheit.
Frank packte den Griff und zog mit aller Gewalt das metallene Tor auf. Scheppernd flog es gegen den Stopper und schwankte beunruhigend hin und her.
Prentiss war dem Flüchtigen unterdessen schon in die Halle gefolgt. Mit einem gezielten Tritt in die Kniekehle brachte sie ihn zu Fall. José schrie auf vor Schmerz und sackte zusammen. Prentiss warf sich auf den jungen Mann, bereit einen weiteren Fluchtversuch zu unterbinden.
Metallenes Scheppern aus der Weite der Halle erklang.
„Ich suche den Anderen." Ohne groß weiter zu überlegen verschwand Frank mit gezogener Waffe in der Dunkelheit.
„Warte Sue! Geh nicht alleine!" Prentiss hatte keine Zeit mehr. Ihr Gegner hatte sich vom ersten Schreck erholt und wollte wieder aufstehen. Mit einem gezielten Schlag auf das Schulterblatt brachte sie ihn erneut zu Boden. Doch noch immer wollte der Mann nicht aufgeben. Er wand sich unter ihrem Griff.
„Da steht ihr Wagen." Morgan benutze kaum die Bremse, sondern ließ seinen SUV in voller Fahrt auf das Gelände rollen.
„Es ist nichts von ihnen zu sehen." Hotchner hatte das Gelände sofort überblickt. „Sie müssen in der Halle sein."
Er nahm sein Handy zur Hand und wählte Rossi an. „Dave, Prentiss und Frank sind in die Halle gegangen. Wir gehen ihnen nach. Beeilt euch!"
Morgan bremste und kam schlingernd zum Stehen. Beide sprangen aus dem SUV. Während Hotchner zuerst den Lieferwagen untersuchte, eilte Morgan schon vor zur Halle.
„Emily!" Morgan konnte in dem Dämmerlicht seine Kollegin erkennen, die den wild um sich schlagenden Mann zu bändigen suchte. Er stürzte herbei und packte den Mann mit festem Griff. Die Handschellen klickten, dann ließen sie den Mann einfach auf dem Bauch liegen.
Hotchner erschien mit gezogener Waffe in der Tür. „Wo ist sein Komplize?"
Prentiss wischte sich den Schweiß von der Stirn und deutete in die vollgestellte Maschinenhalle hinein. „Susanne ist ihm nach."
„Allein?" Morgan und Hotchner verständigten sich mit einem Blick. „Bleib hier. Verstärkung ist schon unterwegs. Wir suchen sie." Die FBI-Agents machten sich auf die Verfolgung.
Agent Frank lehnte mit dem Rücken gegen eine der riesigen Maschinen in der Halle. Sie spürte die Kühle des Eisens, die sie nach dem heißen Tag draußen in der Sonne erschauern ließ. Langsam ließ sie ihren Blick über die Umgebung, die im Dämmerlicht lag, schweifen und versuchte sich auf das kleinste Geräusch in der Halle zu konzentrieren.
Vorsichtig lugte sie um die Ecke der Maschine und nahm eine wage Bewegung an der Seite der Maschine wahr. Entschlossen sprang sie in das Blickfeld ihres Gegners und richtete die Waffe auf ihn.
„Justus Smith bleiben Sie stehen."
Der Mann zog sich die letzte Sprosse an der Maschine hinauf und stand nun hoch über ihr. Einen kurzen Moment schien er nachzugeben. Doch plötzlich hatte er eine Pistole in der Hand und hielt sie seinerseits auf Susanne Frank gerichtet.
„So ganz allein? Und da meinen Sie, ich würde mich freiwillig ergeben?" Seine Stimme klang rauchig und gedämpft.
„Sicher."
Die Verstärkung betrat die Halle.
Prentiss wartete nicht lange und brachte die Kollegen schnell auf den neusten Stand: „Susanne verfolgt den Zweiten. Hotch und Morgan sind schon auf ihren Fersen. Wir müssen uns beeilen, vielleicht können wir ihnen noch helfen."
Während sie noch sprach übergab sie den jungen Gefangenen an die örtlichen Polizisten.
JJ, Rossi und Reid machte sich mit Prentiss und zwei weiteren Polizeibeamten auf die Verfolgung.
„Dumme Polizeischlampe!" Ein Lachen war ganz in der Nähe zu hören. Hotchner und Morgan horchten auf.
„Sie meinen anscheinend, dass hier keiner Deutsch versteht. Da muss ich Sie leider enttäuschen. Beleidigung eines FBI-Agents bringt Ihnen bestimmt noch weitere Jahre Knast ein."
„Das ist Susanne, oder?", flüsterte Morgan verwundert. Hotchner horchte intensiv auf die Stimmen in der fremden Sprache und nickte dann zustimmend.
Sie teilten sich auf. Während Morgan links an der Maschine entlang schlich, nahm Hotchner den wesentlich kürzeren Weg nach rechts.
„Dazu musst du mich erst einmal schnappen."
„Das ist nicht schwer…" Franks Stimme hörte sich übermütig an. Hoffentlich machte sie keine Dummheiten. Hotchner schlängelte sich durch eine kleine Öffnung in der Maschine.
„Nun, Sie haben die Wahl: Entweder Sie bleiben dort oben sitzen und warten brav auf meine Kollegen… Oder Sie kommen schön langsam von der Maschine herunter und ich nehme Sie fest."
„Warum sollte ich darauf eingehen? Nach deiner Version werde ich immer geschnappt. Ich will aber meine Freiheit!"
„Ich könnte Ihnen anbieten, dass man Sie nach Deutschland ausweist… Gut", versuchte Frank mit ihm zu spielen, „ich kenne die Verhältnisse in den amerikanischen Gefängnissen nicht so genau, aber Deutschland hat doch schon einen gewissen Standard."
Wieder dieses hämische Lachen. Hotchner spürte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief.
„Zumindest könnten Sie sich auch damit brüsten, vom FBI geschnappt worden zu sein. Das kommt nicht so häufig vor."
„Dumme Nuss…" Die Stimme des Verbrechers wurde hart und böse. Frank musste ihn gereizt haben. Morgan spähte vorsichtig um die Ecke und machte sich ein Bild der Situation.
„Ich habe einen Menschen umgebracht. Sie werden mir die Todesstrafe verpassen."
„Aber nicht im Staate Kalifornien. Hier haben sie die Todesstrafe abgeschafft… Und außerdem lässt sich belegen, dass Sie in Notwehr gehandelt haben. Es war ein Unfall!"
„Und, was meinst du, was ich bekommen, wenn ich dich erschieße?"
„Da ich momentan für das FBI als Agent arbeite, würde ich annehmen… die Todesstrafe!"
„Oh, so viel bist du denen Wert?" Dieser hämische Unterton gefiel Hotchner gar nicht. Er entdeckte Morgan am anderen Ende des Maschinenaufbaus.
Sie verständigten sich und traten gleichzeitig mit gezogenen Waffen aus der Dunkelheit.
„Nehmen Sie die Waffe runter Smith." Hotchner trat zu Frank hinüber, behielt den Gegner aber stets im Auge. Morgan erschien nur Sekunden später im Blickfeld von Justus Schmidt.
Die Zeit schien still zu stehen. Sie konnten die Waffe in dem spärlichen Licht aufblitzen sehen. Und Frank spürte, wie sich Hotchner neben ihr noch mehr auf die Situation konzentrierte.
Langsam bückte sich der Mann oben auf der Maschine und ließ die Waffe neben seine Füße gleiten.
Morgan war auf die unterste Sprosse der Leiter gestiegen und nahm die Waffe an sich: „Gut Smith, kommen Sie jetzt ganz langsam herunter…"
Schmidt setzte sich in Bewegung. Kaum berührten seine Füße den Betonboden, als Morgan sich ihn schon griff und gegen die Maschine drückte.
Mit geübtem Griff durchsuchte er dessen Kleidung und zog schließlich seine Handschellen hervor.
„Alles okay bei dir?" Hotchner warf Frank einen kurzen Blick zu und steckte seine Waffe in den Holster an seinem Gürtel. Frank tat es ihm gleich und ließ ihre Waffe verschwinden.
„Ich habe dir gesagt ‚Keine Alleingänge'!" Hotchner drehte sich abrupt zu Frank um und sah sie ernst an.
Frank ihrerseits schaute erstaunt zurück. Seine Augenbrauen hatten sich eng zusammengezogen, er scherzte nicht. Sie war so perplex, dass ihr keine passende Antwort einfallen wollte. Schwer schluckte sie an dem Kloß in ihrem Hals. –
Rossi und JJ betraten die Szene von der rechten Seite. Kurz darauf erschienen auch Prentiss und Reid von der Anderen.
„Somit hätten wir unsere Einbrecher also erwischt. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass sie nur zwei kleine Handlanger sind." Rossi sah den beiden Polizisten hinterher, die Morgan den Gefangenen abgenommen hatten. „Wie kommen wir jetzt an den eigentlichen Kopf?!"
„Wir sehen uns wieder…!" Schmidts deutsche Stimme war hinter den Maschinen zu hören.
Frank spürte einen Moment Angst in sich aufsteigen.
„Was hat er gesagt?" Hotchners Stimme gab seine Anspannung wieder. Doch Frank schüttelte nur leicht ihren Kopf. Sie wollte es ihm nicht sagen.
„Hast du den Verstand verloren?" Brach es aus Hotchner heraus. „Das geht so nicht! Du kannst damit einen ganzen Einsatz gefährden…"
Erstaunte Blicke wechselten zwischen den restlichen Teammitgliedern, während Hotchners Stimme noch lauter wurde: „Spreche das nächste Mal gefälligst Amerikanisch, damit wir verstehen, was gesprochen wird!"
„Hotch … Hotch, das reicht jetzt!" Doch Rossis ruhige Stimme schien nicht zu ihm durchzudringen.
„Wir mussten aus euren Stimmlagen die Situation erfassen!"
Rossi trat näher zu Hotchner und legte ihm seine Hand beruhigend auf die Schulter. „Aaron!"
Als wenn Hotchner aus einem Albtraum erwachen würde, fuhr er sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Er schloss für einen Moment die Augen und atmete hastig ein und aus. Dann drehte er sich ruckartig um und verschwand eiligen Schrittes aus einem Notausgang an der Seite der Halle.
„Was war das?" Brachte JJ mit ungläubiger Stimme hervor.
Bis auf Frank, die starr vor sich hin schaute, verfolgten die restlichen Teammitglieder wie sich die schwere Metalltür hinter Hotchner schloss.
„Er kann ausrasten, das haben wir schon mal erlebt." Prentiss Augen spiegelten ihr Entsetzen wieder. „Aber ich habe ihn noch nie so gegen sein Team erlebt."
„Das war er nicht wirklich." Morgan stellte sich neben Frank, deren vor Schreck weißes Gesicht in dem Dämmerlicht leuchtete, und legte ihr während er sprach seinen Arm um ihre Schultern. „Susanne, nimm dir das nicht zu Herzen. Du warst sein Blitzableiter und es tut ihm bestimmt schon wieder leid."
Frank senkte ihren Blick. Plötzlich war sie sich voll bewusst, dass sie ihren Abschied von diesem Team nehmen musste. Die langen Überlegungen hin und her brachten nichts. Dieser Moment hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Doch die Entscheidung schmerzte.
„Ich werde mit ihm reden." Rossi wechselte einen Blick mit Morgan und folgte Hotchner hinaus.
„Komm Susanne, lass uns an die frische Luft gehen. Der Wind draußen wird uns das Gehirn wieder frei blasen." Prentiss war neben Frank getreten.
Geschlossen machten sie sich auf den Weg hinaus ans Tageslicht.
Rossi war Hotchner aus der Halle gefolgt. Als er sich draußen wieder an das grelle Licht der Sonne gewöhnt hatte, sah er seinen Kollegen am Rande einer Böschung stehen und in die Ferne starren. Er ging zu ihm.
„Was ist los mit dir?" Hotchner drehte sich nicht um. „So kannst du nicht mit deinem Team umgehen Aaron. Sie vertrauen dir blind und führen alle deine Anweisungen ohne zu murren aus."
Rossi war neben ihn getreten und schaute seinerseits in die Ferne. Auch hier auf der Westseite des Kontinents verfärbten sich die ersten Blätter der Bäume in rote und gelbe Töne.
„Hier Susanne, möchtest du etwas trinken?" Prentiss war zu Frank getreten, die sich auf die Rückbank eines SUV gesetzt hatte und ihre Beine aus der offenen Tür baumeln ließ.
„Nein", sie schaute von ihrem kleinen Notizbuch hoch, „ich versuche gerade den Bericht über die Festnahme zu schreiben."
„Den kannst du auch noch später im Büro schreiben. Jetzt erhol dich erst einmal."
„Danke, aber mir geht es gut." Frank wollte nicht auch noch Schuld daran sein, wenn die Anderen ihre Arbeit vernachlässigten. Entschlossen setzte sie den Stift wieder auf dem Papier auf und Prentiss zog sich nach kurzem Zögern zu den Kollegen zurück. Diese hatten sich am Kofferraum des zweiten SUV versammelt und sprachen leise miteinander.
„Sie wollte nichts."
Ratlos tauschten die Agents Blicke.
„Jeder verarbeitet so eine Situation anders." Reid versuchte seinen Kollegen das Verhalten von Frank zu erklären.
Sie versuchten sich wieder mit dem Fall zu beschäftigen. Doch bald standen sie nur schweigend zusammen und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. –
Frank konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder sah sie Hotchner vor sich, seine Wut.
‚Ich bin doch keine Anfängerin mehr!'
Und doch fühlte sie das er recht hatte. Sie hatte eigenmächtig gehandelt. Aus dem Bauch heraus, wie so oft, und dabei die Gefahr überhaupt nicht bedacht.
„Hast du Probleme zu Hause?"
„Nein." Hotchner sprach leise und senkte seinen Kopf. „Ich weiß auch nicht was los war. Es war, als wenn plötzlich die Mauer eines schon lange angestauten Sees gebrochen wäre." Er schaute entsetzt Rossi an. „Frank hat alles abbekommen, obwohl sie nichts dafür kann… Ich werde mich bei ihr entschuldigen." Er drehte sich um und ging zurück in Richtung der Industriehalle.
„Aaron…" Hotchner hielt inne und drehte sich halb zu Rossi um, „wenn du reden willst, … du weißt wo du mich finden kannst."
Hotchner nickte: „Danke Dave." Entschlossen schritt er an der Außenwand der Halle entlang.
Rossi sah ihm verständnislos nach. Hotchner hatte sich in den letzten zwei Jahren sehr verändert. Er war lockerer, freundlicher geworden. Jack hatte einen guten Einfluss auf ihn. Und doch schien er sich in letzter Zeit von einem Moment zum Anderen völlig auszutauschen. Irgendetwas bewegte ihn und es war an der Zeit herauszufinden was es war.
Eilig folgte der Altermittler seinem Kollegen. Dieser bog gerade ohne zu Zögern um die Gebäudeecke auf den Vorplatz, der mit Polizeiwagen überfüllt war. Er trat zu den SUVs und blieb schließlich vor der offenen Hintertür stehen.
„Susanne", begann er mit ruhiger Stimme, „ich wollte mich bei dir entschuldigen. Du hast den ganzen Frust und Ärger abbekommen, der sich in mir aufgestaut hat. Du hast nichts falsch gemacht… Ich hoffe, du kannst mir verzeihen."
Frank, die vorher noch völlig verwirrt dagesessen und vor sich hingestarrt hatte, schaute ihn mit traurigen Augen an. Spontan rutschte sie aus dem Wagen und trat auf ihren Teamleiter zu. „Ist schon okay. Ich sehe ein, es war ein Fehler mit ihm Deutsch zu sprechen. Aber ich bin keine Anfängerin mehr. Ich kann so eine Situation richtig einschätzen."
Hotchner nickte verstehend, wandte aber ein: „Wir haben in solchen Situationen nur kein Chance im richtigen Moment einzugreifen."
Frank lachte leicht vor sich hin. „Dafür seid ihr aber an genau dem richtigen Zeitpunkt erschienen." Die Atmosphäre vor dem Industriegebäude lockerte sich.
„Worüber habt ihr eigentlich gesprochen?" Neugierig mischte sich Morgan ein.
„Er hat geschimpft… Sachen, die man in Rage gerne schnell ausspricht."
„Mehr nicht?" Hotchner wusste, dass Frank nicht die ganze Wahrheit sagte und sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte. Doch sie antwortete nur: „Mehr nicht!… Mmmh, dann habe ich wohl für die nächste Zeit einen Fehler gut." Frank versuchte zu scherzen und lachte Hotchner entwaffnend an. Erleichtert legte sich auch auf sein Gesicht ein weiches Lächeln.
„Einverstanden." Hotchner hielt ihr seine Hand hin und Frank schlug geschäftsmäßig ein.
Doch so schnell konnte Frank den Anraunzer ihres Vorgesetzten nicht verarbeiten. Still saß sie hinten im Wagen und starrte aus dem Fenster, während Prentiss sich mit Morgan vorne unterhielt und den SUV zurück zum Revier fuhr.
Sie hielten neben den anderen an und stiegen aus. Die beiden Festgenommenen wurden bereits von den örtlichen Polizisten in die Wache gebracht. Bis sie zur Vernehmung bereit waren, dauerte es noch einen Moment und Hotchner nutzte den Augenblick seine Kollegen um sich zu sammeln und die weiteren Schritte zu besprechen.
„Wir müssen sie zum Reden bekommen. Ansonsten werden wir den Mann im Hintergrund nie finden." Brachte Rossi die bisherigen Ermittlungen auf den Punkt.
„Das wird nicht so einfach sein. Die Statistik besagt, dass die Niedrigsten in so einer Organisation meistens bedroht werden, um sie zu kontrollieren." Erklärte Reid die Bandenorganisation.
„Sobald wir die Namen der beiden haben, soll sie Garcia sofort durch ihre Maschinen schicken." Begann Hotchner. „Morgan, du nimmst dir den Mexikaner vor. Mach ihm klar, dass er nicht alleine dasteht. Wir können ihm helfen.
Mit Mr. Smith werde ich selber reden." Hotchner spürte Rossis Blick auf sich ruhen und sah ihm offen in die Augen. Rossi erfasste sofort, dass Hotchner wieder zu seiner alten Professionalität zurückgefunden hatte und nickte ihm kaum merklich sein Einverständnis zu.
Hotchner wandte sich wieder an seine Kollegen: „Prentiss und Reid, ihr fahrt bitte zu Mrs. Watkins und holt das Bild. Wir müssen jetzt wissen, worum es geht."
„Mrs. Watkins wird erleichtert sein das die Kerle gefasst sind. Sie hatte schreckliche Angst." Prentiss Blick ging in die Runde. Sie suchte Frank zur Bestätigung. Doch wo war sie?
„José Sánchez." Morgan saß dem jungen Mexikaner gegenüber und blätterte in einer Akte.
„Sie sind in den USA geboren und aufgewachsen. Sie haben eine Schule in einem Vorort hier in L.A. besucht." Morgan machte eine Kunstpause und sah auf. „Wie kommt es, dass sie in dieses Milieu abgerutscht sind? Sie haben ein Stipendium bekommen. Warum haben sie nicht weitergemacht? Sie sind noch so jung."
Sánchez hielt seinen Blick gesenkt und schien nicht auf Morgans Worte zu reagieren.
Mrs. Watkins war sichtlich erleichtert, als sie hörte, dass die beiden Männer gefasst waren und sie keine Angst mehr zu haben brauchte. Gerne gab sie den Agents das Bild mit und Prentiss versicherte ihr, dass sie es bald zurückbekommen würde.
Reid und Prentiss brachten das Bild zur Spurensicherung. Die einzige Hoffnung etwas über die Identität des Schmugglers zu finden, befand sich in dem Hohlraum zwischen den beiden Leinwänden.
„Ich warte hier." Prentiss deutete auf eine kleine Sitzgruppe. Sie schien Reid schon während der ganzen Fahrt nervös. Doch er sagte nichts. Er warf ihr nur einen verwunderten Blick zu und folgte dem Mitarbeiter ins Labor.
Prentiss trat ans Fenster und starrte hinaus. Wo war Susanne eben gewesen? Prentiss kam das Gespräch vom späten Nachmittag in den Sinn. War sie etwa schon dabei ihre Sachen zu packen?
Nervös begann sie ihre Hände zu kneten und richtete ihren Blick auf die Tür hinter der ihr Kollege verschwunden war. Sie mussten so schnell es ging zurück!
Es dauerte unendliche zehn Minuten, bis Reid mit einem Päckchen unter dem Arm zu Prentiss zurückkehrte.
„Lass uns fahren." Prentiss hastete los.
„Was ist passiert?" Reid eilte seiner Kollegin verwundert hinterher. „Haben sich die Anderen schon gemeldet?"
Prentiss blinzelte verwirrt. „Nein." Sagte sie ruhiger und versuchte ein unverfängliches Lächeln aufzusetzen.
„Worüber machst du dir dann solche Sorgen?"
„Um Susanne." Prentiss spürte, dass Reid sie nicht verstand. Wie sollte er auch. Sie versuchte ihren Kollegen auf ein anderes Thema zu bringen: „Was ist in dem Päckchen? Die neuste Modedroge?"
Reid klopfte leicht auf das Päckchen. „Nur das gute alte Heroin."
Justus Schmidt sah auf, als sich die Tür zu seinem Vernehmungsraum öffnete. Er legte ein Lächeln auf, als er sah, wer den Raum betrat.
Hotchner legte eine Akte auf seiner Seite des Tisches und stellte sich mit dem Rücken zur Glasfront. Hochkonzentriert achtete er auf jede Bewegung die Schmidt bewusst oder unbewusst machte.
„Wie lange sind Sie schon in den USA?" Begann Hotchner ganz unverfänglich.
Schmidt lehnte sich entspannt zurück und lächelte Hotchner nur frech an.
„Sie sind sich bewusst, dass Sie wegen Mordes verurteilt werden?"
Noch immer zeigte Schmidt keine Reaktion zu antworten. Er rutschte nur auf seinem Stuhl hin und her. Dann sagte er mit einem verschmitzten Lächeln und gebrochenem Englisch: „Ich verstehe Sie nicht."
„Dann werden wir Ihnen einen Übersetzer besorgen."
Hotchner nahm die Akte vom Tisch und verschwand wieder in den Vorraum. –
„Er spielt mit uns." Rossi hatte das Gespräch verfolgt. „Er versteht sehr wohl."
„Ja." Stimmte Hotchner zu. „Er möchte mich zwingen, dass ich Frank dazu hole. Er glaubt wohl, dass er mit ihr leichteres Spiel hat."
„Aber den Gefallen werden wir ihm nicht tun."
„Nein." Hotchner verließ den Vorraum.
Frank hatte sich sofort von den Anderen abgesetzt und sich in eine Ecke des Reviers zurückgezogen. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass es nichts brachte unliebsame Dinge vor sich her zu schieben… Vor allem konnte sie dann endlich beginnen zu vergessen.
Sie versetzte sich gedanklich einige Stunden zurück und versuchte die Zeit nochmals zu durchleben. Dann begann sie den leidigen Bericht über die Festnahme der beiden Einbrecher zu verfassen.
„Gott sei Dank!" Frank sah verwundert hoch. Prentiss kam auf sie zugeeilt. „Ich hatte schon Angst, du könntest einfach so fortgegangen sein."
„Ohne Abschied? Das würde ich nie machen Emily."
Erleichtert zog Prentiss einen Stuhl heran und setzte sich ihrer Kollegin am Schreibtisch gegenüber. Ernst sah sie ihrer Freundin in die Augen: „Jetzt wirst du bestimmt gehen, oder?"
„Sie sind sich hoffentlich bewusst, dass sie wegen Mordes ins Gefängnis gehen, José?" Morgan war nach einer kurzen Pause, in der er sich mit JJ und Reid ausgetauscht hatte, wieder in den Vernehmungsraum getreten.
„Wir können Ihnen helfen. Aber dafür müssen Sie mit uns reden. Wer hat Mr. Flynn getötet?" Noch immer saß der junge Mann mit gesenktem Blick stumm auf seinen Stuhl.
„Wer ist Ihr Auftragsgeber José? Wer sucht das Bild?"
Mit einem verwunderten Blick schoss der Kopf des Gefangenen in die Höhe.
„Sie haben es gefunden?"
„Ja, wir haben es gefunden."
„Dann hätten wir ja noch lange suchen können. Ich habe Jus gesagt, dass es nicht mehr da ist." Mit dieser Information sackte José Sánchez in sich zusammen. „Jetzt ist alles vorbei."
Morgan war sich sofort bewusst, dass sich der Junge geschlagen gab. Aber nicht dem FBI, sondern seinem Schicksal. Was hatte der Auftraggeber gegen ihn in der Hand?
„So Mr. Smith, es hat etwas gedauert, aber ich habe einen Übersetzer aufgetrieben." Hotchner kehrte entschlossen zurück ins Vernehmungszimmer. Er zog seinen Stuhl vom Tisch ab und winkte einen älteren Herrn zu sich heran. „Das ist Mr. David, er spricht Deutsch und Amerikanisch."
Hotchner ließ sich nichts anmerken, aber der Gesichtsausdruck seines Gefangenen sprach Bände. Er würde noch immer nicht mit ihnen kooperieren.
„Also noch einmal: Wie lange sind Sie schon in den Staaten?"
Mr. David übersetzte die Frage, aber wie schon geahnt, sah sich Justus Schmidt nicht genötigt auf die Frage zu antworten.
Der Agent versuchte es weiter, aber Schmidt ließ sich nicht erweichen.
„JJ, hier gibt es keinen Hinweis auf José Sánchez. Selbst seine Mutter und seine zwei Geschwister sind noch nie straffällig geworden."
„Was hast du über seinen Vater?" JJ strich einen weiteren Punkt auf ihrer Liste.
„Joseph Sánchez. Er ist schon früh verstorben. 1996. Er hat noch nicht einmal die Geburt seines zweiten Sohnes miterlebt." Garcias Stimme wurde traurig.
„Das passiert Penelope." Tröstete JJ ihre Kollegin in Quantico. „Woran ist er gestorben?"
„Ohhh, … er wurde mit einer Schussverletzung auf der Straße gefunden."
„Bandenkrieg?"
„Moment… Der Bericht. Ja, die Ermittlungen führten zu den Bandenmitgliedern. Sie konnten es aber keinem in L.A. erfassten Verbrecher nachweisen… In eine andere Richtung wurde nicht weiter ermittelt."
JJ schwieg. Ihr war ein möglicher weiterer Hinweis in den Sinn gekommen.
„JJ, bist du noch da?" Fragte Garcia besorgt durchs Telefon.
„Ja… Pen, kannst du herausfinden, ob José in der letzten Zeit verreist war? Eventuell nach Mexiko!"
„Das ist kein Problem." Garcia hieb wieder intensiv auf die Tastatur ein. „Woher wusstest du das JJ? ... Vor einem viertel Jahr ist er mit seiner Mutter nach Chihuahua geflogen. Die Familien seiner Eltern stammen aus der näheren Umgebung."
JJ stand entschlossen auf. Sie war überzeugt, dass sie hier die Lösung gefunden hatten.
„Gibt es eine Möglichkeit, die Flüge von 1996 noch nachzuvollziehen?"
„Das kommt darauf an, was du wissen möchtest." Garcia saß tippbereit vor ihrem Computer.
„Bekommst du die Fluglisten heraus?"
„Ja, die werden hier in einem Archiv für diese Zwecke aufbewahrt."
„Gut, überprüfe die Namen mit den mexikanischen Bandenmitgliedern, die uns bekannt sind."
„Und Joseph Sánchez?"
„Ja, vielleicht ist er vor seinem Tod noch in Mexiko gewesen." Stimmte JJ Garcia zu.
Morgan gab sich geschlagen. Er trat aus dem Vernehmungsraum.
„Hat Garcia mittlerweile etwas mehr über José herausgefunden?" Morgan sah Prentiss fragend an.
„JJ ist noch nicht zurück." Kam die kurze Antwort. „Er hat Angst, Derek."
Morgan nickte zustimmend. „Ja und wir müssen wissen wieso!"
Die Tür öffnete sich und Reid und JJ traten ein.
„Wir haben eine Spur Derek." Begann JJ ohne Umschweife zu berichten. „Joseph Sánchez, der Vater von José ist kurz bevor er erschossen wurde nach Mexiko gereist. Er war wohl häufiger geschäftlich dorthin unterwegs.
Kurz nachdem er zurück in L.A. war, sind zwei Mexikaner, die einer Schleuser- und Schmuggelbande zugeordnet werden können, in die USA eingereist."
„Können wir also davon ausgehen, dass sie ihn umgebracht haben?" fragte Prentiss skeptisch. Noch waren ihre Beweise ziemlich dürftig.
„Nicht mal vier Stunden nach dem Mord sind sie zurück in ihre Heimat geflogen." Ergänzte Reid.
JJ nickte zustimmend: „Außerdem haben wir herausgefunden, das José mit seiner Mutter vor einem viertel Jahr zum ersten Mal nach dem Tod des Vaters in Mexiko war."
„Das könnte bedeuten, dass sich José an den Mördern seines Vaters rächen wollte." Überlegte Morgan laut. „Stattdessen haben sie ihn jetzt in der Hand und versuchen ihn in ihre dunklen Geschäfte hineinzuziehen."
„Seine Mutter ist seit dem Besuch in Mexiko noch nicht wieder in die USA eingereist." Vollendete JJ ihre Ermittlungen. „Wahrscheinlich ist sie das Druckmittel gegen ihn."
Morgan nickte verstehend und verschwand in Richtung Vernehmungsraum.
„Der redet nicht mit dir. Er sitzt es wirklich aus." Rossi drehte sich zu Hotchner um, der gerade aus dem Verhörraum heraustrat und sich bedankend von Mr. David verabschiedete. „Willst du nun doch Susanne mit einbeziehen?"
Hotchner sträubte sich innerlich. Er wollte nicht mit sich spielen lassen, aber die Erfahrung sagte ihm, dass der Mann hinter der Glasscheibe sich in Sicherheit wiegte. „Ja. Smith soll denken, dass er gesiegt hat."
„Richtig so. Er wird davon ausgehen, dass er alle Fäden in der Hand hält."
„Hat Morgan schon was Neues aus Sánchez herausbekommen?"
„Nein. Er ist stumm, wie ein Fisch." Rossi fuhr sich über den graumelierten Bart. „Ich habe das Gefühl, dass sich hinter dieser ganzen Angelegenheit noch eine viel größere Macht verbirgt, als wir annehmen."
Hotchner nickte zustimmend. „Sie haben die Beiden mit irgendetwas in der Hand."
„Ich hole dann mal Susanne." Rossi ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal zurück in den Raum. „Weißt du wo sie steckt?"
Ein tiefe Leere erfüllte Hotchner. Verstört schüttelte er den Kopf. Er hatte Frank mit keiner Aufgabe betraut, auch keinem Team zugeordnet. Wenn er sich recht entsann, hatte sie draußen gar nicht in der Runde gestanden.
„Lass mich bitte gehen Dave." Hotchner spürte, dass er noch einmal in Ruhe mit Frank sprechen musste.
„José, halten die ihre Mutter fest? Ist sie das Druckmittel?" Morgan hatte sich ruhig dem jungen Mann am Tisch gegenübergesetzt, bevor er ihn nun mit ihren neusten Erkenntnissen attackierte.
Erschrocken schaute José auf. Völlig entsetzt begann er zu betteln: „Bitte, meine Geschwister brauchen ihre Mutter noch. Ich möchte nicht schuld sein, wenn sie keine Mutter mehr haben."
Morgan rutschte auf seinem Stuhl etwas vor. Ruhig und freundlich suchte er eine Verbindung zu dem jungen Mann herzustellen: „Wir werden versuchen ihre Mutter zu retten José. Dazu müssen Sie uns aber vertrauen und uns helfen… Wer ist der Mann in Mexiko?"
„Sie können meine Mutter nicht retten. Wie wollen Sie in Mexiko tätig werden?"
„Das schaffen wir schon. Aber Sie müssen uns entgegenkommen. Sonst kann ich Ihnen keine Hilfe anbieten."
„Okay." Stimmte Sánchez schließlich zu.
„Gut. Fangen wir anders an: Was ist mit Mr. Flynn passiert?"
„Er stand plötzlich im Wohnzimmer. Wir haben uns versteckt. Doch er machte das Licht an. Jus hob einfach den Buchbeschwerer und schlug zu. Ich habe mir die Hand vor den Mund gehalten, um nicht laut aufzuschreien. Er hat mich mitgezogen. Ich weiß aber nicht mehr wie wir aus dem Haus gekommen sind…"
„Hotch!" Prentiss war gerade aus dem anderen Besprechungszimmer getreten, als sie ihren Chef über den Flur eilen sah.
Nur wiederwillig schien er stehen zu bleiben. „Was gibt es Emily?" Sie bemerkte, wie er immer wieder zu Frank schaute, die noch immer am Schreibtisch saß und vor sich hin brütete.
„Um Susanne." Augenblicklich bekam sie Hotchners volle Aufmerksamkeit. „Du nimmst sie zu hart ran. Sie kann nicht mehr!"
„Ich wollte gerade noch einmal mit ihr sprechen und mich entschuldigen."
„Darum geht es nicht. Das hat sie dir schon verziehen… Aber sind dir mal ihre dunklen Augenränder aufgefallen?" Prentiss wollte sich eigentlich nicht einmischen. Daher ging sie auch ohne ein weiteres Wort zu verlieren weiter.
Die Gedanken in Hotchners Gehirn überschlugen sich. Langsam ging er auf den Schreibtisch zu, an dem sich Frank zurückgezogen hatte. Er räusperte sich leise, doch seine Stimme blieb belegt: „Susanne… ich habe dich gesucht."
Hotchner sah sofort das verunglückte Lächeln auf Franks Lippen und ihre Augen schienen einfach nur traurig und schwarz.
„Ich schreibe meinen Bericht über die Festnahme."
„Wenn du zu den zusätzlichen Stunden abends keine Lust mehr hast, dann kannst du es mir doch offen sagen, Susanne. Ich habe dich einfach zu sehr dazu getrieben." Hotchner hatte Prentiss Hinweis verstanden. Und doch schien Frank über seine Worte entsetzt.
„Ich habe aber noch Lust weiter zu machen. Es macht Spaß." Frank konnte seine Erleichterung über ihre Worte spüren. „Nur nicht mehr jeden Abend… Was würdest du zu ein- oder zweimal die Woche sagen?!"
Hotchner nickte: „Einverstanden."
Befreit lachten sie einander an. Endlich waren die in der letzten Zeit aufgestauten Spannungen gelöst und Hotchner konnte ein erstes kleines Aufleuchten in Franks Augen ausmachen.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich dich vorhin so angefahren bin. Ich…" Hotchner schien nach den richtigen Worten zu suchen.
„Das habe ich schon vergessen." Half Frank ihn über die peinliche Situation hinweg.
„Ich würde ja jetzt gerne den Feierabend einläuten, aber wir brauchen deine Hilfe. Smith möchte nicht mit uns reden. Er will dich."
Frank zögerte kurz. Sie schaute hinunter auf ihren Bericht.
Hotchners Lächeln verschwand. Dieser Vorfall würde wahrscheinlich noch länger zwischen ihnen stehen.
„Ich komme." Susanne Franks Stimme erklang wieder lustvoll und stark. Lachend stand sie auf.
„Susanne", Hotchner hielt sie auf. Er setzte sich halb auf den Schreibtisch an den Frank zuvor gesessen hatte. „Ich habe noch eine kleine Bitte… Du kannst doch gut mit Kindern!?"
Verwundert sah Frank ihren Chef an, wartete aber geduldig, bis er weitersprach.
„Jack hat mich gebeten am 28. in die Schule zu kommen und meinen Job beim FBI vorzustellen. Ich konnte ihm das nicht abschlagen.
Würdest du mich bitte begleiten?"
„Klar komme ich mit." Frank zögerte nicht lange. Sie fühlte sich endlich wieder gelöst und frei.
„Hey, Dave." Prentiss war in den Vorraum des Vernehmungsraumes eingetreten.
„Und, wie sieht es bei euch aus?" Rossi warf noch einen letzten Blick auf Schmidt, bevor er sich seiner Kollegin zuwandte.
„José redet endlich. Ich wollte euch auf dem Laufenden halten."
„Da geht es euch besser als uns. Hotch holt gerade Susanne. Smith will nicht mit ihm reden."
„Ist das nicht etwas gewagt?" Fragte Prentiss leicht besorgt.
„Wir werden auf Susanne aufpassen." Prentiss spürte, dass der Altermittler mit dieser Vorgehensweise auch nicht glücklich war. Aber wenn sie so weit gingen, sahen sie keinen anderen Ausweg mehr.
Kurz darauf öffnete sich erneut die Tür. Hotchner schien Frank noch auf den letzten Stand der Ermittlungen zu bringen, als sie eintraten. Und doch war das Verhältnis zwischen ihnen gelöst. Sie gingen endlich wieder offen und frei miteinander um.
„José redet endlich." Begrüßte Rossi die Kollegen mit einem befreiten Lächeln.
Schmidt schaute auf, als sich die Tür öffnete und Frank den Vernehmungsraum betrat. Ein verachtender Ausdruck legte sich über sein Gesicht, als er bemerkte, dass Frank alleine war.
„Na… das hat einen ordentlichen Anraunzer heute gegeben, was?"
Frank blieb ruhig und ging nicht auf die Provokation ein. Sie setzte sich Schmidt gegenüber an den Tisch und versuchte nicht seine Grimasse auf sich wirken zu lassen: „Gut, … wir wissen, dass Sie Mr. Flynn getötet haben."
„Habe ich nicht. Ich kenne gar keinen Mr. Flynn." Schmidt lehnte sich vor und legte seine gefesselten Arme mit verschränkten Fingern auf den Tisch.
„Erstens wird diese Vernehmung auf Amerikanisch geführt. Und Zweitens haben wir die Aussage ihres Komplizen. Es sieht schlecht für Sie aus Smith."
Schmidt schien seine Wut mühsam herunter zu schlucken und sich seinen nächsten Zug zu überlegen.
„Woher wollt ihr wissen, dass nicht er es war?"
„Noch einmal: Wir werden Amerikanisch sprechen." Frank wartete einen Moment und blätterte in der Mappe vor sich herum. Sie sah auf und spielte ihren nächsten Trumpf aus: „Wir haben Ihre Fingerabdrücke auf der Tatwaffe."
„Verdammte Schlampe, ihr könnt mir nichts beweisen! Ihr wollt mir das Ganze nur anhängen."
„Zum letzten Mal: Das Verhör wir ausschließlich auf Amerikanisch geführt!" Frank sah den Mann ihr gegenüber fest in die Augen. „Außerdem sollten Sie die ersten beiden Worte mir gegenüber aus Ihrem Wortschatz streichen. Noch einmal, und ich gehe. Dann können Sie wieder mit meinem Kollegen reden."
Frank wartete einen Moment, bevor sie die Befragung fortsetzte.
„Was ist in der Nacht passiert?" Schmidt signalisierte kein Entgegenkommen.
„Wenn Sie geständig sind, könnte man die Geschworenen vielleicht von Notwehr überzeugen. Dazu brauchen wir aber die Wahrheit." –
„Wie kann sie ihm einfach diesen Deal anbieten!" Hotchner begann hinter der Scheibe nervös auf und ab zu gehen.
„Bleib ruhig!" Rossis raue, dunkle Stimme wirkte beruhigend: „Vertrau ihr… Sie macht ihre Sache wirklich gut."
Hotchner atmete tief durch. Er spürte wie sich seine Anspannung legte.
„Ich vertraue ihr doch. Aber sie wagt sich weit hinaus."
„Sie versucht Josés Familie zu retten. Für den Jungen ist es wichtig, dass seine Mutter zu den jüngeren Geschwistern zurückkehren kann."
Die Tür ging auf. Morgan und Reid kamen herein und stellten sich neben die Kollegen.
„Redet er endlich?" Morgan verfolgte das Geschehen hinter der Scheibe.
„Noch nicht… Aber er wird!" Sprach Rossi im überzeugenden Ton. –
Frank hatte Schmidt Zeit zum Überlegen gelassen. Nun waren die Minuten abgelaufen. Er hatte sich wieder entspannt zurückgelehnt und machte keine Anzeichen zu sprechen. So stand Frank auf und ging zur Tür.
„Warten Sie!" Frank schmunzelte vor sich hin. Geknackt!
Langsam drehte sie sich wieder zu dem Gefangenen um.
„Okay, ich kooperiere."
Frank kam ohne ein Wort zu sagen zurück und setzte sich ihm wieder gegenüber.
„Es war Notwehr. Wäre der Typ in seinem Bett geblieben, wäre niemanden etwas passiert."
„Gut. Da kommen wir später drauf zurück." Begann Frank. „Wer ist ihr Auftraggeber?"
Schmidt schluckte schwer. Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. „Carlos Peres" –
„Dem gehört das einflussreichste Kartell in Mexiko." Morgan sah überrascht aus.
„Ja, er soll den größten Menschenhandel in ganz Südamerika betreiben. Dazu kommen Schmuggel und Auftragsmorde. Aber es war ihm noch nie etwas nachzuweisen." Ergänzte Rossi.
„Vielleicht bekommen wir heute eine Chance." Prophezeite Hotchner. –
„Also das mexikanische Kartell steckt dahinter?" Führte Frank unbeirrt die Befragung fort.
„Ja."
„Und wie sollen Sie ihm das Heroin übergeben?"
Schmidt zog seine Antwort einige Sekunden hinaus. „Er kommt zum Wochenende ins Land. Dann wird er mir sagen, wo wir uns treffen."
„Okay." Frank stand auf. „Ich bin gleich zurück, dann machen wir weiter."
„Hast du den Verstand verloren?"
Eine Stimme hallte durch den dunklen Raum. Das Scheppern des Widerhalls war schrecklich. Der Raum musste riesig sein. Ringsumher war nichts als undurchdringbare Dunkelheit. Wie sollte sie hier je wieder herausfinden? Tastend streckte sie ihre Arme aus. Vielleicht war irgendein Hinweis in ihrer Umgebung.
Plötzlich erschienen Lippen vor ihr. Harte, zusammengekniffene Lippen. Sie konnte eindeutig ihre Bewegungen sehen, als die strengen Töne aus ihnen herauskamen: „Spreche gefälligst Amerikanisch!"
Das war völlig unmöglich. Wie konnte sie etwas in dieser Dunkelheit erkennen?
Dann erschien über dem Mund ein Paar dunkelbrauner Augen. Sie waren weich und … wunderschön! Bewunderung sprach aus ihnen. Und ein nicht vorhandenes Licht ließ die Iris aufblitzen.
„Das war super." Erklang die Stimme erneut irgendwo im Raum. Allerdings war der Widerhall verschwunden und die zusammengekniffenen Lippen bewegten sich diesmal nicht…
Entsetzt fuhr Frank hoch. Schwer atmend versuchte sie sich zu orientieren. Sie war in ihrem Hotelzimmer. Ein Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch, sagte ihr, dass es mitten in der Nacht war.
Ein Traum… Das was alles nur ein seltsamer Traum. Sie spürte den heftigen Pulsschlag der das Blut durch ihren Körper trieb. Ruhig versuchte sie einige Male tief ein- und wieder auszuatmen.
Langsam begann ihr Gehirn wieder zu arbeiten. Ihr wurde klar, dass das Unterbewusstsein versuchte die Vorfälle des Tages zu verarbeiten. Obwohl die Bilder und die Stimmen so nicht zusammenpassten.
Frank legte sich wieder hin und verschränkte ihre Arme unter dem Kopf. Sie hatte das Gefühl, als wenn sich Hotchners Worte, seine Stimme, selbst sein Gesichtsausdruck in ihr Gedächtnis eingebrannt hätten. Noch jetzt spürte sie die Trauer über seine Wut in ihr. Doch dann dachte sie an den Stolz in seinen Augen, als Rossi und er ihr zu der Befragung gratuliert hatten. Seine Augen hatten genauso geglitzert wie eben im Traum.
Erleichtert drehte sich Frank auf die Seite und schloss mit einem Lächeln ihre Augen. Sie hatte sich endgültig entschlossen. Alle Zweifel waren plötzlich wie weggeblasen. Genauso deutlich, wie sie heute Nachmittag gewusst hatte, das jetzt endgültig Schluss war, wusste sie nun, dass sie noch eine schöne Zeit hier in diesem Team haben würde.
Damit war ihr Auftrag erledigt. Die Einbruchserie war gestoppt, der Mord an Mr. Flynn aufgeklärt und die beiden Täter geständig. Es gab kein Grund mehr für die BAU länger zu bleiben.
Hotchner und Rossi standen am nächsten Morgen vor dem Büro von Captain Lawson und klopften. Auf das erklingende ‚Ja', traten sie ein.
Als Lawson sie erkannte bedeutete der den beiden Agents vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.
„Wir wollten nicht stören." Begann Rossi abzuwehren. „Wir sind gekommen, um uns zu verabschieden."
„Sie sind nicht an der Ergreifung von Peres interessiert?" Verwundert stand der Captain auf. „Wir wären für ihre Hilfe sehr dankbar."
„Wir werden gerne helfen. Nur meistens wird unsere Anwesenheit bei solchen Festnahmen nicht gerne gesehen." Erklärte Hotchner.
„Die Aktion würde automatisch zu einer FBI-Angelegenheit." Ergänzte Rossi mit seiner rauen Stimme.
„Und diesen Erfolg geben die örtlich Zuständigen halt nicht gerne ab." Lawson nickte verstehend vor sich hin. „Wir könnten es ja als eine Gemeinschaftsleistung ausgeben."
„Sicher, für die Öffentlichkeit. Nur offiziell wird was anderes in den Akten stehen." Kam Hotchner dem Captain entgegen.
„Da habe ich kein Problem mit. Hauptsache wir können Peres überführen."
„Okay Smith, ich kann Ihnen einen Deal anbieten." Hotchner war zusammen mit Frank zu den Zellen des Polizeirevieres gegangen.
„Wie sieht der aus?" Schmidt schien wenig interessiert. Er hielt es noch nicht einmal für nötig, sich von der Pritsche zu erheben.
„Sie helfen uns Peres zu fassen. Dafür werden Sie nach Deutschland ausgeliefert und dort vor Gericht gestellt."
„Das will ich schwarz auf weiß."
„Das bekommen Sie. Wenn Sie uns Ihre Mithilfe zusagen."
Schmidt drehte sich auf die Seite und stützte sich auf seinen Ellenbogen ab. „Okay, ich werde Ihnen helfen."
Seitdem herausgekommen war, wer der Auftraggeber war, herrschte hektische Betriebsamkeit im Revier. Mit Peres konnte ihnen ein großer Fisch ins Netz gehen.
„Da draußen geht es zu wie in einem Bienenstock." Detective Harris hatte sich zu den FBI-Agents gesellt, die sich in einem Büro zurückgezogen hatten. „Sind Sie schon voll in die Planung eingestiegen?"
Die Agents waren froh über die Störung. Seit Stunden arbeiteten sie nun schon konzentriert an den Profilen. Reid und JJ kamen zu den Anderen an den Tisch und setzten sich. Morgan ließ sich halb auf der Tischplatte nieder und sah zu dem Polizisten hoch: „Genaueres zu planen, ist momentan noch schwer. Wir wissen nicht, wie der Übergabeort aussieht. Die endgültige Vorgehensweise werden wir erst kurzfristig festlegen können."
„Momentan versuchen wir alles über das Kartell herauszubekommen. Jeder Hinweis kann uns eventuell neue Erkenntnisse bringen." Prentiss saß zusammen mit Frank vor einem Laptop und durchstöberte die Unterlagen, die Garcia zusammengestellt und ihnen zugeschickt hatte.
„Unsere größte Sorge im Moment ist es die Geisel unbeschadet zu befreien." Wandte JJ den Blick aller auf das nächste heikle Thema. „Nach Josés Aussage hat man ihm versprochen seine Mutter zu diesem Übergabetermin mitzubringen und gegen das Heroin auszutauschen… Der Junge verlässt sich auf uns."
„Nach der Statistik ist es oft so, dass die Geiseln als Schutzschild genommen werden. Die vielen positiven Ausgänge lassen uns aber auf ein gutes Ende hoffen." Morgan nickte zustimmend zu Reids Worten.
„Das ist wenigstens ein Lichtblick." Harris fuhr sich nervös mit der Hand übers Gesicht.
Die Tür öffnete sich erneut und Rossi und Hotchner kamen mit Captain Lawson herein.
„Für die Aufnahme des Telefonats ist alles bereit." Rossi setzte sich neben Frank an den Tisch. „Man wird auch versuchen den Anruf zurück zu verfolgen. Vielleicht gibt uns Peres dadurch einen Anhaltspunkt, wo man ihn suchen kann, falls er uns entwischen sollte."
„In dem Fall wird er den direkten Flug nach Hause nehmen." Sprach Morgan seine Vermutung bestimmt aus.
Garcia hatte in den letzten Tagen den Flugverkehr beobachtet und sämtliche Passagierlisten kontrolliert. Dazu die vielen kleinen Maschinen, die täglich von einer Stadt zur Anderen flogen.
Vorgestern hatte sie Peres dann endlich aufgespürt. Er war mit einer kleinen Privatmaschine auf dem Long Beach Airport in L.A. gelandet.
„Wir warten schon seit zwei Tagen. Langsam müsste sich Peres doch mal melden." Frank fand es langweilig rund um die Uhr nur herumzusitzen und zu warten.
Morgan, der mit Reid und Schmidt am Nachbartisch saß, schaute zu Frank hinüber. „Peres wird viele Geschäfte in L.A. zu erledigen haben. Wir müssen uns gedulden."
„Wie macht ihr das nur?"
Ein Handyklingeln unterbrach die Stille.
„Das ist er." Schmidt sah auf sein Handy, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
Emsige Betriebsamkeit war plötzlich allgegenwärtig. So ruhig es eben noch war, umso bewegter war jetzt die Luft.
Die Agents der BAU, Lawson und Harris versammelten sich um Schmidt und warteten angespannt. In den nächsten Minuten würden sie endlich einen Schritt weiterkommen.
„Gut nehmen Sie ab. Und denken Sie daran Smith, keine krummen Dinger. Sie werden büßen." Hotchner hatte seine unnachgiebige Mine aufgesetzt.
„Hauptsache Sie kümmern sich um meine Auslieferung nach Deutschland!"
„Ist schon veranlasst. Es muss nur noch alles glatt gehen." Hotchner und Morgan setzten sich Kopfhörer auf, um das Gespräch zu verfolgen.
„Schmidt." Meldete sich der Gefangene und lauschte auf die Worte am anderen Ende der Leitung.
„Ja, wir haben die Sendung erhalten… Gut. Morgen 17-00 auf dem Parkplatz der Lakewood Center Mall. Wo genau? Der Platz ist groß… D Street, südwestliche Ecke. Alles klar. Und denken Sie an mein Geld. Ohne Geld keine Ware… Ich wollte Sie ja nur nochmal daran erinnern und an Mrs. Sánchez. José verlässt sich auf sie."
Schmidt unterbrach die Verbindung und legte sein Handy zurück auf den Tisch.
„War das Peres persönlich? Oder einer seiner Gehilfen?" Morgan sah ihren Gefangenen forschend an. Er vertraute Schmidt nicht.
„Er war es selbst. Die Sache ist ihm zu wichtig, als dass er sie einem anderen übergeben würde." Stellte Schmidt klar.
„Bei schätzungsweise zwei bis zweieinhalb Kilo Heroin von durchschnittlicher Qualität, geht es um einem Wert von mindestens 200.000 U.S.$." Rechnete Reid den anderen vor.
„Wir haben ein ganz anderes Problem: Wie groß ist die Mall?" Rossi wandte sich an Lawson.
„Riesig." War die knappe Antwort des Captain.
„Freitagnachmittag, da wird die Hölle los sein." Detective Harris sah die Menschen um den Tisch entsetzt an. „Wie sollen wir die Kunden sichern?"
„Indem wir uns so gut es geht über die Umgebung informieren." Erklärte Morgan. „Ich werde mich gleich mit Garcia und Reid dransetzen und einen Übersichtsplan zusammenstellen."
Das Team hatte alles für die Lagebesprechung vorbereitet. Die am Einsatz Beteiligten hatten sich in der Polizeistation zusammengefunden. Leise spekulierten sie über die Möglichkeit einen der am meisten gesuchten Männer des amerikanischen Kontinentes endlich zu fassen.
„Fangen wir an." Hotchner trat neben die Tafel, an der ein Plan des Einkaufzentrums hang.
Eine beängstigende Ruhe legte sich über den Raum. Die ganze Aufmerksamkeit fokussierte sich auf das Team, das sich zusammengefunden hatte.
„Wir kennen jetzt den Übergabeort. Ein Parkplatz der zur Lakewood Center Mall gehört. Heute, 17 Uhr. Zu dieser Zeit wird dort Hochbetrieb sein." Begann Hotchner das Einweisen der Polizeikräfte.
Reid deutete auf ein rotes Kreuz, das er auf den Lageplan gezeichnet hatte. „Nach dem Telefonat soll der Austausch der Geisel und der Schmuggelware in diesem Bereich stattfinden. Das Gelände ist ebenerdig und im Süden und Westen von mindestens dreistöckigen Häusern umstellt. Deshalb werden sich die Scharfschützen auf den Dächern der Häuser platzieren."
„Weiter werden wir Spähposten einsetzen", Morgan trat zu Reid an die Tafel, „die sich genau hier, hier und hier postieren werden."
„Carlos Peres", Rossi gab ein Foto an den nächststehenden Polizisten, der einen kurzen Blick darauf warf und weiterreichte, „ein bekannter mexikanischer Kartellchef. Man verdächtigt ihn hinter vielen Schmuggelgeschäften und Auftragsmorden zu stehen. Die man ihm bisher aber noch nie nachweisen konnte.
Nach den Recherchen der letzten Tage wissen wir, dass er in der Öffentlichkeit nie ohne zwei, drei Bodyguards auftritt. Er scheint Angst um sein Leben zu haben."
Rossi reichte Morgan einen Stapel mit Bildern. Zusammen mit Reid befestigte dieser die Fotos an der Pinnwand.
„Die Brüder Morales und Sola." Stellte Rossi den Anwesenden die Gegner vor. „Sie sind seine engsten Mitarbeiter. Er vertraut ihnen blind."
„Wichtig ist auch die Geisel, Maria Sánchez. Die fünfundvierzigjährige ist Mutter dreier Kinder. Nie negativ aufgefallen." Führte Prentiss weiter aus, während Frank das Foto an die Polizisten weiterreichte.
„Daher ist unsere höchste Priorität Mrs. Sánchez lebendig aus den Händen von Perez zu befreien." Hotchner ließ seinen festen Blick über die Menschen vor sich gleiten. Sie sollten merken, dass es ihm wirklich ernst war.
„Gut Leute, noch zehn Minuten bis 17 Uhr." Hotchners Stimme war durch den Sprechfunk zu hören. Er stand mit Captain Lawson im Eingang des südlichen Gebäudes. Vor ihnen breitete sich der große Parkplatz aus. Anscheinend wurde der Parkstreifen vor ihnen nicht gerne benutzt. Es war nur wenig Bewegung in diesem Teil des Platzes. „Ich hätte gerne von allen Posten eine Bestätigung."
„Harris: Alle auf Position." Augenblicklich meldete sich Detective Harris, der sich mit den Präzisionsschützen und den Spähern auf den Dächern verständigt hatte.
Reid saß auf der Rückbank eines Wagens. Die beiden Festgenommenen auf den Vordersitzen. Sie standen in einer Nebenstraße und warteten auf ihren Einsatz. „Auf Position." Gab er durch.
Im Eingang des westlichen Gebäudes warteten Rossi und JJ auf die Geschehnisse der nächsten Minuten. „Alles okay." Gab JJ durch. Prentiss und Frank hatten sich zu ihnen gesellt. Sie warteten auf ihr Stichwort, um sich in das Getümmel auf dem Parkplatz zu begeben. Genauso wartete Morgan in einem Wagen auf der anderen Seite des Parkplatzes: „Bin bereit."
„Gut… Es kann sein, dass sie früher kommen, daher haltet euch ab jetzt bitte bereit. Wir beginnen mit Phase 1." –
„Wir haben das Zeichen bekommen", meldete Reid von der Rückbank. „Fahren wir los."
Er bemerkte den kurzen Blick im Rückspiegel von Schmidt und legte augenblicklich seine Hand an die Waffe. „Sie wollen doch keine Dummheiten machen, Smith?"
Wieder erschienen die Augen im Rückspiegel, die Reid direkt ansahen. Sie spiegelten Verachtung und Wut wider. Reid spürte einen kurzen Schauer über seinen Rücken fließen, hielt aber entschieden dem Blick stand.
Der Deutsche ließ den Wagen an und fuhr langsam dem Treffpunkt entgegen.
„Hier S1." Erklang plötzlich eine Stimme über Funk. „Es nähern sich zwei schwarze Limousinen und ein Van."
„Leute, es geht los." Gab Hotchner den Startschuss.
„Sie biegen um die Ecke", meldete ein weiterer Sichtposten. „Sie sind auf der Zielgeraden."
„Phase 2 beginnt." Hotchner und Lawson zogen ihre Waffen.
Die drei Wagen fuhren langsam die Straße entlang.
Jetzt durfte nichts den Argwohn der Mexikaner erregen. Alles musste natürlich wirken. –
Die erste Limousine zog plötzlich links herüber. Sie wurde langsamer und hielt schließlich am Bordstein. Der Van rollte auf den Parkplatz und kam dort zum Stehen. Die zweite Limousine hielt hinter dem Van.
Sekundenlang schien nichts zu geschehen. So als warteten sie auf etwas. –
„Los, steigen sie aus. Zeigen Sie sich." Reid hatte sich auf der Sitzbank klein gemacht. Jetzt kam es darauf an alles richtig zu machen.
Langsam öffneten die beiden Männer auf den Vordersitzen ihre Türen und stiegen aus. Kaum waren sie zu sehen, öffneten sich auch die Vordertüren der Limousinen. In schwarzen Anzügen gekleidete Männer stiegen aus. Alle ließen ihre Blicke über die Umgebung schweifen, bereit jederzeit ihre Waffen zu ziehen. Sie verständigten sich stillschweigend. –
„Das sind die Brüder Morales." Flüsterte Lawson und deutete mit dem Kopf in die Richtung der ersten Limousine. „Die anderen zwei kenne ich nicht." –
Zwei Personen mit Einkaufswagen näherten sich. Prentiss und Frank liefen den Weg zwischen den nächsten parallelen Parkbuchten entlang und unterhielten sich eingehend. Sie taten so, als wenn sie von der Szene in ihrer Nähe nichts mitbekamen. In Wirklichkeit bemerkten sie jede kleinste Veränderung.
Die Fahrertür des Van öffnete sich. Eine weitere fremde Person stieg aus und stellte sich vor die Tür zur Rückbank.
Peres Beschützer hatten also keine Finte gerochen. Endlich öffnete sich eine weitere Tür der ersten Limousine. Peres stieg langsam aus und knöpfte sein Jackett zu.
Schmidt war unterdessen zum Kofferraum seines Wagens gegangen und hatte einen Aktenkoffer herausgeholt. Zusammen mit José kam er nun langsam auf die Mexikaner zu.
„Mr. Smith", Peres reichte dem Deutschen höflich seine Hand, „es ist schön, Sie mal persönlich kennenzulernen."
„José, alles in Ordnung mit deiner Familie? Geht es den Kleinen gut?" Ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. Er wusste, dass er den jungen Mann in der Hand hatte. José würde ihm noch einige ‚Gefallen' tun müssen, bevor er seine Mutter endgültig wiederbekommen würde. Wenn überhaupt.
„Haben Sie mein Geld?" Schmidt mochte diesen Smalltalk nicht. Er war lieber direkt.
„Sicher."
„Und meine Mum." Wagte José einzuwerfen.
Peres machte eine einladende Geste ihm zu folgen. Vor dem Van angekommen, nickte er seinem Mitarbeiter zu. Dieser öffnete die Tür und zog eine Frau in den Vierzigern heraus.
„Mum!" José wollte zu ihr gehen, doch Morales hielt ihn mit festem Griff zurück.
„José, mein Junge." Die Frau schien schwach, aber ansonsten schien ihr nichts zu fehlen.
Hinter der Geisel erschien noch ein weiterer Mann von Peres, der die ganze Zeit die Frau in Schach gehalten hatte. –
„Sola." Flüsterte Lawson. „Es sind alle da."
„Harris, wie sieht es mit den Schussbahnen aus?" Fragte Hotchner leise in das Mikrophon.
Es dauerte einen Moment, dann hörten sie Harris Antwort: „Alle Schussbahnen frei."
„Verstanden. Ihr wartet auf mein Zeichen." –
Sola hatte einen Aktenkoffer in der Hand, den er nun auf seinen Arm legte und öffnete.
„Möchten Sie nachzählen Mr. Smith?"
Schmidt nahm einen Stapel der Scheine heraus. Blätterte ihn durch. „Ich denke, dass wird nicht nötig sein."
„Dann bekomme ich jetzt mein Päckchen."
„Was ist mit meiner Mum?" –
„Peres wird Mrs. Sánchez nicht herausgeben. Er will sich José warm halten." Hörten sie Rossis Stimme durch den Funk. Er stand mit JJ in einiger Entfernung auf der Straße. Sie machten den Anschein sich zu unterhalten. –
Prentiss und Frank hielten die Luft an. Sie waren den Männern so nahe, dass sie ihr Gespräch verfolgt hatten.
„Wir müssen näher heran!" Flüsterte Prentiss ihrer Kollegin zu und deutete Frank den Weg an, den sie nehmen sollte. Sie selber entfernte sich augenblicklich in geduckter Haltung an den parkenden Wagen entlang. –
„Du hast sie doch jetzt gesehen. Das muss fürs Erste reichen, José. Sie lebt und solange du weiter schön brav bist und machst was man dir sagt, wird ihr nichts passieren."
„Nein!" Schrie der Junge auf, „Sie haben es versprochen."
„Aber José!" Peres tat entsetzt. „Du hast noch einiges abzuarbeiten. Dein Dad hat mir damals große Schwierigkeiten gemacht. Das ist durch diese kleine Sache noch lange nicht erledigt." –
Auch Morgan befand, dass die Situation langsam brenzlig wurde. Er öffnete leise eine Tür des Wagens, in dem er sich die ganze Zeit über versteckt hatte, und stieg aus. Bedacht schlich er sich näher an die Mexikaner heran. –
„So war das aber nicht abgemacht Peres." Schmidt mischte sich ein. Eigentlich konnte es ihm ja egal sein, aber wie dieser Mexikaner mit dem Jungen umging, war nicht in Ordnung. José passte nicht in dieses Geschäft.
„Es bleibt so wie es ist, Smith." Peres Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Es war hart und unnachgiebig. „Mischen Sie sich nicht ein, das geht nur José und mich etwas an."
Die nächsten Sekunden vergingen schweigend. –
Reid sah, dass Morgan aktiv wurde und folgte seinem Beispiel. Da der Wagen aber im Blickfeld der Gegner stand, musste er vorsichtig sein. Jede Bewegung des Fahrzeuges konnte die Aufmerksamkeit der Männer erregen. –
„Geben Sie mir mein Päckchen, Smith. Sie bekommen Ihr Geld und dann verschwinden Sie."
Sola schloss den Koffer und streckte ihn dem Deutschen hin. Langsam hob Schmidt den Koffer in seiner Hand und tauschte ihn mit Solas.
„Okay", hörten die Agents und Polizisten Hotchners Stimme über Funk. „Die Übergabe ist erfolgt. Zugriff, Zugriff!"
„FBI!" Plötzlich sahen sich die Mexikaner umringt. Mehrstimmig wurden ihnen die Anweisungen zugebrüllt. Aber die Gangster gaben sich nicht einfach so geschlagen.
Sola drückte Mrs. Sánchez zurück in den Van und warf die Tür hinter sie ins Schloss. „Steig ein!" Schrie er dem Fahrer zu und wandte sich seinem Chef zu.
Ein Schuss fiel. Ein weiterer folgte.
Der Morales-Bruder, der die Limousine gefahren hatte, schrie auf und fiel zu Boden.
Peres schnappte sich José und zog eine kleine Waffe aus seinem Hosenbund. Um sich schauend hielt er dem jungen Mann die Mündung an die Schläfe. Augenblicke später hatten die Mexikaner Peres in die Mitte genommen und zogen sich zurück. Sie visierten das nächstbeste Gebäude an, um keine offene Zielscheibe mehr zu bieten. Im Schutze der Mauer konnten sie einen Gegenangriff starten.
„Sie wollen in das Einkaufszentrum." Hotchner sah seine größte Befürchtung bestätigt. „Wir müssen sie vorher aufhalten."
Doch die Mexikaner waren bereits bis an den Eingang zurückgewichen. –
Der Fahrer des Van war kurz nach dem ersten Schuss in sich zusammengesackt.
Frank hatte es von ihrem Standpunkt aus gesehen und war zur anderen Seite des Vans geschlichen. Sie öffnete vorsichtig die hintere Tür und sah sich der verängstigten Mrs. Sánchez gegenüber. „Ich bin vom FBI. Kommen Sie Ma'am! Schnell." –
„Haltet euch zurück. In der Mall können wir nicht schießen. Es sind zu viele Zivilisten im Wege." Prentiss, Morgan, JJ und Rossi hatten sich um Hotchner versammelt. Hinzu kamen Lawson und zwei weitere Polizisten. „Gehen wir!"
Sie betraten, durch den breiten Eingangsbereich, das Einkaufszentrum. Schon hier schlugen ihnen die ersten panischen Schreie entgegen. Viele Menschen kamen auf sie zugelaufen, die entsetzt zurückschreckten, als sie die gezogenen Waffen sahen. Augenblicklich senkten die Agents ihre Waffen. Rossi gab den Polizisten ein Zeichen, ebenfalls die Waffen zu senken.
„Kommen Sie weiter." Morgan sprach die Leute an und deutete zur Tür. „Sie müssen hier raus. Schnell."
Vielleicht hatten die Leute die Aufschriften auf den Westen gelesen, vielleicht folgten sie auch nur ihrem Instinkt: Die Masse drängte weiter zum Ausgang.
Das Team rückte langsam weiter vorwärts. Sie mussten versuchen die Flüchtlinge in eine Ecke zu treiben.
„Dort." Lawson zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die Gruppe Menschen, die sich langsam immer weiter die Mall entlang schob.
Frank hatte Mrs. Sánchez hinter einem Wagen in Sicherheit gebracht. Schwer atmend ließ diese sich auf dem Boden nieder und Frank half ihr sich gegen den Wagen zu lehnen.
„Wie geht es Ihnen Mrs. Sánchez?" Frank sah die befreite Geisel besorgt an.
„Danke… Was macht Perez jetzt mit meinem Sohn?" Die treusorgende Mutter dachte zuerst an ihren Sohn, weniger an sich selbst.
„Sie werden ihn befreien. Haben Sie Vertrauen. Meine Kollegen werden ihn unversehrt zurückbringen."
„Hey Smith, bleiben Sie stehen!" Frank hörte Reids Stimme und sah erstaunt über die Motorhaube des Wagens hinweg.
Schmidt hatte sich heimlich, mit einem Koffer in der Hand, vom Übergabeort entfernt und wollte fliehen. Nun, wer hätte es in seiner Situation nicht versucht.
„Ich bin gleich wieder zurück!" Sagte Agent Frank zu Mrs. Sánchez und lief Reid zur Hilfe.
„Stehen bleiben, Smith, oder ich bin gezwungen zu Schießen!"
Frank stand kurz darauf neben ihrem Kollegen. „Machen Sie es nicht noch schlimmer Smith. Kommen Sie zurück. Und wir vergessen ihren kleinen Fluchtversuch."
„Susanne." Reid warf ihr entsetzt einen kurzen Blick zu.
„Er wird sowieso sitzen Spencer."
„Richtig. Die Frage ist nur wo! Ich glaube kaum, dass Hotch eine Auslieferung noch gutheißen wird, wenn er von seinem Fluchtversuch erfährt." Reid deutete mit dem Kinn auf den Flüchtenden, der mittlerweile von weiteren Polizeibeamten umstellt war.
Schmidt hob langsam seine Arme und ergab sich seinem Schicksal.
Entsetzte Schreie erschollen immer wieder in der Mall. Die Menschen gerieten in Panik, als sie die Mexikaner mit den gezogenen Waffen sahen und liefen gehetzt davon.
Als Gruppe, mit Peres und José in ihrer Mitte, schoben sich die Mexikaner durch die Passage auf den nächsten Ausgang zu.
Die Agents waren hingegen in Deckung gegangen. Sie bewegten sich von Pfeiler zu Pfeiler voran.
„Peres geben Sie auf. Sie und ihre Männer kommen hier nicht raus." Hotchner versuchte eine Verhandlung aufzubauen.
„Vergessen Sie es!" War die knappe Antwort.
Plötzlich ging die Tür auf, die Peres für seine Flucht anvisiert hatte. Polizisten drängten herein.
„Los, wir müssen hier raus!" Peres sah anscheinend nur noch die Flucht nach vorne und eröffnete das Feuer gegen die Polizisten. Weitere Schüsse fielen. Vor Schmerzen aufschreiend fielen zwei der Polizisten zu Boden.
Augenblicklich erwiderten die Agents den Angriff. Schnell fielen drei der Mexikaner zu Boden. Morales stellte sich vor seinen Chef und versuchte ihn mit seinem eigenen Körper zu schützen.
„Hören Sie auf, oder ich erschieße den Jungen." Erscholl Peres Stimme.
Hotchner überlegte und schaute quer über den Flur. Auf der anderen Seite standen Morgan und Prentiss. Morgan gab Zeichen. Er wollte sich zusammen mit Prentiss an den beiden vorbeischleichen und versuchen sie von hinten zu überraschen. Hotchner gab nickend sein Einverständnis und schon waren Prentiss und Morgan aus seinem Blickfeld verschwunden.
„Gut, was wollen Sie?" Hotchner ging auf die Verhandlung ein.
„Was ich will?" Peres lachte laut. „Hier raus! Unbeschadet."
„Lassen Sie José frei?"
„Mal sehen." Peres spielte.
„Ja oder nein?"
„Mal sehen…"
Plötzlich fielen in kurzem Abstand zwei Schüsse. Peres spürte, wie eine Kugel den Muskel seines Oberschenkels traf und das Bein dadurch seine Standfestigkeit verlor. Er packte José fester und versuchte sich aufrecht zu halten. Ihm war sofort klar, dass die Agents ihn unbedingt lebend fassen wollten. Aber noch stand Morales wie eine Wand vor ihm.
Doch die zweite Kugel hatte ihr Ziel nicht verfehlt. Morales stürzte vornüber zu Boden und rührte sich nicht mehr.
In diesem Moment der Verwirrung eilten die Agents herbei und erfassten Peres. Morgan drückte ihn zu Boden und ließ seine Handschellen einrasten.
Josés Beine versagten ihre Dienste. Aufschluchzend ließ er sich zu Boden sinken und schlug beschämt seine Hände vors Gesicht.
„José, es ist alles vorbei." JJ hatte sich neben ihn gehockt und ihre Hand beruhigend auf seine Schulter gelegt. „Alles ist gut. Deiner Mutter geht es gut."
José schaute JJ mit verwunderten Augen an, als verstehe er ihre Worte nicht.
„Lass uns hinaus zu meinen Kollegen gehen. Dann kannst du dich selber überzeugen."
Christa Schyboll:
"Viele Menschen sind unentwegt damit beschäftigt, die Bilder der Vergangenheit den Perspektiven der Gegenwart anzupassen, statt mit den inneren Bildern schon mal die Zukunft im Jetzt zu verändern."
„Sollen wir uns den Film heute Abend ansehen Emily?" Die Agents waren zurück in ihrem Büro in Quantico. „Ich habe schon im Programm nachgeschlagen."
„Tut mir leid, Reid." Prentiss zog eiligst ihre Jacke über und schnappte sich ihre Tasche. „Aber meine Mutter ist in der Stadt. Sie erwartet mich."
„Oh, schade." Reid ließ seine Tasche neben seinen Schreibtisch fallen und setzte sich. „Ich hatte mich schon so gefreut. Aber da kann man nichts machen."
„In den nächsten Tagen, versprochen!"
„Ich nehme dich beim Wort." Rief er ihr hinterher.
Rossi und Hotchner betraten das Großraumbüro.
„Schreibst du noch heute die Berichte?" Fragte Rossi seinen Kollegen.
„Bis Morgen", verabschiedete sich Prentiss von ihnen, als sie an ihnen vorbeieilte.
„Schönen Abend." Rossi schaute ihr lachend hinterher.
„Danke, euch auch."
„Die meisten Berichte sind schon fertig. Nur die Festnahme fehlt noch." Führte Hotchner das Gespräch mit Rossi fort. –
„Susanne, wie steht es mit dir? Hast du heute schon etwas vor?" Reid lehnte sich vor und schaute Frank von unten her an.
„Nein, bisher noch nicht."
Hotchner hielt den Atem an und lauschte auf die weiteren Worte.
„Was sagst du zu Kino."
„Gerne. Aber bitte etwas Lustiges. Ich will nach den vergangenen Tagen nur noch lachen." –
„Dann lass uns doch anschließend noch etwas trinken gehen." Schlug Rossi vor. –
„Geht klar…" Reid freute sich sichtlich über die Abwechslung.
„Okay. Gib mir noch fünf Minuten, dann bin ich fertig." –
„Aaron?!" Rossi berührte Hotchner am Arm, weil er auf seinen Vorschlag noch nicht geantwortet hatte. „Wo bist du mit deinen Gedanken?"
Wie aus einer Trance heimkehrend, sah Hotchner zu Rossi hinüber. „Was? … Ich kann nicht. Derek und Jessica sind verabredet… Aber ich mache dir einen anderen Vorschlag: Komm doch mit zu mir."
„Gerne", Rossi stimmte erfreut zu. „Dann bis gleich."
Hotchner zögerte einen Moment sein Büro zu betreten und schaute seinem Kollegen hinterher. Es lag nicht an Rossi, aber irgendwie bereute er seine Einladung. Er wäre heute Abend lieber alleine geblieben…
