10 - … Weihnachtszeit (Teil 2)
„Hohoho, frohe Weihnachten!" Klang es in der ganze Stadt. Überall gingen Männer in Weihnachtsmannkostümen durch die belebten Straßen von New York City. Die Meisten schwangen dabei ein Glöckchen in der Hand und versuchten die herumhetzende Menschenmasse in eine fröhlichere Stimmung zu versetzen. Andere trugen dicke und wie es schien prallgefüllte Säcke mit sich herum. Sie gingen meistens nur vor einem Geschäft hoch und runter und versuchte die Menschen anzulocken.
New York City. Das ganze Jahr über von allen Nationalitäten bewohnt, schien die Stadt in der Advents- und Weihnachtszeit noch multikultureller zu werden. Die Menschen schwärmten aus den U-Bahnhöfen, drangen in die großen, mit bunten Lichtern herausgeputzten Geschäftshäuser ein und wieder heraus. Sämtliche New Yorker und Zugereiste schien in der ganzen Stadt unterwegs zu sein.
Die Dämmerung zog über das Land, doch der Fluss an Menschen schien nicht stoppen zu wollen.
„Hallo Santa!" Der angesprochene Mann drehte sich zu der Stimme um. „Könntest du mir helfen, ich weiß nicht mehr wo ich genau bin."
„Aber sicher." Die Weihnachtsmänner waren angehalten zu jedem höflich und zuvorkommend zu sein. Dazu gehörte es auch, die Menschen wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
Die Karte in der Hand des Fremden schien schon reichlich abgenutzt zu sein. Doch ohne Orientierung würde der Mann nie sein Ziel erreichen.
„Wo willst du den hin?"
„Nach Little Italy."
„Das ist nicht schwer. Du folgst einfach dieser Straße und hältst dich am Ende rechts. Dann musst du allerdings einige Blocks laufen. Am einfachsten ist es, du setzt dich in die U-Bahn, dann sind es nur zwei Stationen."
„Vielen Dank." Die Stimme des Fremden wurde härter, fester und sehr bestimmend. Überrascht spürte der Weihnachtsmann eine kalte Klinge an seinem Hals. „Komm mit. Und keinen Pieps, dann passiert dir auch nichts."
Verstört ließ sich der Weihnachtsmann in eine dunkle Seitengasse ziehen. Hier wurde ihm der weiße Rauschebart heruntergerissen. „Wieder eine Fälschung!... Immer wieder diese Irreführung… Das ist nicht gut!"
Ohne zu zögern und ohne auf besondere Vorsicht zu achten stach er dem Weihnachtsmann mit dem Messer in die Brust.
Die vielen Stimmen, die den ganzen Tag wild durcheinander erklangen, waren verstummt. Totenstille hatte sich über die Geschäftsräume der Einkaufspassage gelegt.
Der Knall einer zufallenden Tür durchschnitt noch ein letztes Mal die Stille, dann war kein Mucks mehr zu hören und die Geschäftswelt war verschwunden.
Der große rot-goldene Schlitten, von zwei Plüschrentieren gezogen, stand in der Mitte der Passage und warf einen geheimnisvollen Glanz über die Welt. Ein dicker brauner Sack lag hinten auf dem Schlitten und es schien, als wenn Santa jeden Moment wieder auftauchen und mit seinem Schlitten davonfliegen würde.
Da! Ein leises Geräusch erklang in der Ferne. Schleifen… gedämpfte Schritte… Plötzlich stand eine dunkle Gestalt auf dem Schlitten und hievte Santa hoch.
Doch wie hatte Santa sich verändert. Sein voller weißer Bart hing ihm um den Hals, die weißen Augenbrauen und Haare fehlten. Auch sein Bauchumfang hatte sich wesentlich verändert. Das Kostüm hing nur noch schlaf und unförmig an ihm herunter.
Die dunkle Gestalt stieg vom Schlitten hinunter und begutachtete aus einiger Entfernung das Werk. Er schien zufrieden. Dann kam ihm eine Idee: Er nahm die Zügel, die locker über dem Rand des Schlitten gelegt waren und drückte sie in die Händen des gefälschten, toten Santa.
Susanne lag in Hotchs Armen. Eng an ihn geschmiegt, ruhte ihr Kopf auf seiner Brust. Sie spürte jeden Atemzug, den er tief in seine Lungen zog. Ein kurzer Blick auf die Uhr auf ihrem Nachttisch ließ sie zusammenfahren. Konnte es sein, dass sie nun schon fast zwei Stunden wach dalag und die Nähe des Mannes in ihrem Bett genoss? Oder war sie etwa wieder eingeschlafen? Die Zeit war auf jeden Fall wie im Fluge vergangen und sie wünschte sich, dass es unendlich so weitergehen würde.
Doch Susanne wusste, dass sie diese Atmosphäre langsam zerstören musste. Leicht strich sie Hotch über den Brustkorb. Es war so schön neben ihm zu liegen. Ein Gefühl der Geborgenheit überkam sie, Dankbarkeit. Beide überspielten die rastlose Unruhe, die seit Jahren in ihrem Inneren rumorte.
Eine Bewegung in ihrem Blickfeld ließ sie in die Wirklichkeit zurückkehren. Hotch hatte seine freie Hand auf ihre gelegt. Eingeklemmt zwischen seiner Haut hob sie ihren Kopf und schaute ihn an. Mit einem Lächeln auf den Lippen und geschlossenen Augen lag er da. Hatte sie sich doch getäuscht und er hatte sich nur im Schlaf bewegt? Doch Hotch öffnete blinzelnd seine Augen. Durch schmale Schlitze schaute er sie an.
Susanne legte ihren Kopf wieder zurück auf seine Brust.
„Guten Morgen!" Susanne spürte seine Hand, die eine Haarsträhne leicht hinter ihr Ohr klemmte. „Guten Morgen", erwiderte sie leise.
Hotch bemerkte wie sich die Muskeln der Frau in seinen Armen verspannten: „Bereust du es?"
Susanne schüttelte einfach nur ihren Kopf. „Du?"
„Nein! Überhaupt nicht." Kam die ehrliche Antwort ohne das leichteste Zögern.
Erleichtert atmete Susanne aus. „Und…" „Hast du…" Begann Hotch gleichzeitig. Sie lachten.
Susanne schaute kurz zu ihm hoch. „Fang du an."
Hotch brauchte einen Moment. „Ist da jemand, der auf dich wartet?"
„Nein." Susanne hörte ihn erleichtert ausatmen. „Was machen wir jetzt? Alles vergessen und so weitermachen, als wenn diese Nacht nicht geschehen wäre?"
Entsetzt zog Hotch seine dunklen, vollen Augenbrauen zusammen. „Möchtest du das?"
„Nein."
„Ich auch nicht." Susanne konnte die Erleichterung in seiner Stimme hören und die zärtliche Hand fühlen, die leicht ihren Rücken hoch und runter strich. „Nur… wir haben diese Vorschriften. Es ist besser, wenn man berufliches und privates getrennt hält… Genau das habe ich in den letzten Wochen versucht…Ich kann es aber nicht!"
„Wir sollte uns in aller Ruhe darüber Gedanken machen. Jetzt überstürzt eine Entscheidung zu fällen, wäre nicht klug."
„Das stimmt … Außerdem haben wir zwei freie Tage, an denen wir uns entspannen sollen." Hotch träumte lächelnd vor sich hin.
„Und du an Jack denken musst. Du wolltest ihn von der Schule abholen."
„Wieso, wie spät haben wir es denn schon?" Hotch sah zum Fenster, wo hell die Sonne schien.
„Es ist nach zehn."
„Zehn?" Erstaunt krauste sich seine Stirn. „Ich weiß gar nicht mehr wie es ist, länger als zwei, drei Stunden an einem Stück zu schlafen."
„Die Anderen haben mir schon erzählt, dass du schlecht schläfst. Deshalb habe ich dich ja auch schlafen lassen."
„Wie lange bist du schon wach?"
„Gegen acht bin ich aufgewacht… Aber ich habe die Zeit genossen." Susanne strich wieder sachte über seinen Körper und mit leichten Küssen suchte sie sich ihren Weg über Brustkorb und Hals zu seinen wartenden Lippen.
„Gab es irgendwelche Probleme in der letzten Nacht?" Der Sicherheitschef Mr. Portman stand vor seinen uniformierten Mitarbeitern.
„Nichts Chef, alles war ruhig." Antwortete einer von der Nachtschicht.
„Habt ihr alles kontrolliert? Können wir die Türen öffnen?" Das zustimmende Kopfnicken der Anwesenden lockerte seine Anspannung.
„Gut, dann habt einen schönen Tag, es wird wieder viel zu tun geben." Portman drückte auf einen Knopf und automatisch öffneten sich die großen Glastüren an den drei Eingängen. Seine Augen richtete er dabei auf die Überwachungsbildschirme.
Jeden Tag war er aufs Neue überrascht, wie viele Menschen hereinströmten. Und aus seiner Erfahrung der letzten zwei Jahrzehnten wusste er, dass sich dieser Strom in den nächsten vierzehn Tagen noch um ein vielfaches vergrößern würde.
Wie eine große Welle drangen plötzlich laute Stimmen bis in die Sicherheitszentrale. Unruhe schien sich unter den Besuchern breit gemacht zu haben.
Da musste etwas Außergewöhnliches passiert sein. Ansonsten hätte die Luft das Geräusch eines fleißigen Bienenschwarms, ein gleichmäßiges Summen, erfüllt.
„Die große Halle auf den Hauptbildschirm!" Der Chef der Einheit drehte sich um hundertachtzig Grad. Das Bild auf der großen Leinwand veränderte sich. Die Rolltreppen, die in die oberen Etagen führten erschienen. In der Mitte der Schlitten mit den Rentieren und einer großen Menschenmenge, die sich in gebührend großen Abstand um diesen versammelt hatte. Einige Arme zeigten ausgestreckt auf den Schlitten.
„Santa soll doch heute Nachmittag erst auftreten. Zoomt den Schlitten heran." Das Sicherheitspersonal stand geschlossen vor dem Bildschirm und verfolgten das Geschähen nur wenige Meter von ihnen entfernt.
„Oh mein Gott." Erklang eine Stimme aus dem Hintergrund. „Da sitzt jemand auf dem Schlitten."
„Er rührt sich nicht."
„Ein Obdachloser? Smith, Karl. Gehen sie und wecken sie ihn. Die Anderen auf ihre Posten."
Schnell leerte sich der Raum.
„Dad!" Jack kam auf seinen Vater zugerannt.
„Jack", lachend nahm Hotchner seinen Sohn in den Arm, „Na, wie war die Schule? Hast du viel gelernt?"
„Ja… Gehen wir jetzt Weihnachtsgeschenke kaufen?" Jack war schrecklich aufgeregt. Hotchner konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Er war heute im Unterricht bestimmt nicht der Aufmerksamste gewesen.
„Steig ein, dann können wir starten."
Gemeinsam wollten sie ein schönes Geschenk für Tante Jessica besorgen und sich in das Weihnachtsgetümmel werfen.
„Chef! Smith ist dran." Portman hatte sich in sein Büro zurückgezogen und sich an den täglichen Papierkram gemacht. Jetzt sah er auf und nahm das Funkgerät entgegen.
„Ja Smith, was gibt's?"
Er hörte die lauten Nebengeräusche aus der großen Halle, als Smith leise Stimme durchdrang.
„Er ist tot. Wir brauchen die Polizei."
„Nein…" Entsetzt hatte sich Portman aufgesetzt. „Ist das Sicher?"
„Leider ja. Er ist schon kalt."
„Gut, ich verständige die Polizei und schicke euch Verstärkung." Er legte das Funkgerät vor sich auf den Tisch. „Und das während der Weihnachtszeit. Das gibt ein Aufsehen. Wie soll ich das den Vorstandsvorsitzenden erklären?"
„Hey ihr Zwei! Wie war euer Nachmittag?"
Aaron Hotchner und sein Sohn Jack waren endlich wieder zu Hause. Müde und erfüllt von dem allgemeinen Weihnachtstrubel zogen sie ihre Jacken aus und hängten sie an die Garderobe.
„Hallo Tante Jessica." Jacks Gesicht strahlte. Er nahm die Plastiktüten schnell wieder auf und hielt sie hinter seinem Rücken versteckt. „Ganz toll. Wir haben alles gefunden, was wir gesucht haben."
„Pst Jack, nichts verraten." Hotchner legte ihm seine Hand auf die Schulter und schob ihn die Treppe hinauf. Lachend zwinkerte er seiner Schwägerin verschwörerisch zu und gemeinsam verschwanden Vater und Sohn in den oberen Räumen.
„Das Essen ist gleich fertig. Macht nicht zu lange Jungs."
„Wir sind gleich zurück." –
„Da sind wir… Mmh, riecht das wieder lecker." Jack und Hotchner setzten sich hungrig zu Jessica an den gedeckten Tisch. Während des Essens läutete plötzlich das Telefon und unterbrach die angeregte Unterhaltung. Hotchner stand auf und nahm den Hörer von der Ladestation.
„Hotchner", meldete er sich. „Guten Abend Sir, … ja… ja ich verstehe, aber…" Er fuhr sich mit der Hand über das müde Gesicht. „Nein, ich war den ganzen Tag unterwegs… Ich werde dem Team bescheid geben. Wir sind Morgen früh startklar… Gut, ich werde es mir gleich ansehen, Sir… Gute Nacht, Sir."
„Du musst schon wieder weg? Ich dachte ihr hättet mal zwei Tage frei?"
Hotchner drehte sich zu seiner Schwägerin um. „Das dachte ich auch. Aber New York braucht uns." Er ging zum Fernseher und schaltete ihn ein. Augenblicklich erschien die Szene in der Einkaufspassage auf dem Bildschirm. Ein frech grinsendes grünliches Gesicht hatten die Fernsehleute links oben in der Ecke eingespielt. Jessica trat interessiert neben ihn.
„Leute, der Grinch geht in unsere Stadt um… Der Santa in der Manhattan Mall ist nicht das erste Opfer, wie uns die Polizei heute mitteilte. Jemand scheint da draußen etwas gegen Santa zu haben…"
Hotchner stellte den Ton aus und senkte seine Stimme: „Die ersten hat er in Privatgärten abgelegt."
„Ich verstehe, dass du da hinmusst. Du denkst an Jack und die anderen Kinder, richtig?"
„Woran sollen sie denn noch glauben, wenn er ihnen nun auch noch Santa wegnimmt."
„Was denkst du, was in diesem Typen vorgeht?"
Hotchner sah sie an. „Ich weiß es noch nicht. Dazu muss ich erst mehrere Details erfahren."
Er nahm sein Handy vom Sideboard. „Ich bin gleich zurück, ich muss nur den Anderen bescheid geben, damit sie sich auf den schnellen Abflug morgen vorbereiten."
‚Sorry, aber es geht um den Weihnachtsmann! Morgen 7 a.m. im Flugzeug!'
Emily Prentiss saß mit dem dunkelhaarigen Mann, der sie vor ein paar Tagen auf dem Parkplatz des FBIs angesprochen hatte, in einem gemütlichen Restaurant und genoss die schmachtenden Blicke, die er ihr zuwarf.
Schon am Klingelzeichen erkannt sie, dass die Nachricht dienstlich war. Erstaunt nahm sie ihr Handy zur Hand.
Wie überall stand auch hier ein Fernseher im Raum und zeigte die neuesten Nachrichten. Der Ton war abgestellt, doch sie konnte einen Schlitten und den Grinch erkennen.
„Tut mir leid Jeff, aber aus unserer Verabredung für das Schlittschuhlaufen wird Morgen leider nichts. Ich muss zur Arbeit."
„Schade", er legte ein winselndes Hundegesicht auf, „kannst du nicht einfach schwänzen?"
„Nein, kann ich nicht. Das kennst du doch von deinem Bruder. Marc muss auch immer springen, wenn man ihn ruft." Emily fragte sich plötzlich, was sie an diesem Mann ihr gegenüber gefunden hatte. Er sah gut aus, ja, aber mit diesem Verhalten konnte sie nichts anfangen. Sie waren doch keine Studenten mehr. Man könnte fast meinen, er hätte den Sprung ins Erwachsenenleben verpasst.
Wie Prentiss und Hotchner versuchten sich die restlichen Teammitglieder mehr oder weniger erfolgreich über die Vorfälle zu informieren. Wenn sie nicht schon wie Rossi die Nachrichten im Fernsehen interessiert verfolgt hatten.
Frank hatte sich vor dem Fernseher niedergelassen, das Handy noch in Händen, als es erneut klingelte. ‚Hotch ruft an' stand im Display. Okay! Sie atmete tief durch und nahm das Gespräch an: „Hey."
„Hallo. Hast du die SMS bekommen?"
„Ja." Sie versuchte die angespannte Situation zu überspielen. „Damit wäre der freie Tag wohl Geschichte."
„Ja, schade. Ich hatte mich schon darauf gefreut… Wir könnten ihn aber nachholen!?" Hoffnung erfüllte seine Stimme.
„Das können wir." Einen Moment schwiegen beide. Susanne hörte ihn am anderen Ende tief einatmen.
„Kommst du damit klar?"
„Mir vor den anderen nichts anmerken zu lassen?! … Ja! Und du?"
Hotch schien sich nicht ganz so sicher zu sein. Es schien Susanne endlos, bis er vage antwortete: „Ich denke schon."
„Du schaffst es. Die Konsequenzen kennst du."
„Ja… ja, ich schaffe es."
Sie schwiegen.
„Dad, das Essen wird kalt." Susanne konnte Jack auf der anderen Seite der Leitung hören.
„Ich komme. Zwei Minuten noch, okay?" Hotchs Stimme klang immer so weich und liebevoll, wenn er mit seinem Sohn sprach… So wie in der letzten Nacht.
Anscheinend war der Junge wieder verschwunden, denn Hotch sprach wieder zu ihr: „Wir sind gerade beim Essen."
„Ist schon in Ordnung. Wir sehen uns Morgen."
„Es macht mich wahnsinnig, zu wissen, dass du ganz alleine zu Hause sitzt … ich vermisse dich!"
Susanne lächelte. „Ich denke auch ständig an dich! ... Wir müssen jetzt auflegen. Gute Nacht Aaron."
„Gute Nacht." Dann hörte Hotch nur noch das Piepen der unterbrochen Leitung.
„Hey Hotch", Morgan verstaute seine Tasche und setzte sich quer auf einen der Einzelplätze im Flugzeug.
„Morgen." Hotchner hatte einen Stapel Akten unter seinen Arm geklemmt und bugsierte seine Reisetasche und die Aktentasche an seinen Kollegen vorbei.
„Ich habe momentan das Gefühl, dass die Menschen langsam nur noch durchdrehen. So oft, wie in diesem Jahr sind wir noch nie gerufen worden."
„Gerufen schon, nur wir konnten nicht mehr Fälle bearbeiten… Aber vielleicht sind wir schneller geworden!" Hotchner hatte seine Taschen verstaut, ließ eine der Mappen auf den Sitz hinter Morgan fallen und legte die restlichen auf den Tisch.
„Wirklich New York City?"
„Ja." Der Teamchef zog seine dicke Jacke aus und ging in den kleinen Raum im hinteren Teil des Flugzeuges.
Morgan sah interessiert hinter ihm her und angelte sich dann eine der Mappen vom Tisch. „Da ist der Teufel los zu Weihnachten!"
„Ich weiß", antwortete Hotchner nur, während er seine Jacke in den Garderobenschrank hängte.
Stimmen wurden draußen laut. Endlich kam der Rest des Teams. Ob Susanne auch dabei war? Hotchner war sich nicht sicher, ob sie es wirklich hinbekamen ihre Gefühle zu unterdrücken. Die nächsten Minuten würden es zeigen.
Der Vorhang bewegte sich und Prentiss, Reid und Rossi traten ein. Hotchner fühlte Enttäuschung in sich aufsteigen.
Eine allgemeine Begrüßung wurde ausgetauscht. Dann bewegte sich endlich wieder der Vorhang und sie betrat den Raum. Sein Blick blieb auf ihr haften und verfolgte jede ihrer Bewegungen.
Frank wagte hingegen nicht ihn anzusehen. Sofort beim Eintreten hatte sie ihn in dem Menschentumult entdeckt und jeden möglichen Augenkontakt vermieden.
„Ist das kalt draußen." Prentiss rieb ihre Hände aneinander. „Wie sieht es aus? Hat schon einer Prognosen für weiße Weihnachten?"
„Das kommt ganz darauf an, wo du Weihnachten verbringen wirst Emily." Reid ließ sich auf den Sitz vor Morgan nieder.
„Hahaha… So schlau war ich auch schon. Ich fliege nach New Orleans. Meine Mutter hat dort Bekannte, die sie eingeladen haben. Weihnachten ist für sie aber ein Familienfest, deshalb darf ich ebenfalls meine Sachen packen und mitkommen."
Frank verstaute unterdessen intensiv ihre Sachen, bis sie wirklich nichts mehr daran zu tun hatte und wartete bis sich ihre Kollegen gesetzt hatten.
„Der Staat Mississippi ist eigentlich nicht für Schnee berühmt. Die Durchschnittstemperatur im Dezember liegt bei 13 Grad Celsius." Reid sah Prentiss mitleidig an.
„Aber vielleicht hast du ja Glück und kannst wenigstens mit Schnee in die Weihnachtsferien starten." Wandte Morgan ein.
Frank sprach ein Dankgebet gen Himmel, als sie bemerkte, dass sich Prentiss und Rossi direkt vor ihr auf der gleichen Tischseite niedergelassen hatten. Eilig schritt sie den Gang entlang und ließ sich erleichtert auf den Fensterplatz ihnen gegenüber nieder. Prentiss schaute sie lächelnd an und sie versuchte möglichst gelassen zurückzulächeln.
„Wo bleibt JJ? Hat sie schon jemand gesehen?" Hotchner fühlte sich nervös, so wie damals, als er seinen ersten Fall als Teamchef leitete.
„Ich bin hier." Die blonde Frau stand plötzlich vor ihnen. „Ich habe im Cockpit bescheid gegeben, dass wie starten können." Schnell packte sie ihre Sachen in den Schrank und setzte sich neben Frank.
„Gut, dann sollten wir beginnen." Hotchner setzte sich etwas vor. „Als Erstes tut es mir leid, dass ich euch vorzeitig zurückrufen musste und ihr die versprochenen freien Tage nicht hattet. Ich hoffe, ihr hattet für heute nicht schon etwas Wichtiges geplant."
„Nur Weihnachtsgeschenke kaufen." Wandte Morgan grinsend ein. „Aber dafür eignet sich unser Ziel ja schätzungsweise noch viel besser."
Ein leichtes Schmunzeln erschien auf Hotchners Gesichte, dann wurde er wieder ernst.
„Agent Fowler aus New York hat unser Team angefordert und um schnelle Hilfe gebeten. Er hat einen Serienkiller in der Stadt, der es auf Santa Claus abgesehen hat."
„Der Grinch." Warf Rossi ein. „Die Nachrichten sind schon voll davon. Es wurde Zeit, dass sie uns rufen."
Bestätigend nickten die restlichen Teammitglieder. Sie mussten das Weihnachtsfest retten. Das waren sie besonders den Kindern schuldig. Wer sollte ihnen die Geschenke bringen, wenn Santa nicht mehr lebte?
„Er soll das Opfer in der Weihnachtsdekoration in der Manhattan Mall abgelegt haben?!" Morgan sah fragend zu Hotchner hinüber.
„Stimmt."
„Wie hat er das geschafft? Die Passage muss voller Menschen gewesen sein."
„Außer er hat sich nach Ladenschluss Zugang verschafft." Warf Reid ein.
„Langsam…" Hotchner bremste sie aus. „Fangen wir am Anfang an. Zuvor gab es drei weitere Opfer. Es begann am 29. November. Das zweite Opfer wurde am 5. Dezember entdeckt, Nummer drei am 9. Unser UnSub hat sie in private Vorgärten abgelegt." Hotchner zog drei Fotos aus seiner Akte.
„Klasse, abends ist noch alles normal und am Morgen hast du einen toten Weihnachtsmann im Garten, der deine Dekoration wohl verschönern soll." Prentiss schüttelte sich.
„Er tötet immer in der Nacht. Die Obduktionen ergaben immer eine Zeitspanne zwischen zehn Uhr abends und Mitternacht." Hotchner zog die Berichte hervor.
„Die restliche Nacht braucht er um sie zu entsorgen." Morgan sah von den Fotos auf. „Sie haben keine Fesselspuren. Also wird er sich nicht lange mit ihnen beschäftigen."
„Kurzschlussreaktionen." Warf Prentiss ein. „Wurden sie ausgeraubt? Geld, Ausweis?"
„Alles noch da. Uhren…" Hotchner schüttelte den Kopf. „Reid, sobald du Zeit hast, beschäftigst du dich mit den Berichten. Vielleicht findest du noch etwas."
„Gut. Wir sollten uns auch die Lage der Tatorte zueinander ansehen."
„Du meinst Fundorte. Sie haben bisher nur einen Tatort gefunden. Außerdem müssen wir herausfinden, wo und wie er seine Opfer auswählt.
„Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt? Eine Spur, die er hinterlassen hat?" Hotchner sah den Altermittler direkt an, als er antwortete: „Nein, die Polizei hat nichts gefunden. Er ist sehr vorsichtig. Daher sollten wir uns auch alle vier Fundstellen ansehen, vielleicht finden wir noch etwas."
„Die ersten beiden sind schon lange her", wandte Morgan ein.
„Ja, ich weiß, aber vielleicht gibt uns die Umgebung noch einen Hinweis. Derek, du fährst mit Rossi und JJ in die Einkaufspassage."
„Damit du deine Einkäufe noch erledigen kannst." Prentiss warf Morgan einen listigen Blick zu. Dieser Lachte sie fröhlich an. „Gute Idee."
„Reid und Prentiss, ihr Fahrt zu den Dearings. Mrs. Dearing fand am Wochenende das dritte Opfer in ihrem Garten. Frank und ich sehen uns die beiden ersten Orte an. Sie liegen nahe beieinander."
„Was machen wir mit der Presse? Sie haben sich wie wilde Tiere auf das Thema gestürzt."
„Du solltest versuchen sie fürs Erste zu beschwichtigen JJ. Solange wir nicht wissen, was sein Ziel ist, können wir nicht sicher einschätzen, wie er auf die Meldungen reagiert." Hotchner nickte zustimmend zu Rossis Worte.
„Er könnte sich in die Ecke getrieben fühlen und dadurch seine Abkühlphasen erheblich verringern." Führte Morgan die Überlegungen weiter aus.
Mahatma Gandhi:
„Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen."
Morgan, JJ und Rossi betraten die Einkaufspassage. Wie immer schweiften ihre Blicke über die Umgebung und nahmen die örtliche Situationen auf. Die Atmosphären und die Begebenheiten.
„Agent Morgan." Gregory Fowler kam ihnen entgegen und hielt ihnen das Absperrband hoch. „Da sind Sie ja endlich."
„Greg, da haben sie sich zu Weihnachten ja den richtigen Mann in die Stadt geholt." Sie schüttelten zur Begrüßung ihre Hände.
„Das können Sie laut sagen… Agent Rossi, Agent Jarreau schön sie wieder zu sehen."
„Gut, was haben sie für uns?" Begann Morgan die Ermittlungen.
„Haben Sie schon die Fotos gesehen, die wir Ihnen geschickt haben?" Auf das allgemeine Nicken fuhr Fowler in seinem Bericht fort. „Der Täter hat Santa auf den Schlitten abgesetzt. Es gibt eine kleine Blutspur, die uns zum hinteren Eingang führte. Da muss er hereingekommen sein."
„War die Alarmanlage nicht an?" Rossi besah sich die große Halle näher, während er den Ausführungen lauschte.
„Doch, er hat sie ausgeschaltet."
„Das heißt, er kennt den Code." Schlussfolgerte Morgan. „Wir sollten uns die Tür gleich noch ansehen."
„Was ist mit den Überwachungskameras? Ist er auf irgendeiner Sicherung zu sehen?"
„Bisher nicht Agent Jarreau. Er muss genau gewusst haben, wo sie sind."
„Aber im Normalfall werden sie so angebracht, dass es so wenige tote Winkel wie nur möglich gibt. Spätestens nach zwei Metern würde ihn eine andere Kamera aufnehmen." Rossi schien überrascht.
„Können wir die Sicherungsbänder bekommen und sie unserer Analystin schicken? Vielleicht findet sie etwas." Morgan trat einige Schritte vor und stand nun genau in der Mitte der Halle. Über ihn breitete sich eine gewaltige Glasdecke.
„Sicher. Sie liegen schon alle bei uns im Büro. Wir können sie gleich losschicken."
„Wer hat ihn zuerst entdeckt?" Morgan starrte den Schlitten mit dem Opfer interessiert an. Die Beweissicherung schien fast beendet.
„Sie haben die Menschen eingelassen und wurden plötzlich auf den Lärm hier in der Halle aufmerksam. Die Kunden dachten wohl, dass Santa schon heute Morgen da sei, weil er im Schlitten saß. Dabei war er erst offiziell ab 2p.m. angekündigt." Morgan nickte verstehend. Egal wie die Eltern mit ihren Kindern auch in der Schlange warten mussten, das obligatorische Foto auf dem Schoß von Santa war jedes Jahr Weihnachten Pflicht. Und wenn man zu den ersten gehörte, hatte man später mehr Zeit für die Einkäufe.
Auch JJ's Gedanken gingen in diese Richtung. Auch sie war gestern stolze Mutter gewesen, als Henry sich ängstlich auf den Schoß des Mannes hatte setzen lassen.
„Während der ersten Runde des Sicherheitspersonals hat ihn keiner bemerkt." Beendete Fowler seine Berichterstattung.
„Schaut euch mal die Leiche genauer an." Rossi trat einige Schritte weiter nach vorne. „Er hat ihr die Zügel in die Hand gelegt."
„Das ist mir auch schon aufgefallen." Erklärte Fowler. „Aber ich kann mir keinen Reim darauf machen."
„Entweder will er uns sagen, dass er die Zügel in der Hand hat und entscheidet." Begann Rossi zu erklären.
„Oder es ist ihm ohne besonderen Grund in den Kopf gekommen." Vervollständigte Jareau.
„Okay", erhob Morgan seine Stimme, „JJ, sprichst du bitte mit dem Sicherheitschef? Wir brauchen unbedingt eine Liste seiner Mitarbeiter und am Besten auch die Dienstpläne für Dezember. Rossi und ich sehen uns den Weg an, den er genommen hat." JJ nickte und ging mit wippendem Pferdeschwanz davon.
„Sie meinen er könnte zu ihnen gehören?" Fowler schien überrascht.
„Es wäre eine Möglichkeit. Es gibt nicht viele Menschen in so einem Geschäft, die den Code für die Alarmanlage kennen."
Hotchner lenkte den Wagen durch den Verkehr der Großstadt. Schweigend saß Frank neben ihm und schaute sich die Millionenstadt an.
„Durch den Job bekommst du eine kostenlose Sightseeingtour durch die USA."
Frank schaute ihn nicht an, sondern heftete ihren Blick auf die Außenwelt. „Ja, ein schöner Nebeneffekt." Sie spürte seine Hand, die ihre ergriff, anhob und an seine Lippen drückte. Erschrocken fuhr sie herum. Doch sein Lächeln und seine dunkel glitzernden Augen ließen alle schlechten Gedanken wie eine Seifenblase zerplatzen.
Er schien ihr viel ruhiger und gefasster als eben noch im Flugzeug. Wahrscheinlich hatte er Angst gehabt sich zu verraten. Das gleiche Gefühl hatte sie in der letzten Nacht nur unruhig schlafen lassen. Jetzt fühlte sie sich erschlagen.
„Nicht im Dienst." Sie entzog ihm ihre Hand. „Ich dachte, wir waren uns da einig?!"
„Wir sind allein, da merkt es doch keiner." Er ergriff erneut ihre Hand. Diesmal zog sie sie nicht weg. Seine Wärme durchströmte sie und schien ihr neue Kraft zu geben. „Irgendwann wird aber jemand da sein. Und was dann?"
Hotchner antwortete nicht. Er warf ihr nur ein kurzes wissendes Lächeln zu, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte.
Langsam wurden die Häuser an der Straße kleiner, sie kamen in die Vororte von New York. Man konnte, oder Frank wollte, sich gar nicht vorstellen, dass jemand Santa in dieser Gegend einfach so ablegte.
Hotchner bremste den SUV ab und ließ ihn an den Bordstein vor einem großen Bungalow ausrollen.
„Hier wurde das erste Opfer gefunden. Lass uns aussteigen und uns die Umgebung ansehen." Sie stiegen aus und betraten das Grundstück. Frank hatte die Fotos der Polizei mitgenommen und hielt sie so, dass Hotchner ebenfalls einen Vergleich der Umgebung machen konnte.
„Wie ist er in dieser Gegend unbemerkt geblieben?" Frank sah die Straße hinunter. „Es muss doch irgendjemanden aufgefallen sein, wenn ein fremder Wagen hier hält. Und das Mitten in der Nacht."
„Außer es war nichts ungewöhnliches daran, dass er hier hielt." Hotchner besah sich den großen hölzernen Schlitten genauer. Keine Spuren, die nicht auch von einem spielenden Kind herrühren könnten. „Die Eigentümer können wir leider nicht fragen, sie sind für einige Tage auf Geschäftsreise. Wir sollten sie fragen wenn sie zurück sind.
Komm, fahren wir weiter."
„Rossi." Morgan war vor einer Mauerecke in die Hocke gegangen.
„Rote Fasern?"
Morgan nickte. „Er scheint ihn hinter sich hergezogen zu haben. Wir sollten uns die Staturen der Opfer ansehen, womöglich dürfte er nicht der größte und kräftigste sein."
Fowler nahm sein Funkgerät zur Hand und forderte die Spurensicherung an.
Sie gingen weiter und folgten der Blutspur durch den schlauchartigen Flur. „Hier ist mehr Blut." Rossi deutete auf eine Stelle vor ihnen. „Er wird eine Pause gemacht haben."
„Oder der Nachtwächter ist ihm in die Quere gekommen."
Langsam traten sie um eine Ecke. „Schwarze Striemen. Wenn sie dem Opfer zugeordnet werden können, hat er ihn definitiv gezogen." Morgan hatte sich nur kurz auf ein Knie herabgesetzt, dann ging es weiter zur Außentür.
„Keine Einbruchsspuren an der Tür oder dem Schloss." Rossi schob die Tür mit einem Handschuh hin und her.
„Für diese Spezialtüren braucht man einen Extraschlüssel. Sie lassen sich nicht mit einem einfachen Dietrich öffnen." Erklärte Fowler.
„Dann brauchte er also auch noch einen Schlüssel, um hier einzudringen." Rossi fand die Situation richtig amüsant.
„Oder auch nicht." Morgan deutete auf ein kleines Fenster links über der Tür. Es schien nicht verschlossen. „Vielleicht ist er dadurch eingedrungen, hat die Alarmanlage ausgestellt und dann Santa hereingeholt." Morgan wandte sich an Fowler. „Greg, wir brauchen eine Leiter."
„Mrs. Dearing? Ich bin Agent Prentiss, mein Kollege Doktor Reid. Wir sind vom FBI und würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu dem Opfer in Ihrem Garten stellen." Sie packte ihre Marke wieder in die Tasche ihrer dicken Jacke, behielt aber die fremde Frau im Auge.
Diese drehte sich ins Haus zurück und schien verunsichert.
„Vielleicht kommen Sie einfach mit hinaus, dann bekommen Ihre Kinder nichts davon mit." Bot Prentiss an.
„Ja, das wäre gut. Ich hole nur schnell meine Jacke." Sie verschwand und Stimmen wurden im Haus laut.
„Warum willst du nicht hineingehen?" Reid schien überrascht.
„Weil diese Menschen nichts mit dem Opfer gemeinsam haben. Sie sind auch nur Opfer."
Mrs. Dearing kam zurück. Sie trug nun eine Jacke und schloss die Tür hinter sich.
„Sie haben eine große Alarmanlage am Haus. Wird hier viel eingebrochen?" Reid hatte den Schaltkasten am Ende des Flures gesehen und versuchte durch seine allgemeine Frage die Befangenheit der Frau zu mildern.
„Wir sind erst vor zwei Monaten hergezogen. Mein Mann hat eine neue Stelle bekommen und arbeitet viel zu Hause." Sie gingen in den Vorgarten zur Weihnachtsbeleuchtung. „Er bringt wichtige Dokumente von der Arbeit mit. Wir sind von seiner Firma verpflichtet worden für die Sicherheit zu sorgen."
„Vorsicht ist besser als Nachsicht. Das sehe ich auch so." Prentiss hatte zu den beiden aufgeschlossen.
„Mrs. Dearing, ich weiß, sie haben schon bei der Polizei ausgesagt, aber könnten Sie uns bitte noch einmal erzählen, was am Samstagmorgen passiert ist. Was sie am Abend zuvor gemacht haben."
„Wir waren bei Mike und Sara. Sie wohnen dort schräg gegenüber und haben zusammengesessen." Sie deutete mit dem Kopf auf ein Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Wir sind erst spät nach Hause und dann schnell ins Bett. Am nächsten Morgen hat Ben, mein Mann, die Kinder mit zur Schule genommen. Kurz darauf wollte ich auch los. Ich arbeite für eine Änderungsschneiderei und wollte die fertigen Sachen wegbringen. Es war… Irgendetwas war anders. Ich konnte es erst gar nicht bestimmen, dann fühlte ich zwei Augen auf mir ruhen. Ich bin hin, aber er war schon blau und", sie schluckte schwer.
„Ist schon gut." Prentiss legte ihre Hand auf den Arm der Frau. „Kannten sie den Mann?"
Tief durchatmend schüttelte sie ihren Kopf. „Nein."
„Noch nie vorher gesehen?"
„Nein."
„Ist Ihnen oder Ihrem Mann in der Nacht etwas aufgefallen? Haben Sie ein Geräusch gehört?" Reid war um den Schlitten herumgetreten und schaute die Häuserfront hinauf.
„Wir sind einmal kurz aufgewacht, Ben und ich. Wir schlafen dort oben, direkt zur Straße. Es war, als wenn eine Autoschiebetür ins Schloss fällt. Aber danach war alles still und wir haben uns nichts weiter dabei gedacht."
„Vielen Dank Mrs. Dearing. Wenn wir noch weitere Fragen haben sollten, werden wir uns melden." Prentiss und Reid nickten zum Abschied und gingen zurück zum SUV.
„Ein Transporter!" Sagte Reid, als sie einstiegen und davonfuhren.
Hotchner und Frank standen vor dem Zweiten Haus. Auch dieses stand in einer reinen Wohngegend, die Häuser und Gärten sauber und gepflegt. Hier würde ein fremder Wagen in der Nachbarschaft auffallen.
„Sieh nur Hotch. Der Wagen dort am Straßenrand. Keiner der Vorbeigehenden achtet sonderlich auf ihn. Sie kennen den Wagen." Er war Franks Blick gefolgt. Der Handwerker kam aus dem Haus und grüßte den Nachbarn, der auf seiner Veranda stand und rauchte. Sie wechselten sogar einige Sätze und lachten. Wahrscheinlich hatte einer von ihnen einen Witz gerissen.
„Es bringt nichts. Wenn es Spuren gab, sind sie längst verschwunden. Vielleicht hatten die Anderen mehr Glück." Beendete Hotchner den Ortstermin. Langsam gingen sie zurück zum Wagen.
„Machen wir für heute Schluss." Hotchner stand auf. „Morgen früh tragen wir als Erstes unsere bisherigen Kenntnisse zusammen."
„Und wenn er heute Nacht wieder zuschlägt?" Morgan hatte das Jagdfieber gepackt.
„Wenn ihn die Meldungen in den Nachrichten aufgeregt hätten, wäre er wahrscheinlich in der letzten Nacht schon wieder losgezogen." Rossi mischte sich ein.
„Und wir werden in den kommenden Nächten noch oft genug auf den Straßen unterwegs sein." Vervollständigte Hotchner.
„Sie haben recht Morgan." Überrascht drehten sie sich zu Reid um. „Die Meldungen scheinen ihn nichts anzuhaben. Wir sollten uns ausruhen."
„Gut, was wissen wir über unseren UnSub?" Hotchner hatte sich an der Stirnseite des Tisches niedergelassen und sah seine Kollegen an. Hinter ihm hatten sie eine Pinwand aufgestellt und die Fotos der Opfer und der Beweismittel aufgehängt.
Bis auf Morgan und Reid setzen sich die Kollegen auf beide Seiten des Tisches.
„Er transportiert die Leichen, somit braucht er einen großen Wagen." Begann Frank und wurde von Reid unterbrochen. „Es ist ein Transporter. Die Dearings haben in der Nacht eine Schiebetür gehört."
„Da ihn anscheinen keiner beobachtet hat, wird er ein Firmenfahrzeug mit Aufschrift fahren. Alle scheinen ihn zu kennen. Vielleicht ein Klempner oder Gärtner." Ergänzte Prentiss.
„Unser UnSub wird zwischen dreißig und vierzig sein. Nicht allzu groß, aber kräftig. Er zieht seine Opfer hinter sich her, er trägt sie nicht."
„Und er kannte den Code der Alarmanlage in der Passage." Ergänzte Morgan Rossis Ausführungen. „Dazu passt er durch ein Fenster der Ausmaße 30 x 40 cm in über zwei Metern Höhe." Er zeigte auf ein Foto an der Pinwand.
„Er hinterlässt keine Spuren, die auf ihn hinweisen könnten. Er ist organisiert. Obwohl ich glaube, dass er zufällig zuschlägt. Wer ihm über den Weg läuft und seine Kriterien erfüllt ist der Nächste." Hotchner sprach bestimmt.
„Nach den Berichten der Obduktion", begann Reid und blätterte in einer Mappe, „hat er beim ersten Opfer dreimal sauber zugestochen. Mit Gewalt. Dabei hat er das Herz, die linke Niere und den linken Lungeflügel verletzt."
Hotchner schauderte leicht. Das frech grinsende Gesicht des Reaper erschien vor seinen Augen und er fühlte das Messer immer wieder in seinen Körper eindringen. ‚Hört das denn nie auf?!'
„Beim Zweiten Opfer hat er nur noch einmal zugestochen. Er hat das Messer allerdings in der Wunde bewegt. Die beiden letzten Opfer wurden durch einen einfachen, sicher gesetzten Stich direkt ins Herz getötet."
Hotchner spürte Blicke auf sich ruhen. Er versuchte die Starre, die ihn ergriffen hatte, abzuschütteln. Seine Augen schweiften unruhig durch den Raum. Rossi sah ihn mit zusammengekniffenen Augen verwundert an. Und Frank. Sein Blick blieb auf ihr ruhen. Langsam spürte er die Anspannung von ihm abfallen.
„Er lernt dazu. Hat sich womöglich im Internet schlau gemacht." Morgan schaute vor sich hin. „Was veranlasst einen Menschen dazu, alle Santa's zu töten?"
„Genau das ist die Frage, die wir lösen müssen." Hotchner räusperte sich und versuchte seine Gedanken voll auf den Fall zu konzentrieren. „Setz dich mit Garcia in Verbindung und sucht in den letzten… er ist über dreißig… sagen wir fünfzehn Jahren nach Vorkommnissen, in denen Santa Claus verwickelt war."
„Das werden tausende! Vom kleinen Diebstahl bis zum Mord."
„Ich weiß. Wir können es momentan aber noch nicht weiter einschränken. Wir wissen nicht was der Auslöser war. Ich denke aber, dass es Tote gab."
„Wir könnten ein geographisches Profil erstellen. Vielleicht kann man ein Muster erkennen."
„Gut Reid. Frank wird dir helfen." Reid lachte Frank erfreut quer über den Tisch an. Jetzt konnte er ihr mal eingehend seine Arbeitsweise zeigen. „Vielleicht könnt ihr auch herausfinden, wo er seine Opfer aufgegriffen hat." Frank und Reid nickten verstehend.
„Dave, dann machen wir uns an das Profil des Täters, die Anderen übernehmen die Opfer." Hotchner sah JJ und Prentiss an. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir etwas finden, aber vielleicht gibt es irgendwo doch einen kleinen Hinweis, wieso er gerade diese Menschen ausgewählt hat."
„Also das Leben völlig auf den Kopf stellen!" Prentiss stand auf. Sie machten sich an die Arbeit und verteilten sich über den Raum.
„Hotch, wir haben etwas in der Jackentasche des Opfers gefunden." Fowler betrat eilig den Raum und hielt sich nicht erst groß mit Begrüßungen auf.
Rossi und Hotchner sahen überrascht auf. Sie nahmen den fetzen Papier in der Plastikfolie entgegen.
„Helft mir!" Lass Rossi laut vor.
„Er will nicht morden. Es baut wahrscheinlich nur seine Aggressionen ab." Hotchner sah hoch. Die Teammitglieder traten heran und warfen einen Blick auf das Papier.
„Wahrscheinlich sitzt er nach seiner Tat wie ein Häufchen Elend zwischen den Scherben und kann nicht fassen, was er gerade getan hat." Frank warf ihre Gedanken ein.
„Gibt es Fingerabdrücke?"
„Viele." Der New Yorker Agent schaute Rossi ernst an. „Er scheint sich ein Stück Papier von der Straße gegriffen zu haben."
„Was ist, wenn er seine Opfer schon einen Tag früher von der Straße holt? Das die Nachricht von Santa ist und nicht von unserem Täter."
„Das geht nicht Emily. Dann hätte er sie gefesselt." Morgan schien dieser Gedanke völlig absurd. „Außerdem gäbe es eine Vermisstenanzeige."
„Die Nachricht ist von einem Linkshänder verfasst worden." Reid nahm die Folie an sich. „Können wir bestimmen, was unser Opfer ist?"
„Ich werde mich darum kümmern und seine Familie fragen." Fowler verschwand.
„Wenn ich mich recht erinnere, wurden die ersten Stiche mit aller Gewalt durchgeführt." Rossi machte eine künstlerische Pause. „Als Linkshändler müsste er die Opfer dann von hinten erstochen haben."
„Die Eintrittsstellen sind aber vorne." Reid erinnerte sich an den Text, den er in den Berichten gelesen hatte.
„Das würde bedeuten, dass er den Opfern nicht in die Augen sehen kann. Sie würden ihn nicht an den Menschen erinnern, für den die Wunden eigentlich bestimmt sind." Rossi brachte seinen Gedankengang zu Ende.
„Hallo zusammen!" Garcia war auf dem Bildschirm von Prentiss Laptop erschienen. „Nanu, keiner da?"
„Doch Garcia, warte." Prentiss nahm den Laptop und drehte ihn so, dass sie die meisten Kollegen sehen konnte.
„Leute, ich habe mir die Videoaufnahmen der Passage reingezogen." Sie machte eine kleine Pause und holte tief Luft. „Also zu sehen ist euer UnSub nicht. Er muss genau gewusst haben wo die Kameras angebracht waren und welchen Bereich sie aufnehmen. Aber…", sie tippte auf ihrer Tastatur herum, „gar so schlau war er dann doch nicht. Ich habe zwar nur Schattenbilder von ihm, aber mit dem richtigen Softwareprogramm konnte ich seine ungefähren Masse ermitteln. Er ist zwischen 1,60 und 1,70m groß und von durchschnittlichem Körperbau. Was bedeutet, das er zirka um die 65 Kilo wiegen sollte."
„Gute Arbeit Garcia." Hotchner schaute sie offen an. „Das sind doch schon mal Ansätze mit denen wir arbeiten können."
Agent Fowler betrat wieder den Raum. „Mr. Elliott war Rechtshänder."
„Das haben wir uns schon gedacht. Es passt zu unserer Theorie." Rossi nickte dem Kollegen der New Yorker Außenstelle zu.
„Es gibt ein weiteres Problem da draußen." Sprach Fowler weiter. Er konnte sich der Aufmerksamkeit aller im Raum gewiss sein. „Die Telefone laufen heiß. Jeder will den Grinch in einer anderen Gegend gesehen haben."
Hotchner sah JJ an. Diese erhob sich sofort. „Ruf die Presse für heute Nachmittag zusammen. Wir müssen die Menschen beruhigen und das ganze ein bisschen besser organisieren. Wir werden ihnen eine Hotline einrichten, wo sie sich melden können. Sie sollen sich nicht alleingelassen fühlen, damit keine Panik ausbricht."
JJ nickte verstehend und verschwand.
„Ist es nicht ein bisschen früh für die Presse? Sie haben selber gesagt, dass wir noch nicht genau wissen, wie er reagieren wird."
„Doch, ich denke schon, dass wir ihn einschätzen können." Rossi versuchte Fowlers Einwände zu widerlegen. „Er wird ruhig bleiben, solange er kann. Seit Tagen berichten die Nachrichten nun schon von den Morden. Zwei Nächte ist nichts mehr passiert. Und nicht zu vergessen, er hat uns um Hilfe gebeten!"
Hotchner wandte sich an seine Kollegen im Raum: „Wenn die Presskonferenz vorbei ist werden wir uns auf die Teams der hiesigen Polizisten und Agents verteilen. Sie brauchen jeden Mann, um die Straßen zu überwachen. Garcia, du behältst die Überwachungskameras im Auge und halte bitte Kontakt zu allen Teammitgliedern."
„Geht klar Chef."
„Reid, habt ihr etwas herausgefunden?"
„Nein… Zumindest keinen Hinweis, wo er genau als nächstes Zuschlagen wird. Aber wir haben zwei potentielle Tatorte ausgemacht. In ziemlich belebten Gegenden in Manhattan."
„Da dort auch das letzte Opfer gefunden wurde, sollten wir uns wohl auf diesen Stadtteil konzentrieren. Wenn die Einteilung erfolgt ist, gibst du den jeweiligen Gruppen die Stellen an, Reid. Sie sollen sich dort umsehen und die Menschen befragen. Vielleicht hat einer etwas bemerkt."
JJ betrat den Raum mit den Presseleuten. Das Summen der vielen Stimmen, die aufgeregt miteinander oder in ihre Handys sprachen drang um ein vielfaches Lauter an ihre Ohren, als noch auf dem Flur. Sie trat ohne umschweife und selbstbewusst an das Rednerpult. Augenblicklich legte sich eine gespannte Ruhe über den Raum.
„Guten Tag. Danke, dass sie unserer Aufforderung gefolgt sind.
Als erstes möchten wir die Menschen aus New York City bitten Ruhe zu bewahren. Es bringt nichts jetzt ihn Panik zu verfallen.
Desweitern ersuchen wir um ihre Mithilfe: Wir suchen einen weißen Mann, der etwa zwischen dreißig und vierzig Jahre alt ist. Er arbeitet als Handwerker, vermutlich im Bereich Elektronik. Er fährt einen kleinen Transporter, wahrscheinlich ein Firmenfahrzeug. Wir möchten Sie vor allem bitten, achten Sie auf ihre Mitmenschen. Sollte jemand aus unerklärlichen Gründen verschwunden sein, dann melden Sie sich bitte bei der unten eingeblendeten Telefonnummer. Auch für sonstige Hinweise zu den Weihnachtsmannmorden wenden Sie sich bitte direkt an diese Hotline.
Vielen Dank."
JJ stieß sich vom Pult ab und verließ den Raum.
„Hier spricht Penelope Garcia vom FBI. Ich möchte gerne mit Lisa Bartleby sprechen."
„Einen Moment bitte, ich verbinde."
Sie hörte ein Klicken in der Leitung.
„Bartleby, Überwachungszentrale."
„Lisa, hier ist Penelope Garcia von der Verhaltensanalyseeinheit des FBI aus Quantico. Erinnern Sie sich noch an mich." Rasselte Garcia wie gehetzt die Wörter heraus.
„Ja sicher. Wie geht es Ihnen? Ich habe schon gehört, dass die BAU wieder bei uns im Haus ist. Ich hatte gehofft, Sie hätten mal vorbeigeschaut."
„Oh, ich fliege nur selten mit. Ich habe alles was ich brauche hier in meinem Büro. Aber ich freue mich auch mal wieder von Ihnen zu hören. -
Lisa, ich benötige ihre Hilfe."
„Gut, sie brauchen wohl die Bilder von den Morden an den Weihnachtsmännern."
„Vielleicht später. Als erstes brauche ich nur offiziellen Zugang zu ihrem System. Wir müssen die Straßen in Manhattan im Auge behalten. Zum Ersten, um den Täter zu finden, zum Anderen, um unsere Leute im Auge zu behalten."
„Geht klar. Wie sollen wir vorgehen?"
Morgan ging mit zwei Polizisten den Bürgersteig entlang. Die Sonne war untergegangen und Dunkelheit überzog den Himmel. Die vielen Lichter der Weihnachtsbeleuchtungen auf der Straße und in den Gebäuden erhellten die Umgebung. Doch sein Blick ging höher hinauf. Kein Stern schaffte es seinen schwachen Schein zu seinem Auge zu leiten. Stattdessen schoben sich dunkle Wolken von Osten her über das Land. Ein eiskalter Windhauch fegte durch die Straße. Morgan schob den Reißverschluss seiner Jacke noch etwas höher und schritt weiter neben seinen beiden Begleitern her.
Immer noch waren viele Menschen unterwegs und durchstöberten die Auslagen der Geschäfte. Männer in Weihnachtsmannkostümen gingen umher, doch sie schienen nicht mehr so freudig die Weihnachtszeit einzuläuten. Sie haben Angst.
„Wir sind gleich da." Sagte unvermutet einer der beiden Polizisten und holten Morgan aus seinen Gedanken zurück. „Wie kommt ihr darauf, dass er sich eines der Opfer hier geschnappt hat?"
„Der Dienstplan der Agentur hat uns das verraten." Morgans Aufmerksamkeit wuchs. Man konnte nie wissen, vielleicht würde der Täter wieder an diesem Ort zuschlagen. „Mr. Elliotts Dienst endete erst gegen 10p.m. und der Gerichtsmediziner hat seinen Tod zwischen 10 und 11 bestimmt."
„Hier ist die Adresse." Der zweite Polizist zeigte auf die Hausnummer am Gebäude.
„Okay…" Morgan drehte sich um die eigene Achse. „Ich bin Santa und laufe am Haus hoch und runter… Es sind zu viele Menschen in meiner näheren Umgebung…"
„Vielleicht hat ihn jemand angesprochen?!" Unterbrach einer der Polizisten Morgans Gedankengang.
Der Agent nickte kurz darauf zustimmend und führte seine Gedanken in diese Richtung weiter aus:„Er hält mir plötzlich ein Messer unter die Nase und ich folge ihm…"
„Entschuldigen Sie, ich habe in den Nachrichten gehört, dass jemand Weihnachtsmänner ermordet." Morgan drehte sich zu der Stimme um und sah Santa vor sich.
„Ja, es sieht so aus… Sind Sie immer hier? Waren Sie auch am neunten des Monats hier?"
„Sie meinen als Elliott verschwand?! Ja, ich war hier."
„Haben Sie etwas gesehen Mister?"
„Hall. James Hall."
„Agent Morgan vom FBI."
„Elliott und ich haben uns angefreundet und haben zugesehen immer die gleichen Schichten zu bekommen. Es ist einfacher, wenn man mit seinem Arbeitskollegen klar kommt."
Morgan nickte verstehend. „Was ist an dem Abend passiert?"
„Es war ein normaler Tag. Als ich ihn das letzte Mal sah, stand er dort vorn am Schaufenster. Als ich das nächste Mal zu ihm hinsehe, ist er weg. Ich habe mir nichts dabei gedacht, es war schließlich kurz vor Feierabend. Vielleicht war irgendetwas Wichtiges passiert, dass er schnell weg musste. Ich war umzingelt von einer Kindergruppe."
„Stand jemand bei ihm, als sie ihn zuletzt sahen?"
Mr. Hall schwieg. „Ja… ich glaube… er hatte eine Karte in der Hand, als würde er nach dem Weg fragen."
„Er kann ihn nicht hier auf offener Straße einfach niederstechen." Prentiss sah Rossi und den Polizisten, der sie begleitete, an.
„Also bedroht er ihn mit dem Messer und zwingt ihn in die Seitenstraße!" Rossi ging um die Ecke des Gebäudes. „Der Wagen steht hier, damit er ihn sofort abtransportieren kann."
„Die einzige Möglichkeit, die es gibt. Außer sie gehen freiwillig mit." Ergänzte Prentiss. „Was ich mir aber nur schwer vorstellen kann."
Rossi nickte zustimmen. Er schauderte leicht: „Kommt, lasst uns weitergehen. Die Kälte steigt einen die Beine hoch. Wir müssen uns in Bewegung halten."
Sie machten sich wieder auf ihre Route durch Manhattan.
Jetzt waren sie schon die dritte Nacht in Folge auf den Straßen, doch der Täter ließ sich nicht blicken. Was hielt ihn auf?
Zusätzlich war es am späten Nachmittag angefangen zu schneien. Die Welt hüllte sich in den weißen Mantel der Kälte ein. Passend zu den Weihnachtsfeiertagen, wenn der Schnee die letzte Adventswoche überstand.
Frank ging den Bürgersteig auf der Fifth Avenue entlang und versuchte den Zauber der weißen Flocken auszublenden und sich ganz auf den Fall zu konzentrieren. Was hielt den Täter auf?
Hotchner hatte heute Nachmittag angedeutet, dass man die Suche langsam abblasen wollte, da die Stadtvertreter davon ausgingen, dass der Täter die Stadt bereits verlassen habe. Doch sie alle wussten, Fowler eingeschlossen, dass dem nicht so war. Aber wenn der Druck von Oben kam, waren sie aufgeschmissen.
Die Nachrichtensender hatten ihre Meldungen auch so gut wie eingestellt. Nur ab und zu erschien eine kurze Meldung, dass der Kerl noch nicht gefasst war. Auch die Telefonleitungen glühten nicht mehr so heiß, wie in der ersten Zeit. Die Menschen schienen sich zu beruhigen und die Sache zu vergessen.
Vor nicht allzu langer Zeit war ein Glockenton dreimal in ihren Ohren erklungen. Noch mindestens drei Stunden, bis sie aus dieser kalten Nacht herauskamen. Der Schnee fiel in immer dickeren Flocken vom Himmel und Susanne überkam das erste richtige Weihnachtsgefühl in diesem Jahr.
Ihr Blick schweifte durch die Auslagen der Geschäfte. Sie waren so bunt und weihnachtlich geschmückt, dass es eine Wonne war, sich dieser Lichterflut einfach hinzugeben.
Sie blieb stehen. Hotchner und Fowler waren in ein Gespräch vertieft und gingen weiter die Straße hoch.
Irgendetwas passte nicht an diesem Bild. Plötzlich fand sie das Schaufenster völlig überladen. Man konnte nichts wirklich erkennen. Dann sah sie warum! Es war ein heilloses Durcheinander… und mittendrin saß auf einem hölzernen Thron: Santa! Ohne Bart, ohne Bauch, stattdessen mit einem riesigen dunkelroten Fleck, der schon auf den Boden der Auslage tropfte.
„Hotch!", rief Frank mit belegter Stimme ihren Kollegen zurück. Die beiden Männer, die schon ein Geschäft weiter waren, drehten sich zu ihr um. Sie deutete auf das Schaufenster. Eilig kamen sie zurück und erkannten augenblicklich das Szenario.
„Ruf Verstärkung Greg", Hotchner zog seine Waffe. „Los Susanne, wir schauen uns die Türen an. Vielleicht ist er noch hier." Sie eilten davon und verschwanden um die Ecke des Gebäudes.
Sie stoppten ihre Schritte vor einer Seitentür. Hotchner drehte den Knauf, doch die Tür war verschlossen. Sie eilten weiter an der Hauswand entlang, um die nächsten Ecken... Die Türen, die sie vorfanden waren alle verschlossen. Als sie schon langsam um das Gebäude herum waren, fanden sie ein geöffnetes Fenster. Hotchner steckte seine Waffe weg, zog sich am Rahmen hoch und schaute hinein. „Ein Büro."
„Dann sollte die Tür dort vorne wohl unverschlossen sein." Frank ging weiter.
„Warte!" Hotchner kam ihr hinterher geeilt.
Frank stoppte abrupt. „Reifenspuren! Bei dem Schnee wird er seine Spuren nicht mehr verbergen können." Vorsichtig bewegten sie sich um die Spuren im Schnee herum, um keine Beweise zu gefährden.
„Es bringt nichts, wenn wir hineingehen. Wir warten am Besten auf die Spurensicherung. Unser Täter ist weg!" Hotchner hob das Mikrofon an den Mund. „Greg, er ist weg. Wir sind auf der südlichen Gebäudeseite. Kommt hierher. Wir warten."
„Verstanden", kam die kurze Antwort zurück.
Die Spurensicherung war noch dabei Fotos von dem Toten und das verwüstete Umfeld zu machen. Die Agents standen in einigem Abstand im Geschäft zusammen und warteten, bis sie den Tatort betreten konnten.
Endlich kam einer der Polizisten mit der Brieftasche des Opfers aus dem Schaufenster geklettert.
„Agents, ich habe hier seine Papiere und einen Zettel, der in seiner Tasche steckte." Er drückte die Gegenstände Morgan in die Hände, der am nächsten stand. „Noch ein paar Minuten, dann sind wir soweit."
„Danke." Morgan gab den Zettel in der Plastikhülle an Hotchner weiter und durchblätterte die Brieftasche. „Mike Spencer. 55."
„Es soll aufhören! Ich will das nicht mehr!"
Gespannt lauschten alle Hotchners Stimme.
„Warum geht er dann nicht freiwillig zur Polizei und stellt sich, wenn ihm das Morden so große Probleme bereitet?" Frank schaute ihre Kollegen verständnislos an.
„Weil er weiß, dass er für seine Taten bestraft wird. Wahrscheinlich hat er Familie und möchte sie nicht verlieren." Erklärte Rossi. „Und doch ist der Drang des Tötens in dem Moment stärker, als der Gedanke, was er seiner Familie damit antut." Frank nickte verstehend.
„Derek bleibst du noch mit mir hier? Wir schauen uns das Schaufenster an, sobald wir die Freigabe bekommen."
„Klar." Kam die kurze Antwort.
„Dann machen wir hier Schluss. Fahrt schon ins Hotel und wärmt euch auf. Morgen geht es weiter."
Es klopfte an der Zimmertür. Susanne kam im Bademantel gehüllt aus dem Badezimmer.
„Wer ist da?"
„Ich bis es, Hotch. Ich muss mit dir reden."
„Bist du allein?" Sie sah an sich hinunter. Nicht gerade das beste Outfit!
„Ja!?" Susanne hörte seine verwunderte Stimme und öffnete langsam die Tür. „Komm rein."
„Wie geht es dir?" Hotch dreht sich zu ihr um, als er mitten im Zimmer stand. „Oh… Stör ich?"
„Nein. Ich habe nur heiß geduscht." Susanne ging zurück ins Bad. „Habt ihr alles erledigt?" ‚Dumme Frage!' Sie verzog ihr Gesicht im Spiegel zu einer Grimasse.
„Ja, es gab nicht mehr viel zu sehen." Hotch stand plötzlich in der Tür zum Bad. „Das Warten hätten wir uns auch sparen können."
Susanne fuhr erschrocken zusammen.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken." Er trat hinter sie und schaute ihr durch den Spiegel in die Augen. Leicht berührten seine Hände ihre Hüften. „Was ist los? Du bist so angespannt."
„Nichts", nervös versuchte sie ein Lächeln aufzusetzen.
Sanft zwang er Susanne sich umzudrehen. „Nichts?... Susanne, ich kenne dich noch nicht gut genug, aber ich weiß, dass du mich gerade anlügst."
„Es ist nur… was ist, wenn die Anderen etwas mitbekommen… Nicht im Dienst."
Hotch strich ihr sanft durch die noch leicht feuchten Haare. „Als Erstes wollte ich dich fragen, wie es dir geht. Du hast schließlich die Leiche entdeckt."
„Das war nicht meine Erste!"
„Ich weiß! Aber sehen und finden, sind nach meiner Erfahrung zwei ganz verschiedene Momente… Also?"
„Es geht. Unser UnSub verstümmelt seine Opfer ja nicht oder macht sonst etwas Ekliges mit ihnen."
Hotch drückte unvermutet seine Lippen auf ihren Mund. Erst war Susanne überrascht, dann erwiderte sie seinen ausgehungerten Kuss…
Susanne löste sich schwer atmend von seinen heißen Lippen. „Und Zweitens?"
„Was? … Ach so! Ja, zweitens… sind wir jetzt nicht mehr im Dienst. Wir haben Freizeit."
Er versuchte erneut sie zu küssen. Doch Susanne wich ihm geschickt aus.
„Sind wir nicht immer im Dienst, wenn wir auf Reisen sind?"
„Ja, schon. Aber wenn wir im Hotel sind, haben wir auch mal Privatsphäre verdient." Hotch ergriff den Gürtel ihres Bademantels und zog leicht daran.
„Nicht Aaron! Im Nachbarzimmer…" Er legte ihr zärtlich seinen Finger auf die Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen.
„… schlafe ich! Und auf der anderen Seite ist nichts als Flur!" Diesmal wich sie ihm nicht aus…
Hotch kam in T-Shirt und Shorts, ein Handtuch in der Hand, mit dem er seine nassen Haare bearbeitete, aus dem Bad und löschte das Licht. Der Raum wurde nur noch von den beiden Nachttischlampen in schummriges Licht gehüllt. „Eine warme Dusche ist schon etwas sehr angenehmes."
Susanne hob die Bettdecke an. „Hier ist es auch schön warm."
Lächend kam er herüber und schob sich nahe an Susanne heran. Sanft ließ sie die Decke über seinen Körper gleiten und ließ sich in seine Arme ziehen…
„Aaron?", durchbrach Susanne nach einiger Zeit die Stille. Leicht strich ihre Hand über seiner Brust. Durch den Stoff des T-Shirts konnte sie seine Wärme spüren. „Kann ich dich mal etwas fragen?"
„Ich bin ganz Ohr." Hotch lag mit geschlossenen Augen da. Er mochte es, wie sie seinen Vornamen aussprach. Als Susanne nicht weitersprach, sah er sie erwartungsvoll an. Leicht strich seine Hand ihr Rückgrat hoch und runter. Ein Gefühl des Vertrauens, der Geborgenheit überkam Susanne.
„Du hast gesagt", begann sie langsam, „du hättest es damals schon im Büro des Direktors gespürt."
„Das du etwas ganz besonderes bist? … Ja, stimmt."
„Hast du mir deshalb den Start ins Team so schwer gemacht?"
Hotch hielt in seinen Bewegungen inne. Schlagartig war alle Müdigkeit verschwunden. Nachdenklich sah er vor sich hin: „Ich wollte dir so schnell wie möglich alles beibringen. Du solltest nicht irgendwann wegen Behinderung der Arbeit oder ähnliches einfach wieder verschwinden." Er sah sie an und zog eine Haarsträhne hinter ihrem Ohr hervor. Spielerisch ließ er sie durch seine Finger gleiten. „War ich so schlimm?"
„Bis auf das ich beinahe selber das Handtuch geschmissen hätte, ging es eigentlich."
Hotch zog sie fest an sich. Susanne legte ihre Hand zwischen ihrem Kinn und seinem Brustkorb und schaute ihn direkt an. Angst stand in seinen Augen geschrieben. Ihn aufmunternd anlächelnd versuchte sie seine Bestürzung zu lindern: „Hey, ich bin noch da… hier bei dir!" Sie schob sein T-Shirt hoch und küsste sanft seine Haut. „Und ich bin dir unendlich dankbar, dass du so streng mit mir warst. Schneller hätte ich keinen besseren Einblick in eure Arbeit nehmen können. Erst jetzt kann ich wirklich viel von euch lernen. Jetzt, wo ich mich richtig mit einbringen kann…" Erneut fuhr sie mit ihren Lippen leicht über seine Haut. „Und ich liebe es mit dem Team zusammen zuarbeiten. Es macht Spaß… wir haben Spaß… auch wenn manche Fälle nicht gerade dazu beitragen."
Hotch rutschte tiefer und küsste zärtlich ihre Stirn, dann ihre Nasenspitze und schließlich die gierig bebenden Lippen.
„Ja Sir, das denke ich auch… Danke Sir." Hotchner betrat das Büro in der FBI-Außenstelle, das sie als Hauptzentrale in Besitz genommen hatten.
Er war sich bewusst, dass alle mit gespitzten Ohren dasaßen. Ein Schmunzeln legte sich über sein Gesicht. „Hört ihr mir bitte einen Moment zu."
Seine Agents sahen auf und Reid und Frank traten von der Karte an der Wand heran an den Tisch.
„Wer möchte kann seinen Rückflug aus den Weihnachtsferien umbuchen. Ich habe gerade mit dem Direktor gesprochen. Er hat den Weihnachtsurlaub verlängert. Wir brauchen erst am zweiten Januar den Dienst wieder antreten." Allgemeine Unruhe entstand. „Ihr habt euch die freie Zeit dieses Jahr wirklich verdient. Und ich denke, es ist in eurem Sinne, wenn ihr mal wieder so richtig abschalten könnt."
„Das ist super! Weihnachten wäre sonst purer Stress geworden." Morgan lehnte sich entspannt zurück.
„Derek gibst du bitte auch Garcia Bescheid? Für sie gelten die freien Tage genauso.
Ach, und schick ihr bitte noch die Reifenspuren von gestern Abend. Vielleicht können wir den Typ des Transporters etwas mehr eingrenzen."
„Und die Fußspuren. Dadurch können wir seine Maße etwas genauer bestimmen. Oder auch die Marke, durch das Profil der Sohle." Hotchner nickte Morgan kurz zustimmend zu und wandte sich wieder zum gehen um. Er wollte seinen Agents die Gelegenheit geben, die unverhoffte Änderung des Jahreswechsels zu organisieren. Er tat es mit ruhigem Gewissen. Sie würden ihre Arbeit dadurch nicht vernachlässigen.
„Nun Susanne, kommst du dann jetzt doch mit? Wir könnten uns ein paar ruhige Tage machen."
Hotchner schien es augenblicklich nicht mehr besonders eilig zu haben. Er drehte sich zurück in den Raum, ging zu seiner Tasche und suchte darin herum.
Frank hatte vor sich hingestarrt, drehte sich jetzt aber ihrer Freundin zu und lächelte sie dankbar an. „Nein Emily. Ich habe dir schon gesagt, das Weihnachten ein Familienfest ist. Es ist kein Problem die Tage alleine zu verbringen. Ich kann mir mal in aller Ruhe die Stadt ansehen und Tourist spielen. Sei mir nicht böse, aber ich denke, du wirst schon genug mit deiner Mutter und ihren Freunden zu tun haben."
„Du wärst eine gute Ausrede um aus dieser Gesellschaft zu verschwinden…" Prentiss Gesicht hellte sich auf. „Wir könnten auch ganz woanders hinfliegen. Dann könnte ich diese Feier auch gänzlich umgehen."
„Emily, ich glaube nicht, dass du das wirklich möchtest. Flieg mit deiner Mutter. Wenn du es nicht mehr aushältst, kommst du einfach eher zurück. Dann können wir gerne etwas zusammen unternehmen." Hotchner verschwand durch die Tür und hörte die letzten Worte noch bevor die Tür ins Schloss fiel.
„Das ist ein Wort." Prentiss lachte.
Hotchner fühlte sich etwas verwirrt. Seine Gedanken waren so oft bei Susanne, doch an die bevorstehenden Feiertage hatte er nicht gedacht. Sie würde ganz alleine sein.
Er zog sein Handy hervor und schon nach kurzer Zeit, wurde das Gespräch entgegengenommen.
„Jess, ich bin es… Ich habe da eine Bitte…"
„Wird er jetzt langsam unvorsichtig?" Das Team saß um den großen Tisch verteilt und besprach ihren momentanen Ermittlungsstand.
„Das denke ich nicht JJ. Wenn der Schnee nicht gefallen wäre, hätte er wieder keine Spuren hinterlassen." Prentiss sah ihre Kollegin quer über den Tisch hinweg an.
„Wenn es nicht mitten in der Nacht gewesen wäre, hätten andere Lieferanten seine Spuren verwischt. Vielleicht hat er darauf gehofft, dass sein Opfer erst heute Morgen wieder entdeckt würde."
„Das wäre ja auch beinahe passiert." Hotchner sah Reid zustimmend an.
„Er kennt sich mit Alarmanlagen aus. Jetzt stellt sich nur die Frage, hat er sie ausspioniert oder kennt er sie woanders her?" Brachte Prentiss ihre Gedanken ein.
„Ich denke, er schaut sich genau um. Zeit hat er genug zwischen den Morden." Morgan nahm das Wort an sich. „Zumindest kannte er hier nicht die genauen Kamerastellungen. Garcia hat ihn gefunden. Aber leider sieht man ihn nur von hinten." Er gab ein Bild herum.
„Das bringt uns auch noch nicht sonderlich weiter. Haben wir schon einen Treffer von der Liste?"
Morgan sah Hotchner an und schüttelte bedauernd den Kopf. „Wir sind immer noch bei über fünfhundert Personen."
„Und was ist, wenn Santa dem UnSub in seiner Kindheit Gewalt angetan hat?" Hotchner schaute Frank an, dann wandte er sich wieder an Morgan. „Ein wahres Wort. Das hieße, ihr könntet euch doch nicht nur auf Morde konzentrieren."
„Die Anzahl der möglichen Verdächtigen steigt damit wieder um ein vielfaches!" Mischte sich Garcias Stimme aus dem Laptop in das Gespräch ein.
„Der Gedanke mit dem Missbrauch ist gar nicht mal so schlecht. Aber ich würde unter diesem Aspekt noch etwas weiter gehen." Rossi hatte bisher ruhig dagesessen und dem Gespräch gelauscht. „Die meisten versuchen ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ihr solltet die Suche auf das ganze Land ausweiten. Nach so vielen Jahren wird er versucht haben neu anzufangen."
„Lassen wir die Morde dann jetzt außen vor. So sollten wir uns in den Jahren…" Morgan überlegte, „1975 bis 1995 umsehen. Da wäre er zwischen fünf und fünfzehn Jahre alt gewesen."
„Dann ist die Frage noch offen: Was ist dieses Jahr passiert, dass ihn so handeln lässt?" Stellte Prentiss die nächste wichtige Frage in den Raum, deren Antwort sie erarbeiten mussten.
Doch Morgan blieb bei seinem alten Thema: „Was ist, wenn es damals zu keiner Anzeige, keine Verurteilung gekommen ist?" Hotchner sah Morgan direkt in die Augen und er wusste worauf sein Kollege hinaus wollte. Morgan hatte seinen Peiniger auch nie angezeigt. Erst nach Jahren, als dieser sich erneut einen Jungen gekrallt hatte, war er für seine Taten verurteilt worden. Hotchner nickte stumm vor sich hin und überlegte.
„In den Jahren damals wurde viel unter den Teppich gekehrt. Besonders in der Familie… Versucht es trotzdem. Vielleicht solltet ihr euch mehr auf Berichte versteifen, die, aus Mangeln an Beweisen oder anhand von Aussagen von Familienmitgliedern, schnell wieder fallengelassen wurden."
„Heute ist schon der Zwanzigste. Langsam müssen wir aber unseren UnSub finden. Mir läuft die Zeit weg, um noch Geschenke zu besorgen." Morgan hatte sich mit einem Becher dampfenden Kaffees an den großen Tisch niedergelassen und sah Prentiss und Frank auf der gegenüberliegenden Tischseite an. „Wir treten diesmal auf der Stelle, Ladys." Erschöpfte lehnte er sich auf seinen Stuhl zurück.
„Sag mal, ist das bei euch Männern eigentlich nicht so, dass ihr die Geschenke erst am vierundzwanzigsten besorgt?"
Morgan schaute Frank perplex an. „Wie kommst du darauf?"
„Nun, zumindest ist das bei uns in Deutschland so." Frank versuchte ernst zu bleiben. „Es gilt zwar nicht für alle Männer. Und auch einige Frauen sind schon mal viel zu spät dran mit ihren Einkäufen. Aber Männer haben ein Händchen dafür erst im letzten Moment noch etwas zu erhaschen."
Morgan hatte interessiert Franks Erklärung gelauscht und lachte selbstbewusst: „Bei mir ist das nicht so."
„Vielleicht solltest du Hotch fragen, ob du heute Abend frei bekommen kannst. Dann könntest du deine Geschenke besorgen." Schlug Prentiss ihrem Kollegen vor.
„Das wäre nicht schlecht. Aber der Fall ist momentan wichtiger."
„Wichtiger als die Familie?" Frank sah ihn ungläubig über den Tisch hinweg an. „Ich glaube, das würde deine Familie noch als Ausrede gelten lassen, aber für Hotch zählt das nicht!"
„Wie kommst du darauf? So genau kennst du ihn doch noch gar nicht. Oder hast du schon vergessen, wie er dich in L.A. fertig gemacht hat, als du Justus Smith im Alleingang hochgenommen hast?"
Frank spürte, wie ihr heiß wurde. „Nun, mein Gefühl sagt mir, dass er sehr viel an seine Familie denkt. Und wenn ihr ehrlich seid, dann ist für jeden von euch dieses Team eure Familie. Oder zumindest ein Teil eure Familie, für die ihr alles geben würdet.
Daher glaube ich nicht, dass ihm ein Fall wichtiger ist, als die Familie. Er setzt Prioritäten, die sich mal für die Familie mal für einen Fall entscheiden. Frag ihn, ich denke, er wird dich freistellen."
„Daddy! Endlich bist du zurück!" Ein kleines Mädchen lief herbei und warf sich in die Arme eines dunkelhaarigen Mannes.
„Marie nicht so stürmisch!"
„Hey Schatz." Eine ebenfalls dunkelhaarige Frau, deren Haare offen über ihre Schultern lagen, lehnte im Türrahmen.
„Hallo", er trat näher heran und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange. „Gibt es was Neues? Hat sich Santa Claus schon gemeldet, ob er auch alle Geschenke liefert?" Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu.
„Ja, alles klar soweit…" Sie drehte sich um und verschwand wieder in der Küche. „Das Essen ist gleich fertig, ihr könnt euch schon mal die Hände waschen."
Sie schüttete die Nudeln in ein Sieb. „Ach Schatz…! Deine Mum hat angerufen. Sie werden am 23. kommen. Dad und Onkel Paul freuen sich wohl schon auf die gemeinsamen Feiertage."
Plötzlich stand ihr Mann in der Küchentür. Zornesröte hatte sich über sein Gesicht gelegt: „Habe ich nicht gesagt, dass ich ihn nicht in meinem Haus haben will." Zischend drang seine Stimme durch die Zähne.
„Ich konnte es deiner Mum nicht ausreden. Sie hat ihm versprochen die Feiertage wie früher gemeinsam mit der Familie zu verbringen."
„Ich will ihn nicht hier haben!"
„Andrew beruhige dich!" Doch ihr Mann drehte sich nur auf dem Absatz um und verschwand. Sie hörte die Tür kräftig ins Schloss schlagen, kurz darauf startete der Motor seines Dienstfahrzeuges.
Morgan und Frank schlenderten lachend die 3rd Avenue hinunter. Beide waren mit Tüten voller Einkäufe beladen.
„Hast du nun bald alle Geschenke zusammen?" Frank hob ihre voll beladenen Arme.
„Noch nicht ganz. Ein kleines brauche ich noch. Ich denke aber, es dürfte nicht allzu schwer werden es zu finden." Morgan ging gezielt auf das nächste Geschäft zu.
„Ach", er drehte sich übermütig zu ihr um, „danke, dass du mit Hotch gesprochen hast."
„Ich?"
„Tu nicht so, ich weiß, dass du deine Finger im Spiel hattest."
„Okay, ich habe ihm einen kleinen Wink gegeben. Aber die Entscheidung lag letztendlich bei ihm."
„Und, was hast du ihm gesagt?"
Frank schwieg einen Moment. Den genauen Wortlaut sollte sie hier wohl lieber nicht wiedergeben. Auch nicht den Moment, als sie ihn darauf angesprochen hatte. Sie lächelte vor sich hin. „Das unser UnSub bisher immer zum Geschäftsschluss zugeschlagen hat. Wenn wir uns etwas früher auf den Weg machen und die Augen dann zum Ende hin vermehrt offen halten, könnten alle Probleme gelöst werden."
Morgan legte seinen Arm um Franks Schultern: „Weißt du, wer immer dich zu uns geschickt hat, er hat uns einen riesigen Gefallen damit getan."
„Dann müssen wir nur noch hoffen, dass du bei dieser Ansicht bleibst."
„Oh, schau mal, ich glaube ich habe genau das Richtige für meine Mum gefunden." Morgan deutete auf eine kleine Vitrine im Geschäft. Sie gingen hinein und während Morgan seine Wahl traf und verpacken ließ, streifte Frank an den Auslagen entlang.
Ihr Blick blieb an einer Vitrine mit kleinen silbernen Herzen hängen. Ein bisschen kitschig! Aber schön. Sie wusste genau, wer sich darüber freuen würde. Nicht jetzt zu Weihnachten, aber vielleicht, wenn ihre Zeit beim FBI vorbei war.
„Ich hätte gern das Herz mit dem eingravierten S." Wandte Frank sich an die Verkäuferin, die zu ihr getreten war. Verstohlen sah sie sich nach ihrem Kollegen um, aber Morgan stand noch immer in der Schlage um sein Geschenk einpacken zu lassen.
„Gerne. Soll ich es Ihnen noch als Geschenk verpacken?"
„Was? … Oh, nein Danke, das ist nicht nötig…" Wehrte Frank ab. „Aber haben sie eventuell noch eine passende Kette dazu?"
„Wie lang soll die Kette denn sein?"
Susanne sah die Verkäuferin verwirrt an. Nervös fuhr sie sich mit der Hand über den Mund. Warum musste das so lange dauern? „Ich weiß nicht. Recht kurz?!" Susanne atmete tief durch. Du musst dein Gehirn wieder anstellen, befahl sie sich.
„Dann würde ich sagen, wir brauchen eine vierundzwanziger Kette. Er hat einen recht muskulösen Körperbau."
„Wer?" Frank konnte sich nicht vorstellen, dass die Verkäuferin Hotch kannte.
„Na ihr Freund." Den Blick folgend drehte sie sich um.
„Oh, nein!" Frank war erleichtert. „Das ist mein Kollege. Er braucht nur nicht erfahren, dass ich so etwas kaufe."
„Dann ist es wohl noch sehr frisch?"
„Kann man so sagen, ja."
„Und das zu Weihnachten…" Begann die Verkäuferin zu schwärmen.
„Entschuldigen Sie, aber ich habe es etwas eilig." Susanne deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Einpacktisch.
„Gut, ich verstehe."
„Ich denke, wir sollten doch eine etwas längere Kette nehmen. Sie sollte in etwas bis hier gehen." Frank legte ihren Finger auf ihren Brustansatz. „Das wäre besser."
Bald hatte die Verkäuferin alles zusammengepackt und Frank die Rechnung an der Kasse beglichen. Sie steckte die kleine Papiertüte in ihre Jackentasche und zog den Reißverschluss vorsichtig darüber zu.
Leicht beschwingt, von dem Adrenalinstoß ging sie zu Morgan hinüber und schaute wie selbstverständlich über seine Schulter: „Nun Derek, alles fertig?"
„Ja, jetzt ist alles perfekt!"
„Dann lass uns die Tüten wegbringen und uns wieder auf den Fall konzentrieren." Sie traten hinaus auf die Straße.
„Susanne, schau mal dort vorne!" Morgan hatte seinen mit Tüten behängten Arm quer über die Straße ausgestreckt. In fast hundert Metern Entfernung verschwand ein Weihnachtsmann mit starren großen Augen hinter einer Gebäudeecke.
„Das war er, ich habe ihn gesehen." Morgan ließ seine Tüten fallen und lief über die belebte Straße. „Gib Hotch bescheid!"
Frank nahm ohne zu zögern ihr Handy aus der Tasche und drückte die Kurzwahltaste, die sie sofort mit ihrem Chef verbinden würde.
„Hotchner." Meldete er sich förmlich. Er war also nicht allein.
„Hotch, wir haben ihn gesehen." Frank behielt Morgan im Auge während sie sprach. „Derek läuft ihm gerade hinterher. Wir sind auf der 3rd Avenue, ähm,… Ecke dreiundzwanzigste Straße." „Ich schick euch Verstärkung."
Frank klappte das Handy zu, nahm die Taschen und Tüten auf und schlängelte sich einen Weg über die viel befahrende Fahrbahn. Sie sah Morgan gerade noch mit gezückter Waffe in den Hausschatten verschwinden.
Als sich Morgans Augen an die Dunkelheit zwischen den eng zusammenstehenden Häuserfronten gewöhnt hatten, sah er vor sich einen weißen Transporter. Eine Tür schlug zu. Der Motor startete.
„Halt! FBI!" Schrie er, seine Waffe im Anschlag. „Schalten Sie den Motor ab! Halt!"
Doch der Wagen setzte sich in Bewegung. Im Hintergrund erklangen die Polizeisirenen. Sie waren also auf dem Weg.
Morgan konnte schießen, aber das Opfer lag wahrscheinlich hinten im Laderaum. Es zu verletzten konnte er nicht wagen. So konzentrierte er sich auf den Transporter.
„Morgan!" Frank trat mit gezogener Waffe neben ihm. „Alles okay?"
„Ja." Sie steckten ihre Waffen weg und gingen zurück zur Hauptstraße.
Mit quietschenden Reifen hielt ein schwarzer SUV am Bordstein. Rossi und Hotchner sprangen heraus und kamen auf sie zu.
„Seid ihr in Ordnung?"
„Ja, alles bestens… Aber er ist weg. Wir sollten eine Fahndung herausgeben, vielleicht finden die Streifen ihn noch in der Gegend. Er fährt einen weißen Transporter." Morgan zog sein Handy aus der Tasche.
„Hey meine Schöne."
„Hallo zusammen."
„Ich habe dich auf laut gestellt."
„Ich weiß!" Auf Morgans Gesicht legte sich ein wissendes Lächeln. Die Kameras. Garcia nahm die Aufgabe ihre Kollegen nicht aus den Augen zu verlieren wirklich sehr ernst. „Schieß los."
„Wir suchen einen weißen Transporter. Er hatte einen Aufdruck auf der Hintertür. Irgendetwas mit ‚Anlagen'. Und die drei letzten Ziffern des Nummernschildes habe ich für dich … 598."
„Damit lässt sich etwas anfangen." Garcia tippte die Angaben in den Computer. „Es gibt… genau… drei Fahrzeuge. Eigentümer ist… oh…"
„Wer?"
„Eine Firma für Sicherheitssysteme aller Art."
„Hauptsächlich Alarmanlagen?"
„Ja." Stimmte Garcia Frank zu.
„Wir brauchen die Adresse."
„Kommt Chef."
„Reid und Prentiss fahren Morgen als erstes zu der Adresse, um die Fahrer dieser drei Fahrzeuge festzustellen."
„Garcia kannst du seinen Weg mit den Überwachungskameras noch verfolgen?" Frank sprach in Richtung des Mikrophons.
„Sicher. Sobald ich ihn gefunden habe, ist es kein Problem ihm zu verfolgen."
„Versuch es Garcia. Es könnte uns eventuell einen Hinweis geben, wo er sein Opfer ablegen will. Vielleicht können wir dadurch einen größeren Rummel verhindern." Hotchner schien wütend. Ein weiteres unschuldiges Opfer! Aber sie kamen dem Täter näher.
Das Team saß um den Tisch verteilt und besprach die Vorkommnisse des Vortages, als Reid und Prentiss hereineilten. Hotchner sah zur Tür, sprach aber weiter: „Das letztes Opfer wurde noch gestern Abend in einem Vorgarten in Brooklyn gefunden. Es war ein dreifacher Familienvater aus Queens."
Reid und Prentiss setzten sich betreten zu den Kollegen an den Tisch. Stille herrschte im Raum. Gerade vor Weihnachten war es schwer den Familien das warum zu erklären. Drei Kinder, die sich schon so auf die Feiertage gefreute hatten.
„Was habt ihr herausgefunden?" Rossi hatte sich zu Reid umgedreht, der sich neben ihn gesetzt hatte.
„Die Wagen werden immer von den gleichen drei Elektrikern gefahren."
Morgan drückte die Verbindungstaste am Laptop, um Garcia zu kontaktieren. Kurz darauf erschien sie auf dem Bildschirm: „Hier ist nicht die Weihnachtsmannzentrale, wenn sie ihre Wünsche bitte auf einen Zettel schreiben würden und warten, bis er von einem Engel abgeholt wird… Vielen Dank."
„Hey, was ist los, meine Schöne? Du hörst dich gestresst an. Und das so früh am Morgen!" Die Teammitglieder schauten sich verwundert an.
„Nichts… Alles Bestens… Was kann ich für dich tun?"
„Kannst du ein paar Namen mit unseren Listen vergleichen?"
„Sicher, schieß los!" Garcias Stimme war schon wieder weicher.
Prentiss hatte ein Blatt Papier hervorgezogen und las die Namen vor: „Juan Martinez, Joe Bruckner und Andrew Parker."
Nur das Tippen ihrer Finger war zu hören. Dann plötzlich: „Treffer. Andrew Parker."
„Was hast du über ihn Garcia?" Mischte sich Hotchner in das Gespräch ein.
„Fünfunddreißig. Er ist in Norristown bei Philadelphia geboren und aufgewachsen. Beendete dort die Schule, besuchte danach das College und machte seinen Abschluss zum Elektriker. Seit 2003 mit Anna White verheiratet und zog auch im selben Jahr nach New York City. 2006 wurde ihre Tochter Marie geboren.
Er ist überhaupt nicht auffällig. Keine Vorstrafen, keine Strafzettel, nichts."
„Auf welcher Liste steht er meine Zauberin?"
„Die mit den eingestellten Bearbeitungen."
„Kannst du in den Bericht schauen, Garcia? Wir müssen wissen, was damals passiert ist." Rossis raue, aber weiche Stimme drang durch den Raum.
Mit Blaulicht und Sirene suchten sich die beiden schwarzen SUV des FBI und zwei weitere Polizeiwagen ihren Weg durch Manhattan, über die Brooklyn Bridge hinüber nach Long Island. Sie hielten in einem Wohngebiet und sprangen aus den Fahrzeugen. Schnell war das Haus umstellt. Hotchner und Prentiss traten an die Vordertür und klopften. Ein kleines, dunkelhaariges Mädchen öffnete die Tür und sah die beiden Männer mit großen Augen an.
„Hallo Kleine. Wir würden gerne mit deinem Daddy oder deiner Mummy reden. Sind sie da?"
„Mummy, da sind ein Mann und eine Frau an der Tür."
Eine ebenfalls dunkelhaarige Frau erschien. „Marie, ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass du nicht einfach die Tür öffnen sollst."
Sie strich ihrer Tochter liebevoll lächelnd über den Kopf und sah dann zu den fremden Menschen hoch, die geduldig vor der Tür warteten.
„Mrs. Parker?"
„Ja?!"
„Agent Hotchner vom FBI, meine Kollegin Agent Prentiss. Wir würden gerne mit ihrem Mann sprechen."
„Der ist nicht da… Ist etwas passiert?" Die Frau schien plötzlich verängstigt und schickte ihre Tochter auf ihr Zimmer zum Spielen.
„Er ist nicht zu Hause." Gab Prentiss an die Kollegen durch.
„Können wir bitte hereinkommen? Es ist besser, wenn wir in Ruhe darüber reden."
Sie nickte und machte ihnen den Weg frei. Sie bot ihnen im Wohnzimmer Platz an und setzte sich, ihre Hände nervös knetend auf das dunkle Ledersofa.
Prentiss nahm einen der Sessel ihr Gegenüber und sah die Frau vor sich offen an. Sie begann das Gespräch augenblicklich: „Sie machen sich Sorgen um ihren Mann?"
„Ja… Andrew… er ist die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. Auf meine Anrufe reagiert er nicht."
Rossi und Morgan betraten den Raum und nickten grüßend Mrs. Parker zu.
„Macht er das öfter?", fragte Prentiss weiter.
„Nein."
„Hat er sich in den letzten vier Wochen verändert? Erkennen Sie ihren Mann nicht wieder?"
„Manchmal…" Gestand die dunkelhaarige Frau.
„Wann? Was ist der Grund?"
Es schien ihr fast zu banal, daher stockte sie einen Moment: „Er rastet jedes Mal aus, wenn wir über Weihnachten sprechen. Seine Eltern kommen uns wieder besuchen und sie bringen diesmal seinen Onkel Sam mit. Ich dachte er würde sich darüber freuen."
Hotchner wurde aufmerksam und drehte sich zu Mrs. Parker um. „Was ist mit Samuel Parker, hat ihr Mann irgendetwas über ihn erzählt?"
„Nein", verwundert sah sie zu dem Mann mit dem ernsten Gesicht hinauf. „Ich wusste gar nicht, dass er noch einen Onkel hat!"
Rossi gab Morgan ein Zeichen ihm zu folgen und zog Hotchner mit sich in eine Ecke. „Selbst wenn es sein Onkel nur auf Jungs abgesehen haben sollte, weiß Andrew es nicht."
„Richtig", Hotchner nickte bestätigend, „er will seine kleine Tochter vor der Bestie schützen. Und er weiß sich keinen anderen Rat, als ihn zu töten."
„Er ist der Ansicht: Keiner hat ihm geglaubt und keiner wird ihm glauben. Wenn er nicht selber für Gerechtigkeit sorgt, zerstört er seine Familie." Ergänzte Rossi die Überlegungen weiter.
„Die zerstört er so oder so. Aber er kann die schwere Last, die er trägt, seiner Tochter ersparen." Morgan sprach die Wahrheit aus, die sie alle drei kannten.
Sie traten zurück an den Tisch, wo Prentiss die Befragung weitergeführt hatte. „Wann kommen ihre Schwiegereltern in New York an?"
„Morgen Nachmittag gegen fünf. Sie kommen mit dem Zug aus Philadelphia. Wegen dem vielen Schnee. Ich habe versprochen, dass wir sie abholen." –
„Er hat noch einen ganzen Tag. Wir müssen ihn finden." Flüsterte Morgan Rossi zu. „Wenn nicht, wird er seine Aggressionen heute Nacht wieder abbauen müssen."
„Nicht unbedingt." Entgegnete der Altermittler. „Ich denke, er hat nur Angst nach Hause zu kommen. Er möchte seiner Familie kein Leid antun.
Parker weiß, dass er sich in den Momenten des Überfalls nicht in der Gewalt hat." –
„Mrs. Parker, haben sie eine Ahnung, wo wir ihren Mann finden könnten? Hat er Freunde, Arbeitskollegen, die ihm Unterschlupf gewähren würden?"
Sie schüttelte den Kopf auf Hotchners Fragen. „Ich habe schon alle angerufen. Sie würden sich melden, wenn sie etwas von Andrew hören. Sie wissen, dass ich mir Sorgen mache."
„Gibt es einen Lieblingsplatz, an denen er sich gerne zurückzieht? Eine Hütte? Irgendwo am Strand?" Immer schüttelte Mrs. Parker den Kopf. „Eine Stelle, die ihnen zusammen etwas bedeutet?"
„Nein, nichts!... Können Sie mir bitte endlich verraten, warum sie Andrew suchen?" Die Angst um ihren Mann schien sie fast zu erdrücken.
Prentiss sah sie mitleidig an. „Wir müssen leider davon ausgehen Mrs. Parker, dass Ihr Mann die Morde an den Weihnachtsmännern verübt hat."
Anna Parker schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund. „Nein… das glaube ich ihnen nicht. Sie verdächtigen den Falschen!"
„Es spricht im Moment alles gegen ihn." Hotchner hatte sich neben die entsetzte Frau niedergelassen. „Ich verstehe, dass es nicht einfach ist, es zu akzeptieren."
„Aber warum sollte Andrew das tun?"
„Das hat mit seiner Kindheit zu tun, Mrs. Parker. Er wurde von seinem Onkel missbraucht…"
Es war spät, die Nacht schon lange angebrochen, als sich das Team im Foyer ihres Hotels in einer Sitzecke traf. Die Müdigkeit der letzten durchwachten Nächte war allem im Gesicht abzulesen
Rossi und Reid stießen als Letzte zu ihnen.
„Keine Spur von Parker. Entweder hat er sich gut versteckt, oder er hat sich für heute Nacht eine andere Stelle ausgesucht um zuzuschlagen."
Rossi ließ sich ermattet in den erstbesten Sitz neben Prentiss nieder.
„Da er davon ausgehen muss, dass er offiziell gesucht wird, wird er sich irgendwo in der Nähe des Bahnhofs versteckt halten." Begann Morgan. „Morgen ist sein Finale. Er wird kein Risiko eingehen und sich so kurz vor seinem Ziel noch schnappen lassen. Er will dem Ganzen endlich ein Ende machen."
„Gerade gegen fünf wird es morgen sehr voll im Bahnhof werden." Hotchner dachte an die vielen zivilen Menschen, die gefährdet waren. „Aber wir müssen die Familie schon dort im Auge behalten. Parker wird jede Möglichkeit nutzen, die ihm geboten wird. Sollte sein Onkel je einen Fuß über die Schwelle seines Hauses setzten, ist er geschlagen."
Heftiger Schneefall hatte eingesetzt. Die Agents stiegen aus den SUVs, die sie vor der Penn Station abgestellt hatten und verteilten sich über die Eingänge.
Hotchner, Rossi, Reid und Frank sahen hoch zu der Ankunftstafel und suchten nach dem Zug aus Philadelphia.
„Da, Gleis 14…" Frank zeigte auf die Tafel. „Ankunft 17 Uhr 05."
Rossi hob das Mikrophon an den Mund und gab das Ziel den Einsatzkräften durch.
„Dort entlang." Reid deutete auf ein Schild, dessen Richtung sie zu den Gleisen 13 bis 22 bringen sollte. Sie liefen los. –
Morgan, Jareau und Prentiss erreichten den oberen Bahnsteigabschnitt. Sie teilten sich auf, Prentiss übernahm die linke Seite, Morgan und JJ die Rechte. Langsam gingen sie am Bahnsteig entlang und durchsuchten die anwesenden Reisenden systematisch.
Durch Augenkontakt blieben sie in Verbindung.
Morgan wartete, bis er Prentiss wieder hinter dem Plakat hervortreten sah und gab ihr ein Zeichen, dass er Anna Parker und ihre Tochter in der Menge auf dem Bahnsteig ausgemacht hatte. Sie trat neben ihm und aus einiger Entfernung überwachten sie die Familie des Täters.
„Haben Mrs. Parker und ihre Tochter entdeckt. Wir sind zwischen Abschnitt B und C." Gab Morgan über Funk durch.
Der Zug wurde über Lautsprecher angekündigt und fuhr kurz darauf in den Bahnhof ein. Mit quietschenden Bremsen kam er schließlich zum Stehen.
Viele Reisende, mit Koffern und Geschenken bepackt, stiegen aus. Mrs. Parker winkte plötzlich heftig mit dem Arm.
Lachend kamen eine Frau und zwei Herren, alle um die sechzig, auf sie zu. Sie fielen einander in die Arme.
„Morgan, der Weihnachtsmann, der euch entgegenkommt!" Erklang Hotchners Stimme über Funk.
„Verstanden." Er zog vorsichtig seine Waffe und schlich sich näher an Mrs. Parker und ihre Familie heran. Prentiss und Jareau waren ihm immer auf den Fersen.
„Tun Sie es nicht Mr. Parker." Doch der verkleidete Mann packte sich seinen Onkel und hielt ihm ein Messer an den Hals. Prentiss, Jareau und Morgan hielten ihre Waffen im Anschlag auf den lang gesuchten Mörder und sein vermeintlich letztes Opfer gerichtet.
Die umstehenden Menschen schrien auf. „Eine Waffe!... Hilfe!" Panisch drängten die Reisenden den Ausgängen des Bahnsteiges zu. Die große Macht an Polizisten und FBI-Agents brachte die Panik nicht gerade zum erliegen.
„Andrew?" Mrs. Parker sah ihren Mann entsetzt an und zog automatisch ihre Tochter feste an sich.
Augenblicklich sah sich Mr. Parker von dutzenden Waffen umstellt. Ihm wurde schlagartig klar, dass es für ihn kein Entrinnen mehr gab. Sie hatten ihn. Doch leider etwas zu früh.
„Mrs. Parker, kommen Sie her." Prentiss war die Veränderung im Blick des Täters nicht entgangen. Die erste Überraschung wich einer starken Entschlossenheit. Instinktiv trat sie vor und packte die Frau und Marie an den Ärmeln der dicken Jacken. „Bringen Sie ihre Tochter hier weg."
„Aber Andrew!"
„Soll ihre Tochter zusehen? Was auch immer geschieht?"
Mit ängstlichen Augen schien sie die Worte von Prentiss endlich verstanden zu haben. Sie ergriff die Hand ihrer Tochter und eilte mit ihr davon. Nicht ohne sich noch einmal nach ihrem Mann umzusehen.
Hotchner und Rossi hatte sich unterdessen um die Eltern des Täters gekümmert und sie hinter die Mauer der Polizeigewalt geschafft.
„Anna!... Ich tue das alles für euch. Für Marie!"
„Glauben Sie wirklich, dass die Geschehnisse in ihrer Kindheit die ganzen Morde rechtfertigen?" Morgan ging einen Schritt auf Andrew Parker und seinem Onkel zu.
„Keinen Schritt weiter."
„Was soll das alles? Andrew? Warum bedrohen Sie unseren Sohn?" Mit entsetzten Augen verfolgte seine Mutter das Szenarium.
Morgan ließ sich von den Zwischenrufen nicht aus der Ruhe bringen. Seine Konzentration galt allein Andrew Parker: „Mr. Parker, wir wissen, was Sie in Ihrer Kindheit durchgemacht haben. Er kam einmal im Jahr, zu Weihnachten. Spielte für sie den Weihnachtsmann. Doch die Feiertage waren für sie keine Freude, da er sich regelmäßig an ihnen vergangen hat."
„Hören Sie auf! Es hat damals keinen interessiert! Warum sollte es heute von Interesse sein?!"
„Weil es der Grund ist, warum sie die ganzen Männer getötet haben."
„Das wollte ich nicht. Ich wollte aufhören…" Echte Reue klang in seiner Stimme mit. Dann wurde er wieder energischer: „Aber immer wenn ich an dieses Schwein hier erinnert wurde, ist mir die Galle hochgekommen." Mr. Parker drückte die kalte Klinge fester auf den Hals seines Onkels.
„Und sie sind erst wieder zu sich gekommen, als sie den Leichnam in Armen hielten."
„Ja…"
„Lassen Sie es dabei bewenden Andrew. Es hilft nichts, wenn sie noch weiter töten."
„Doch,… denn es gibt kein Zurück mehr. Dabei wollte ich nur Marie beschützen." Eine Träne verließ seine Augen. Eilig blinzelte er sie fort. Er benötigte jetzt klare Sicht.
„Andrew, ihr Onkel hätte Marie nie angefasst."
„Oh doch, das hätte er. Er liebt kleine Kinder…" Parker war überzeugt davon, dass er recht hatte.
„Aber nur Jungen, Andrew. Marie interessiert ihn nicht."
„Nein!"
„Sagen Sie es ihrem Neffen… Sagen Sie ihm, dass Marie für sie nicht interessant ist." Forderte Morgan das quengelnde Opfer in den Armen von Andrew Parker auf.
„Ich…" Dieser schluckte schwer. Mit weit aufgerissenen Augen suchte er nach Hilfe bei den umstehenden Agents.
„Nun?!" Morgan forderte ihn erneut auf. Was ihm jetzt nur noch helfen konnte war ein Geständnis.
„Marie ist niedlich, aber sie reizt mich nicht. Du hättest keine Angst um sie haben müssen." Brachte Samuel Parker schließlich mit dünner Stimme hervor.
„Bitte Andrew, lassen Sie Samuel los. Er wird seine Strafe bekommen." Mischte sich Prentiss ein.
„Das stimmt. Und ich glaube nicht, dass er sich in den letzten Jahren nicht irgendwo Ersatz gesucht hat. Wir werden ihm den Prozess machen." Morgan spürte, wie Andrew Parker langsam einknickte. Er steckte seine Waffe zurück in den Holster, streckte seine Hand aus und forderte somit den Täter auf, sein Opfer frei zu lassen.
Spannende Sekunden verstrichen, die den Umstehenden unendlich vorkamen. Jetzt mussten sie eventuell in sekundenschnelle die richtigen Entscheidungen treffen.
Dann sank die Hand mit dem Messer vom Hals des Opfers. Doch die Waffen blieben starr auf ihn gerichtet. Bisher hatte er seine Opfer durch einen Stich ins Herz getötet. Die nächsten Sekunden zählten.
Andrew Parker war klar, dass er hier nicht mehr lebend davon kam. Sie würden ihn für immer wegsperren. Anna und Marie, sie würden leiden…
Aber sein Onkel sollte leiden!
„Sie sorgen dafür, dass er hinter Gittern kommt?" Ein letzter Zweifel.
Morgan nickte. „Ja."
Dann ging es sehr schnell. Andrew stieß seinen Onkel von sich, Morgan in die Arme und stach im nächsten Moment sich selber das Messer in die Brust.
„Nein!... Nicht!" Frank erfasste es als Erste und bewegte sich auf Andrew Parker zu. Langsam, als könnte er selbst noch nicht fassen, was er gerade getan hatte, zog er das Messer aus seinen Körper. Es lag schwer in seiner Hand. Er konnte es nicht mehr halten. Es glitt ihm blutverschmiert aus der Hand und schlug klappernd auf dem Bahnsteig auf.
Andrew Parker lächelte Frank noch entschuldigend an, als er langsam zusammensackte. Frank packte ihn und versuchte den Fall abzudämpfen. Vorsichtig bettet sie seinen Kopf auf den steinernen Bahnsteig. Hotchner kniete sich augenblicklich neben sie hin und versuchte die Stichwunde mit seiner Jacke abzudrücken. Doch Blut sickerte schon aus den Mundwinkeln des Täters.
„Anna… erklären… nur für sie getan." Parker schaute bittend zu Frank hoch.
Frank nickte leicht. „Ich werde es ihr sagen."
Nach einigen weiteren röchelnden Atemzügen wurden Parkers Augen starr und glasig.
Hotchner drückte ihm die Augen zu und stand auf.
„Komm." Er legte Frank seine Hand auf die Schulter. „Parker ahnte wohl, wie sein weiteres Leben ausgesehen hätte."
Frank nickte. Doch für sie war jedes Menschenleben wichtig. Sie erhob sich und folgte schweigend den Kollegen zum Ausgang.
Johann Wolfgang von Goethe:
„In jedes gute Herz ist das Gefühl von der Natur gelegt, dass es für sich allein nicht glücklich sein kann, dass es sein Glück in dem Wohle anderer suchen muss."
Es war bereits nach 8p.m. als sich das Flugzeug mit dem BAU-Team an Bord in den Himmel schwang. Der Schnee fiel immer noch dicht und in dicken Flocken aus den Wolken.
Eine leicht bedrückte Stimmung lag noch über den Agents. Die Gewalttaten vom Nachmittag hielten ihre Gedanken gefangen.
„Hey", Hotchner hatte sein Handy hervorgezogen und das Gespräch entgegengenommen. „Ja, wir sind auf dem Rückflug… Oh, das ist perfekt. Danke Jess… Morgen früh, als erstes, versprochen… Gegen 9a.m. hatte ich gedacht… Offiziell bis 1p.m. … Das besprechen wir dann gleich, wenn ich zu Hause bin… Bye."
Hotchner stand auf und indem er einen Blick durch das Flugzeug warf, begann er zu reden: „Leute, könnte ich einen Moment eure Aufmerksamkeit bekommen?"
Reid, Prentiss und Frank, die sich am Tisch mit einem Kartenspiel versuchten abzulenken, sahen auf und drehten sich neugierig zu ihm um.
Morgan sah hoch und nahm seine Kopfhörer des MP3-Players herunter.
„Könntet ihr bitte Garcia auf den Bildschirm rufen?"
Reid nickte und drückte die Ruftaste für ihre Technische Analystin.
Rossi faltete die New York Times zusammen und legte sie neben sich auf den Sitz. JJ öffnete die Augen und sah zu ihrem Chef hoch.
„Hallo, ihr Weihnachtsmannjäger. Hätte nicht gedacht, dass ihr jetzt auch noch damit beginnt den armen Mann in Rot nachzustellen."
Die drei Agents am Tisch lächelten sie verstehend an. Reid wandte ein: „Das ist doch jedem selber überlassen, wie er herumlaufen möchte. Diesmal war es halt Santa."
„Ich glaube aber, dass es sich gerade die Weihnachtsmänner in New York nicht aussuchen können."
„Da hast du wohl recht." Stimmte ihr Prentiss zu.
Nach dem kurzen Geplänkel, verlagerte sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Teamchef.
„Was gibt es Hotch? Streicht nicht schon wieder unseren Urlaub! Meine Mum freut sich schon so, dass ich länger bleibe."
„Keine Sorge Derek, das wird nicht passieren. Den Urlaub habt ihr euch wirklich verdient…
Ich wollte euch für Morgen einen Vorschlag machen. Wir sollten das Jahr gemütlich ausklingen lassen.
Ihr kommt gegen 9a.m. zu mir nach Hause, da werden wir in Ruhe Brunchen und dann könnt ihr ab 1p.m. in den Urlaub starten."
„Das wäre perfekt!"
„Super Idee."
„Dann brauchen wir auch nicht mehr bis nach Quantico hinauszufahren." Erklang es durcheinander.
„Besonders, da es heute Mittag auch hier bei uns angefangen hat zu schneien." Meldete sich Garcia über die Internetverbindung. „Es herrscht schon das totale Verkehrschaos da draußen."
„Na, super." Erklang Prentiss genervte Stimme.
„Emily, bis wir gelandet sind und alles erledigt haben, wird es ruhiger auf den Straßen." Morgan lächelte sie belustigt an, lehnte sich zurück und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Musik.
Die Zeit rückte vor und der Schnee fiel in einem dichten Vorhang vom Himmel. Sie hatten es sich nach dem Brunch im Wohnzimmer gemütlich gemacht, unterhielten sich laut und ausgelassen.
Der Klingelton eines Telefons erklang und unterbrach die gemütliche Stimmung der versammelten Teammitglieder.
„Entschuldigt bitte, das ist meins." Susanne zog ihr Handy aus der Hosentasche. Sie schaute auf das Display und stand auf. „Ich bin gleich zurück."
„Sue halte dich kurz. Wir wollten die letzen Arbeitsstunden in diesem Jahr schließlich gemeinsam beenden." Morgan schaute ihr ernst hinterher, dann lachte er.
Susanne winkte den Kommentar ruhig ab und nahm das Gespräch an: „Hey, schön das ihr anruft!"
Susanne lauschte ihrem Gesprächspartner.
„Danke, ich wünsche euch auch ein schönes Weihnachtsfest. Habt ihr schon beschert? …" Sie schaute auf die Uhr an der Wand und rechnete schnell nach. „Ja, ist noch etwas früh… Ach, ihr wollt gleich Essen. Was gibt es denn schönes? ..." Susanne lauschte auf die Worte und lachte laut auf.
Jack, der die ganze Zeit zwischen Susanne und Morgan gesessen hatte und dem Gespräch der Großen fasziniert gelauscht hatte, stand auf. Erstaunt sah er zu Susanne hinüber.
„Daddy, was redet Susanne da? Ich kann sie nicht verstehen." Jack berührte Hotch am Arm.
„Ich habe keine Ahnung. Aber da Susanne aus Deutschland kommt, wird das wohl deutsch sein.
Ich habe dir doch erzählt, dass sie für ein Jahr bei uns ist um Erfahrungen zu sammeln."
Jack nickte, konnte aber seine Aufmerksamkeit nicht von Susanne wenden. Langsam ging er auf sie zu.
„Jack bleib hier. Du kannst Susanne jetzt nicht stören." Hotch stand auf und versuchte seinen Sohn noch abzufangen.
„Ich bin gespannt, was ihr zu meinen Geschenken sagen werdet... Mama… Mama!" Susanne versuchte den Redeschwall am anderen Ende zu beenden. Sie nahm demonstrativ das Handy vom Ohr und schüttelte den Kopf.
„Ist die Verbindung unterbrochen?" Hotch hielt Jack an den Schultern zurück.
„Nein, man erzählt mir nur gerade, was in den Geschenken ist, die man mir geschickt hat und möchte wissen, ob sie mir gefallen haben."
Die Runde im Hintergrund lachte über Susannes ironischen Gesichtsausdruck.
„Deine Familie?" Susanne schaute Hotch kurz in die dunklen Augen und nickte bestätigend. „Meine Mummy. Und Dad steht im Hintergrund und mischt sich ständig ein."
„Susanne! Bist du noch dran?"
Susanne schaute das Handy in ihrer Hand an und seufzte spielerisch. Hotch ansehend legte sie dem Jungen ihre Hand auf die Schulter „Lass Jack ruhig hier. Er stört mich nicht."
Sie hob das Handy wieder ans Ohr.
„Ja Mama, ich bin noch da… Mama, wir haben hier Mittag. Das Weihnachtsfest steht erst noch vor der Tür und alle freuen sich auf die Feiertage… Genau… Wir sitzen noch ein bisschen zusammen und lassen den Tag ruhig ausklingen… Nein ihr stört nicht. Ich freue mich eure Stimmen zu hören." Hotch ging zurück und setzte sich wieder zu den Kollegen.
„Mach dir keine Sorgen Mama. Wir haben nur die beiden Weihnachtsfeiertage frei, dann geht der Alltag wieder los." Das war gelogen, aber sie hatte so kurzfristig keinen Flug mehr über den Ozean bekommen. Und sie wollte nicht, dass sie sich Sorgen machten. „Und was ich in den zwei Tagen machen werde, das kannst du dir doch wohl denken, oder? ... Richtig! Ich werde gar keine Zeit haben einsam zu sein. Also macht euch bitte keine Sorgen und genießt die Feiertage. Sophie hat mir geschrieben, sie hätte zwischen den Feiertagen frei? Dann macht euch ein paar schöne Tage, unternehmt etwas… Liegt bei euch Schnee? … Hier ist es seit gestern ununterbrochen am schneien. Jack hat schon einen großen Schneemann im Garten gebaut… Er steht gerade neben mir. Warte mal." Susanne hockte sich zu Jack hinunter. „Jack willst du mal hallo sagen?"
„Ist das deine Mummy?"
„Ja, wünsche ihr einfach Frohe Weihnachten, das wird sie wohl verstehen." Jack nahm Susannes Handy entgegen und hielt es sich ans Ohr.
„Hello, I'm Jack and I wish you a Merry Christmas."
„Jack, du sollst doch nicht stören."
„Ist schon gut Aa… es war meine Idee." Susanne spürte, wie sie rot anlief. Beinahe hätte sie sich verraten und ihn mit seinem Vornamen angesprochen.
Jack hielt ihr das Handy mit krauser Stirn entgegen. Susanne hielt es sich lachend wieder ans Ohr.
„Was hast du ihm gesagt Mama? Jack sieht ziemlich verwirrt aus." Susanne wuschelte dem Kleinen durch das dunkelblonde Haar. „Okay, ich werde es ihm übersetzen… Ja… Mama, ich melde mich Morgen bei euch, dann können wir in Ruhe reden. Macht euch noch einen schönen Abend… Bestell Papa und Sophie schöne Grüße von mir… Bye." Susanne kappte erleichtert die Verbindung.
Jack stand neben seinem Vater und alle schauten interessiert zu ihr hin. Leichtfüßig kam sie zurück zu der Sitzgruppe und nahm ihren Platz wieder ein.
„Ich habe kein Wort verstanden." Jack sah peinlich berührt aus.
„Das hätte keiner von euch. Meine Mum kann kein Englisch. Aber sie hat dich trotzdem verstanden und ich soll dir was ausrichten: Sie hat sich sehr über deine Grüße gefreut und sie wünscht dir auch ein schönes Weihnachtsfest. Und viele Geschenke soll dir Santa Claus bringen."
Plötzlich lehnte Jessica in der Tür, sie war nach dem Brunch noch zu ihren letzten Einkäufen losgezogen. „Wollt ihr nicht langsam los?"
Überrascht, wie späte es schon war sprang Morgan auf. „Reid, wir müssen los, sonst verpassen wir noch unsere Flieger. Bei dem Schnee werden wir etwas länger zum Flughafen brauchen."
„Eigentlich könntet ihr mich doch auch gleich mitnehmen." Emily sah ihre Kollegen entschlossen an. „Dann braucht sich Susanne später nicht noch im Dunklen durch den Schnee kämpfen."
„Sicher nehmen wir dich mit. Aber wir müssen uns beeilen." Prentiss drückte Susanne kurz an sich und folgte Reid und Morgan eilig zur Garderobe. „Wir wünsche euch allen frohe Weihnachten und viel Spaß mit euren Familien."
„Danke, das wünschen wir euch auch." Kam die Antwort im Chor aus dem Wohnzimmer.
„Warte Emily. Deine Tasche ist noch im Wagen." Susanne lief hinter den Kollegen her, hinaus in den Schnee.
„Ich werde mich auch verabschieden." Rossi stand ebenfalls auf und drückte Hotch und Jack zum Abschied die Hand.
„Dann sollten wir auch aufbrechen Penelope, was meinst du?" JJ sah die Computerexpertin an.
„Ja, die Zeit ist auf einmal so schnell vergangen. Dabei muss ich noch einiges für die Feiertage besorgen."
„Will und Henry werden auch schon auf mich warten. Danke Hotch, das war ein wirklich schöner Abschluss." JJ drückte ihm einen leichten Kuss auf die Wange. „Ein schönes Weihnachtsfest für euch drei und einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Wir sehen uns dann am 2. wieder."
„Tschüss Jack und ärgere Santa Claus nicht, sonst nimmt er seine Geschenke wieder mit." Penelope zwinkert dem Jungen verschwörerisch zu.
Hotch und Jack folgten den Dreien hinaus auf den Flur.
„Es war wirklich schön, dass ihr alle hier ward. Wir sollten das mal wiederholen." Hotch hatte den Arm um die Schultern seines Sohnes gelegt und drückte ihn an sich. Gemeinsam begleiteten sie ihre Gäste hinaus. „Frohe Weihnachten. Bestellt das bitte auch euren Familien."
„Frohe Weihnachten auch für euch." Sie stiegen die Stufen von der Veranda hinunter und gingen über den verschneiten Weg zu ihren Wagen.
„Frohe Weihnachten Susanne und einen guten Rutsch. Wir sehen uns im Neuen Jahr wieder." Penelope und JJ winkten ihr zu und stiegen zusammen in einen Wagen. Während sich Rossi in seinem mausgrauen BMW auf den Weg nach Hause machte. Susanne winkte ihnen nach und kam dann zurück zum Haus.
„Ich werde mich dann auch auf den Weg machen. Ich hole nur noch meine Jacke." Susanne verschwand im Haus.
„Susanne, warum bleibst du nicht noch ein bisschen." Jessica lehnte im Türrahmen zur Küche und sah ihr entgegen. „Ich könnte einen Rat von dir gebrauchen."
„Ich weiß nicht…" Begann Susanne langsam.
„Ja Susanne, bleib noch da." Jack kam zu ihr und ergriff mit einem bettelnden Hundeblick ihre Hand. Susanne konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie schaute zurück zu Hotch, dessen Augen baten sie ebenfalls noch zu bleiben.
„Okay, aber nicht mehr lange. Ich muss Emilys Wagen noch wegbringen."
„Ja!" Jack sprang vor Freude in die Luft.
Lachend verschwand Susanne mit Jessica in der Küche.
Über Hotchs Gesicht legte sich ebenfalls ein Lächeln. So entspannt, wie in den letzten zwei Wochen hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Konnte das alleine durch seine Beziehung zu Susanne kommen? Er schloss die Haustür und ging hinüber ins Wohnzimmer.
„Komm Jack, wir räumen hier auf. Dann müssen wir uns noch um den Weihnachtsbaum kümmern, damit der Weihnachtsmann sich an ihm erfreuen kann und weiß wo er die Geschenke ablegen soll."
Übermütig hüpfend folgte Jack seinem Dad.
„Warum bleibst du nicht über die Feiertage hier bei uns." Jessica stand vor dem Vorratsschrank und verstaute die Einkäufe, die ihr Susanne aus den Taschen reichte.
„Das ist nett von dir. Aber Weihnachten ist nun wirklich ein Familienfest und ich bin mir nicht so sicher, ob Jack und Hotch sich über meine Anwesenheit freuen würden."
„Freuen?!" Ein Paar übermütiger Augen sahen sie an. „Jack wäre überglücklich, er mag dich sehr. Und ich denke, nein, ich weiß, Aaron wünscht sich nichts sehnlicher." Jessicas Stimme war sehr bestimmt.
Susanne war verwirrt. Wie sollte sie Jessicas Worte deuten. Nachdenklich starrte sie vor sich hin.
„Susanne, Träumer!" Jessica stieß sie an. Erschrocken hob Susanne schnell die nächsten Waren aus der Tasche. Noch immer nachdenklich sah sie in das lachende Gesicht ihr gegenüber. „Keine Angst, Aaron hat mir alles erzählt. Er hatte erst Schuldgefühle gegenüber Haley. Aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass es nicht ihr Wille gewesen wäre, wenn er für immer alleine bleibt."
„Ich weiß nicht."
Jessica packte Susanne spontan an der Hand und zog sie hinter sich her in den Flur.
„Hey Jungs, wo steckt ihr?" Ihre Stimme hallte durch das Haus. Dann erschienen die Köpfe von Vater und Sohn in der Tür zum Wohnzimmer.
„Was gibt's?" Sie schienen in ausgelassener Stimmung zu sein, denn lachend wechselten sie einen kurzen Blick.
„Ich brauche eure Hilfe. Ihr müsst Susanne überzeugen… Ich habe sie über die Feiertage eingeladen bei uns zu bleiben. Was haltet ihr davon?" Überraschung und Erstaunen legte sich über die Gesichter der Beiden. „Sie müsste Weihnachten sonst ganz alleine in ihrer Wohnung verbringen."
Jack sprang hervor und lief auf Susanne zu. Er schlang seine kurzen Arme um ihre Beine und drückte sich feste an sie. „Du musst bleiben Susanne. Bitte!... Das wird ein Weihnachtsfest!"
Susanne fuhr ihm liebevoll durch das dunkelblonde Haar. Obwohl sie Jack noch nicht lange kannte, bemerkte sie, wie er ihr immer mehr ans Herz wuchs.
„Jack hat recht, du musst bleiben." Hotch war zu ihnen getreten. Er wechselte einen dankbaren Blick mit seiner Schwägerin und legte ihr seinen Arm um die Schultern. Wartend lauerten sie auf Susannes Antwort.
„Okay, überredet. Ich bleibe!"
