Ein kurzes Vorwort muss erlaubt sein – Es hat lange gedauert bis diese Folge endlich einen einigermaßen akzeptablen Stand erreichte… Ich hoffe, euer Interesse für Susanne Frank bei der BAU ist noch nicht völlig verloren gegangen. Und ich kann euch versprechen, dass die nächste Folge nicht lange auf sich warten lassen wird. Folge 7 wird auch wieder etwas runder…

So, nun genug. Viel Spaß!

6 – Drei, Zwei, Eins

Ein Polizeiwagen fuhr langsam durch die dunklen, ruhigen Straßen. Es schien heute ein ruhiger Dienst zu werden. Der Polizist am Steuer lenkte den Wagen in die nächste Seitenstraße. Hier befanden sich die großen Fabrikhallen der hiesigen Geschäftsleute und da diese meistens auf der anderen Stadtseite wohnten, lag dieses Gebiet zu dieser späten Nachtzeit wie ausgestorben dar. Es bedurfte somit seine ganze Aufmerksamkeit. Doch es schien hier alles ruhig zu sein.

Am Ende der Straße wendete er den Wagen, als ihm im Rückspiegel ein Lichtschimmer auffiel. Abrupt drehte er sich in seinem Sitz um. Das Licht flackerte. Feuer!

Zwei Stunden später herrschte rege Betriebsamkeit in der Straße. Einsatzkräfte der Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen bevölkerten die Straße.

Eine alte, baufällige Halle stand in Flammen und erhellte die Umgebung. Trotz einer schnellen Meldung des Feuers, konnten die Feuerwehrmänner den Brand nicht unter Kontrolle bringen. Sie bündelten ihre Kräfte nun darauf ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbargebäude zu vermeiden.

Sie kämpften die ganze Nacht und noch den folgenden Tag. Erst als die Dämmerung die nächste Nacht ankündigte, gab der Feuerwehrchief seinen Leuten den Befehl die ersten Utensilien aufzuräumen.

„James, hast du einen Moment?" Ein Polizist trat auf einen Feuerwehrmann zu.

Sie standen nebeneinander und besahen sich schweigend die noch dampfenden Mauerreste der Halle.

„Wann meinst du, dass wir hineinkönnen? Die Versicherung hat sich eben schon bei mir gemeldet. Sie brauchen eine Einschätzung über den Schaden."

„Ehrlich Sam, ich habe keine Ahnung. Normalerweise würde ich von einer alten defekten Stromleitung oder von einem Kurzschluss bei der Heizung ausgehen.

Aber, wenn dein Mann recht hat und sich das Feuer so schnell ausgebreitet hat, sind diese Möglichkeiten eher unwahrscheinlich."

„Was war es dann?"

„Ich kann es dir nicht sagen. Wir müssen warten, bis wir hinein können. Es bringt jetzt nichts zu spekulieren."

„Wann?" Der Polizist schaute nun den Feuerwehrmann direkt an. Dieser hob zögernd seine Schultern.

„Vor Morgen Vormittag nicht."

Eine Wochen später

Ein roter Alpha Romeo fuhr die Auffahrt zum Parkhaus hinauf. Er schraubte sich hinauf auf das Oberdeck und hielt schließlich auf eine breite Parklücke zu.

Die Fahrertür ging auf und eine Frau Anfang der Dreißiger stieg aus. Sie hängte sich ihre Handtasche über die Schulter und öffnete die hintere Tür. Eilig sprang ein kleiner Junge heraus, dabei schien er unentwegt zu plappern.

Bumm!

Ängstlich zog die Frau das Kind an sich und ließ gleichzeitig ihren erschrockenen Blick über die Umgebung schweifen. Das Kind versuchte sich gegen den festen Griff zu wehren, es wollte sehen, was diesen lauten Knall verursacht hatte.

Eine Hitzewelle überfiel sie und eine Autohupe ließ ihren immer wiederkehrenden Ton erschallen. Das Auto selber brannte lichterloh.

Die Frau schnappte sich das Kind und lief zum Ausgang. Erst hinter der sicheren Wand wagte sie es den Notruf zu wählen.

Zwei Tage später

„Das sollten wir öfters machen." Garcia trat als erste aus dem Aufzug. Sie sah entspannt aus und ihre Gesichtsfarbe war leicht gerötet.

„Ja, sollten wir." Stimmte ihr Prentiss zu, die ihr zusammen mit JJ, Frank und Morgan aus dem Aufzug folgten.

„Und ihr ward vorher noch nie in dem Park?" Erstaunen sprach aus Franks Stimme.

„Nein, nie. Schade, dass jetzt erst der Winter kommt." JJ schien wirklich traurig. „Aber irgendwann wird es ja wieder wärmer."

„Hey Hotch… Sag nur ein neuer Fall?" Morgan hatte ihren Teamchef entdeckt, der abwartend in der Glastür stand. Augenblicklich fokussierte sich die Aufmerksamkeit des Teams auf ihn.

Es schien Frank, als habe er sie beobachtet. Ein leichtes Lächeln lag für einen kurzen Augenblick auf seinem Gesicht, bevor es wieder ernst wurde.

„Ja. Der Sheriff vom Oklahoma City Police Department hat uns um eine Einschätzung gebeten. Morgan, da es sich um Sprengsätze handelt, wollte ich dir den Fall übertragen."

„Ist gut." Morgan nahm die Mappe von Hotchner entgegen und öffnete sie augenblicklich, um einen ersten Blick hineinzuwerfen. „Hobart?"

„Ja, eine Kleinstadt, etwa 200 km von Oklahoma City entfernt. Die örtlichen Ordnungshüter haben sich hilfesuchend an den Sheriff gewandt."

„Terroranschläge?" Fragte Prentiss interessiert.

„Ausschließen können wir das noch nicht. Es gibt aber noch keine Bekennerschreiben." Erklärte Hotchner.

„Ich schaue mir die Ermittlungsergebnisse gleich an. – Bis später Leute." Morgan ging grüßend davon.

„Im ersten Moment hatte ich schon befürchtet, dass wir gleich los müssten." JJ war näher zu Hotchner herangetreten. „Dann wäre Jack aber traurig gewesen."

Hotchner nickte. Frank hatte seine Angespanntheit schon die ganzen letzten Tage gespürt. Und sie schien ständig zu steigen.

„Schrei es nicht herbei, JJ. Ich hoffe, dass vor Morgen Mittag keine Anfrage kommt. Ich könnte ihm nicht schon wieder absagen. Er muss schon oft genug auf mich verzichten."

„Mach dir keine Sorgen. Wir werden den Kindern Morgen schon beweisen, dass Jack sie nicht angelogen hat." Frank mischte sich optimistisch ein. Mit einem leichten Lächeln ging sie an den Kollegen vorbei und verschwand im Großraumbüro.

Eine dunkle Gestalt stahl sich durch die Nacht. Lauschend blieb sie im Schatten eines Gebäudes stehen. Sie bewegte ihren Kopf und schien der Stille in den Straßen zu lauschen. Schnell hatte sie die wenigen Lebewesen, die sich zu dieser späten Stunde noch auf der Straße befanden ausgemacht. Von keiner schien ihr wirkliche Gefahr zu drohen.

Langsam schlich sie weiter. Am Bordstein blieb sie kurz stehen. Sie bückte sich. Wer genau in die Tiefen der Nacht lauschte, konnte für einen Moment leises Metallklappern vernehmen.

Die Gestalt richtete sich wieder auf. Sie warf kurz einen Blick zurück und verschwand alsbald im Schatten des nächststehenden Gebäudes.

Oklahoma City.

Ein für diese Jahreszeit ungemütlich kalter Oktoberwind blies durch die Straßen. Langsam erwachte die Stadt und startete in den neuen Tag.

Die Tür eines Einfamilienhauses öffnete sich. Ein Mann trat hinaus. Er ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Fröstelnd schlang er seinen quietsche gelben Schal um den Hals und zog die schwarze Jacke fester um seinen Körper. Langsam stieg er die Stufen zum Gehweg hinunter und verschwand in der Menschenmenge, die sich ihren Weg die Straße entlang bahnte.

„Nun beeile dich schon Michael." Ein junges Mädchen wartete mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig und sah zu einem Bungalow hinüber, der den vielen Anderen in der Straße glich.

„Ich komme ja schon." Ein Junge im gleichen Alter erschien in der Eingangstür. Er sprang die Stufen von der Veranda mit einem Satz hinunter und lief die wenigen Schritte zu seinem Rad, dass er im Vorgarten abgestellt hatte.

„Jeden Morgen das Gleiche. Kannst du nicht einmal pünktlich aufstehen?" Das Mädchen hatte ihr Fahrrad mittlerweile in Bewegung gesetzt.

Michael trat kräftig in die Pedale und holte schnell auf.

„Tut mir wirklich leid, Lauren. Morgen hole ich dich ab!"

„Spar dir deine Puste und tritt in die Pedale."

„Wenn ich heute Morgen nicht diesen frühen Arzttermin hätte, wäre ich nicht auf die Straße gegangen. Diese Kälte schmerzt in meinen Gelenken." Eine ältere Dame saß auf der Bank in einem Wartehäuschen. Neben ihr zwei jüngere Frauen, die ihr zwar höflich einen mitleidigen Blick zuwarfen, aber nicht weiter auf das Gespräch eingingen.

Was die Dame aber nicht weiter störte und munter weiterplappern ließ: „Paulchen ist mein ständiger Begleiter." Sie wies auf einen schwarzen Pudel, der schwanzwedelnd vor seinem Frauchen saß und aufmerksam ihren Worten zu lauschen schien.

Ein Bus kam näher. Die Frauen standen auf.

Menschen eilten hinter der Bushaltestelle her. Unter ihnen der Mann mit dem gelben Schal. Auf der anderen Straßenseite fuhren die beiden Kinder auf ihren Fahrrädern.

Der Bus hielt, die Türen öffneten sich, die Fahrgäste stiegen aus…

„Es ist wirklich schön, dass sie es einrichten konnten Mr. Hotchner." Miss Mason, Jacks Lehrerin, kam mit Agent Aaron Hotchner den Schulflur entlang.

„Für Jack würde ich alles tun. Besonders, da er mir gesagt hat, dass die anderen Kinder ihm nicht glauben."

„Nun, Sie haben ja auch einen außergewöhnlichen Beruf." Wandte Miss Mason ein. „Nicht jedes Kind kann das von seinen Eltern behaupten."

Hotchner musste ihr im Stillen recht geben. Sein Beruf war wirklich nicht alltäglich.

„Sie sagten eben, Sie hätten noch eine Kollegin mitgebracht?!" Unterbrach Miss Mason die Stille.

„Richtig." Innerlich fühlte Hotchner das er mit dieser Entscheidung richtig gehandelt hatte. „Am liebsten wäre das ganze Team mitgekommen. Aber das hätte wohl den Rahmen gesprengt."

Bang!

Eine Druckwelle trieb den Knall vor sich her. Glas splitterte, Metall schepperte. Entsetzte Schreie. Autohupen erklangen.

Dann legte sich Stille über die Szene. Nur die Federung des Busses quietschte noch leise, der durch den Druck hin und her schwankte. Erde, Stein- und Glassplitter lagen überall verstreut.

„Nun Jack, wo ist denn dein Supervater?" Ein kräftiger Junge hatte sich vor dem Schreibpult seines Klassenkameraden aufgebaut. „Wieder alles nur Show?"

Lachend sah er auf Jack hinunter. Doch Jack ließ sich nicht von Bob einschüchtern. Er stand langsam auf. Da er jetzt immer noch ein Kopf kleiner als der Junge vor ihm war, schaute er zu ihm hinauf.

„Mein Dad ist da!" Behauptete er steif und fest.

Panik war ausgebrochen!

Menschen flüchteten, andere riefen nach ihren Freunden und Verwandten. Dazwischen ertönten von weitem die Sirenen der Rettungsfahrzeuge. Doch eine Polizeiabsperrung hielt sie vom Tatort entfernt. Zu groß war die Angst vor einer weiteren Explosion.

Frank hatte draußen auf dem Flur auf Hotchner gewartet. Als die Lautstärke im Klassenzimmer aber plötzlich auf null gesunken war, trat sie neugierig geworden ein.

„Susanne", schlug ihr Jacks Stimme entgegen. Eilig schlängelte sich der Junge an Bob vorbei und kam auf sie zu. „Ist Dad auch da?"

„Er spricht gerade noch mit Miss Mason." Frank hatte sich zu dem Sohn ihres Chefs hinunter gebeugt und strich ihm liebevoll durch das dunkelblonde Haar. Sie sah dem Jungen die Erleichterung über ihre Worte an.

Schnell hatte sich die Neuigkeit der explodierten Bombe durch die Straßen von Oklahoma City verbreitet. Im ganzen Umland herrschte entsetzte Panik.

„Ich habe den Katastrophenalarm ausgelöst." Der Sheriff ließ seinen Blick über die Leute, die sich im Besprechungsraum des Revieres versammelt hatten, schweifen. „Das FBI ist auch schon verständigt. Special Agent Ella Hawkins hat uns Hilfe versprochen. Sie werden in Kürze zu uns stoßen."

Die Augen des Sheriffs suchten die Uhr an der gegenüberlegenden Wand. „Die offizielle Wartezeit ist bald abgelaufen, dann können wir uns endlich am Tatort umsehen."

„Wenn es sich wirklich um einen Terroranschlag handelt, dann brauchen wir Hilfe." Eine dunkelhaarige Frau in den Vierzigern betrat den Raum. Sie ging direkt auf den Sheriff zu und reichte ihm die Hand zur Begrüßung: „Sheriff Sloane? … Agent Hawkins. Haben Sie schon neue Erkenntnisse?"

„Nein. Die Zeit ist noch nicht abgelaufen. Wir dürfen uns dem Tatort erst in einer Stunde nähern."

„Wir haben uns entschlossen, die BAU aus Quantico mit einzubeziehen. Sie werden gerade über den Anschlag in Kenntnis gesetzt."

„Meinen Sie, dass das wirklich nötig ist, Ma'am?" Ein Polizist sah die Frau im dunklen Anzug abschätzig an.

„Ja, das meine ich." Agent Hawkins sah den Mann direkt in die Augen. „Die BAU hat schon des öfter mit Terroranschlägen zu tun gehabt. Sie werden erkennen, ob es einer war oder was und wer hinter diesen Anschlägen steckt."

Hotchner stand vor der Klasse und berichtete den Kindern über seine Arbeit. Frank hatte sich an die Wand neben der Eingangstür zurückgezogen und hörte interessiert seinen kindergerechten Ausführungen zu. Ihr Blick streifte über die Gesichter der Kinder. Ein jedes war voll im Bann seiner Stimme. Er hatte wirklich ein Händchen für Kinder.

„Ich denke, jetzt habe ich euch grob erzählt, woraus die Arbeit des FBIs besteht. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir jetzt noch Fragen stellen." Hotchner hatte sich auf der Kante des Lehrerpultes niedergelassen und schaute die Kinder offen lächelnd an.

Erst meldete sich niemand. Dann schossen die Hände in die Höhe.

„Bitte." Hotchner wies auf einen kleinen Jungen in der ersten Reihe.

„Haben Sie schon viele Leichen gesehen?" Atemlos brachte er seine Frage heraus.

Hotchner schmunzelte vor sich hin. „Schon einige."

„Uaargg." Quietschten einige Mädchenstimmen.

„Ich habe auch schon mal eine Leiche gesehen." Meldete sich eines der Mädchen zu Wort. „Meine Oma. Sie ist einfach nicht wieder aufgewacht."

Hotchner sah kurz lächelnd zu Frank hinüber. Das hatte nichts mit den Leichen zu tun, die sie fanden. –

Frank spürte, wie sich die Frequenz ihres Herzschlages erhöhte. Der kurze Blick, aus dunklen, ausgelassenen und übermütig blitzenden Augen, schien ihr endlos lange. Nach scheinbar endlosen Sekunden, spürte sie, wie ihr Magen rebellierte.

Sie atmete tief durch, doch ihr Inneres ließ sich nicht beruhigen. Konnte es sein? … Es durfte nicht sein!

Frank fiel es schwer ihren Blick abzuwenden, doch sie zwang sich dazu und starrte zu Boden. –

Bob, der in der letzten Reihe saß, lehnte sich in seinem Stuhl entspannt zurück: „Ich werde auch mal FBI-Agent. Dann habe ich auch meine eigenen Sicherheitsleute."

Hotchner hatte seine Brauen leicht zusammen gezogen. Was meinte der Junge? Er folgte dessen Blick. Frank.

„Tut mir leid, mein Junge. Aber Agent Frank ist ein Mitglied aus meinem Team." Lächelnd schaute er zu ihr hinüber. „Komm her Susanne." Während er weitersprach, trat Frank vor die Klasse. Gott sei Dank hatte sich ihr Herzschlag wieder etwas beruhigt.

„Agent Frank kommt aus Deutschland und ist für ein Jahr meinem Team zugeteilt. Es ist wichtig, gute Kontakte mit allen Ländern auf der Welt zu halten." –

Die Nähe zu ihrem Chef irritierte Frank, aber sie versuchte ihr Inneres ruhig zu halten. –

Hotchner ließ den Kindern kurz Zeit, die Informationen zu verarbeiten. „Bei uns ist Teamarbeit gefragt. Jeder muss sich auf den Anderen im Notfall verlassen können. Heldenhaftes Verhalten lässt sich nicht immer vermeiden, ist aber wirklich die Ausnahme. Denn man begibt sich nicht alleine in die Gefahr, man zieht auch automatisch das ganz Team mit hinein." –

Frank spürte ihr Handy in der Hosentasche. Es vibrierte. Sie zog es heraus, schaute auf das Display und wandte sich erleichtert ab.

„JJ, was gibt's?" Nahm sie das Gespräch an, noch bevor sie aus der Tür war. Hotchner horchte auf. Versuchte sich aber weiter auf die Fragen der Kinder zu konzentrieren.

„Wir haben einen neuen Fall herein bekommen. Wie weit seid ihr?"

„Es gibt noch viele Fragen. Aber ich denke, dass wir uns hier in einer guten viertel Stunde loseisen können."

„Gut, ich bestelle das Flugzeug dann für 12 p.m."

Franks Blick ging hoch zu einer Uhr an der gegenüberliegenden Wand: „Das sollten wir schaffen… Worum geht es?"

„Um ein Bombenattentat in Oklahoma City."

„Ich gebe es an Hotch weiter. Wir sehen uns dann gleich."

„Und wie läuft es mit den Kindern?" JJ schien nun etwas entspannter.

„Ganz gut. Hotch hat sie mit seinen Erzählungen völlig eingefangen."

Immer mehr Helfer trauten sich in den abgesperrten Bereich. Zu aller Erleichterung hatten sie bisher noch keine Leiche gefunden, nur Verletzte. Und es sah auch nicht nach einer weiteren Explsion aus. Zumindest in der nächsten Zeit nicht…

Monika Feth:

Buchzitat aus „Der Schattengänger"

„Meine Welt war in Scherben gefallen… Sie hatte sich nicht mehr kitten lassen, meine Welt, im Gegenteil. Sogar die Scherben waren noch einmal zu Bruch gegangen. Damals…"

Es regnete in Strömen. Frank und Hotchner liefen auf das Flugzeug zu, das schon mit laufenden Motoren auf dem Rollfeld wartete. Sie stiegen die Treppe hinauf und Hotchner verschloss die Tür.

„Gib mir deine Jacke, ich hänge sie auf, damit sie trocknen kann." Frank hatte ihre Haare leicht ausgeschüttelt und strich sich nun mit den Fingern durch die dunkelblonden Fransen.

„Danke." Hotchner lächelte ihr freundlich zu.

Während er die Jacke auszog, bot Frank ihm an: „Du kannst schon mal vorgehen, ich komme gleich nach."

„Ich warte. Wir fangen sowieso erst an, wenn alle versammelt sind." Er reichte Frank die triefende Jacke. Für einen kurzen Moment berührten sich ihre Hände. Glühendheiße Wärme durchströmte Franks Körper, die sie erstarren ließ.

Mühsam zwang sie sich zu: „Ich komme sofort nach."

„Okay." Sekunden später war Hotchner endlich hinter dem Vorhang zum Passagierbereich verschwunden.

Schwer atmend lehnte sich Frank gegen die Kabinenwand. Irritiert versuchte sie ihre Gefühle zu unterdrücken. Es durfte nicht sein!

Seine Nähe während der Fahrt zum Flughafen hatte sie völlig verkrampfen lassen. Wie sollte das in den nächsten Wochen und Monaten nur weitergehen?

Ihr wurde bewusst, dass sie ihre Gefühle so schnell wie möglich wieder in die richtige Bahn lenken musste. Aber wie?

Bemüht versuchte sie sich wieder zu fassen. Doch dann begann die Jacke in ihren Händen zu brennen. Das Innenfutter war noch warm und ein leichter bekannter Duft, der ihre Sinne augenblicklich wieder verwirrte, stieg ihr in die Nase. Eilig verstaute sie die beiden Jacken im Schrank und schlug die Türen zu. Geschafft. Sie fuhr sich mit der noch feuchten Hand über das Gesicht, aber die Erkenntnisse der letzten Stunde ließen sich nicht mehr so einfach fortwischen. –

„JJ, was hast du?" Hotchner war an seinen Agents vorbei getreten und setzte sich auf den Einzelsitz, der in der letzten Zeit zu seinem Stammplatz geworden war.

„Wo ist Susanne?" Prentiss wunderte sich, dass ihre Kollegin nicht sofort hinter Hotchner erschienen war. Sie hatte die beiden doch zusammen das Flugzeug betreten sehen.

„Sie kommt sofort. Sie verstaut nur noch … die Sachen." Beschwichtigte Hotchner und wandte seinen Blick wieder Agent Jareau zu.

„Direktor Sanders kam und hat mich persönlich gebeten, dass wir in Oklahoma City helfen."

„Also wirklich Oklahoma City. Ich hatte gehofft, dass Susanne sich verhört hätte."

„Warum? Was ist so besonderes an einem Bombenanschlag in dieser Stadt?" Frank trat hinter dem Vorhang hervor und setzte sich mit ernstem Gesicht zu den Anderen an den Tisch.

„Bis 9-11 war der Bombenanschlag am 19. April 1995 auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City der bisher größte Terroranschlag der USA." Begann Rossi zu erklären.

„Es sind damals 168 Menschen gestorben, davon waren 19 Kinder. Über 800 Menschen wurden verletzt und insgesamt 300 Gebäude beschädigt." Brachte Reid die Statistik ein.

„Was war das für eine Bombe?" Fragend sah Frank in die Runde.

„Ein Van mit einer selbstgemischten Flüssigbombe explodierte." Begann Hotchner weiter auszuführen. „Die Bombe bestand aus Düngemittel und einem Kraftstoffzusatz."

Prentiss fuhr fort: „Es wurden damals drei Menschen festgenommen und verurteilt. Timothy McVeigh wurde als Drahtzieher mit der Giftspritze hingerichtet."

„Wir wissen bis heute nicht, welcher Organisation wir diesen Anschlag zuordnen sollen. Es hat sich keine dazu bekannt." Ergänzte Rossi.

„Einige gehen davon aus, dass sich die Drei einen Namen machen wollten, um in einer bestimmten Organisation einsteigen zu können." Brachte Morgan als weiteren Punkt an.

„Also so eine Art Mutprobe." Versuchte Frank zu schließen.

„Ich möchte es so nicht nennen. Es starben zu viele Menschen." Stellte Hotchner klar. „Aber,… ja."

Damit beendete Hotchner das Thema und wandte sich direkt an Morgan. „Was hast du über die beiden ersten Bomben herausgefunden?"

„Es wurden keine Fingerabdrücke auf den Bombenresten gefunden. So wie es momentan ausschaut waren es Flüssigbomben. Die Zusammensetzung wird noch untersucht. Obwohl die zweite Detonation sehr viel stärker war, wurden bei beiden keine Menschen verletzt." Fasste Morgan seine bisherigen Kenntnisse zusammen. Während er weitersprach nahm er einen Zettel zur Hand.

„Ich habe Garcia die Namen der Beteiligten gegeben. Sie sucht alle Daten zu ihnen zusammen. Da wäre die Firma Havering Bau, die die alte Halle als Lager für ihr Materialien und Maschinen benutzt hat. Dann ein Christian Boll. Ihm gehörte der Wagen, der im Parkhaus explodierte."

„Das hört sich für mich an, als hätte er erst die Kraft seiner Bomben ausprobiert." Sprach Prentiss ihre Erkenntnisse aus dem Gesagten laut aus. Zustimmend nickte ihr Rossi zu. Diese Vermutung war ihm auch augenblicklich gekommen.

Kaum war das Flugzeug in Oklahoma City gelandet, kämpfte sich das Team durch die Straßen zur Polizeistation. Sie konnten die Panik der Einwohner in der Luft spüren. Autos rasten die Highways hupend hinunter und das mitten am Tag.

Sie fuhren mit den Vans hinter das Polizeirevier auf den großen Parkplatz für den Fuhrpark der Polizei. Doch bis auf ein, zwei Polizeiwagen und einige Privatwagen war der große Platz leer. Eilig stiegen die Agents aus und betraten den alten Bau aus den 1950er Jahren.

„Sir, kann ich Ihnen helfen?" Eine junge Polizeibeamtin sah Hotchner, der als Erster den Raum betreten hatte, lächelnd an. Trotz des ganzen Chaos in der Stadt schien sie die Ruhe selbst zu sein.

„Agent Hotchner vom FBI. Agent Hawkins hat uns zur Hilfe gerufen."

„Die BAU?!" Jetzt schien die Polizistin wirklich beeindruckt. „Kommen Sie Sir, ich bringe Sie zur Versammlung." Sie öffnete den Tresen und bat die Agents mit einer Handbewegung ihr zu folgen.

„Alle warten schon auf ihr Eintreffen."

Kurz darauf stieß sie eine Tür auf. „Sir, die BAU ist jetzt da!"

Hotchner trat in den großen Raum, der fast zum Bersten gefüllt war. Die anderen folgten ihm auf den Fuß.

„Agent Ella Hawkins, Sir." Die Frau im Anzug trat offen auf ihre Kollegen zu.

„SSA Aaron Hotchner." Hotchner ergriff die Hand von Hawkins. Dann drehte er sich um: „Meine Kollegen. Die Agents Jareau, Rossi, Prentiss, Morgan und Frank. Und Doktor Reid."

Als er Rossis Namen nannte, ging ein leises Raunen durch die Reihen. Er war überall wegen seiner Bücher bekannt und der Vorträge die er über Gewaltverbrecher und deren Opfer hielt.

Rossi hatte seinen Blick interessiert über die Menschen gleiten lassen und hier und da ein bekanntes Gesicht entdeckt. „Sheriff Sloane." Der Sheriff hatte ruhig an der Seite abgewartet und trat nun vor. Herzlich erwiderte er Rossis Händedruck.

„Haben Sie Neuigkeiten für uns, Sheriff?" Rossi kam ohne große Umschweife zum Thema.

„Wir waren vor Ort und haben uns umgesehen." Begann Sheriff Sloane zu erklären. „Es gibt bisher nur Verletzte, keine Toten. Die Bombe scheint im Abwasserkanal detoniert zu sein."

„Haben Sie schon Teile der Bombe gefunden?" Morgan mischte sich interessiert ein. „Dann könnten wir versuchen sie wieder zusammenzusetzen. Vielleicht gibt sie uns einen Hinweis."

„Ja, es sind Teile gefunden worden. Meine Leute vor Ort suchen die Gegend aber noch weiter ab." Erklärte der Sheriff.

Dann drehte er sich zu einer Pinnwand um, an der Fotos befestigt waren. „Das ist die zerstörte Bushaltestelle."

Das Glas war zersplittert, das Metall hatte sich leicht verbogen. Ein einziges Durcheinander herrschte.

„Ich würde mich gerne vor Ort umsehen." Morgan sah seinen Chef fragend an. Dieser zögerte. Es war gefährlich… Aber durch ihren Beruf waren sie täglich Gefahren ausgesetzt. Daher nickte Hotchner stumm.

„Ich würde auch gerne mitfahren." Frank wollte sich gerne ein eigenes Bild machen. Wann bekam sie schon die Chance das Ergebnis einer solchen Explosion zu sehen. Sie sah Hotchner entschlossen in die Augen. So sah sie einen kurzen Moment die Angst, die ihn durchschoss. Schlagartig hatte er sich wieder im Griff.

„Das geht nicht." Brachte er leise hervor. „Ich kann es nicht verantworten."

Verwundert zog Frank ihre Stirn kraus. Sagte aber nichts weiter dazu.

„Ich fahre mit." Bot Prentiss an.

Hotchner fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, aber zögernd nickte er.

Da die Personalfragen nun endlich geklärt waren, wandte sich Morgan an Sheriff Sloane. „Wie kommen wir am Schnellsten zum Tatort?"

„Bei dem Chaos da draußen? Am besten mit unseren Bikes."

Morgan warf Prentiss einen fragenden Blick zu. Diese nickte zustimmend.

„Gut, Grover wird sie begleiten." Sloane wandte sich an den Deputy, den Hawkins zuvor in seine Schranken verwiesen hatte. Dieser trat augenblicklich näher heran.

„JJ wir müssen so schnell wie möglich eine Pressekonferenz einberufen." Hotchner hatte sich an seine blonde Kollegin gewandt. „Die Menschen brauchen Halt. Keine ahnungslose Panik."

„Dabei sollte erwähnt werden, dass wir den Anschlag nicht dem Terrorismus zuschreiben." Stellte Rossi klar.

„Nicht?!" Verwundertes Gemurmel erhob sich im Raum.

„Nein." Wandte sich Reid an die Anwesenden. „Es ist noch kein Bekennerschreiben eingetroffen. Es fehlt der Selbstmörder. Und auch sonst sieht es nicht wie ein professioneller Anschlag aus."

„Zusätzlich werden wir eine Hotline einrichten. Die Menschen sollen das Gefühl bekommen, nicht alleine da zustehen." JJ führte das weitere Vorgehen aus.

„Ich helfe dir dabei." Hotchner tauschte mit seiner Kollegin einen kurzen verstehenden Blick und wandte sich dann den restlichen Einsatzkräften zu. Doch bevor er weitersprechen konnte, wurde er von Agent Hawkins unterbrochen:

„Ich werde auch helfen." Sie bemerkte wohl die sekundenlange Stille im Raum und erklärte: „Ich habe einige Verbindungen zur hiesigen Presse."

„Gut…" gab Hotchner sein okay. „Der Rest kümmert sich dann bitte um die Opfer. Wer war wieso am Tatort, wo wollte er hin und wo befand er sich während der Explosion."

„Der Grad ihre Verletzungen wäre auch noch interessant." Führte Reid seine Gedanken laut aus.

Hotchner nickte verstehend und wandte sich dann an den Revierchef: „Sheriff Sloane, ist es möglich, dass einige ihrer Beamten helfen? Es sind viele Menschen betroffen."

„Natürlich." Antwortete der Sheriff eiligst. Ihm war daran gelegen so schnell wie möglich wieder Ruhe und Ordnung in seine Stadt zu bringen.

Ein Mensch, mit kurzen dunkelbraunen Haaren, saß an einem Tisch. Vor ihm lagen viele kleine Einzelteile auf der Platte verstreut, die er vorsichtig zu sortieren versuchte.

An der Wand gegenüber stand ein Fernseher, der die Panik in Oklahoma City der ganzen Welt zugänglich machte. Der Ton war an, auch wenn man ihn nur leise im Hintergrund wahrnehmen konnte.

„Du solltest mit Susanne reden." Rossi war zu Hotchner getreten, der sich interessiert über die Fotos des Tatorts gebeugt hatte. Verwundert legte er das Foto, das er gerade in der Hand hielt, zurück auf den Stapel auf dem Tisch und richtete sich auf. „Warum?"

Rossi war klar, dass er genau wusste warum. Aber der Altermittler tat Hotchner den Gefallen: „Sie hat ein Recht zu wissen, warum du ihr nicht erlaubt hast mit zum Tatort zu fahren."

Hotchner überlegte kurz. „Wäre es nicht besser, wenn du es ihr erklären würdest? Bei mir würde es wahrscheinlich nur wie eine lahme Ausrede klingen. Ihr fahrt doch zusammen ins Krankenhaus."

„Na schön. Weil du es bist… Aber ich dachte ihr hättet es geklärt."

„Das haben wir." Hotchner sah Rossis ungläubigen Blick und hob beschwichtigend seine Hände. „Wirklich!"

„Dann werde ich es dir glauben… Wir verschwinden dann jetzt."

Hotchner schaute seinen Kollegen hinterher, die nach und nach das Polizeirevier verließen. Endlich wurde es ruhiger. Die Anspannung, die den ganzen Tag seinen Körper aufrecht gehalten hatte, fiel von ihm ab. Ermattet setzte er sich auf einen Stuhl und starrte vor sich hin. Seine Gedanken rasten.

Wie hätte er es Frank erklären sollen?

Langsam wurde es ruhiger am Tatort. Der Bereich war großräumig abgesperrt worden und die meisten Verletzten bereits in die umliegenden Krankenhäuser gebracht worden. Dafür wimmelte es jetzt von Polizisten und FBI-Agents. Beide Behörden hatten ihre sämtlichen Spurensicherer mobilisiert.

Morgan hockte vor dem Abwasserschacht, der durch die Explosion schwer demoliert worden war. Wie immer konnte man hier keine Spuren mehr finden. Daher wurden sämtliche Einzelteile der näheren Umgebung eingesammelt. Jedes Teil wurde akribisch auf Spuren untersucht.

Er erhob sich wieder und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Prentiss stand mit Deputy Grover nur wenige Schritte entfernt bei der Bushaltestelle. Langsam ging er zu ihnen hinüber.

„Emily", begann er sogleich, „ein Terroranschlag war das ganz bestimmt nicht."

„Du meinst, wenn er Menschen hätte töten oder noch mehr hätte verletzen wollen, dann hätte er die Bombe hier bei der Bushaltestelle deponiert?"

Morgan nickte. „Oder zumindest hier in der Gegend…" Er drehte sich zu dem Loch im Boden. „Die stärkste Kraft der Bombe wurde schon im Schacht abgefangen."

„Schreckliches Bild." Prentiss deutete auf die Umgebung.

Frank und Rossi waren mit einer Gruppe von Polizisten in eines der Krankenhäuser gefahren, die die Verletzten aufgenommen hatten.

„Entschuldigen Sie, ich bin Agent Rossi vom FBI. Meine Kollegin Agent Frank. Können wir Ihnen einige Fragen zu der Explosion stellen?" Rossi hatte sich zu einer Frau um die vierzig hinunter gebeugt, deren Bett als nächstes auf dem Flur stand, da die Zimmer bereits mit schwerer Verletzten besetzt waren.

Mit immer noch vor Angst weit geöffneten Augen nickte sie zustimmend.

„Wissen Sie noch was passiert ist Mrs. White?" Frank hatte einen kurzen Blick auf den Namen am Krankenbett geworfen und versuchte nun der Frau durch ein beruhigendes Lächeln Sicherheit zu vermitteln.

„Ich war auf dem Weg zur Arbeit." Die Stimme der Frau war in dem allgemeinen Tumult des Krankenhauses nur schwach zu verstehen. Daher beugten sich die beiden Agent näher zu der Verletzten hinunter. „Ich nehme immer den Bus… Dann gab es einen Knall. Die Menschen um mich herum begannen zu schreien. Plötzlich war die ganze Luft von Angst erfüllt."

„Wo waren Sie ungefähr als die Bombe explodierte?" Rossi hatte interessiert den Ausführungen gelauscht, während sich Frank Notizen machte.

„Ich saß auf der Bank im Wartehäuschen."

„Ist Ihnen kurz vorher irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? War irgendetwas anders als an den Tagen zuvor?"

Die Frau überlegte, schüttelte dann aber leicht ihren Kopf. „Nein."

„Vielen Dank Mrs. White. Ruhen Sie sich aus." Frank berührte leicht die noch immer zitternden Hände der Frau und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

„Agent Hotchner!?" Sheriff Sloane kam auf JJ und Hotchner zugeeilt. „Die Spurensicherung ist sich sicher alle wesentlichen Teile der Bombe nun gefunden zu haben."

„Und was können sie uns schon über sie sagen?"

„Es war nur eine kleine Bombe. Sie wurde über einen Countdown aktiviert. Die Experten meinen, dass sie aus TNT bestand."

„TNT?" Hotchner sah den Sheriff verwundert an. „Der Sprengstoff wird nur für das Militär hergestellt."

Reid befand sich in einem anderen Krankenhaus. Auch hier waren sämtliche Kapazitäten ausgeschöpft. Die Betten mit den leichteren Verletzten standen an den Wänden in den Gängen. Und doch lief hier alles ruhig und gesittet ab. Reid war erstaunt. Wahrscheinlich waren die meisten Menschen erleichtert, diesen Angriff überhaupt überlebt zu haben.

Er betrat ein Krankenzimmer und ließ seinen Blick langsam von einem Bett zum anderen wandern.

„Haben sie Paul endlich gefunden?" Eine ältere Frau setzte sich mühsam in ihrem Bett auf und sah Reid aus traurigen aber hoffnungsvollen Augen an.

Langsam ging er zu ihrem Bett.

„Sind Sie von ihm getrennt worden? Da kann Ihnen das Pflegepersonal im Moment eher Auskunft geben. Wir müssen die Listen der Verletzten erst noch bekommen.

Ich bin Doktor Reid. Ich arbeite für die Verhaltensanalyseeinheit des FBI. Ich würde Ihnen gerne einige Fragen zu der Explosion stellen. Das könnte uns helfen den Täter schneller zu fassen."

Verwundert schaute die Frau zu ihm hoch. Es schien, als wären seine Worte gar nicht zu ihr durchgedrungen.

„Haben Sie verstanden was ich gesagt habe, Mrs. …?"

„Maxwell. Elvira Maxwell." Also schien sie doch zugehört zu haben. „Ich habe auf den Bus gewartet. An der Haltestelle."

„Wo waren Sie da genau?"

„Ich habe auf der Bank gesessen. Neben zwei netten jungen Damen. Ihnen hat Paul auch gefallen."

„Und wo war Paul zu dem Zeitpunkt der Explosion?"

Verständnislos sah sie Reid an. „Na vor mir. Er passt immer auf, dass mir nichts passiert."

Konnte diese Frau so einsam sein, dass sie sich einen Freund ausgedacht hatte? Reid wusste, die Psyche des Menschen war zu allem in Stande.

„Können Sie mir noch sagen wohin Sie unterwegs waren Mrs. Maxwell?"

„Ich hatte einen Arzttermin… Ohh, ich habe in der ganzen Aufregung vergessen in der Praxis Bescheid zu geben."

„Bleiben Sie ganz ruhig Mrs. Maxwell." Versuchte Reid mit leiser Stimme auf die ältere Dame einzuwirken. „Die können sich bestimmt denken, dass Sie mitten in dem Chaos waren."

Beruhigter legte sich Mrs. Maxwell zurück und schloss die Augen.

„Ich muss jetzt weiter. Sollte ich etwas über Paul erfahren, gebe ich Ihnen Bescheid, Mrs. Maxwell."

„Ach, das wäre nett." Seufzte die Frau auf. „Er ist doch so wählerisch mit seinem Fressen."

Reid lächelte vor sich hin, als er das Zimmer verließ. Dann war Paul wohl ein tierischer Freund.

„Susanne", Rossi hatte seinen Schritt verlangsamt und stoppte an einer kleinen Fensternische.

„Ja?" Verwundert blieb Frank stehen und drehte sich zu ihrem Kollegen um. Langsam kam sie ein paar Schritte zurück.

„Hotch wollte dich nicht bestrafen oder ausschließen."

Verständnislos sah sie den Altermittler an. „Was meinst du?"

„Als er dich vorhin nicht mit zum Tatort gelassen hat.

Du musst wissen, seit 9-11 gibt es bei uns besondere Sicherheitsmaßnahmen. Das bedeutet zum Beispiel, dass selbst die Ersthelfer erst an den Tatort dürfen, wenn ein Bombenräumkommando die Umgebung gesichert hat.

Gerade Terroristen führen gerne eine zweite Anschlagswelle gegen die Ersthelfer aus. Die Menschenansammlung ist durch sie noch größer."

Frank nickte verstehend. Ihre Stimme klang ruhig, als sie erklärte: „Davon habe ich schon gehört. Und ich verstehe und akzeptiere seine Entscheidung,… wirklich!"

Rossi beobachtete Frank genau. Ihre Aussage schien ernst gemeint. „Gut."

Gemeinsam betraten sie kurz darauf das nächste Krankenzimmer.

„Oh du armer kleiner Kerl." Prentiss hatte leises Winseln unter einer Bustür ausgemacht. Diese war bei der Detonation vom Bus abgesprengt worden und über den Fußweg gerutscht. „Derek kannst du mir mal helfen?!"

Eilig kam ihr Kollege hinzu. Mit einem kurzen Blick hatte er die Situation erfasst. „Warte, ich hebe die Tür an."

„Ruhig, Kleiner." Prentiss streichelte dem Hund beruhigend über den Kopf.

Vorsichtig hob Morgan das Metall Zentimeter für Zentimeter an. Der Hund winselte leise.

„Grover gibt es hier in der Nähe einen Tierarzt?" Der Deputy war neugierig herangetreten.

„Ja, zwei Querstraßen von hier."

Morgan stellte die Tür gegen eine Mauer, die den Fußweg vom anliegenden Grundstück trennte. Prentiss streichelte weiterhin beruhigend dem Pudel über den Kopf. Entschlossen sah sie ihren Kollegen an, der sich ihr gegenüber niedergelassen hatte.

Morgan nickte nur, zog seine Jacke aus und wickelte sie vorsichtig um den Hundekörper.

Als Morgan den Hund hochhob, versuchte sich dieser winselnd und windend aus seinen Händen zu befreien.

„Ruhig Kleiner. Wir wollen dir doch nur helfen." Prentiss nahm den Kopf des Hundes und schaute ihm freundlich in die Augen. Augenblicklich hielt der Hund still.

„Wo geht es lang?" Morgan sah Grover auffordernd an.

„Dort." Kam es recht teilnahmslos.

„Ja, dann los." Forderte ihn Morgan mit einem Blick auf, voranzugehen.

Ein Rohr aus durchsichtigem Kunststoff. Eingebettet zwischen Schaumstoff, ruhte es in einem Aktenkoffer. Der Aktenkoffer, den Deckel noch geöffnet, lag auf dem Tisch.

Daneben, schwarz, eine Funksteuerung für Garagentore. Und eine Batterie.

Der Fernseher brachte noch immer die neuesten Meldungen aus der aufgewühlten Stadt.

Von dem Mann fehlte jede Spur.

Frank und Rossi traten zum letzten Bett im Krankenzimmer. Über das Fußende hing sorgfältig zusammengelegt, ein gelber Schal.

Der Mann in den weißen Kissen starrte auf den Fernseher der oben in der Zimmerecke montiert war. Die ganze Zeit, die die beiden Agents schon im Zimmer waren und die beiden anderen Opfer zu ihren Erlebnissen in den letzten Stunden befragt hatten, hatte sich der Mann nicht gerührt.

„Mr. Jones?" Rossi sprach den Mann an. Langsam schien er zu bemerken, dass jemand mit ihm sprach. Vielleicht nahm er auch nur eine Bewegung in seinem Blickfeld wahr, denn als er Sprach schrie er fast:

„Kann ich endlich gehen? Meine Klienten warten." Von Null auf Hundert schaltend setzte er sich auf und schaute sie erwartungsvoll an.

Er musste der Bombe ziemlich nahe gekommen sein. Sein Gehör schien in Mittleidenschaft geraten zu sein. Daher erhob Frank auch etwas ihre Stimme: „Mr. Jones, wir sind Agents vom FBI. Mein Name ist Susanne Frank, mein Kollege David Rossi.

Wir würden Ihnen gerne einige Fragen zu der Explosion stellen."

„Ach so." Matt ließ er sich wieder zurück in sein Kissen fallen. „Ich dachte, sie würden mir endlich meine Entlassungspapiere bringen."

„Warum wollen Sie sich denn nicht noch etwas Ruhe gönnen?" Rossi versuchte eine Verbindung zu Mr. Jones aufzubauen.

„Ich habe einen vollen Terminkalender. Haben Sie eine Ahnung, wie viel Zeit es kostet die ganzen Termine neu zu organisieren?"

Rossi und Frank wechselten einen kurzen Blick. Oh ja, sie wussten genau, wovon er sprach. Sie wurden oft von einer Stunde zur nächsten zu einem neuen Fall gerufen, dann blieb zu Hause alles liegen.

„Können Sie sich noch erinnern, wo Sie waren als die Bombe explodierte?" Begann Frank die Befragung.

„Auf dem Bürgersteig. Ich laufe morgens gerne ins Büro, das bringt mir den nötigen Schwung für den Tag. Und der Bus braucht durch die verstopften Straßen genauso lange."

„Wie weit waren Sie ungefähr von der Stelle entfernt?" Führte Rossi die Befragung weiter.

„Zwei, drei Meter. Ich war auf der gleichen Höhe. Die Ärzte sagen ich hätte Glück gehabt, dass die Druckwelle mich auf die Rasenfläche des Parks geschleudert hat. Ich habe keine Erinnerungen mehr daran. Aber ich bin gut zehn Meter weiter wieder zu mir gekommen."

„Gut, das war es dann fürs Erste." Frank versuchte beruhigend auf ihn einzuwirken. „Versuchen Sie zur Ruhe zu kommen, Mr. Jones, das hilft Ihnen im Moment am besten."

Jones atmete tief durch und schien doch nicht wirklich überzeugt.

„Da Susanne, die Pressekonferenz." Rossi deutete auf den Fernseher und wandte sich direkt an den Patienten. „Könnten Sie den Ton bitte etwas lauter stellen?"

Kurz darauf war JJ's Stimme durch die Lautsprecher des Fernsehers zu hören.

„Wir möchten die Menschen in der Stadt bitten Ruhe zu bewahren. Es handelt sich bei der Explosion um keinen terroristischen Anschlag." JJ stand professionell vor dem Mikrophon und ließ sich von den vielen Menschen vor ihr nicht aus der Ruhe bringen.

Der Blickwinkel der Kamera änderte sich. Agent Hawkins und Hotchner waren nun im Hintergrund auszumachen. Hotchner verfolgte die Pressekonferenz und stand wie immer mit verschränkten Armen und hoch konzentriert da. Frank konnte sich auf JJ's Worte nicht weiter konzentrieren. Hawkins stand viel zu nahe neben ihm. Sie schien ihm etwas zu zuflüstern. Doch Hotchner schüttelte nur kurz den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Medien. –

„… Die Polizei bittet die Einwohner Oklahoma Citys um ihre Mithilfe.

Ist Ihnen in dem Bereich North Pennsylvania Avenue in Höhe der 23rd Street im Laufe des gestrigen Tages etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Hat sich eine Person seltsam verhalten?"

JJ machte eine Kunstpause bevor sie weitersprach: „Hierzu haben wir eine Hotline eingerichtet. Bitte melden Sie uns Ihre Beobachtungen. Wir werden jedem noch so kleinen Hinweis nachgehen. Die Nummer der Hotline lautet…"

Nachdem JJ die Pressekonferenz beendet hatte, kam sie direkt auf Hotchner und Hawkins zu.

„Gut gemacht JJ." Zusammen verließen sie den Raum mit den Presseleuten.

„Danke." Sie fuhr sich erschöpft über die Stirn. Die letzten Stunden waren mit Telefonaten und Organisationen gefüllt gewesen. „Hast du schon etwas von den Anderen gehört?"

„Sie sind noch dabei die Opfer zu befragen. Es sind einfach zu viele."

JJ nickte verstehend.

„Wenn sie gleich zurück sind, sollten wir uns als Erstes zusammensetzen und die bisherigen Ergebnisse besprechen."

Agent Hawkins war den beiden Agents nicht von der Seite gewichen. Sie war enttäuscht. Sie hatte gehofft, dass Hotchner für heute den Feierabend einläuten würde, stattdessen setzte er noch eine Besprechung an. „Meinen sie es wird eine weitere Bombe geben?"

Hotchners Gesicht war sehr ernst, als er sich ihr zuwandte: „Ja, ich denke schon. Bis auf viele Verletzte, und Chaos und Panik in der Stadt, hat diese Explosion nichts bewirkt. Wenn der Täter auf etwas aufmerksam machen will, dann hätten wir schon längst ein Bekennerschreiben oder etwas Ähnliches."

Reid betrat das nächste Krankenzimmer. So sehr ihn auch die Verletzungen und Erlebnisse der Opfer interessierten, er konnte sich nur schwer in die Gefühle, das Leid der Menschen, hineinversetzen.

In der Tür blieb er stehen, als er die nächsten Patienten erkannte. Kinder. Zu ihnen bekam er keine Verbindung. Sie sahen ihn immer nur verwundert an und schienen seine Worte nicht zu verstehen. Gedanklich wünschte er sich einen seiner Kollegen herbei. Sie fanden meistens einen Weg mit den Kindern zu reden.

Er atmete tief durch. Es brachte nichts. Er musste sein Glück versuchen. Langsam trat er an das erste Bett, indem ein Junge von vielleicht zwölf Jahren saß.

„Hallo", sprach er ihn an. Doch der Junge reagierte nicht. Er schien den Agent noch gar nicht bemerkt zu haben. Mit blassem Gesicht ruhten seine Augen auf dem Nachbarbett.

Reid warf einen kurzen Blick auf das Mädchen, das mit geschlossenen Augen dalag. Wie alle Opfer war auch sie weiß wie eine Wand. Er trat langsam neben das Bett.

„Ist sie deine Schwester?" Reid versuchte einen Kontakt zu dem Jungen zu bekommen. Doch er reagierte nicht.

„Ward ihr zusammen unterwegs?" Der junge Agent wartete, aber der Junge regte sich noch immer nicht. Es war einfach vertane Zeit. Reid zog sich leise wieder zurück.

„Lauren ist meine Freundin. Wir waren auf dem Weg zur Schule." Eine dünne Stimme durchbrach die Stille im Raum.

Reid war überrascht stehen geblieben und drehte sich zu dem jungen Opfer um. Endlich bewegte sich der Junge und drehte ihm für einen kurzen Moment sein Gesicht zu. Reid konnte Tränen in seinen Augen sehen, die auch kurz darauf die Wangen hinunter kullerten.

„Ich bin schuld, dass Lauren hier liegt."

„Nein, du bist nicht schuld daran."

Der Junge nickte heftig mit dem Kopf: „Ich bin schuld. Ich war zu spät dran. Lauren war richtig sauer auf mich."

Reid trat wieder neben das Bett. „Erlaubst du?"

Der Junge nickte und Reid ließ sich auf dem Bett nieder.

„Du bist wirklich nicht schuld. Schuld ist derjenige, der die Bombe gezündet hat." Versuchte Reid den Jungen zu beruhigen. „Ich bin Spencer. Ich arbeite beim FBI. Wir wollen den Täter schnappen und ihn bestrafen."

Reid machte eine Pause. Der Junge sah ihn mit großen Augen an. „Wie heißt du?"

„Michael."

„Und deine Freundin?" Reid deutete auf das Nachbarbett.

„Lauren."

„Kannst du mir erzählen, was passiert ist heute Morgen? Vielleicht habt ihr irgendetwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört?"

Michael schüttelte seinen Kopf. „Wir sind den gleichen Weg, wie jeden Morgen gefahren. Ich habe die ganze Zeit versucht Lauren zu folgen. Sie ist schnell."

Reid beobachtete erstaunt, dass der Junge in die Erinnerungen seiner Gedanken abgetaucht war. Das hatte er bisher nur bei Befragungen seiner Kollegen miterlebt. Er hätte nie gedacht, dass er das auch schaffen konnte.

„Plötzlich war da ein lauter Knall. Es wurde warm und eine unsichtbare Wucht drückte gegen mein Fahrrad. Ich bin zur Seite gekippt…

Viele Stimmen schrien. Lauren auch. Ich hörte es scheppern. Das war Laurens Fahrrad. Dann war alles still!

Ich bin zu Lauren hinüber, aber sie rührte sich nicht…"

Spencer legte mitfühlend seine Hand auf die Schulter des Jungen. Er hatte einfach gehandelt, nicht nachgedacht und es schien Michael wirklich zu beruhigen.

„Keine Sorge Michael. Ich habe vorhin mit dem Arzt gesprochen. Lauren braucht noch etwas Ruhe, aber ihr wird es bald wieder besser gehen. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen."

Michael schien noch immer nicht wirklich beruhigt. Doch Reid wusste nicht, was er dem Jungen noch sagen sollte.

Das Mädchen im Nachbarbett rührte sich langsam und schlug die Augen auf. „Michael…"

„Lauren!" Michael schaute ungläubig zu seiner Freundin hinüber. „Endlich."

Reid stand lächelnd auf.

„Wo bin ich? Was ist passiert?"

„Wir sind im Krankenhaus. Eine Bombe ist explodiert." Michael schien vor Freude leicht außer Atem zu sein.

Reid zog ein Stück Papier aus seiner Umhängetasche. „Michael… Hier hast du meine Karte. Wenn euch noch irgendetwas einfällt, solltest du mich anrufen."

Michael nickte mit strahlendem Gesicht. Dann wandte er sich wieder zu Lauren und Reid verließ unbemerkt von den beiden Kindern das Zimmer.

Es war bereits später Abend, als Prentiss zusammen mit Morgan und Deputy Grover das Polizeirevier betrat.

„Hey, alles okay bei euch?" Hotchner war aus einem kleinen Büro getreten und sah seine Kollegen entsetzt an. Er deutete auf einen großen bereits eingetrockneten Blutfleck auf dem T-Shirt von Morgan. „Was ist passiert?"

„Das ist nichts." Beschwichtigte Morgan seinen Chef. „Wir haben einem Opfer des Angriffs geholfen."

„Ein Pudel, er war eingeklemmt." Erklärte Prentiss weiter. „Ich finde es erschreckend, was so eine kleine Bombe für eine riesige Kraft haben kann. Diese ganze Verwüstung."

„Und was meint ihr? Was war sein Ziel?" Hotchner betrat mit Morgan und Prentiss ein Besprechungszimmer, das als zentraler Raum für die BAU bestimmt worden war. Hier trafen sie auf Rossi und Frank, die ihre Ermittlungen im Krankenhaus zusammenfassten.

„Hey", grüßte Prentiss kurz zu ihren Kollegen hinüber und konzentrierte sich dann wieder auf das Gespräch.

„Es könnte alles sein. Selbst ein dummer Jungenstreich." Befand Morgan.

„Wohl eher nicht." Wandte Hotchner ein. „Das Labor hat erste Erkenntnisse über die Bombe. Sie bestand aus TNT."

Überraschte Gesichter waren auf Hotchner gerichtet.

„TNT ist nur schwer entzündbar, obwohl es einen niedrigen Schmelzpunkt hat." Murmelte Morgan überlegend vor sich hin.

„Dann ist unser UnSub organisiert. Kann es sein, dass er gar nicht töten wollte? Er hätte wesentlich mehr Schaden anrichten können, wenn er die Bombe einfach irgendwo an der Bushaltestelle abgelegt hätte." Führte Prentiss ihre Erkenntnisse weiter aus.

Rossi war aufgestanden und zu der kleinen Gruppe getreten. „Bisher fällt auch bei den Opfern keiner besonders auf. Alle waren auf dem Weg zu Terminen."

Einen Moment lang schwiegen die Agents. Bis Hotchner wieder das Wort ergriff: „Okay Leute, lasst uns Feierabend machen. Heute können wir eh nichts mehr ausrichte. Morgen früh werden wir als Erstes den Polizeistreifen erklären, auf welchen Typ Mensch sie achten sollen.

Sheriff Sloane hat mir eben mitgeteilt, dass er in der nächsten Zeit die Streifen verstärken will."

„Und wir müssen endlich eine Spur von dem Täter finden. Oder zumindest eine Richtung in die wir weiter ermitteln können." Morgan hatte der Ehrgeiz gepackt.

„… Und dann habe ich dieses Winseln gehört. Der Hund lag unter einer Tür eingeklemmt. Er konnte sich nicht alleine befreien." Prentiss war mit Frank und JJ zusammen im Polizeirevier eingetroffen und erzählte von ihren Erlebnissen des Vortages.

„Was hat der Arzt gesagt? Wird er überleben?" JJ liebte Tiere. Sie selbst war mit einem Hund als Haustier aufgewachsen.

„Ja. Er hat eine tiefe Fleischwunde und hatte daher viel Blut verloren. Aber nichts, was nicht in einigen Wochen wieder verheilt ist."

Reid, von dem Gesagten aufmerksam geworden, mischte sich in das Gespräch ein: „Ihr habt einen Hund gefunden?"

„Ja, gestern am Tatort. Wieso?" Morgan war auch interessiert näher getreten.

„Weil ich gestern mit einer Mrs. Maxwell gesprochen habe. Sie vermisste ihren treuen Begleiter." Reid überlegte kurz. „Könnt ihr mir den Namen des Arztes sagen, dann kann ich der älteren Dame Bescheid sagen, was mit ihrem Paul passiert ist."

Morgan nahm eine Visitenkarte zur Hand und gab sie lachend an seinen jüngeren Kollegen weiter. „So, so… Paul hieß er also. Sag Mrs. Maxwell, dass er sich gut verteidigt hat."

Mit verwundertem Gesichtsausdruck schaute Reid zu seinem Kollegen hoch. Spontan entblößte Morgan seine weißen Zähne und knurrte Reid mit blitzenden Augen an, so dass dieser erschrocken zurückschreckte.

Die Kollegen verfielen in ein lautes, raumfüllendes Lachen, in welches auch Reid herzhaft mit einstimmte.

„Gut, dann lasst uns unsere Kenntnisstände zusammentragen." Die BAU-Teammitglieder, Sheriff Sloane und Agent Hawkins hatten sich in dem Besprechungszimmer zusammengefunden um das weitere Vorgehen zu besprechen.

„Es gibt einfach noch zu wenige Hinweise auf den Täter", begann Morgan und setzte eine Kiste mit schwarz verrußten Einzelteilen auf den Tisch. „Ich werde gleich versuchen die Bombe zusammenzusetzen. Vielleicht versteckt der Aufbau einen Hinweis der uns weiterbringt."

„Wir werden also weitgefächert alles durchsuchen müssen.

Garcia", wandte sich Hotchner an die technische Analystin, die mittels Laptop die Besprechung verfolgte. „hast du etwas gefunden?" –

Prentiss stieß, der neben ihr stehenden, Frank leicht in die Seite. Verwundert schaute Frank zu ihr hinüber. Prentiss deutete mit dem Kinn auf Hawkins, die den ganzen Morgen noch nicht eine Sekunde von Hotchners Seite gewichen war. Blicke austauschend verkniffen sie sich das Lachen.

„Sie sitzt ja bald auf seinem Schoß." Erklang eine entsetzte Altweiberstimme flüsternd an ihren Ohren. JJ hatte sich zu ihren Kolleginnen gesellt. Auch ihr fiel es schwer das Lachen zu verkneifen.

‚Ach, wenn ich euch doch nur sagen könnte, wie gut mir eure Späße tun.' Das Lachen verschwand von Franks Gesicht. ‚Ich habe mir vorgenommen, es zu unterdrücken und ich werde es schaffen! ' Sprach sie sich gedanklich selber Mut zu. Und doch war da noch immer, ganz tief unten, dieses Gefühl… –

„Nein Chef. Nada.

Zuerst habe ich mich um die Baufirma gekümmert. Eigentümer ist ein Christopfer Havering. Es gibt keinen Hinweis auf Probleme. Erpressungsversuche et cetera sind nicht bekannt. Ich bin noch dabei die letzten Mitarbeiter zu überprüfen. Bisher gibt es aber nichts Auffälligeres als einen Strafzettel wegen zu schnellen fahren.

Christian Boll ist gelernter Bankkaufmann. Keine Vorstrafen oder sonstige Auffälligkeiten. Er lebt bereits in in den USA. Seine Familie stammt aus Dänemark.

Ansonsten habe ich drei Menschen gefunden, die in ihrer Jugend in der Nähe von Oklahoma City mit Feuer gespielt haben. Aber sie halten heute keinerlei Verbindung mehr mit der Stadt. Ich habe sie überprüft. Keiner ist in den letzten vierundzwanzig Stunden auch nur in der näheren Umgebung gewesen."

„Es ist also kein Terroranschlag." Schloss Prentiss mit leicht wackeliger Stimme aus.

„Auch einen Jugendstreich können wir ausschließen. Wenn wirklich TNT benutzt worden ist, war das eine teure Bombe."

„Richtig", stimmte Reid Morgan zu. „Gerade weil das Material so teuer ist, verwendet es nur das Militär."

„Und er hat Kenntnisse mit den Umgang von TNT." Rossi hatte sich neben den Laptop halb auf den Tisch gesetzt. „Garcia, wo wäre die nächste Militärbasis?"

„Es gibt zwei Air Force Bases und ein National Guard Training Institute …"

„Das Trainingsinstitut wird bestimmt TNT vorrätig haben. Dort sollten wir mal vorbeischauen." Rossi stimmte sich mit Hotchner ab.

„Ich kann ihnen den Stützpunkt auf der Karte zeigen." Bot Agent Hawkins an.

„Danke, das wäre nett." Rossi war überrascht. War aber zu höflich um die junge Frau auf die aktuelle Technik hinzuweisen. Jedes Handy konnte heute ein Navi ersetzten.

„Fahr mit Frank hin." Hotchner war ebenso erstaunt. Nahm aber einfach seinen Faden wieder auf und organisierte weiter: „Zuvor sollten Sie aber ihre Leute zusammenrufen, Sheriff. Dann können wir Ihnen wenigstens grob den Menschentyp beschreiben, auf den sie besonders achten sollen."

Der Sheriff nickte und verschwand. Rossi und Agent Hawkins folgten ihm, während sich die restlichen Mitglieder weitere Gedanken über den Hintergrund der Tat machten.

„Wir haben gestern noch mit Sheriff Sloane gesprochen." Begann JJ zu erzählen. „Sie haben hier alle Angst, dass der Bombenleger es auf das jährliche Rodeo abgesehen hat. Es ist wohl das Hauptereignis in Oklahoma City und sie rechnen mit mehreren hunderttausend Menschen."

„Dann müssen wir den Kerl halt sobald als möglich schnappen." Morgan hatte sich entspannt auf seinen Stuhl zurückgelehnt.

„Was ist mit den riesigen Ölfeldern, die sie hier bewirtschaften? Ein Funke würde noch eine viel größere Explosion auslösen." Reid brachte sein angelesenes Wissen zur Unterhaltung bei.

„Das ist der nächste Punkt warum die Einheimischen den Täter so schnell wie möglich fassen wollen." Ging JJ mit Bezug auf das gestrige Gespräch auf den Gedankengang ihres Kollegen ein.

Rossi stand plötzlich im Türrahmen. „Es sind alle versammelt. Wir könnten das Profil jetzt bekanntgeben."

… „Achten Sie bitte auf Männer im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfzig." Klärte Rossi die Männer und Frauen der Polizeistation auf.

„Er verwendet TNT." Übernahm Morgan das Wort. „Das kann nur bedeuten, dass er beim Militär ist oder war."

„Wir wissen noch nicht, ob er es auf eine bestimmte Person, einen Personenkreis oder nur auf das Verletzen an sich abgesehen hat. Daher müssen wir uns noch auf eine breite Spanne von Verdächtigen ..."

Ein lauter Knall ließ Prentiss in ihrer Ausführung inne halten. Sekundenlang legte sich tiefe Stille über den Raum. Dann begannen die Fenster in ihren Rahmen zu wackeln. Stimmen wurden lauter. Panik ergriff einen kurzen Moment die anwesenden Polizisten.

„Das war eine erneute Bombe." Hotchner wartete nicht lange und eilte, gefolgt von den anderen Menschen im Raum, hinaus.

Wieder beherrschte Panik die Straßen von Oklahoma City. Schon auf den Weg in die Innenstadt kamen ihnen die Menschenmassen entgegengeeilt. Bald kamen sie mit den SUVs nicht mehr weiter. Sie stiegen aus und bahnten sich ihren Weg zu Fuß durch die Menge.

Diesmal hatte der Täter seine Bombe sehr viel zentraler in der Stadt gezündet.

Susanne Frank spürte wie eine tiefe Schwere ihren Körper ergriff, als sie das ganze Ausmaß der Explosion erblickte. Sämtliche Glasscheiben der Gebäude im Umkreis waren von der Kraft der Druckwelle zersplittert worden. Sicherheitskräfte hatten bereits damit begonnen, die Bewohner aus den Nachbargebäuden zu evakuieren. Verängstigte Menschen traten auf die Straße und wurden durch Einsatzkräfte von der Gefahrenstelle weggeleitet.

Als sie in die North Hudson Avenue einbogen empfing sie ein Trümmerfeld. Überall lagen Gegenstände auf der Straße verteilt. Steine, Aktenordner, Reste von Bürostühlen und Schränken. Papier. Teilweise flog es, durch den leichten Wind getrieben, über die Straße. Und alles übersäte eine feine Schicht von Glassplittern.

Sie mussten aufpassen wohin sie ihren nächsten Schritt setzten und doch knirschte es jedes Mal unter den Schuhen.

Zu ihrer Rechten erhob sich das Gebäude in dem die Bombe gezündet worden war. Die Verkleidung war schwarzverkohlt. Ein großes Loch prangerte in der Fassade der vierten und fünften Etage. Ansonsten schien das achtgeschossige Gebäude aber unversehrt.

Frank spürte wie ihr eine leichte Gänsehaut über den Rücken kroch. Dieser Anblick war gespenstig.

Sie war froh über die Betriebsamkeit und Lautstärke, die in der Straße herrschte. Absolute Stille hätte sie in den Wahnsinn getrieben.

Im Fernsehen sah man immer nur einen kleinen Ausschnitt des Chaos. Hier stand sie mittendrin. So schrecklich, hatte sie sich den Tatort nicht vorgestellt.

„Ein ganz schönes Durcheinander, was?" Morgan stand plötzlich neben ihr und lächelte sie aufmunternd an. Augenblicklich verflog die Angst. Frank fühlte sich wieder leichter.

„Ja… Danke."

„Immer wieder gerne." Morgan zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Ist mir beim ersten Mal auch so ergangen. Solche Szenen können einen ganz schön an die Nieren gehen."

Frank nickte zustimmend.

„Halte die Augen offen Sue." Frank verstand Morgans Andeutung nicht. Daher deutete er in alle Richtungen. „Die Umgebung. Meistens schaut sich der Täter sein Werk an."

„Ach so." Frank verstand. Es war nur eine weitere Lehrstunde.

Langsam ließ sie also ihren Blick über die Szene schweifen. Sie schaute zu dem achtstöckigen Gebäude hinauf. Vereinzelt quollen noch leichte Rauchschwaden aus den Fenstern, doch die Feuerwehr schien die Flammen bereits in ihre Gewalt gebracht zu haben. Sie rollten bereits die ersten Schläuche wieder ein.

Krankenwagen standen auch schon bereit, die sich um die Verletzten, die sich selbst aus dem beschädigten Gebäude bis auf die Straße geschleppt hatten, kümmerten. Ins Gebäude durften die Sanitäter noch nicht. Das Bombenräumkommando hatte den Tatort noch nicht freigegeben.

Die BAU-Teammitglieder versammelten sich mit Sheriff Sloane und Agent Hawkins auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig.

„Was meinen Sie, Agent Hotchner, ob wir in diesem Durcheinander noch irgendwelche Spuren finden?" Agent Hawkins zeigte kein großes Entsetzen über die weitere Explosion. Frank hasste sie dafür.

„Wir müssen etwas finden!" Sprach der Sheriff bestimmt. „Dieser Kerl zerstört sonst noch unsere ganze Stadt."

„Das kommt darauf an, ob er hier noch völlig kontrolliert zu Werke gegangen ist. Oder ob er bereits hektisch wird. Was ihn unweigerlich zu Fehlern führen würde." Versuchte Hotchner zu beruhigen.

Morgan hatte inzwischen sein Handy zur Hand genommen. Er wählte und schon nach dem ersten Freizeichen meldete sich Garcia: „Was ist da bei euch los? Im Fernsehen bringen sie eine erneute Explosion…"

„Beruhige dich Garcia. Uns geht es gut." Morgan hatte seine Kollegin unterbrochen und wartete nun, dass sie sich wieder etwas fasste. „Wir brauchen Informationen zu dem Gebäude 105 North Hudson Avenue."

Sekundenlang blieb es in der Leitung still, in der Morgan sein Handy auf Laut stellte. So konnten nun alle Garcias Ausführungen mit anhören:

„Ein Bürogebäude aus den 1920er Jahren. Eigentümer ist Eric Talbot. Ein Geschäftsmann aus Oklahoma City."

„Die Talbots sind eine einheimische Familie. Sie haben eine der ersten Firmen zur Ölförderung gegründet und damit ihr Hauptvermögen gemacht." Sheriff Sloane sah sich bemüht etwas über seine Stadt beizusteuern.

„Ist die Familie angesehen? Oder könnte jemand etwas gegen sie oder ein Familienmitglied haben?" Rossis raue Stimme versuchte die Unruhe um sie herum zu übertönen.

„Sicher gibt es Neider. Aber die Talbots sind nicht die einzigen, die ihr Geld mit Öl gemacht haben." Wandte der Sheriff ein.

„Wir sollten das überprüfen." Hotchners Blick schweifte immer wieder aufmerksam über die Umgebung. „Aber ich glaube nicht, dass dieser Anschlag der Familie galt."

„Wie kommen Sie darauf Agent Hotchner?" Ella Hawkins hatte die ganze Zeit dem Gespräch gelauscht und hing nun an Hotchners Lippen.

„Nun, den Talbots gehören mit Sicherheit mehrere Gebäude in der Stadt. Wahrscheinlich sogar welche, weiter in der Innenstadt oder in weit wichtigeren Gebieten, als hier."

Morgan führte den Gedankengang weiter: „Es ist ein Bürogebäude, was die Talbots vermieten. Es trifft die Familie nur indirekt. Geschädigt sind die Mieter."

„Und was hatte die letzte Bombe dann für eine Bedeutung?" Hawkins sah Hotchner direkt an, so als wäre nur er da. „Die Talbots leben auf der anderen Seite der Stadt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Mitglied der Familie zu dieser Zeit, in diesem Bereich der Stadt aufhielt. Noch dazu zu Fuß."

Frank sah zu Prentiss hinüber. Diese verdrehte die Augen, so als wollte sie fragen, ob diese kleine FBI-Agentin eigentlich noch normal im Kopf war?

„Richtig." Stimmte Rossi nickend zu. „Daher ist das Ziel auch ein anderes." –

Endlich kamen die Bombenspezialisten aus dem beschädigten Gebäude.

„Alles sauber. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie hinein."

„Gerne." Nahm Hotchner das Angebot dankbar an und reichte dem Einsatzleiter des Sonderkommandos die Hand. „SSA Aaron Hotchner.

„Geoff Mills." Stellte sich der Mann vor.

„Haben Sie schon die Bombe gefunden? Ist es die Gleiche, wie beim ersten Anschlag?" Agent Hawkins schien wirklich interessiert.

Verwundert sah Geoff Mills die junge Frau an. „Nein, so weit sind wir noch nicht Ma'am. Aber ich kann Ihnen zeigen, wo sie detoniert ist."

„Lassen Sie uns gehen Mills." Hotchner lächelte ihn entschuldigend an.

Langsam suchten sich die Agents einen Weg durch die Trümmerteile. Und Mills sprach noch eine Warnung aus: „Wenn Sie sich umsehen, seien Sie vorsichtig, der Boden hat einige Löcher davongetragen."

„Vorsichtig, aus dem Weg." Zwei Sanitäter mit einem Verletzten auf der Trage kamen aus dem Haus. Sie schoben ihn an den Agents vorbei und ein jeder warf einen besorgten Blick auf den mit Blut verschmierten Körper.

Frank ging am Schluss. Als sie den Mann auf der Trage sah, schoss ihr ein Bild durch den Kopf.

„Dave, warte mal." Rief sie den vor sich gehenden Kollegen zurück.

„Was ist?" Rossi drehte seinen Kopf zurück und sah Frank hinter der Trage hereilen. Verwundert blieb er stehen, richtete seinen Blick wieder nach vorne und verfolgte sekundenlang seine Kollegen wie sie im Hauseingang verschwanden. Dann kam Bewegung in ihm und er eilte Frank hinterher. Frank ging unterdessen neben der Trage her und versuchte die Sanitäter zu befragen.

„Können wir kurz mit ihm sprechen?"

„Wir müssen ins Krankenhaus. Er lag der Bombe am nächsten und ist von den Glassplittern einer Tür getroffen worden."

Sie waren mittlerweile am Krankenwagen angekommen.

„Wer ist das, Susanne?" Rossi hatte noch keinen Blick auf den Verletzten werfen können.

„Ian Jones. Wir haben ihn gestern befragt. Er war auch unter den ersten Opfern." Erklärte Frank aufgeregt.

„Somit scheint er unsere Zielscheibe zu sein." Frank nickte bestätigend zu Rossis Aussage.

„Oh Gott! Ist das Mr. Jones?" Ein Mann in einem zerrissenen Anzug, der einmal dunkel und sauber war, kam auf sie zugeeilt.

„Und wer sind sie?" Drehten sich die Agents zu dem Mann um.

„Baker. Adam Baker. Ich bin der Portier in der 105."

„Agent Rossi, meine Kollegin Frank. Wir sind vom FBI. Können Sie uns etwas über Mr. Jones erzählen?"

„Er ist so ein zuverlässiger Mann. Immer pünktlich. Nach ihm kann man seine Uhren stellen." Mr. Baker schien wirklich beeindruckt von dem Verletzten.

„War er heute auch pünktlich?" Frank hatte eine Idee.

„Nein. Er kam erst gut fünf Minuten bevor die Bombe explodierte herein." Begann der Portier unbefangen zu erzählen. „Ich habe ihn auf die ungewöhnliche Uhrzeit angesprochen und er erzählte mir, dass er gestern bei dem Bombenanschlag verletzt worden war und erst heute Morgen aus dem Krankenhaus entlassen wurde."

„Lassen sie mich raten", stellte Rossi die nächste Frage, „Mr. Jones ist sonst nicht so redselig, oder?"

„Nein, meistens geht es über einen schönen Tag und dem Wetter nicht hinaus." Bestätigte Baker Rossis Frage.

„Vielen Dank Mr. Baker, Sie haben uns sehr geholfen. Wenn wir noch weitere Fragen haben sollten, werden wir uns bei Ihnen melden." Frank reichte dem Mann dankbar die Hand zum Abschied und machte sich mit Rossi auf den Weg ins Gebäude.

„Hier, in diesem Immobilienbüro wurde die Bombe gezündet. Sie war dort hinten in dem Büro." Begann Geoff Mills seinen bisherigen Wissensstand mitzuteilen.

Die Gruppe stand im Flur des Gebäudes und schaute von dort in die Räumlichkeiten der Agentur.

„Waren Menschen da drinnen?" JJ sah sich einer gewaltigen Verwüstung gegenüber. Dagegen war das Kinderzimmer ihres Sohnes Henry das reinste Paradies.

„Nein, Gott sei Dank nicht." Mills deutete zu einer Stelle an der gegenüberliegenden Wand, wo das Blut in kleinen Rinnsalen langsam zu Boden lief. „Wir haben einen Mann hier vor der Tür gefunden. Er ist von den Glassplittern der Eingangstür getroffen worden."

„Lebt er noch?" Agent Hawkins schien nun doch langsam über das Ausmaß der Explosion entsetzt.

„Ja, er ist bereits auf dem Weg ins Krankenhaus."

„Diesmal werde ich erfolgreich sein! Das schwöre ich dir Bess." Wieder saß der Mann vor der Tischplatte und bastelte an der nächsten Bombe. Wieder lief der Fernseher mit den aktuellen Nachrichten. Und wieder waren die Bombenanschläge in Oklahoma City das Topthema.

Langsam drehte sich der Mann um und sah in den anderen Teil des Zimmers. Sein Gesicht war in der Augenpartie leicht verstellt. Ursache schien eine kleine Narbe an seiner Schläfe zu sein.

„Diesmal wird es mir gelingen…" Sein fester, bestimmter Ton erfüllte das Zimmer.

„Hallo mein Mädchen", Morgan hatte sein Handy hervor gezogen und das Gespräch angenommen. „Sag mir, dass du etwas gefunden hast."

„Also", begann Garcia ihre Ergebnisse mitzuteilen, „Ian Jones ist Immobilienmakler. 45 Jahre alt und Single. Er hat seit fast 15 Jahren sein Büro. Ansonsten ist er nicht auffällig. Keine Strafzettel, nichts."

„Ian Jones", überlegte Reid, „irgendwo habe ich diesen Namen schon mal gelesen."

„Das ist kein Kunststück." Halte Rossi Stimme den Gang entlang. Die Agents sahen verwundert in seine Richtung. Frank folgte ihm auf den Fuß.

„Wo wart ihr?" Hotchner hatte schon bemerkt, dass zwei seiner Agents nicht bei der Truppe waren.

„Wir haben Ian Jones unten auf der Trage gesehen und mit den Sanitätern gesprochen." Erklärte Rossi und schob Frank am Arm nach vorne.

„Ian Jones ist auch ein Opfer des ersten Anschlages." Brachte Frank die Kollegen auf den neusten Stand. „Dave und ich haben ihn gestern im Krankenhaus befragt."

„Garcia, mein Mädchen. Ich glaube, du musst uns alles zu diesem Mann heraussuchen, was du nur finden kannst." Morgan sprach in sein Handy.

„Gut mach ich. Garcia Ende." Damit war die Verbindung unterbrochen.

„Sir?!", ein Mann in voller Schutzmontur trat auf Mills zu.

„Was gibt es, Portman. Haben sie was gefunden?"

Gespannt verfolgten die Agents das Gespräch.

„Ja, Sir. Wir haben den Zünder gefunden. Er wurde ferngesteuert aktiviert." Portman reichte ein kleines verschmortes Teilstück an seinen Chef weiter.

„Darf ich mal sehen?" Morgan trat neben Mills. „Ich habe auch etwas Erfahrung mit Bomben."

Mills hielt das Teil Morgan ohne groß zu zögern hin.

„Das war nur ein kleiner Sender. Der Täter kann nicht allzu weit weg gewesen sein."

„Vermutlich hat er vor der Tür gewartet." Mischte sich Rossi ein. „Das würde sich zumindest mit den Angaben des Portiers in der Lobby decken."

„Dann müsste der Täter aber Mr. Jones ausspioniert haben." Wandte Frank ein. „Wie hätte er sonst wissen sollen, dass er genau fünf Minuten bis zu seinem Büro brauchte."

„Vielleicht ist er ein ehemaliger Mitarbeiter oder war hier im Haus beschäftigt." Brachte Prentiss ihre Gedanken ein.

„Oder es ist ein Kunde." Vervollständigte Reid. „Fragwürdig ist nur, ob wir noch an die Daten auf den Rechnern kommen."

„Okay… Sheriff, als erstes brauchen wir eine Wache für Mr. Jones." Hotchner schien wieder voll auf dem Fall konzentriert. „Rossi und Frank, ihr fahrt bitte ins Krankenhaus und versucht mit ihm zu sprechen. Vielleicht wurde er in der letzten Zeit ja bedroht.

Morgan, du schaust nach der Bombe."

Morgan nickte. Wenn einer Ahnung hatte, dann er. Zumal er seine Erfahrungen mit den Spezialisten mal wieder austauschen konnte. So blieb er auf dem neusten Stand.

„Prentiss und Reid, ihr versucht mit dem Angestellten des Büros zu sprechen. Vielleicht wissen sie etwas oder haben etwas Ungewöhnliches mitbekommen." Fuhr Hotchner in seiner Arbeitsverteilung fort. „Der Rest fährt schon zurück ins Revier. Wir müssen das Leben von Mr. Jones auf den Kopf stellen."

Frank hatte, wie alle anderen Teammitglieder, Hotchners weitere Anweisungen verfolgt. Bis ihr das Grinsen auf dem Gesicht von Agent Hawkins auffiel. Wieder hatte sie es geschafft, direkt neben Hotchner zu stehen. Sie schien erfreut, die nächste Zeit fast ungestört in der Nähe des Teamchefs verbringen zu können. Nur mühsam schaffte es Frank sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren und folgte Rossi schnellen Schritts aus dem Gebäude.

Prentiss und Reid hatten sich noch einmal den Portier vorgenommen und von ihm die Namen der Beschäftigten des Opfers erfragt.

„Was ist mit den Menschen, die hier täglich ein- und ausgehen. Gibt es Jemanden dem Sie so eine Tat zutrauen würden?" Prentiss beobachtete den Mann ihr gegenüber genau.

„Nein, in diesem Gebäude befinden sich ansonsten nur Ärzte und Anwälte mit einem gehobenen Kundenstamm."

„Kümmern Sie sich auch um die Post? Oder wurde speziell von einem Boten in der letzten Zeit etwas abgeben?" Führte Reid die Befragung weiter.

„Nein, der Postbote bringt alles nach oben. Ich kenne ihn gut, er kommt schon seit Jahren."

„Er hat Ihnen wahrscheinlich auch nichts über einen ungewöhnlichen Brief oder ein Päckchen erzählt, welches er in diesem Haus zugestellt hat?"

Der Portier überlegte kurz, schüttelte dann aber zu Prentiss Frage bedauernd den Kopf.

Der Mann, der eben noch an seinem Tisch gesessen hatte, trat neben einen parkenden Wagen. Zuvor hatte er seine Umgebung möglichst unauffällig im Auge behalten. Doch niemand schien sich für ihn zu interessieren. Lächelnd bückte er sich und stand schon eine Sekunde später wieder gerade, so als wäre nichts geschehen.

Noch immer lächelnd entfernte er sich vom Wagen und erwiderte den freundlichen Gruß eines Passanten. Unbemerkt tauchte er in der Menschenmenge unter.

Kurze Zeit später waren auch JJ und Hotchner zusammen mit Agents Hawkins auf dem Weg zurück zur Polizeistation.

Hotchner schaute aus dem Seitenfenster. Noch immer waren seine Gedanken ein heilloses Durcheinander. Er fand einfach keine Zeit sie zu sortieren. Tief zog er die Luft in seine Lungen.

JJ, die am Steuer saß, warf einen kurzen Blick zu Hotchner. Sie fragte sich, mit welchen Gedanken sich ihr Chef so sehr beschäftigte. Ihre Aufmerksamkeit fiel auf Hawkins, die auf der Rückbank nervös hin und her rutschte. Sie ging ihnen allen fürchterlich auf die Nerven. Ob Hotch sich etwas überlegte, um sie los zu werden? Sie bewunderte ihn, wie er diese aufdringliche Person höflich auf Abstand hielt, ohne sie zu verletzen.

„Agent Hotchner, wie lange sind sie nun schon beim FBI?" Agent Hawkins schien es nicht länger ruhig auf ihren Platz zu halten.

„Bitte?" Hotchner kam langsam in die Wirklichkeit zurück. Entnervt versuchte er ein freundliches Gesicht aufzusetzen. „Entschuldigen Sie, aber was wollten Sie wissen?"

„War nicht so wichtig." Winkte Agent Hawkins die Frage weg. „Aber was ich Sie Fragen wollte: Braucht man für die BAU noch viele Fortbildungen? Welche wären das insbesondere?"

„Wir können uns unsere Mitarbeiter nicht über einen ausgefüllten Bogen mit Fortbildungsscheinen aussuchen Agent.

Alle, die in die BAU aufgenommen werden, sind auf mindestens ein Gebiet spezialisiert."

„Bei Doktor Reid ist das nicht schwer zu erraten. Der soll ein unwahrscheinliches Gedächtnis haben." Hawkins versuchte das Gespräch aufrecht zu erhalten.

JJ beobachtete den fremden Agent über den Rückspiegel im Fond des Wagens. Sie konnte es sich nicht verkneifen sich in das Gespräch einzuklinken: „Reid hat noch sehr viel mehr Besonderheiten."

Hotchner nickte bestätigend zu JJ's Worten.

„Was ist es bei den Anderen? Ich frage mich, was sie besonderes können!"

Hotchner sah JJ mit groß aufgerissenen Augen bittend an. Sie folgte seinem Blick hinunter zu ihren Füssen. Lächelnd verstand sie seine Bitte und drückte leicht aufs Gaspedal.

„Lassen Sie mich mal überlegen: Fremdsprachen, Spezialist für Bomben, Erfahrung. Dazu kommen Einfühlsamkeit, Teamfähigkeit und Ehrlichkeit."

Hawkins nickte zu seinen Worten und Hotchner drehte sich erleichtert wieder nach vorne.

„Wie passt da Agent Frank ins Bild? Bei ihr erkenne ich nichts dergleichen."

Hotchner holte tief Luft. JJ ahnte, jetzt würde sich das Gewitter entladen.

„Hören Sie Agent Hawkins! Es geht Sie überhaupt nichts an, wie und mit welchen Personen wir unsere Teams zusammenstellen. Aber eins möchte ich Ihnen gerne noch sagen, bevor Sie Agent Frank fälschlicher Weise verurteilen: Sie hat es geschafft, sich für das Jahrespraktikum bei uns durchzusetzen. Haben Sie sich bei der Ausschreibung beworben? ... Ja?" Hotchner machte eine kurze Pause und wartete auf das zögernde Nicken des Agents im Fond. „Was haben wir für Nachwuchs, wenn wir uns schon die Leute aus dem Ausland holen?"

Hawkins war in sich zusammengesunken. Sie hatte den Kopf gesenkt und sagte kein Wort mehr.

Das musste mal gesagt werden. Hotchner fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, ob seiner groben Worte, aber er bereute sie nicht. Während der Weiterfahrt zur Polizeistation lag eine angespannte Atmosphäre in der Luft des SUVs.

Als JJ endlich auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude anhielt, ging augenblicklich die Tür hinter ihr auf und Agent Hawkins lief eiligen Schrittes davon.

„Du warst ganz schön hart zu ihr." JJ sah ihren Chef direkt an. „Und du hast dich auch nicht ganz an die Wahrheit gehalten."

„Wieso nicht?" Verwundert schaute Hotchner seine Kollegin an. Kurz herrschte Stille im Wagen.

„Hättest du lieber diese Person bei uns im Team gehabt JJ? Das hätten wir nicht einmal einen Monat ausgehalten."

„Da werden dir alle zustimmen. Sie geht uns schon nach dieser kurzen Zeit gegen den Strich." JJ zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Und wie war das dann mit der Ehrlichkeit?"

„Agents, es wird noch einige Zeit dauern bis er aufwacht." Eine Ärztin stand am Fußende des einzigen Bettes im Krankenzimmer. An dem Tonfall ihrer Stimme konnten Rossi und Frank bereits ihren Missfall hören. „Mr. Jones braucht jetzt Ruhe. Reicht Ihnen denn nicht die Wache vor der Tür?"

„Leider nein. Wir bleiben hier bei ihm." Sprach Rossi bestimmt. „Keine Sorge. Wir werden uns leise verhalten." Versprach Frank der Ärztin.

An ihrem Gesichtsausdruck konnte Frank erkennen, dass diese ihrem Versprechen nicht so ganz glaubte. Nachgebend zog sie sich aber aus dem Zimmer zurück.

„Sie ist nicht gerade kooperativ." Stellte Frank besorgt fest.

„Das ist öfter so. Die Ärzte sehen nur die Gesundheit ihrer Patienten. Dabei versuchen wir ja gerade diese zu schützen."

Rossi hatte es aufgegeben sich über solche Menschen aufzuregen. Im Gegenteil, er konnte nur noch über sie lächeln.

Wieder erschütterte ein lauter Knall die Luft des nahenden Abends. Wieder wackelten die Scheiben in ihren Rahmen. Wieder legte sich für eine Schrecksekunde eine Totenstille über die Stadt. Und wieder brach nach diesem Schweigen eine panische Angst aus. –

In diesen Tumult bemerkte niemand, wie sich eine Gestalt erst eine Minute später aus dem Schatten der Gebäudefront in dreißig Metern Entfernung entfernte.

Eilig hastete sie den Bewohnern der Stadt hinterher.

Ein leichtes Triumphgefühl erfasste ihn. Diesmal konnte er sicher sein, dass er erfolgreich gewesen war. Doch noch war er nicht am Ziel!

Jareau und Hotchner standen noch einen Moment vor der Polizeistation, als die neue Bombe explodierte. Augenblicklich reagierten sie und eilten zurück zu ihrem SUV.

Hotchner zog sein Handy hervor. Er wählte.

„Dave", sprach er schon ins Mikrophon, kaum dass sich der Kollege gemeldet hatte. „War die Explosion bei euch?"

Jareau lauschte gespannt seiner Stimme.

„Nicht. Gut! … Nein, ihr bleibt dort… Wir wissen noch nichts. Sobald ich mehr weiß, melde ich mich bei euch."

Sie waren am Wagen angekommen und stiegen ein. „Das Hospital steht noch. Sie haben die Druckwelle nur leicht gespürt." Fasste Hotchner das Gespräch für seine Kollegin zusammen. Im Wagen stellte er augenblicklich den Funk an und versuchte sich ein Bild mittels der Durchsagen zu machen. Noch immer beunruhigt, versuchte er Morgan zu erreichen. –

Dieser trat gerade mit dem Bombenräumkommando aus dem bereits demolierten Gebäude, als sie die nächste Detonation spürten. Eine Welle heißer Luft überkam sie.

„Nicht schon wieder!"

„Das war ganz in der Nähe." Sprachen die Kollegen durcheinander.

„Kommen Sie Mills, wir müssen uns beeilen." Morgan machte sich bereits auf den Weg. Die Richtung auszumachen war nicht allzu schwer. Die Menschenmenge, die ihnen entgegen stürmte wies ihnen den Weg.

Prentiss und Reid kamen um die Ecke des Nachbargebäudes gelaufen und schlossen sich der Truppe um Morgan an. Morgan verständigte sich mit seinen Kollegen mit einem kurzen nicken, als sein Handy klingelte.

„Hey Hotch!" Meldete er sich nach einem kurzen Blick auf das Display. „Uns geht es gut. Bei euch auch alles okay? … Was ist mit den Anderen? … Gut. Wir sind auf dem Weg!"

Immer mehr Menschen kamen ihnen entgegen geeilt. Verstörte, laut Rufende. Morgan sah in ihren Gesichtern Angst und Entsetzen.

Sie traten um eine Häuserecke und sahen den Explosionsort in gut fünfzig Metern Entfernung vor sich. Morgan eilte mit den Männern weiter.

„Diesmal scheint es mehr Opfer zu geben." Mills war auch sichtlich entsetzt. Viele Menschen saßen einfach auf den Bordsteinen und versuchten den Schrecken zu verarbeiten. Dass sie bei der Explosion verletzt worden waren und bluteten, schienen sie nicht zu realisieren.

Morgan sah, wie sich bereits Krankenwagen in Begleitung von Polizeiwagen durch die Straßenschlucht zu ihnen vorarbeiteten.

„Kümmert euch um die Menschen. Hilfe ist schon unterwegs." Morgan deutete auf das näherkommende Geheule der Polizeisirenen.

„Mills, wir schauen uns den Tatort an."

Die Besuchszeit hatte bereits begonnen. Menschen schoben sich durch die breite Schiebetür aus Glas in das Krankenhaus. Dagegen konnte man die Anzahl, die das Gebäude verließ schnell ermitteln. Dazwischen bewegten sich die Angestellten in ihrer blauen und weißen Berufsbekleidung.

Unter ihnen der Täter. Er fühlte wie sich sein Pulsschlag beruhigte. Das ging ja alles leichter als er gedacht hatte. Er hatte mit einem großen Polizeiaufgebot gerechnet, die jeden Besucher schon am Eingang durchleuchteten.

Er ging langsam weiter und schaute sich um, so als wäre er zum ersten Mal hier und versuchte sich zu orientieren. Dabei hatte es Jahre gegeben, in denen er täglich hier ein- und ausgegangen war. Eine Zeit mit vielen Schmerzen und einem großen Verlust. Er spürte die Wut wieder in sich aufsteigen. Diesmal würden sie ihm glauben müssen!

„JJ stopp hier. Wir werden nicht näher herankommen." Gab Hotchner seiner Kollegin Anweisung.

Kurze Zeit später waren sie zu Fuß auf dem Weg zum Explosionsherd.

Um sie herum, waren die Sanitäter mit dem Verarzten der Opfer beschäftigt. Alles schien mittlerweile ruhig und organisiert abzulaufen.

Aus der Ferne nahmen sie schon den Brandgeruch war und hörten ein gleichmäßiges Hupen. Dann konnten sie die Flammen ausmachen. Es schien ein Fahrzeug zu brennen. In unmittelbarere Nähe standen zwei weitere Wagen, an denen die Warnblinkanlagen aufleuchteten und gleichmäßige Hupsignale ertönten. Die Alarmanlagen waren durch die Explosion ausgelöst worden.

„Hotch", JJ deutete auf drei weiße Tücher, die auf dem Bürgersteig vor einem hohen Bürogebäude lagen. Unter ihnen konnten sie die Umrisse von menschlichen Körpern ausmachen.

„Wir müssen den Kerl endlich kriegen. Das Verletzen reicht ihm nicht mehr aus." Hotchner nickte zustimmend zu JJ's Worten. Er konnte sehen, wie sie die Erkenntnis erschreckte.

Sie gingen weiter auf den Tatort zu.

„Da ist Morgan." Hotchner steuerte direkt auf seinen Kollegen zu. Morgan hatte anscheinend telefoniert. Er nahm gerade sein Handy vom Ohr und sprach mit Geoff Mills. Als er seine Kollegen kommen sah, kam er ihnen entgegen.

„Diesmal hat er die Bombe unter dem Wagen dort deponiert." Begann Morgan augenblicklich den bisherigen Kenntnisstand weiter zu geben. „Es sieht so aus, als wenn zwei Menschen drinnen gesessen haben. Ich habe Garcia bereits das Kennzeichen durchgegeben. Sie wird sich gleich melden."

Morgan drehte sich halb um die eigene Achse und deutete an die Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes hinauf.

„Außerdem haben wir eine Kamera ausgemacht. Garcia bekommt in Kürze das Material und wird es auswerten."

„Gute Arbeit, Morgan." Hotchner nickte ihm zustimmend zu.

Das Handy von Morgan meldete sich. Er schaute kurz aufs Display, bevor er das Gespräch entgegen nahm: „Ich habe dich auf laut gestellt… Hast du schon was gefunden Garcia?"

„Ihr werdet es nicht glauben! Wir haben eine Spur! Der Wagen ist auf eine Firma zugelassen. Havering Bau."

„Also war die erste Bombe nicht nur eine Probe. Sie war schon gezielt." Fasste Morgan zusammen.

„Eine Baufirma und ein Immobilienmakler?" JJ schaute ihre Kollegen aussagekräftig an. „Es kann sich wirklich nur um einen Kunden der Beiden handeln. Höchstens noch ein Angestellter, der mit seinem Gewissen nicht mehr klar kommt."

„Garcia", übernahm Hotchner nun das Wort, „pflück die beiden Firmen auseinander. Vielleicht findest du Gemeinsamkeiten oder einen anderen Hinweis."

„Mach ich Chef. Ende." Damit war die Leitung unterbrochen.

Diesmal konnten keine Worte die Panik der Menschen beruhigen. Binnen kürzester Zeit waren die Highways hinaus aus der Stadt verstopft. Alle wollten diese Stadt des Grauens nur hinter sich lassen.

„Agent Hawkins!", Hotchner fand die junge Frau nach kurzer Suche an einem Schreibtisch im Polizeirevier. Noch bevor sie reagieren konnte, begann er weiter zu sprechen: „Meine Worte vorhin tun mir leid. Ich wollte Sie nicht verletzen."

Hawkins sah ihn mit einem bösen Blick an. Sie schien ihm nicht so einfach zu verzeihen. Hotchner war das eigentlich egal. Sollte sie doch über ihn denken was sie wollte. Aber JJ hatte recht! Er konnte seine Worte nicht einfach so stehen lassen.

„Ich mag es nicht, wenn man mein Team in Frage stellen will. Jeder ist auf seine Art speziell. Und jeder hat ein Recht in das Team aufgenommen zu werden, wenn er die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt."

Damit schien er die richtigen Worte gefunden zu haben. Denn Agent Hawkins Gesichtszüge entspannten sich. Mit einem leichten Lächeln stand sie auf.

„Ich habe Ihnen schon längst verziehen, Aaron." Sie kam um den Tisch herum und stellte sich direkt vor ihn.

Hotchner schüttelte es innerlich. Er mochte es nicht, wenn man ihn einfach so vertraulich beim Vornamen ansprach. Diese Frau schien nicht die leiseste Ahnung von Anstand zu haben.

„Wenn wir den Fall gelöst haben, sind Sie mir einen Abend schuldig." Bestimmte Hawkins. „Dann können wir über die genauen Voraussetzungen sprechen." Sie zwinkerte Hotchner verschwörerisch zu, drehte sich um und verschwand.

Hotchner schaute ihr hinterher und schüttelte verstört seinen Kopf. Diese Person war einfach unmöglich!

„Was!... Das gibt es doch nicht." Entsetzt starrte Garcia auf ihren Bildschirm.

Angetrieben von ihren neuen Erkenntnissen, rollte sie an ihren zweiten Bildschirm und bemühte die Tastatur des Rechners.

„Das würde ja bedeuten… Momentmal… Ja. Du Mistkerl, jetzt habe ich dich!" Eilig rollte sie zurück und stellte augenblicklich eine Verbindung zu ihren Kollegen her.

„Hey, Babygirl. Kannst du den Schatten endlich etwas lichten?" Meldete sich Morgan schon nach den ersten Klingeltönen.

„Das kann man wohl sagen." Garcia war richtig außer Atem vor Aufregung. „Ich habe da etwas gefunden." –

„Warte, ich rufe alle zusammen, dann kannst du es uns erzählen." Morgan schaute sich um. Hotchner hatte sich mit JJ und Reid in eine Ecke des Polizeireviers zurückgezogen, wo Reid eine Karte mit den Tatorten markiert hatte. Ihren Gesichtszügen nach zu urteilen, schienen sie noch keinen Schritt weitergekommen zu sein.

Morgan trat an das Fenster des Büros und klopfte kräftig gegen die Scheibe. Als seine Kollegen zu ihm hinschauten, winkte er sie eilig herbei.

Kurz darauf traten die Drei durch die Tür.

„Was gibt es?" JJ sah ihn fragend an.

„Garcia hat etwas gefunden." Morgan deutete auf sein Handy und legte es vor ihnen auf den Tisch. „Schieß los, mein Mädchen." –

„Also, ich habe versucht die Immobilienfirma mit der Baufirma zu verbinden. Es gibt einige Projekte, die sie gemeinsam betreut haben." Begann Garcia augenblicklich zu sprudeln. „Da gab es nichts Auffälliges. Die Behörden, die Lieferfirmen, keiner scheint ein Problem mit den beiden Firmen zu haben.

Aber dann habe ich in den Zeitungsberichten gesucht und etwas Interessantes gefunden." Sie holte tief Luft.

„2009 gab es eine Explosion in einem Haus, die Gasleitung soll nach sachverständigen Ermittlungen defekt gewesen sein. Bei der Explosion wurde Elisabeth Young schwer verletzt und ihre Tochter Mandy getötet. Mrs. Young ist nie wieder gesund geworden. Sie lag im Koma, bis sie 2011 verstarb.

Bereits kurz nach der Explosion verklagte der Ehemann von Mrs. Young, Aiden Young, die Baufirma auf Schadensersatz. Havering hatte das alte Gebäude angeblich grundsaniert. Als Mitverantwortlichen klagte Mr. Young auch die Immobilienfirma von Mr. Jones an." Garcia tippte kurz auf ihrer Tastatur. –

Diese Pause nutzte Morgan, um seinem Entsetzten Luft zu machen. „Lass mich raten: Sie sind nicht bestraft worden."

„Jones nicht. Man konnte ihm kein Mitverschulden nachweisen. Die Baufirma von Mr. Havering wurde zu einer Entschädigung von 200.000,- $ verurteilt."

„Die bringen ihm seine Familie auch nicht wieder." Sprach Hotchner mit sanftem Ton. Irgendwie konnte er die Gefühle des Mannes nachvollziehen.

„Aber wie ist er an das TNT gekommen?" Reid dachte an jede Kleinigkeit.

„Aidon Young war bei der Armee. Nachdem er das dritte Mal im Irak war, fiel es ihm schwer sich wieder in das normale Leben einzugliedern. Er wurde daher aus dem aktiven Dienst entlassen." Führte Garcia ihre Ermittlungen weiter aus. „Während seiner Ausbildung hat er viel über Sprengstoffe gelernt."

„Wahrscheinlich hat er noch guten Kontakt zu dem National Guard Training Institute." Schlussfolgerte Morgan. „Wenn dort jede Woche kleinere Mengen TNT fehlen, fällt das nicht sofort auf."

JJ sah entsetzt auf. „Die Nachrichten haben bei der Bombe im Bürogebäude nur von Verletzten gesprochen. Er weiß somit, dass Jones seinen Angriff überlebt hat!"

„Und er wird weitermachen, bis er seine Familie gerächt hat. Sein eigenes Leben ist ihm dabei völlig egal." Morgan hatte sich in den Täter hineinversetzt.

„Unser UnSub holt zum finalen Anschlag aus." Fasste Hotchner das momentane Problem zusammen. „Wir brauchen einen Plan!"

Hotchner sah seine Kollegen eindringlich an und zog sein Handy hervor. Kurze Zeit später meldete sich Rossi. „Dave, wir wissen wer es ist. Aiden Young. Garcia schickt euch gleich alle Informationen. Ihr müsst wachsam sein. Wir gehen davon aus, dass er sich rächen will. Und bei seiner momentanen Geschwindigkeit, könnte er nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen."

„Gut. Habt ihr schon einen Plan?"

„Wir sind dabei." Hotchner warf einen Blick auf seine Kollegen, die gespannt das Telefonat verfolgten. „Wenn wir ihn ins Krankenhaus lassen, sind zu viele Menschen gefährdet." –

Rossi nickte zustimmend vor sich hin.

„Da hast du recht… Also müsst ihr ihn vor dem Krankenhaus abfangen. Was allerdings nicht gerade einfach werden sollte. Es sind zu viele Eingänge."

„Dann müssen wir sein Ziel halt bestimmen. Wir kennen den Menschen, den er sucht." Wandte Frank ein, die bisher still auf einem Stuhl an der Wand gesessen hatte.

„Du meinst wir sollten ihm eine Falle stellen?!" Rossi rieb sich nachdenklich über seinen graumelierten Bart.

„Dave, veranlasst augenblicklich die Evakuierung des gesamten Krankenhauses. Wir sind auf dem Weg zu euch!" Hotchner sah keine andere Möglichkeit, als Aiden Young bei Jones im Krankenhaus zu fassen. Er hoffte im Stillen nur, dass sich Young nicht noch an anderen Menschen rächen wollte, denn dann hatten sie kaum eine Chance ihn zu fassen.

„Es sind alle auf Position." Morgan sprach in das Mikrophon an seiner schusssicheren Weste. Zusammen mit Prentiss und Agent Hawkins hatte er sich in das gegenüberliegende Krankenzimmer von Ian Jones versteckt. Durch einen kleinen Spalt beobachtete Prentiss den Gang. Sie konnte den dunkelhaarigen Deputy sehen, der vor dem Krankenzimmer zur Sicherung abgestellt war. Wenn sie ihre Stellung leicht veränderte, sah sie die Tür, hinter der sich ihre Kollegen Reid und Jareau verbargen.

Ein Handy rumorte leise. Morgan zog seines aus der Tasche und nahm das Gespräch an: „Hey Garcia, was hast du?"

„Dieser Kerl ist ja widerlich!" Garcia war richtig in Fahrt.

Beruhigend versucht Morgan auf sie einzuwirken: „Was ist passiert Penelope? Was meinst du?"

„Ich habe Aiden Young auf der Überwachungskamera im Foyer entdeckt." Morgan hörte Garcia tief einatmen, bevor sie weitersprach: „Er hat bereits vor zwei Stunden frech in die Kamera gelächelt."

„Vor zwei Stunden! Er wusste also, dass wir hierher kommen würden, um ihn zu stellen. Danke Süße. Das hilft uns weiter."

Morgan griff wieder zum Mikrophon. „Hotch… Er ist bereits zwei Stunden im Haus. Er weiß, dass wir hier sind und ich denke er hat nichts mehr zu verlieren."

„Du meinst er wird es auf jeden Fall beenden, koste es was es wolle?!" Erklang Hotchners dumpfe Stimme in den Ohrstöpseln der Kollegen.

„Ja, er hat grinsend direkt in die Überwachungskamera geschaut."

„Gut…" Hotchner überlegte kurz, „dann werde ich die Evakuierung des Krankenhauses noch weiter beschleunigen! Die Menschen müssen hier raus!"

Was nicht so einfach war. Für viele der schwerkranken Patienten mussten erst freie Kapazitäten in anderen Krankenhäusern gesucht werden. Dazu kam der riskante Transport.

Ein Mann stand an dem Tresen der Station B. Sein weißer Kittel gab ihn als Angestellten der Klinik aus. Er nahm eine Patientenakte zur Hand und drehte sich entspannt um.

Mit einem Lächeln im Gesicht schaute Young die Flure entlang. Das war ja ein Kinderspiel! Die Angestellten waren alle mit der Evakuierung beschäftigt. Sie hatten kein Auge für ihn. Dabei waren ihre Bemühungen alle umsonst. Er würde gewinnen!

Langsam setzte er sich in Bewegung.

Hotchner stand still in einer kleinen Fensternische. Er spürte die Kühle der Glasscheibe an seiner linken Körperseite. Auf der anderen Seite fühlte er den rauen Stoff der Vorhänge. Die Sonne war bereits untergegangen. Die Dämmerung legte sich draußen über die Stadt und auch über sein Versteck. Der Täter war noch nicht aufgetaucht, dabei hatte Garcia ihn doch eindeutig schon vor gut drei Stunden im Eingangsbereich erkannt.

Tief durchatmend schloss er für einen Moment seine Augen und genoss die Stille, die um ihn herum herrschte. Augenblicklich kamen ihm die Bilder des Tages wieder in den Sinn. Wie kam es nur, dass er momentan so schnell ausrastete?

Heute hatte es nun Agent Hawkins erwischt. Verwundert stellte er fest, dass er sich für seine heutigen Worte nicht schämte. Im Gegensatz dazu konnte er Franks traurigen Blick nicht vergessen. Ihm taten seine Worte von vor zwei Wochen heute noch leid.

Rossi kam mit zwei dampfenden Kaffebechern den Flur hinunter geschlendert.

„Hey Bill, alles okay da drinnen?" Gut gelaunt blieb er kurz bei dem blonden Deputy stehen, der von Sheriff Sloane zur Sicherheit für Ian Jones abgestellt worden war.

„Ja, alles ruhig." Kam die knappe Antwort.

„Gut, dann bis später." Rossi trat an die Tür und verschwand kurz darauf im Inneren des Raumes.

„Ist er immer noch nicht aufgewacht?" Rossi sah sich einer aufmerksamen Kollegin gegenüberstehen, ihre Hand am Griff ihrer Waffe. Erleichtert ließ Frank ihre Hand sinken.

„Kannst du dich nicht vorher bemerkbar machen?" Frank lachte dem Altermittler erleichtert an.

„Ich wollte nur deine Aufmerksamkeit überprüfen", dabei zwinkerte Rossi Frank belustigt zu. „Hier, dein Kaffee."

„Danke." Frank nahm den Muntermacher gerne entgegen. Der Tag war lang und von grausamen Bildern gefüllt gewesen. Und jetzt dieses Warten. Niemand konnte sagen, wie lange es noch dauerte, bis der Täter endlich auftauchte… Wenn er auftauchte.

Wie konnten sie ihn nur für so blöd halten!

Mit entspanntem Gesicht erklomm Aiden Young die Stufen des Treppenhauses. Als er das nächste Podest erreicht hatte, öffnete er die Etagentür und betrat den Krankenhausflur. Dieses Gebäude war monatelang sein Zuhause gewesen. Hier kannte er sich aus.

Auf dem Flur vorm Krankenzimmer wurde es lauter. Es schien, als würde sich dort draußen jemand streiten.

Rossi und Frank standen binnen weniger Sekunden mit gezogenen Waffen vor dem Bett, um den Körper von Mr. Jones zu schützen.

Doch die Stimmen verklangen wieder und die Agents entspannten sich. Irgendwie hatten sie gehofft, dass jetzt endlich eine Entscheidung fallen würde, aber es schien nur ein Fehlalarm gewesen zu sein.

Rossi zog kurz eine seiner Schultern hoch, bevor er sich wieder ans Fenster begab und seinen Blick über die Außenanlagen schweifen ließ.

Ein lauter Knall erschütterte das Krankenhaus.

Hatte Young eine weitere Bombe gezündet? Etwa hier im Krankenhaus? Entsetzt wechselte Morgan einen Blick mit Prentiss. –

‚Nein' ging es Hotchner durch den Kopf. Für einen kurzen Moment blitzte ein Bild vor seinem inneren Auge auf. Er trat aus dem Schatten der Vorhänge ins leer stehende Krankenzimmer. –

„Das war ein Schuss." Stellte Prentiss bestimmt fest. „Er kam von oben."

„Dann ist er nicht auf unsere Finte hereingefallen!" Morgan ergriff das Mikrophon an seiner schusssicheren Weste. „Wir müssen ihnen helfen. –

Hotch, oben ist ein Schuss gefallen."

Eine Sekunde später öffnete sich bereits die Tür des Krankenzimmers und Hotchner kam mit gezogener Waffe auf den Flur geeilt.

„Los, die Treppe." Gab er kurz Anweisung und lief los. Er wusste, dass ihm die Kollegen auf dem Fuß folgen würden.

Rossi beugte sich über einen leblosen Körper, der zu seinen Füßen lag, und versuchte einen Pulsschlag am Hals zu ertasten. Doch er spürte nichts.

Die Zimmertür hinter ihm flog auf und die Kollegen drangen mit gezogenen Waffen herein.

„Was ist passiert?" Morgan erkannte augenblicklich Aiden Young in dem Mann am Boden.

„Er kam herein und hat Susanne und mich aufgefordert augenblicklich das Zimmer und das Gebäude zu verlassen." Begann Rossi zu erklären. „Plötzlich stand der Deputy in der Tür und hat auf ihn geschossen."

„Er hat mich niedergeschlagen." Die Kollegen schauten zum Tisch, an dem der blonde Deputy saß. Frank stand neben ihm und drückte eine Kompresse auf eine blutende Kopfwunde.

„Gott sei Dank war ich nicht lange weg. Als ich wieder zu mir kam, bin ich sofort hinter ihm her." Versuchte der Deputy sein Vorgehen zu erklären.

„Das hast du gut gemacht Bill!" Sheriff Sloane war auf seinen Deputy zugegangen und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.

Hotchner empfand das Ergebnis nicht ganz so glücklich. Einen unbewaffneten Menschen erschießen…

Rossi hatte sich unterdessen zum Toten hinunter gekniet und öffnete instinktiv den Kittel des Toten. Er sah seine Befürchtungen bestätigt!

Young hatte sich einen Sprengstoffgürtel umgeschnallt, dessen Munition mit zahllosen Drähten verbunden war und einer Uhr, die gegen Null herunter zählte.

„Wir brauchen Hilfe. Und zwar schleunigst!" Rossi sah aus seiner halb gebückten Stellung ernst zum Teamchef hinauf.

Das Bombenräumkommando war schnell zur Stelle. Während Geoff Mills in voller Schutzmontur vorsichtig versuchte den Aufbau der Bombe zu entschlüsseln, versammelte sich die BAU mit Agent Hawkins, Sheriff Sloane und Deputy Grover vor dem Krankenhaus. Angespannt warteten sie…

Die Evakuierung der Kranken und Angestellten war so gut wie abgeschlossen. Noch vereinzelt traten Pflegekräfte mit Patienten aus der Tür. In mehr als hundert Metern Entfernung war ein Notfallzelt aufgebaut, in dem man die Patienten notdürftig unterbrachte.

Wenn alles gut verlief, konnten sie bereits in einer Stunde wieder den Betrieb im Krankenhaus aufnehmen. Endlich trat der Direktor durch die Tür und gab Hotchner ein Zeichen, dass das Krankenhaus geräumt war. Hotchner nickte ihm verstehend zu und wandte sich dann wieder an seine Kollegen. Angespannt warteten alle stumm auf die erlösende Entwarnung.

Nach endlos scheinenden Minuten kam Bewegung in die Kollegen des Räumkommandos. Vier Mann liefen mit einem metallenen Kasten auf die Eingangstür zu.

„Was soll das bedeuten?" Hawkins schaute verwundert zu Hotchner hoch. Doch dieser ging nicht auf die Frage ein, denn mittlerweile war ein weiterer Mann des Räumkommandos zu ihnen getreten.

„Agent Morgan!" Sprach dieser den ernst blickenden Agent an.

„Was ist passiert Mike?" Morgan und seine Kollegen hatten ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Mann gerichtet.

„Mills hat sich gemeldet. Er kann die Bombe nicht entschärfen. Die Gefahr einer Detonation ist zu groß." Verwunderte Blicke wechselten unter den Anwesenden. „Wir werden sie in den Metallkasten leben, um den Druck etwas zu dämpfen."

„Was machen wir nun?" Hawkins schien immer nervöser zu werden.

Sekunden später öffnete sich die Eingangstür und der Spezialist verließ, noch immer in voller Montur, das Krankenhaus. Vorsichtig legte er zusammen mit den Kollegen die Bombe in den metallenen Kasten.

Die vier Männer machten sich augenblicklich auf den Weg in einen Park der neben dem Krankenhaus lag. Hier würde die Bombe den geringsten Schaden anrichten können.

Morgan wollte schon auf Mills zugehen, der aber gab ihm Zeichen, Abstand zu halten. Stattdessen kam er auf die Gruppe zugeeilt.

„Das ist nicht gut!" Murmelte Morgan vor sich hin.

„Alles okay?" Sprach Morgan Mills an, als dieser die Gruppe erreicht hatte. Doch Mills schüttelte zerknirscht den Kopf. Er öffnete das Visier seines Helmes.

Mills übergab Hotchner eine Digitaluhr. „Ich habe die Uhren synchronisiert. Sie zeigt die verbleibende Zeit an." Hotchner sah auf die roten Zahlen, die gerade die letzten siebzehn Minuten herunter zählten. Währenddessen erklärte Mills weiter: „Der Zünder wird nicht über die Uhr aktiviert, sondern mittels Funk. Ich habe aber nichts Entsprechendes bei dem Toten gefunden."

„Das bedeutet, wir haben noch einen zweiten Täter?" Warf Hawkins fragend in die Runde.

„Nicht unbedingt. Ich gehe eher davon aus, dass irgendwo eine Zeitschaltuhr ist. Sie wird die Explosion auslösen." Erklärte Mills.

Morgan hatte das Gesagte in seinem Kopf durchgespielt. Wenn die Bombe an einer Fernsteuerung angeschlossen war, Mills sie aber nicht entschärfen konnte… „Das bedeutet sie hat so eine Art Rückkopplung?" Verwundert schaute er den Spezialisten an.

„Sie sieht danach aus, ja. Es kann auch nur eine Attrappe sein, aber genauso gut könnte die Uhr sofort auf null springen."

„Und die Uhr kann überall im Haus versteckt sein." Brachte sich Prentiss in das Gespräch ein. „Er war stundenlang unbeobachtet im Gebäude unterwegs!"

„Es könnte auch noch mehrere Sprengsätze geben." Hotchners Worte ließen die Bombe um ein vielfaches wachsen. Während er sprach fiel sein Blick auf Hawkins. Sie hatte sich diesmal nicht in seine Nähe gestellt, sondern neben Agent Frank. Verwundert beobachtete er die verschiedenen Reaktionen der beiden Menschen. Hawkins schien zu frösteln. Ihr ging es wohl nur um die eigene Haut… Frank blieb dagegen ruhig, obwohl er auch in ihren Augen die Anspannung erkennen konnte.

„Ja, das wäre möglich." Bestätigte Mills.

„Wie groß wird der Radius des Funksignales sein?" Reid hatte eine Formel im Kopf, nach der ihm eine Angabe über die Reichweite des Senders fehlte.

„Es ist eine einfache Konstruktion… In einem Bereich von ungefähr 50 bis 100 Metern!" Versuchte Mills festzulegen.

„Das bedeutet in unmittelbarer Umgebung zum Gebäude. Wo wird er die Uhr versteckt haben?" Hotchner sah in die Runde.

„Vielleicht ist er mit einem Wagen gekommen und hat sie dort gelassen?" Schlug Prentiss wenig überzeugt vor.

„Möglich. Aber wie sollen wir das Fahrzeug auf dem großen Parkplatz finden." Wandte Morgan ein und sah dann zu Reid.

Doch dieser schüttelte nur seinen Kopf. „Er hat seine Familie verloren. Havering hat er getroffen. Jones liegt hier im Krankenhaus."

„Den hätte er bereits mit seiner Bombe am Körper endgültig mit in den Tod nehmen können." Bemerkte Rossi.

„Demnach hat er noch ein weiteres Ziel." Frank sah ernst in die Runde. „Ist nicht seine Familie hier in diesem Krankenhaus verstorben?"

„Richtig", bestätigte Reid.

„Er wird den Menschen hier dankbar sein, für ihre Hilfe. Aber genauso gut sind sie mit verantwortlich für den Tod seiner Liebsten!" Frank sah die Zustimmung in den Gesichtern ihrer Kollegen.

„Damit muss der Zünder im Gebäude sein!" Hotchner sah keine andere Lösung.

„Wie viel Zeit bleibt uns noch?" Hawkins Stimme war dünn. Morgan drehte sich verwundert zu ihr um. Sie schien dieser Situation nicht wirklich gewappnet zu sein.

Mills hatte den Countdown auch auf seine Armbanduhr übertragen. Einen Blick darauf werfend antwortete er: „Wir haben noch gute fünfzehn Minuten."

„Wo sollen wir suchen? Das Krankenhaus ist groß!" Prentiss wäre am liebsten sofort losgeeilt.

„Im Keller." Schlug Morgan vor. „Das ganze Haus würde beschädigt. Er kann somit alle treffen!"

„Gut…" Hotchner überlegte kurz. „Mills, Morgan. Wir gehen runte?!" Er bekam nickende Zustimmung von den beiden Kollegen.

„Ich gehe auch mit." Frank schaute ihren Chef entschieden an. Hotchner wusste mit einem Blick, dass er sie diesmal nicht von der Gefahr fernhalten konnte. Er nickte.

Sie machten sich ohne zu zögern auf den Weg.

Morgan sprang die Stufen im Treppenhaus hinunter. Er hörte, wie ihm seine Kollegen auf dem Fuß folgten.

„Wir teilen uns auf." Hörte er Hotchners Stimme hinter sich. „Frank, Morgan rechts. Mills, wir gehen nach links."

Im Keller angekommen trennten sie sich.

Morgan deutete auf die erste Tür und lief weiter zur Nächsten. Frank hatte ihn verstanden und öffnete augenblicklich das Schloss. Aufmerksam ließ sie ihren Blick durch die Dunkelheit schweifen, das Licht der Taschenlampe erhellte die Ecken.

Doch nichts, was auf eine Bombe oder einen Zeitzünder schließen ließ.

„Warum hat er Susanne erlaubt mitzugehen? Uns hätte er nicht mitgenommen." Prentiss machte sich ernsthaft Sorgen um die Freundin. Auch JJs Gesicht spiegelte ihre Angespanntheit wieder: „Was ist, wenn sie es nicht schaffen?"

„Dann wird er sie rechtzeitig hinausschicken." Mischte sich Rossi ein. „Er wollte ihr bestimmt nicht schon wieder verbieten dabei zu sein."

Weiter kamen sie nicht. Hotchners Stimme war über Funk zu vernehmen: „Habt ihr schon etwas gefunden?"

„Nein… Negativ." Gaben die Stimmen von Morgan und Frank Antwort.

Hotchner warf einen Blick auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Noch war Zeit. Eilig öffnete er die nächste Tür und ließ den Schein der Taschenlampe durch die Dunkelheit gleiten.

„Wie viel Zeit haben wir noch?" Erscholl Morgans Stimme durch den Funk.

„Sieben Minuten." Kam von Mills die kurze Antwort.

„Wir suchen noch zwei Minuten, dann räumen wir das Gebäude." Hotchner war sich der Gefahr bewusst. Keiner seiner Leute sollte hier sein Leben lassen.

Morgan schüttelte den Kopf. Er war sich so sicher gewesen. Etwas anderes als der Keller machte für eine Bombe keinen Sinn!

Angespannt stieß er die nächste Tür auf. Überrascht sah er sich einem rot leuchtenden Display gegenüber. Er blinzelte zwei Mal. Doch das Bild blieb.

„Ich habe sie gefunden!" Sprach er ruhig in den Funk. Der Countdown tickte unermüdlich abwärts: 5.58 … 5.57 … 5.56 …

„Mills", Hotchners Stimme schalte den Flur entlang. Mills kam aus einem der Kellerräume heraus und eilte hinter dem Teamleiter der BAU her.

„Morgan, wo bist du?" Hotchner sprach in sein Mikrophon am Handgelenk, sobald er am Ausgangspunkt angekommen war.

„Fast am Ende des Ganges." Erklang Franks Stimme mit der Antwort.

Mills und Hotchner liefen weiter und sahen bald die Umrisse einer Person und einen Lichtkegel in der Ferne aufleuchten.

Hotchner spürte, wie Schweiß sein Hemd durchdrang. Mit großer Ehrfurcht schaute er zu Mills hinüber, dem der Schweiß unter der schweren Montur nur so über das Gesicht ran.

Doch sie hatten keine Zeit. Ausruhen konnten sie, wenn die Bombe entschärft war.

„Sue, du musst aus dem Gebäude heraus. Geh!"

„Ich bleibe. Zumindest so lange, bis Hotch mit Mills hier ist." Wischte Frank bestimmt Morgans Wort weg.

„Da sind wir." Hotchner trat ohne zu zögern weiter durch die geöffnete Tür. „Ihr verschwindet jetzt… Beide!"

„Wo ist die Bombe?" Mills Atem ging schwer, als er den dunklen Raum betrat.

„Dort", Morgan deutete auf einen Metallständer, an dem die Uhr unaufhörlich abwärts zählte. Sie stand mittlerweile bei 2:35.

Mills betrachtete die Komplexität. „Sie gehen alle und zwar schnell. Es reicht, wenn ich draufgehe." Er drehte sich für einen Moment zu den Agents um. Dann wandte er seine ganze Aufmerksamkeit auf die anstehende Aufgabe. „Na dann los!"

Für wen diese Aufforderung galt, konnten die Agents nicht entscheiden. Es war in diesem Moment auch egal, da Hotchner seine Leute antrieb.

Sie eilten zurück zur Treppe. Hinauf ins Erdgeschoss. Sie stießen die Außentür auf und waren kurz darauf an der frischen Luft.

„Da! Da sind sie!" JJ hatte den Eingang nicht aus den Augen gelassen. Am liebsten wäre sie jetzt direkt zu ihnen gerannt, aber sie hätte sich nur selber in Gefahr gebracht.

„Wie lange noch?" Morgan sah zu seinem Chef hinüber, als sie nebeneinander zu der Absperrung liefen.

„Dreißig Sekunden", Hotchner hatte einen Blick auf seine Uhr geworfen.

Hinter der Absperrung wurden sie von ihren Kollegen empfangen. „Da seid ihr ja! ... Alles okay?" Erklang es einen Moment durcheinander. Dann wurden sie still. Die letzten Sekunden zählten hinab.

Hotchner hielt seinen Atem an. Jetzt…!

Doch es geschah nichts. Hatte Mills es wirklich geschafft?

Die Sekunden verstrichen und keine Explosion war zu hören.

„Mills muss es geschafft haben!" Sprach Rossi laut die Gedanken aller aus.

„Ja, es scheint so." Morgan war beeindruckt. Er hatte Zeit genug gehabt sich den Aufbau der Bombe anzusehen. Mal eben so war die Entschärfung nicht zu bewältigen gewesen.

Die Zeit verstrich. Endlich öffnete sich die Außentür und Mills trat, seinen Helm unterm Arm haltend, heraus. Erschöpft ließ er sich auf der obersten Treppenstufe nieder und atmete die erfrischende Luft der fortgeschrittenen Nacht tief in seine Lungen ein.

Die Erleichterung unter den Bewohnern von Oklahoma City war riesengroß, als sie von dem Ende des Schreckens erfuhren. Sie liefen ins Freie, tanzten auf den Straßen und fiel sich gegenseitig in die Arme.

Eine chinesische Weisheit besagt:

„Wenn du einen Riesen siehst, prüfe erst am Stande der Sonne, ob es nicht bloß der Schatten eines Zwerges ist!"

„Wir haben Gegenwind. Ich werde es nicht pünktlich schaffen Jess… Ja, ich weiß… Das wäre schon eine große Hilfe… Okay, irgendwie bekomme ich das hin… Bye."

Hotchner ließ sich gegenüber von Rossi in den Flugzeugsitz gleiten.

„Probleme?"

„Jessica muss für ein paar Tage weg. Sie hat ihre Abfahrt schon so lange wie möglich hinausgezögert. Nun fehlt uns eine gute Stunde in der keiner bei Jack ist. Sie bringt ihn noch bis nach Quantico, es liegt auf ihrem Weg, ab da muss ich mich um ihn kümmern. Dieser verdammte Gegenwind."

„Wir sind doch in etwa zwei Stunde da. Frag Garcia, sie wird sich bestimmt die Stunde um Jack kümmern." Morgan schaute entspannt zu ihnen hinüber. Er hatte sich mit seinem MP3-Player etwas zurückgezogen.

„Das wäre eine Möglichkeit…" Hotchner nahm sein Handy wieder zur Hand und wählte die Nummer der Computertechnikerin. „Aber ich habe dabei das Gefühl, als wenn ich ihn von Einem zum Anderen abschiebe."

„Quatsch. Jessica hat schließlich selber angeboten sich um Jack zu kümmern, damit du deinen Beruf weiter ausüben kannst... Und ich denke du weißt, das wir alle hinter dir stehen." Mischte sich Prentiss ein.

Hotchner konnte ihr nur noch dankend zunicken, den sein Anruf wurde entgegengenommen: „Penelope Garica, die schnellste menschliche Suchmaschine des FBI."

Hotchner konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dieser Person fielen aber auch immer wieder neue Begrüßungen ein.

„Penelope, kannst du mir einen großen Gefallen tun?"

„Sicher Chef, worum geht es?"

„Jack wird in einer guten Stunde am FBI-Gebäude eintreffen. Wir haben Gegenwind und werden erst in zwei Stunden landen. Könntest du dich bitte…"

„Aber sicher doch Hotch! Das wird mir ein Vergnügen sein."

„Denk aber bitte daran, dass er erst sechs ist. Keine Computerspiele."

„Mmh,… eigentlich schade. Ich habe da eins gefunden, extra für die ganz Kleinen."

„Garcia!"

„War ein Scherz, Chef. Jack und ich werden uns die Stunde schon nicht langweilen… Soll ich ihn unten abholen? Dann braucht Jessica nicht erst durch die Sicherheitskontrolle."

„Das wäre optimal."

„Gut, ich werde mich dann mal mit Jessica kurzschließen. Dann bis später. Garcia Ende."

„Danke Garcia." Hotchner hielt seinen Sohn an der Hand und trat aus dem Büro der Computertechnikerin. „Ich hoffe, wir haben dir deinen Feierabend jetzt nicht verdorben."

„Ach wo. Ich musste sowieso noch etwas aufräumen. Und Jack hat mich gut unterhalten." Penelope Garcia schloss die Bürotür hinter sich und zwinkerte Jack verschwörerisch zu. „Du kannst mich immer gerne besuchen kommen Jack."

„Danke. Ich komme bestimmt." Jack lächelte zurück.

Garcia verschwand in Richtung Fahrstühle: „Bye, bis Morgen."

„Bye und einen schönen Feierabend." Hotchner schob seinen Sohn durch die Glastür in das Großraumbüro. Alles war still, keiner schien mehr da zu sein.

„Dad, ich habe Hunger."

„Ich auch. Wir können sofort los. Ich muss nur noch eben in mein Büro."

„Agent Hotchner?!" Ein schlaksiger junger Mann in einem hellgrauen Anzug trat durch die Glastür.

„Ja?" Hotchner drehte sich zu ihm um.

„Sie sollen bitte noch beim Direktor vorbeischauen. Es ist wohl dringend."

„Okay." Hotchners Gesichtsmuskeln spannten sich an. „Hätten Sie vielleicht fünf Minuten Zeit? Könnten Sie solange auf meinen Sohn achten?"

„Ähh, ich … ähmm." Der junge Mann, Hotchner schätzte, dass es sich um einen Praktikanten handelte, druckste herum.

„Hotch geh nur. Ich bleibe bei Jack."

Hotchner wusste sofort wer da hinter ihm war und drehte sich erleichtert um. „Susanne, das wäre wunderbar. Ich beeile mich auch."

Der junge Mann verdrückte sich leise aus dem Büro.

„Komm her Jack." Frank zog den Stuhl vom Nachbarschreibtisch zu sich heran. „Setz dich, dann kannst du mir erzählen, wie es heute in der Schule war und was du schönes mit Penelope gemacht hast."

„Bin gleich wieder zurück." Hotchner machte sich auf den Weg. Als er durch die Glastür war, drehte er sich noch mal kurz um und verschwand dann mit einem entspannten Gesichtsausdruck.

„Ich habe Hunger Susanne. Wo bleibt Daddy denn so lange."

„Ich weiß es auch nicht Jack. Warte mal, ich schaue mal nach, ob wir noch etwas für den kleinen Hunger zwischendurch haben." Frank verschwand in der kleinen Küche, die sich links vor der Glastür befand. Sie schaute in den Kühlschrank und durchwühlte die Schubladen. Nichts! Sonst war doch immer irgendwo etwas aufzutreiben. Ergeben ging sie zurück zu Jack.

„Tut mir leid. Aber es ist nicht das kleinste bisschen mehr da."

„Dad und ich wollten essen gehen. Wir könnten schon vorgehen und bestellen, dann dauert es gleich nicht so lange." Jack, von seiner Idee beeindruckt, rutschte von seinem Stuhl hinunter. „Komm." Er ergriff Franks Hand und wollte sie davonziehen.

„Warte Jack. Wir müssen deinem Dad noch Bescheid geben, wo wir hingehen, sonst macht er sich Sorgen." Susanne Frank überlegte kurz. Ein Anruf kam nicht in Frage. Eine Textnachricht würde auch nur stören. Kurzentschlossen zog sie ein Blatt Papier hervor und schrieb…

Hotchner eilte durch die Glastür. „Jack! Susanne, ich bin zurück. Wir können jetzt los."

Erstaunt blieb er vor dem leeren Schreibtisch seine Kollegin stehen. Alles war wie immer sorgfältig aufgeräumt, die Stühle ordentlich an ihren Plätzen. Seine Augenbrauen zusammenziehend schaute er sich in dem Großraumbüro um. Nichts! Wo konnten sie stecken?

In seinem Büro brannte das Licht. Er hatte es heute noch gar nicht betreten. Nichts Gutes ahnend sprang er die sieben Stufen zu der Empore hinauf und betrat den Raum.

Auf seinem Schreibtisch hatte Hotchner sofort den Zettel mit einer großen Schrift entdeckt. Er trat an den Tisch und nahm den Zettel vorsichtig zwischen Zeigefinger und Daumen. Angespannt begann er zu lesen:

‚Hey Hotch! Jack hatte schrecklichen Hunger. Wir sind schon mal vorgefahren zur ‚Tratoria'. Melde dich am besten eben, dann können wir für dich gleich mit bestellen. Gruß Susanne & Jack'

Aaron Hotchners Gesicht spiegelte seine Gefühle wider, während er den Text las. Erleichterung wechselte mit Erstaunen, Trauer und dann begann er zu lächeln, als er Jacks noch mühevolle Schrift erkannte.

„Jack, da kommt dein Dad. Ich verschwinde dann jetzt. Wir sehen uns bestimmt bald wieder."

„Susanne bleib doch noch", bat der Kleine.

Frank lächelte den kleinen Jungen an, fuhr ihm mit der Hand über den dunkelblonden Schopf und schüttelte dann entschieden ihren Kopf. „Macht euch einen schönen Abend."

Sie nahm ihre Tasche auf, warf eiligst ihre Jacke über den Arm und ging Hotchner entgegen. Noch bevor dieser einen Ton sagen konnte, sprudelte es aus Frank heraus: „Tut mir ehrlich leid, dass wir nicht gewartet haben, aber Jack hatte schon fast Krämpfe vor Hunger… Wir sehen uns Morgen, dann darfst du mich auch zusammenstauchen. Aber nicht mehr heute und hier, vor Jack und den anderen Gästen." Sie wollte sich an ihm vorbeischieben und nur möglichst schnell aus dem Restaurant verschwinden.

„Warte Susanne…", während die Angesprochene stehen blieb und sich nur halb zu ihm umwandte, sprach Hotchner mit ruhigem Ton weiter, „warum bleibst du nicht und isst mit uns?"

Hotchner fühlte, dass Frank alles wollte, nur nicht hier bleiben. Nervös suchte sie nach einer möglichst unverfänglichen Erwiderung: „Danke, aber ich muss los. Ich bin schon sehr spät dran." Lächelnd hob Frank entschuldigend ihre Schultern. Noch bevor Hotchner etwas erwidern konnte, war Frank schon durch die Tür verschwunden.

Erstaunt verfolgte er ihren Weg bis zum Wagen. Erst dann kam langsam wieder Bewegung in ihn und er drehte sich nach Jack um, der ihn schon gespannt erwartete. Langsam ging er auf seinen Sohn zu.

„Jack, wie kommst du gerade auf dieses Restaurant?"

„Tante Jessica hat mir erzählt, dass du mit Mummy hier immer gewesen bist."

Hotchner ließ sich auf den Stuhl neben Jack nieder. „Ja" bestätigte er, „wir waren oft hier. Sie hat es geliebt hier zu sitzen und einfach nur zu reden."

Reden. Geredet hätte er jetzt auch gerne.

Er zwang sich zu einem Lächeln und wandte sich seinem Sohn zu.