7 - Rache ist tödlich

Ein weiß verputzter zweistöckiger Bau in einem gepflegten Garten. Der Rasen grau-grün, ganz vereinzelt hing noch ein buntes Blütenblatt an einem Blumenstängel. Die letzten bunten Blätter wurden von einem kräftigen Wind durch die Gegend getrieben.

Langsam schritt jemand über den Rasen auf die dunkelblaue Haustür zu. Die zwei Stufen hoch auf die Veranda. Eine behandschuhte Hand klopfte.

„Ich komme schon", ertönt es von drinnen und kurz darauf öffnete eine dunkelhäutige Frau die Tür. Ein Lächeln legte sich über ihr Gesicht, als sie erkannte, wer da vor ihr stand.

„Komm herein." Gemächlich führte der Weg ins Wohnzimmer auf der linken Seite des Hauses.

„Setz dich doch. Ich bin gleich zurück. Ich muss die Sachen eben von oben holen." Damit verschwand die Hausbewohnerin. –

„Aaaah." Ein lauter Schrei durchzog das Haus. Lautes Poltern folgte. „Au", ein, zwei weitere Schreie, dann schlug die dunkelhäutige Frau längs vor der Treppe in ihrem Haus auf. Stöhnend öffnete sie die Augen und versuchte sich zu bewegen, doch ihr ganzer Körper schmerzte und ließ ihr das Bewusstsein schwinden. –

Als sie erneut ihre Augen öffnete, sah sie ein Paar Schuhe direkt vor ihren Augen.

„Bitte helf mir!" Flehend schaute sie hoch. Ihre Augen öffneten sich angsterfüllt und starrten ungläubig auf den Peiniger. „Nein, bitte nicht!", setzte sie noch an, dann schlug die Spitze eines Zimmermannhammers in ihre Schädeldecke ein.

Agent Hotchner trat vor die Schießbahn, die man ihm zugewiesen hatte. Er wusste von der Anwesenheit von Reid und Morgan zu seiner Rechten und von Prentiss und Frank die schräg hinter ihm standen. Doch das störte ihn nicht. Hatte es noch nie. Er konnte sein Umfeld ausblenden und sich nur auf den Augenblick konzentrieren. Genauso wie er es bei einem Einsatz tat. In solchen Momenten hatte er gelernt sich voll auf seine Instinkte zu verlassen. Routiniert konzentrierte er sich auf seinen Gegner.

„Bahn frei!", drang eine dumpfe Stimme zu ihm durch.

Augenblicke später hörte er wie neben ihm sechs Schüsse innerhalb von Sekunden abgefeuert wurden. Morgan. Mittlerweile konnte er am Schussrhythmus seine Kollegen erkennen und das Ergebnis erahnen.

Hotchner hob ebenfalls seine Waffe, zielte kurz und schoss. Ruhig ging sein Atem, als er die sechs Schuss abgefeuert hatte. Automatisch legte er die Waffe auf der Ablage vor ihm ab, ging gewohnheitsgemäß in die Hocke und zog, ohne das Ziel aus den Augen zu lassen, seine zweite Waffe, die er am rechten Knöchel trug. Er stockte. Verwirrt spürte er, wie sein Puls anstieg.

Agent Frank verfolgte überrascht Hotchners Bewegungen. Sie hatte nicht gewusst, ja nicht mal erahnt, dass Hotch eine weitere Waffe mit sich führte. Interessiert verfolgte sie, wie er für eine Sekunde die Augen schloss, sich dann entschieden erhob und weitere sechs Schuss ins Schwarze setzte.

JJ klopfte an die Tür zu Hotchners Büro. Doch ihr Chef war nicht da.

Sie ließ ihren Blick über die Schreibtische ihrer Kollegen schweifen. Keiner saß an seinem Platz. Verwundert ging sie zum nächsten Büro und trat, an den Türrahmen klopfend, ein.

„JJ, komm herein. Wie kann ich dir helfen?" Erklang die raue Stimme des Altermittlers.

„Hast du Hotch irgendwo gesehen? Er ist nicht in seinem Büro."

„Er ist zur Schießprüfung. So wie alle Anderen auch."

„Heute? ... Ich habe irgendwie die Daten durcheinandergebracht."

„Kann ich dir weiterhelfen?"

„Ich habe hier einen neuen Fall… In den letzten drei Tagen wurden drei Morde begangen."

Rossi lud JJ mit einer Handbewegung ein vor seinem Schreibtisch Platz zunehmen. JJ folgte der Aufforderung und händigte Rossi die Fallmappe aus.

„Mmh… scheint interessant zu werden."

„Also meinst du auch, dass wir dort helfen sollten?"

„Das kann ich nicht entscheiden. Aber ich denke, die Leute brauchen Hilfe."

JJ zog ihr Handy hervor und wählte die Nummer ihres Chefs.

„JJ, was gibt's?" Meldete sich kurz darauf Hotchners Stimme.

„Ich hätte hier einen dringenden Fall. Wie weit seid ihr?"

„Fertig, wir sind auf dem Rückweg. Hast du schon alle Papiere?"

„Die offizielle Anfrage fehlt noch. Ist aber wohl nur noch eine Formalität. Sie warten auf meinen Rückruf und würden sie dann sofort durchfaxen."

„Gut. Worum geht es?"

„Drei Mord in drei Tagen. In einer Kleinstadt in Arizona."

„Hast du schon mit Dave darüber gesprochen?"

„Ja, ich bin gerade bei ihm."

„Was meint er dazu?"

„Dass sie Hilfe benötigen."

„Okay, dann ruf sie an, dass sie die Papiere schicken. Wir treffen uns in einer Stunde im Flugzeug."

JJ legte auf und sah Rossi entschieden an. „In einer Stunde geht es los."

„Nun, dann lass uns mal wieder unsere sieben Sachen packen und auf Reisen gehen." Schmunzelt sah er die junge Frau ihm gegenüber an.

„Was hast du diesmal für uns JJ?" Morgan sah seine Kollegin, die gerade aus der kleinen Bordküche im Flugzeug kam, entgegen. Sie hielt ein Fax in der Hand, das die offizielle Bitte um Unterstützung für den neuen Fall enthielt. Ohne ein Wort zu sagen, gab sie das Fax an Hotchner weiter und schaute ihre Kollegen ernst an. Gespannte Stille legte sich über den Passagierraum.

„Die Polizei aus Page in Arizona bittet uns um Hilfe." JJ nahm die Fernbedienung für den kleinen Computerbildschirm zur Hand und ließ das Bild eines toten Mannes aufleuchten. Sie öffnete die Mappe, die sie im Arm hielt, und schaute kurz in die Runde.

„Sie haben einen Serienkiller, der aus der normalen Statistik herausfällt", begann JJ mit ihrer Ausführung. Statistik, das war ein Wort für Reid. Aufmerksam geworden hob er seinen Blick und sah JJ direkt an.

„Sie haben drei Opfer, die alle unterschiedlich den Tod gefunden haben. Das erste Opfer", JJ wies auf den Bildschirm, „Doktor Michael Smith, weiß, 45 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Arzt am örtlichen Krankenhaus in Page. Er starb während seines Dienstes am Montagmorgen gegen 2 Uhr an einer Überdosis Schlaftabletten. Das zweite Opfer", das Bild einer toten Frau erschien. Sie lag auf einem Bett in einer großen Blutlache. „Isabelle Bonnet, weiß, 43, ledig. Arbeitete in der örtlichen Bankfiliale. Sie starb am Dienstag gegen 19 Uhr in ihrer Wohnung in der Innenstadt. Ihre Pulsadern waren durchtrennt. Gestern Morgen fand man ihre Leiche, nachdem sie nicht auf der Arbeit erschienen war."

„Wie kommt die Polizei auf einen Serienmörder, JJ? Die Leichen sehen doch nach klassischem Selbstmord aus." Morgan unterbrach JJs Bericht.

„Ja, das haben sie zu diesem Zeitpunkt auch noch gedacht. Obwohl es für eine Kleinstadt wie Page nicht gerade normal ist, so viele selbstmordgefährdete Mitbewohner zu haben.

Die Polizei hatte vorsichtshalber alles an Fingerabdrücken genommen, was sie finden konnte. Erst nachdem gestern auch noch das dritte Opfer gefunden wurde", eine weitere Frauenleiche, die am Fuße einer Treppe lag, erschien auf dem Bildschirm „wurden die Beamten aufmerksam. Die Tote heißt Samantha Woods, Afroamerikanerin, 42. Sie lebt mit ihrem Mann in einem Wohnviertel und wurde auf der Treppe in ihrem eigenen Haus auf eine, noch nicht bekannte Art, zu Fall gebracht. Den Sturz hat sie überlebt, erst ein Schlag mit dem Hammer", das Bild eines blutverschmierten Zimmermannshammers erschien, „brachte den Tod. An allen drei Tatorten fanden sich die gleichen Fingerabdrücke einer Person, die nicht in der Verbrecherdatei gespeichert ist."

„Hat Garcia schon den Abdruck?", Hotchner sah von den Papieren in seiner Hand hoch und JJ fragend an.

„Ja, sie meldet sich, sobald sie etwas gefunden hat."

„Wo haben sie bei den ersten beiden Morden die Fingerabdrücke gefunden?" fragte Rossi interessiert.

„Bei Dr. Smith an dem Tablettenröllchen", JJ schaute auf ihre Notizen, „und beim zweiten Opfer auf der Rasierklinge."

„Auf dem Wasserglas oder an den Händen und Armen des zweiten Opfers nicht?", Hotchner war dem Gedankengang seines Kollegen gefolgt.

„Nein, die waren sauber."

Morgan wühlte durch die Fotos, die JJ über die Opfer und den Tatort auf den Tisch gelegt hatte.

„Also haben wir innerhalb von drei Tagen ein männliches und zwei weibliche Opfer zwischen 40 und 50." Prentiss fasste JJ's Ausführungen zusammen.

„Dazu Hell- und Dunkelhäutige." Ergänzte Frank ihre Kollegin.

„Hat die Wahl der Folter etwas mit den Opfern zu tun, oder sucht der Täter noch nach der für ihn richtigen Methode?", warf Prentiss noch abschließend ein.

Morgan legte ein Foto, das er sich genauer angesehen hatte, zurück auf den Tisch und lehnte sich entspannt zurück: „Für mich sieht das Ganze eher nach einem Rachefeldzug aus." Begann er seine Gedanken den Kollegen mitzuteilen. „Der Täter ist organisiert, alles durchdacht. Er überwältigt seine Opfer, ohne von irgendjemand gesehen zu werden, und zwingt sie die Tat selbst zu vollführen. Wenn ich jemanden Tabletten einwerfe, muss ich Wasser hinterher spülen und wenn ich die Pulsadern öffnen will und ein sich wehrendes Opfer vor mir habe, muss ich die Arme festhalten." Morgan zog das Foto auf dem Tisch wieder näher zu sich hin und deutete auf die Frauenleiche. „Es gibt keine Fesselspuren an den Handgelenken. Noch nicht einmal Hämatome von einem zu festen Griff."

Reid mischte sich ein: „Die Methoden sind einfach und ohne medizinische Hilfe todbringend. Wahrscheinlich waren sie teilweise auch sehr qualvoll."

„Ich denke, dass der Täter noch nicht fertig ist. Es wird noch weiter Opfer geben." Rossi lehnte sich vor und ergriff eines der ausgedruckten Fotos von den Tatorten. „Er möchte, dass man die Morde später zu ihm zurückverfolgen kann, und doch hinterlässt er nur diese winzigen Hinweise.

Er weiß, dass nirgends seine Fingerabdrücke gespeichert sind. Garcia wird kein Glück bei ihrer Suche habe."

Stumm saßen die Teammitglieder da und sahen sich entsetzt an.

„Wir müssen herausfinden, wie diese drei Menschen miteinander in Verbindung standen. Wenn es wirklich Rache ist, dann haben sie mindestens eines gemeinsam: Sie kennen ihren Mörder!"

„Derek, Page ist eine Kleinstadt, da kennt fast jeder jeden." Wandte JJ ein.

„Umso besser!" Morgan grinste JJ frech an.

„Gut, wir fahren erst zum Polizeirevier. Dort werden wir uns aufteilen." Hotchner schaute von einem Foto des zweiten Opfers hoch. „Morgan und Prentiss fahren zum dritten Tatort. Er scheint mir der mit der meisten Bewegung zu sein. Rossi, Frank ihr schaut euch in der Wohnung von Miss Bonnet um. Vielleicht gibt es irgendwo noch einen Hinweis, wie der Täter in die Wohnung gelangte. JJ und ich hören uns im Krankenhaus um und versuchen ein Gespräch mit der Frau von Doktor Smith zu führen. Reid", er schaute seinen jungen Kollegen direkt an, „du kümmerst dich bitte um ein geographisches Profil der Tatorte und beginnst schon mal mit den Profilen der Opfer. Vielleicht bekommen wir ihre Verbindung schneller heraus, als wir dachten."

Ralph Waldo Emerson:

„Pass dich dem Schritt der Natur an, ihr Geheimnis heißt Geduld."

Zwei schwarze SUV hielten vor der Polizeistation. Das Team der BAU stieg aus und folgte JJ hinein in das Gebäude. Noch im Gehen sprach JJ einen großen dunkelhaarigen Mann in Uniform an: „Chief Baker?!"

Dieser drehte sich um und man konnte die Erleichterung in seinem Gesicht erkennen. „Die BAU nehme ich an! Gut, das Sie endlich da sind." Dabei ließ er seinen Blick über sie fremden Menschen schweifen.

„Ich bin Jennifer Jareau. Wir haben telefoniert." Baker reichte ihr seine Hand zum Gruß.

„Das ist unser Teamleiter SSA Aaron Hotchner." Hotchner ergriff die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde, und grüßte kurz: „Chief Baker."

„Die Agents Prentiss, Frank, Dr. Reid, Rossi und Morgan." Diesmal musste ein kurzes Kopfnicken als Begrüßung reichen.

„Kommen Sie, wir haben den Teil des Büros da hinten für sie vorbereitet." Chief Baker sah das Team der BAU offen an. Er schien wirklich erleichtert, dass er Hilfe bekam. Während er sie zu ihren Plätzen führte, fragte er: „Wo wollen Sie anfangen?"

„Hier gibt es normalerweise keine größeren Verbrechen, oder Chief?" Versuchte Rossi die Stimmung etwas zu lockern, behielt den Polizisten dabei aber genau im Auge.

„Nein … nur Kleinigkeiten, die sich immer sehr schnell aufklären. Seit zwei Tagen aber herrscht Panik in unserer Gegend. Alle haben Angst."

„Die sollten sie auch haben. Er wird wieder zuschlagen. Und solange wir nicht noch mehr herausgefunden haben, kann jeder hier in der Stadt sein nächstes Opfer sein."

Entsetzt sah der Chief Rossi an. „Sie meinen es wird wirklich weitere Opfer geben?"

„Davon ist auszugehen." Hotchner mischte sich ein. „Wir vermuten, dass in ihrer Stadt jemand auf eine Art Rachefeldzug ist."

„Rache? … Wofür?" Der Chief schien sich wirklich keinen Grund dafür vorstellen zu können.

„Um das herauszufinden, sind wir hier. Wir würden uns gerne die Tatorte ansehen." Morgan hatte sich interessiert in dem kleinen Büro umgesehen und schaltete sich nun in das Gespräch ein.

Reid nahm an einen der Schreibtische Platz und zog seinen Laptop aus der Tasche. Während er ihn startete, schaute er hoch und sprach den Leiter der Station an: „Könnte ich eine Karte der Umgebung bekommen?"

„Sicher." Durch die Schnelligkeit und den Tatendrang des Teams hatte der Leiter der Polizeistation das Gefühl, als wäre ein Bienenschwarm über sie alle hereingebrochen. Er drehte sich um und rief einen seiner Sergeanten an: „Maja, könntest du bitte den Agents behilflich sein, wenn sie etwas benötigen?"

„Klar Chief!" Eine junge Frau in Uniform kam zu ihnen herüber.

„Dann lasst uns fahren." Hotchner wandte sich an den Chief und gemeinsam verließen sie das Büro. Die restlichen Teammitglieder folgten ihnen, nur Reid blieb an seinem Schreibtisch zurück und schaute mit einem Lächeln zu der Polizistin hinauf. „Hallo, ich bin Spencer Reid."

„Maja Baker." Sie schüttelten einander die Hände.

Reid runzelte verwundert seine Stirn. „Ist Chief Baker ihr Vater?"

„Nein, mein Onkel." Offen schaute sie den Agent an. „Was brauchen Sie?"

„Eine Karte von Page und der Umgebung … Und eine Pinnwand wäre nicht schlecht."

„Das kann ich ihnen besorgen. Bin gleich wieder zurück." Maja Baker verschwand und Reid stellte eine Verbindung mit Garcia her.

„Na, wie geht es euch so in der Einsamkeit der Wüste? Seid ihr gut angekommen?"

„Ja Garcia, sind wir. Und so einsam ist es hier auch nicht. Zumindest nicht in der Stadt.

Da die Stadt gegründet wurde, als man mit den Bauarbeiten für die Glen-Canyon-Staumauer begann, scheint es hier doch mehr zu geben, als man für möglich hält."

„Wow, … anscheinend habt ihr diesmal ja richtig Glück gehabt", kam die ironische Antwort.

„Ja, finde ich auch." Reid lachte gut gelaunt in sein Handy. „Kannst du mir bitte alles zu den Opfern und ihren Familien heraussuchen?

„Bin schon dabei. Schicke ich dir gleich herüber."

„Danke." Reid kappte die Verbindung und legte das Handy neben seinem Laptop auf den Tisch. Dann machte er sich daran die vorhandenen Fakten und Überlegungen zusammenzuschreiben.

„Doktor Smith war ein ruhiger Mensch. Sie werden niemanden finden, der ihn nicht als freundlichen und liebenswürdigen Mitmenschen beschreiben wird." Chief Baker lenkte seinen Polizeiwagen auf den Besucherparkplatz des Krankenhauses.

„Somit könnte sein Tod nichts mit seinem Beruf zu tun haben?" Sie stiegen aus und Hotchner schaute über das Wagendach hinweg zum Chief.

Dieser antwortete nur mit einem kurzen Schulterzucken. „Ich habe keine Ahnung… Mit wem möchten Sie als Erstes sprechen?" Sie gingen auf den Haupteingang zu.

„Wer hat Doktor Smith gefunden?", fragte JJ.

„Das war Kat. Kathrin Miller."

„Dann mit ihr." Beantwortete Hotchner die Frage des Chief. Dabei trat er einen Schritt vor, öffnete die gläserne Eingangstür und ließ JJ und Chief Baker den Vortritt. Langsam folgte er seinen Begleitern und ließ dabei seinen Blick durch das Foyer des kleinen Stadtkrankenhauses schweifen. Gemütlich, nicht ganz so steril-weiß wie die Krankenhäuser in den Großstädten.

Der Chief zeigte mit seiner Hand zum Tresen, hinter dem sich zwei Frauen in Weiß unterhielten. „Sie hat viel mit Doktor Smith zusammengearbeitet. Sie war praktisch seine rechte Hand." Erklärte er weiter, als sie auf die beiden Frauen zugingen.

„Kat, Mell." Grüßend nickte er kurz. „Dieses sind die Agents Jareau und Hotchner vom FBI." Zwei erschrockene Augenpaare starrten sie an.

„Geht es um Mike?" Fragend sah eine der beiden Frauen die Gäste an. Hotchner war gerade neben Chief Baker getreten und beobachtete sie aufmerksam. Kat war Mitte, Ende vierzig, mit brünetten langen Haaren, die ihr lockig in einem Pferdeschwanz über den Rücken tanzten. Der Tod ihres Chefs schien sie wirklich mitzunehmen.

„Könnten wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?" JJ sah sie freundlich an. Meistens konnte sie mit ihrem Lächeln die geschlossenen Türen der Menschen öffnen. „Vielleicht könnten wir dort hingehen, wo sie Doktor Smith gefunden haben!?"

Tief durchatmend nickte die Schwester. „Hältst du hier bitte solange die Stellung Mell? Ich bin gleich zurück."

Kathrin Miller kam hinter dem Tresen hervor: „Kommen Sie. Ich habe ihn in seinem Büro gefunden. Wir hatte Nachtdienst, und da nicht so viel los war, hatte er Zeit sich zurückzuziehen." Die Ermittler folgten ihr durch eine Tür in den Flur.

Morgan hatte den SUV vor dem Wohnhaus der Familie Woods abgebremst. Prentiss, Captain Fuller und er stiegen aus.

„Eine schöne Wohngegend." Prentiss schaute sich um.

„Ja, so sehen die meisten Ecken unserer Stadt aus. Die Menschen leben hier in Frieden zusammen." Erklärte der Captain, ein großgewachsener Mann, Anfang bis Mitte dreißig und kurzen rotblonden Haaren. Prentiss ließ ihren Blick einen Moment auf Fuller ruhen. Nicht ganz der Typ, den man sich in dieser Gegend als Einheimischen vorstellte.

Morgan blieb in der Mitte des Vorgartens auf dem Fußweg zum Hause stehen. „Haben Sie irgendwelche Einbruchsspuren an den Fenstern oder Türen festgestellt?" Morgan sah sich mit ernstem Gesicht die Hausfront an. Ein ganz normales Wohnhaus, das durch nichts in diesem Viertel herausstach.

„Nein, überhaupt nichts." Morgan nickte nur dazu. Es sprach immer mehr dafür, dass der Täter wirklich aus dieser Stadt war.

„Eine Nachbarin hatte die Polizei alarmiert, richtig? Wo können wir sie finden? Ich hätte da noch ein paar Fragen an sie."

„Anna Wright. Sie wohnt dort im Nachbarhaus." Der Captain wies auf das linke Nachbarhaus. „Miss Wright hatte einen Schrei gehört und …"

„Ja, das habe ich." Überrascht fuhren die drei Ermittler zusammen und drehten sich um.

„Anna, du hast uns ganz schön erschreckt." Captain Fuller ging auf eine noch recht junge Frau im Rollstuhl zu. Anfang bis Mitte vierzig schätzte Morgan sie ein. „Wie geht es dir heute?"

„Nicht so gut. Das Wetter wird umschlagen. Ich spür es in meinen Knochen."

Morgan und Prentiss traten näher.

„Anna, das sind die Agents Prentiss und Morgan vom FBI. Sie sind hier um uns bei der Suche nach dem Mörder zu helfen." Morgan gab ihr die Hand. „Miss Wright könnten Sie uns bitte noch einige Fragen beantworten?"

„Ich habe der Polizei schon alles gesagt, was ich weiß." Schränkte sie ein.

„Das wissen wir. Und doch haben wir noch andere Fragen, die uns helfen werden den Täter zu finden. Ich denke, Sie möchten doch auch das der Täter, der ihre Nachbarin getötet hat, seine gerechte Strafe bekommt." Prentiss versuchte ihr die Situation zu erklären.

Einen Moment schaute Anna Wright Morgan direkt an und es sah so aus, als würde sie angestrengt über irgendetwas nachdenken, dann nickte sie einlenkend: „Fragen Sie."

„Wo waren Sie, als Sie den Schrei Ihrer Nachbarin hörten?" Morgan sah die Frau im Rollstuhl freundlich an.

„Ich war ungefähr genau hier an der gleichen Stelle." Sie schaute zu der Eingangstür hinüber.

„Was war das für ein Schrei?" Prentiss fragte weiter.

„Es waren mehrere! Der Erste war überrascht, die restlichen schmerzerfüllt." Ihre Augen starrten jetzt auf das Haus.

Morgan hockte sich zu ihr hinunter und legte ihr tröstend seine Hand auf den Arm: „Was haben Sie dann gemacht?"

„Ich bin so schnell ich konnte nach Hause und habe bei der Polizei angerufen. Chief Baker kam dann auch ziemlich schnell."

„Der Gerichtsmediziner stellte zu dem Zeitpunkt aber feste, dass Mrs. Woods bereits eine halbe Stunde tot war." Prentiss fand das etwas merkwürdig.

„Mit diesem Ding bin ich schon nicht schnell unterwegs. Aber mit Krücken geht das noch langsamer." Sie stockte und Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich hätte doch sofort zu Samantha gehen sollen, aber ich hatte Angst. Was kann ich schon ausrichten."

Morgan strich ihr leicht über den Arm. „Das haben Sie richtig gemacht. Wer weiß, vielleicht hätte er Sie sonst auch noch umgebracht."

„Mich?" Erschrocken schaute Anna Wright Morgan an.

„Keine Sorge. Wir werden den Mörder schon finden." Versuchte Morgan sie zu beruhigen. Er erhob sich. „Soll ich Sie nach Hause bringen."

„Danke, aber das ist nicht notwendig. Ich bin außerdem gerade auf den Weg hinunter in die Stadt."

„Gut, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag Miss Wright … Ach", Morgan zog ein Kärtchen aus seiner Jackeninnentasche und hielt sie der Zeugin hin, „wenn Ihnen in der nächsten Zeit noch etwas einfallen sollte, dann rufen Sie mich ruhig an."

„Das werde ich machen, Agent Morgan." Anna Wright nahm die Karte entgegen und rollte davon.

„Sie hat es nicht leicht. Sie lebt ganz alleine in dem riesigen Haus, seitdem ihre Eltern verstorben sind."

„Wieso sitzt sie im Rollstuhl? Ein Unfall?" Prentiss sah Fuller interessiert an, als sie sich auf den Weg zur Haustür machten.

„Soweit ich weiß, ja. Ich kenne Anna nicht anders. Aber der Chief müsste es wissen." Er zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und schloss die Tür zum dritten Tatort auf.

„Er lag dort auf dem kleinen Sofa. Das Wasserglas stand auf dem Seitentisch." Kathrin Miller stiegen Tränen in die Augen, als das Bild des toten Arztes in ihre Erinnerungen wieder hochkam.

„Das Tablettenröllchen auch?" Hotchner zog sich einen Latexhandschuh über und ging langsam durch das Büro. In dem Regal, das sich an der Wand hinter dem Sofa erstreckte, stand ausschließlich Fachlektüre. Eine kleine Stereoanlage stand in der Ecke am Fenster. Er ließ seinen Blick über die CD-Sammlung schweifen. Ausschließlich ruhige Musik, viel Klassik, wahrscheinlich um sich zu entspannen. Hotchner öffnete das CD-Laufwerk. Ein Rohling kam zutage. Er nahm die CD heraus, kein Text. Suchend schaute er sich nach der Hülle für die CD um, doch er fand keine.

„Spielte die Musik, als Sie ihn fanden?" Er drehte seinen Kopf zu der Schwester um.

„Nein … Die Anlage war aber an. Sie spielte aber nicht."

Hotchner schob die CD wieder in die Anlage und drückte auf Play.

Laute scheppernde Musik schlug ihnen aus den Boxen, die im Raum verteilt waren, entgegen. Schnell drehte Hotchner die Lautstärke hinunter.

‚Das sollte Dr. Smith in jener Nacht gehört haben? Bei dieser Lautstärke hätten alle aus den Betten fallen müssen. Oder hatte der Täter die Musik nur während seiner Tat gespielt und war beim Abstellen an den Regler gekommen? Aber dann hätte er auch die Anlage ausmachen können. Und warum hat er die CD nicht wieder mitgenommen?'

„Das ist Metallica." Hotchner sah erstaunt seine Kollegin an, die zu ihm getreten war. „Sind da noch mehrere Titel drauf?" Fragend starrte JJ auf die Anlage. Hotchner drückte auf das nächste Lied.

Leisere Töne erklangen, aber dunkel wie in einer Gruft. Das Nächste. Die Melodie kam ihm bekannt vor. Dann setzte ein Chor ein. Ein Kirchenlied. ‚Gott führt unseren Weg auf Erden. Er ist der einzige Begleiter, wenn man von den Menschen verlassen wird. Er ist der Richter über Leben und Tod. Vergehen wird er einst im Himmel richten.'

„Ich schätze da hat uns der Täter eine Nachricht hinterlassen." Hotchner holte die CD erneut aus der Anlage und ließ sie in eine durchsichtige Tüte für Beweise, die ihm JJ hinhielt, fallen. „Die muss sich Garcia ansehen. Wir brauchen die Titel, Sänger, Komponisten und am besten noch den genauen Wortlaut der Lieder."

„Gut, ich kümmere mich darum."

„JJ, der Laptop." Hotchner deutete auf den Schreibtisch. „Lass Garcia auch einen Blick in den Rechner werfen. Vielleicht findet sie private Dateien."

„Sie können doch nicht einfach die Privatsphäre eines Toten durchwühlen. Außerdem befinden sich bestimmt einige Akten unserer Patienten auf dem Rechner." Die Krankenschwester trat einige Schritte vor.

„Wenn wir den Mörder finden wollen, müssen wir das tun." Hotchner versuchte sie zu beschwichtigen. „Nichts, was nicht wichtig ist, wird veröffentlicht, das verspreche ich ihnen. Und die Krankenakten schauen wir uns im Moment gar nicht an. Uns interessiert nur das Opfer. Je mehr wir über Dr. Smith erfahren können, desto eher können wir seinen Mörder schnappen." Gebrochen trat die Krankenschwester zurück.

„Kat, vertraue ihnen. Auch wenn es Mike nicht wieder lebendig macht." Chief Baker hatte Kathrin Miller um die Schultern gefasst und führte sie in eine Ecke.

Hotchner ließ ihr einige Minuten Zeit sich wieder zu fassen.

Rossi und Frank gingen den langen hellen Flur in einem Wohnblock entlang. Die aus dunklem Holz bestehenden Eingangstüren zu den Wohnungen ließen auf eine höhere Gehaltsklasse schließen. Auch die Anlagen draußen vor dem Haus waren gepflegt und sauber. Hier gab es keine Schmierereien an Hauswänden und mutwilliges Zerstören von fremdem Eigentum.

„Hier ist es. Apartment 518." Rossi öffnete die Tatortversiegelung und schloss die Tür auf.

Eine Bewegung in ihrem Augenwinkel hielt Frank zurück ihrem Kollegen in die Wohnung zu folgen. Sie drehte ihren Kopf und entdeckte eine junge Frau, die neugierig aus der Nachbarwohnung schaute.

„Hallo, sind Sie die Nachbarin von Isabelle Bonnet?"

Die Frau, groß und extrem schlank, Mitte zwanzig schätzte Agent Frank, trat auf den Flur. ‚Wie kann sich eine so junge Frau so eine teure Wohnung in diesem Viertel leisten? Entweder sind ihre Eltern gütige Spender oder sie lässt sich von einem Verehrer aushalten', schoss es durch Franks Kopf.

„Ja, die bin ich."

„Mein Name ist Susanne Frank. Ich bin vom FBI." Frank hatte ihre Marke gezogen und sie der jungen Frau hingehalten. „Wir versuchen den Mord an ihre Nachbarin aufzuklären."

„Jane Price."

„Haben Sie Miss Bonnet näher gekannt?" Setzte Frank das Gespräch an, während sie ihre Marke zurück in die Jackentasche gleiten ließ und ihren kleinen Block hervorzog.

„Näher nicht. Wir haben uns ab und zu hier im Flur unterhalten. Über das Wetter, den Ärger mit der Verwaltung. Eigentlich total banales Zeug."

„Wann sind Sie am Dienstag nach Hause gekommen?"

„Ich war schon ziemlich früh hier, irgendwann am späten Nachmittag. Meine Vorlesungen waren ausgefallen und ich musste noch ein Projekt fertig stellen."

„Haben Sie irgendetwas Ungewöhnliches gehört Miss Price?"

„Ich weiß nicht", Jane Price schien Frank plötzlich nervös.

„Erzählen Sie mir davon, vielleicht hilft es uns." Frank berührte sie sanft am Arm.

„Ich glaube Francine war nicht alleine als sie nach Hause kam. Ich habe sie reden gehört."

„Was hat sie gesagt? War ihre Stimme normal? Oder eher ängstlich?"

„Nein, eher leise und aufmunternd. Ich habe aber nichts verstanden."

„Gut. Vielen Dank, dass kann uns wirklich von Nutzen sein." Frank schenkte ihr ein freundliches Gesicht und wollte Rossi in die Wohnung folgen, als Jane Price sie am Arm zurückhielt.

„Wissen Sie, es hat mich nicht so verwundert, dass jemand mit Francine nach Hause kam. Vielmehr hat mich dieses Geräusch aufmerksam gemacht."

„Was für ein Geräusch?" Franks volle Aufmerksamkeit richtete sich sofort wieder auf die Nachbarin.

„Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ein dumpfer Ton mit darauffolgendem Quietschen, der sich rhythmisch wiederholte." Den genauen Wortlaut vermerkte sich Frank unter ihren Aufzeichnungen.

„Das war wirklich Wichtig Miss Price. Diese Aussage könnte uns sehr helfen. Vielen Dank." Jane Price wirkte erleichtert. Wahrscheinlich hatte sie sich nicht getraut die Polizisten, die den Tatort untersucht hatten, anzusprechen. In ihrer Verzweiflung war sie immer nervöser geworden. „Machen Sie sich keine Gedanken mehr. Wir werden den Täter fassen und sie haben alles dazu beigetragen was Sie konnten." Frank strich ihr beruhigend über den Arm. „Machen Sie sich einen Tee zur Beruhigung und versuchen Sie ein bisschen abzuschalten, dann geht es ihnen bald wieder besser."

„Danke. Es hat mich fast verrückt gemacht."

Susanne Frank blieb noch einige Zeit bei der Nachbarin und versuchte sie zu beruhigen. Endlich war sie in ihrer Wohnung verschwunden und Frank konnte in das Apartment mit der Nummer 518 eintreten.

Hotchner hatte sich mit Kathrin Miller auf zwei Stühlen vor Doktor Smith Büro gesetzt. Einfühlsam hatte er sich ihr zugewandt. „Wann haben Sie ihn gefunden?"

„Gegen halb drei kam eine Anmeldung herein. Ich bin losgegangen und wollte ihn wecken."

„Wie würden Sie die Beziehung zwischen ihnen bezeichnen?"

„Wir waren Freunde."

„Seit Kindertagen?"

„Nein, wir sind zwar in der gleichen Stadt aufgewachsen, aber unser Altersunterschied war zu groß. Ich bin nach Los Angeles um meine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Da habe ich Mike wiedergetroffen. Er war schon im vorletzten Jahr an der Uni. Wir haben die ersten Jahre gemeinsam in L.A. an einem Krankenhaus gearbeitet. Er war immer für mich da, wenn ich nicht mehr weiterkonnte. Und er hat meine Hilfe gebraucht."

„Gab es je Momente, die über eine normale Freundschaft hinausgingen?"

„Nein." Entsetzt wiegelte Miss Miller die Frage bestimmt ab und ruhiger fuhr sie fort: „Wir haben uns gut verstanden, aber er war nicht der Typ mit dem ich mein ganzes Leben verbringen wollte.

Haben Sie schon seine Familie kennengelernt Agent Hotchner?" Dieser schüttelte den Kopf. „Nancy ist so etwas von entgegengesetzt von mir. Charakterlich, vom Aussehen… Aber glauben Sie mir, er hat seine Frau und die Kinder geliebt. Sie kamen nach der Arbeit immer an erster Stelle."

Hotchner hatte sich erhoben: „Danke Miss Miller, das Sie sich die Zeit genommen haben und mit mir so offen über Doktor Smith geredet haben. Wenn ich noch weitere Frage haben sollte, werde ich mich bei Ihnen melden."

Die Krankenschwester stand ebenfalls auf und ergriff die dargebotene Hand zum Abschied. „Bitte finden Sie den Mörder. Damit Mike seine Ruhe finden kann."

Sie wandte sich ab und ging den Flur hinunter zum Eingang. Hotchner schaute ihre hinterher, dann betrat er wieder das Büro des Arztes.

„Wie weit seit ihr JJ?"

„Fertig. Garcia hat sich die CD kopiert und macht sich gleich an die Arbeit. Auf dem Rechner hier hat sie nichts gefunden. Nur ein paar private Briefe und die Steuererklärungen der letzten zwanzig Jahre."

„Gut. Chief, dann lassen sie uns weiterfahren zu seiner Familie." Sie verließen das Büro.

Auf dem Boden waren noch die Striche des Opferumrisses zu sehen. Morgan versuchte den Tatablauf in Gedanken nachzuspielen.

„Ich lasse den Mörder herein. Vielleicht biete ich ihm an im Wohnzimmer platzzunehmen. Dann verschwinde ich nach oben. Was will ich dort?"

„Sie hat wahrscheinlich einen Karton geholt. Er lag dort in der Ecke und war mit alten Kleidungsstücken gefüllt." Machte Captain Fuller auf ein Detail des Tatortes aufmerksam.

„Also eine Sammlung?" Prentiss hatte sich die Gegenstände, die sich auf dem Sideboard im Flur befanden angesehen und ging nun langsam weiter ins Wohnzimmer. „Gibt es hier in Page eine Organisation, die ständig für Hilfsbedürftige sammelt? Oder wissen Sie ob ein offizieller Antrag für eine Sammlung gestellt wurde?"

„Ich weiß von keiner Sammlung."

„Gut, ich trage also den Karton. Stolpere ich oder hilft jemand nach? ... Was sagt der Gerichtsmediziner? Ist sie hinuntergerollt oder doch mehr geflogen?"

„Den Bericht habe ich noch nicht, aber die erste Einschätzung unseres Arztes war, dass sie nicht die ganze Treppe hinuntergestürzt ist. Dafür hätte sie nicht genügend Hämatome. Er vermutet eine Drehung und dann wird sie lang vor der Treppe hingeschlagen sein."

Morgan stieg die Treppe hinauf. „Eine Drehung. Das heißt, ich müsste in etwa hier stolpern." Er bückte sich und untersuchte den dunkelblauen Teppich der über die Stufen verlegt worden war. Aber er konnte keine Stolperfalle in diesem Bereich feststellen.

„Captain Fuller?" Prentiss Stimme kam aus dem Wohnzimmer. „Wo ist eigentlich Mr. Woods?"

Fuller lehnt sich gegen einen Pfeiler, der das Wohnzimmer vom Flur trennte: „Er ist bei einem Freund untergekommen. Wir konnten den Tatort ja noch nicht wieder freigeben. Und ich glaube auch nicht, dass es ihn so schnell hierhin zurückzieht."

„Was macht er beruflich?"

„Er ist Vertreter, für landwirtschaftliche Geräte."

Morgan stieg unterdessen die Stufen wieder hinunter und ging den Flur entlang tiefer ins Haus hinein. Er stockte.

„Captain könnten Sie mal die Treppe hinaufgehen?"

„Sicher." Captain Fuller stieg die Stufen hinauf. Emily Prentiss kam aus dem Wohnzimmer zurück und schaute interessiert den beiden Männern zu.

„Stopp! Drehen Sie sich schon mal um, als wenn Sie wieder hinunter kommen wollten. Bin gleich wieder da." Morgan verschwand durch die Küchentür und kam kurze Zeit später mit einem Besenstiel zurück.

„Ich glaube nicht, dass Mrs. Woods gestolpert ist. Sie kennt ihre Treppe. Selbst wenn Sie sich vertreten hätte, hätte Sie den Karton gerade runterfallen lassen und versucht sich am Geländer abzufangen. Nein,… ich denke, da hat jemand nachgeholfen. In etwa so."

Er schob den Besenstiel durch die Holzverkleidung des Treppengeländers. „Okay Captain, kommen Sie langsam die Stufen wieder herunter."

Leichtes Knarren der Stufen ließ Morgan wissen, dass er sich bewegte.

„Das ist zu niedrig, ich würde wahrscheinlich nur auf den Stock treten."

„Womit sie sich unsicher gefühlt und so reagiert hätte, wie du eben beschrieben hast Derek." Sagte Prentiss bestimmt.

„Okay, wie ist es, wenn ich eine Stufe tiefer gehe?" Morgan hielt sich den Besen feste gegen die Brust. „In dieser Höhe könnte ich dem Stock eine gewisse Stabilität geben."

Captain Fuller kam eine Stufe tiefer: „Dann würde ich mit dem unteren Schienbein dagegen schlagen."

„Mit dem großen Karton in den Armen konnte das Opfer die Stolperfalle nicht sehen."

„Gut Emily. Aber die Kraft ist doch sehr groß, ich könnte den Stab vielleicht noch gerade in seiner Position halten. Also haben wir es mit einen Kraftprotz zu tun."

„Oder… Wie ist es, wenn du den Stiel gegen die Wand drückst?"

Morgan folgte Prentiss Vorschlag. „Das wäre besser… Dann könnte es eventuell Kratzspuren an der Wand geben, der Stock muss sich trotz allem bewegt haben."

Captain Fuller ging sofort in die Knie und schaute sich jeden Zentimeter der Wand genau an. Langsam bewegte er sich die Treppe hinab. Zwei Stufen tiefer wurde er fündig.

„Hier ist eine Spur, gute drei bis vier Zentimeter breit und fast zehn lang."

„Das ist genau das was wir gesucht haben. Emily hast du die Kamera dabei?"

Prentiss zog bereits einen kleinen Fotoapparat aus ihrer Jackentasche und stieg die Stufen hoch.

„Das könnte bedeuten, dass unser Täter nicht allzu groß ist. Irgendwo zwischen eins-sechzig, eins-siebzig."

Morgan hatte den Besen an das Treppengeländer gelehnt und stieg ebenfalls die Stufen hinauf. „Wir müssen uns noch kurz oben umsehen. Danach sollten wir uns die Opfer ansehen. Vielleicht finden wir bei Mrs. Woods ja wirklich Hämatome an den unteren Schienenbeinen. Dann wäre der Tathergang lückenlos bestimmt."

„Hast du schon etwas gefunden Dave?" Frank war suchend durch die Wohnung des zweiten Opfers gewandert und fand den Seniorermittler im Schlafzimmer. Sie erkannte das Zimmer von den Fotos wieder. Hier also war Isabelle Bonnet ihrem Peiniger zum Opfer gefallen.

„Nein, nicht wirklich." Kam die Antwort. „Es gibt kein Anzeichen für einen Kampf oder gewaltsames Eindringen. Alles ist sauber und aufgeräumt. Wenn das blutverschmierte Bett nicht wäre, könnte man meinen, dass die Bewohnerin jeden Augenblick gesund und munter zur Tür hereinspaziert kommt."

„Das sagt doch aus, dass sie den Täter gekannt hat. Sie hat ihn selber ins Haus gelassen. Dann muss er sie irgendwie bedroht haben, ein Messer, eine Pistole. Einfach so, würde ich mich nicht überreden lassen meine Pulsadern zu öffnen…"

Rossi, der sich ans Fenster gestellt hatte und seinen Blick über die Wohngegend schweifen ließ, nickte. „Mehr sehe ich hier auch nicht. Der Täter scheint alles genauestens durchdacht zu haben. Keine Spur, die weiterhelfen könnte." Rossi drehte sich zu seiner Kollegin um. „Was hat das Gespräch mit der Nachbarin ergeben?"

„Oh, Jane Price, Studentin. Sie hat Miss Bonnet nach Hause kommen gehört und sie schien nicht alleine. Was genau gesprochen wurde, hat sie nicht verstanden, aber sie hat ein sich rhythmisches wiederholendes Geräusch gehört", Frank öffnete ihr Notizbüchlein und las vor, „Ein dumpfer Ton mit darauffolgendem Quietschen." Sie sah hoch und ihren Kollegen an.

Rossi stand mit hochgezogenen Augenbrauen da und schien tief in Gedanken versunken. Dann sprach er mit ruhigem leisen Ton: „Das sollten wir beachten. Vielleicht gibt uns das noch den entscheidenden Hinweis…"

Sie teilten sich auf und durchstreiften noch den Rest der Wohnung. Dabei versuchte Frank sich ein eigenes Bild von dem Tatort zu machen. Im Wohnzimmer stach ihr eine Fotographie auf einem Sideboard ins Auge. Sie nahm es in die Hand. Ein junges Pärchen. Sie schienen sehr verliebt zu sein. Frank erkannte eine Ähnlichkeit der jungen Frau zum Opfer. ‚Wahrscheinlich die große Liebe', schoss es Frank durch den Kopf. Ein Gedanke der ihr Inneres aufwühlte. Sie fühlte sich in den letzten Tagen einsam und allein. Der direkte Kontakt zu ihrem Chef fehlte ihr!

Einerseits war ihr klar, warum Hotchner sie nun den anderen Kollegen zuwies. So konnte sie die individuellen Vorgehensweisen der einzelnen Kollegen besser verstehen lernen. Sie hatten es so am Anfang ja auch besprochen. Aber andererseits fehlte er ihr schrecklich. Besonders da er die abendlichen Lerneinheiten in den letzten Wochen ganz eingestellt hatte. Und sie hatte keine Ahnung warum!? Sie schauderte leicht. Das kam bestimmt wegen der Kälte in den ungeheizten Räumen.

Plötzlich stand Rossi in der Tür zum Wohnzimmer. „Hast du noch etwas Interessantes gefunden?"

Frank schrak aus ihren Gedanken hoch. Sie schüttelte leicht ihren Kopf und stellte den Rahmen zurück an seinen Platz. „Nichts."

Sie waren sich einig das es keinen Zweck hatte noch länger in der Wohnung zu suchen. Sie verbarg keinen weiteren Hinweis auf den Mörder. Somit machten sich die beiden Ermittler auf den Weg zurück ins Polizeirevier.

Chief Baker und die Agents Hotchner und Jareau fuhren durch ein schmiedeeisernes Tor. Das ganze Grundstück war von einer hohen Mauer umgeben. Eine kurze Auffahrt führte zum Haupteingang einer cremefarbenen Villa. Chief Baker stellte den Wagen an der Mauer auf der rechten Seite ab und die Insassen stiegen aus.

Sich gingen sie auf die Haustür zu. Die Umgebung konnte viel über einen Menschen aussagen. Hier schien die Hausfrau sich um alles zu kümmern. Der Garten war für die Jahreszeit ordentlich gepflegt und winterfest gemacht. Neben dem Vorbau der Haustür stand ein Kinderfahrrad.

Chief Baker trat an die Tür und klopfte. Ein Hund kam bellend angelaufen und sprang von innen gegen die Tür.

„Susi, Susi, komm her… Einen kleinen Moment bitte." Eine kräftige Frauenstimme erklang hinter der Tür. Jemand schien den Hund fortzuschaffen. Eine Tür wurde drinnen geschlossen, dann hörten sie Schritte, die zurück zur Haustür kamen. Gleich darauf wurde diese geöffnet und eine kleine, zierliche Frau trat in ihr Gesichtsfeld.

„Entschuldigen Sie bitte… Chief Baker, haben sie Neuigkeiten?"

Hotchner sah sofort, dass dieses Nancy Smith sein musste. Die dunklen Augenringel ließen auf durchwachte und von Tränen begleitete Stunden schließen. Und sie war wirklich das totale Gegenteil von Kat Miller.

„Mrs. Smith, dies sind die Agents Jareau und Hotchner vom FBI. Sie helfen uns bei der Aufklärung der Morde und hätten noch ein paar Fragen an Sie."

„Ich habe doch schon alles ihren Polizisten erzählt Chief." Sie schaute kaum auf die Ausweise, die die beiden Agents ihr entgegenhielten, sondern hielt ihre Augen auf den Polizeichef gerichtet.

JJ bemerkte, wie der armen Frau schon wieder Tränen in die Augen stiegen und sie sich gegen weitere Gespräche zu wehren versuchte.

„Mrs. Smith, wir können nachvollziehen wie schmerzlich der Verlust für sie sein muss und wir möchten auch diese Wunde nicht erweitern. Aber ich denke Ihnen ist auch daran gelegen zu erfahren, wer ihren Mann getötet hat und warum!"

Nancy Smith nickte nach kurzem Zögern und nach weiteren endlosen Sekunden öffnete sie die Haustür weit und ließ die Ermittler eintreten.

Hotchner trat als Letzter ins Haus. „Mein Beileid Mrs. Smith."

„Danke." Antwortete sie kurz.

Durch den Flur gelangten sie in einen weiträumigen Raum, der in einen Wohn- und einen Essbereich unterteilt war. Eine kleine Ecke im hinteren Teil des Hauses, mit zwei Sesseln vor einem Kamin und einer angrenzenden gepolsterten Holzbank, lud die Menschen, die hier lebten zu romantischen Abenden ein. Als Abgrenzung zum Essbereich stand ein Regal aus demselben Holz wie die Bank, vom Boden bis zur Decke gefüllt mit Büchern.

Hotchner schmunzelte leicht. Reid hätte sich hier wohl gefühlt. Er fragte sich, ob es wohl Bücher in diesem Regal gab, die sein junger Kollege noch nicht gelesen hatte.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz." Mrs. Smith setzte sich auf die große Couch, die an einer langen Glasfront stand. JJ nahm die etwas kleinere Couch, die rechtwinklig zur Großen stand und Hotchner und Chief Baker ließen sich in die beiden Sessel, die Mrs. Smith gegenüberstanden nieder.

Hotchner setzte sich etwas vor und begann: „Mrs. Smith, ich weiß, es gibt nichts schlimmeres, als diese Befragungen, wenn man am liebsten mit seiner Trauer alleine sein möchte."

„So, wissen Sie das?"

„Ja, ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht."

‚Ähnliche?' ging es JJ durch den Kopf, ‚wohl kaum Hotch. Eher schlimmere! Du bist durchlöchert worden, bis Chief Strauss keinen Grund mehr finden konnte, dich zu suspendieren.'

Hotchner lächelte Nancy Smith aufmunternd an. „Agent Jareau und ich sind von der Verhaltensanalyseeinheit. Wir versuchen ein Profil des Täters zu erstellen, dazu müssen wir aber mehr über die Opfer erfahren."

Mrs. Smith nickte zustimmend.

„Gut… Hatte ihr Mann in den letzten Wochen oder Monaten mit irgendjemanden Streit, hat er Drohbriefe bekommen oder Anrufe?"

„Nein, er hätte mir davon erzählt… Mike war immer der Ansicht, dass man nur mit völliger Offenheit das Leben durchschreiten kann. Sicher hat er auch mal kleine Notlügen bei Patienten benutzt, wenn sie im Sterben lagen und er ihnen nicht mehr helfen konnte. Aber er hat jedem stets die Wahrheit gesagt."

„Damit kann man sich aber auch Feinde machen, wenn man zu offen ist." Stellte Hotchner die Gegenseite dar.

„Nein, er hatte ein Gespür für Menschen und fand für jeden die passenden Worte."

„Wie oft übernahm er die Nachtschicht?"

„Alle drei Wochen."

„Und diesmal war auch nichts außergewöhnliches? Hatte er seinen Dienst mit jemanden getauscht?"

„Nein, es war seine Woche."

„Welche Hobbys oder Gewohnheiten hatte ihr Mann?"

„Mike ging joggen, meistens zwei, drei Mal die Woche, aber immer zu verschiedenen Zeiten. Mittwochs abends traf er sich immer mit seinen beiden Freunden zum Kartenspielen. Außer wenn er Nachtdienst hatte."

„Könnten Sie uns bitte, die Namen und Adressen der Freunde geben Mrs. Smith?" JJ schaute sie lächelnd an.

„Sicher. Jakob Crane, ihm gehört die Zimmerei hier in der Stadt und John Edwards. Er lehrt an der hiesigen High School. Sie sind zusammen aufgewachsen." JJ notierte sich die Namen schnell mit.

„Hatte ihr Mann hier zu Hause auch noch ein Büro? Oder einen Raum den er benutzte?"

„Ja, oben hat er sich ein kleines Büro eingerichtet, aber er hat nicht oft dort gesessen. Wenn er zu Hause war, dann war er ganz für uns da."

„Dürfte ich trotzdem einen Blick hineinwerfen?"

Mrs. Smith stand sofort auf und Hotchner folgte ihr die Treppe hinauf, durch den Flur zu einem kleinen Raum an der Vorderseite des Hauses.

Hotchner ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, kein Computer, ein kleiner Packen Akten aus der Klink. Er trat an das Bücherregal, das auch hier eine Wandseite des Raumes ganz ausfüllte.

„Lesen alle gerne in ihrer Familie?"

„Die Jungs haben es von Mike geerbt. Die drei können", sie stockte, „konnten ihre Nasen nicht daraus halten. Ich bin die einzige, die nicht so vernarrt ist in diese staubigen Dinger."

Hotchner nickte verstehend.

Morgan und Prentiss folgten Captain Fuller durch die Kellergänge der Polizeiwache. Endlich stieß er eine Eisentür auf und sie betraten den sterilen Bereich der Pathologie.

„Doktor Baker, hätten Sie einen Moment für uns?" Fuller sprach einen Mann an, der dem Chief fast aus dem Gesicht geschnitten war. Nur beim näheren Betrachten konnte man erkennen, dass er um einige Jahre älter war.

„Dies sind die Agents Morgan und Prentiss. Sie würden sich gerne unsere Opfer ansehen." Doktor Baker nickte einmal kurz zur Begrüßung und ging, ohne ein Wort zu sagen, zu drei Liegen hinüber, die je mit einem hellen Tuch bedeckt waren. Darunter konnte man deutlich die Umrisse menschlicher Körper erkennen.

Er hob das erste Laken an und legte den Kopf frei: „Dies ist Isabelle Bonnet. Meinem ersten Bericht habe ich nichts hinzuzufügen. Sie hat keine weiteren Verletzungen oder Hämatome, die ihr in ihrer Todesstunde zugefügt worden sind."

Geschäftig deckte er die Leiche wieder zu und ging eine Liege weiter. Sie folgten ihm. Wieder hob er das Tuch an und begann wie eine Maschine zu erklären: „Samantha Woods. Sie hat einige Hämatome, die nach meinen Erfahrungen von dem Treppensturz stammen."

„Was schätzen sie, wie viele Stufen in etwa?" Prentiss unterbrach den monotonen Singsang. Überrascht schaute Doktor Baker sie zum ersten Mal richtig an.

„Zehn, zwölf. Sie scheint sie mehr auf dem Bauch hinuntergerutscht zu sein. Hier sehen sie Hämatome an Brust, Bauch und Oberschenkel. Das sind die Stellen, wo sie aufgeschlagen ist. Die roten Striemen auf der Haut stammen von den Stufen, an denen sie entlang geglitten ist. Die Verletzung am Kinn stammt von einem flachen Gegenstand. Ich nehme an, das sie mit dem Kopf unten auf dem Boden hart aufgeschlagen ist." Doktor Baker hatte während er sprach das Laken weiter gelüftet und ihnen die bestimmten Bereiche gezeigt.

Morgan ging zum Fußende und hob das Laken hier selber an. Er achtete nicht auf den mürrischen Blick des Pathologen, sondern studierte die Schienbeine.

„Doktor, könnten Sie sich das hier bitte noch ansehen." Baker stellte sich neben Morgan und schaute ihm interessiert über die Schulter. „Könnten dieses Hämatom auch von den Stufen kommen?"

Erstaunt holte der ältere Mann eine Brille aus seiner Brusttasche und untersuchte die Stellen eingehend. Er verglich sie mit den Verletzungen an den Oberschenkeln und schüttelte schließlich den Kopf. „Nein, die Stufen waren es nicht. Die Verletzung ist zu breit und außerdem gibt es keine Hautabschürfungen."

„Wäre es möglich, dass dieses Hämatom von einem Stock her rühren? Nicht geschlagen, sondern als starren Gegenstand, über dem man stolpert."

„Ja, ich denke, das wäre möglich. Nach einem Schlag sähen die Male anders aus, kräftiger, mehr zerfranst an den Rändern."

„Danke Doktor Baker. Ich denke bei Doktor Smith sind Sie zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie bei Miss Bonnet."

„Ja, leider keine weiteren Hinweise."

Morgan hielt dem Doktor die Hand zum Abschied hin und nach kurzem Zögern erwiderte dieser den Gruß.

„Hey Reid." Frank ließ sich neben dem Kollegen in einen Stuhl fallen und schaute ihm über die Schulter.

„Hallo, schon zurück?"

„Schon ist gut, es ist bereits finsterste Nacht draußen." Ried schaute aus dem Fenster und musste erstaunt die vorgerückte Stunde erkennen.

„War auch nicht wirklich viel zu sehen. Der Tatort war so sauber. Man hätte meinen können, dass der Bewohner nur verreist ist." Rossi zog sich einen Stuhl heran und hatte sich gerade gesetzt, als die Tür ein weiteres Mal aufging und Stimmen lauter wurden. Aufmerksam drehten sie sich den Ankommenden entgegen.

„Ich bin nur froh, dass es heute kein neues Opfer mehr gegeben hat. Vielleicht haben Sie sich ja geirrt Agent Hotchner und es ist vorbei." Chief Baker folgte Hotchner und Jareau zu den Schreibtischen, an denen sich die Agents der BAU bereits niedergelassen hatten.

„Das glaube ich hingegen nicht, Chief." Entgegnete Hotchner. „Entweder haben wir sein nächstes Opfer noch nicht gefunden oder irgendetwas hält ihn davon ab zu töten... Aber er ist mit Sicherheit noch nicht fertig!"

„Was macht Sie da so sicher?"

„Er gibt uns noch keinen Hinweis auf seine Person." Rossi mischte sich ein.

„Aber die Fingerabdrücke!"

„Benutzt er als Beweis, dass die Taten von ihm begangen wurden. Aber er weiß ganz genau, dass sie nirgendwo gespeichert sind. Solange er nicht will, dass wir ihn finden, so lange wird er sich im Verborgenen halten und weiter seinen Plan verfolgen."

„Hey Leute, heiße Diskussionen?" Morgan und Prentiss gesellten sich zu ihrem Team.

„Die gibt es Morgen. Lasst uns für heute Schluss machen, wir brauchen Schlaf." Hotchner beendete den Arbeitstag und alle waren froh über die unerwartet frühe Unterbrechung.

Am nächsten Morgen setzten sich die sieben Ermittler zusammen und versuchten ein Profil des Täters zu erstellen.

„Also, wenn wir von Rache ausgehen, sollte unser Täter in etwa im gleichen Alter wie unsere Opfer sein. Zwischen 40 und 50." Begann Hotchner ihre Fakten zusammenzustellen.

„Er ist organisiert. Hinterlässt keine zusätzlichen Spuren und wird auch von niemand gesehen. Er scheint sich überall unauffällig bewegen zu können." Ergänzte Prentiss das Profil.

„Wir haben keine Treffer in den Datenbanken. Was bedeutet, er besitzt keinen Führerschein. Er muss hier leben und arbeiten und benutzt das Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel." Morgan sah den Mann pfeifend auf einem Fahrrad durch die Stadt fahren. Er grüßte hier einen Bekannten, dann dort.

„Und die Opfer kannten den Täter. Sie haben ihn ins Haus gelassen." Frank schaute in die Runde und fuhr fort: „Um sie im Schach zu halten und zu zwingen sich selbst zu töten, muss er sie mit einer Pistole bedroht haben. Ein Messer hätte wahrscheinlich irgendwo einen kleinen Schnitt hinterlassen."

„Da stellt sich die Frage, ob wir es mit einem Sadisten zu tun haben. Erfreut es ihn, wenn seine Opfer um Gnade betteln?" Prentiss warf die Frage in den Raum.

„Ich denke eher nicht", Reid mischte sich ein, „er hätte sie ansonsten wahrscheinlich mehr gequält. Die Tabletten, die Schnitte. Das dauert alles nicht sonderlich lange bis der Tod eintritt. Aus diesem Grund werden diese Vorgehensweisen ja so gerne von Selbstmördern angewandt."

„Also doch nur eine Ablenkung, um die Polizei zu täuschen und auf eine falsche Fährte zu führen." Hotchner saß aufrecht am Tisch und lauschte den Gedanken des Teams. „Was sagt dein geographisches Profil Reid?"

Reid stieß sich von dem Schreibtisch, an dem er gelehnt hatte, ab und trat humpelnd an die Karte die er an der Pinnwand angebracht hatte.

„Was ist los? Hast du Schmerzen?" Hotchner schaute ihn besorgt an.

„Die Schusswunde ziept. Vergeht bestimmt wieder." Reid winkte ab und schaute nun auf seine Arbeit. Drei rote Fähnchen und mehrere grüne zierten die Stadtkarte von Page. „Ich habe mir die drei Tatorte herausgepickt, aber ich sehe keine Verbindung. Zusammen mit Garcia habe ich noch andere Adressen herausgesucht. Wie Sportstätten, Arbeitsplätze. Orte, die von einem oder mehreren Opfern regelmäßig aufgesucht wurden. Aber sie führen zu keinem Ergebnis."

„Also kommen wir hier auch nicht weiter." Hotchner überlegte kurz. „Dann bleiben uns im Moment nur die beiden Freunde von Doktor Smith. Morgan, Prentiss ihr fahrt zu Jakob Crane. Rossi, wir beiden suchen John Edwards auf. Vielleicht hat einer von ihnen eine Idee oder einen Anhaltspunkt der uns weiterhilft. Die Anderen machen sich an die Viktimologie der Opfer."

„Was machen wir mit den Medien. Nach drei Opfern fordern sie eine Erklärung." JJ hatte schon in den frühen Morgenstunden die ersten Anrufe der Pressemitarbeiter bekommen.

„Wir können nichts von einem Rachefeldzug herausgeben. Die Menschen würden in Panik geraten und sich in dieser Kleinstadt nie wieder sicher fühlen." Rossi hatte recht. Alle nickten zustimmend.

„JJ, du kannst die Menschen nur bitten die Augen offenzuhalten und uns ihre Beobachtungen mitzuteilen. Verweise auch auf die vergangenen Morde. Sie sollen vorsichtig sein, da wir davon ausgehen, dass die Mordserie noch nicht vorbei ist."

„Okay."

Eilig standen jetzt alle auf und machten sich an die Arbeit.

Morgan und Prentiss waren mit ihrem SUV auf den Hof der Zimmerei gefahren und hielten vor einem Eingang, der aussah, als würde das Gebäude das Büro beherbergen. Sie stiegen aus und gingen, sich auf dem leeren Hof umsehend, zur Tür. Alle Tore waren geschlossen und kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Prentiss ergriff den Türgriff, doch die Tür war verschlossen. Sie klopfte. Klopfe noch einmal.

Morgan hob die Schultern, als Prentiss ihn fragend ansah.

„Lass uns mal weiter nach hinten gehen. Vielleicht ist dort jemand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier heute keiner arbeitet."

Sie gingen über den Hof und versuchen jedes Tor der Werkstatt zu öffnen. Aber alle waren verschlossen.

„Kann ich Ihnen helfen?" Die Agents fuhren erschrocken herum. Vor ihnen stand ein älterer Mann in Zimmermannskluft und sah sie interessiert an.

Morgan zog seine Dienstmarke hervor und ging auf den Mann zu.

„Agent Morgan vom FBI… Meine Kollegin Prentiss." Stellte er vor.

„Tom Fields."

„Wir suchen Jakob Crane."

„Jakob ist gestern Morgen nach Sankt George aufgebrochen. Er holt dort eine Lieferung Holz ab."

„Wann erwarten Sie ihn zurück?" Prentiss sah den etwas gedrungenen Mann freundlich an.

„Irgendwann heute Nacht."

„Dann kommen wir einfach Morgen Vormittag wieder." Morgan sah Prentiss an. Diese nickte. Sie verabschiedeten sich und gingen zu ihrem Wagen zurück.

„Hätten Sie Lust, mich heute Abend auf eine Vernissage zu begleiten? Hier ist nicht allzu viel los und man muss jede Gelegenheit nutzen unter die Leute zu kommen." Maja Baker war zu Reid an den Schreibtisch getreten und sah auf ihn hinab.

Verwirrte schaute Reid auf und verhaspelnd antwortete er: „Ja… ja, gern. Woher… woher wissen Sie, dass ich mich für Kunst interessiere?"

„Ich wusste es nicht, ich habe nur keine Lust alleine zu gehen." Maja lachte. Dieser junge Mann schien ein kleines bisschen weltfremd zu sein. Aber er gefiel ihr.

„Wer ist der Künstler?"

„Eine hiesige Malerin. Megan Jung. Sie scheint es langsam geschafft zu haben."

„Megan Jung? Die Megan Jung? Ich habe schon zwei ihrer Bilder im Original gesehen. In Washington war eine Ausstellung aufstrebender Künstler. Ich war von ihren Werken begeistert. Nur werde ich mir nie eines davon leisten können, wenn die Preise für ihre Bilder weiter so schnell steigen.

Sie verkörpert das Leben, die Freiheit und die Schönheit in ihren Bildern. Ich habe selten so ein Farbenspiel gesehen."

Reid redete sich immer mehr in Rage. Maja drehte sich lachend um, als die Tür aufging und ein junger Mann herein kam.

„Paul, ich komme sofort." An Reid gewandt, noch immer amüsiert, sagte sie bevor sie ging und sich wieder ihrer Arbeit widmete: „Dann hole ich sie gegen acht ab Doktor Ried."

„Ja. Ich hoffe, dass ich dann schon Feierabend habe."

Den Kopf schüttelnd schaute Maja erstaunt zurück und Reid konnte ihre Erheiterung während sie mit diesem Paul sprach heraushören.

Rossi und Hotchner trafen unterdessen John Edwards im seinem Klassenzimmer der High School an. Sie stellten sich vor und erklärten warum sie ihn aufgesucht hatten.

„Haben Sie eine Ahnung wer ein Interesse daran gehabt haben könnte Doktor Smith zu töten?" Hotchner beobachtete das Verhalten des Lehrers genau.

„Nein. Ich könnte mir niemanden vorstellen. Sind Sie sich denn wirklich sicher, dass es jemand aus unserer Stadt ist?"

„Ja, es ist sehr wahrscheinlich. Es kann allerdings auch sein, dass er in den letzten Jahren woanders gelebt hat und erst kürzlich zurückgekommen ist." Rossi sprach mit ruhiger Stimme. „Hat Doktor Smith Ihnen gegenüber etwas von einem Brief oder Anruf erwähnt, der ihn beunruhigt hat?"

„Nein, wirklich nicht. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dass dazu überhaupt jemand im Stande ist. Mike war so herzlich und zuvorkommend. Zu allen Menschen. Sein Tod ist für unsere Stadt ein großer Verlust."

„Gut, dann wäre es das fürs Erste." Hotchner hielt dem Lehrer zum Abschied die Hand hin. „Wenn wir noch weitere Fragen haben, können wir sie dann hier erreichen?"

„Ja, ich bin täglich hier."

„Auf wiedersehen." Rossi nickte und verschwand mit Hotchner hinaus auf den Flur.

Spencer Reid hielt die Glastür für Maja Baker offen und ließ sie in den schon reichlich gefüllten Ausstellungsraum eintreten.

„Kommen Sie Reid, ich stelle ihnen Megan vor. Sie wird Ihnen bestimmt gefallen."

Er folgte ihr langsam durch die Menge unbekannter Gesichtern und plötzlich kam Reid der Gedanke: ‚Was ist, wenn der Täter gerade direkt in diesem Raum ist?' Momentan war noch jeder Einwohner der Kleinstadt verdächtig. Schwer schluckend schaute er sich nach allen Seiten um.

Mühsam schaffte er es die dunklen Gedanken abzuschütteln und folgte Maja Baker entschlossen. Er ließ seinen Blick über die Bilder, die an den Wänden hingen, gleiten und schon bei den Ersten blieb er fasziniert stehen. Diese Farben, diese Klarheit der Szenerie.

„Doktor Ried?!" Maja Baker stand plötzlich hinter ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. „Das ist Megan Jung…" Sie wandte sich an die Frau, die sich bei ihr untergehakt hatte und lächelte ihm freundlich entgegen. „Megan, das ist Doktor Spencer Reid. Er ist ein großer Bewunderer deiner Kunst."

„Es freut mich sie kennenzulernen Mrs. Jung." Reid hielt ihr seine Hand zur Begrüßung hin. Mrs. Jung erwiderte den herzlichen Druck. „Ich habe ‚Die Schönheit' und ‚Die Weite' in einer Ausstellung in Washington gesehen. Sie sind von so einer Klarheit und Tiefe…"

Megan Jung, in Jeans und einem weitem buntkarierten Hemd, stand amüsiert vor ihm. Ihre hellblonden Haare, vermutlich nicht ihre wahre Farbe, trug sie kurz. Mit ihrem verschmitzten Lächeln, das das ganze Gesicht einnahm kam sie ihm eher wie ein Lausejunge vor, der jeden Moment einen neuen Streich aushecken wollte.

„Danke. Das sind einige meiner ersten Werke, die ich in diesem besonderen Still gezaubert habe. Vorher wollten mich alle auf die eine oder andere Bahn festsetzen. Aber heute weiß ich, dass es genau dieser Stil ist, der mich zu neuen Motiven anreizt.

Haben Sie sich schon umgesehen Doktor Reid?"

Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Wir sind gerade erst angekommen."

„Dann viel Spaß. Ich denke, sie werden noch einige Bilder finden, die ihnen bestimmt gefallen werden." Sie drehte sich zu einem hochgewachsenen Mann um, der ihr seine Hand schwer auf die Schulter gelegt hatte. „Ich komme schon Matt…" Und an Reid gewandt fuhr sie fort: „Wenn Sie Fragen haben sollten, dann scheuen Sie sich nicht an mich zu wenden. Ich bin den ganzen Abend noch hier." Sie lachte über ihren eigenen Witz.

„Sie ist interessant." Reid hatte Megan Jung hinterher geschaut, als sie mit dem Mann, Matt, verschwand. Mit seinem schicken dunklen Zweireiher und seinem steifen Gang bildete er einen gewaltigen Kontrast zu ihrer lockeren Art.

„Das ist Matthias O'Connor. Er ist Megans Manager. Etwas steif, aber ansonsten ein netter Kerl. Er lässt ihr die Freiheit das zu malen, was ihr in den Sinn kommt." Maja Bakers Blick war den beiden gefolgt. Nun wandte sie sich wieder an Ried und gemeinsam gingen sie von einem Bild zum nächsten. Amüsiert verfolgte Baker Rieds Erläuterungen über die Schönheiten der Bilder.

Aaron Hotchner betrat sein Hotelzimmer. Müde hing er sein Jackett über eine Stuhllehne und entfernte anschließend den Holster mit seiner Waffe vom Gürtel. Gewohnheitsmäßig legte er die Waffe auf den Nachttisch. Gleich daneben kam das Handy. Handgriffe, die sich über die Jahre eingebürgert hatten.

Vielleicht sollte er seine Gewohnheiten mal ändern. Er starrte auf das Bett vor ihm. Normalerweise würde er erst noch Arbeiten bevor er in einigen Stunden zu Bett ging. Aber er fühlte sich einfach erschlagen.

Langsam ließ er sich auf das Bett nieder. Er schloss seine Augen. Länger als zwei bis drei Stunden würde er sowieso nicht am Stück schlafen können. Die Nächte waren seit Haley's Tod eine einzige Qual. Und doch hatte sich etwas in den letzten Wochen geändert. Sein Unterbewusstsein schien die schreckliche Zeit, die sein Leben in eine völlig neue Bahn gelenkt hatte, endlich verarbeitet zu haben. Die Träume waren weniger geworden. Träume, aus denen er oft schweißgebadet aufgewacht war.

Das einzige was sich noch nicht gebessert hatte, war die Länge des erholsamen Schlafes. Mehr als drei Stunden schlief er nicht. Wenn er Glück hatte, schlief er nach kurzer Zeit wieder ein. Doch oft lag er stundenlang wach und wartete auf den nächsten Morgen.

Hotchner öffnete wieder seine Augen und starrte an die Decke. Er konnte die Gedanken in seinem Kopf einfach nicht abschalten. Sie verwirrten ihn in den letzten Wochen völlig. Und ihm fehlte die Zeit sie zu sortieren. Dazu fühlte er sich oft unruhig. Diese Unruhe, die ihn auch gerade wieder befiehl.

Entnervt setzte er sich auf und schwang seine Beine über die Bettkante. Kraftlos blieb er minutenlang einfach sitzen.

„Darf ich einen Moment um Ruhe bitten? …" O'Connor stand neben dem Tisch, wo den Gästen Erfrischungen angeboten wurden. „Danke…" Sagte er, als die Stimmen um ihn herum erstarben. „Megan möchte ein paar Worte an euch richten." Die Künstlerin trat neben ihn und strahlte in die Runde.

„Ich will euch nicht mit einer Rede langweilen. Ihr wisst, dass das nicht mein Ding ist." Die Menschen lachten verstehend. „Ich freue mich einfach, dass ihr da seid und wünsche euch viel Vergnügen. Natürlich möchte ich von euch hinterher auch Kritik hören. Ihr kennt mich am längsten und könnt beurteilen, ob ich die richtigen Stimmungen herüberbringe. Dazu habe ich euch wie immer die kleinen Erklärungen neben den Bildern verfasst… Also, ich wünsche euch einfach viel Spaß und genießt den Abend." Sie nahm ein Sektglas von ihrem Manager entgegen und prostete ihren Gästen zu.

Kurzer Applaus erklang, der aber schnell in den allgemeinen Gerede unterging. Die Menschen verliefen sich in kleinen Grüppchen zwischen den Bildern. Auch Maja Baker und Agent Reid gingen zu dem Bild zurück, an dem sie ihren Rundgang unterbrochen hatten.

Da erklang plötzlich ein lauter Tumult. Reid und Sergeant Baker sahen sich irritiert an.

„Megan! … Schnell, wir brauchen einen Arzt!"

Baker zog sofort ihr Handy aus der Tasche und wählte den Notruf, während sie hinter Reid herging, der ihnen einen Weg durch die Menge bahnte. Er blieb einen Moment erschrocken stehen, als er durch die erste Reihe der Menschen drang. Megan Jung lag in den Armen von Matt O'Connor. Sie röchelte und versuchte nach Luft zu schnappen. Schaum drang ihr aus dem Mund.

„Maja, sie sollen sich beeilen. Sie ist vergiftet worden." Reid wandte sich an O'Connor. „Was hat sie als letztes zu sich genommen?" Der Manager schüttelte seinen Kopf. „Sie hatte nur das Glas in der Hand."

Reid wandte sich an die Umstehenden: „Bitte nehmen Sie nichts mehr von dem Büffet oder den Getränken. Es könnte sein, dass noch mehr Sachen mit Gift versehen wurden." Er kniete sich neben der Künstlerin und hob eines ihrer Augenlider. Ein letztes Aufbäumen, dann sackte sie zurück. Sie war tot. Niemand konnte ihr jetzt noch helfen.

Nun wurde es offiziell. Reid stand auf und zog seine Dienstmarke: „Meine Damen und Herren, würden Sie mir bitte einen Moment zuhören. Mein Name ist Doktor Spencer Reid, ich bin Agent beim FBI und ich möchte Sie bitten, den Tatort nicht zu verlassen, bis sie von einen meiner Kollegen oder der Polizei die Erlaubnis dazu bekommen. Wir brauchen ihre Daten und eine Aussage. Haben Sie bitte etwas Geduld." Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer seines Teamchefs. Während sich die Verbindung aufbaute, trat er etwas abseits der Menschenmenge. –

Hotchner saß noch immer auf der Kante des Bettes und starrte vor sich hin, als ihn der Klingelton seines Handys wieder in die Wirklichkeit zurückholte. Einen Moment starrte er das Handy auf dem Nachttisch verwirrt an, dann nahm er es in die Hand. –

„Hotchner." Meldete sich Reids Teamleiter kurz darauf am anderen Ende der Leitung. Reid war über den matten Tonfall seines Chefs verwundert. Konnte aber jetzt keine Rücksicht nehmen.

„Hotch, es ist gerade der nächste Mord passiert. Ihr müsst alle zur Kunstgalerie kommen. Wir müssen die Leute befragen."

Sekundenlang blieb es still am anderen Ende. Ried hatte schon Angst, dass die Leitung unterbrochen worden war, als ein etwas impulsiveres „Wir sind gleich da." aus seinem Handy erklang.

Zehn Minuten später hielten die beiden schwarzen SUV vor der Kunstgalerie. Chief Baker und einer seiner Kollegen standen bereits vor der Tür. Ohne große Umschweife kam er auf das Team zu: „Sie hatten recht Agent Hotchner. Es ist nicht vorbei."

„Wo ist Reid?" Hotchner ging über die Aussage hinweg.

„Drinnen."

Alle folgten dem Chief in die Kunstgalerie und sahen sich neugierig um. Die Agents Prentiss, Rossi, Morgan, Frank und Jareau verteilten sich ohne Umschweife und nahmen die Aussagen der Menschen auf. Von vielen, die unter Schock standen oder in Tränen aufgelöst waren, nahmen sie nur den Namen und die Adressen auf. Gegebenenfalls würde man sie später aufsuchen und eine Aussage aufnehmen müssen.

Hotchner ging unterdessen weiter durch den Raum zu Reid hinüber. Er stand noch immer neben der Toten und beobachtete die Arbeiten der Polizei und des Gerichtsmediziners, die möglichst viele Spuren der Tat sicherten.

„Reid, was ist passiert?" Hotchner trat neben seinen jungen Kollegen.

„Megan Jung, 44. Sie ist die Künstlerin dieser Ausstellung. Hotch, die Bilder musst du dir ansehen, die sind sagenhaft."

Hotchner lächelte kurz. „Du weißt, dass ich deine Leidenschaft für die Kunst nicht so ganz teile. Aber es scheint mir, als wäre ihr Tod ein derber Verlust für die Kunstwelt."

„Das könnte man wirklich so sagen, ja. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht." Hotchner konnte sehen, wie es in Reid arbeitete. Ernst werdend schaute er sich den Tatort an.

„Nun Reid, zurück zur Sache…"

Morgan, Frank und Prentiss betraten die Polizeistation. Noch gezeichnet von dem gestrigen späten Einsatz kamen sie auf das Team zu.

Frank und Prentiss setzten sich hinten an den Tisch nebeneinander und schwiegen. Morgan hatte sich neben Hotchner in den freien Stuhl niedergelassen und begann sofort zu reden: „Wir waren gerade noch bei der Zimmerei. Aber Jakob Crane war nicht da. Der Mitarbeiter Mr. Fields kam gerade zur Arbeit. Er wunderte sich, dass seine Chef noch nicht zurück war. Sobald er kommt, wird er uns Bescheid geben."

„Ehrlich gesagt, hoffe ich, dass ihm nichts zugestoßen ist. Ich habe ein ganz komisches Gefühl." Hotchner sah Frank direkt an. „Davon sollten wir erst einmal nicht ausgehen…" Hotchner hatte seine Augenbrauen zusammengezogen. „Lasst uns die Erkenntnisse vom gestrigen Abend in unser Profil einarbeiten. Vielleicht bringt uns das weiter…" Er nahm einen Bericht vom Tisch. „Nach den Ergebnissen der Rechtsmedizin, war nur das Glas der Künstlerin vergiftet. Das Glas hat sie von ihrem Manager entgegengenommen."

„Was ihn momentan zum Hauptverdächtigen macht." Sprach JJ das naheliegende aus.

Morgan, der in dem Bericht über den neuen Mord blätterte, hielt inne. „Er war es nicht." Gespannt richteten sich die Blicke auf ihn. „Seine Fingerabdrücke sind zwar auf dem Glas, aber sie stimmen nicht mit den Abdrücken an den anderen Tatorten überein."

„Vielmehr steht hier, dass sich ein einzelner Abdruck auf dem Fuß des Glases befand, der mit unserem Täter in Verbindung gebracht werden kann." Reid war die Seiten schnell überfolgen und hatte das letzte Detail noch zugesteuert. –

Maja Baker hatte den Hörer an ihrem Schreibtisch aufgelegt, erhob sich und kam zu den versammelten Agents herüber. –

„Also muss der Täter gestern auf der Vernissage gewesen sein. Und somit steht er auf unserer Liste." Sprach Rossi bestimmt.

„Daher sollten wir sie durch das Ausschlussverfahren eingrenzen können." Frank stimmte Rossi zu. „Wir brauchen von allen Fingerabdrücke."

„Gut, …"

Maja Baker unterbrach die Unterhaltung: „Entschuldigung Agent Hotchner, wenn ich Sie unterbreche, aber man hat gerade Jakob Crane gefunden." Augenblicklich bekam sie die unmittelbare Aufmerksamkeit aller. „Erhängt, in seiner Firmenhalle."

Erstaunt brauchten alle einige Sekunden bevor sie reagieren konnten.

„Konnten schon irgendwelche Spuren sichergestellt werden?" Rossi strich sich über den graumelierten Bart.

„Sie sind noch dabei, aber es scheint schon außer Frage zu stehen, dass es kein Selbstmord war." Erklärte Sergeant Baker.

„Ich nehme an der Pathologe ist schon auf den Weg? Wir benötigen unbedingt alle Informationen." Hotchner wusste, dass sie sich nun wirklich beeilen mussten. Wer konnte schon wissen, wie viele Personen noch auf der Liste des Täters standen.

Sergeant Baker nickte und ergänzte: „Ja, mein Onkel ist bereits vor Ort. Er sagte, dass die Leichenstarre sich gerade erst bemerkbar macht."

„Das bedeutet er ist ungefähr zwischen sechs und zehn Stunden tot." Meldete sich Reid augenblicklich.

„Dann muss er sich von der Vernissage direkt zur Zimmerei begeben haben!" Morgan fühlte sich leicht an seiner Ehre gepackt. Diesem Schwein musste doch beizukommen sein!

„Hey John!" Ein Pick-up hielt am Straßenrand und ein lächelnder John Edwards stieg aus. „Du bist wie immer pünktlich auf die Minute."

„Hallo. Bist du soweit? Können wir los?" Er kam um seinen Wagen herum und öffnete die Beifahrertür. „Wo fahren wir hin? Was für ein Ziel hast du dir heute ausgesucht?"

„Warte es ab." Die Stimme klang etwas härter als zuvor.

„Die Frage ist nur, warum sich unser UnSub fast zwei Tage Pause gegönnt hat." JJ sah kein Muster in den unterschiedlichen Zeitpunkten.

„Ja, er scheint sich noch unter Kontrolle zu haben." Bestätigte Rossi. „Nun, Craine war nicht in der Stadt. Vielleicht hat das seine Pläne durchkreuzt?"

„Das scheint plausibel." Reid stöhnte leicht auf, als er sich von seinem Stuhl erhob. Die Schmerzen der alten Schusswunde in seinem Bein waren immer noch nicht abgeklungen. „Freitag und Samstag… ich finde keinen religiösen und anderweitigen Grund für diese Pause."

„Vielleicht war er geschäftlich aus der Stadt." Prentiss schien das am sinnigsten.

„Er hat keinen Führerschein, also eher unwahrscheinlich." Morgan schien das Argument nicht zu beeindrucken.

„Außer er war mit einem Kollegen unterwegs." Verteidigte sich Prentiss.

„Was ist, wenn Morgan mit seinem Rachefeldzug recht behält?!" Sprach Hotchner seinen Gedanken laut aus, zog sein Handy hervor und wählte. Kurz darauf meldete sich Garcia durch die Freisprechanlage. „Hey Leute, was liegt an?"

„Garcia, ich brauche deine schnellen Maschinen. Doktor Smith und Jakob Crane waren Jugendfreund. Kannst du mir die Adressen sagen, wo sie aufgewachsen sind?" Durch den Lautsprecher hörten sie die flinken Finger Garcias über die Tastatur fliegen.

„Die Smith haben in der Maverick Street Nummer 50 gewohnt." Reid schaute erstaunt und eilte humpelnd an seine Karte. Er nahm einen Stift zur Hand und versah jedes Gebäude mit einem Kreuz. „Jakob Crane … in der Hausnummer 48."

„In der gleichen Straße?" vergewisserte sich Hotchner.

„Ja, sie waren direkte Nachbarn."

„Wir waren in der Nummer 35." Prentiss schaute Morgan an.

„Gut, was ist mit den beiden anderen Opfern?" Hotchner sah hoch.

„Isabelle Bonnet." Warf Frank ein.

Gespannt warteten alle auf Garcias Stimme aus dem fernen Quantico.

„Oho, Granada Street 28." Reid setzte das Kreuzchen auf die Nachbarstraße.

„Dann fehlt nur noch Megan Jung." Rossi sah das mit Schaum bedeckte Gesicht der Künstlerin vor sich.

„Volltreffer. Maverick 52."

„Da räumt wirklich jemand in seiner Vergangenheit auf." Hotchner sah seine Vermutung bestätigt.

„Garcia ich habe noch einen Namen." JJ schaute Hotchner an, als sie sagte: „John Edwards."

„Granada 21."

„Leute, das könnte bedeuten, dass John Edwards unser nächst Opfer ist!" Morgan sah Hotchner an. Dieser nickte.

„Fahr mit Prentiss zu ihm und bringt ihn her." Die beiden Agents erhoben sich eilig.

„Wartet einen Moment." Frank hielt Morgan am Arm feste. Aus ihren Augenwinkel konnte Frank sehen wie sich Hotchners Brauen wieder zusammenzogen. Trotzdem fuhr sie unbekümmert fort. „Morgan, wie hieß noch mal die Frau, die ihr vor dem Haus von den Woods getroffen habt?"

„Anna…" Morgan stockte.

„Anna Wright", half Captain Fuller auf die Sprünge, der neugierig näher getreten war.

„Warum?" Morgan sah Frank mit fragendem Blick an.

„Sie wohnte auch in der Straße?"

„Ja, direkt im Nachbarhaus von den Woods. Du meinst sie könnte auch in Gefahr sein?" Mischte sich Prentiss ein.

„Nein…" Frank druckste etwas herum. Ein inneres Gefühl hatte sie zu dieser Schlussfolgerung gebracht: „Ich denke, sie ist die Täterin!"

Erstaunt sahen alle zu ihr hinüber. Frank wandte sich an die einheimischen Polizisten.

„Sitzt sie schon immer im Rollstuhl?"

„Nein", Chief Baker schüttelte seinen Kopf, „sie hatte einen Unfall als sie ein Teeny war."

„Kann sie sich nur mit dem Rollstuhl fortbewegen?"

„Nein, sie läuft meistens an Krücken. Nur wenn sie die Schmerzen überhaupt nicht mehr aushalten kann, dann benutzt sie den Rollstuhl."

Franks Blick wanderte zu Reid: „Das Wetter…", murmelte sie vor sich hin, dann wurde ihre Stimme wieder lauter, „Ihr macht das Wetter zu schaffen, deshalb hat sie die letzten zwei Tage pausiert."

„Susanne, wie soll sie diese Taten ausgeführt haben?" Morgan wollte nicht so recht an die mögliche Täterin glauben.

„Nun, halte mir eine Pistole oder ähnliches unter die Nase und ich mache auch alles, was du von mir verlangst." Frank holte tief Luft. „Durch ihre Krankheit war sie bestimmt Dauergast im Krankenhaus und keiner würde sich wundern sie kommen und gehen zu sehen… Isabelle Bonnet, die Nachbarin sprach von leisen aufmunternden Worten die gesprochen wurden. Ein dumpfer Aufschlag und quietschen, was sich rhythmisch wiederholte. Rossi, lag in dem Flur nicht Linoleum?" Rossi nickte bestätigend.

„Dazu müssten die Krücken aber nass gewesen sein." Wandte Reid ein.

„Dienstagnachmittag gab es ein kurzes Gewitter." Captain Fuller sah in die Runde und erklärend führte er an: „Ich habe meinen Sohn zum Training gefahren."

„Dann wurde Samantha Woods durch eine Krücke zu Fall gebracht." Prentiss erkannte den Zusammenhang, „Das würde auch den breiten Streifen an der Wand erklären."

„Anna war auch auf der Vernissage, ich habe sie gesehen, wie sie sich mit Megan unterhalten hat." Sergeant Baker fand die Erklärung für das vierte Opfer.

„Aber was ist der Stressauslöser. Warum gerade jetzt? Sie hätte schon vor Jahren die Taten ausüben können, oder jährlich Eine. Das wäre weniger aufgefallen, zumal jede einzelne als ein typischer Selbstmord getarnt war." Hotchner sprach die Fragen aus, die allen durch den Kopf gingen.

„Und wofür muss oder will sie sich überhaupt rächen?" Rossi hängte noch einen Gedanken dran.

„Garcia kannst du uns bitte die Krankenakte von Anna Wright herüberschicken? Und durchsuche die Polizeiakten. Es muss einen Bericht aus ihrer Jugend geben. Ein Unfall, aus dem ihre Verletzungen hervorgehen. Wir müssen wissen, was damals geschehen ist." Morgan sprach in Richtung des Telefons, das Hotchner noch in seiner Hand hielt.

„Sicher, bin schon dabei."

Gespanntes Schweigen legte sich über das Polizeirevier. Dann erklang Garcias Stimme durch das Handy.

„Ich habe euch die Krankenakte herübergeschickt."

„Danke. Reid, du liest." Hotchner wusste in solchen Momenten die Begabung seines Kollegen zu schätzen.

Reid ging zu seinem Laptop und öffnete die Datei. Im Krankenbericht begann er mit der letzten Eintragung. Wenn hier der Stressauslöser war, dann befand er sich in den letzten Wochen.

„Interessant…", murmelte er vor sich hin. Er sah auf. „Doktor Smith hat vor gut zwei Monaten Magenkrebs bei ihr festgestellt. Wahrscheinlich durch die vielen Schmerztabletten verursacht. Er konnte ihr nicht mehr helfen. Der Krebs ist schon im Endstadium."

Das Team wusste, dass sie jetzt handeln mussten. Eine weitere Erklärung brauchten sie momentan nicht mehr, um Anna Wright zu ihrer Hauptverdächtigen zu machen.

„Morgan, Prentiss, ihr nehmt Reid und JJ mit und holt John Edwards. Er müsste in der Schule sein. Eventuell müsst ihr das ganze Gelände absuchen... Wir anderen fahren zu Anna Wright."

Sie eilten hinaus und bestiegen die Fahrzeuge. Chief Baker und Captain Fuller übernahmen die Führung in ihrem Polizeiauto. Sie schossen die Coppemine Road entlang.

Garcia hatte eine Konferenzschaltung zu ihren Kollegen aufgebaut und informierte sie über ihre Ergebnisse: „… Anna Wright ist 42. Vor 30 Jahren, also mit zwölf fand man sie eines Abends auf dem Gelände einer alten Ruine. Nach eigenen Angaben ist sie über den morschen First gelaufen. Er konnte ihre Gewicht nicht mehr halten und sie ist fast sechs Meter in die Tiefe gefallen."

„Das war wohl eine Mutprobe." Unterbrach Morgan die technische Analystin.

„Genauso sahen das die Ordnungshüter damals auch."

Chief Baker bog nach links in die Haul Road ab. Hotchner blieb ihm auf den Fersen, während Morgan Gas gab und die Straße bis zum Ende durchfuhr.

„Wie hat man sie gefunden?" Hotchner stockte einen Moment. „War die Ruine noch bewohnt?"

„Nein, es gab einen anonymen Anruf. In den Akten steht vermerkt, dass die Stimme noch sehr jung geklungen hätte… Wie auch immer: Anna Wright gab damals an, dass sie nicht alleine gewesen wäre." Garcias Stimme überschlug sich fast, so sehr hatte sie sich in Rage geredet. „Sie gab sämtliche Namen unserer Opfer an… Einschließlich John Edwards."

„Garcia, stehen noch mehr Namen auf der Liste?" Rossis ohnehin schon raue Stimme, klang hart.

„Nein, er ist der Letzte."

„Sie bestraft diejenigen, die Schuld an ihrem Unfall sind?" Prentiss war skeptisch. „An jenem Abend vor 30 Jahren muss noch wesentlich mehr passiert sein!"

Morgan bog rechts in den Lake Powell Boulevard und gleich darauf links auf den Parkplatz der High School.

Eilig sprangen alle Vier aus dem Wagen und liefen zum Schulgebäude, als die Schulglocke läutete. Fast augenblicklich öffneten sich die Schultüren und Schüler drängten hinaus.

„Ruhig Leute." Morgan versuchte sich selbst und seine Kollegen etwas zu bremsen. „Wir dürfen keine Panik verursachen…Okay, JJ, wir gehen zum Schulbüro, vielleicht können die uns sagen, wo Mr. Edwards gerade ist. Ihr anderen schwärmt schon mal aus und versucht ihn so zu finden."

„Wir halten hier?" John Edwards schaute zu seiner Beifahrerin hinüber. Anna Wright nickte nur und Edwards lenkte seinen Pick-up auf den Besucherparkplatz vor dem Besucherzentrum. „Das ist eine gute Idee Anna. Ich bin gerne hier. Und dann das Wetter."

Er stieg aus und genoss für einen Moment die Weite des großen Sees, der sich vor ihm ausbreitete. Die Wassermassen beeindruckten ihn immer wieder aufs Neue.

Anna Wright klopfte gegen die Windschutzscheibe und lachend nickte Edwards ihr zu. Er ging zum Heck des Wagens und holte den Rollstuhl heraus.

In das Wohnviertel eindringend folgte Hotchner noch immer den örtlichen Polizisten. Bis der Wagen vor einem zweistöckigen Bau stehen bliebe. Sie stiegen aus und gingen auf die Haustür zu.

Rossi betrat die Veranda und klopfte an die Tür. Keine Antwort, kein Laut kam aus dem Haus. Er klopfte noch einmal, stärker: „Hier ist das FBI. Miss Wright machen sie bitte die Tür auf."

„Frank, Fuller", Hotchner deutete um die Ecke des Hauses. Agent Frank nickte verstehend und verschwand kurz darauf mit dem Captain um die rechte Hausecke.

Rossi versuchte den Türknopf zu drehen, aber die Tür war verschlossen. Sie blickten durch die Fenster, aber kein Zeichen ließ auf eine menschliche Anwesenheit schließen.

„Es ist keiner da Hotch." Rossi wandte sich an Baker: „Wissen sie, wo sie sein könnte?"

„Keine Ahnung. Vielleicht zum Einkaufen. Sie geht fast täglich, damit sie nicht vereinsamt."

Sie standen im Vorgarten zusammen, als Frank und Fuller aus dem hinteren Grundstücksbereich zurückkehrten.

Ein leicht böiger Wind blies über das Wasser auf ihrer linken Seite. Er erfasste die Menschen, die über die Staumauer gingen. Dieses Bauwerk war einfach ein pompöser Anblick.

Edwards schob den Rollstuhl über die breite Staumauer. Dabei gingen ihm die Zahlen der 1963 fertiggestellten Glen-Canyon-Staumauer durch den Kopf. Der aufgestaute Colorado River – Lake Powell genannt – war der zweitgrößte Stausee der ganzen USA.

Anna Wright war nicht so entspannt, wie ihr Begleiter. Nervös schaute sie sich um. Sie waren doch eine Stunde zu früh losgefahren. Es waren einfach noch zu viele Touristen hier. Und doch konnte man spüren, wie sich die Menschen immer mehr dem Aussichtspunkt beim Besucherzentrum zuwandten. Der Sonnenuntergang hier oben war schon ein wirkliches Farbenspiel. Sie mochte diesen Anblick. Ja, sie hatte ihn schon als Kind geliebt. Lange blieb ihr nicht mehr, um ihn noch zu genießen.

Besonders heute nicht! Denn nun gab es kein Zurück mehr.

„John", begann sie zu sprechen.

„Ja?!" Sie hatten nun schon fast die Mitte des Staudamms erreicht.

„Halte mal bitte an. Ich muss telefonieren."

„Jetzt?" Edwards schien wirklich entsetzt. „Genieße liebe den herrlichen Blick. Denn magst du doch so gerne."

„Halte an!"

„Aber gleich kommt doch dein Lieblingsplatz!"

„Stopp!" Anna Wright schrie das Wort fast.

„Das tut mir leid, aber wenn er momentan nicht in seinem Klassenzimmer ist, habe ich auch keine Ahnung wo er sein könnte." Die junge Frau hinter dem Tresen des Schulbüros zog bedauernd ihre Schultern hoch.

Morgans Handy klingelte. Mit einem entschuldigen Blick drehte er sich weg und nahm nach einem kurzen Blick auf das Display den Anruf entgegen.

„Morgan."

„Agent Morgan. Ich wollte Ihnen nur sagen, wo Sie das letzte Opfer finden werden." –

„Er hat einige Freistunden. Aber ab vier können Sie ihn auf dem Sportplatz antreffen. Er trainiert das Leichtathletik-Team." JJ hatte das Gespräch mit der Schulangestellten übernommen.

„Miss Wright?" JJ horchte auf. Sie sah, wie Morgan eilig das Büro verließ. „Danke für Ihre Hilfe." Mit einem kurzen Lächeln verabschiedete sie sich und folgte Morgan hinaus.

Sie nahm ihr eigenes Handy zur Hand und rief als erstes Garcia an. Mit wenigen Worten setzte sie ihre Kollegin über die neue Situation in Kenntnis. Sie bat die technische Analystin den Anruf auf Morgans Handy zurückzuverfolgen und eine Konferenzschaltung zwischen ihrem und Hotchners Handy zu schalten.

„Wo sind sie Anna?" Hörte JJ Morgan gerade fragen, als sie in den Flur trat. Ihr Kollege sah sie an und sie nickte. Eilig gingen sie den Gang zum Ausgang entlang und stießen draußen auf Reid und Prentiss.

JJ's Telefon klingelte. „Garcia, alles klar?"

„Ja, die Anderen sind schon in der Leitung… Wartet, da kommt ein Ergebnis." Leise konnten sie die Stimme von Morgan durch das Handy hören. „Die Anruferin befindet sich an der Glen-Canyon-Staumauer."

„JJ, wir treffen uns dort!" Sie hörten Hotchners Stimme durch die Leitung. „Garcia stell die Stimmen jetzt lauter, wir müssen wissen, was sie reden."

Augenblicklich wurden die Stimmen aus dem Hintergrund lauter: „Anna, ich weiß, dass John Edwards ihr nächstes Opfer ist… Sie müssen das nicht tun!"

Prentiss ergriff Morgans Arm und zog ihn eilig zum Wagen zurück. Sie stiegen ein und Prentiss fädelte den Wagen mit quietschenden Reifen auf den Lake Powell Boulevard ein. Morgan stellte das Blaulicht an, als sie die Straße entlang rasten. –

„Doch, dass muss ich."

„Ich weiß von ihrer Krankheit. Sie haben nicht mehr lange zu leben."

„So, … was haben Sie den noch alles herausgefunden?"

„Anna, Sie müssen damit aufhören! Was haben Sie davon, wenn Sie diese ganzen Familien zerstören? Den Kindern den Vater oder die Mutter nehmen?"

„Und wen interessiert es, dass mein Leben zerstört wurde? Keinen."

„Doch, mich interessiert es! Erzählen Sie mir, was ist damals passiert?"

„Erst, wenn ich alles erledigt habe."

„Wie kommen wir am Schnellsten zur Staumauer?" Hotchner und seine Kollegen hasteten auf ihre parkenden Wagen zu.

„Folgen Sie uns einfach."

Sie stiegen ein und mit heulenden Sirenen waren der Polizeiwagen und der schwarze SUV bald auf dem Weg hinaus aus der Stadt.

„Garcia, schick uns Infos über die Staumauer." Rossi hatte das Handy von Hotchner übernommen und verfolgte simultan das Gespräch zwischen Morgan und Miss Wright.

Sie bogen auf den Highway 89. Zwei Abfahrten weiter, sahen sie den zweiten SUV auf den Highway biegen.

„John ist der Letzte, Agent Morgan. Dann ist meine Rache endlich perfekt." Anna Wright sprach in ihr Handy. Edwards, der bisher seelenruhig an der Brüstung gestanden hatte und den Wortfetzen nicht wirklich eine Bedeutung zuschreiben konnte, wurde bei der Erwähnung seines Namens aufmerksam.

„Wie meinst du das, Anna? ..." Er stockte. Seine Gedanken rasten. Die Erkenntnis machte sich in ihm breit. Nicht fassend begann er ruhig zu sprechen: „Du? … Du hast die Anderen auf dem Gewissen? Warum?"

„Warum?... Sieh mich doch an. Hatte ich ein schönes Leben? NEIN! … Habe ich eine Familie, Freunde? NEIN!"

„Was ist mit Michael und mir? Wir haben uns immer um dich gekümmert."

„Ihr wolltet doch nur euer schlechtes Gewissen beruhigen!"

„Ich habe kein schlechtes Gewissen. Warum sollte ich das haben? Dein Unfall, er war schrecklich, aber uns trifft keine Schuld!"

„Das sehe ich anders." Anna Wright's Stimme war ruhiger geworden. Sie zog einen Revolver aus ihrer Handtasche hervor. –

„Anna, was hast du vor?" Die Agents konnten die Angst in Edwards Stimme ausmachen. Sie schien jetzt ernst zu machen.

„Prentiss, wir nehmen den Weg vor der Brücke. Der ist kürzer." Rossi hatte sich die Übersichtskarte auf seinem Tablett angeschaut.

„Okay. Wir folgen euch." Hörten sie JJ`s Stimme durch das Handy.

Während der Polizeiwagen weiter über die Glen-Canyon-Brücke, eine gewaltige Stahlbogenbrück, schoss, bogen die beiden SUVs vorher ab.

„Steig auf die Mauer, John!" Anna Wright hatte den Revolver auf ihr Opfer ausgerichtet.

„Anna, der Wind ist zu stark, ich werde mich nicht halten können." Edwards schaute sich überrascht um, als er das Quietschen von Reifen hörte. Auch Anna Wright konnte die Blaulichter in der Ferne ausmachen.

„Steig auf die Mauer! ... Los hoch!..." Ihr Blick wanderte zwischen Edwards und den näherkommenden SUVs hin und her. Zu sich selber murmelte sie: „Etwas zu früh… Heute passt das Timing gar nicht. Aber egal."

„Agent Morgan, halten Sie an. Sofort! … Sie dürfen zuschauen. Aus der Ferne."

„Miss Wright… Anna, bitte lassen Sie mich näher kommen." Prentiss und Hotchner hatten augenblicklich die SUVs gestoppt und Morgan war ausgestiegen. „Bitte, ich möchte nur mit Ihnen reden." –

„Morgan, warte. Du gehst nicht alleine." Hotchner und die anderen Kollegen hatten sich um Morgan zusammengefunden. Dieser schirmte das Mikrophon im Handy mit der Hand ab, bevor er sprach: „Ich muss Hotch. Sie scheint Vertrauen zu mir zu haben. Warum hätte Sie mich sonst angerufen."

Hotchner erfasste die Situation in gut fünfzig Metern Entfernung. Leicht nickte er. „Aber sei vorsichtig."

Morgan ging ruhig die Staumauer entlang. Die Situation vor ihm immer im Blick.

„Nun Agent Morgan. Wollen Sie sich Johns Tod aus der Nähe ansehen?" Anna Wright schien Morgan nervös. Erst als er bis auf zehn Metern heran war, hielt sie den Agent auf: „Bleiben Sie stehen Agent Morgan. Das ist nah genug!"

„Anna, erzählen Sie mir Ihre Sicht des Unfalls." Versuchte Morgan Zeit zu schinden. „Was ist damals schief gelaufen?"

„Ich wollte immer dazu gehören. Doch sie machten sich einen Spaß daraus sich immer wieder neue Mutproben für mich auszudenken. Dabei war es ihnen egal, ob ich sie bestand oder nicht. Jede Woche haben sie mich mindestens einmal gequält. Ich musste Regenwürmer essen, Spinnen, Frösche… Äpfel stehlen. Dem alten Mr. Bolt Wasser über den Kopf schütten…"

„Und schließlich über den First balancieren!?" Brachte Morgan die Aufzählung zu einem Ende, denn Edwards hatte auf der Mauer Schwierigkeiten gegen den böigen Wind anzukommen.

„Ja."

„Warum wollen Sie alle Ihre Peiniger mit in den Tod nehmen?"

„Weil ich mich dann an ihnen rächen kann… John, du bleibst auf der Mauer! Wage es nicht!" Miss Wright erhob erneut die Waffe in ihrer Hand und zielte auf ihr Opfer.

„Aber wäre es nicht für Mr. Edwards eine angemessenere Strafe, wenn er hier auf Erden bleiben müsste. Er ist der Einzige, der noch am Leben ist."

„Das ist keine Strafe!" Anna Wright schien wenig beeindruckt von Morgans Worten.

„Nun er muss mit seiner Schuld leben. Und er wird sich selber bestimmt die größten Vorwürfe machen. Auch für seine Freunde, die bereits in den letzten Tagen verstorben sind."

„Er wird keine Reue verspüren, wenn ich ihn davonkommen lasse. Das haben Sie doch gerade selber gehört!" Anna Wright's Augen waren dunkler geworden. Sie hatten ihren Gegner fixiert.

„Er ist Lehrer. Er könnte die heutige Jugend vor genau solchen Fehlern bewahren, wie sie damals bei Ihnen passiert sind."

„Er? Man sollte diesem Monster verbieten zu unterrichten. Von ihm stammt die Idee mit dem Dachfirst. Er hat es gewusst!"

Anna Wright zielte plötzlich mit der Waffe auf Morgan: „Bleiben Sie dort stehen Agent. Ansonsten sehe ich mich gezwungen nicht nur John zu erschienen."

„Was, Miss Wright? Was hat John gewusst?" Morgan war vorsichtshalber stehengeblieben und versuchte die Gedanken von Anna Wright wieder auf die alten Erinnerungen zu lenken.

„Das Dach hätte mich nie getragen. Dabei war ich die Kleinste und Leichteste von ihnen… Los John, spring!"

„Anna, nicht, " forderte Morgan sie ruhig auf.

Doch Anna Wright zog am Hahn der Waffe. Ein lauter Knall erfüllte die Luft. Der Widerhall des Canyon ließ die Menschen erschrocken zusammenfahren.

Ein Schmerzensschrei. John Edwards griff nach seinem linken Bein, aus dem das Blut schoss. Der Wind brachte ihn zum wanken. Er versuchte den Halt auf der Mauer wiederzufinden.

Morgan machte einige Schritte auf Edwards zu, bevor Anna Wright's Stimme ihn stoppen ließen: „Wagen Sie es nicht ihm zu helfen!"

„Sie scheint die Beinarterie verletzt zu haben. Wir müssen uns beeilen." Reid eilte zum Kofferraum, um den Verbandskasten zu holen.

Ein lauter Schrei übertönte plötzlich das Brausen des Windes über dem Wasser. „Aaahhh!" Edwards konnte sich nicht mehr halten. Der Wind riss ihm die Beine weg.

Während JJ und Prentiss kurz aufschrien, konnte Hotchner nichts mehr aufhalten. Er lief direkt auf den stürzenden Mann zu.

„Nun ist Ihre Rache perfekt Anna." Morgan sah, wie sich krampfhaft die Finger zweier Hände an der äußeren Kante der Mauer festkrallten. Er versuchte cool zu bleiben. Doch innerlich drängte ihn alles zu diesem Mann, der unbedingt seine Hilfe benötigte. Aber genauso wusste er die Täterin mit der Waffe gleich neben sich.

„Ja, endlich. Nun kann ich mich auf meinen Tod vorbereiten."

Zwei Sachen geschahen gleichzeitig, die Morgan in seinen Blickwinkeln ausmachte. Während sein Blick weiterhin auf die Finger des Opfers gerichtet war, erschien links ein dunkler Schatten und rechts glitzerte die untergehende Sonne auf Metall.

Morgan entschied sich für die rechte Seite. Er ergriff die Hand von Anna Wright und drückte die Waffe, dessen Lauf sie sich an die Schläfe gehalten hatte nach oben. Sekundenbruchteile später erscholl der Schuss.

Hotchner war unterdessen zu John Edwards vorgedrungen. Eilig ergriff er dessen Handgelenke. „Keine Sorge, wir holen sie hoch. Es wird alles wieder gut."

„Ich kann mich nicht mehr länger halten." Kam leise die Stimme des Mannes, der über den Abgrund hing.

Anna Wright hatte verwundert die Augen geöffnet. Morgan hatte ihr mittlerweile die Waffe abgenommen und sie aus der Reichweite der Täterin geworfen.

Hotchner versuchte den Mann hochzuziehen. Aber er hätte dazu umgreifen müssen. Die Gefahr ihn nicht mehr halten zu können wäre zu gewagt. Wie aus dem Nichts erschien Frank an seiner Seite. Behände packte sie den Mann am Unterarm und half ihn hochzuziehen. Sekunden später stand Rossi ebenfalls neben Hotchner und zusammen hoben sie John Edwards über die Mauer.

Reid kniete sich neben ihn und versuchte die Blutung zu stillen. Während Prentiss die Waffe der Täterin aufhob und sie an Captain Fuller übergab.

„Warum?" Anna Wright liefen Tränen über das Gesicht. Und Morgan sah, dass sie enttäuscht war. Ihre Rache war missglückt!

Aristoteles:

„So notwendig wie die Freundschaft ist nichts im Leben."

„Was passiert nun mit Anna Wright?" Prentiss saß mit ihren Kollegen im Flugzeug zusammen. „Sie wird wahrscheinlich nicht mal mehr ihre Gerichtsverhandlung erleben."

„Sie kommt in ein Sterbehospiz." Erklärte Hotchner. „Es wird nicht mehr lange dauern. Bis dahin wird eine Wache sie auf Schritt und Tritt begleiten."

„Aber nun zu etwas erfreulicherem: Wie machst du das nur Susanne?" Frank sah Morgan verständnislos, ob seiner Frage, an.

„Dein Näschen. Wie bist du auf Anna Wright gekommen?" Erläuterte Morgan seine Frage näher.

Frank horchte tief in sich hinein. Dann hob sie ihre Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Ich habe an Spencers Wetterfühligkeit gedacht und plötzlich war der Gedanke da."

„Sie scheint eine besondere Gabe zu haben." Rossi grinste breit, als er seine Meinung zu diesem Thema einbrachte.

„Im ersten Moment fand ich den Gedanken, dass Miss Wright die Täterin sein könnte völlig absurd." JJ sprach mit ruhiger, leiser Stimme. „Aber es zeigt mir, dass ich wieder objektiver sehen und denken muss." Einen Moment des Schweigens legte sich über die Teammitglieder. Jeder schien seine eigenen Vorsätze wieder neu zu formulieren.

„Ich fand deine Taktik an der Staumauer sehr interessant." Wandte sich Frank schließlich an Morgan. „Die Idee mit seinem Beruf wäre mir bestimmt nicht gekommen."

Morgan grinste breit. „Das kommt daher, weil ich Miss Wright persönlich kennengelernt habe. Und die verschiedenen Lehrertypen kannst du normalerweise an ihrem Äußeren ausmachen. Da war nichts Schweres dran."

Wie leicht Morgan die Situation an der Staumauer verarbeitete. Hotchner war beeindruckt. Und doch wusste er, dass Morgan den starken Mann nur für seine Kollegen spielte. Irgendwann würde er den Stress dieser Aktion auch noch zu spüren bekommen.

Entspannt lehnte er sich in seinem Sitz zurück. Er war stolz auf dieses Team!

Die nächtliche Stille hatte sich über das Großraumbüro des FBI gelegt. Nur vereinzelt brannten noch zwei, drei vergessene Schreibtischlampen. Auch die Hauptlampen waren auf die Hälfte reduziert worden.

Hotchner saß noch an seinem Schreibtisch und überflog den Bericht zum gerade beendeten Fall. Müde fuhr er sich mit der flachen Hand über die Augen. Ein Gähnen unterdrückend reckte er sich. Schluss! Jack hatte er heute auch nicht mehr gesehen.

Er holte seine Waffe aus der Schreibtischschublade und steckte sie in den Holster am Gürtel. Auf den Weg hinaus, nahm er seine Tasche auf und löschte das Licht an der Tür.

Ruhig lag das Großraumbüro vor ihm und doch hatte er das Gefühl nicht alleine zu sein. Langsam fuhr sein Blick über den Raum. Da eine Bewegung!

Susanne! Sie schien noch in einer Akte vertieft zu sein. Entschlossen kam er die Treppe hinunter und trat an ihren Schreibtisch.

„Susanne, hast du noch keinen Feierabend verdient?" Hotchner versuchte seine Stimme ruhig und freundlich klingen zu lassen.

Frank schrak zusammen und schaute hoch. Wie aus einer anderen Welt tauchte sie verwirrt auf. Einen Moment schien sie nicht zu wissen, wo sie war.

„Wie spät ist es?" Ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie schien sich total in den Fall vergraben zu haben, der vor ihr auf dem Tisch lag.

„Nach 10p.m. … Mit welchem Fall beschäftigst du dich gerade?"

„William Hightower. Er sorgte für Aufsehen an der kanadischen Grenze. Und führte dann zu Mason Turner und seinem verstörten Bruder."

„Oh ja, ich erinnere mich an unsere Funde in der Schweinegrube. Sie waren mehr als abstoßend."

„Wie kann ein Mensch nur so etwas tun?"

„Eine Möglichkeit hast du doch heute erst erlebt: Rache … Komm, lass uns jetzt Feierabend machen."

„Geh schon vor, ich muss erst noch…"

„Du brauchst mir nichts zu beweisen. Ich dachte, wir hätten das geklärt."

Überrascht sah Frank ihm in die verwirrten Augen. Dann verstand sie und lächelte Hotchner entwaffnend an. „Ich muss noch aufräumen." Sie ließ ihre Hände symbolisch über die Schreibtischplatte schweben. „Was sollt ihr von den korrekten Deutschen denken, wenn ich so einen Saustall hinterlasse."

Erleichtert atmete Hotchner auf. „Warte, ich helfe dir."

Er stellte seine Tasche neben dem Schreibtisch ab. Dann sammelte er wortlos Stifte ein und ließ sie in der Schreibtischschublade verschwinden.

Sekundenlang beobachtete Frank Hotchner bei seiner Beschäftigung, bevor wieder Bewegung in ihren Körper kam. Sie stellte die Papiere auf ihrem Schreibtisch zusammen und steckte sie in die Fallmappe. Ein Stift, der sich unter den Papieren versteckt hatte, setzte sich rollend in Bewegung. Immer schneller näherte er sich der Tischkante. Instinktiv griff sie danach, aber Hotchner war schneller.

Überrascht fuhr Frank zusammen, als sich plötzlich ihre Hand auf seiner befand. Sie spürte seine Wärme, die sich augenblicklich ihren Arm hinaufbewegte. Ein Gefühl, das ihre Nervenbahnen im Arm schmerzen ließ und sich über ihren ganzen Körper auszubreiten schienen.

Hotchner erging es nicht viel anders. Als Frank ihre Hand fortzog und die kühle Luft über seine Haut strich, spürte er einen tiefen Schmerz des Verlustes.

Sein Verstand setzte aus. Er konnte nicht denken, einzig seine Instinkte ließen ihn agieren und ihr Handgelenk ergreifen. Augenblicklich spürte Hotchner wieder die angenehme Wärme seine Adern durchfließen. Tief durchatmend zog er Frank zu sich hoch.

Überrascht ließ Frank es geschehen. Ihr Blick wanderte zu seinen Augen. Leidenschaft ergriff sie. Die Gleiche, die sie auch in seinen Augen lesen konnte.

Langsam erhob Hotchner seine Hand und strich Frank zärtlich über die Wange. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt näherten sie sich und vorsichtig trafen sich ihr Lippen. Erst sanft und leicht, dann fordernder.

Das sich währenddessen der Stift wieder in Bewegung gesetzt hatte, blieb von den beiden Agents unbemerkt. Er kullerte das kurze Stück bis zum Rand und fiel zu Boden. Auch den Aufprall des Stiftes auf dem Linoleumboden nahmen sie nicht wahr.

Als sie sich voneinander lösten und sich ihre Augen wieder fanden spürte Frank ein angenehmes Kribbeln auf ihren Lippen. Sie wollte mehr!

Doch schlagartig ließ Hotchner seinen Kopf sinken und unterbrach damit den Blickkontakt. Er ließ ihre Hand fahren.

„Entschuldige." Hotchners Stimme war brüchig, als sie die Stille durchbrach.

Frank spürte, wie ihr Herz in der Brust raste. Tief durchatmend versuchte sie ihr durchgewühltes Inneres zu beruhigen. Langsam spürte sie, wie ihr Gehirn wieder in Fahrt kam.

„Wofür meinst du dich entschuldigen zu müssen?"

„Für den Kuss."

„Unnötig. Ich wollte es doch auch!" Sprach Frank ihre Gefühle frei aus.

„Aber es geht nicht. Wir würden gegen die Regeln des FBIs verstoßen…" Er suchte ihren Blick. „Keine Beziehung unter Kollegen."

Frank fühlte sich verwirrt. Dann die Erkenntnis: In einem fremden Land herrschen andere Sitten. Und Vorschriften.

„Susanne?!" Hotchner hatte seine Kollegin besorgt nicht aus den Augen gelassen und berührte sie nun leicht am Oberarm.

Augenblicklich verbreitete sich wieder diese angenehme Wärme in Franks Körper. Erstaunt heftete sich ihr Blick auf seine Hand, als sie seine fragende Stimme vernahm: „Am besten vergessen wir das hier!?"

Frank sah auf. Sie sah die Hoffnung in seinen Augen, dass sie es verstand. Sie entzog sich seiner Hand. Schwer schluckte sie an dem Kloß in ihrem Hals, der aber nicht verschwinden wollte. Sie schaute Hotchner in die Augen und nickte verstehend. Er hatte recht!

„Es tut mir wirklich leid… Ich wollte nicht, dass es so weit kommt."

„Ist schon gut. Alles vergessen." Ihre Stimme war sehr dünn.

„Wir brauchen Zeit, es zu verarbeiten… Komm, lass uns gehen." Frank schaute über ihren Schreibtisch. Es war ihr alles so fremd und doch innig vertraut.

Es würde nie wieder so sein wie zuvor!

Sie nahm ihre Reisetasche und folgte Hotchner zu den Fahrstühlen. Galant hielt er ihr die gläserne Bürotür auf, je bedacht jedwede Berührung zu vermeiden.