9 – Oh, du fröhliche… (Teil 1)
Die Abenddämmerung legte sich über die Stadt. Es war Anfang Dezember und ein kalter Wind blies durch die Straßen. Und doch waren viele Menschen, ob groß oder klein, unterwegs. Fröhlich und ausgelassen schienen sie alle nur ein Ziel zu haben.
Sie strebten einer Parkfläche zu, die sich am Ende der örtlichen Einkaufstrasse anschloss. Hier waren viele Holzhütten und Zelte aufgebaut. Ein Duft von heißen Maronen und Zimt hatte die Luft erfasst. Noch lag alles im Dunkel, doch das schien die Stimmung der Menschen nicht zu stören.
Immer dichter drängten sich die Menschen auf der kleinen Grünfläche vor der Bühne, auf der sich nun eine Frau im mittleren Alter begab und an das Rednerpult trat.
Ein großer Jubel brach aus. Und lachend versuchte sie die Einwohner mit erhobenen Armen zu beruhigend. Schließlich gab sie es auf und brüllte ins Mikrophon: „Lasst uns die ruhige und besinnliche Zeit mit diesem Christmas Market beginnen!"
Sie führte symbolisch einen Stecker in die Buchse und augenblicklich erstrahlte ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum in der Mitte des Platzes. Begleitet von begeisterten Aahs und Oohs erstrahlten Sekundenbruchteile später die Hütten und die lange Einkaufsstraße der kleinen Stadt Greenville in Texas in bunten Farben. –
Die Zeit verging. Längst hatte sich die Dunkelheit über die Erde gelegt. Die bunten Lichter erhellten die Umgebung und verströmten eine ruhige Atmosphäre.
Doch der Fokus veränderte sich. Eine Person trennt sich von der Menschenmasse. Die Stimmen wurden leiser. Die Dunkelheit hinter den Ständen war tief.
Ein Schatten strich entlang der Rückseiten der Holzhütten und war verschwunden. Nach einigen Sekunden war ein leises Plätschern in der Dunkelheit zu hören. Wer genau lauschte, konnte ein leichtes Zischen hören. Sekundenspäter erhellte das Licht eines Zündholzes die schwarze Nacht. –
Die Menschen schienen das bunte Treiben und somit die beginnende Weihnachtszeit richtig zu genießen.
Aus dem Nichts erscholl ein lautes Geschrei in einer Ecke des Weihnachtsmarktes. Es wurde lauter, denn die Leute gerieten in Panik. Sie drängten in Richtung Hauptstraße.
Andere versuchten über die Menge hinweg den Grund für die Aufruhe zu entdecken. Sie konnten einen orangeroten Schein ausmachen und kurz darauf züngelnde Flammen.
Zwei Tage später.
Auch in McKinney war die Adventszeit angebrochen. An einem zentralen Platz waren ebenfalls Holzhütten aufgestellt, die im Dunkeln bunt leuchteten.
Die Menschen nahmen die Abwechslung in der tristen Jahreszeit an und verschönerten sich die Zeit mit einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Es war eine Möglichkeit Freunde und Bekannten wiederzusehen und in gemütlicher Atmosphäre Neuigkeiten auszutauschen.
Doch urplötzlich gab es einen lauten Knall. Schlagartig waren alle Gespräche verstummt. Nur die Weihnachtsmusik, die aus den aufgestellten Lautsprechern kam, erklang unermüdlich.
Sekunden später begannen Menschen zu schreien und versuchten fluchtartig das Gelände zu verlassen.
„… Kommen wir nun zu einem anderen Fall, den die BAU des FBIs in diesem Jahr erfolgreich bearbeitet hat. Bestimmt erinnern Sie sich noch alle, verehrte Zuschauer, an die schrecklichen Stunden, als wir von den entsetzlichen Explosionen in Oklahoma City berichteten." Der Mann in Blue-Jeans und rotem Jackett richtete sein Gesicht von der Kamera auf den Sessel neben sich. Nur durch einen kleinen Beistelltisch getrennt saß dort ein Mann im dunklen, dezenten Anzug.
„Agent Hotchner, stimmt es, dass es sich bei diesen ganzen Anschlägen nicht um terroristische Taten handelte? Wir waren doch aller sehr erstaunt, als Sie mit ihrer Ansprache im Fernsehen, uns von einem ganz anderen Hintergrund erzählten."
Aaron Hotchner saß entspannt auf seinem Platz und schien jedes Wort des Reporters in sich aufzunehmen. Nun legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht.
„Ja, die Explosionen, und damit die Verwüstungen, waren die Ergebnisse, die allein aus Rache entstanden.
Am Anfang hatten wir, also das Team, auch erst den Verdacht, dass es sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt habe könnte. Dieser wurde aber schnell widerlegt."
„Wie hat sich das geäußert? Worauf achten Sie?"
„Das Team achtet auf gewisse Hinweise. Zum Beispiel, ob es ein öffentliches Bekennerschreiben gibt."
„Was bringt so ein Bekennerschreiben?"
„Nun, im Gegensatz zu den anderen Tätern, geht es bei einem terroristischen Anschlag darum auf sich aufmerksam zu machen und zu verdeutlichen, mit welcher Kraft man seine Ansichten verfolgt. Solche Gruppen und Vereinigungen wollen ihre ganze Stärke unter Beweis stellen…"
Plötzlich stoppte das Bild. Leichtes erregtes Atmen war zu hören. Erleichterung lag in der Luft. Das Bild lief rückwärts, stoppte und wurde erneut abgespielt.
„… auf sich aufmerksam zu machen und zu verdeutlichen, mit welcher Kraft man seine Ansichten verfolgt. Solche Gru…"
Erneut stockte das Bild, wurde zurückgespult und abgespielt…
„Mum! Mummy, wo bist du?" Ein kleiner Junge stand inmitten einer großen Menschenmenge und rief, den Tränen nahe, nach seiner Mutter.
Erst langsam wurden die umstehenden Menschen auf ihn aufmerksam.
„Na Kleiner", sprach ihn ein großer, in schwarzes Leder gekleideter, Mann an, „hast du den Anschluss an deine Familie verloren?"
Entsetzt sah der Junge mit ängstlich geweiteten Augen zu dem Riesen hinauf. Alle Tränen waren augenblicklich vergessen. Der Hüne hockte sich zu ihm hinunter und lächelte ihn freundlich an.
„Ben! Benjamin!" Ertönte eine Frauenstimme in etwa zwei Metern Entfernung über das allgemeine Gemurmel der Menschenmenge.
„Mum!" Erstickt kam das Wort aus des Kindesmund.
„Ma'am, ihr Junge ist hier." Der Riese erhob sich und machte auf sich aufmerksam. Kurz darauf schob sich eine blonde junge Frau durch die Menschentraube.
„Ben, wo warst du denn?" Sie ging in die Hocke und Benjamin fiel seiner Mutter um den Hals. „Du sollst doch nicht alleine vorlaufen."
„Ma'am, es ist ihm ja nichts passiert."
Langsam erhob sich die Frau mit ihrem Sohn auf dem Arm. Obwohl sie stand, musste sie noch zu dem Hünen hinaufschauen. „Vielen Dank, dass Sie sich um meinen Jungen gekümmert haben."
„Kein Problem, ich mag Kinder." Dabei lächelte er Benjamin aus einem freundlichen Gesicht an. „Meine Schwestern überhäufen mich mit kleinen Nichten und Neffen."
Die Frau lächelte erleichtert zurück.
Ein dumpfer Knall erhob sich. Die Aufmerksamkeit der Menschen wandte sich augenblicklich dem Krach zu. Eine Autosirene begann im gleichmäßigen Rhythmus zu hupen.
„Nur ein Autounfall", hörte man eine Stimme unter den vielen Menschen. „Nichts weiter passiert!"
Ein kleiner Knall ging in dem Durcheinander der wiederaufkommenden Stimmen unter.
„Also dann…" Erhob auch der Hüne seine Stimme wieder.
Dann explodierte ein Heizpilz, der nur drei Meter entfernt stand. Von der Druckwelle erfasst, kippte der Mann nach vorne. Instinktiv ergriff er die Mutter mit ihrem Kind und riss sie mit zu Boden.
Menschen schrien und versuchten dem Entsetzen um sie herum zu entfliehen. Chaos brach aus.
Die junge Mutter lag völlig überrascht auf dem Rücken, halb von dem großen Mann in der Lederkluft bedeckt und hielt schützend die Arme um ihren Sohn. Dieser begann leise zu wimmern.
Doch sie hörte ihn nicht. Die ganze Situation um sie herum schien ihr wie in einem Film, indem sie zwar mittig stand, aber dessen Ton kaum zu hören war.
Das Gewicht des Mannes schien sie zu erdrücken. Einhändig versuchte sie seinen Körper von ihrem herunter zuschieben. Er schien bewusstlos. Nie hätte sie gedacht, dass es etwas geben konnte, das diesen Hünen erledigen konnte.
So ging es nicht. Sie brauchte beide Arme, um sich zu befreien. Leise sprach sie mit ihrem Sohn, der sie mit großen Augen ängstlich anstarrte. „Benny, mein Liebling, stell dich hin. Mummy muss sich erst um den netten Mann hier kümmern.
Energischer schob sie nun an seinen Schultern. Endlich bewegte sich der Körper ein wenig. Sie schob weiter und konnte sich nach scheinbar endlosen Minuten befreien.
Entsetzt starrte sie auf ihre Hände, die blutverschmiert waren, dann auf den Hünen hinunter. Seine Ledermontur war zerfetzt, Blut floss aus der verbrannten Haut. Die Haare an seinem Hinterkopf waren weggeschmorrt und auch hier war nur noch verbrannte Haut.
„Hilfe! Wir brauchen hier Hilfe!" Schrie sie. Vorsichtig hockte sie sich zu ihm hinunter und versuchte einen Puls an seinem blutigen Hals zu finden.
Da bemerkte sie, wie sich sein Körper leicht bewegte und hörte ein leises Stöhnen, welches über seine Lippen kam.
„Bleiben Sie ganz ruhig liegen. Hilfe ist schon da!" Beruhigend legte sie ihm eine Hand auf einen Teil seines Armes, der unverletzt schien.
Agent Hotchner betrat das Großraumbüro. Es war noch früh am Morgen und noch kein Kollege anwesend. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen ging er auf die Treppe zu, die auf die Empore und somit in sein Büro führte.
Jessica hatte Recht. Er musste mit Susanne reden, bevor er sich weitere Gedanken machte. Aber fürs Erste mussten er seine ganze Aufmerksamkeit auf den neuen Fall richten. Er sah diesen Fall als eine Art Übung für ihn. Eine Übung, die ihm zeigen konnte, ob er seine privaten Probleme ausblenden konnte.
Hotchner drückte die Bürotür auf und betätigte den Lichtschalter. Das Team war bereits informiert. Sie würden in den nächsten Minuten hier eintreffen.
Prentiss hatte ihren Wagen auf dem FBI-Parkplatz in Quantico abgestellt und stieg aus. Sie angelte ihre Tasche vom Rücksitz und verschloss den Wagen.
Mit energischen Schritten näherte sie sich dem Eingang des FBI-Gebäudekomplexes, als sie plötzlich eine Stimme anrief: „Agent Prentiss!"
Verwundert schaute sie der Stimme entgegen.
Ein Mann in dunkler Kleidung trat in den Lichtkegel einer Laterne. Angespannt erwartete Prentiss eine weitere Reaktion des Mannes.
Sie konnte ein Lächeln auf seinem Gesicht ausmachen. Was wollte der Kerl?!
Endlich erhellte das Licht das ganze Gesicht des Mannes. Prentiss wusste augenblicklich, dass sie diesem Mann schon einmal begegnet war. Ein Name fiel ihr ein: „Jeff? Jeff Bennet?"
Das Lächeln auf dem Gesicht des Mannes wurde noch breiter. Er schien sich zu freuen, dass sie ihn wiedererkannt hatte.
Überschwänglich ergriff er ihre Hand und drückte sie vorsichtig zwischen seinen.
„Was machen Sie hier? Hat ihr Bruder wieder Schwierigkeiten mit einem Serienkiller?" Versuchte Prentiss ein Gespräch aufzubauen. Das plötzliche Auftauchen dieses Mannes war ihr nicht ganz geheuer.
„Mein Bruder?" Fragte er schließlich erstaunt. „Nein, ihm geht es gut. Ich habe beruflich in der Gegend zu tun und habe mir gedacht, es wäre doch schön, sich mal wiederzusehen."
„Ach so…" Prentiss fühlte sich sichtlich erleichtert.
„Hätten Sie heute Abend Zeit? Sie könnten wir Washington zeigen!"
„Grundsätzlich gerne Jeff… Nur haben wir einen neuen Fall und ich weiß noch nicht, wo ich heute Abend sein werde." Prentiss sah ihm an, dass er ehrlich enttäuscht war.
„Schade." Sagte Jeff Bennet nur.
„Passen sie auf…", Prentiss versuchte die aufgestaute Luft nicht zu genervt auszustoßen. „Ich gebe Ihnen später Bescheid, ob es geht oder nicht.
Vielleicht sind Sie ja noch länger in der Stadt, dann holen wir die Stadtführung einfach nach."
Eilig zog der Mann eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche und reichte sie Prentiss.
„Dann müssen Sie mir aber auch einen Abend schenken." Forderte Bennet.
Prentiss erinnerte sich an das Gespräch in Green Bay. Schon dort war dieser Typ nicht leicht zu Händeln gewesen. Vorsichtig nahm sie die Karte entgegen.
„Wir werden sehen…", Prentiss schenkte dem Mann ein Lächeln und wandte sich zum Gehen. „Ich muss weiter. Ich werde erwartet."
Prentiss eilte weiter auf den Eingang zu.
‚Dreh dich bloß nicht um', war ihr einziger Gedanke. Dieser Spinner bildete sich ansonsten wer weiß was ein.
Bennets Blick folgte dem Agent. Sein Gesicht schien entspannt und sehr zufrieden.
„Hotch kommt", JJ sah ihn aus seinem Büro treten. Sie saß mit dem Rest des Teams am ovalen Tisch im Besprechungszimmer. Kurz darauf trat ihr Teamleiter durch die Tür.
„Guten Morgen." Hotchner ließ sich an den einzigen noch freien Stuhl am Tisch der mitten im Raum stand nieder. Gespannte Stille legte sich über den Raum.
„Die FBI-Außenstelle in Dallas bittet uns um Unterstützung." Begann Hotchner, ergriff die Fernbedienung für den Bildschirm und ließ ein Bild eines toten Mannes aufleuchten. Er öffnete eine Fallmappe, die vor ihm auf dem Tisch gelegen hatte und schaute kurz in die Runde.
„Sie bitten uns um eine Einschätzung folgender Ereignisse", Hotchner erhob sich wieder und begann mit seinen Ausführungen. „In Plano, einer Kleinstadt rund dreißig Kilometer nördlich von Dallas, explodierten gestern Abend drei Heizpilze auf dem Weihnachtsmarkt. Innerhalb von Sekunden standen mehrere Holzhütten und Zelte lichterloh in Flammen."
Er trat näher an den Bildschirm heran und ließ das Foto eines verbrannten Leichnams aufleuchten sowie das Foto eines Mannes: „Dies ist das erste Opfer des Feuers: Marcus Cavanaugh, 46, Weißer. Er war Schausteller von Beruf und zog mit seinem Wagen von Jahrmarkt zu Jahrmarkt.
Ansonsten gibt es zwölf Schwerverletzte, Kinder wie Erwachsene, die teilweise schwerste Verbrennungen und Rauchvergiftungen davongetragen haben. Und an die zwanzig Leichtverletzte."
„Heizpilze?" Verwundert rieb sich Rossi mal wieder über den graumelierten Bart. „Die sind eigentlich nicht miteinander verbunden. Wie können alle auf einmal explodieren?"
Morgan erhob seine Stimme: „Gibt es einen Plan, wo diese Heizpilze gestanden haben? Für eine gleichzeitige Explosion müssten sie in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander aufgestellt worden sein."
Hotchner drückte auf die Fernbedienung und ein Lageplan mit den eingezeichneten Hütten und den Standpunkten der Heizanlagen erschien auf dem Bildschirm. „Sie standen fast auf dem ganzen Platz verteilt."
„Und doch gibt es noch mehr Heizpilze." Morgan hatte sofort die angegebenen Standpunkte auf dem Plan ausfindig gemacht. „Waren diese nicht an? Oder warum sind sie nicht explodiert?"
„Zudem ist auch noch die Gasflasche in der Grillhütte von Mr. Cavanaugh explodiert. Die Ermittler suchen vor Ort noch nach weiteren Beweisstücken."
„Was wollen die Kollegen nun von uns hören?" Fragend sah Prentiss zu ihrem Chef hinauf.
„Diese Explosion war nicht die Erste." Übernahm Hotchner wieder das Wort. „Vor drei Tagen explodierte ebenfalls eine Gasflasche in einem Imbissstand. Diesmal auf dem Weihnachtsmarkt in McKinney. Die Menschen in der Hütte waren die Einzigen die leichte Verletzungen davongetragen haben."
Hotchner ließ ein weiteres Foto auf dem Bildschirm erscheinen, das eine völlig ausgebrannte Holzhütte darstellte.
„Ich habe eben mit dem zuständigen Brandexperten Agent Steven Gillis gesprochen. Er ist mit seinen Ermittlungen noch nicht fertig, aber er hat Brandbeschleuniger vor Ort gefunden.
Desweiteren hat sich das Feuer in Sekundenbruchteilen über die ganze Holzhütte ausgebreitet."
„Was ohne Hilfe völlig unmöglich gewesen wäre. Ein Zelt hätte bei dieser Explosion sofort Feuer gefangen, aber nicht so eine massive Holzhütte." Bestätigte Morgan.
„Vor fünf Tagen gab es den ersten bisher ermittelten Brand." Erhob sich Hotchners Stimme nach einer sekundenlangen Stille wieder. „Greenville ist eine Stadt im Nordosten von Dallas. Hier brannte es ebenfalls im Imbissstand. Die Feuerwehr vermutete einen Funkenflug von der Holzkohle. Obwohl übereinstimmende Aussagen von Passanten und auch des Mannes am Grill vorliegen, die den Feuerausbruch an der hinteren Holzwand bemerkt haben wollen. An dem Tag herrschte zudem fast völlige Windstille."
„Hat jemand nach den letzten Vorfällen nochmal den Brand in Greenville untersucht? Vielleicht findet man auch dort Brandbeschleuniger." Fragte Frank in die Runde.
„Danach habe ich Agent Gillis eben auch gefragt. Es war bisher noch keiner seiner Kollegen vor Ort. Sie werden gleich einen hinschicken." Erklärte Hotchner sein bisheriges Vorgehen, während er sich wieder zu den anderen an den Tisch setzte. „Was haltet ihr von diesen Feuern?"
„Wir könnten es hier mit einen Dummenjungenstreich zu tun haben." Übernahm Prentiss das Wort. „Der leider langsam aus dem Ruder läuft."
Morgan schüttelte leicht seinen Kopf: „Finde ich eher unwahrscheinlich. Die Orte liegen viel zu weit auseinander. Wie soll er in die verschiedenen Städte gelangt sein?"
„Da das Feuer immer in einem Imbissstand ausgebrochen ist, könnte es sich auch um eine Tierschutzgruppe oder ähnliches handeln." Brachte Rossi seinen Gedanken ein.
„Du meinst, wenn es immer der selbe Lieferant war, dann könnten die Anschläge auch ihm gegolten haben?!" Vervollständigte Jareau den Gedankengang ihres Kollegen.
Hotchner warf einen Blick in die Runde. Prentiss saß links neben ihm, mit kleinen Augen versuchte sie sich auf den neuen Fall zu konzentrieren. Daneben Morgan. Er hatte seinen Stuhl noch immer in Richtung des Bildschirmes umgedreht und starrte die Fotos auf dem Bildschirm einschätzend an. Selbst er, schien am Ende seiner Kräfte zu sein.
Die Computertechnikerin Penelope Garcia saß auf seiner anderen Seite. Einen Block mit Stift vor sich, wartete sie auf mögliche Anweisungen. Daneben hatte Reid platzgenommen. Er lehnte entspannt zurück auf seinem Stuhl, ihn störte der Schlafmangel mal wieder am wenigsten. Obwohl man auch ihm die vielen anstrengenden Stunden der letzten Fälle anmerkte. Neben ihm dann Frank. Auch sie schien die viele Arbeit und die vielen für sie ungewöhnlichen Anblicke der teilweise schrecklich entstellten Opfer mitzunehmen. Sie alle hatten in den letzten Wochen Höchstleistungen gebracht.
In der Runde anschließend saß David Rossi. Er blätterte gedankenverloren durch die Papiere der Akte vor ihm auf dem Tisch. Als hätte er den Blick des Teamleiters auf sich gespürt, schaute Rossi jetzt auf und Hotchner direkt an. Mit einem Blick tauschten die beiden ihre Gedanken aus: Es wurde Zeit für eine längere Pause!
Sie alle, sein Team, waren genauso fertig, wie er sich selber fühlte. So konnte es nicht weitergehen. Das Team war erst vor zwei Tagen aus dem Bundesstaat Washington heimgekehrt und schon wieder lief ein Mensch Amok! Die Welt war groß, ja, und es lebten fast 7,3 Milliarden Menschen auf ihr, aber wieso gab es so viele Menschen, die ihre abstrusen Phantasien an anderen auslassen mussten. Die Meisten konnten nichts dafür, sie waren krank, aber warum die restlichen Täter so einfach die Hand gegen andere Menschen erhoben, verstand er manchmal einfach nicht.
Sein Blick blieb auf JJ haften. Sie schien sich als einzige schon wieder voll auf den neuen Fall konzentrieren zu können. Doch ein Blick in ihre trüben Augen sagte Hotchner, dass er sich geirrt hatte. Sie hatte, im Gegensatz zu den anderen Teammitgliedern, nur ihre Energie schon wieder voll hochgefahren.
„Was mich verwundert: Wie konnten diese Pilze alle zur gleichen Zeit explodieren?" Frank hatte sich leicht auf ihrem Stuhl nach vorne gesetzt. „Es scheint fast so, als wären sie gezündet worden."
„Was auch immer es für einen Grund für den UnSub geben sollte…" Ergriff Hotchner wieder das Wort. „Ich denke, wir sollten hinfliegen. Momentan befindet er sich noch in einem Zwei-Tage-Rhythmus, er läuft also noch nicht Amok.
Das bedeutet: Im günstigsten Fall haben wir noch gut eineinhalb Tage Zeit, um ihn zu finden."
„Ich würde auch davon ausgehen, dass er sich noch in der Findungsphase befindet." Stimmte Rossi seinem Kollegen zu. „Was auch immer das wirkliche Problem ist, die Kollegen benötigen Hilfe."
Niccolo Machiavelli:
„Unsere Sehnsucht wird immer größer, je weniger wir sie befriedigen können."
Während des Fluges bekamen die Agents schon die neuesten Ermittlungsergebnisse aus Dallas geliefert.
Fotos erschienen auf dem Laptopbildschirm und man konnte Garcias Stimme aus dem Hintergrund hören: „Agent Gillis hat mir diese Fotos geschickt. Es ist noch nicht eindeutig geklärt, ob diese Schrift vom Täter stammt, da es bei den anderen Tatorten definitiv keine Hinweise gab."
Das Foto zeigte eine mit weißen Zeichen beschriebene Holzwand.
„Das sind eindeutig arabische Buchstaben." Meldete sich Reid augenblicklich zu Wort.
„Richtig." Stimmte Prentiss neben ihm zu. Sie lehnte sich leicht vor: „Und doch stimmt da etwas nicht… Penelope, kannst du die Schrift vergrößern?"
„Aber sicher, kleinen Moment… Erst vergrößern… dann die Pixelauflösung verbessern… Nein, das war etwas zu viel… So, besser geht es nicht!" Die Agents im Flugzeug hatten sich die Veränderungen des Fotos gespannt angeschaut. Worauf wollte Prentiss nur hinaus? Was hatte sie gesehen?
„So ist es schon ausreichend Penelope." Prentiss beugte sich weiter vor und deutete auf eine Stelle auf dem Bildschirm. „Im Namen Allahs und des Propheten Mohammeds. Der wahre Gegner komme über dieses Land."
„Gegner?" Rossi schien verwundert. „Ich habe mal einen ähnlichen Ausspruch gehört. Da ging es aber um Glauben, soweit ich mich erinnere."
„Richtig…" Stimmte Reid zu. Er war verwundert, dass ihm dieser kleine Fehler in der Schrift nicht aufgefallen war. „Er wird von einer kleinen Gruppe benutzt, die sich dem Dschihad angeschlossen haben."
„Ich denke, genau diesen Spruch wollte unser UnSub wiedergeben. Die Worte Gegner und Glauben unterscheiden sich nur durch diesen kleinen Haken." Damit deutete Prentiss wieder auf den gleichen Punkt auf dem Bild.
„Das bedeutet also, dass wir es hier diesmal wirklich mit Terroristen zu tun haben?" Fragte Frank neugierig. Hotchner, der sich zu den Kollegen in den Gang gestellt hatte, spürte ihre Unsicherheit. Sie hatte entweder noch nie mit Terrorismus zu tun gehabt oder schlechte Erfahrungen gemacht.
„Davon würde ich noch nicht ausgehen." Begann Reid die aufkommende Stille zu unterbrechen. „Ich würde mir gerne das Original ansehen. Die Handschrift sieht mir ziemlich ungelenk aus. Die Hand ist es nicht gewohnt die arabischen Schriftzeichen zu verwenden."
„Dem würde ich zustimmen." Prentiss hatte sich weiterhin mit der Schrift beschäftigt. „Es sieht so aus, als wären die Zeichen abgemalt worden. Ein guter Imitator, aber doch nicht perfekt. Auf dem zweiten Blick fallen mir noch mehrere kleine Fehler auf, die zwar nichts anderes bedeuten, die aber nicht dem eines Muttersprachlers entsprechen."
Das Zeichen zum Anschnallen leuchtete auf.
„Dann haben wir es also entweder mit einem Anhänger dieser Zelle, einem Schläfer, zu tun." Sprach Hotchner das bisherige Ergebnis laut aus.
„Oder einem Nachahmungstäter." Vervollständigte Morgan die Gedanken seines Teamleiters. Dieser nickte zustimmend, schien aber über etwas mehr als besorgt:
„Unser Problem ist, dass der Schläfer auch ein angeworbener Einheimischer sein kann!" Eine Situation, der Hotchner solang wie möglich aus dem Weg gehen wollte. Doch nun war sie da…
Er ging zurück zu seinem Platz und schnallte sich an. „Prentiss und Reid fahren nach Plano. Schaut euch auf dem Weihnachtsmarkt um. Vielleicht findet ihr noch Hinweise.
Die Gasbrenner sind bereits für die Untersuchungen in die Labore gebracht worden. Ich denke, Derek, du solltest sie dir mal genauer ansehen. Vielleicht kannst du etwas über die Zündung herausfinden.
Wir anderen fahren als Erstes zum FBI-Gebäude. Anschließend sollten wir mit den Verletzten sprechen. Vielleicht haben sie Informationen für uns."
„Agent Gillis?!" Hotchner trat auf einen dunkelhaarigen Mann in den Vierzigern zu und reichte ihm unbefangen ihre Hand zur Begrüßung. „Ich bin Aaron Hotchner von der BAU. Wir haben heute Morgen telefoniert."
„Agent", grüßte der Mann mit einer sehr angenehmen Stimme und einem leichten Lächeln auf den Lippen.
„Das sind die Agents Rossi, Jareau und Frank." Hände wurden geschüttelt, dann wurden die Agents ernst und man wandte sich augenblicklich dem Fall zu. Wenn der UnSub seinen Rhythmus beibehielt, blieb ihnen noch gut dreißig Stunden, bis er erneut zuschlug.
„Was meinen Sie, haben wir es hier wirklich mit einem terroristischen Anschlag zu tun?" Gillis führte das Team durch das Gebäude zu einem großen Besprechungsraum, indem sie sich einrichten konnten.
„Es kann zumindest noch nicht ausgeschlossen werden." Versuchte Rossi die Frage möglichst unverfänglich zu beantworten. „Haben Ihre Leute bei den ersten beiden Bränden noch Hinweise auf Terrorismus gefunden?"
„Nein. Sie haben alles überprüft." Weiter erklärte Gillis: „Wir sind bei der Suche davon ausgegangen, dass er seine Ansicht öffentlich machen wollte und somit nicht versteckt hat."
„Da haben Sie richtig gehandelt. Terroristen stehen zu ihrer Tat. Es soll ihre Stärke und die Ernsthaftigkeit zeigen, mit der sie für ihre Ziele kämpfen." Stimmte Hotchner zu und wandte sich dann an seine Kollegen, während sie den Besprechungsraum betraten: „Er könnte die ersten Explosionen als Probedurchgänge ansehen. Was bedeutet, dass die nächsten Anschläge immer größer und mehrere Opfer fordern werden."
„Würde das bedeuten, dass er sich immer weiter an Dallas heran arbeitet?" Fragte Gillis nervös.
„Davon müssen wir ausgehen." Rossi lehnte am Tisch in der Mitte des Raumes und nickte bestätigend zu seinen eigenen Worten.
„Das passt aber alles nicht so ganz zusammen." Ergriff Frank das Wort. „Normalerweise haben wir es bei Terroranschlägen mit Selbstmördern zu tun. Oder sie lassen sich im offenen Kampf erschießen. Nur so sterben sie als Märtyrer."
„Das sehe ich genauso. Daher müssen wir in alle Richtungen ermitteln." Übernahm Hotchner wieder das Wort. „Im Moment haben wir nur ein Todesopfer. Wir werden Mr. Cavanaughs Hintergrund überprüfen müssen.
JJ, darum soll sich Garcia kümmern." Jareau nickte verstehend.
„Wir werden uns aufteilen und die Verletzen befragen." Hotchner stockte einen Moment und schien zu überlegen: „Rossi und Frank, ihr fahrt schon ins Krankenhaus. JJ und ich sprechen zuerst mit dem Pathologen und kommen dann nach."
Hotchner hatte erst an eine andere Paarung gedacht, doch momentan mussten sie so schnell es ging Erkenntnisse sammeln.
Obwohl die Explosion schon fast achtzehn Stunden zurück lag, war der abgesperrte Weihnachtsmarkt in Plano noch erfüllt von Ermittlungsleuten. Diesmal schien man den Vorfall doch als sehr viel ernster zu nehmen, als die ersten Beiden. Er hatte ja auch wesentlich mehr Verwüstung verursacht.
Prentiss stoppte den SUV neben einem Polizeiwagen und zusammen mit Reid machten sie sich auf den Weg zum Tatort. An der Absperrung wurden sie von einem uniformierten Polizisten aufgehalten. Nachdem sie ihre Marken gezogen hatten, hob er augenblicklich die Absperrung hoch, so dass die beiden Agents unter dem gelben Band hindurchtreten konnten.
„Wo finden wir den zuständigen Officer?" Prentiss drehte sich nochmals dem Uniformierten zu.
„Dort vorne." Er deutete auf einen dunkelhaarigen, nicht gerade großen Mann. „Sergeant White."
„Danke." Prentiss nickte dankend und folgte ihrem Kollegen zu dem angewiesenen Mann.
„Guten Tag!" Rief Reid den Sergeant an. Überrascht drehte dieser sich um.
„Die Agents Prentiss und Ried vom FBI. Wir würden uns gerne den Tatort ansehen."
„Endlich sind Sie da." Der Sergeant schien wirklich erleichtert und reichte ihnen die Hand zur Begrüßung. „Sergeant Alan White."
„Was haben Sie bisher noch entdeckt?" Fragte Reid ohne Umschweife.
„Die Fotos mit dem arabischen Schriftzeichen haben Sie schon gesehen?"
„Ja, die wurden uns zugeschickt. Wir würden aber gerne das Original sehen." Übernahm Prentiss das Wort.
„Sicher, folgen Sie mir." Damit ging der Sergeant vor. „Es war uns erst gar nicht aufgefallen. Wir wissen auch nicht bestimmt, ob es mit der Explosion zusammenhängt."
„Fürs Erste sollten wir davon ausgehen." Erklärte Reid trocken. Er nahm einen Latexhandschuh von einem Polizisten entgegen und näherte sich der Holzwand. „Obwohl die Schrift einige Fragen aufwirft."
„Wie meinen Sie das?" Der Sergeant schien wirklich verwundert.
„Lassen wir meinen Kollegen sich die Schrift ansehen." Übernahm Prentiss White. „Können Sie mir zeigen, wo die Heizpilze und die Hütte standen?"
Verwundert nickte der Sergeant und Prentiss folgte ihm zu einem verbrannten schwarzen Kreis auf dem graugrünen Rasen.
„Haben Sie noch Brandbeschleuniger gefunden? Oder hat die Kraft der Explosionen für dieses Chaos hier ausgereicht?"
„Es sind Proben von der Erde genommen worden. Soweit ich weiß, wurden nur an der Rückwand der Holzhütte Spiritus gefunden. Daher hat die Hütte so schnell in lichterlohen Flammen stehen können und das erste Menschenopfer gefordert."
Prentiss nickte verstehend. Sie konnte Reid in der Ferne sehen, wie er sich interessiert vor die Wand gehockt hatte und eine Stelle anscheinend genauer begutachtete.
Die Glastüren gingen automatisch auf, als sie eine Bewegung in ihrer Reichweite wahrnahmen. Ein Mann in weißem Kittel betrat zusammen mit Morgan das Labor.
„Haben Sie eine Ahnung, wie er die Pilze zum Explodieren gebracht hat? Hat er einen Zünder benutzt?" Morgan trat neben einen der aufgestellten Heizpilze und schaute sich das Innere genauer an.
„Noch nicht. Wir haben einen weiteren Heizpilz von der Vermietungsfirma angefordert. Dann können wir sie auf Veränderungen überprüfen." Erklärte Paul Sampson, der Laborant. „Das Einzige, was wir bisher in den Gestellen gefunden haben, sind diese kleinen schwarzen Kunststoffstücke. Wir gehen davon aus, dass sie zu einer Art Zünder gehören."
„Darf ich mal?" Morgan trat interessiert an den Tisch mit den vielen kleinen Tütchen heran. „Ja, das könnte stimmen. Ich habe mal ähnliche Reste gesehen… Die Zünder waren ziemlich klein… Ich dachte bisher, dass diese Zünder nicht so viel Kraft haben würden, um eine Gasflasche zu sprengen."
„Vielleicht hat er die Zünder ja modifiziert?!" Schlug Sampson vor.
„Das hat er bestimmt." Morgan war sich sofort sicher. „Er hat sogar noch mehr verändert…" Der Agent ergriff ein weiteres Tütchen und durchsuchte den Rest nach weiteren interessanten Kleinteilen. „Hier ist ein kleiner Empfänger und eine Antenne. Damit konnte er die Zünder aus der Ferne auslösen."
„Klein, aber ungemein effektiv." Morgan nickte stumm zu den Worten des Laboranten.
„Haben Sie auch Reste von den Gasflaschen gefunden?" Morgan versuchte die Vorgehensweise ihres UnSubs zu rekonstruieren.
„Es gibt Teile, die wir als solche identifizieren konnten." Paul Sampson führte Morgan tiefer in das Labor. Auf einem weiteren Tisch befanden sich Kisten mit Metallteilen. „Man kann bei ihnen aber wirklich nur noch von Resten sprechen."
Morgan sah sich die Teile kopfschüttelnd an. Die Metallteile waren überwiegend handflächengroß. Gefährlich, aber zu schwer, um wirklich weit zu fliegen. Der Agent wollte sich gar nicht erst vorstellen, was der Täter für eine Verwüstung mit gespickten Bomben schaffen könnte. Und gerade da lag die Gefahr. Im Normalfall beinhalteten Bomben von Attentätern noch Nägel oder ähnliches, um möglichst viele Opfer zu treffen…
„Hallo", Frank und Rossi traten neben eine Frau, die ein schlafendes Kind auf dem Arm hielt und ängstlich durch eine Scheibe auf einen Kranken starrte.
„Sind Sie Mrs. Shaw?" Versucht Frank ein Gespräch aufzunehmen.
„Nein." Die Frau kuschelte sich an den Blondschopf des Kindes. Sie deutete mit ihrem Kopf auf dem Kranken hinter der Glasscheibe: „Er hat mir und meinem Sohn das Leben gerettet."
Frank sah, dass die Frau vor ihr noch unter Schock stand, denn ihr liefen die Tränen schon beim bloßen Gedanken an die letzten Stunden die Wangen hinunter.
„Kommen Sie. Setzten Sie sich." Frank hatte die Frau vorsichtig am Arm gepackt und suchte den weißen Flur nach einer Sitzgelegenheit ab. Nicht weit entfernt standen einige Stühle und Frank führte die Frau langsam dorthin.
„Ich bin Agent Susanne Frank von der Verhaltensanalyseeinheit des FBIs. Das ist mein Kollege David Rossi. Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen?!"
Es dauerte etwas, bis die Frau reagierte. Leicht nickte sie.
„Sagen Sie uns Ihren Namen?" Bat Rossi mit ruhiger Stimme.
„Alyssa Wilkins." Brachte die junge Frau mühsam heraus. „Das ist mein Sohn Benjamin."
Frank lächelte sie beruhigend an. „Sie waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt in Plano?!"
„Ja… Ich hatte Ben in der Menge verloren. Er ist immer so neugierig und plötzlich war er weg.
Der Mann dort…", Mrs. Wilkins deutete mit dem Kinn auf das Krankenzimmer, „er half mir. Dann gab es einen lauten Knall und der ganze Platz war augenblicklich still. Aber es war nur ein Autounfall auf der Straße.
Erleichterung machte sich breit, doch dann explodierte der Heizpilz, der bei uns in der Nähe stand. Er", wieder deutete sie auf das Krankenzimmer, „stand zwischen uns und dem Heizpilz. Er hat uns mit seinem Körper vor dem Feuerstoß geschützt. Jetzt ist seine Haut fast zu fünfzig Prozent verbrannt und die Ärzte wissen noch nicht, ob er durch kommt.
Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll!" Wieder begannen Tränen in ihren Augen zu schwimmen.
Ergriffen nahm Frank Mrs. Wilkins in den Arm und versuchte sie zu trösten.
Zusammen mit dem Brandermittler Gillis betraten Jareau und Hotchner die Pathologie. Die Zimmertemperatur war niedrig. Jareau schauderte leicht. Besonders wegen dem Gestank, der ihnen in die Nase stieg.
Der Geruch war ihr nicht unbekannt, doch bezweifelte sie, dass sie sich je an verbranntes Menschenfleisch gewöhnen würde.
„Alles gut?", fragend sah Hotchner zu seiner Kollegin hinüber. „Möchtest du lieber draußen warten?"
Doch Jareau schüttelte nur leicht ihren Kopf. „Es geht schon."
„Hey Patrik", begrüßte Gillis den Mann im weißen Kittel und stellte die Personen in seiner Begleitung vor. „Hast du schon ein Ergebnisse zum Brandopfer Cavanaugh?"
„Ja", mit ernstem Gesicht wandte Dr. Hope seine Aufmerksamkeit wieder den menschlichen Überresten auf seinem Tisch zu. „Mr. Cavanaugh ist qualvoll verbrannt. Da er am ganzen Körper gleichermaßen schwere Brandwunden hat, gehe ich davon aus, dass er von den Flammen eingeschlossen wurde."
„Das würde sich mit den ersten Aussagen der anderen Verletzten decken. Die explodierte Gasflasche in seiner Hütte hat das Feuer im Grill zu einer Stichflamme gemacht." Gillis schien mit seinen Gedanken am Tatort zu sein.
„Hat er sehr gelitten, Doktor?" Jareau hatte sich langsam an den Gestank gewöhnt und lenkte ihre Gedanken auf den Fall.
„Nein, zumindest nicht sehr lange." Doktor Hope sah die fremden Agents offen an. „Seine Lungen sind verbrannt. Nach spätestens drei, vier Atemzüge konnten die Lungenflügel keinen Sauerstoff mehr aufnehmen."
„Dann ist er elendig erstickt." Stellte Hotchner entsetzt fest. Er sah sich durch das Nicken des Pathologen bestätigt.
Hotchner wandte sich an den Brandermittler: „Wie geht es den anderen Menschen, die mit dem Opfer in der Hütte waren?"
„Mein letzter Stand ist, dass die Ärzte um die Leben der beiden Angestellten kämpfen. Sie haben auch schwerste Verbrennungen und wurden ins künstliche Koma gelegt."
„Das bedeutet, wir bekommen von ihnen auch keine Informationen." Hotchner überlegte kurz. „Es bringt nichts, zu Rossi ins Krankenhaus zu fahren. Ich vermute, sie werden nicht viel Neues erfahren."
„Vielleicht hat Garcia schon etwas herausgefunden." Schlug Jareau vor.
„Gut, fahren wir zurück zum FBI." Stimme Hotchner zu. Sie bedankten sich bei Patrik Hope für seine Ausführungen und verließen die Pathologie.
Ein dunkelhaariger Mann in einem Blaumann schob eine Sackkarre vor sich her über den gepflasterten Weg. Als er diesen verließ und auf den Rasen fuhr, drohte seine Ladung, ein silberfarbener Heizpilz, von der Karre zu kippen. Behände ergriff er das kühle Metall und konnte schlimmeres verhindern.
Vorsichtig schob er wieder an und stellte die Ladung gut zehn Meter weiter auf dem Rasen ab.
„Wir haben noch gut zehn Stunden, bis die nächsten Bomben gezündet werden." Begann Hotchner am nächsten Morgen die Besprechung im FBI-Büro in Dallas/Texas. „Das bedeutet, wir benötigen eine Analyse über sein wahrscheinlichstes Anschlagsziel." Dabei sah der Teamleiter zu Reid hinüber.
„Das wird nicht einfach. Ich sehe noch kein wirkliches Muster." Erklärte Reid.
„Versuche es." Morgan schlug seinem Kollegen lachend auf die Schulter. „Wer, wenn nicht du, wird diesen Code knacken."
„Welchen Code?" Verwundert schaute Reid Morgan an.
Erst als er das verwegene Lachen auf Morgans Gesicht sah, wurde dem jungen Doktor bewusst, dass ihn sein Kollege mal wieder hochgenommen hatte.
Die restlichen Kollegen hatten den kleinen Zwischenfall mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen. Selbst Hotchner hatte für einen kurzen Moment ein Lächeln auf den Lippen. Dann wurde er wieder ernst.
„Ich hoffe, dass wir uns vielleicht auf zwei oder drei Orte festlegen können. Wenn wir uns aufteilen, könnten wir alle überwachen."
„Dann werden wir uns um die Firmen kümmern. Dadurch werden wir die möglichen Ort zusätzlich einschränken können." Übernahm Rossi das Wort.
Noch ehe Hotchner ein Wort sagen konnte, übernahm Garcia, die auf dem aufgebauten Laptop das Meeting der Kollegen in Dallas verfolgte, das Wort.
„Ich habe drei Namen, die auf den drei Weihnachtsmärkten das Grillfleisch geliefert haben." Garcia holte einmal tief Luft und fuhr eilig fort ihre Erkenntnisse dem Team mitzuteilen. „Ich habe mich mit den Hintergründen der Firmen, der Inhaber und Angestellten beschäftigt. Keine Richtung zeigt irgendeinen deutlichen Hinweis auf Ärger."
„Was ist mit den Gasflaschenlieferanten Penelope?" Fragend sah Prentiss ihre Kollegin auf dem Bildschirm an.
„Dazu komme ich jetzt. Nur Geduld!" Sie konnten Garcia beobachten, wie sie einen Zettel hervorzog. „Die Heizpilze wurden von zwei verschiedenen Firmen geliefert."
„Sicher?" Unterbrach Morgan. „Ich hatte gehofft, da hätten wir wenigstens eine mögliche Spur."
Garcia setzte an, ihre Ausführungen fortzusetzen.
„Theoretisch kann es jedermann sein." War Rossi schneller. „Einen Zünder an einer Gasflasche zu befestigen ist nicht schwer."
„Moment Leute, ich bin noch nicht fertig!" Unterbrach Garcia die bereits begonnene Diskussion. „Die Heizpilze wurden von zwei Firmen geliefert. Die Gasflaschen aber kamen nur aus Murphy. Einem kleinen Ort in der Nähe von Plano."
„Was hast du über die Firma herausgefunden?" Jareau sah die technische Analystin erwartungsvoll an.
„Zuerst sah es genauso aus, wie bei allen anderen Firmen auch." Garcia machte eine kleine Kunstpause. „Aber seit anderthalb Jahren fährt die Firma satte Gewinne ein."
„Das ist nichts ungewöhnliches Garcia. Sie werden ein neues Verkaufskonzept haben." Wandte Rossi ein.
„Stimmt. Nur bei einer Steigerung von 400% in den anderthalb Jahren bin ich doch etwas stutzig geworden und habe tiefer gegraben.
Die Firma hat nicht mehr nur das Gas geliefert, sondern auch die Heizpilze."
„Was ist daran so besonderes?" Hotchner konnte sehen, wie es hinter der Stirn von Reid arbeitete. „Das ist eine ganz normale Entwicklung."
„Für die einen Normal", sprach Hotchner laut vor sich hin.
„Für andere der Untergang!" Vollendete Frank. Hotchner nickte ihr zustimmend zu.
„Garcia, die Firma, die nur die Gasflaschen verleiht." Begann Hotchner seinen Gedankengang zu formulieren. „Wie sieht die Auftragslage bei denen aus? Kommst du an ihre Daten?"
„Sicher Chef." Garcias Finger tippten über die Tastatur. „Wonach soll ich suchen."
Hotchner wechselte einen kurzen Blick mit Frank. Die dann auch das Wort übernahm: „Nach Entlassungen im letzten Jahr."
„Entlassungen…" Murmelte Garcia vor sich hin.
„Sie meinen, es könnte jemand sein, der auf Rache aus ist?", fragte Agent Gillis verwundert.
„Es ist nur eine sehr kleine Firma… Sie besteht nur noch aus Vater und Sohn. Vor einem Jahr hatten sie noch zwei Angestellte. Die haben nach den Angaben hier aber selber gekündigt." Teilte Garcia ihre Ergebnisse dem Team mit.
„Was ist aus den beiden Angestellten geworden?" Fragte Morgan interessiert.
Man hörte Garcia tippen. „Die haben in Murphy angefangen."
„Scheiden die beiden deswegen jetzt aus?" Warf Jareau die Frage in den Raum. „Vielleicht will sich einer Rächen."
„Aber an wen?" Wandte Prentiss ein. „Es waren beide Firmen betroffen."
„Morgan, fahr zu der Firma. Nimm Prentiss und Rossi mit. Vielleicht können uns die Mitarbeiter einen Hinweis geben." Begann Hotchner das Team einzuteilen.
„Hey Marc!" Ein Mann trat von der Seite an einen jüngeren Mann heran. Beide trugen einen Blaumann. „Wie geht es dir?"
Der junge Mann sah erschrocken auf. Dann schien er sein Gegenüber zu erkennen und lächelte.
„Danke, gut! Und wie geht es dir Christian?" Erfreut ergriff er die dargebotenen Hand.
„Auch gut." Es wurde still und der ältere Mann schien beschämt. „Du… Du warst damals so schnell fort. Ich wollte dir nur sagen, dass ich die Einstellung unseres Chefs nicht für richtig erachte. Du hast gute Arbeit geleistet. Er hätte dir die Lehrstelle ruhig geben können."
„Danke Christian. Das ist nett von dir."
„Wo hast du eine Stelle gefunden?"
„In einer Firma aus Weatherford. Kennst du nicht. Sie versuchen gerade erst in dieser Gegend fußzufassen."
„Na, dann sehen wir uns ja bestimmt bald wieder!" Der ältere Mann schien wirklich erfreut zu sein. Er klopfte dem Jüngeren hart auf die Schulter. „Dann mach es gut. Ich muss weiter."
Grüßend hob Marc seine Hand.
Sein Gesicht versteinerte sich, sobald er sich wieder unbeobachtet fühlte.
Hotchner stand abseits in einer Ecke des Besprechungsraumes im FBI-Gebäude in Dallas. Seine Anspannung hatte er für einen Moment abgelegt. Entspannt lehnte er an der Vertäfelung und beobachtete die Menschen im Raum.
Reid stand vor einer Karte an der Wand und hielt sein Handy am Ohr. Während er gespannt der Stimme am anderen Ende lauschte, kringelte er fünf Städte in der näheren Umgebung von Dallas ein. Bestimmt war Garcia seine Gesprächspartnerin.
Die Tür ging auf und die ersten Polizisten und FBI-Agents der Dienststelle in Dallas betraten den Raum zur Bekanntgabe des bisherigen Profils.
Frank und Jareau saßen zusammen am Tisch und versuchten noch Hinweise über größere Ansammlungen in Texas zu finden. Sie mussten damit rechnen, dass der Täter es auf immer größere Verwüstungen abgesehen hatte.
‚Susanne', ging es Hotchner durch den Kopf. Ihm wurde ganz warm, während er seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte. Er spürte, wie sich sein Pulsschlag erhöhte.
Draußen auf dem Flur wurde es lauter und kurz darauf betraten Morgan, Rossi und Prentiss den Raum. Augenblicklich war die Aufmerksamkeit aller auf sie gerichtet.
Hotchner atmete tief durch, straffte seine Schultern. Er schob die Bilder in seinem Kopf beiseite und trat einige Schritte vor. Bis die drei Agents ihn erreicht hatten, waren auch Jareau und Frank zu ihnen getreten.
„Was habt ihr?" Fragte Hotchner interessiert.
„Nicht wirklich viel." War die erste Information, die Morgan seinen Kollegen mitteilte.
„Habt ihr die Liste?" Fragend sah Reid von seiner Tafel herüber.
„Ja, hier." Prentiss ging die wenigen Schritte zu ihm hin und übergab ihm ein Stück Papier, welches er sogleich begierig überflog.
„Wie viele Märkte sind es?" Fragend sah Frank die Kollegen an.
„Sieben." Erklärte Rossi.
„Wobei aber drei schon herausfallen." Erklang Reids Stimme. „Sie sind definitiv nicht in seiner Wohl-fühl-Zone."
„Was sagt der Firmenchef?" Hakte Hotchner nach.
„Er legt für alle seine Angestellten die Hand ins Feuer. Keiner hat sich in der letzten Zeit auffällig gezeigt. Anscheinend gibt es keine gravierenden privaten Probleme." Begann Morgan ihre Ermittlungsergebnisse mitzuteilen.
„Selbst mit den beiden Angestellten, die er vor einem Jahr übernommen hat, scheint es keine Schwierigkeiten zu geben." Ergänzte Prentiss die Ausführung ihres Kollegen.
„Wir konnten uns mit einem der beiden unterhalten." Erklärte Rossi weiter. „Er hat nichts ungewöhnliches bemerkt, während er die Gasflaschen ausgeliefert hat. Allerdings hatte er auf seiner Route auch keinerlei Berührungspunkte mit den Märkten, die bisher betroffen waren."
„Der zweite Mann, ein Christian Wilkins, wird sich bei uns melden." Übernahm Morgan wieder.
„Die Überprüfung der Fleischereien hat auch nichts gebracht. Keine Auffälligkeiten in ihren Lebensbereichen." Brachte Jareau ihre Erkenntnisse der letzten Stunden ein. „Aber was anderes: Können wir davon ausgehen, dass er sich weiterhin auf Weihnachtsmärkte beschränken wird?"
„Ich denke schon." Übernahme Frank das Wort. „Wir haben keine Veranstaltung in den nächsten Tagen gefunden, die Draußen stattfindet oder annähernd deren Größe hat."
„Da stimme ich Frank zu." Erklang Hotchners ruhige Stimme. „Er muss wieder zuschlagen. Und es gibt keinen Grund seine Vorgehensweise zu ändern. Er wird immer besser."
Die Umstehenden nickten zustimmend.
„Also lasst uns die Kollegen in unsere bisherigen Ergebnisse einweihen. Die Zeit läuft uns davon." Hotchner drehte sich in den Raum um und ließ seinen Blick über die versammelte Mannschaft schweifen.
Während sich die restlichen Teammitglieder etwas verteilten, legte sich langsam gespannte Stille über den Raum.
Die Klappe im Fuße eines Heizpilzes wurde geöffnet. Eine Hand im Arbeitsanzug griff in die Öffnung. Sie wackelte an der Gasflasche. Gras raschelte unter der Bewegung des Heizpilzes. Dann verschwandt die Hand und erschien nach wenigen Sekunden wieder. Die Hand griff auf die Rückseite der Gasflasche. Während des kurzen Momentes, in dem die Hand herausgezogen und die Klappe des Heizpilzes wieder geschlossen wurde, leuchtete ein kleiner roter Punkt in der Dunkelheit des Heizpilzes auf.
„Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind." Begann Gillis die Kollegen im Besprechungsraum zu begrüßen. „Die Kollegen aus Quantico werden uns nun die ersten Ergebnisse ihrer Ermittlungen bekannt geben." Damit nickte er Hotchner zu und trat an die Seitenwand es Raumes.
„Gut, fangen wir an… Wir gehen davon aus, dass es sich um eine männliche Person im Alter um die Zwanzig handelt. Es fällt ihm schwer sich in das soziale Umfeld einzugliedern. Daher ist er ein Außenseiter."
„Er möchte uns weiß machen, dass es sich bei seinen Taten um terroristische Anschläge handelt. Dem ist nicht so." Hatte Morgan die weitere Erklärung übernommen.
„Weil sich noch niemand zu den Explosionen bekannt hat?" Fragte eine junge Agentin dazwischen.
„Richtig," stimmte Prentiss ihr nickend zu. „Nur durch den Schriftsatz, den er hinterlassen hat, haben wir es nicht gleich mit ausländischen Terroristen zu tun.
Dieser Mann sucht vielmehr Anerkennung und Anschluss, schafft es aber aus eigener Kraft nicht."
„Er wird sich auf jeden Fall in der Nähe seines Tatortes aufhalten, um das Ausmaß mitzuerleben. Vielleicht lässt er sich auch selber verletzen." Ergänzte Frank.
„Daher wird es nicht einfach sein, ihn zu entdecken." Übernahm Reid das Wort. „Er versucht sich den anderen Menschen anzupassen."
„Wir haben versucht die nächste Stadt zu finden. Bisher konnten wir die Liste auf fünf Märkte beschränken." Erhob Hotchner wieder seine Stimme. „Wir werden auf allen präsent sein. Dazu sollten alle Heizpilze möglichst rasch auf Sprengsätze kontrolliert werden."
„Die Zeit läuft. Wir haben noch gut zwei Stunden, bis er die nächste Ladung zünden wird. Wir sollten uns beeilen." Forderte Rossi die Kollegen zur Eile auf.
„Eins noch: Passt auf euch und eure Kollegen auf. Ihr habt die Ausmaße der letzten Explosionen gesehen." Appellierte Hotchner an die Vernunft der Agents und Polizisten. „Gut, bilden wir Teams." Beendete Hotchner das Meeting.
Prentiss und Frank schlenderten über dem Weihnachtsmarkt in Rowlett, der auf einem Parkplatz eines Einkaufszentrums aufgebaut war. Inmitten stand eine große mit Lichtern und Weihnachtsschmuck versehene Tanne.
„Schau mal hier Susanne." Frank trat interessiert näher heran. „Was sagst du zu dieser Brosche. Ich denke, die könnte etwas für meine Mutter zu Weihnachten sein."
„Ja, sie würde ihr bestimmt gut stehen." Stimmte Frank ihrer Kollegin ohne zu Zögern zu. „Auch diese Lederarmbänder finde ich ganz nett. Etwas für eine wirkliche Freundin."
Mit einem Zwinker lachte Frank zu ihrer Kollegin hinüber.
„Ich nehme die Brosche." Wandte sich Prentiss an den Verkäufer in der Hütte und händigte ihm das Schmuckstück aus.
Frank schlenderte indessen weiter. Sie sah sich die Auslagen in der nächsten Holzhütte an, als ihr plötzlich warm wurde. Intensive Wärme drang von links zu ihr herüber und sie spürte die Anwesenheit eines Menschen ganz dicht neben sich. Verwundert drehte sie ihren Kopf langsam hinüber.
Hotch! Wer hätte auch sonst diesen Gefühlsausbruch in ihr wecken können. Ihre Haut brannte.
„Wie gefällt dir der Markt?" Hotchners Stimme klang ziemlich belegt.
„Er ist schön. Fast so wie zu Hause." Es fiel Frank schwer ihr Gehirn in Gang zu werfen.
Hotchner spürte ihre Sehnsucht und hätte am liebsten ihre Hand ergriffen. Dies war der erste Moment, in dem sie endlich mal alleine waren. Und er wollte ihr so viel sagen. Doch kein vernünftiger Satz kam ihm in den Sinn.
Stattdessen versank er in Franks Blick. Augen, die ihn dahin schmelzen ließen.
„Hey Hotch!" Prentiss kam zu ihnen herüber. Hotchner schloss schnell seine Augen und versuchte die Gefühle in seinem Inneren wieder zu unterdrücken.
„Es gibt keine Spur von einem potentiellen Täter. Was ist, wenn wir am falschen Ort sind?" Während Prentiss ihre Vermutung laut aussprach, schweifte ihr Blick über die Menschen in ihrer Umgebung.
„Ich hoffe es nicht…" Hotchners Stimme war noch leicht belegt, aber er spielte es durch sein selbstsicheres Auftreten herunter. Er schaute auf seine Armbanduhr. „Es bleibt noch eine Stunde."
„Spencer kann sich auch mal irren." Wandte Prentiss ein. „Seine Prozentzahl war nicht sehr hoch."
Es schien wirklich ruhig auf diesem Platz zu bleiben. Noch war es vor 6p.m., noch konnte der UnSub auch hier zuschlagen.
Plötzlich erschien es Hotchner, als wären alle Stimmen und Geräusche um ihn herum ausgeschaltet. Nur sein Handy klingelte unheilverkündend in dieser Stille. Augenblicklich wusste er, dass sie sich am falschen Ort befanden.
„Hotchner", meldete er sich mit fester Stimme. „In Carrollton? Okay, wir machen uns sofort auf den Weg."
„Gillis?" Prentiss und Frank hatten entsetzt dem Telefongespräch gelauscht.
Hotchner nickte nur und drückte die Kurzwahltaste an seinem Handy.
„Sag mir, dass noch alle okay sind!" Hotchner konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, wurde dann aber wieder ernst: „Es geht allen gut, Garcia. Trotzdem hat er bereits zugeschlagen. Es gab eine Explosion in Carrollton, einem kleinerem Ort im Norden von Dallas.
Gib den anderen bitte Bescheid, dass wir uns dort treffen!"
„Ist gut", hörte er noch kurz Garcias Antwort, als die Verbindung auch schon unterbrochen war.
Hotchner sah seine beiden Kolleginnen einen Moment an. „Los!"
Damit machten sie sich eiligst auf den Weg zum SUV.
In Carrollton herrschte das gleiche Durcheinander wie in Plano. Die Menschen beklagten sich und ihre Angehörigen. Die einen schrien ihren Kummer, ihren Schmerz laut heraus. Andere saßen still da, weinend oder vor sich hinstarrend.
Morgan schaute sich mit Gillis Leuten die Reste der Heizpilze an. Während die anderen Agents sich über den Platz verteilt hatten und nach der Botschaft des Terroristen Ausschau hielten.
Alle waren sie entsetzt über die erneute Explosion und die vielen Opfern.
Hotchner und Rossi traten zu Gillis. „Wissen wir schon, wie viele Menschen die Explosion getroffen hat?" Eröffnete Hotchner das Gespräch.
„Im Moment haben wir noch keinen Toten." Klärte Gillis trocken. „Dafür unzählige Schwerverletzte."
„Das ist untypisch. Normalerweise will ein Terrorist töten. Nicht nur verletzen." Brachte Rossi seine Bedenken über das bisherigen Profil ein.
„Hotch", meldete sich Prentiss Stimme über Funk. Hotchner suchte über den Platz, bis er seine Kollegin in dem Wirrwarr gefunden hatte. „Wir haben die Schrift gefunden. Sie steht wieder auf der Rückseite einer Holzhütte."
Hotchner konnte sehen, wie Kollegen der Spurenermittlung Fotos von der Wand machten. Über Funk gab er Anweisung: „Prentiss, macht unauffällig Fotos von den Menschen hier. Unser UnSub ist hier. Er muss sehen, was seine Tat für ein Ergebnis gebracht hat."
„Okay." Kam die knappe Antwort. Hotchner konnte sehen, wie Prentiss mit dem Fotographen sprach, als Morgan und Paul Sampson zu ihnen traten.
„Hotch, schau dir das an." Damit hielt ihm Morgan seine flache Hand hin. In ihr lag eine mit Nägeln gefüllte Plastikfolie. „Davon gibt es in jedem explodierten Heizpilz drei."
„Was hat das zu bedeuten?" Gillis nahm nachdenklich die Tüte in die Hand.
„Das unser UnSub auf noch mehr Opfer aus ist." Erklärte Hotchner.
„Nur, dass die Menschen heute Glück hatten." Vervollständigte Morgan. „Die Tüten sind nicht wirklich geplatzt!"
„Aber wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass er sie das nächste Mal durch die Luft wirbeln wird." Bestimmt sah Hotchner in die Runde. Bei Rossi blieb sein Blick hängen, als dieser das Wort übernahm:
„Und wir sollten davon ausgehen, dass er schon Morgen wieder zuschlagen wird."
„Morgen schon?" Verwundert sah Paul Sampson zu dem Altermittler. „Aber bisher hat er alle zwei Tage die Gasflaschen gezündet?..."
„Nicht ganz." Begann Morgan mit ruhiger Stimme zu erklären. „Heute hat er die Explosion bereits gegen 6 anstatt 7p.m. ausgelöst.
Er wird Morgen ab 6p.m. wieder zu schlagen. Früher am Tag, würde nicht die gewünschte Verwirrung und Opferzahl hervorbringen."
„Richtig, er beginnt Amok zulaufen. Er wird keine zwei Tage mehr stillhalten." Bestätigte Hotchner. Sein Blick richtete sich an Sergeant Gillis: „Wir müssen ein Ausgehverbot verhängen. JJ wird so schnell wie möglich eine Pressekonferenz einberufen. Wir müssen die Menschen auffordern Morgen Abend zu Hause zu bleiben."
„Dann weiß er aber doch Bescheid, dass kein Mensch da sein wird." Wandte Gillis ein.
„Er wird kommen! Und da es garantiert Menschen geben wird, die sich auch nicht an die Anweisung halten werden, wird er Opfer vorfinden… Wenige!" Erklärte Rossi.
„Morgan", meldete sich der Agent, als sein Handy am nächsten Morgen klingelte.
„Wilkins. Mein Chef sagte, sie wollten mich sprechen." Erklang eine raue männliche Stimme am anderen Ende.
„Ja, das stimmt." Morgan stand mit Reid und Prentiss zusammen im Besprechungszimmer des FBIs. „Hat Ihr Chef Ihnen schon erklärt worum es geht?"
„Ja. Es geht um die Explosionen. Und da wir die Gasflaschen und die Heizpilze liefen, haben Sie uns in Verdacht."
„Das stimmt so nicht ganz, Mr. Wilkins. Wir wollen nur wissen, ob Ihnen etwas besonderes aufgefallen ist, während Sie die Gasflaschen ausgeliefert haben. Ist Ihnen ein junger Mann, zwischen siebzehn, achtzehn und Anfang Zwanzig aufgefallen?"
„Nein, es war alles wie immer." Christian Wilkins schien am anderen Ende der Leitung zu überlegen. „Das heißt", fuhr er nach einer kurzen Pause fort: „Ich habe gestern einen jungen Mann in Carrollton gesehen. Marc Cotton hat vor einigen Monaten ein Praktikum bei uns absolviert." Morgan gab Prentiss Zeichen, dass er etwas zum Schreiben benötigte.
„Er war nicht schlecht." Fuhr unterdessen der Gesprächspartner am Telefon fort. „Und doch hat der Chef die Lehrstelle einem Anderen gegeben."
„Würden Sie dem Jungen so eine Tat zutrauen?" Morgan versuchte sich, nachdem er den Namen auf ein Stück Papier geschrieben hatte, wieder vollständig auf das Gespräch zu konzentrieren.
Prentiss hatte Morgan über die Schulter geschaut. Während sie sich abwandte und von den Kollegen entfernte, wählte sie Garcia in Quantico an.
„Hallo Emily. Wie kann ich helfen?" Erklang kurz darauf schon die Stimme der Kollegin.
„Was findest du zu einem Marc Cotton?" Erfragte Prentiss knapp.
„Ist das unser Täter?" Garcia schien aufgeregt, wie immer, wenn sie kurz vor der Aufklärung eines Falles waren.
„Eventuell…" –
„Eigentlich nicht." Erwiderte Wilkins auf Morgans Frage. „Obwohl er gestern schon etwas komisch war."
„Auf welcher Art?" Hakte Morgan sofort nach.
„Er versuchte nicht so zu wirken, aber er schien mir gehetzt. Ständig schweiften seine Augen über das ganze Gelände. Als hätte er Angst vor jemanden." Erklärte Wilkins.
„Wissen Sie, ob er woanders eine Arbeitsstelle gefunden hat?"
„Er sagte, er wäre jetzt bei einer kleinen Firma in Weatherford, die erst seit kurzem versucht in dieser Gegend Fuß zu fassen… Was eigentlich auch ungewöhnlich ist. Normalerweise bekommt man es in unserer Brunche mit, wenn es einen neuen Konkurrenten gibt. Mir ist nichts über eine neue Firma hier in der Gegend bekannt."
„Gut, das bringt uns etwas weiter." Ergriff Morgan wieder das Wort. Da fiel ihm noch etwas ein: „Hätten Sie eine Idee, wo er als nächstes Zuschlagen könnte? Es müsste ein großer Markt sein, wo er viele Opfer erwischt."
„Puuh, da fragen sie was…" Eine kurze Pause entstand, die Morgan seinem Gesprächspartner zugestand, um in Ruhe über seine Frage nachzudenken. „Ich habe heute unteranderen den Markt in Arlington beliefert." Die Stimme von Wilkins wurde immer schneller und erregter. „Er eröffnet heute Abend seine Tore und ist der größte Weihnachtsmarkt hier in der Gegend. Da kommt selbst Dallas nicht mit."
„Vielen Dank, für den Hinweis." Morgan sah sich endlich dem Ziel und somit dem Täter näher. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag."
„Warte Morgan." Wurde er von Reid, der gespannt dem Telefonat gelauscht hatte, unterbrochen.
„Einen kleinen Moment noch Mr. Wilkins." Bremste Morgan das Gespräch ab und erwartete eine Erklärung von seinem Kollegen: „Wer ist der Auszubildende, der anstelle von Cotton eingestellt wurde."
Morgan gab die Frage weiter. Überrascht zog er seine Augenbraue hoch, als er die Antwort erfuhr.
„Es sind alle Medien versammelt Hotch." Jareau betrat den Besprechungsraum.
Hotchner, der mit Rossi, Frank und Sergeant White nochmals das Profil durchgegangen war, drehte sich seiner Kollegin zu und nickte verstehend. „Wir können sofort starten."
Frank wunderte sich, wie Hotchner selbst in diesem Moment noch die Ruhe selber sein konnte. Zumindest strahlte er Ruhe aus!
Hotchner tauschte mit Rossi noch einen Blick aus, dann ging er auf Jareau zu. „Okay, lass uns die Menschen dort draußen warnen."
„Hotch!? Wo ist Hotch?" Stürzten Morgan und Reid, in das Zimmer.
Jareau und Hotchner hielten inne und sahen ihren Kollegen verwundert entgegen. „Was habt ihr?"
Morgan holte tief Luft: „Einen Namen. Der Elektriker hat sich gerade gemeldet. Er hat an dem Tag, als Abends in Carrollton die Explosion geschah, genau dort einen alten Praktikanten getroffen.
Dieser Praktikant, Marc Cotton, sollte eine Lehrstelle bekommen, die dann aber ein Abraham Isaak erhielt."
„Das ist doch schon mal ein Ansatz." Erklang Rossis Stimme. „Wir sollten Garcia darauf ansetzen."
Hotchner nickte zustimmend. Endlich schien der Unbekannte zumindest einen Namen zu bekommen. „Es wurden doch in Carrollton Fotos der anwesenden Personen gemacht. Vielleicht können wir ihn dort finden?!"
„Emily ist schon dabei." Erklärte Morgan.
„Das war noch nicht alles!" Unterbrach Reid erregt.
Und Morgan fuhr fort die neuen Informationen weiterzugeben: „Mr. Wilkins hat heute den Weihnachtsmarkt in Arlington beliefert. Das ist der größte Markt in der Umgebung…", Morgan machte eine kleine Kunstpause, „und er eröffnet heute Abend seine Tore."
White nickte verstehend. „Gerade heute werden sich dort viele Menschen versammeln."
„Dann ist es um so wichtiger die Menschen zu warnen! Inzwischen kümmert ihr euch um diesen Cotton." Hotchner drehte sich entschlossen um und zusammen mit Jareau verschwand er zur Pressekonferenz.
Rossi gefolgt von Reid und Frank schlichen einen weißen Flur entlang. Vor einer Tür mit der Nummer 249 blieben sie stehen, zogen ihre Waffen und machten sich bereit in die Wohnung einzudringen.
Entschlossen klopfte Rossi an der Tür. Nichts schien sich dahinter zu rühren. Er klopfte erneut. „FBI! – Mr. Cotton öffnen Sie die Tür!"
Rossi nickte seinen Kollegen zu und mit einem geschickten Tritt gegen das Türschloss öffnete sich der Weg in Cottons Wohnung.
Gezielt stießen die Teammitglieder vor.
„Sauber!" Erklang Reids Stimme aus dem Bad gleich linker Hand.
„Sauber", Bestätigte auch Frank aus der Küche.
Rossi hatte sich bereits entspannt und steckte seine Waffe zurück ins Holster. Interessiert schweifte sein Blick durch den Raum, der sich vor ihm eröffnete.
Die Kollegen traten hinzu. Frank eroberte den Raum mit eiligem Schritt. Ihr Ziel, ein Tisch mit Werkzeugen, Kabeln, Zündern. Morgan hätte bestimmt sofort sagen können, ob diese Teile zum Bau der Bomben benutzt worden waren. Sie zog ihr Handy hervor und machte eine Aufnahme. Anschließend schickte sie das Foto an Morgan weiter.
„Es sieht so aus, als würde er sich auf das Finale vorbereiten." Reid hatte die Papiere, die etwas abseits an der Wand befestigt worden waren, interessiert begutachtet. „Schaltpläne, Straßenkarten."
Währenddessen saßen Morgan, Prentiss und White dem Firmenchef Mr. Elliott in Weatherford gegenüber.
„Wie kann ich Ihnen weiterhelfen, Agents?" Begann Mr. Elliott das Gespräch.
„Ist Marc Cotton heute zur Arbeit erschienen?" Erhob Morgan seine Stimme.
„Ja, ist er." Entspannt hatte sich Mr. Elliott in seinem Stuhl zurückgelehnt. Mit seinem überdimensionalen Bauch und der erkalteten Zigarre schien er den gestrengen Geschäftsmann herauszukehren.
Prentiss widerte dieser Mann an. Doch sie versuchte ihre Gefühle zu unterdrücken. „Haben Sie heute eine Lieferung nach Arlington zum Weihnachtsmarkt?"
„Ja", gab Elliott gemächlich zu, nachdem er scheinbar desinteressiert seine Unterlagen durchgesehen hatte.
„Ist Cotton auf dieser Tour eingesetzt?" Übernahm Morgan wieder.
„Nein." Die Agents spürten, dass der Mann noch mehr sagen wollte. Daher blieben sie stumm und warteten darauf, dass er weitersprechen würde. „Nur… Cotton kam heute Morgen zu mir und verlangte, dass ich den Tourenplan umstellen sollte. Er wollte unbedingt nach Arlington!" Leicht entsetzt über dieses Vorgehen, bröckelte die Fassade von Mr. Elliott.
Es klopfte an der Bürotür und kurz darauf trat ein Mann im Blaumann ein. „Chef, ich muss Sie sprechen."
Elliott nickte. Er schien froh seinen Besuch endlich los zu werden.
„Eine Frage noch." Erklang Prentiss' Stimme. „Könnten Sie uns die Liste mit den Orten übergeben, die Marc Cotton heute beliefert?"
„Das ist kein Problem." Elliott warf einen Blick auf die Wandtafel zu seiner Rechten. „Meine Sekretärin wird Ihnen eine Kopie machen. Er ist auf der ."
„Vielen Dank, Mr. Elliott." Die Agents erhoben sich und waren schon auf dem Weg hinaus, als sich die Stimme des Mitarbeiters erhob.
„Marc ist nicht auf der Zwei." Verwundert hielten die Menschen im Raum inne und lauschen gespannt auf die weiteren Worte. „Das ist ja gerade der Grund, weshalb ich komme, Chef.
Marc kam heute Morgen einfach und behauptete, Sie hätten den Plan für heute geändert. Er war so anders als sonst. Er ist auf der vierten Route."
„Arlington?" Fragte Morgan von der Tür her.
Mr. Elliott nickte und flüsterte eine entsetztes: „Ja."
„Es gibt keine Spur von Cotton." Ergriff Morgan das Wort, als das gesamte Team am frühen Nachmittag wieder im FBI-Gebäude zusammentraf. „Er hat die Orte, die sonst noch zu seiner Tour gehören nicht angefahren."
„Wir gehen davon aus, dass er sich bis heute Abend verborgen hält." Ergänzte Prentiss.
„Er wird alles vorbereitet haben." Überlegte Hotchner laut. „Wir sollten uns auf den Weg nach Arlington machen. Die Heizpilze kontrollieren. Vielleicht finden wir seine Zünder."
Verstehend nickten die Kollegen und gemeinsam verließen sie den sicheren Bau.
„Diesmal sind wir richtig." Rossi hockte vor einem Heizpilz und konnte das kleine rote Licht im Halbdunkel erkennen.
Hotchner warf einen Blick über die Schulter seines Kollegen.
„Nehmen wir die Zünder heraus?" Frank war neugierig auf die Strategie ihrer Kollegen.
„Wir müssen Cotton auf frischer Tat ertappen." Erklärte Rossi, während er sich erhob. „Notfalls muss er zünden."
Hotchner nickte. „Leider haben wir keine andere Wahl. Daher ist es wichtig, dass die Ausgehsperre möglichst eingehalten wird."
Nach und nach sammelten sich die Agents um ihren Teamleiter.
„Wir haben noch mindestens zwei weitere Pilze mit Zündern gefunden." Erklärte Morgan. „Ich habe mir die Zünder genauer angesehen. Sie sind ziemlich schwach. Er muss sich in ihrer unmittelbaren Umgebung aufhalten, um sie zünden zu können."
„Somit muss er kommen!" Vervollständigte Prentiss die Ausführung.
„Gut", Hotchner überlegte kurz, während er einen Blick auf seine Armbanduhr warf, „dann werden wir uns aufteilen… Es ist viertel vor sechs… Morgan, Prentiss und Gillis übernehmen einen Heizpilz. JJ, Rossi und White den Zweiten…
Wir übernehmen den Dritten." Hotchner sah kurz Frank an, dann Reid.
„Hotch", erklang Morgans Stimme über Funk. „Meinst du Cotton kommt noch?"
Hotchner warf zum zigsten Mal einen Blick auf seine Uhr. Mittlerweile war es 6 und 7 Uhr geworden, ohne dass sie eine Spur von ihrem Verdächtigen entdeckt hatten. Die Zeiger tickten unwiderruflich auf die 8p.m. zu.
„Er kommt noch." Erwiderte Hotchner. „Wir müssen Geduld haben."
Minutenlang blieb es ruhig über Funk. Dann erhob sich Hotchners Stimme erneut.
„Wir werden mit dem Auto die Umgebung abfahren. Prentiss und JJ kommt uns hier ablösen."
„Okay, sind gleich da." Bestätigte JJ den Befehl.
In einem Vorort von New York kam Familie Dearing nach Hause. Sie waren in der Nachbarschaft und hatten mit ihren Freunden den dritten Advent gefeiert. Übermütig sprangen die Kinder in die kleinen Schneehaufen am Straßenrand und schlitterten über die gefrorenen Pfützen auf der Straße.
„Ray, Isabelle, kommt rein, es ist schon spät."
„Ja Mummy." Übermütig sprangen die beiden Kinder noch einmal in den dicksten Schneehaufen und rannten dann hinter ihren Eltern die Auffahrt hinauf.
„Gute Nacht Rudolph. Schlaf gut!" Isabelle blieb einen Augenblick vor dem hell beleuchteten Schlitten stehen, der von einem Rentier mit einer dicken roten Nase gezogen wurde.
„Komm schon, Isa." Ray blieb ebenfalls stehen. „Du weiß doch, dass Rudolph es eilig hat, er muss Santa doch helfen. Er kann nicht die ganze Nacht bei uns im Garten stehen und warten, bis wir ihn nicht mehr beobachten."
„Ja, ich weiß." Sie liefen die zwei Stufen zur Veranda herauf und verschwanden im Haus.
Sie fuhren nun schon über drei Stunden durch die beleuchteten Straßen der Kleinstadt. Bisher war die Aufforderung an die Bevölkerung nach 6p.m. nicht mehr hinauszugehen größtenteils befolgt worden. Gegen 9p.m. waren dann doch einige Menschen mehr aufgetaucht, da sie meinten, der Täter würde heute doch nicht mehr zuschlagen. Sie waren aber bald wieder gegangen, als sie bemerkten, dass nicht viel los war.
Hotchner saß hinter dem Steuer des SUV und suchte, während er den Wagen langsam die Straße hinunterrollen ließ, die Gegend nach irgendwelchen Bewegungen ab.
Eine einzelne Bewegung ließ ihn aufmerksam werden.
Doch diese geschah neben ihm auf dem Beifahrersitz. Susanne. Sein Herzschlag erhob sich. Er verlor gerade seine Professionalität! Obwohl ihm die letzten Stunden auch gezeigt hatten, dass er sich auch ausschließlich auf einen Fall konzentrieren konnte. Diese Erkenntnis erleichterte ihn etwas.
Sein Blick fiel auf die Uhr am Armaturenbrett. 0:04… Ein neuer Tag! Jetzt wäre eigentlich der richtige Moment, um mit Susanne zu sprechen. Am liebsten hätte er jetzt ihre Hand ergriffen, die gelassen auf ihrem Bein lag. Nur waren sie nicht alleine… Durch den Rückspiegel konnte er Reid sehen. Auch er konzentrierte sich auf die Umgebung und ließ seinen Blick über die Außenwelt schweifen.
Das Team war ein Teil seiner Familie und er mochte sie alle gern. Aber in diesem Moment wünschte er Reid sonst wo hin…
„Dort!" Hotchner hatte Franks leise Stimme kaum vernommen. Doch er drehte sich in die Richtung, in die seine Kollegin wies.
Ein Lieferwagen von Mr. Elliott überquerte gerade die Kreuzung vor ihnen.
Im langsamen Tempo folgte er dem Lieferwagen. Dieser hielt in der Nähe der Kreuzung Road To Six Flags East und Ballpark Way, dem großen Eingangstor zum bunten Weihnachtsmarkt. Dessen Lichter heute die Nacht aber nicht erhellten.
Ein Schatten stieg aus und verschwand in den Schatten der Holzhütten.
Hotchner ließ seinen Wagen am Straßenrand ausrollen und eilig entstiegen sie dem SUV.
„Wir haben ihn." Gab Hotchner den anderen Kollegen über Funk Bescheid. „Wir kommen vom Haupteingang her."
„Gut, wir kommen euch entgegen." Kam kurz darauf die Antwort von Morgan.
Hotchner gab Reid und Frank das Zeichen, dass sie zugreifen würden. Sie zogen ihre Waffen und setzten sich in Bewegung.
Möglichst leise folgten sie dem Schatten, der sich seinen Weg ins Herzen des Marktes suchte.
Hotchner hatte ihren vermeintlichen Täter aus den Augen verloren. Eilig suchte er den Platz, der sich vor ihm auftat, ab. Dort, vor dem Heizpilz bewegte sich eine dunkle Gestalt. Sie ging in die Hocke und man konnte in der ungewohnten Stille leichtes Metallklappern vernehmen.
Hotchner wies auf den Heizpilz und zusammen schlichen sie sich näher. Bis auf zehn Meter kamen sie an den Schatten heran. Dann wurden sie bemerkt. Ruckartig erhob sich der Schatten und drehte sich zu ihnen um.
Es fiel nicht viel Licht auf das Gesicht des Mannes. Doch alle waren sich sofort sicher, dass sie Marc Cotton vor sich hatten.
„Halten Sie ihre Hände so, dass ich sie sehen kann." Übernahme Hotchner die Kontaktaufnahme.
Doch der Mann reagierte nicht. Er schien noch nicht einmal überrascht drei Waffen auf sich gerichtet zu sehen.
„Nehmen Sie die Hände hoch!" Wiederholte Hotchner seine Aufforderung.
Die einzige Regung, die folgte, war das Lächeln, was sich auf das Gesicht des Mannes zauberte. Und der Funke, der in seinen Augen aufblitzte.
„Ich werde Sie nicht erschießen!" Hotchner nahm seine Waffe runter und steckte sie zurück in den Holster an seinem Gürtel.
Im ersten Moment war Frank entsetzt über das Handeln ihres Teamleiters. Doch dann verstand sie. Er wollte ihm nicht die Möglichkeit geben, als Märtyrer zu sterben.
Aus Vorsicht blieben sie und Reid aber schussbereit an Hotchners Seite stehen.
„Ihre Ausbeute heute Abend ist nicht sonderlich groß." Versuchte Hotchner Cotton aus der Reserve zu locken. Der Mann vor ihm war kein richtiger Terrorist.
Eilige Schritte kamen näher. Sekunden später war Cotton von sämtlichen Teammitgliedern der BAU sowie der örtlichen Einsatzkräften umstellt.
Langsam hob Cotton seine Arme in die Luft. Noch immer lag dieses wissende Lächeln auf seinem Gesicht. Gespannt warteten die Agents.
„Sie haben keine Chance." Begann Hotchner von neuen.
Ein kleiner roter Lichtblitz ließ Franks Aufmerksamkeit auf die rechte Hand des Täters verweilen. Da war dieses Licht wieder.
„Er hat den Zünder in der Hand!" Entfuhr es ihr entsetzt.
In dem Moment konnte Hotchner die volle Entschlossenheit in den Augen des Mannes sehen. Wenn seine Opferzahl nun schon nicht groß ausfallen würde, so wollte er doch sie alle hier mitnehmen.
„Lauft!" Rief Hotchner nur. „Los! Sucht Deckung!"
Er sah, wie sich Morgan und die anderen Agents hinter Cotton nach einer Schrecksekunde in Bewegung setzten. Erst dann drehte er sich um und folgte Reid und Frank.
Ein kurzes lautes Lachen erklang. Allen war klar, dass Cotton im nächsten Moment den Zünder betätigen würde.
„Runter!", rief Hotchner seinen Kollegen zu und ließ sich neben Frank zu Boden. Instinktiv versuchten alle drei ihre Köpfe mit den Armen zu schützen.
Morgan jagte seine Kollegen vor sich her und dirigierte sie hinter eine Holzhütte. Im letzten Moment folgte Morgan ihnen in den schutzbietenden Bereich und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Holzwand. Seine Ohren mit den Händen schützend wartete er auf das Kommende.
Ein lauter Knall durchdrang die Dunkelheit. Gefolgt von einem hellen Feuerschein, der eine ungemeine Hitze mit sich führte.
Frank spürte, wie neben ihr Gegenstände auf den Boden fielen. Als wenn es regnen würde, ging es ihr durch den Kopf. Hatte die Bombe sich und ihre Umgebung in so kleine Stückchen zerrissen?
‚Die Nägel!', schoss es ihr urplötzlich durch den Kopf. Aaron!
Sie drehte ihre Gesicht zu ihm hinüber. Im selben Moment schaute auch er zu ihr hinüber. Frank konnte in seinen Augen Angst erkennen. Die selbe Angst, die auch sie in ihrem Inneren spürte.
Beide verstanden den erleichterten Blick des jeweils Anderen.
Ein Transporter rollte vor dem Haus in New York langsam aus. Der Motor erstarb. Die Fahrertür öffnete sich und eine dunkle Gestalt, die Kapuze seines Sweatshirts tief über das Gesicht gezogen, stieg aus. Ruhig, ohne Hast umrundete sie den Wagen und ließ ihren Blick über die Nachbarschaft schweifen. Der Fremde öffnete die Seitentür. Mit energischem Griff zog er einen großen roten Gegenstand aus dem Transportraum und warf ihn sich über die Schulter. Ächzend ging er die Auffahrt zum Wohnhaus entlang. Vor dem erleuchteten Schlitten mit dem Rentier blieb er stehen und ließ seine Last auf den Boden des Schlitten gleiten.
In der Stille der Nacht war nur das angestrengte Atmen der Gestalt zu vernehmen, bevor er auf den Schlitten stieg.
Energisch packte er dem Weihnachtsmann unter die Achseln und wuchtete den leblosen Körper mit letzter Kraft auf den Sitz.
Mit einem energischen Griff zog er ihm den weißen Rauschebart vom Kopf. Als nächstes zerrte er das Kissen unter dem Kostüm hervor. Mit kaum hörbarer Stimme raunte er wütend: „Du wirst niemandem mehr wehtun."
Freudig erregt, mit einem Lächeln auf den Lippen, verließ er sein Opfer. Er bestieg den Transporter und verschwand so lautlos, wie er gekommen war. Endlose Ruhe legte sich über die Straße… über das Wohngebiet… über die Stadt.
Auch über dem Stadtteil von Arlington lag tiefe Stille. Von ganz weit drang monotoner Motorenlärm zu Morgan und seinen Kollegen hinter der Holzhütte herüber.
„Alles okay?" Fragend sah Morgan in die Runde. Ein allgemeines Kopfnicken beruhigte ihn.
„Morgan", drang Rossis Stimme an sein Ohr. Rossis Stimme klang belegt. Es war hinter der Holzhütte hervorgetreten und starrte den Tatort vor sich an.
Die Kollegen! Morgan eilte an die Seite des Altermittlers. Vor ihm eröffnete sich das gesamte Ausmaß der Explosion.
Ein schwarzer verbrannten Fleck, wo vor wenigen Sekunden noch Cotton gestanden hatte. Nur das Gerippe des Heizpilzes stand noch leicht wankend da.
Umstehende Holzhütten hatten Feuer gefangen und brannten leicht vor sich hin.
Prentiss und JJ folgten, mit White im Schlepptau, ihren Kollegen auf die Gasse hinaus.
„White", sprach Morgan den verwirrten Sergeanten an, „wir benötigen unbedingt die Feuerwehr.
„Ist gut!" Der Sergeant schien froh, dass jemand die Organisation für dieses Wirrwarr übernahm.
„Und medizinische Hilfe!" Ergänzte Rossi und deutete nach vorne. Der Nebel, der durch die Explosion aufgestiegen war, legte sich allmählich. Und doch konnten sie drei Personen auf dem Boden liegend ausmachen. Im nächsten Moment lief Rossi auch schon los.
Die restlichen Teammitglieder brauchten einen Moment, um zu verstehen, dann folgten sie ihrem Kollegen. –
Frank setzte sich auf und fragte in die Runde: „Alles okay bei euch?"
Reid setzte sich ebenfalls auf. „Ja, alles okay."
„Spencer, du blutest!" Stellte Frank im nächsten Moment entsetzt feste und wandte ihre volle Aufmerksamkeit dem Kollegen zu.
„Das ist nichts." Versuchte dieser zu beschwichtigen. „Nur eine kleine Fleischwunde von einem Nagel."
Damit zog er den Nagel, der in seinem Oberarm saß, heraus.
„Nicht!" Entsetzt versuchte Frank ihn aufzuhalten. Doch es war zu spät. Das Blut begann aus der kleinen Wunde zu sickern.
Inzwischen war Morgan bei ihnen eingetroffen: „Alles okay bei euch?"
„Und du willst Medizin studiert haben?" Fassungslos ergriff Frank den Arm ihres Kollegen, hob ihn hoch in die Luft und versuchte die Vene abzudrücken.
„Mir geht es gut Susanne, wirklich." Versuchte Reid zu beschwichtigen.
„Die Rettung ist schon verständigt. Sie werden gleich hier sein." Erklärte White.
„Nun kommt schon ihr Zwei, wir müssen los!" Mr. Dearing saß schon hinter dem Steuer seines Wagens und drückte auf die Hupe. Seine Kinder kamen herausgelaufen und stiegen aufgeregt redend in den Wagen.
„Anschnallen." Die Dämmerung erhellte mit seinen ersten Strahlen den Tag, als der Wagen rückwärts die Auffahrt hinunterrollte und davonfuhr.
Mrs. Dearing kam kurz nach der Abfahrt ihrer Lieben, mit zwei Wäschekörben beladen, auch aus dem Haus. Sie verschloss die Haustür und ging eilig zu ihrem Wagen. Ein seltsames Gefühl ließ sie innehalten. Sie fühlte sich beobachtet! Irgendetwas hatte sich verändert. Doch Mrs. Dearing wusste im ersten Moment nicht zu bestimmen was es war! Sie öffnete den Kofferraum und stellte die Körbe hinein, als sie in ihrem Augenwinkel eine Gestalt war nahm. Sie sah hin und schrie entsetzt auf. In dem Schlitten mit Rudolph hatte sich ein Weihnachtsmann ohne Bart gesetzt.
Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, trat sie langsam zu dem Fremden heran. „Hallo!... Hallo Sie, Santa Claus!"
Dann erblickte sie den dunkelroten Flecken auf dem roten Kostüm. Entsetzt nahm sie ihr Handy heraus und versucht mit zitternden Händen die Nummer des Notrufes zu wählen.
Nachdem Reid medizinisch versorgt war und sie den Tatort mit der Leiche, oder besser deren verteilten Reste, der Spurensicherung übergeben hatten, war die lange Wache über den Weihnachtsmarkt beendet.
Noch immer brannten einige Hütten, doch die Feuerwehr schien die Brände unter Kontrolle zu haben.
Geschlossen machte sich das Team auf den Weg ins Hotel. Für heute war Schluss.
Hotchner beobachtete sein Team. Es schien noch keinem wirklich klar, dass der Täter gestoppt war. Alle schienen noch entsetzt.
Es würde nicht leicht, die Ereignisse der letzten Stunde zu verarbeiten. Wieso konnte so ein junger Mensch solch ein Interesse am Töten haben! Verzweiflung? Angst?
Von Cotton würden sie keine Antworten mehr bekommen. Dabei war es für sie alle wichtig, den wirklichen Hintergrund zu erkennen. Sie würden sich in der nächsten Zeit noch eingehend mit dem Fall beschäftigen und ihn aufarbeiten müssen.
„Okay Leute, dann lasst uns zusehen, dass wir nach Hause kommen." Gab Hotchner das Zeichen zum Aufbruch.
Das Team hatte sich am späten Morgen des nächsten Tages im FBI-Gebäude in Dallas zusammengefunden. Sie hatten die bisherigen Untersuchungsergebnisse erhalten und begannen nun sich von den örtlichen Agents zu verabschieden. Anschließend fuhren sie mit den SUVs zum Flughafen.
Dort angekommen ertönte Hotchners Handy. Während das restliche Team das Flugzeug bestieg, blieb er draußen und bewegte sich zur Spitze des Flugzeuges. Da der Pilot schon die Triebwerke gestartet hatte, entfernte er sich noch etwas weiter.
„Was macht Hotch noch da draußen?" Morgan schaute aus dem Fenster neben seinem Sitz.
„Ein geheimer Anruf?!" Prentiss tat ernst und beugte sich über ihren Kollegen, um hinaus zu sehen. Morgan packte sie nur lachend an den Armen und stieß sie auf den Sitz ihm gegenüber. Die Anspannung der letzen Tage fiel von ihnen ab. Übermüdet sehnten sich alle nach etwas Ruhe.
Reid, der sich hinter Morgan in dem Sitz gesetzt hatte, schaute ebenfalls auf seinen Chef hinunter: „Er scheint ganz ruhig zu sein. Das kann nichts allzu schlimmes sein… Da, jetzt hat er aufgelegt. Er kommt."
Hastig zogen sie sich vom Fenster weg. Hotchner hatte sie aber doch aus den Augenwinkeln entdeckt und lächelte gutmütig vor sich hin. Er stieg die wenigen Stufen hoch und betrat den Fluggastraum.
„Wir können dann starten, alle an Bord!"
JJ nahm den Hörer von der Wand und gab die Anweisung in das Cockpit weiter.
„Das war gute Arbeit. Von Allen!" Hotchner hatte sich auf die Lehne eines Sitzes abgestützt. „Zu Beginn unserer Ermittlungen hatte ich enorme Zweifel, ob wir den Täter so einfach ermitteln könnten."
„Stimmt, damit war nicht zu rechnen. Bei vermeintlichen Terroranschlägen benötigt man mehrere Hinweise auf den Hintergrund der Tat. Zumal es keine offiziellen Bekennerschreiben gab." Erklang Rieds Stimme durch das Flugzeug.
„Aber wir sind uns sicher, dass wir den richtigen erwischt haben, oder?" Prentiss hatte sich auf ihrem Sitz vorgesetzt. „Nicht, dass es noch einen Partner oder gar eine ganze Bande gibt."
„Nein." Rossi schaute entspannt von seiner Zeitung hoch. „Da können wir ganz beruhigt sein. Das hat Cotton alles alleine durchgeführt."
„Der Meinung bin ich auch." Hotchner nahm das Wort an sich. „Könnt ihr mir noch einen Moment zuhören, ich habe noch eine Bekanntgabe zu machen." Er machte eine kleine strategische Pause. „Ich habe gerade mit dem Direktor gesprochen. Wenn wir Angekommen sind, haben wir den Rest des Tages und zwei weitere Tage frei. Ich will keinen vor Donnerstag früh im Büro sehen. JJ, das gilt übrigens für alle. Wir brauchen mal etwas Ruhe. Etwas Zeit um abzuschalten und Abstand zu gewinnen."
„Klasse, endlich mal wieder im eigenen Bett schlafen." Prentiss streckte sich schon in genussvoller Erwartung.
„Will und Henry werden sich auch freuen, mich mal nur für sich zu haben." JJ atmete erleichtert tief durch.
Das Anschnallen-Zeichen leuchtete rot auf und ein kleiner Ruck durchzuckte das Flugzeug. Sie rollten der Startbahn entgegen.
„Schade, ich wollte euch eigentlich heute Abend zu mir einladen. Ich wollte kochen und einfach etwas quatschen." Frank schaute in die Runde. „Ist trotzdem Interesse da, oder lieber nicht?"
„Sicher kommen wir Sue. Oder Leute? Auf die paar Stunden kommt es nun auch nicht darauf an." Morgan schaute in die Runde. Alle nickten zustimmend und freuten sich auf den entspannten Abend.
Hotchner nahm hinter seinen Kollegen Platz und schnallte sich an. Entspannt verfolgte er die Unterhaltung.
„JJ", sprach Frank ihr junge Kollegin an, „Will ist natürlich auch herzlich eingeladen. Da ich ihn noch nicht kenne und ihr oft über ihn redet, würde ich mich freuen ihn endlich einmal persönlich kennenzulernen."
„Oh, er wird bestimmt gerne mitkommen. Danke."
Susanne lachte ihr offen zu.
„Gibt es einen besonderen Grund für die Einladung?" Hotchner hatte sich Frank direkt zugewandt.
Doch diese schüttelte nur den Kopf. „Nichts Besonderes. Ich dachte mir nur, dass es vielleicht mal ganz schön wäre, etwas in lockerer Atmosphäre zu unternehmen. Ich bin jetzt schon fast ein halbes Jahr hier bei euch und bis auf die Arbeit hat man fast kein anderes Gesprächsthema."
Morgan lachte: „Wisst ihr, was wir machen? Wenn einer in irgendeiner Weise von der Arbeit spricht, muss er Buße tun."
„Wie soll die Buße aussehen?" Prentiss schaute interessiert zu Morgan hinüber.
Der zog seine Schultern hoch. „Ich habe keine Ahnung!"
„Also in der Geschichte gibt es da einige interessante Möglichkeit. So gab es viele kirchliche Orden, die sich besonders im Mittelalter, durch körperliche Qualen einen Namen machten. Aber auch heute gibt es noch Sekten und vereinzelte Personen, die nicht nur durch schmerzliche Erfahrungen um Vergebung bitten."
Morgan boxte Reid freundschaftlich gegen den Oberarm.
„Hey!" Überrascht rieb sich Reid den Arm.
Alle lachten.
Rossi nahm den Faden wieder auf: „Ich glaube, ganz werden wir die Arbeit nicht aussparen können. Denn unser Beruf dreht sich nun einmal um Mord und Todschlag. Wir identifizieren uns durch unsere Fälle. Aber ich denke, wir werden einen angenehmen Abend verbringen."
Garcia wurde die Einladung ebenfalls übermittelt und wie die anderen Mitglieder sagte auch sie erfreut zu.
Eine Zeit lang wurde noch ausgelassen geredet. Dann wurde es immer ruhiger im Flugzeug und einer nach dem Anderen zog sich zurück und schloss die Augen.
Hotchner, der sich noch mit Schreibarbeiten beschäftigt hatte, schaute nachdenkend zu Frank hinüber. Sie saß auf der anderen Seite des Ganges, ihm schräg gegenüber. Zurückgelehnt, die Augen geschlossen, schien sie zu schlafen. Das Buch in dem sie erst noch gelesen hatte, lag vor ihr auf dem Tisch. Sie überraschte ihn immer mehr. Nicht nur, dass sie auch Will einfach mit eingeladen hatte, auch allen Anderen hatte sie angeboten, jemanden mitzubringen. Aber alle hatten es abgelehnt.
Er ließ seinen Blick über die Teammitglieder gleiten. Keiner von ihnen, ausgenommen JJ, hatte eine eigene Familie. Sie lebten alle nur für ihren Beruf. Bisher… Hotchner schob den aufkommenden Gedanken zur Seite, versuchte aber das Glücksgefühl der Hoffnung in seinem Inneren zu behalten.
Hotchner lehnte sich entspannt in seinen Sitz zurück und wieder fiel sein Blick auf Susanne Frank. Und plötzlich war er sich ganz sicher, dass es doch einen guten Grund gab, warum sie gerade heute das Team eingeladen hatte. Während ihrer Einladung hatten ihre Augen einen anderen Glanz angenommen. Sobald er im Büro war, wollte er sich noch einmal ihre Personalakte vornehmen und herausfinden, was er übersehen hatte.
„JJ!"
Jennifer Jareau sah zu Hotchner hoch. „Ich bin schon weg Hotch, versprochen!"
Hotchner hatte JJ von seinem Schreibtisch aus gesehen und war eilig auf den Flur vor seinem Büro getreten.
„Kannst du bitte noch kurz zu mir hereinkommen?!"
„Sicher. Ich bin gleich da."
Hotchner nickte ihr kurz zu und verschwand wieder in seinem Büro.
JJ ging weiter. Hatte Hotch nun doch noch einen neuen wichtigen Fall auf den Tisch bekommen? Nein, dann hätte er sofort das ganze Team zusammengetrommelt. Es war irgendetwas anderes. Er schien leicht angespannt, und doch erleichtert.
Kurz darauf stieg sie die Treppen zu seinem Büro hoch. Die Tür stand offen und so trat sie an die Tür klopfend ein.
„JJ. Setzt dich." Hotchner lächelte ihr entgegen. „Hast du schon zu Hause angerufen und dich für den ganzen morgigen Tag angemeldet?"
„Ja, und sie freuen sich schon auf mich. Will's Mutter ist gestern schon gekommen. Sie wird die Weihnachtsfeiertage bei uns verbringen. Und so hat Will den Vorschlag gemacht, ob wir nicht gleich heute noch auf die Jagd nach den besten Weihnachtsgeschenken gehen wollen." JJ freute sich sichtlich mal wieder mit ihrem Mann für ein paar Stunden alleine zu sein.
„Das passt gut. – JJ, kannst du noch ein Geburtstagsgeschenk für Susanne besorgen?"
Erstaunen bedeckte JJs Gesicht: „Heute!? Richtig!"
Hotchner nickte.
„Okay." Die junge Agentin schien sich zu sammeln. Sie schwieg einen Moment, bevor es aus ihr herausbrach: „Wie konnten wir das nur vergessen. Emily hatte mich am Donnerstag noch daran erinnert, als wir auf dem Weg zum Flugplatz waren."
„Ihr wusste es?"
„Ja, klar!" Erklärte JJ etwas peinlich berührt. „Und dann haben wir ihren Geburtstag durch die durchwachten Nächte völlig aus den Augen verloren."
Hotch überlegte, wo er war, als der heutige Tag begonnen hatte. Er hatte neben Susanne im SUV gesessen und mit ihr durch die Straßen patrouilliert.
In seinen Erinnerungen kam ein Bild auf: Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte 0:04 Uhr an. Das Bild begann sich zu bewegen und er sah seinen Blick wieder durch die Wohnsiedlung schweifen. Er sah Susanne vor sich, wie sie auf ihrer Seite aus dem Fenster blickte und ihre Sinne auf die Umgebung fixiert hatte. Erneut ergriff ihn der Drang einfach nach ihrer Hand zu greifen. Sie zu spüren…
„Ich werde Emily anrufen und mich mit ihr beraten."
„Das ist eine gute Idee." Hotchner zwang sich zurück in die Wirklichkeit und räusperte sich leicht.
JJ stand auf. „Ich gehe dann jetzt. Wir sehen uns später."
Hotchner dankte ihr mit einem Nicken.
Konfuzius:
„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es Dir – für immer."
Um halb Acht hatte sich das BAU-Team vor Franks Wohngebäude getroffen und war nun gemeinsam auf den Weg zu ihrer Wohnung.
JJ klopfte an die Tür mit der Nummer 28. Gespannt lauschten sie auf die Schritte, die sich lauter werdend ihnen näherten. Als die Tür geöffnet wurde riefen sie im Chor: „Happy Birthday!"
Frank war im ersten Moment überrascht. Sie hatten es also doch nicht vergessen. Nun, was erwartete sie. Emily und JJ hatte es gewusst und schließlich bestand das ganze Team aus Profilern. Ihnen entging offenbar wirklich nichts.
Lachend machte sie den Weg frei für ihre Arbeitskollegen. Emily Prentiss trat als Erste herein und schloss das Geburtstagskind herzlich in ihre Arme. JJ folgte ihrem Beispiel, dann folgten William LaMontagne und Rossi. Sie lachten und Frank wusste gar nicht, wie ihre geschah. Bei Reid begann ihr Gehirn endlich wieder zu arbeiten. Wie sollte sie sich IHM gegenüber verhalten? Sie spürte wie ihr Puls anfing zu rasen. Sie erwiderte Garcias Umarmung und sprach sich in Gedanken gleichzeitig Mut zu. ‚Lass es auf dich zukommen.'
„Eure Jacken könnt ihr dort hinten aufhängen. Nicht, dass ihr noch ins Schwitzen kommt." Alle lachten noch mehr. „Emily, du weißt ja Bescheid."
„Sue?..." Frank drehte sich um und völlig überrascht blieb sie starr vor Schreck stehen, als Morgan ihr Gesicht mit beiden Händen umschloss und ihr einen Kuss auf die Lippen drückte.
„Das war mein spezielles Geburtstagsgeschenk an dich!" Lachend und gut gelaunt folgte er seinen Kollegen in die Wohnung.
Hotchner trat auf Frank zu. Herzlich nahm er sie in die Arme und zog sie einen Moment feste an sich. In Franks Ohren rauschte das Blut, doch sie hörte seine Stimme, die ihr leise „Alles Gute" ins Ohr flüsterte.
Sie standen für den Bruchteil einer Sekunde da und schauten sich tief in die dunklen Augen.
„Danke!", erwiderte Frank leise, sie schluckte. Mit einer Handbewegung bat sie ihn in ihre Wohnung. Wie in Trance schloss sie die Wohnungstür und versuchte sich durch tiefes ein- und ausatmen wieder zu sammeln. Dann wandte sie sich an das Team und sagte laut: „Danke, dass ihr alle gekommen seid. Ich hoffe, ihr werdet den Abend genießen."
„Ganz bestimmt." Morgan schaute sich neugierig in der Wohnung um.
„Ich würde sagen, ihr bedient euch bei den Getränken einfach mal selber. Es steht alles dort drüben… Entschuldigt mich bitte einen Moment, ich muss gerade mal in die Küche verschwinden." –
Hotchner hatte seine Jacke ausgezogen und hängte sie zu den anderen an die Garderobe, als ihm Frank im Flur begegnete.
„Du hast es dir hier richtig gemütlich gemacht."
Frank lachte und ließ dabei ihren Blick durch die Wohnung schweifen. „Ein bisschen. Das Nötigste. Wenn ich noch länger hier wohnen würde, hätte ich noch mehrere persönliche Sachen hier herumstehen. Viele Sachen sind zwar schön, aber sie spiegeln nicht unbedingt meinen Geschmack wieder."
„Diese Wohnungen werden mit Möbel vermietet, oder?"
„Ja. Aber für das eine Jahr muss es reichen."
Hotchner lächelte sie verstehend an. Er hätte nicht anders gehandelt. „Kann ich dir in der Küche zur Hand gehen?"
Frank war überrascht über das Angebot. „Ja,… sicher." Sie ging voraus in die Küche und versuchte ein unbefangenes Gespräch aufzubauen: „Du kannst mal probieren, ob ich euren Geschmack getroffen habe. Ich habe mich für ein deutsches Gericht entschieden. Fastfood und dergleichen, könnt ihr euch hier an jeder Ecke besorgen." –
„Wo ist Hotch abgeblieben?" Rossi hatte von Morgan ein Glas Wein entgegengenommen und schaute sich suchend um.
„Vielleicht hilft er Sue in der Küche." Schlug Morgan vor.
„Möglich. Ich sehe mal nach, ob sie noch Hilfe gebrauchen." Rossi, der leidenschaftliche Koch, verschwand im Flur. –
Hotchner füllte Gemüse und Kartoffeln in Schüsseln, während Frank sich um die Soße zum Braten kümmerte. Amüsiert beobachtete sie Hotchner aus den Augenwinkeln heraus und war erstaunt, wie geschickt er die Handgriffe ausführte.
Vorsichtig ließ sie einige Tropfen der dunkelbraunen Flüssigkeit auf einen Teelöffel tropfen und versuchte durch leichtes pusten, die Soße etwas abzukühlen. Vorsichtig setzte sie den Löffel an die Lippen und ließ sich die Soße über die Zunge laufen.
Zufrieden schluckte sie die Soße hinunter.
„Hotch, das musst du probieren… Warte, ich hole eben einen neuen…" Sie wandte sich ab, als sie eine Hand am Handgelenk packte. Ein Kribbeln ging von dieser Berührung aus und erfasste in Sekundenbruchteile ihren ganzen Körper. Verwundert drehte sie ihren Kopf zurück.
„Ich brauche keinen neuen Löffel." Hotchner nahm ihr den Teelöffel aus der Hand und hielt ihn Frank hin, damit sie ihm etwas von der Soße hinein tröpfeln konnte.
„Heiß." Hauchte Frank. Es verlangte all ihre Kraft, ruhig zu bleiben und dieses eine Wort herauszubringen.
Hotchner pustete leicht über den Löffel. Dabei ließ er Frank aber nicht aus den Augen.
„Hotch!?" Rossis Stimme erklang im Flur und holte die beiden Personen in der Küche in die Wirklichkeit zurück.
„In der Küche." Auch Hotchners Stimme schien nicht ganz fest zu sein. Eilig ließ er Franks Handgelenk los und schob mit der anderen Hand den Löffel in den Mund. Genussvoll ließ er den Geschmack der Soße auf sich wirken.
„Hey, kann ich euch helfen?" Rossi schaute durch die offene Tür herein und kam dann neugierig näher.
„Mmmmh… Das ist…" Hotchner fand nicht die richtigen Worte. „Kann ich noch mehr bekommen?"
„Was hast du probiert?" Rossi schaute ihnen über die Schulter in den Topf.
„Die Soße kommt jetzt mit den anderen Sachen auf den Tisch. Sonst bleibt ja nichts mehr übrig, wenn ihr sie schon vorher aufesst." Frank drehte sich plötzlich gut gelaunt wieder dem Herd zu. „Ihr könnt schon mal die Schüsseln da mitnehmen. Ich komme dann gleich mit dem Fleisch nach."
Gemütlich saßen sie noch um den festlich geschmückten Tisch. Dem Essen hatten sie mit Hunger und Neugier zugesprochen und Frank war froh über das Lob und die gute Laune, die sie alle versprühten.
„Will", Morgan saß Jareau Lebensgefährten am Tisch gegenüber, „sei ehrlich: Vermisst du die Gangsterjagd nicht doch?"
„Ja, manchmal schon. Aber meine Familie ist jetzt hier."
„Hast du schon bei der hiesigen Polizei vorgesprochen? Einen beherzten Mann können die immer gebrauchen."
„Nein, habe ich noch nicht. Henry brauchte mich noch." Will hatte nach JJs Hand gegriffen, die neben ihm auf dem Tisch lag und drückte sie leicht.
„Wir haben für Henry aber einen Kindergartenplatz bekommen. Ab nächsten Sommer geht er dann jeden Tag aus dem Haus." JJ schien traurig. Und Hotchner ahnte warum. Er hatte auch nicht viel von seinem Sohn gehabt.
„Wir könnten eine Verbindung zum Chef herstellen, Will … Oder möchtest du zurück nach New Orleans?" Das leise Surren eines Handys erklang während Rossi sprach.
„Nein", Will schüttelte entschieden seinen Kopf und sah JJ nun direkt an. „Ich gehöre hierher, zu meiner Familie."
„Entschuldigt mich kurz. Das ist Jack." Hotchner erhob sich und verschwand in den Flur.
„Das ist gut so." Prentiss, die neben Morgan saß, zwinkerte JJ verschwörerisch zu.
JJ schmiegte sich vertrauensvoll an Will. „Ich hätte keinen besseren finden können."
„Danke…" Will drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Scheitel. „Wir müssen uns aber langsam verabschieden JJ."
„Ist es schon so spät?" JJ fuhr erschrocken hoch und warf einen Blick auf ihr Handy bevor sie sich an ihre Kollegen wandte: „Wir müssen jetzt leider los. Jean hat nicht länger Zeit auf Henry aufzupassen."
„Ich komme mit euch runter. Ich wollte morgen früh aufstehen und die ersten Geschenke besorgen. Vielleicht schaffe ich es ja diesmal nicht alles in der letzten Minute zu besorgen." Prentiss erhob sich zusammen mit JJ und Will.
„Aber ihr bleibt noch etwas?" Frank sah die restlichen Gäste beschwörend an.
„Wir würden schon gerne. Zumal es ein wunderschöner Abend war." Begann Morgan und Rossi fuhr fort: „Aber du weißt selber wie viel du zu tun hast, wenn du mal für einige Zeit zu Hause bist. Ehrlich gesagt, habe ich mir für die nächsten zwei Tage so viel vorgenommen, dass ich nicht die Hälfte davon schaffen werde."
Frank lachte zu den ernsten Worten des erfahrenden Ermittlers. Sie war nicht im Geringsten böse, denn auch sie hatte mit dem Aufräumen und dem verschicken der ersten Geschenke die nächsten Tage verplant.
Lachend stand sie noch in der Tür und winkte den Kollegen hinterher, bis sie sie im Häuserblock nicht mehr sehen konnte. Die Stille der Nacht legte sich über ihre Wohnung und sie schloss erleichtert und müde die Tür.
Die Musik, die zuvor nur leise im Hintergrund zu hören war, stellte sie etwas lauter und machte sich daran den Tisch abzuräumen. Sie stapelte das Geschirr und stellte es auf das Tablett auf dem Sideboard. Die Reste der Kerzen, die sie als Dekoration auf dem Tisch stehen hatte, brachte sie in den Flur. Dort öffnete sie die Türen eines Schrankes und kniete sich nieder.
Plötzlich trat jemand neben sie. Frank hielt erschrocken inne. Ihre Herzschlag erhöhte sich…
„Wo sind alle? Es ist so ruhig."
Hotch hatte sie völlig vergessen!
Frank antwortete nicht sofort. Während sie die Kerzenstummel in den Schrank packte, atmete sie tief durch, um ihren Herzschlag wieder zu beruhigen.
„JJ und Will konnte nicht länger. Der Babysitter… Das hat eine allgemeine Aufbruchsstimmung ausgelöst." Langsam erhob sich Frank und schloss die Schranktüren. Ihr Herz raste noch immer und die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich: ‚Ist das noch der Schreck oder seine bloße Anwesenheit und das bewusste Wissen, dass wir beiden ganz alleine sind?'
Frank spürte seine Hände auf ihren Oberarmen, die sie langsam zu ihm umdrehten. Doch sie vermochte nicht zu ihm aufzusehen, denn sie war sich nicht sicher, ob sie ihre Gefühle weiterhin unterdrücken konnte.
Hotchners warme Hand berührte zärtlich ihr Kinn und hob sanft ihren Kopf an. Langsam erhob Frank dann doch ihren Blick und sah in seine dunklen Augen. Voller Wärme begegnete er ihrem Blick. Er schluckte, strich mit seiner Hand langsam über ihre Wange. Frank schloss die Augen und spürte einen angenehmen Schauer über ihren Rücken fließen, als Hotchner seine Finger in ihre Haare grub und ihren Kopf langsam zu sich heranzog. Sanft trafen ihre warmen, weichen Lippen aufeinander. –
Tief durchatmend lösten sie sich voneinander und schauten sich erneut in die Augen. Frank spürte, sie wollte wieder mehr. Aber sie war sich nicht sicher, ob Hotch es auch wollte. Schließlich hatte er sie schon einmal geküsst und dann weggestoßen.
„Susanne, ich…" Begann Hotchner zu sprechen. Doch Frank war schneller und legte ihm ihre Finger auf die Lippen.
„Psst… Ich weiß, dass es nicht sein darf. Wenn du es wünscht, werde ich schon Morgen meinen Dienst bei euch beenden."
Hotchner zog sie sanft an sich und bettete ihren Kopf an seine Schulter. Ihre Worte hatten wieder diesen gewaltigen Schmerz des Verlustes in seinem Körper ausgebreitet.
Schweigend standen sie da.
Leicht verwirrt wartete Frank auf eine Reaktion. War jetzt alles vorbei? Sie zog seinen Geruch tief in ihre Lungen ein. Sie hatte das Gefühl, als wenn sich in ihrem Kopf noch mehr Nebel ausbreitete und ihr der Boden unter den Füßen fortgezogen wurde. So stark hatte sie noch nie für jemanden empfunden!
Hotchner zog Frank enger an sich. Sanft ließ er seine Hand ihren Rücken hinauf gleiten, fuhr ihren Nacken entlang bis zu ihrem Haaransatz. Er spürte, wie sie unter seinen Berührungen erzitterte. Leicht neigte er seinen Kopf und schmiegte sich an sie.
„Susanne", setzte Hotch erneut an, „ich liebe dich!"
Frank ließ sich nichts anmerken, sie war sich nicht sicher, ob sich ihr Verstand nicht einen Streich mit ihr erlaubte. Doch Hotch fuhr fort: „Schon als ich dich zum ersten Mal im Büro des Direktors sah, habe ich es gespürt. Ich konnte… ich wollte es nur nicht wahrhaben… zulassen.
Ich möchte nicht, dass du je wieder aus meinem Leben verschwindest!"
Sachte bewegte sich Frank in seinen Armen und schaute zu ihm hoch. Endlich fand sie den Mut und reagierte aktiv. Sie schob ihre Hand über seine Brust und legte sie auf seine rasierte Wange. Leicht fuhr sie mit ihrem Daumen die Konturen seiner Lippen nach. Diesmal hatte Hotch seine Augen geschlossen. Diesmal genoss er die prickelnde Zärtlichkeit ihrer Berührungen.
„Ich liebe dich auch Aaron."
Hotch öffnete langsam seine Augen. Erleichterung konnte Susanne in ihnen lesen. Tiefe, lodernde Liebe. Sanft legte er seine Lippen erneut auf ihre. Doch die Leidenschaft wurde diesmal unerträglich, für beide. Susanne spürte seine Hände auf ihrer bloßen Haut und begann ihrerseits die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Willig folgte sie Hotchs wortlosen Aufforderung ihre Arme zu heben. Ihr Shirt fiel kurz darauf neben ihr zu Boden.
Kaum waren ihre Hände wieder frei, zog sie energisch sein Hemd aus dem Hosenbund. Langsam ließ sie ihre Hände unter den Stoff gleiten und berührte seine warme Haut.
Für einen kurzen Moment zuckte Hotch zusammen. Es schien, als wollte er sich ihren Händen entziehen.
„Was?" Überrascht ging Susanne auf Abstand, zog ihre Hände zurück und schaute ihn ängstlich fragend an. War sie zu weit gegangen?
„Es hat sie noch niemand gesehen, geschweige denn berührt…" ‚… noch nicht einmal Jack', fügte er in Gedanken an. Zuerst war sich Susanne nicht bewusst, was er meinte, doch dann sah sie die weißen, teilweise noch leicht rötlichen Striemen auf seiner Haut. Die Narben!
„Er hat sich auf dir verewigt. Du wirst ihn nie vergessen." Sie sah Hotch in die Augen und er bestätigte: „Nie!"
Während Susanne seinen Blick gefangen hielt, hob sie langsam erneut ihre Hand und legte sie auf eine der Narben. Sie spürte augenblicklich seine angespannten Muskeln unter der Haut, seinen stoßweisen Atem. Sie ließ ihm Zeit…
