8 – Thanksgiving

(kleine Anmerkung: Aus Copyright-Gründen habe ich die Zeichnungen vorsichtshalber ohne die entsprechenden Kartengrundlagen in die Geschichte eingebaut. Ihr könnt euch aber die Karten im Internet ansehen. Zumindest wäre es für die ersten beiden Karten – JJs Einweisung & Reids Entdeckung – ratsam… Viel Spaß!)

Frank trat aus dem Aufzug, als sich ihr Handy in der Tasche bemerkbar machte. Verwundert zog sie es hervor.

Hotchner hatte eine Mitteilung verschickt. Ihr Herz begann zu rasen. Sie konnte die Schläge bis in den Hals spüren… Um zehn also im Besprechungszimmer. Gut, dann hatte sie nur noch eine Stunde.

Tief atmete sie durch, bevor sie das Großraumbüro betrat. Irgendwann musste sie sich der Situation stellen.

„Hey, da bist du ja." Prentiss hatte ihre Kollegin sofort entdeckt, als diese durch die Glastür getreten war. Reid hatte augenblicklich von seiner Arbeit hochgesehen und verfolgte das weitere Gespräch.

„Ist was passiert? Du bist doch sonst immer eine der Ersten."

Frank setzte sich an ihren Schreibtisch. „Nein. Ich habe gestern Abend nur den Feierabend verpasst und habe mir daher heute früh etwas mehr Zeit gegönnt."

„Hast du die SMS von Hotch bekommen?" Reid deutete auf sein Handy, das vor ihm auf dem Tisch lag. „Es scheint einen neuen Fall zu geben."

„Ja, habe ich." Antwortete Frank, während sie ihren Computer startete. „Habt ihr schon eine Ahnung, wohin es diesmal geht?"

„Nein. Wir haben Hotch heute früh auch nur kurz gesehen." Prentiss hatte sich entspannt zurückgelehnt. „Er ist wohl zu Direktor Sanders gerufen worden."

Frank erschrak. Zum Direktor?! Konnte es sein, dass man sie gestern auf einem Band einer Überwachungskamera entdeckt hatte? Bekamen sie jetzt Schwierigkeiten? Aber dann hätte man sie selbst ja auch hochgerufen. Oder konnte der Direktor sie nicht bestrafen? Nur Hotch? Dann müsste sie eigentlich augenblicklich nach oben gehen. Sie konnte schließlich bestätigen, dass dieser Kuss ein einmaliger Ausrutscher gewesen war und keinerlei Bedeutung hatte… Haben durfte. Verbesserte Frank ihre eigenen Gedanken.

Erschrocken fuhr sie aus ihren Gedanken hoch. Hatten ihre Kollegen etwas bemerkt? Sie warf einen Seitenblick auf Reid und Prentiss. Doch sie hatten nichts mitbekommen. Sie schienen ihrerseits Vermutungen über den Grund auszutauschen.

Frank spürte, wie sie die innere Unruhe der letzten Nacht wieder überkam. Was sollte sie nur tun?

Das Gespräch zwischen Prentiss und Reid verstummte. Frank sah hoch. Die Aufmerksamkeit ihrer Kollegen war auf die Glastür gerichtet. Hotchner kam mit Jareau zusammen in das Büro. Scheinbar in ein Gespräch vertieft kamen sie schnell heran.

„Ich komme dann gleich JJ." War alles was Hotchner sagte, bevor er weiter die Treppen zu seinem Büro hochstieg und hinter der Tür verschwand.

„JJ gibt es einen neuen Fall?" Prentiss sah zu der Medienbeauftragten interessiert hoch.

„Ja. Wir waren gerade bei Direktor Sanders. Er hat dem Fall die höchste Priorität gegeben."

Frank versuchte JJ's Worte in sich aufzunehmen. Sollte das heißen, dass niemand von gestern Abend etwas erfahren hatte?!

Ihre Augen hefteten sich auf den Mann hinter der großen Fensterscheibe auf der Empore. Ihr Herzschlag wurde schneller. Es würde schwer werden alles zu vergessen…

„Kommst du Susanne?" Prentiss stand vor Franks Schreibtisch und sah sie verwundert an.

„Was?" Frank hatte das weitere Gespräch nicht verfolgt.

„Alles okay?" Prentiss Gesicht war ernst.

„Ja", Franks Stimme war rau. Sie räusperte sich kurz. „Es ist nichts."

„Sicher? Du bist auf einmal so blass!"

„Die Nacht war ziemlich kurz. Morgen ist alles wieder gut." Versuchte Frank die Besorgnis der Kollegin wegzulächeln.

Als Hotchner in den Konferenzraum trat, begann er augenblicklich über den neuen Fall zu sprechen.

„Vielleicht habt ihr es die letzten Jahre mitbekommen, dass am Thanksgiving-Day ein Heckenschütze im Bundesstaat Washington sein Unwesen treibt." Er war neben Jareau an den großen Wandbildschirm getreten, auf dem eine Karte des Nordwestens der USA zu erkennen war.

Frank beobachtete, wie ihre Kollegen allesamt bestätigend nickten.

„Die Angst macht sich bereits im ganzen Land breit. Jede Stadt muss damit rechnen, dass sie die Nächste ist." Fuhr Hotchner fort. Frank war erstaunt, wie ruhig er war. Konnte er seine Gefühle einfach so abschalten oder war er nur gut im Verstecken?

‚Nicht! Du musst dich auf den neuen Fall konzentrieren!' Versuchte Frank ihre Gedanken zu stoppen. Denn Hotchner sprach weiter: „Daher hat uns Direktor Sanders auf diesen Fall angesetzt. Wir haben acht Tage Zeit, die nächste Stadt ausfindig zu machen.

JJ hat bereits die Unterlagen der alten Fälle herausgesucht und wird uns als Erstes eine kurze Einführung in die vergangenen Jahre geben."

Hotchner ließ sich auf den Stuhl am Tisch nieder und überließ Jareau das Feld.

„Okay… im Jahre 2009 wurden an Thanksgiving drei Menschen in Spokane durch Schüsse auf offener Straße getötet. Weiter ging es 2010 in Morton mit fünf Opfern." Jareau deutete auf die verschiedenen Orte auf der Karte hinter sich. „2011 starb nur einer auf der Auffahrt zu seinem Ferienhaus in Queets. Letztes Jahr waren es dann nochmals vier Opfer in Bellevue.

Das sind alles Städte oder Orte im ganzen Bundesstaat verteilt."

Die Medienbeauftragte machte eine kurze Pause und ließ neue Fotos auf dem Bildschirm erscheinen. Sie zeigten Opfer der Anschläge.

„Es waren alles Distanzschüsse aus dreißig bis achtzig Metern Entfernung. Nach eingehenden Ermittlungen der örtlich Verantwortlichen konnten sie die Hinterhalte des UnSub ausfindig machen.

Er sucht sich für gewöhnlich unbewohnte Wohnungen. Meistens in Mehrfamilienhäusern. Nur einmal schoss er aus einem Einfamilienhaus und in Queets aus einem Gebüsch."

„Haben sie schon eine Spur, wonach er sich die Opfer ausgesucht hat?" Prentiss war, wie ihre Kollegen neugierig an den Tisch gerückt und hatte den Ausführungen ihrer Kollegin genauestens verfolgt.

„Nicht wirklich. Wir wissen, dass es sich nicht gerade um arme Menschen handelte. Geschäftsmänner, Ärzte, auch zwei Millionäre. Aber ansonsten gibt es keine Hinweise." Versuchte Jareau die Frage nach dem momentanen Wissensstand zu beantworten.

„Hat man mit den Familien gesprochen? Eventuell gab es vorab ja schon Drohungen!" Morgan sah fragend zu Hotchner hinüber.

„Man hat es versucht." Nahm Hotchner das Wort an sich. „Aber alle wiesen diese Vermutung weit von sich."

„Geschäftsmänner…" murmelte Rossi überlegend vor sich hin, „ich kenne Gegenden, wo diese Menschen unter sich bleiben. Sie würden nie eine Drohung oder Ähnliches öffentlich machen. Und somit auch nicht gegenüber der Polizei zugeben."

„Gut, da wir nicht genau wissen, an welchem Ort er dieses Jahr zuschlagen wird, werden wir hier mit den ersten Recherchen beginnen." Hotchner sah in die Runde.

„Dave, Frank…" er stockte eine Sekunde. Frank hatte ihren Teamchef nicht aus den Augen gelassen. Nun fiel sein Blick auf sie. Er blinzelte sich in die Wirklichkeit zurück und sprach weiter: „Ihr schaut euch die einzelnen Tatorte an. Es gibt einiges an Fotomaterial. Genauso von den Abschussstellen. Zusätzlich wurde uns eine Liste mit den genauen Daten und Uhrzeiten geschickt. Versucht herauszufinden, wie er von einem Ort zum Anderen gekommen ist." Hotchner wandte seinen Blick zu Morgan.

„Derek, du und Emily, ihr werdet euch die Opfer vornehmen. Es muss irgendeine Gemeinsamkeit in ihrem Leben geben. Findet sie! –

Ried… du versuchst ein Muster hinter den Orten zu finden. Wir müssen so schnell wie möglich die diesjährige Stadt finden."

„Dann könnten wir wahrscheinlich auch die nächsten Opfer bestimmen und ihnen Polizeischutz anbieten." Brachte Reid seine Gedanken laut zum Ausdruck.

Hotchner nickte leicht in die Richtung des jungen Kollegen.

„Da gibt es etwas, was ich noch nicht so ganz verstehe…" Erhob Frank vorsichtig ihre Stimme. Verwundert horchte sie in sich hinein. Was? Ihr war kein derartiger Gedanke durch den Kopf gegangen!

Gespannt wartete der Rest des Teams, dass sie weitersprach: „Bei fünf Opfern. Wieso ist nach dem zweiten oder dritten Tatort noch keine Polizei hinter ihm her? Er müsste doch aufgefallen sein!"

„Beim ersten Opfer hat man es erst für einen Schwächeanfall oder Ähnliches gehalten. Es wurde ein Krankenwagen gerufen. Erst dann wurde sichtbar, dass es durch einen Schuss getötet worden war." Begann Hotchner zu erklären.

„Es hat auch keiner einen Schuss gehört. Somit scheint er einen Schalldämpfer benutzt zu haben." Übernahm Jareau. „Außerdem waren die Einsatzkräfte durch den Feiertag auf ein Minimum reduziert."

Leichtes Klopfen an der Tür ließ das Team zusammenfahren. Die Tür öffnete sich und ein Agent steckte seinen Kopf herein. „Entschuldigung, Agent Hotchner!" Hotchner erhob sich.

„Was gibt's Schneyder?" Fragte er den jungen Mann verwundert.

„Der Direktor bittet Sie zu sich."

„Ist gut. Ich werde gleich zu ihm gehen." Verwunderung war auf Hotchners Gesicht getreten.

Frank hatte die Szene verfolgt. Unvermittelt brach bei ihr der Schweiß aus. Nun war es doch passiert. Ängstlich sah sie zu ihrem Teamchef hinauf. Er schien ihr auch blasser.

„Hast du eine Ahnung, was er schon wieder von dir will?" Morgan hatte die Szene genauso wie alle anderen interessiert verfolgt.

Hotchner schüttelte den Kopf, er schluckte: „Nein. Keine Ahnung." Sekunden später schien er sich wieder im Griff zu haben. „Vielleicht haben ihm die Verantwortlichen aus Seattle neue Erkenntnisse übermittelt."

Damit wandte er sich an Jareau: „JJ, du wirst Reid und Garcia unterstützen." Damit schaute er zu der Computerspezialistin hinüber. „Es gibt noch eine Sache, der ich gerne nachgehen möchte. Und zwar deswegen, weil es auch am Thanksgiving-Day 2009 in Seattle begonnen hat.

Jedes Jahr werden an diesem Tag größere Summen anonym an örtliche Hilfsorganisationen überwiesen. Man hat dem noch keine große Bedeutung zugeschrieben, da das Geld von unterschiedlichen Konten aus dem Ausland gutgeschrieben wurde.

Garcia, versuche herauszufinden wer dahintersteckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich hier um einen Zufall handelt."

„Dies könnte wirklich Erpressungen voraussetzen…" Brachte Prentiss ein und bekam von Rossi ein zustimmendes Nicken.

„Ich würde gerne Kevin dazu holen." Bestimmt sah Garcia zu ihrem Chef hinauf.

„Sicher", stimmte dieser ihr sofort zu, „ihr habt eine Menge zu überprüfen."

André Gide:

Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich.

Ein Gewehrlauf wurde durch die aufgeklappten Flügel eines weißen Sprossenfensters geschoben.

Durch die Zieleinrichtung erkannte man erst nur eine Dachfläche, dann ging die Sicht weiter und ließ einen Fußweg erkennen. Das Fernrohr folgte diesem Weg, auf dem Menschen geschäftig hin- und hereilten.

Ein Ziel ausgesucht, änderte das Bild seine Richtung und das Fadenkreuz folgte seinem Ziel.

„Fangen wir mit dem einfachsten Tatort an." Rossi hatte sich mit Frank in sein Büro zurückgezogen.

Sie hatten seinen Schreibtisch leergeräumt, auf dem Rossi nun einen Kartenausschnitt ausbreitete. Er zeigte den Pazifischen Ozean und die Nordwestküste von den USA.

Queets kennzeichnete einen kleinen Bereich, der beim näheren Betrachten nur aus drei Gebäuden, wahrscheinlich Villen, hoch überm Strand bestand. Längere Auffahrten führten von der Straße, die sich entlang der Küste zog, bis hinauf zu den Gebäuden.

Frank nahm die entsprechende Akte zur Hand und zog die Papiere heraus. Nachdrücklich breitete sie die Fotos neben der Karte aus.

Das Gelände war durch einen blickdichten Zaun von der Außenwelt abgeschirmt. Ein schmiedeeisernes Tor mit Kamera komplettierte die Sicherheitsmaßnahmen.

Rossi hatte sich den Bericht dazu vorgenommen. „Hier steht, dass der Täter von einem Baum außerhalb des Anwesens geschossen habe. Sie haben frische Spuren in der Vegetation gefunden. Äste, die frisch vom Baum abgeknickt wurden."

„Niemand hat einen Fremden gesehen. Mrs. Ellen, die Haushälterin von Mr. Joseph Cunningham ist schon älter und war nach eigenen Angaben den ganzen Vormittag in der Küche beschäftigt, die sich im nördlichen Teil des Gebäudes befindet. Sie gab zu Protokoll, das Mr. Cunningham sich an diesem Vormittag mit seinem Oldtimer draußen vor dem Haus beschäftigt habe.

Hier fand sie ihn, als sie ihn an seinen Termin erinnern wollte. Er saß in dem Wagen, auf dem Fahrersitz. Sein Kopf war nach vorne gesackt. Sie dachte im ersten Moment, dass er eingeschlafen wäre. Dann sah sie das Blut, dass sein Hemd durchtränkte." Frank stockte einen kurzen Moment, bevor sie fortfuhr: „Es gab keine weiteren Zeugen. Die Nachbarn waren an dem Wochenende nicht herausgekommen, sie haben den Feiertag bei ihren Kindern in San Francisco verbracht."

„Hotch, schön, dass es so schnell geklappt hat." Direktor Sanders war aufgestanden und trat um seinen Schreibtisch herum. Auffordernd zeigte er auf eine Sitzgruppe mit Ledersesseln am Fenster seines Büros.

Überrascht ging Hotchner auf einen Sessel zu und ließ sich nieder: „Danke." Angespannt versuchte er seine Gefühle im Zaum zu halten.

„Sie wundern sich bestimmt, warum ich Sie nochmals zu mir gebeten habe." Begann Sanders das Gespräch, sobald er sich ebenfalls gesetzt hatte.

Hotchner nickte kaum merklich. „Gibt es schon weitere Informationen aus Seattle?"

„Nein", Sanders schüttelte seinerseits den Kopf. „Man hat mich gebeten Ihnen ein Angebot zu machen…"

Morgan betrat mit zwei Becher dampfenden Kaffees sein Büro. „Hast du etwas gefunden?"

Prentiss saß auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch und hatte sich in die Unterlagen über die gesammelten Daten der Opfer vertieft.

„Nicht wirklich!" Entnervt schaute sie zu ihrem Kollegen auf und nahm einen Becher entgegen. „Danke."

Morgan trat um den Schreibtisch herum und setzte sich. Bevor er sich wieder dem Fall zuwandte nippte er vorsichtig an dem Kaffee.

„Wir sitzen nun schon den ganzen Tag über diese Unterlagen und haben noch keinen wirklichen Hinweis oder eine Gemeinsamkeit gefunden." Begann Prentiss ihre Ergebnisse zusammenzufassen.

„Das einzige Gemeinsame ist ihre Wohlhabenheit." Morgan atmete tief durch. „Weißt du, was ich mich frage?"

„Neeeiiin…" Zog Prentiss das Wort. „Was?"

„Von den zehn Opfern standen zwei im Jahr zuvor vor dem Richter… Wenn ich mir die Strafbestände vornehme und im Gegenzug das Urteil, dann würde ich mich nicht wundern, wenn da mehr Gnade als Recht im Spiel war."

„Das ist aber nur eine Vermutung von dir!" Wandte Prentiss ein. „Mit solchen Äußerungen musst du in der Öffentlichkeit vorsichtig sein!"

„Richtig." Morgan lehnte sich grinsend in seinem Stuhl zurück. „Deshalb sag ich es ja auch nur dir."

Kevin Lynch saß mit Garcia in ihrem Büro vor den Computern. Vor ihnen auf den Bildschirmen liefen die Daten der verschiedenen Hilfsorganisationen herunter, die von den Spenden profitiert hatten.

„Das sind ja mehrere Millionen!" Kevin Lynch schien wirklich überrascht.

Garcia überschlug die Spenden. „Besonders im Jahre 2011 wurden fast 15 Millionen Dollar verteilt!"

„Und das Geld kommt wirklich von verschiedenen Konten?" Jareau trat interessiert hinter Garcia. Diese tippte intensiv auf der Tastatur herum.

„Das schon… Zumindest sieht es so im ersten Moment aus…" Murmelte Garcia vor sich hin. „Aber wenn ich hier tiefer suche,… sind es alles fingierte Konten."

„Könnt ihr die Kontobewegungen noch weiter verfolgen?"

„Nun, das denke ich doch!" Garcia war schon wieder voller Eifer am tippen.

Jareau schaute lächelnd auf die beiden Computerexperten hinunter und verließ das Büro, hier konnte sie momentan nicht helfen.

„Hey Leute" Derek Morgan kam gut gelaunt in das Großraumbüro und gesellte sich zu seinen Kollegen. „Was ist los? Gibt es neue Erkenntnisse in unserem Fall? ... Ihr seid alle so ernst…"

JJ, die ihren Blick auf das Bürofenster ihres Chefs ruhen hatte, fuhr erschrocken zusammen. „Mensch Derek, musst du dich so anschleichen!"

„Hab ich doch gar nicht." Versuchte Morgan sich zu verteidigen.

Prentiss, die an ihrem Schreibtisch saß, schaute zu ihm hoch. Auch ihr Gesichtsausdruck war ernst. „Weißt du was mit Hotch los ist?"

„Wieso, was soll mit ihm sein?" Morgan warf einen Blick durch die Scheibe hoch zu Hotchner. Er saß an seinem Schreibtisch. Nichts Ungewöhnliches.

„Seit zwei Tagen hat er sich in seinem Büro verschanzt." Führte Prentiss ihre Bedenken weiter aus.

Schweigend starrten die Kollegen durch das große Fenster auf der Empore.

„Er schreibt noch an den Berichten von unserem letzten Fall. Ihr wisst doch, dass wir sofort zu dem Neuen abgezogen wurden."

„Aber er verkriecht sich." Führte Prentiss ihre Erkenntnisse weiter aus. „Wir haben seit zwei Tagen schon kein Meeting mehr gehabt. Es scheint, als wenn er sich nicht für unsere Ergebnisse interessieren würde."

Frank saß still an ihrem Schreibtisch und tat beschäftigt. Sie ahnte Hotchners Beweggründe für sein Verhalten. Gründe, die sie den Anderen nicht preisgeben konnte. Sie warf einen kurzen Seitenblick auf ihren Teamleiter. Tiefe Wärme durchströmte ihren Körper.

Es durfte nicht sein. Er hatte recht. Das hieß somit, dass sie ihr Gefühle im Zaum halten musste, wenn sie dieses Jahr bei der BAU durchziehen wollte!

„Sieh mal an." Entfuhr es Prentiss. Zusammen mit Morgan hatte sie sich wieder den Opfer zugewandt. Schnell hatte sie Morgan recht geben müssen, als sie sich die Gerichtsakten von Mrs. Rice und Mr. Newman vorgenommen hatten. Sie waren zwar mit hohen Geldsummen bestraft worden, aber jeder Andere wäre für die Taten mindestens für ein Jahr im Gefängnis gelandet.

„Cedric Finch, eines der Opfer aus Bellevue, gehört einer wohlhabenden Familie an. Er selbst lebt aber auf Kosten seines Bruders." Begann Prentiss ihre Ergebnisse vorzutragen. „Mr. Finch ist vor drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hat unter Drogeneinfluss einen Verkehrsunfall verursacht. Dabei ist eine kleine Familie zerstört worden. Die Mutter und ihre zweijährige Tochter haben die Straße überquert und wurden von dem Wagen frontal erfasst."

„Gut, das ist ein Anfang…" Morgan hatte von seinem Bildschirm aufgesehen und den Ausführungen seiner Kollegin aufmerksam gelauscht. „Aber bei Mr. Kaye kann ich nichts finden!"

„Also doch eine Sackgasse?!" Prentiss und Morgan wechselten einen entnervten Blick.

„Ich habe keine Ahnung." Morgan hob resigniert seine Schultern.

„Das ist merkwürdig!" Rossi hatte sich in einen Bericht des Police Departments aus Bellevue vertieft. „Im letzten Jahr hat er seine Vorgehensweise geändert."

„Was meinst du?" Fragend sah Frank den Altermittler an.

„Wurden in den ersten drei Jahren die Opfer nicht alle von vorne erschossen?"

„Ja. Immer durch einen Schuss in die Stirn oder Schläfe." Bestätigte Frank.

„In Bellevue wurden alle vier Opfer durch Schüsse in den Hinterkopf getötet."

„Was hat das zu bedeuten?"

„Ich weiß es noch nicht. Aber den Grund werden wir wohl herausfinden müssen." Rossi machte eine kurze Pause, bevor ihm eine Idee kam. Langsam begann er zu sprechen: „Weißt du was mich wundert!? Wir haben uns doch die einzelnen Tatorte angesehen." Er zog einen Stapel Zettel hervor. „Mich irritieren diese seltsamen Schusswinkel… Schau hier… Der Mann soll in Richtung Osten die Straße hinuntergegangen sein. Unser UnSub soll sich nach den Ermittlungen dort oben platziert haben. Das liegt im Nordwesten vom Opfer. Er hätte eine optimale Schusslinie für den Hinterkopf seines Opfers gehabt. Warum geht er die Gefahr ein, einen Fehler zu machen?"

„Vielleicht eine überstürzte Handlung?" Schlug Frank wenig überzeugend vor und auch Rossi schüttelte nur leicht seinen Kopf.

Agent Hotchner schob langsam seinen Stuhl zurück. Er stand auf und wanderte langsam durch sein Büro. Vorsichtig bewegte er seine Halswirbel, die steifen Schultern. Ein Resultat der vielen Schreibtischarbeit der letzten Tage.

Abgeschlagen trat er an das Außenfenster und starrte hinaus. Die viele Arbeit hatte ihn von seinen erdrückenden Gedanken befreit. Doch die war nun erledigt. Es brachte ihm nichts. Er konnte sich nicht länger zurückziehen. Sie mussten die nächste Stadt endlich finden. Die Zeit drängte.

Und doch hielt ihn etwas zurück.

Da kam ihm ein Satz in den Sinn, den er in den letzten Wochen gehört hatte: ‚… Es ist, als wenn man sich nicht mehr vollständig fühlt, wenn der Andere nicht da ist.'

Die passenden Bilder kamen ihm zu dem Ausspruch in den Sinn! Schlagartig verstand er. Aber es durfte nicht sein! … Sie war seine Kollegin. Es war bereits zu viel passiert. Mehr durfte auf keinen Fall geschehen, ansonsten mussten sie mit den Konsequenzen leben.

Das Angebot von Sanders fiel ihm wieder ein. Es wäre vielleicht die Lösung!

Aber er brauchte Zeit, um über alles nachzudenken.

Entschlossen atmete Hotchner tief durch, ging zu seinem Schreibtisch und nahm die Akten des letzten Falls zur Hand.

Drei Tage waren mittlerweile vergangen, als sich die Teammitglieder der BAU wieder im Besprechungszimmer versammelten.

„Fangen wir vielleicht mit den Opfern an. Morgan, Prentiss, was habt ihr herausbekommen?" Hotchner sah seine Kollegen interessiert an. Da er sich in den letzten Tagen nicht wirklich an den Ermittlungen beteiligt hatte, war er nun gespannt auf die Ergebnisse.

„Nicht wirklich viel…" Deutete Morgan ergeben an. „Die Opfer sind männlich wie weiblich, Weiße, Schwarze, Afroamerikaner."

„Und das Alter ist auch gemischt. Wir haben hier einen achtzehnjährigen und einen fast achtzigjährigen.

Wir haben zwei Personen, die in einem Zeitraum von zwei Jahren vor ihrem Tod durch das Gericht zu Geldstrafen verurteilt wurden. Unserer Meinung nach zu milde."

„Eines der Opfer hat gesessen und wurde drei Jahre nach seiner Entlassung erschossen." Übernahm Morgan wieder das Wort. „Ansonsten lässt sich nichts gemeinsames bei den Opfern finden…"

Frank fühlte eine unangenehme Unruhe sie ergreifen. Sie blickte hoch und direkt in Hotchners Augen. Er schien sie beobachtet zu haben. Hatte er Angst, dass sie dem Ganzen nicht gewachsen war? Zu wenig Profi?

Ja, vielleicht hatte er recht. Seine Nähe verwirrte sie.

„Also fehlen uns bei den Opfern eine wirkliche Verbindung. Beziehungsweise uns fehlt noch die richtige Frage." Stellte Hotchner nüchtern fest.

Vereinzelt war ein bedrücktes Nicken der Kollegen zu erkennen.

„Es nützt nichts! Reid, hast du etwas Erfreulicheres für uns?" Damit wandte sich Hotchner an seinen jungen Kollegen.

Reid erhob sich und trat an seine Tafel. Hier hatte er eine Karte des Bundesstaates Washington befestigt und die Städte markiert.

„Ich habe mir lange überlegt, wieso er diese vier Orte ausgewählt hat. Wir haben hier einen Vorort von Seattle, eine mittelgroße Stadt, eine Kleinstadt und die Siedlung am Strand." Reid hatte die Städte mit einem Kringel versehen. „Es gibt keine wirklich mathematische Erklärung für seine Wahl."

„Das bedeutet, du hast keine Vermutung wo er dieses Jahr zuschlagen wird?!" Ungläubig sah Morgan zu Reid hinüber.

„Doch", beeilte sich Reid zu erklären, „es gibt eigentlich nur ein Symbol, was hier einen Sinn ergibt… Und zwar ein Kreuz." Er nahm sich einen Stift und zog zwei rote Linie über die Karte.

„Nach der Richtung und der ungefähren Entfernung zwischen Morton und Bellevue zu schließen, würde ich auf Bellingham tippen!... Garcia…"

Garcia hatte nur auf ihr Stichwort gewartet und spulte nun ihre gesammelten Funde herunter: „Bellingham ist eine Kleinstadt mit gut 81.000 Einwohnern. Sie liegt nördlich von Seattle kurz vor der kanadischen Grenze. Die Bellingham Bay wurde 1903 entdeckt und die Stadt gegründet. Das Leben scheint dort sehr ruhig und überschaubar zu sein. Es werden keine besonderen Daten über die Stadt geführt."

„Wie sicher bist du Reid, dass Bellingham die nächste Stadt ist?" Hotchner sah seinen jungen Kollegen fragend an. Er brauchte eine Bestätigung, bevor der das ganze Team ins Flugzeug setzte.

„Nun, die Wahrscheinlichkeit liegt bei ungefähr…" Reid stockte einen Moment und schien die Zahlen in seinem Kopf nochmals durchzurechnen, „bei mindestens 90 Prozent. Eher höher. Selbst wenn Bellingham nicht passt, ist der Ort dort in unmittelbarer Nähe."

Hotchner wusste, dass er sich auf Reids Angaben verlassen konnte. Eine leise Melodie durchdrang den Raum. Hotchner zog sein Handy aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display. Verwundert schaute er hoch. „Wir machen eine kurze Pause. Entschuldigt mich bitte…"

Damit wandte er sich ab und ging zur Tür.

„Jess… was gibt's? ..." Die Kollegen konnten gerade noch seine ersten Worte verstehen, bevor er aus dem Raum trat. –

Die Stimmung im Besprechungszimmer war bedrückt. Ihre Ermittlungsergebnisse waren bisher mehr als schlecht. Wo sollten sie weiter ansetzen? War ihr Verdacht mit Bellingham wenigstens ein Anhaltspunkt? Rossi sah um sich herum nur ratlose Gesichter. Entschlossen nahm er die Unterlagen, die er in den letzten Tagen mehr als einmal durchgeschaut hatte, nochmals zur Hand. In Gedanken ging er ihre Ergebnisse durch. Konnten sie eine Verbindung bringen? –

Agent Hotchner betrat wieder den Raum und setzte sich, als wäre nichts weiter geschähen, an den Tisch. „Gut", versuchte er das Gespräch wieder aufzunehmen, „Bellingham… Wie sieht es mit euren Ermittlungen aus Dave?"

„Wir haben uns die einzelnen Jahre vorgenommen. Dabei haben wir zum Einen festgestellt, dass die Entfernungen zwischen den einzelnen Tatorten meistens sehr beträchtlich waren, um sie in der kurzen Zeit zu erreichen. Unser UnSub muss schon Tage, wenn nicht Wochen, vorher die Gegenden ausspioniert haben und wahrscheinlich auch mindestens einen Probelauf durchgeführt haben."

„Da Thanksgiving im ganzen Land ein Feiertag ist, sind wir davon ausgegangen, dass er sich dabei auf die Sonn- und Feiertage beschränkt hat." Fügte Frank mit fester Stimme hinzu. „Da er seine Taten so genau plant, gehen wir davon aus, dass er organisiert ist. Er wird einer geregelten Wochenarbeit nachgehen. Und er ist definitiv motorisiert. Wahrscheinlich fährt er mit einem Motorrad."

Rossi nahm die Kartenvergrößerungen der einzelnen Städte zur Hand und stand auf. An die Tafel tretend fuhr er fort: „Wir haben in diesen Karten die Orte markiert, an denen die tödlichen Schüsse fielen. Und ihre Reihenfolge durch die Pfeile kenntlich gemacht." Rossi klebte die erste Karte neben Reids Kringel um

Spokane. „Wir haben den letzten Tatort mit dem Ersten durch die gestrichelte Linie verbunden."

Die beiden Karten von Morton und Bellevue folgten.

„Das sind alles polygonale geometrische Figuren!" Brachte Reid seine neue Erkenntnis euphorisch ein. „Ein Dreieck in Spokane, ein Rechteck in Bellevue und ein Fünfeck in Morton." Reid holte Luft um fortzufahren: „Das große Kreuz könnten man auch zu einem Drachen aufspannen!"

„Aber was soll das ganze bedeuten?" Morgan sah keinen Zusammenhang. „Queets im dritten Jahr, mit nur einem Opfer? Ein Punkt ist keine Figur."

„Richtig." Musste Reid zugeben.

Rossi schaute zu Frank hinüber, ob sie seinen Ausführungen nicht noch etwas hinzufügen wollte. Doch seine Kollegin saß nur mit schräg geneigtem Kopf auf ihrem Stuhl und starrte das neue Kartenbild interessiert an.

„Susanne, woran denkst du?" Rossi kannte mittlerweile diesen Blick.

Franks einzige Reaktion war ein Wimpernschlag. Hatte sie ihn gehört oder war das nur eine normale Reflexbewegung gewesen?

Doch dann kam ruckartig Bewegung in Frank. Den Blick immer starr auf die Karte gerichtet erhob sie sich und trat um den Tisch. Sie entfernte die Vergrößerung von Spokane und klebte den Punkt des zweiten Tatortes genau auf Reids Punkt.

Interessiert verfolgten die Teammitglieder Franks Taten.

„Nur eine Vermutung: Was ist, wenn es sich nicht um ein Kreuz handelt, sondern um ein Schwert?" Frank warf ihre Frage einfach in den Raum.

Anschließend löste sie die Karte von Bellevue. Diesmal legte sie den Punkt auf der großen Karte aber nicht auf einen Tatort, sondern in die Mitte des Rechtecks.

Suchend drehte sie sich um und bat Reid wortlos, mit ausgestreckter Hand um den Filzstift. Sie nahm die Kappe ab, drehte sich wieder zur Karte und hielt einen Moment inne. Entschlossen trat sie einen Schritt vor und malte die rechteckige Fläche aus.

„Was machst du da?" Morgan hatte sich in seinem Stuhl vorgelehnt, um Frank besser beobachten zu können.

„Was ist mit der Karte passiert?" Frank hatte sich zu ihren Kollegen umgedreht und deutete auf das ausgemalte Rechteck.

Verwirrt ob ihrer Frage schwiegen die Kollegen.

Warum sahen sie den nicht, was sie sah? Verwundert schaute sich Frank die Karte nochmals an. Dann ging ein Lächeln über ihr Gesicht. „Stellt euch das Rechteck in schwarz vor!"

„Bei schwarz, würde man nichts mehr von der Karte sehen!" Erhob Prentiss ihre Stimme.

„Richtig! Man sieht nichts" Frank war erleichtert. „Und was wissen wir über die Morde in Bellevue?" Diesmal sah Frank Rossi erwartungsfroh an.

„Sehr gut! Du könntest damit recht haben!..." Rossi sah seine Kollegen am Tisch an. „Im Gegensatz zu allen anderen Tatorten wurden in Bellevue allen vier Opfern in den Hinterkopf geschossen."

„Sie konnten es, im übertragenden Sinne, nicht sehen… Wir müssen das ganze also symbolisch sehen." Hotchner nickte verstehend. „Schwert und Augenbinde. Da bleibt eigentlich nur Justitia."

„Dann wäre das Fünfeck eine Waagschale!?" Jareau deutete von ihrem Platz auf die dritte Vergrößerung.

Frank nahm sie ab und platzierte sie neu auf der großen Karte. Anschließend zog sie einen leicht gebogenen Strich durch die vier unteren Tatorte.

„Die Waagschalen stehen für Gut und Böse." Begann Reid seinen Gedankenfluss laut mitzuteilen. „Die Balkenwaage beweist das erreichte Gleichgewicht."

„Dann sollen die Taten bedeuten, dass die Waage nicht im Gleichgewicht steht." Stellte Prentiss bestimmt fest. „Oder anders gesagt: Der UnSub versucht die Waage auszugleichen."

„Womit wir es mit Ungerechtigkeiten zu tun haben, welche unsere Opfer begangen haben." Schloss Jareau sich Prentiss' Meinung an.

„Damit würde sich auch meine Vermutung mit Bellingham auf annähernd einhundert Prozent bestätigen." Erklärte Reid mit freudiger Stimme.

„Queets steht dann wohl für das Gericht oder den Richter, der eine Entscheidung getroffen hat." Überlegte Hotchner. „Justitia, die Gerechte, hat aber in seinen Augen versagt."

„Wir haben aber keine Richter oder Anwälte unter den Opfern." Brachte Morgan seine Erkenntnisse über die Geschädigten in das Gespräch ein.

„Die Gründe müssen sich ja nicht unbedingt auf Gerichtsverfahren und ihre Ausgänge drehen. Vielleicht sind einige der Vorfälle ja nie zur Anklage gekommen." Wandte Jareau ein.

„Dann sollten wir uns auf Zeitungsartikel stürzen. Es werden oft Fälle in den Zeitungen erwähnt, die später aber nie vor Gericht landen." Schlug Rossi vor.

Hotchner nickte bestätigend. „Und da wir nun die Stadt kennen, sollten wir uns dort nach freien Wohnungen umsehen." Hotchner sah seine Kollegen ruhig an. „Das Flugzeug steht bereit."

„Gut, packen wir alles ein." Gab Morgan den Startschuss und ein allgemeines Stühlerücken begann. „JJ, vielleicht sollten wir den Polizeichief in Bellingham auf unser Kommen vorbereiten?!"

„Ich kümmere mich gleich darum." Jareau wollte bereits den Raum verlassen, als die ruhige Stimme ihres Teamleiters sie zurückhielt: „Warte bitte einen Moment JJ…" Verwundert drehte sich diese um und auch die restlichen Kollegen hatten sich Hotchner zugewandt. Dieser saß noch unbewegt am Tisch.

„Ich fliege nicht mit. Jack ist krank. Er hat hohes Fieber. Ich möchte Jessica und ihn jetzt nicht alleine lassen."

„Das ist doch klar." Rossi hatte sich auf seine Stuhllehne auf der gegenüberliegenden Tischseite aufgelehnt und sah Hotchner verstehend an.

Hotchner dankte ihm die Worte mit einem leichten Nicken. „Morgan, du übernimmst. Ihr könnt mich jederzeit erreichen. Ich werde euch zusammen mit Garcia von hieraus unterstützen."

Morgan nickte. „Bestell dem Kleinen liebe Grüße von uns. Er soll schnell wieder Gesund werden."

„Mach ich. Und passt auf euch auf… Heckenschützen sind gefährlich!"

Ein Motorrad fuhr mit dem Strom des Straßenverkehrs durch die Mittagszeit. Plötzlich gab es Gas und fuhr auf die linke Fahrspur und huschte vor dem entgegenkommenden Fahrzeugen her in eine Einfahrt. Langsamer rollte es etwas an die Seite und hielt an. Der Motor erstarb.

Der Mann nahm seinen Helm ab und ließ seinen Blick an einem Gebäude hinauf gleiten. Langsam stieg er von seiner Maschine, hängte den Helm über den Handgriff und schaute sich die Umgebung an.

Die Gegend war optimal. Nun musste nur noch die Wohnung richtig liegen.

Im Flugzeug setzte sich Frank erleichtert Prentiss gegenüber. Sie spürte, wie sich die schwere Last der letzten Tage etwas von ihr hob.

Kaum waren sie gestartet, als Morgan das Wort übernahm und die Kollegen über die nächsten Schritte informierte: „JJ hat uns bereits in Bellevue angekündigt. Sie waren ziemlich überrascht. Daher werden JJ und ich uns zuerst mit Chief Ricketts unterhalten und ihn über unsere Vermutung informieren.

Susanne und Dave, ihr versucht die leer stehenden Wohnungen zu finden."

„Was leichter wäre, wenn wir schon wüssten, wer die Opfer sind." Brachte Rossi ein.

„Stimmt… Aber wir haben im Moment noch keine Namen. Das werden die Anderen übernehmen. Sucht nach Menschen mit Geld, die sich äußerst glimpflich aus einer verhängnisvollen Affäre gezogen haben.

Garcia versucht weiterhin das Geld von dem Konto zu verfolgen. Ich denke, sie wird uns damit noch mehr Informationen zu den Opfern der letzten Jahre liefern können."

„Es wäre wirklich hilfreich, wenn wir die Absender wüssten, denn dann hätten wir Beweise, dass sie erpresst wurden." Fand Prentiss wichtig zu erwähnen.

„Vielleicht ist dann auch jemand bereit uns zu erzählen, wie sie kontaktiert wurden." Jareau sprach allen aus dem Herzen.

„Wenn wir die möglichen Opfer für dieses Jahr suchen, sollten wir berücksichtigen, dass die Straftaten möglicherweise schon vor einigen Jahren geschahen." Übernahm Reid. „Der UnSub sucht Gerechtigkeit und nimmt sich jedes Jahr eine andere Stadt vor. Er muss die Straßen von den Tätern säubern."

Nickend bestätigten die Kollegen Reids Aussage.

„Da, jetzt habe ich sie endlich!" Kevin Lynch schaute mit strahlenden Augen zu Garcia hinüber. Die stundenlange, ja tagelange Suche nach den Spendern war erfolgreich beendet.

„Klasse Kevin." Garcia war augenblicklich zu ihm hinüber gerollt und schaute sich die Ergebnisse auf dem Bildschirm an. „Jetzt müssen wir nur noch ihre Vergehen herausfinden."

„Das wird bei einigen aber nicht so einfach sein." Wandte Lynch ein. „Es gibt viele Firmenkonten!"

„Dann fang mit den privaten Konten an. Wir müssen ja nur nachweisen, dass sie auf Grund einer schlimmen Tat diese Überweisung getätigt haben. Unsere Hypothese praktisch beweisen."

„Chief Ricketts?" Morgan und Jareau hatten an die Bürotür des Leiters des Policedepartment geklopft und auf das kurze ‚Herein' das Büro betreten. Der Mann hinter dem Schreibtisch erhob sich. Die beiden Agents sahen sich einem Riesen von Mann gegenüber. Mit seinen breiten Schultern und dem kurzen Haarschnitt war ihm bestimmt der Respekt seiner Stadt gesichert.

„Sie sind von der BAU?!" Stellte er mit einer tiefen, aber ruhigen Stimme fest. „Ich habe ehrlich gesagt mit mehr ihrer Agents gerechnet. Wenn Sie wirklich recht haben, werden wir in drei Tagen ein erhebliches Problem hier bekommen!"

„Keine Sorge, der Rest breitet sich bereits in ihrem Besprechungszimmer aus und recherchiert weiter."

„Wie kommen Sie darauf, dass sich diese Bestie diesmal unser beschauliches Bellingham vornimmt?"

Morgan und Jareau wechselten einen kurzen Blick, bevor sie ihre Beweise aus den Unterlagen zogen und auf dem Schreibtisch des Polizeichiefs ausbreiteten.

Erschöpft beendete Frank ihr Telefonat. „Das war jetzt der letzte Immobilienmakler. Er hat mir die Adressen von drei weiteren Wohnungen genannt."

Frank vervollständigte die Liste, die sie zusammen mit Rossi zusammengetragen hatte. „Die Verwalterfirmen haben wir auch durch."

„Dann bleiben nur noch die privaten Vermieter…" Auch Rossi schien am Ende. Es war spät und Frank wünschte sich nichts mehr, als endlich etwas Ruhe zu finden.

„Für die ist es heute zu spät!" Frank deutete auf die Uhr an der Wand, die bereits nach 11p.m. anzeigte. Sie unterdrückte ein gähnen.

„Richtig, machen wir Feierabend." Stimmte ihr Rossi zu und löschte das Licht der Tischlampe.

„Glaubst du wirklich, dass er Kontakt zu privaten Personen aufgenommen hat?... Das ist viel zu persönlich. Meistens haben sie ein oder zwei weitere Wohnungen in ihrem Privathaus, die sie dann vermieten. Wie will er sich da unbemerkt Zutritt zu den Wohnungen verschaffen?"

„Ja, das leuchtet mir ein. Ich kann es mir auch nicht vorstellen. Zumal auch alle vorherigen Wohnungen durch eine Firma vermietet wurden." Rossi ließ Frank den Vortritt aus dem Büro und löschte das Licht hinter ihnen.

„Darüber werden wir Morgen entscheiden… Wann haben wir Morgen den ersten Termin für eine Wohnungsbesichtigung?"

„Gleich um 8.30a.m."

„Vielleicht haben wir ja Glück und finden in einer der Wohnungen auf unserer Liste einen Hinweis…"

„Unser Chief ist nicht darüber begeistert, dass Sie hier die Bevölkerung verängstigen wollen!" Ein Mann in den Dreißigern mit dunklen Haaren stand mit Reid, Jareau und Prentiss in einem Büro des Polizeirevieres zusammen. Er hatte sich als Sergeant Matt Harrison vorgestellt und mitgeteilt, dass der Chief ihn den Agents zugeteilt hätte.

„Wir wollen hier niemanden verängstigen. Wir werden uns erst an die Bevölkerung wenden, wenn wir keine andere Möglichkeit mehr sehen. Im Moment versuchen wir so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen." Versuchte Jareau den Polizisten zu beruhigen.

„Natürlich wünschten wir uns auch, dass Bellingham nicht die nächste Stadt ist." Versuchte Prentiss die eigenen Gefühle klar zu stellen.

„Aber nach meiner Wahrscheinlichkeitsberechnung liegen wir bereits bei 99 Prozent." Wandte Reid ein.

„Deshalb müssen wir auch versuchen das Schlimmste zu verhindern." Prentiss schenkte Harrison ein beruhigendes Lächeln. „Also, lasst uns an die Arbeit gehen."

„Hey, guten Morgen Leute!" Garcia meldete sich auf dem Laptop, der im Büro aufgestellt war.

„Morgen Penelope." Wandte sich Prentiss zum Tisch um. „Hast du Neuigkeiten für uns?"

„Das kann man wohl sagen! Ich habe alles durchwühlt und ihr glaubt nicht, was ich alles gefunden habe." Garcia war schon voll in Fahrt. Eilig holte sie Luft und gab ihre Funde an die Kollegen weiter: „Also, ich habe über fünf unserer Opfer Zeitungsartikel gefunden. Wir haben hier einen handfesten Streit von Mr. Kaye mit einem ausländischen Mitbürger. Er hat ihn Krankenhausreif geschlagen. Zwei Wochen später kam ein kleiner Artikel, indem sich Mr. Kaye öffentlich bei seinem Opfer entschuldigte. Er hätte getrunken und nicht mehr gewusst, was er tat.

Es wurde keine Anzeige gegen ihn erhoben."

„Dann hat er sich bestimmt freigekauft." Sprach Jareau ihre Vermutung laut aus.

„Das ist durchaus anzunehmen." Bestätigte Garcia in Quantico. „Dann habe ich hier noch einen interessanten Artikel über Miss Cuthbert gefunden. Sie war Immobilienmaklerin und wollte wohl das schnelle Geld mit nicht existierenden Wohnungen machen. Sie brachte mehrere, vor allem ältere Menschen, um ihr Erspartes…"

Rossi und Frank traten mit einem älteren Herren aus dem Aufzug. Sie befanden sich in einem Wohnblock, der an einer belebten Straße stand. Für einen Angriff ihres Täters geradezu ideal.

In den letzten fünf Wohnungen hatten sie keine Spur des Täters gefunden. Auch auf ihre Beschreibungen des Mannes konnte keiner der Vermieter eine handfeste Aussage machen.

Sie folgten dem Hausflur bis zum Ende und hielten vor der Tür mit der Nummer 419.

„Okay, öffnen Sie bitte die Tür und dann warten Sie hier draußen." Rossi saß den Mann vor sich bestimmt an.

Der ältere Herr wollte wohl widersprechen, sah aber dann an der ernsten Miene, dass es der Agent ernst meinte. Umständlich zog er den Wohnungsschlüssel hervor und öffnete die Tür.

Vorsichtig betraten die beiden Agents die Wohnung. Sie schien schon länger unbewohnt. Die Luft war stickig und schwer von Staub. Am liebsten hätte Frank die Fenster aufgerissen. Das war ja nicht auszuhalten.

„Der könnte auch mal öfter hier heraufkommen und lüften. Dann würde sich vielleicht auch jemand finden lassen, der hier einzieht."

Rossi war hinter der ersten Tür verschwunden und schaute sich interessiert im Bad um. Alles war von einer leichten Staubschicht überzogen. Nur einige Fußspuren auf den Fliesen ließ überhaupt eine Aktivität in dieser Wohnung vermuten.

„Nun, das machst du vielleicht die ersten…" Rossi dumpfe Stimme stockte kurz, „zwei, drei Jahre. Aber der ist bestimmt schon Jahrzehnte hier zuständig."

Frank hatte mittlerweile die Küche betreten. Doch sämtliche Schränke, die sie öffnete waren leer. Einzig eine leere Packung Cornflakes stand noch auf dem Schrank. Sie schaute aus dem Fenster, das den Blick in den Hinterhof freigab.

Sie ging weiter und folgte Rossi in den großen Wohnraum. Dieser führte ihr Gespräch fort: „Irgendwann ist die Luft halt heraus!"

„Im wahrsten Sinne der Worte!" Konnte sich Frank nicht zurückhalten zu erwidern. Dabei machte sie eine weit ausholende Geste und lachte kurz über ihren eigenen Wortwitz auf.

„Schön, da kann wieder jemand lachen!" Verwundert über Rossis Aussage verschwand das Lachen wieder von Franks Gesicht.

„Du bist ziemlich still in letzter Zeit." Rossi warf den Satz einfach in den Raum. „Alles okay?"

„Ja, alles gut." Frank versuchte ein missglücktes Lächeln. Ablenkend durchsuchte sie die leeren Ecken der Wohnung. „Warum fragst du?"

„Es fällt halt auf…"

„Wie kommen wir an die Namen der diesjährigen Opfer?" Jareau lehnte sich auf ihren Stuhl zurück.

Sie hatten mittlerweile von allen Opfern die vermeintlichen Gründe ihrer Tötung herausgefunden. Jetzt hieß es sich um die potentiellen neuen Opfer zu kümmern.

„Garcia, suchst du bitte nach Zeitungsausschnitten ähnlicher Natur wie die von unseren bisherigen Opfern?" Reid hatte die Wand mit den Bildern der Opfer noch ergänzt und gesellte sich nun wieder zu Jareau.

„Natürlich mache ich das… Wie weit soll ich zurückgehen?" Das fragende Gesicht Garcias füllte den Bildschirm des Laptops aus.

„Nimm die letzten fünf Jahre." Entschied Jareau.

„Das wird nicht einfach… Wir sollten auch Unfälle und Anzeigen, die von der Polizei aufgenommen worden sind durchsuchen."

„Und die daraus resultierenden Strafen. Wir haben ja auch Opfer gehabt, bei denen unser UnSub die Strafe als zu gering eingeordnet hat."

„Richtig." Stimmt Reid seiner Kollegin zu und wandte sich anschließend an die Computeranalystin. „Pen, schickst du uns die Polizeiakten?"

„Aber sicher. Kommen gleich. Bis später." Garcias Finger waren während des Gespräches unermüdlich über die Tastatur geflitzt. Nun verschwandt sie vom Bildschirm.

„Dave", Frank hockte vor der Fensterbank, „schau mal hier."

Rossi trat neben seine Kollegin und ließ seinen Blick über die Fensterbank gleiten. Da waren eindeutige Abdrücke im Staub, die erst wenige Tage alt waren.

„Das sind Abdrücke eines Stabilisators. Wir sind in der richtigen Stadt. Jetzt müssen wir nur noch die Opfer finden." Der Altermittler hatte sein Handy in die Hand genommen und stellte eine Verbindung her.

„Aber er scheint schlampig zu werden. Er hinterlässt schon vorab Spuren."

Es schien sich jemand zu melden. Dann sprach Rossi: „Derek, wir sind richtig. Wir haben eine Wohnung gefunden. F-Street 67." Rossi stellte den Lautsprecher an, damit Frank auch zuhören konnte. Dann vollendete er seine Ausführung: „Es gibt Abdrücke eines Stabilisators auf der Fensterbank."

„Das heißt noch nicht, dass er sich für diesen Standpunkt entschieden hat!" Hörte Frank Morgans dumpfe Stimme durch das Handynetz.

„Richtig, das muss es nicht bedeuten. Aber er hat hier ein großes Schussfeld. Er kann die Alabama Street einsehen. Dazu einen kleinen Teil der Cornwall Avenue. Von dem Fenster aus, kann er den ganzen öffentlichen Platz vor dem Haus überblicken.

Zumindest hat er sich diese Stadt ausgesucht!"

Frank hatte dem Gespräch interessiert gelauscht. „Die Abdrücke sehen so aus, als wenn er mindestens schon dreimal hier war. Es gibt mehrere Abdrücke. Er macht Probeläufe!"

„Das würde auch erklären, wie er es schafft, in dieser teilweise recht kurzen Zeit von einem Ende der Stadt zum Nächsten zu kommen." Führte Morgan den Gedankengang weiter. Er schien sich zu bewegen, denn Schritte waren im Hintergrund zu vernehmen. „Er muss den Weg des Öfteren durchgehen, damit er sich sicher sein kann, dass er es schafft."

Reids Stimme erklang im Hintergrund. Er schien nach Neuigkeiten zu fragen.

„Und doch sollten wir auch die restlichen Wohnungen auf unserer Liste aufsuchen." Frank versuchte sich auf das weitere Vorgehen zu konzentrieren. „Weil wir nicht genau wissen, wie viele Opfer er sich für dieses Jahr ausgesucht hat."

Morgan schien Reid ihren aktuellen Standpunkt zu nennen. Leises Gemurmel im Hintergrund ließ auf noch mindestens eine weitere Person schließen.

„Gut, geht eure Liste weiter durch. Wir sehen uns dann später." Morgan hatte das Gespräch beendet und sah sich dem Revierchief gegenüber.

„Ihre Stadt ist dieses Jahr dran. Wir haben Hinweise gefunden, die darauf hindeuten."

„Das ist nicht wahr, Agent Morgan, oder? Wir können uns keine Panik zum Thanksgiving leisten. Die Menschen lieben hier diesen Feiertag."

„Er ist im ganzen Lande sehr beliebt", mischte sich Reid ein. „Und haben vier Städte, in denen heute die Angst an diesem Tag lebt. Er hat Familien zerstört.

„Dann eben nicht!" Entnervt hatte Hotchner den Telefonhörer aufgelegt. Er saß in seinem Büro und starrte auf eine Liste vor sich. Jetzt blieben nur noch fünf… Er setzte neben einen weiteren Namen einen Haken.

Wieso waren diese Personen so wenig einsichtig? War ihnen denn egal, ob jedes Jahr weitere Menschen diesem Erpresser und selbsternannten Richter zum Opfer fielen?!

Oder war das Team auf dem Holzweg?... Aber es passte alles zusammen… Nein, sie waren auf der richtigen Fährte!

Noch hatte er Namen auf seiner Liste. Entschieden nahm er erneut den Hörer ab und gab die nächste Nummer ein.

„Agent Hotchner vom FBI." Begann er seinen Spruch aufzusagen. „Spreche ich mit Moody Pye?... Guten Tag Sir."

Wie immer waren die Menschen überrascht, dass er sie anrief. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie sie in ihrem Kopf ihre Sünden der letzten Zeit durchgingen. Hotchner konnte sich bei dem Gedanken ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

„Ich benötige ihre Hilfe, Sir." Versuchte Hotchner den Mann an sein Gewissen zu erinnern. „Bestimmt haben Sie von den Morden zu Thanksgiving in den letzten Jahren gehört… Ja, genau…" Immer das gleiche Spiel. Nun durfte er sich eine ausgiebige Meinung über die schlechte Arbeit der Ordnungshüter anhören. „Da muss ich Ihnen leider zustimmen… Und Sie könnten helfen, wenn Sie mir einige Fragen beantworten könnten… Gut… Wir wissen, dass Sie im Jahre 2010 eine größere Spende getätigt haben… Nein, das ist kein Verbrechen! Es sollte jeder an seinen Nächsten denken. Könnte es sein, dass Sie zuvor erpresst wurden und diese Spende Ihre, ich nenne es mal, Fehler wieder gut machte?!" Es blieb still am Telefon. Zumindest legte Mr. Pye nicht augenblicklich auf.

Hotchner versuchte ihn vorsichtig weiter zu bearbeiten. Jetzt kam es auf jedes Wort an: „Ich möchte hier nicht beurteilen, wer recht hat und Taten verurteilen… Uns ist es wichtig den Menschen hinter den Erpressungen zu verstehen, damit wir dem ganzen ein Ende setzen können. Wir würden gerne wissen, wie und wann er mit Ihnen Kontakt aufgenommen hat…"

Der Agent konnte leichte Atemgeräusche am anderen Ende der Leitung hören. Mr. Pye hatte somit noch nicht aufgelegt. Anscheinend setzte ihn die Erinnerung an die Erpressung oder seine Tat noch immer zu.

„Eines Tages lag das Schreiben auf meinem Küchentisch." Hotchner wollte seinen Ohren nicht glauben. Es brach endlich einer sein Schweigen. „Wann war das?"

„Irgendwann Anfang September, würde ich sagen… Ich fand es entsetzlich, dass er anscheinend einfach so Zugang zu meiner Wohnung hatte. Es hat ihn keiner gesehen!"

„Haben Sie das Schreiben noch?" Noch immer vorsichtig, um jedes Wort bemüht versuchte Hotchner weitere Informationen zu bekommen.

„Nein… Nachdem ich das Geld überwiesen hatte, habe ich den Dreck entfernt."

„Wissen Sie noch ungefähr, was in dem Brief stand?"

„Ja, er hat sich in mir eingebrannt…" Hotchner hörte, wie der Mann am anderen Ende leicht außer Atem war. Daher ließ er ihm etwas Zeit. Nur nicht zu viel fordern, ansonsten überlegte es sich Mr. Pye vielleicht wieder anders. Doch da erklang die Stimme seines Gesprächspartners erneut durch das Telefon:

„Ich kenne ihre Vergehen vom 10.03.2005. Sie sind nicht ausreichend bestraft worden!

Überweisen Sie 150.000 U.S.-Dollar bis zum 15.11. auf das Konto…

Ansonsten wird das Jüngste Gericht über Sie kommen! Sie werden nicht Ihrer gerechten Strafe entgehen!"

„Haben Sie das Schreiben augenblicklich für echt befunden?"

„Ja", Hotchner hörte an der Stimme, dass der Mann leicht verwirrt war. „War es nicht echt?"

„Doch, das war es." Versuchte Hotchner Mr. Pye zu beruhigen.

„Ist auch egal. Ich hätte mir die Zahlung auch sparen können." Nun lachte Mr. Pye zynisch durchs Telefon. „Von wegen ich kann der gerechten Strafe entgehen…Ich bin todkrank. Die Ärzte geben mir nur noch wenige Wochen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe Agent Hotchner, wäre ich 2010 unter den Opfern gewesen, wenn ich nicht gezahlt hätte… Damit hätte ich mir eine Menge Schmerzen erspart!"

„Miss Irving, ich verstehe, dass Sie sich nicht erpressen lassen wollen. Das ist gegen den Grundsatz, die Geschäftsleute im allgemeinen haben. Aber wenn Sie dieses Schreiben nicht ernst nehmen, so gehören Sie Morgen zu den nächsten Opfern." Morgan sprach ruhig aber bestimmt. Und doch hatte er nicht das Gefühl, als wenn er mit seinen Worten wirklich zu ihr durchdrang, ihr nicht die Gewichtung seiner Worte klarmachen konnte.

Sein Handy meldete sich. Als er den Anrufer erkannt, erhob er sich entschuldigend und entfernte sich einige Schritte von der Sitzgruppe.

Sergeant Harrison hatte Morgan die ganze Zeit während der Befragung beobachtet. Er fand die Vorgehensweise des FBI-Agents nicht hart genug.

„Können wir nicht die Opfer alle an einen sicheren Ort bringen?" Fragte er leise zu Prentiss hinüber, die neben ihm auf einer Couch saß.

„Nur wenn sie einverstanden sind. Und das scheint hier zumindest nicht der Fall zu sein."

„Wenn man sie in Gewahrsam nehmen würde…"

„Sie wissen doch, dass wir Menschen ohne triftigen Grund nicht einfach der Freiheit berauben können. Entweder sind sie einsichtig, oder … nicht." Prentiss kam noch ein anderer Gedanke, den sie aber vor Harrison nicht laut auszusprechen wagte. Was wäre, wenn er Morgen keinen seiner Opfer auf der Straße vorfinden würde… Würde er sich irgendein anderes Opfer suchen. Einen Passanten? Sie musste später unbedingt Morgan von ihrem Gedanken erzählen.

Geschäftig setzte sich Prentiss auf ihrem Platz vor und übernahm die weitere Befragung.

Inzwischen hatte Morgan das Gespräch angenommen: „Hotch, hast du etwas für uns?"

„Ich wollte es schon aufgeben. Aber endlich hat mir ein früheres Opfer bestätigt, dass er erpresst wurde.

Die Kontaktaufnahme erfolgte bereits Anfang September durch ein Erpresserschreiben, dass er auf dem Küchentisch vorgefunden hat. Dabei hat er keine Einbruchspuren hinterlassen."

„Der traut sich etwas." Unterbrach Morgan Hotchner. „Das bedeutet aber auch, dass er sich mit Einbrüchen auskennt."

„Wir können wohl davon ausgehen, dass unser UnSub doch keiner geregelten Arbeit nachgeht. Er spioniert seine Opfer aus. Das braucht Zeit."

„Okay, das hilft schon wieder etwas weiter." Sprach Morgan matt ins Mikrophon. „Wir versuchen gerade mit unseren ermittelten Opfern für dieses Jahr zu sprechen. Aber bereits die dritte stellt sich quer."

„Ihr schafft das schon. Du kannst sie sowieso nur auf die Möglichkeit aufmerksam machen. Wenn Sie ein Erpresserschreiben bekommen haben, werden Sie den morgigen Tag wohl schon etwas vorsichtiger begehen." Versuchte Hotchner seinen Kollegen in der Ferne wieder aufzumuntern.

„Du hast recht. Mehr können wir nicht tun. Aber es ist anstrengend… Etwas anderes: Wie geht es Jack?"

„Er hat noch immer Fieber. Ich muss jetzt nach Hause."

Morgan musste grinsen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Hotch so früh schon nach Hause ging. Jack hatte einen guten Einfluss auf ihn.

„Dann bestell ihm viele Grüße von uns und von mir noch liebe Grüße an Jessica. Ich weiß nicht, ob ich mich heute Abend noch bei ihr melden kann."

„Ich werde es ihr ausrichten." Morgan konnte Hotchner lachen hören. „Wenn noch etwas sein sollte, könnte ihr mich auf dem Handy erreichen."

„Gut. Bye." Morgan legte auf. Hotch hatte recht. Mehr als die Menschen warnen konnte er nicht. Der Rest lag allein in ihren eigenen Händen.

Mit neuer Kraft kam er zur Sitzgruppe zurück und beteiligte sich wieder an der Unterhaltung.

Jessica stand in der Tür zum Wohnzimmer und schaute auf ihren Schwager. Dieser saß vorgebeugt in einem Sessel, das Kinn in die Hände gestützt und starrte die weiße Wand vor sich an.

„Aaron", leise sprach sie ihn an, doch er reagierte nicht. Sie ging zu ihm und legte leicht ihre Hand auf seine Schulter. „Aaron."

Hotch sah hoch. „Wie geht es Jack? Ich komme." Er wollte sich erheben, doch Jessica drückte ihn wieder zurück.

„Er schläft." Jessica setzte sich auf die Lehne des Sessels.

„Hast du mit Derek gesprochen? Alles okay bei ihnen?"

„Ja, es geht ihnen gut. Wir haben die richtige Stadt gefunden."

„Das ist schön."

„Ich soll dich lieb von ihm grüßen."

Jessica errötete leicht. Doch Hotchner schien es nicht zu bemerken. Schon seit längeren spürte Jessica, dass irgendetwas ihren Schwager beschäftigte.

„Was ist los Aaron? Du hast dich verändert."

Hotchner schaute verwundert auf. „Nichts…" Er schien einen Moment zu überlegen: „Mein ganzes Leben hat sich nach Haleys Tod verändert. Ich versuche so viel mit Jack zusammen zu sein, wie es eben geht… Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass ich mich endlich nach einen neuen Job umsehen sollte."

Jessica legte ihre Hand auf seinen Arm. „Das meine ich nicht. Haley wäre so stolz auf dich, Aaron. Du kümmerst dich sehr gut um Jack. Du bist bei einigen Fällen nicht mitgeflogen, weil du genau wusstest, dass du nie pünktlich wieder hier gewesen wärst. Bei der Theateraufführung in seiner Schule… Jetzt, wo er krank ist. Du sitzt Tag und Nacht an seinem Bett."

„Das hätte ich schon viel früher machen sollen!"

„Ja, das hättest du. Aber ich glaube nicht, dass du dadurch Haleys Tod hättest verhindern können, oder? Lass sie los Aaron… Es ist jetzt zwei Jahre her. Und ein weiser Mann hat mit vor einiger Zeit den guten Rat gegeben, wieder mein eigenes Leben zu leben."

Ein kleines Lächeln legte sich für einige Sekunden über Hotchners Gesicht, bevor er wieder ernst wurde.

„Du musst endlich wieder dein Leben genießen Aaron."

„Das mache ich doch." Hotchner schien ohne Elan, er fuhr mit seinen Händen über die übermüdeten Augen. „Ich kümmere mich um Jack. Und dank deiner Hilfe, kann ich auch in meinem Job weiterarbeiten. Das ist mein Leben! Ihr seid mein Leben!"

Jessica schmunzelte vor sich hin. „Das hast du schön gesagt, aber wenn du ehrlich bist, ist das nicht alles, oder? … Du hast dich verliebt!"

Überrascht fuhr sein Kopf zu ihr herum: „Nein… Wie kommst du darauf?"

Ein wissendes Lächeln huschte über das jugendlich frische Gesicht seiner Schwägerin. „Weil mir die Veränderungen, die ich meine, erst seit einigen Wochen an dir aufgefallen sind… Lass deine Gefühle einfach zu. Haley hätte es auch so gewollt. Du solltest nicht wegen ihr alleine bleiben. Und Jack täte es auch gut, wenn er eine neue Mummy bekäme."

Hotchner schwieg. Er schien tief in sich hineinzuhorchen und doch war sich Jessica sicher, dass er sie gehört hatte.

„Es ist spät…", sie stand auf, „wir können Morgen weiterreden."

Hotchner nickte. „Leg dich hin Jess. Ich gehe zu Jack. Du brauchst unbedingt Ruhe."

„Okay… Ich löse dich dann später ab. Gute Nacht!" Jessica ging zur Tür. „Vielleicht machst du in der Zwischenzeit mal ein Profil über dich selbst?!"

Die FBI-Agents saßen zusammen beim Essen. Ausgelassen war die Stimmung am Tisch. Ein gutes Zeichen, dass seine Agents abschalteten.

Morgan war zufrieden. So konnten sie Morgen wieder objektiv an die Arbeit gehen.

Das Einzige, was ihm auffiel und besorgte, war das schneeweiße Gesicht von Susanne Frank. Sie schien ihm in den letzten Tagen auch wesentlich stiller als sonst. Konnte sie Sorgen haben? Denn eindeutig fehlten ihr auch einige Stunden Schlaf.

„Nun Susanne", sprach er die neben ihm Sitzende an. Überrascht schaute Frank ihn an. „Was sagt dein Gefühl? Noch keine Spur zum Täter?"

Glücklicherweise hatte Morgan nicht zu laut gesprochen, so dass ihr Gespräch den anderen nicht auffiel. Frank wurde nervös. Morgan bemerkte es, ließ sich aber nichts anmerken.

„Nein, noch nicht…" Erwiderte Frank. Wie sollte sie ihrem Kollegen klar machen, dass es ihr im Moment schwer fiel sich voll und ganz auf den Fall zu konzentrieren.

„Schade…" Lachte Morgan zu ihr hinüber. Dann wurde er wieder ernst: „Wenn du Probleme hast, dann kannst du jederzeit zu mir kommen, okay!?"

„Es ist nichts." Franks Stimme schien leicht zu zittern.

„Ich wollte es dir ja auch nur sagen." Damit wandte er sich wieder dem ganzen Tisch zu. Er wusste, wenn es wirklich schwerwiegende Probleme wären, dann würde sie sich schon Hilfe suchen.

„Wir haben noch gar nicht darüber nachgedacht, was der Auslöser für seine Taten war. Was ist, wenn er kurz zuvor ebenfalls einen Verlust erlitten hat?" Frank starrte vor sich hin, als Morgan sich verwundert wieder Frank zuwandte. Er überlegte und begann leicht zu nicken: „Und der Täter wurde nicht ausreichend bestraft!... Siehst du, genau das habe ich gemeint."

Leise öffnete sich die Tür zu Jacks Kinderzimmer und Jessica betrat den Raum.

Der Junge schlief in seinem Bett, ihr Schwager saß mit geschlossenen Augen neben ihm auf einem Stuhl. Als er einen leichten Windzug spürte, öffnete er die Augen und schaute verwundert zu Jessica hinauf.

„Warum hast du mich nicht geweckt?" Sprach sie ihn leise aber mit energischer Stimme an.

„Du brauchtest Ruhe."

„Und du etwa nicht?" Sie bedachte ihren Schwager mit einem ernsten Blick. Bevor ihre Stimme wieder freundlicher wurde: „Wie geht es Jack?"

„Er schläft jetzt endlich. Aber das Fieber will noch nicht gehen."

„Dann leg dich jetzt hin. Ich kümmere mich um Jack." Beruhigend hatte sie ihrem Schwager eine Hand auf die Schulter gelegt.

„Okay… Etwas Zeit habe ich noch." Hotchner erhob sich.

„Schlaf dich aus. Ich gebe Penelope und Derek Bescheid, dass du noch Schlaf nachholen musst."

„Aber…"

„Du hast den Fall an Derek abgegeben. Außerdem hat niemand etwas davon, wenn du hinterher zusammenbrichst."

Hotchner nahm den Kopf seiner Schwägerin in die Hände und drückte ihr einen Kuss auf den Haaransatz. Leise verließ er den Raum.

„Derek, hier könnte ein weiterer Tatort sein." Prentiss deutete auf leichte Spuren auf dem Fensterbrett. Neugierig trat Morgan näher. Vorsichtig öffnete er das Fenster. Die Sicht auf die Straße war da. Und somit auch das Schussfeld für den Täter. Morgans Blick schweifte über die weitere Umgebung. In einem gegenüberliegenden Park entdeckte er zwei ältere Männer, die in der Herbstsonne auf einer Bank saßen.

Morgan konnte erkennen, wie einer der beiden auf die Agents im Fenster deutete. Wenn sie öfter dort saßen, konnten sie eventuell ihren UnSub gesehen haben?!

„Emily, schau mal, die Beiden dort unten. Ich geh mal zu ihnen." Morgan machte sich bereits auf den Weg zur Tür, als er sich nochmals seiner Kollegin zuwandte. „Gibst du Reid bitte unseren Standpunkt durch, dann kann er die potentiellen Schusspositionen weiter einschränken."

„Wir haben eine weitere Schussposition." Reid hatte die Verbindung zu Prentiss unterbrochen und trug die Stelle in der Karte an der Pinnwand ein.

„Und wir haben eine weiteres mögliches Opfer gefunden." Jareau sah zu ihrem Kollegen hoch. Interessiert trat dieser näher.

„Charlotte White. Vierundfünfzig. Es gab vor drei Jahren zu einer Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung. Diese wurde nach zweit Tagen wieder zurückgezogen. Damit war die Sache für die Justiz erledigt." Brachte Garcia den jungen Ermittler auf den neuesten Stand.

„Gab es einen Artikel in der Zeitung oder sonst eine Veröffentlichung?"

„Das ist das merkwürdige hier. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Allgemeinheit Kenntnis von diesem Vorfall bekommen hat."

„Dann ist Mrs. White auch nicht in Gefahr." Entschied Reid. „Wie soll er an die Information gekommen sein?!"

„Aber was ist, wenn es sich um einen Polizisten, Anwalt oder Richter handelt? Zumindest können wir diese Berufsgruppen noch nicht ausschließen!" Beharrte Jareau auf ihren Standpunkt.

„Guten Tag die Herren. Ist es gestattet?" Morgan hatte die beiden älteren Männer auf der Parkbank erreicht und sprach sie gezielt an. Auf ihr Nicken hin nahm er ebenfalls auf der Bank Platz.

„Entschuldigen Sie, aber sind Sie öfter hier im Park?"

„Ja", antwortete der ältere Mann mit weißem Vollbart zögerlich.

Morgan wurde vorsichtig und zog seine Marke. „Mein Name ist Derek Morgan. Ich arbeite für die Verhaltensanalyseeinheit des FBIs. Ich habe Sie von dem Fenster dort oben gesehen und wollte sie nur fragen, ob Ihnen in der letzten Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist."

„Meinen Sie generell oder speziell im Bezug mit dem Fenster dort oben?" Stellte der andere Mann eine Gegenfrage. Er schien Morgan wesentlich offener zu sein, denn bei seiner Frage deutete er mit dem Kinn am Gebäude hoch.

Morgan musste grinsen. „Ich interessiere mich für das Fenster."

„Ja, da war schon etwas Seltsames." Deutete der zweite Mann an. „Ben und ich, wir sind jeden Tag hier. Seit über einem Jahr steht die Wohnung dort oben schon leer. Aber seit gut einer Woche…"

„Genauer gesagt seit letzten Freitag!" Mischte sich sein Freund ein.

Nickend fuhr der Jüngere fort: „Jeden Mittag, so gegen 1.30 p.m. geht das gleiche Fenster auf, welches auch Sie eben geöffnet haben."

„Exakter um 1.24p.m.!" Verbesserte der Bärtige.

„Was geschieht dann?" Gespannt sah Morgan die beiden älteren Herren an.

„Es dauert so ein bis zwei Minuten", der Jüngere machte eine kleine Kunstpause in der er seinen Freund anschaute, der bestätigend nickte. „Dann schiebt sich ein Gewehrlauf heraus und verfolgt den Straßenverlauf."

Morgan hatte verwundert seine Stirn gekraust: „Sind Sie sich sicher das es ein Gewehr ist?"

„Ja, Jungchen!" Begehrte der Bärtige auf. „Wir sind zwar alt, aber nicht total blöd!"

„Entschuldigen Sie meinen Freund, Agent. Wir waren bereits zusammen im Koreakrieg." Morgan nickte verstehend.

„Da Sie vom Fach sind: Haben Sie eine Ahnung, um was für eine Waffe es sich handeln könnte?"

„Nach der Länge des Laufes würde ich auf ein Präzisionsgewähr tippen. Was meinst du Ben?"

Der Angesprochene wiegte leicht zweifelnd seinen Kopf hin und her. „Der Lauf ist noch länger…"

„Vielleicht mit einem Schalldämpfer?"

„Ja", stimmte der Bärtige seinem Freund zu.

„War der Lauf auf eine bestimmte Person gerichtet?" Morgan erhoffte sich noch mehr Informationen von den beiden Kriegsveteranen.

„Ja, das könnte man so sagen." Übernahm diesmal der Bärtige das Wort. „Ein Jogger. Er läuft jeden Tag. Auch bei Regen."

„Auch am Wochenende?" Fragte Morgan interessiert.

„Ja, jeden Tag!" Unterstrich der Bärtige seine Aussage nochmals.

Endlich war der UnSub kein wirkliches Phantom mehr. Er war von diesen beiden Männern gesehen worden. Auch wenn eine Beschreibung nicht möglich war, kamen sie ihm immer näher. Morgan war zuversichtlich den Mann an sein Vorhaben zu hindern.

„Okay", Morgan erhob seine Stimme. Zusammen mit den Kollegen stand er am späten Nachmittag vor den örtlichen Polizisten und briefte sie für den morgigen Einsatz. „Es gibt Hinweise, dass sich unser UnSub in Bellingham aufhält und hier Morgen seine jährliche Mordserie fortsetzen wird."

„Wir konnten vier Standorte in der Stadt verteilt finden." Damit deutete Reid auf die Karte neben sich. Auf ihr waren vier Kringel zu erkennen.

„Die Punkt liegen diesmal aber nicht parallel zum Straßenverlauf!" Meldete sich einer der Polizisten zu Wort.

„Das ist richtig." Übernahm Frank. „Aber wir dürfen nicht die Straßenachsen sehen. Sondern alleine die Punkte. Und dann sehen wir ihre Symmetrie."

„Zumal die Punkte auch die Waagschale darstellen, sind wir uns sicher, die richtigen Plätze gefunden zu haben." Vollendete Reid ihre Erklärungen.

„Da wir nicht genau wissen, an welchem Ort er beginnen wird, werden wir die Einsatzkräfte auf alle vier Gebiete verteilen müssen." Brachte Rossi die Gedanken der Anwesenden wieder auf die aktuelle Situation zurück.

„Wir wissen, dass er in den letzten Jahren immer im Zeitfenster zwischen 10a.m. und 3p.m. zugeschlagen hat." Übernahm Prentiss. „Was bedeutet, dass alle ab 9a.m. auf ihre Plätze sein müssen."

„Desweiteren haben wir sechs Personen gefunden, die zu seinen potenziellen Opfern gehören könnten." Fuhr Morgan fort. „Leider hat keine dieser Person die Erpressung zugegeben."

„Sechs Personen auf vier Standpunkte?" Zweifelnd schaute der Chief die Kollegen vom FBI an.

„Da sie alle unsere Hilfe abgelehnt haben, können wir uns nur bei den gefundenen Tatorten auf die Lauer legen." Übernahme Rossi mit seiner rauen Stimme. „In der Hoffnung im entscheidenden Moment eingreifen zu können."

„Nun, da sich unsere Hypothesen im weitesten Sinne bestätigt haben…", begann Frank sich aktiv in das Gespräch einzubringen, „haben wir es mit einem modernen Robin Hood zu tun. Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Dazu bedient er sich der Selbstjustiz. Die einzige Chance des Opfers zu entkommen, ist seine Taten durch eine große Spende zu bereuen."

Das Team der BAU saß noch mit Chief Ricketts und Sergeant Harrison im Polizeirevier zusammen und gingen nochmals den Morgen anstehenden Einsatz durch.

„Hey meine Schöne, sag, dass du gute Nachrichten für uns hast." Morgan hatte nach kurzem Klingel das Gespräch auf seinem Handy angenommen.

„Ich denke schon!" Garcias aufgeregte Stimme war durch das Mikrophon zu hören. „Wir haben nach Überlebenden und Zurückgebliebenen gesucht. Aber keiner passte in das Profil."

Schweigen legte sich sekundenlang über die Szene. „Dann hatte Hotch eine supergeniale Idee… Wir haben im Jahre 2009 nach weiteren Unfällen, Bestechungen und Betrügereien gesucht."

„Hierbei sind wir auf einen Peter Freeman gestoßen." Hörten sie Hotchners Stimme leise erklingen, er schien in einigem Abstand zum Telefon zu stehen. „Er war Verkehrspolizist, bis er Zeuge eines Unfalls wurde. Ein Wagen geriet in den Gegenverkehr und lösche eine ganze Familie aus."

„Lasst mich raten, der Fahrer wurde nur sehr leicht bestraft." Erklang Rossis Stimme.

„Richtig. Da er unter Drogeneinfluss stand, wurde er in eine Entzugsklink eingewiesen und zu weiteren zwei Jahren Haft verurteilt." Gab Garcia Auskunft.

„Was ist mit Freeman passiert?" Verwundert sah Frank den Zusammenhang noch nicht.

„Er konnte seinen Job nicht weiter ausführen. Wir haben Anzeigen in den Zeitungen gefunden, die zu einer gerechteren Bestrafung von Straftätern auffordern. Unterzeichnet sind sie mit P. Freeman." Erklärte Garcia.

„Als ehemaliger Polizist hat er den Umgang mit Schusswaffen gelernt. Aber seine Präzession scheint mir doch sehr hoch. Fast wie ein ausgebildeter Scharfschütze." Brachte Morgan seinen Gedanken ins Spiel.

„Er ist im Schießverein angemeldet und nahm in den letzten Jahren erfolgreich an Turnieren teil. Besonders mit dem Gewähr konnte er sämtliche Preise abräumen." Hatte Garcia auch für dieses Problem eine Lösung.

„Es scheint alles zu passen." Vollendete Hotchner. „Wir schiecken euch noch alle weiteren Daten, die wir gefunden haben. Sowie ein Foto.

Mr. Freeman ist in Seattle gemeldet. Ich habe den dortigen Kollegen seine Adresse geschickt. Obwohl ich nicht denke, dass er dort die heutige Nacht verbringen wird."

„Also bleibt uns nichts anderes übrig, wie geplant die Tatorte im Auge zu behalten." Brachte Morgan die Ermittlungen auf den Punkt. Er wandte sich an seine Kollegen. „Dann machen wir für heute Schluss. Ruht euch aus."

Frank saß mit Rossi in einem SUV am Straßenrand und beobachteten die Umgebung.

Die Menschen schienen den schönen Tag zu genießen. Auch wenn sich die Luft bereits merklich abgekühlt hatte, so schien doch die Sonne von einem durchgehenden blauen Himmel.

„Ich glaube nicht, dass er hier als Erstes zuschlagen wird." Franks Gedanken hatten sich eigentlich nicht aktiv mit diesem Fall befasst. Ihre Worte überraschten sie selber.

„Da muss ich dir zustimmen. Aber wir müssen damit rechnen, dass er vom ersten Tatort unbemerkt verschwinden kann."

Während Frank zustimmend nickte, mischte sich Sergeant Harrison von der Rückbank ein: „Wieso? Wir kennen doch seinen Standort!"

„Schon. Nur schauen Sie sich das schöne Wetter an. Es werden erheblich mehr Menschen auf den Straßen unterwegs sein, als wenn es regnen würde. Er braucht sich nur im Strom der Menge verstecken."

„Daher verstehe ich auch nicht, warum Sie nicht die Wohnungen überwachen lassen."

„Das würde auffallen. Stellen Sie mal einen Menschen für mehr als eine Stunde in einen Flur. Wir haben Feiertag, da arbeitet kein Monteur oder Elektriker." Erklärte Frank ihre Vorgehensweise.

„Hier Wagen 25." Erklang plötzlich eine Stimme über Funk. „Wir haben einen der möglichen Opfer gesichtet. Sie joggt auf der Cornwall Avenue Richtung Süden."

„Das ist bei Morgan." Murmelte Rossi vor sich hin.

„Okay, verstanden." Erklang Morgans Stimme.

„Hast du einen Plan?" Prentiss folgte Morgans Beispiel und ließ ihren Blick aufmerksam durch die Frontscheibe gleiten. Ihre Position war optimal. Sie waren von den Fenstern der Wohnung in der sie Freeman vermuteten nicht zu sehen und konnten doch den ganzen Platz im Auge behalten.

„Irgendwie hoffe ich, dass unser Gespräch Früchte getragen hat und sie nicht ihren gewohnten Weg nimmt." Prentiss wartete gespannt das ihr Kollege weitersprach. „Ansonsten gibt es nur ein paar Meter in denen Freeman sie erwischen kann. Da müssen wir dann halt zur Stelle sein."

Prentiss nickte verstehend. Eine weitere Erklärung war nicht nötig, dazu waren sie schon zu sehr aufeinander eingespielt.

Sie stiegen aus, entspannt gingen sie hinter den Wagen. Von hieraus konnten sie schneller eingreifen.

„Gut, dass es heute so kühl ist." Prentiss griff unter ihr Jacke an die schusssichere Weste. „Nur mit dieser würden wir auffallen!"

„Und ihn warnen, dass wir ihm auf den Versen sind." Bestätigte Morgan. Dann deutete er die Straße hinunter: „Dort. Komm!"

Eilig überquerten sie die Straße.

„Warte! Wir können doch darüber reden?!" Rief Prentiss ihrem Kollegen hinterher.

„Es gibt nichts mehr zu bereden!" Morgan bemerkte wie sie die Aufmerksamkeit der Menschen um sie herum auf sich zogen.

Abrupt drehte er sich zu Prentiss um. Augenblicke später wurde er von einer Joggerin angerempelt, die entsetzt aufschrie, als er sie zu Boden riss. Sekundenbruchteile später hörte er etwas durch die Luft zischen. Das war knapp!

Ein allgemeiner Tumult entstand. Viele Menschen blieben stehen und bildeten einen Kreis um die beiden Menschen am Boden.

„Geht es Ihnen gut Miss Irving?" Morgan hatte versucht während des Sturzes ihren Kopf mit seinen Händen zu umfassen, so dass sie nicht mit voller Wucht auf das Steinpflaster aufschlug.

Sie schien geschockt. Vorsichtig richtete sie sich auf. „Ja, alles okay."

„Erstem Opfer ist nichts passiert." Gab Prentiss an die Kollegen durch. „Behaltet die Türen des Gebäudes im Auge."

„Schickt uns bitte eine Ambulanz." Forderte Morgan an. „Er muss sich auf der sicheren Seite fühlen."

Morgan übergab den Sanitätern die immer noch verstörte Miss Irving. Sie schien erst jetzt die Tragweite der Geschichte wirklich zu verstehen.

Aufmerksam schaute er sich nach seiner Kollegin um und kam auf sie zu. Während er sich den Stöpsel für den Funk wieder ins Ohr steckte, sprach er Prentiss an: „Und eine Spur von Freeman?"

Die große, dunkelhaarige Frau schüttelte ihren Kopf. „Es hat niemand das Gebäude verlassen."

„Dann muss er noch oben sein." Morgan ließ seinen Blick zu der Wohnung hinauf gleiten. Die Fenster waren alle geschlossen. Er kannte Freemans Zeitplanung nicht, aber normalerweise hatte er keine Zeit zu verlieren. Irgendetwas stimmte nicht!

„Wir gehen hoch!" Entschied er. –

Minuten später standen sie vor der geschlossenen Wohnungstür. Morgan betätigte vorsichtig den Türöffner und betrat mit gezogener Waffe die Wohnung.

Er deutete auf eine Tür und schlich weiter in den großen Wohnraum. Doch keine Spur von einem Menschen.

„Sauber", erklang kurz darauf Prentiss Stimme.

Entnervt steckte er seine Waffe ein. „Hier auch."

„Was nun?" Prentiss war zu ihm getreten. „Wie konnte er entwischen?"

„Vielleicht versteckt er sich ja irgendwo und wartet ab." Überlegte Morgan laut.

„Aber nach unseren bisherigen Ermittlungen hat er dafür keine Zeit." Wandte Prentiss ein.

„Ich dachte, es gibt keine Polizisten in den Gebäuden?" Sergeant Harrison deutete durch die Seitenscheibe auf einen Kellereingang des Gebäudes, welches sie observierten.

Verwundert drehte Frank ihren Kopf in die angegebenen Richtung. Sie hielt das Foto ihres UnSub neben die Scheibe: „Das ist Freeman! Mit Bart."

„Aber wie konnte er den anderen entkommen?" Wunderte sich Rossi. Er nahm das Funkgerät zur Hand: „An die Wagen der Cornwall Avenue: Hat irgendjemand einen Kollegen das Gebäude verlassen sehen?"

„Hier Wagen 25: Ja, gute zehn Minuten, nachdem der Schuss gefallen ist." Kam die Antwort.

„Morgan, das war Freeman. Wir haben ihn hier gerade in Polizeiuniform das Gebäude betreten sehen. Er hat sich einen Bart wachsen lassen." –

„Dann konnte er sich so an den Tatorten unbehelligt bewegen." Sprach Morgan zu Prentiss. Einen Moment herrschte Stille, bevor er das Mikrophon zur Hand nahm: „Wir kommen. Beobachtet weiter die Umgebung."

Frank spürte, wie sie eine innere Unruhe überkam. Sie konnten doch nicht einfach hier so sitzen und warten, bis dieser Mann sein nächstes Opfer erwartete.

„Wir müssen doch etwas tun!" Brachte sie mit bemüht ruhiger Stimme heraus.

„Behaltet die Umgebung im Auge. Eins unser Opfer könnte jederzeit hier auftauchen. Dann müssen wir improvisieren." Erwiderte Rossi. Die Situation schien auch ihm nicht zu behagen.

„Da kommen die Kollegen." Ertönte kurz darauf die Stimme des Sergeanten von der Rückbank.

Morgan hielt den Wagen am Straßenrand an und stieg aus. Er warf einen Blick zu Rossi und Frank hinüber und nickte kaum merklich.

„Er hat das Gebäude durch den Kellereingang auf zwei Uhr betreten." Gab Rossi den Weg des Täters durch.

„Gut." Ertönte Morgans Stimme im Funk. „Prentiss und ich gehen hinein." Damit setzten die beiden sich auch schon in Bewegung.

Die Minuten schienen sich endlos zu ziehen. Wo waren die beiden Agents? Standen sie bereits vor der Wohnungstür?

„Da!" Unterbrach Rossi die Stille: „Das Fenster wird geöffnet." Augenblicklich ergriff er das Mikrophon. „ An alle! Das nächste Opfer muss sich auf den Weg hierher befinden. Freeman macht sich bereit! – Morgan?!"

„Wir sind gleich da." Kam kurze Zeit später die Antwort. „Wir gehen hinein."

„Da, das ist der Lauf." Frank deutete mit dem Finger auf das Fenster im dritten Stock auf der anderen Straßenseite. –

Morgan wechselte mit Prentiss einen klärenden Blick, dann nickte er und mit Schwung versuchte er die Tür einzutreten. Doch so einfach sprang sie nicht aus ihrem Schloss. Morgan war sofort klar, dass Freeman die Tür von innen verschlossen hatte.

Erneut trat er zu. Diesmal legte er noch mehr Kraft in seinen Tritt und leicht hörte man Holz splittern. Erst nach einem weiteren Tritt sprang die Tür auf und schlug gegen die Rückwand.

„FBI!" Rief Morgan, während er schon in die Wohnung eindrang. Prentiss auf seinen Fersen.

Doch die Räume der Wohnung waren leer!

Das einzige, was auf die Anwesenheit eines Menschen hindeutete, war das geöffnete Fenster und eine schwarze Tasche. In dieser schien Freeman die Waffe und die Munition transportiert zu haben. Doch beides fehlte.

„Er muss durchs Fenster sein." Morgan streckte vorsichtig seinen Kopf aus dem Fenster und bemerkte Frank und Rossi unten auf dem Gehweg.

„Derek," kam Franks Stimme über Funk, „er ist aufs Dach!"

Morgan zögerte nicht länger und kletterte aus dem Fenster auf die stählernen Feuerwehrtreppe und nahm die Verfolgung auf. Er war bereits auf der vierten Etage, als er Prentiss Schritte auf dem Metall widerhallen hörte. Noch hatte er zwei Etagen vor sich.

„Wir müssen ihnen helfen." Frank hatte ihren Blick nicht von den Kollegen auf der Feuertreppe gewendet. Spontan lief sie los.

„Warte! Susanne!" Doch Frank spurtete bereits um die Gebäudeecke und war aus Rossis Sicht verschwunden. Tief durchatmend setzte er sich in Bewegung. Dass in diesen jungen Menschen immer so viel Energie stecken musste.

Frank lief an der Gebäudefront entlang. Wenn sie sich nicht ganz täuschte, dann müsste es spätestens hinter der nächsten Ecke des Häuserblockes eine weitere Feuerleiter geben.

Um die Ecke biegend sah sie schon das eisig-graue Metall in der Sonne aufblitzen. Sie lief weiter und erst kurz vor der Leiter wurden ihre Schritte langsamer. Die Leiter war emporgezogen. Wie kamen sie nun aufs Dach?

Frank nahm Anlauf und versuchte die unterste Sprosse mit einem kräftigen Sprung zu erreichen. Es fehlten nur wenige Zentimeter, die aber nicht ausreichten, um die Leiter zu bewegen. Agent Frank brauchte sich nicht umzudrehen, sie spürte, dass Rossi nur knapp hinter ihr gehalten hatte: „Wie kommen wir hinauf?"

Rossi sagte kein Wort, sondern schaute sich in der Umgebung suchend um.

Prentiss hielt nach Morgan Ausschau, als sie das Dach erreichte. Warum hatte er nicht warten können? Dort vorne lief er über das Dach des Nachbargebäudes.

Kurzentschlossen entschied sich Prentiss für den Weg über die Dächer auf der anderen Gebäudeseite. Vielleicht konnten sie den Täter so in die Zange nehmen.

„Bleiben Sie stehen, Freeman!" Rief Morgan dem Flüchtenden hinterher, während er versuchte die Distanz zwischen sich und dem Täter zu verkürzen.

Morgan zog sich an einer Mauer hinauf. Als er gerade über den Rand sah, konnte er Freeman erkennen, wie dieser von der Dachfläche sprang. Sekundenbruchteile später hörte er einen dumpfen Aufprall, dem eilige Schritte auf tönernen Dachziegeln folgte.

Was machte er hier eigentlich! Verfolgte ihren Täter über dieses unebene Dach. Morgan war am Ende der Dachfläche angekommen und schaute in die Tiefe. Zwei bis drei Meter schätzte der Agent. Dazu erwartete ihn dort unten eine vermutlich rutschige, ziemlich steile Dachfläche. Er sprang.

Ratternd rollte die Leiter in ihren Scharnieren herunter und kam mit einem gewaltigen Knall auf dem Boden auf. Rossi und Frank wechselten einen Blick, dann kam Bewegung in die beiden Agents und sie beeilten sich die Leitern zum Dach hinauf zu erklimmen.

Frank schaute gerade durch die letzte Lücke hinauf in den blauen Himmel, als eine Bewegung in ihrem Blickfeld ihre volle Aufmerksamkeit einnahm. Auf der Gebäudebalustrade stand ein Mann. Freeman. Er hielt eine Handfeuerwaffe in seiner Hand und schien überrascht, dass sein Fluchtweg versperrt war.

„Bleiben Sie stehen, oder ich bin gezwungen Sie zu erschießen." Stieß er mit seiner dunklen, leisen Stimme hervor, während er seine Schusswaffe auf sie richtete.

Frank hatte ihren Blick feste auf Freeman gerichtet. Vorsichtig erhob sie ihre Hände und versuchte Zeit zu schinden. Was konnte Sie tun?

Urplötzlich war Freeman aus Franks Blickfeld verschwunden. Eilige Schritte erklangen, die sich entfernten.

Erst dann nahm sie Rossi gewahr, der mit gezogener Waffe hinter ihr stand. Das war also der Grund für das Verschwinden des Täters.

„Los Susanne, weiter." Forderte der Altermittler seine Kollegin mit kurzen Worten auf. „Er bekommt ansonsten einen zu großen Vorsprung."

Endlich kam wieder Bewegung in Frank und zusammen mit Rossi nahm sie die weitere Verfolgung von Freeman auf.

Agent Morgan vernahm laute Stimmen vor sich. Dabei konnte er Rossis raue Stimme hören. Doch Sätze waren nicht zu verstehen, dafür schienen sie noch zu weit entfernt. Er machte einen Satz über ein Metallrohr auf die Außenmauer des Gebäudes und sprang auf das Flachdach des nächsten Hauses. Weit konnten sie nicht mehr entfernt sein.

Auch auf Emily Prentiss schalten die Stimmen aus zwei Uhr zu. Unverzüglich steigerte sie noch ihre Geschwindigkeit. Sie sprang von einem Flachdach aufs nächste hinunter und rannte weiter zu dem Treppenaufgang des Hauses. Wenn sie um die Ecke lief, dann musste sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Szene vor sich bündeln. Solange, bis sie sich ein Bild von den Geschehnissen gemacht hatte.

Den schwarzen Schatten nahm sie zu spät wahr. Mit voller Geschwindigkeit stieß sie plötzlich mit etwas zusammen. Sie spürte nur den harten Aufprall, der ihr die Luft nahm. Metall schlug auf und rutschte über den Beton. Sie konnte ihr Gleichgewicht nicht halten und fiel zu Boden…

Ihr Kopf schmerzte leicht. Verwirrt öffnete sie die Augen. Wie viel Zeit war vergangen?

Sie nahm leichte Bewegungen direkt neben sich wahr und hörte eine leise fluchende Stimme.

Es konnten nur Sekunden gewesen sein. Der Grund für den Zusammenstoß lag direkt neben ihr! Freeman!

Er schien genauso verwundert, wie die Agentin. War aber bereits dabei aufzustehen. Er musste weiter, er war auf der Flucht.

Prentiss griff nach ihrer Waffe. Doch Freeman hatte ihre Gedanken wohl erraten.

„Nicht doch." Mit schnellem Griff war er Prentiss zuvorgekommen und hatte ihre Waffe in der Hand.

„Los hoch!" Zischte es neben Prentiss Ohr. Und sie spürte seinen Griff, der ihr unsanft auf die Füße half.

Ein Sekundenbruchteil blitzte etwas in der Sonne auf. Seine Waffe, welche er beim Zusammenprall verloren hatte. Dummerweise war sie mindestens fünf Meter von ihrem Standpunkt entfernt.

Noch bevor sich Prentiss ganz aufgerichtet hatte, hörte sie Rossis raue Stimme: „Freeman, lassen Sie die Waffe fallen!"

Kaum, dass sie ihren Blick gehoben hatte und ihre beiden Kollegen vor sich erkannte, als sie das kalte Metall ihrer eigenen Waffe an der Schläfe spürte.

„Das bringt doch nichts." Versuchte Rossi in den Mann einzudringen: „Freeman, warum wollen Sie eine Kollegin erschießen. Sie hat doch nichts gemacht, für dass sie zu bestrafen wäre."

Frank konnte sehen, wie die Worte ihres Kollegen den Täter zum Nachdenken gebracht hatten. Er schien geistig nicht mehr Teil der realen Welt zu sein. Für ihn waren seine Gedanken zu einer eigenen Welt geworden. Eine Welt, indem er für die Gerechtigkeit zu sorgen hatte.

Das Gesicht von Freeman wurde wieder fest und hart. Er schien ein Urteil gefällt zu haben.

„Nein", begann er, „gehen Sie. Dann wird ihrer Kollegin nichts passieren."

„Sie wissen, dass wir uns darauf nie einlassen werden." Übernahm Rossi die Verhandlung.

Freeman zog Prentiss einige Schritte zurück. Und mit wesentlich gereizterer Stimme zischte er: „Verschwinden Sie!"

Verwundert nahm Rossi eine Bewegung hinter sich war und warf einen Blick über seine Schulter. Seine Augen folgten Frank, die sich zum Rand des Daches hin bewegte.

„Was machst du da Sue?" Mittlerweile kannte er Frank soweit, dass er sofort verstand, dass sie nichts unüberlegtes tat. Sie blieb vor dem Abgrund stehen und reagierte nicht.

Freeman hatte die Veränderung der Situation auch wahrgenommen. Als Rossi nun Frank folgte, drehte er sich so, dass Prentiss immer zwischen ihm und den beiden FBI-Agents stand.

Abrupt drehte sich Frank um.

„Es war nicht leicht für Sie den Unfall zu verarbeiten, nicht wahr Peter. Ich stelle es mir nicht leicht vor, die Menschen im brennenden Wagen zu sehen und sie nicht retten zu können." Frank holte tief Luft. –

„Lassen Sie meine Kollegin frei." Reid hatte sich von hinten leise angeschlichen und hielt nun seinerseits dem Täter seine Waffe an die Schläfe. „Ganz langsam…"

Sekundenlang bewegte sich keiner. Alle warteten auf eine Reaktion von Freeman. Dann spürte Prentiss, wie sich der Griff, der ihren Oberkörper fest umschlossen hatte, langsam löste. Sie stieß seine Hand weg, drehte sich um die eigene Achse und nahm mit eisigem Griff dem Mann ihre Waffe ab. Erst dann trat sie aus dessen Reichweite.

Morgan hatte die Situation aus einiger Entfernung verfolgt. Er hatte keine Chance gesehen unbemerkt an Freeman vorbei zu kommen und Prentiss zu helfen. Nun eilte er herbei und half Reid dem Täter Handschellen anzulegen.

„Wo kommst du so plötzlich her?" Fragte er dabei so nebenbei.

„Ich dachte, ihr könntet Hilfe gebrauchen." Reid hatte ein Lächeln auf den Lippen und deutete nur mit seinem Kopf auf das Treppenhaus.

„Woher wusstest du, dass Reid da war?" Morgan und Reid traten zu den Kollegen, nachdem sie Freeman den örtlichen Gesetzeshütern übergeben hatten.

„Ich sah einen Schatten, eine kleine Bewegung." Begann Frank. „Ich habe nicht gewusst, wer es war."

Morgan und Rossi wechselten einen Blick. Ausgelassen lachend und noch immer den Kopf schüttelnd verlies das Team das Dach.

Hermann Hesse:

Die Verzweiflung schickt uns Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie uns, um neues Leben in uns zu erwecken.

„Hey!" Jessica saß im Wohnzimmer, als sie ihren Schwager im Türrahmen zum Flur wahrnahm.

„Hey." Hotchner schaute sie entspannt an. „Derek hat sich gemeldet. Sie sind auf dem Rückflug."

„Dann wart ihr wieder erfolgreich!?" Jessica schien erleichtert.

Hotchner nickte leicht. „Es geht allen gut."

„Bestens… Hast du nachgedacht?"

„Ja." Hotchner kam langsam zur Couch herüber.

„Und?! … Hast du endlich in deinem Inneren aufgeräumt?"

Aaron Hotchner hatte sich in einem Sessel neben seiner Schwägerin niedergelassen. „Noch nicht ganz. Aber… ja Jess, ich liebe sie. Anders als Haley, aber genauso gewaltig."

Jessica lächelte ihn aufmunternd an. „Und was fühlt sie?"

Hotchner überlegte, dann schüttelte er leicht seinen Kopf: „Ich weiß es nicht. In der letzten Zeit bin ich ihr so oft es eben ging aus dem Weg gegangen."

„Dann ändere dein Verhalten. Suche ihre Nähe."

„Das würde auffallen… Sie sitzen alle zusammen unten im Großraumbüro."

„Also eine deiner Kolleginnen." Stellte Jessica überrascht fest. „Aus dem Team?"

Jessica konnte die Bestätigung in den Augen ihres Schwagers sehen. „Was ist so besonderes an ihr?"

Hotchner atmete tief durch. Es fiel ihm sichtlich schwer zu antworten. „Sie… Sie hat mich vom ersten Moment an gefesselt… Je mehr ich mit ihr zu tun habe, je besser ich sie kennenlerne, umso mehr fühle ich mich zu ihr hingezogen."

„Da nur eine Neue in eurem Team ist, gehe ich recht in der Annahme, dass es sich um Susanne handelt, oder?"

„Es geht nicht Jess!" Hart kamen die Worte aus Hotchner heraus. Erregt stand er auf und ging zum Fenster. Ruhiger fuhr er kurz darauf fort: „Nicht unter Kollegen! Das kann das ganze Team gefährden."

Still starrten sie vor sich hin.

„Willst du dich deshalb nach einem neuen Job umsehen?" Hotchner reagierte nicht und Jessica nahm es als Bestätigung. „Was ist, wenn sie deine Gefühle nicht erwidert? Dann hast du deinen Job umsonst aufgegeben."

Gefühle! Hotchner sah plötzlich ein Paar funkelnder Augen vor sich. Franks Augen.

„Ich habe sie geküsst." Sprach Hotchner leise seine Gedanken aus.

„Wann?" Jessica war verwundert auf ihrem Platz vorgerutscht. Das hätte sie ihrem Schwager nicht zugetraut.

„Vor über einer Woche. Mein Kopf war plötzlich total leer… Es hat ihr auch gefallen… Glaube ich… Ihre Augen sprühten Funken. Sie wollte mehr!"

„Etwas, zu dem du aber noch nicht bereit warst?!" Stellte Jessica bestimmt fest. „Bevor du dir noch mehr Gedanken über deine Zukunft machst, Aaron, versuch mit ihr zu reden!"

Jessica ließ ihm Zeit über ihren Vorschlag nachzudenken.

Plötzlich drehte Hotchner sich um und kam zurück zur Sitzgruppe. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er ruhig zu sprechen: „Du hast recht. Es hat keinen Sinn… Ich brauche Klarheit."

Zustimmend nickte Jessica. „Was ist, wenn ihr unterwegs seid? Gibt es da keine Möglichkeit mit Susanne zu reden?"

„Ich muss einfach den richtigen Zeitpunkt abwarten." Hotchner schien erleichtert, sich mal seiner quälenden Gedanken erledigt zu haben. „Danke, dass du mich angehört hast."

Jessica nickte leicht mit dem Kopf. „Ich habe Susanne kennengelernt, als ich mit Jack bei euch im Büro vorbeigekommen bin und an dem Abend, als ihr aus Vancouver zurückgekehrt wart. Sie gefiel mir. Sie scheint freundlich und nett zu sein."

„Sie würde dir bestimmt gefallen. Ihr würdet euch gut verstehen." Er atmete tief durch. „Aber das Wichtigste ist: Jack muss sie mögen. Er geht vor!"

„Wenn sie dir gefällt, wird sie bestimmt auch deinem Sohn gefallen."

Hotchner schien noch nicht völlig überzeugt. Er wog seinen Kopf leicht hin und her.

Jessica schien ihre gute Laune nie zu verlieren. Lächelnd legte sie ihrem Schwager eine Hand auf den Arm. Und er spürte, wie er innerlich ruhiger wurde.

Sie redeten noch lange weiter. Die Themen wechselten, doch beide spürten, dass sie noch nie zuvor so offen miteinander gesprochen hatten.

Prentiss kam mit vier Gläsern von der Bar zurück an den Tisch. Lachend sah sie die Kolleginnen vor sich an: „Hier kommt der Nachschub Ladies!"

Ausgelassen ließ sie sich auf den freien Stuhl nieder und prostete den anderen zu. „Endlich zu Hause! Ich muss gestehen, ich bin immer wieder froh und erleichtert, wenn wir alle gesund und munter nach Hause kommen."

Überrascht schaute Frank kurz zu Prentiss hinüber und nahm das bestätigende Kopfnicken von Jareau wahr.

„Dabei könnt ihr noch eingreifen, weil ihr meistens zusammen vor Ort seid. Ich dagegen bin auf eure Neuigkeiten angewiesen. Glaubt man ja nicht, dass es so einfach ist, ruhig in seinem Büro zu sitzen und zu wissen, dass ihr gerade den Schurken hopsnehmt!"

Frank hatte ruhig den Ausführungen gelauscht. Jetzt starrte sie vor sich hin und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Das war pure Angst! Angst um den Kollegen, um einen Freund, die du im Einsatz versuchst zu unterdrücken. Dieses Gefühl kannte sie. Sie hatte es schon einige Male bei Einsätzen in Deutschland erfolgreich unterdrückt. Auch heute hatte sie die Angst kurz gespürt. Doch man durfte sie nicht gewinnen lassen.

Frank schaute von einer Kollegin zur Anderen. Bei allen hätte sie mit den gleichen Gefühlen gekämpft. Sie stellte sich Spencer vor, wie er an Emilys Stelle den Lauf der Waffe an die Schläfe gehalten bekam. Dave… Sie alle waren wirklich zu sehr guten Freunden geworden.

Sie stellte sich Hotch in Freemans Gewalt vor. Hier war es wirklich schwer, die Gefühle auszuschalten. Er hatte wohl recht, diese Gefühle konnten einen ganzen Einsatz gefährden…

Aber daran wollte sie heute Abend nicht mehr denken!